Kleine Moon

Du warst ganz Auge,
Auge, das lief
und zukam auf jeden
in deinem Weg, mit Fingern
aus Blumen aus Papierservietten
hast du den Tisch abgewischt, Tisch
mit dem Namen roter Fisch.
Da stand so ein Baum,
und davor du als
die Lösung,
Lösung ohne Gleichung,
ohne Aufgabe, ohne Problem.
Wir alle berühren einander
oder wir sterben, wir
begreifen und beben,
und du warst in der Mitte,
Mitte von allem, das erst beginnt.

Für Xiaolu Guo

Mauersegler

MauerseglerMauersegler

Mauerseglerhitze,
nur ist es ja November,
an den Ufern der Salzach
ein so warmer November,
wie ihn niemand erinnert.
Wind, warm, November.
Die Vorstädte im Föhn
und Berghänge gelb,
grün und goldenbraun
im milden Pulsen der Luft.
Schöner Sommer November.
Aufflattern Vögel überm Fluss.
Und am Ufer sitzen Frauen,
die aus hellen Tüten
das Licht essen.
MauerseglerMauerseglerMauerseglerMauersegler

Vom Zähmen der Erde

Erzähl es den Bienen. Australisches Journal 20

Wie es sein mag, im Mallee zu leben, kann ich mir nicht vorstellen. Die Menschen aus dem Mallee reden nicht viel, aber wenn, reden sie auf die eine oder andere Weise stets vom Wasser.
Der Murray Da wodah. Noch seltsamer, noch prononcierter als oben an der Küste von Queensland klingt es in den beiden einzigen Städten im Mallee, in Snow Hill und Mildura sowie in den weit verstreuten kleineren Ortschaften wie dem zu einiger Bekanntheit gelangten Ouyen, dem heißesten Ort auf der Erde.
Von Wasserpolitik reden die Leute, von Wasserknappheit, Wasserarmut, Wassersuche, Wasserfund. Von Wasserstreit und Wasserregulierung. Wasserbesitz, Wasserneid. Von Wasserträumen. Wasserwichtigkeit. Wassergeschichte.
Gwen Cooke aus Ouyen sagt, sie erinnere sich an Trockenperioden, in denen sei das Getreide vor der Hitze in den Boden zurückgewichen. In Tränen habe sie ausbrechen wollen, sosehr habe sie sich gewünscht, es möge regnen. Aber sie habe nicht weinen können, ihr seien keine Tränen gekommen. Karte vom Murray – Unser Fluss, unsere Zukunft
Zweihundert Jahre Wetteraufzeichnungen im Mallee verzeichnen elf dürrefreie Sommer.
In Ouyen hat es Februartage gegeben mit über 52 Grad Hitze.
Das Mallee ist etwa so groß wie Bayern, es erstreckt sich vom äußersten Nordwesten Victorias bis hinein nach South Australia und New South Wales, wo es übergeht in die ähnlich heiße Region Sunraysia. Es ist ein flaches Land voller Gestrüpp und niedriger Eukalyptussträucher. Seit über hundert Jahren setzen die Farmer des Mallee dem Boden mit Düngemitteln zu, die die einzige Wasserader, den Murray River, zu einer vergifteten Abflussrinne haben verkommen lassen.
Zwischen Balranald und Mildura Vom „clearing and burning and taming the earth“ singt Norm Napper in seinem „Song of the Seasons“.
Dass für die Mallee-Farmer der Klimawandel und seine Folgen sowie hundertjährige Eingriffe in die Umwelt und deren schrittweise Zerstörung eine Frage von Glauben oder Nichtglauben sind, darauf weist die Soziologin und Journalistin Deb Anderson hin, die über mehrere Jahre hinweg Landwirte in den Steppen entlang des Murray besuchte und für eine „Oral History of the Mallee Farmers“ interviewte.
Mallee-Ernte 2006 Was sie durchstehen würden, sei „Gottes Art, uns kundzutun, dass der Farmer nun mal so zu überleben habe“, sagen Farmerfrauen wie Gwen Cooke. Deb Anderson sieht darin den Versuch der Mallee-Bewohner, ihre Identität zu bewahren, indem sie sich abschotten. Was eine wachsende Öffentlichkeit als Folgen von Umweltzerstörung und Klimawandel betrachte, werde im Mallee vielerorts als von Gott gegeben und schicksalhaft angesehen.
Die Natur als Verhängnis. Dürren, Wasserarmut und Buschbrände seien Attacken, Prüfungen, Plagen, Teufelswerk. Man müsse die Unbill zurückschlagen und eindämmen, der gottverfluchten Dürre dennoch eine Ernte abtrotzen, und sei sie noch so gering.
„Es war kein Feuer, was mein Haus zerstört hat, meinen Hof, den Garten und das ganze Land. Es war ein Ungeheuer.“

Der Friedhof von Ouyen
Erzähl das den Bienen. Nicht aufgeben.
Gib nicht auf! Erzähl es ihnen.

Fotos: Der Murray (1), Karte vom Fluss Murray: „Our river, our future“ (2), Mallee zwischen Balranald und Mildura (3), Mallee-Ernte 2006 (4), Friedhof von Ouyen (5)

Die wahrscheinlich letzte Chance zu innigerem Miteinander

Selbstinterview

In den Spiegel hineingefragt, und sei es auch der Spiegel der Sprache, rechne ich nach und stelle fest, dass du inzwischen seit über fünfzehn Monaten einer von fünf Autoren des Weather Stations-Projekts bist. Hat sich dein Blick auf die Welt dadurch verändert, selbst eine Wetterstation zu sein?

Grauer Tag Jeden Morgen gilt mein erster Blick aus dem Fenster dem Wetter, dem Himmel, den Wolken und Bäumen – Bäume: die uns den Wind lesen lassen. Vor anderthalb Jahren hätten mich Meldungen von einem Tornado in Mecklenburg-Vorpommern zwar gewundert, ich hätte sie aber nicht auf meine Tätigkeit bezogen und mir Dinge notiert, die der Bürgermeister von Bützow sagt – Dinge übrigens, wie ich sie auf ganz ähnliche Weise auch in australischen Regionen gehört habe, die schon seit Jahrzehnten mit Wetterextremen leben.

Dem Weather Stations-Projekt geht es um Sensibilisierung. Für dich doch eigentlich ein alter Hut.

Hafen Hamburg Der Klimawandel passt ja sehr gut in unsere Welt von heute. Keiner kümmert sich um etwas, das nicht verstanden oder nicht verbraucht werden kann. Nur das zählt, was von Nutzen ist – und zwar bitte für mich. In meiner Jugend während der Kohl-Ära opponierten wir noch müde aber glücklich, etwas zum dagegen-Aufbegehren zu haben, gegen die Wegwerfgesellschaft, ahnten dabei allerdings nicht, dass wir auf unsere moralisch einwandfreie Weise fleißig mitmachten beim Aufbau der Wegwerfwelt, in der wir heute leben. Natürlich ist es dem Schreibenden um Sensibilisierung zu tun. Er darf sich aber vor keine Kutsche spannen lassen, sogar vor diese nicht. Er muss sein eigenes Pferd bleiben, zur Not ein Grubenpferd, am besten aber Pferd und Reiter in einem. Der Klimawandel ist insofern für mich ein sprachliches Problem, denn es geht mir um das Überprüfen von Möglichkeiten seiner literarischen Darstell- und Vermittelbarkeit. Das Weather Stations-Projekt hat mich an sprachliche Felder herangeführt, auf die ich mich sonst nie begeben hätte. Ich saß an der Chowder Bay in Sidney mit zwei Meeresforscherinnen zusammen und ließ mir von ihnen erklären, wie es ist, durch einen Kelpalgenwald zu tauchen.

Können Schriftsteller dazu beitragen, dass die komplexen und mannigfachen Anforderungen, die der so genannte Klimawandel und seine Folgen der Welt von heute abverlangt, transparenter werden – würdest du zustimmen, dass es darum geht?

Im Laufe des Projekts habe ich für mich festgestellt – und war sehr überrascht –, wie sehr doch auch hier alles vom Einzelnen abhängt. Ich würde sogar behaupten, dass der Klimawandel kein Problem der Menschheit ist, sondern jeden Einzelnen für sich betrifft. Ob in Dublin, London, Melbourne, Potsdam oder Sidney, ich konnte es überall in den Gesichtern der Meeres-, Wolken- und Klimaforscher, mit denen wir uns unterhielten, beobachten: wie verblüfft viele von ihnen darüber waren, Leuten gegenüberzusitzen, für die Sprache tatsächlich von Grund auf etwas anderes bedeutet.

Für einen Schriftsteller, zumal einen Dichter, ist es schwer, allein abstrakt und in grundsätzlichen Begriffen über Sprache und Schreiben zu sprechen. Das Weather Stations-Projekt als Engführung?

Man darf den fruchtbaren Zweifel nicht aufgeben, nur weil das Problem absolut dringlich scheint. Absurd, die Forderung, Verwerfungen und Zweifel, die poetische Gemüter seit Jahrhunderten zu vermitteln versuchen, ausklammern zu sollen, sobald es um vermeintlich eindeutige, angeblich nur wissenschaftlich dingfest zu machende Konflikte geht.

In mehreren Podiumsdiskussionen sagtest du, die Klimawandeldebatte drehe sich in deinen Augen um einen Konflikt, der allerdings als solcher nicht erkannt oder aber verschwiegen werde.

Gunditjmara-Mantel Der Konflikt ist ein tiefgreifender, und er ist kaum in Worte zu fassen. Ich betrachte die durch die Klimaveränderungen gezeitigten Folgen als Äußerungen einer Welt, die ihre menschlichen Bewohner in deren Schranken zurückzuweisen versucht. Es ist ein aus den Fugen geratener Dialog, ein uralter Konflikt, der nun eskaliert. Der Mensch gegen die Natur – und natürlich auch umgekehrt. Die Angst vieler Leute davor, sich mit dem Thema überhaupt zu beschäftigen, dürfte hier wurzeln. Allerdings ist für mich auch in dieser Auseinandersetzung zunächst nur das Sprachliche von Bedeutung.

Weil du ein Schreibender bist, kein Rechner, kein Redner. Könntest du eine Annäherung an deine Ansätze formulieren?

Ich versuche, jede Theorie zu vermeiden. John Keats sagte, jedes philosophische Axiom müsse am Puls überprüft werden. Und Günter Eich meinte, zu schreiben, das bedeute, die Welt als Sprache zu sehen. Sie zu vermitteln, die Dramatik des Klimawandels – ich sage lieber: der Klimazerstörung –, ist, meine ich, auch ein Problem der Genauigkeit. Die Wissenschaft nimmt für sich in Anspruch, mit einer möglichsten genauen Sprache zu operieren. Für mich als Dichter ist Sprache dagegen weit mehr als bloß ein Datenvehikel oder Bedeutungs-Tool. Sie ist sinnliches, also spürbares, geschichtliches, also erzählendes Medium. Sie selbst ist die Vermittlerin. Und ist stets auch ein manipulierbares Ungeheuer! Ich kann das Wort „total“ nicht hören oder lesen, ohne an die verbrecherische Demagogie eines Goebbels zu denken. Sprache ist für mich so wenig Instrument wie Magie. Sie ist in meinen Augen das lebensnotwendige Bindegewebe, dasjenige, was mich mit allem und allen anderen, unsere Welt von heute mit der vergangenen Welt der Toten und der zukünftigen der ungeborenen Enkel verbindet. Sprache ist die einzige Parallelwelt, deren Existenz ich nicht bestreite. Die wundervolle Alltagspoesie so vieler Texte meines Melbourner Weather Stations-Kollegen Tony Birch sprechen immer wieder genau davon: Was hat mein Leben, was hat das Leben der Leute von heute zu tun mit den Erzählungen der Menschen von früher, die noch das Land zu lesen verstanden und nicht aus lauter Angst und Unsicherheit alles zubetonieren und zu Klump hauen mussten?

Welche Erfahrung war die wichtigste für dich in diesen Monaten als Wetterstation?

Buschbrand in Victoria Am schönsten war es immer dann, wenn die Leute zu erzählen anfingen. Das Wetter früher und das Wetter heute. Das Wetter, wie mein Großvater es geschildert hat, das Wetter, als ich noch ein Mädchen war. Ein Schüler in Tallaght bei Dublin erzählte mir, wie er das Haus seiner Großeltern habe wegschwimmen sehen, als im Sommer 2014 die schweren Unwettter Irland heimsuchten. Es war ergreifend, im Süden von Melbourne das Yarra-Tal zu besuchen und mit den Leuten über die Buschbrände zu sprechen, die dort ganze Landstriche verwüstet haben. Die Liebe der Leute zu ihrem Leben und ihren Geschichten wurde oft sehr lebendig in diesen Monaten. Auch das haben wir, meine ich, einer Sprache zu verdanken, die auf Unschärfe setzt statt auf Genauigkeit. Ich glaube deshalb, dass der Klimawandel eine Chance bedeutet, die wahrscheinlich letzte Chance zu innigerem Miteinander.

Fotos: Blick aus dem Fenster: der 32.467 graue Tag (1), Hafen Hamburg, im Frühling 2015 (2), Mantel der Gunditjmara-Aborigines (3), Buschbrand in Victoria (4)

Ein Nachmittag auf dem Mars

Erzähl es den Bienen. Australisches Journal 19

Am 8. Februar 1983 wirbelten heiße Sturmböen aus Nordwesten die nach mehreren äußerst trockenen Jahren und über lange Hochsommerhitzemonate hinweg ausgedörrte rote Erde der zentralaustralischen Mallee- und Wimmera-Region auf. Die Winde trugen Staub und Sand in bis dahin nie in der Luft beobachteter Menge im Innern einer dreihundert Meter, stellenweise über einen Kilometer hohen Wolkenwalze in südöstlicher Richtung hinein nach Victoria.
Staubsturm Melbourne 8.2.83 In Melbourne war es an dem Sommermorgen, einem Dienstag, nicht sonderlich warm, sondern beinahe frisch gewesen. Als die heißen Nordwestböen jedoch auf die Stadt trafen, stieg die Temperatur dort binnen weniger Stunden auf im Februar nie gemessene 43,2 Grad.
Kurz vor halb drei am Nachmittag verdunkelte die rotbraune Wolke den Himmel und wurde vom Wind auf die Stadt zugetrieben. Sie erreichte Melbourne eine knappe halbe Stunde später. Und wie der Wind ist und immer war, unberechenbar, so wechselte die Windrichtung. Kühlere und heiße Sturmböen prallten nun unmittelbar über der Millionenstadt am Yarra-Fluss aufeinander, die Temperatur fiel in der folgenden Stunde um zwanzig Grad, und die Sichtweite lag unter hundert Metern, als der Staubsturm schließlich durch die Straßen fegte.
Staubsturm Riad 10.3.09 Bäume wurden entwurzelt, Dächer abgedeckt. Kinderwagen, Mülltonnen, Plakattafeln und Markisen segelten durch die Luft. Der Melbourner Verkehr kam zum Erliegen, tausende Menschen harrten in ihren Autos aus oder suchten in Hauseingängen Schutz vor den alles erstickenden roten Böen. Menschen, die das Szenario erlebten, beschreiben es als unirdisch, als einen Nachmittag auf dem Mars.
Gegen vier flaute der Wind ab. Geschätzte fünfzigtausend Tonnen roter Sand aus dem Mallee trieben nach Südosten weiter, rund tausend davon waren auf Melbourne niedergegangen und sollten Stadt und Umland zehn Jahre lang beschäftigen und zehn Millionen Dollar kosten.
Wie sich eine Woche später herausstellte, war der Staubsturm nur ein Vorbote. Die gleiche Wetterlage führte am 16. Februar 1983 zu den Aschermittwochbuschbränden, den schwersten seit 1939. Im Umland von Adelaide und Melbourne starben hundertdreiundvierzig Menschen in den Flammen, zigtausende Tiere wurden getötet und unzählige Häuser zerstört.
Wenige Monate später wurde ich achtzehn. Von dem Mallee-Sandsturm über Melbourne und den Aschermittwochbuschbränden erfuhr ich nichts. Da niemand mir davon erzählte, fürchte ich, waren sie mir gleichgültig. Wenn ich nachrechne, dann war ich seinerzeit unglücklich verliebt in eine Klassenkameradin, für die ich Luft war, bis ich mir ein Herz nahm und mir den Korb abholte, vor dem ich so lange Angst gehabt hatte. Seit über dreißig Jahren hebe ich diese Zeit in meiner Erinnerung auf, eine ebenso lange Zeit, wie es brauchte, bis ich nach Melbourne kam und zum ersten Mal von der Mallee-Region, dem Staubsturm und den Aschermittwochbuschbränden erfuhr.
Staubsturm Mars 7.7.07 Der Klimawandel, so scheint mir, ist eine viel ältere weltweite Entwicklung, als in den meisten Betrachtungen beschrieben. In den vergangenen Jahrzehnten müssen sich in immer rasanterer Folge Wetter-, Flut-, Erdrutsch-, aber auch andere, vielleicht namenlose Katastrophen ereignet haben, die erst im Nachhinein in einen bestimmten Zusammenhang rücken. Latente, schleichende Prozesse traten hinzu, waren Folge, zeigten eine Entwicklung an, wurden zumeist abgetan oder kaum beachtet. An eine Vorstellung von globalem Bewusstsein zu Beginn der 1980er-Jahre kann ich mich nicht erinnern. Die Kohl-Ära begann. Alles drehte sich um Restauration. Australien war noch fast ebenso weit entfernt wie der Mars.

Fotos: Staubsturm in Melbourne, 8. Februar 1983 (1), Staubsturm in Riad, 10. März 2009 (2), Staubsturm auf dem Mars, 7. Juli 2007 (3)

Das Gespräch in Gang halten

Interview am Goethe-Institut London, 18. März 2015

Goethe-Institut: Was muss Ihrer Meinung nach geschehen, um noch mehr Menschen für das Thema Klimawandel zu sensibilisieren?

Mirko Bonné: Mein Eindruck ist, dass die Leute Bescheid wissen. Das Thema der Erderwärmung und des Klimawandels ist in aller Munde. Aber es gibt eine um sich greifende Ohnmacht, eine Hilflosigkeit und Ratlosigkeit. Ich bin mir gar nicht sicher, ob man noch mehr dazu beitragen muss. Und das ist das Vertrackte an dem komplexen Problem – keiner weiß im Grunde, was er eigentlich machen soll.

Goethe-Institut: Sie waren für das Weather Stations-Projekt in Dublin, Melbourne und London. Gab es Unterschiede bei den Publikumsreaktionen?

London. GI. 17.3.15 Mirko Bonné: Einiges, was ich in Melbourne erlebt habe, finde ich in London wieder. Etwas sehr Lebendiges, Junges im Umgang mit unserer Wegwerfgesellschaft. Das merkt man hier sehr deutlich. Bei uns in Hamburg ist dieser bewusstere Umgang mit den Ressourcen und den Materialien noch nicht so stark ausgeprägt. Wenn man genau hinguckt, sieht man überall, dass wir vorsichtiger sein und nicht alles bedenkenlos wegwerfen sollten. Als Autor, speziell als Dichter, muss ich mich dazu erst einmal positionieren. Ich bin ja kein Soziologe und kein Umweltpolitiker. Mir geht es um Sprache. Und insofern weiß ich nicht, was ich dem Thema Klimawandel hinzufügen kann, außer dass ich auf sprachliche Verwerfungen aufmerksam mache. Gestern Abend während der Podiumsdiskussion im Goethe-Institut wurde wieder offensichtlich, welche Abgründe dieses Thema birgt. Die Frage von Jay Griffiths nach dem Ausstellungssponsor Shell und die Reaktion des Ausstellungsmachers Chris Rapley – sehr faszinierend, was da plötzlich für eine Energie auf dem Podium war. Da wurden Dinge beim Namen genannt! Aber das Thema ist grundsätzlich schwierig, weil es kein Gut und Böse mehr gibt, kein Schwarz und Weiß. Und trotzdem müssen wir alle uns dazu verhalten.

Goethe-Institut: War das denn in allen Ländern so oder gibt es Unterschiede bei der Sicht auf den Klimawandel?

Mirko Bonné: In Australien ist es sicherlich ein viel brisanteres Thema. Dort sind die Klimaveränderungen bereits deutlich spürbar, in ganz verschiedenen Regionen. Und dazu kommt eine Regierung, die das Ganze zum Unsinn erklärt und einfach ganze Wälder abholzen lässt. Wenn das so weitergeht, kann man sich vorstellen, wie das Australien in 50 Jahren aussehen wird. Ein verbrannter Kontinent.

Goethe-Institut: Denken Sie, dass sich die Diskussion um den Klimawandel nur in bestimmten Schichten der Gesellschaft bewegt?

Mirko Bonné: Wir reden hier von wahrscheinlich nicht mehr als fünf oder zehn Prozent der gebildeten Schichten. Den Rest der Bevölkerung interessiert es nicht, was mit dem Klima passiert. Und das kann meiner Ansicht nach auch gar nicht anders sein, da die Leute ganz andere Probleme haben! Das wird sich wahrscheinlich ändern, sobald gravierendere Folgen eintreten. Wollen wir es nicht hoffen, aber es scheint unabwendbar, dass schwere Unwetter kommen und viel heftigere Überflutungen und andere Naturkatastrophen eintreten werden.

Goethe-Institut: Wie ist ihr Eindruck aus literarischer Sicht? Wie war es, die anderen Autoren des Weather Stations-Projektes zu treffen und mit ihnen einen internationalen Austausch über das Thema Klimawandel zu führen?

Die Wetterstationen Mirko Bonné: Jeder von uns fünf Autoren arbeitet ganz unterschiedlich. Da gibt es im Grunde keine Gemeinsamkeiten – vielleicht den empathischen Blick auf die jeweiligen Probleme in Irland oder Polen oder auch auf fremde Kulturen und Sprachen. So sind wir alle ähnlich fasziniert gewesen von den australischen Aborigines, die wir kennenlernen konnten oder auch von den Museen, die wir in Melbourne besucht haben, von Landschaften, die uns gezeigt wurden. Aber was wir daraus entstehen wird, ist natürlich ganz unterschiedlich. Der irische Autor Oisín McGann zum Beispiel blickt mit den Augen eines Science Fiction-Lesers auf die Dinge. Ich finde das faszinierend, habe aber ganz andere Ansätze. Wenn ich mit ihm über Gedichte spreche, spüren wir beide die große Bandbreite unterschiedlicher Literaturen. Tony Birch aus Melbourne schreibt zwar selten Gedichte, hat aber wie ich ein eher poetisches Verständnis von der Welt. Auch deswegen, weil er einen indigenous background hat und sich stark mit überlieferten Perspektiven beschäftigt. Das ist mir sehr nah. Man muss die Unterschiede gelten lassen, auch in diesem Projekt entsteht erst dann das Schöne.

Goethe-Institut: Ist Literatur als Kunstform geeignet, um Themen wie dem Klimawandel zu vermitteln?

Mirko Bonné: Nein. Literatur, wie ich sie verstehe, darf sich nicht instrumentalisieren lassen. Ich würde dennoch sagen, es täte jedem Autor, der etwas auf sich hält und die Vielfältigkeit der Welt liebt, gut, sich mit der Problematik zu beschäftigen. Das heißt aber nicht mit der wissenschaftlichen Problematik! Aber sich zum Beispiel mit Schülern zu unterhalten über ihre Ängste oder über ihren Blick auf Natur. Ich würde nicht sagen, dass Literatur, oder überhaupt Künste, dafür besonders geeignet sind. Das Gespräch ist es. Und das Gespräch müssen wir unbedingt im Gang halten. Dazu, wohl nur dazu, ist Literatur verpflichtet.

Foto (1): Jay Griffiths, rechts, und Mirko Bonné während der Podiumsdiskussion mit Chris Rapley am Goethe-Institut London, 17. März 2015 (Fotograf: Magnus Pölcher) (2): Die fünf Wetterstationen (v. l. n. r.) Xiaolu Guo (London), Jas Kapela (Warschau), Oisin McGann (Dublin), Mirko Bonné (Hamburg) und Tony Birch (Melbourne). Interview: Martina Puchberger und Jill Franzmann

Die Angegriffenen

Erzähl es den Bienen. Australisches Journal 18

Beinahe menschenleer ist der Strand von Port Douglas, und er wirkt endlos, als ich einen Nachmittag lang am Pazifik entlanggehe und die Gedanken zur Ruhe kommen lasse. Die schwüle Hitze der vergangenen Tage ist vorüber, der Himmel wolkenverhangen, ein kühlender Wind weht vom Meer.
Große Wogen branden herein.
Ita, Salomonen Die Schäden, die Wirbelsturm Ita vor drei Wochen an der Nordküste von Queensland angerichtet hat, sind überall noch gegenwärtig. Mit Windgeschwindigkeiten von hundertsiebzig bis zweihundertdreißig Stundenkilometern raste der Zyklon übers offene Meer auf Cooktown zu und dann südwärts über das Hinterland von Port Douglas und Cairns. Zahlreiche Riffe vor der Küste wurden von der gewaltigen Brandung zertrümmert, neunzig Prozent der Zuckerrohrernte auf den meist von italienischstämmigen Familien bewirtschafteten Feldern und Plantagen zwischen Mossman und Daintree vom Sturm und den mit Ita einhergehenden Überschwemmungen vernichtet.
Noch tief im Landesinnern stand das Salzwasser bis zu sechs Meter hoch. Der Daintree River stieg über Ufer und Brücken, die Mangroven versanken, und Tage lang, heißt es, krochen Krokodile und Wasserschlangen durch Gärten und über Parkplätze und Schulhöfe.
Die Leute, mit denen ich am Strand über Ita Ita, Australien und die immer häufiger auftretenden Wirbelstürme spreche, wirken gelassen. Sie sind besorgt, alarmiert sind sie nicht. Der nächste Zyklon werde mit Sicherheit kommen, Stürme habe es in Queensland ja immer gegeben. Schön sei es hier, aber eben auch gefährlich. Und nass. Zweihundert Regentage im Jahr sind keine Seltenheit. Das Wasser, „da wodah“, die eigene Haltung und Stellung gegenüber dem Wasser ist von entscheidender Bedeutung.
Die Gespräche, die besorgten Mienen, das Abwinken, das Sich-einen-Ruck-Geben, um die Aufgabe als Herausforderung zu betrachten, kenne ich aus Passau, aus den Unterhaltungen mit den Passauern über das letztjährige Hochwasser von Donau, Inn und Ilz, das höchste in viereinhalb Jahrhunderten gemessene.
Daintree-Regenwald „Wir müssen uns schützen“, sagt eine Spaziergängerin am Strand. „Wir wissen ja in etwa, wann der nächste angreifen wird.“
„Angreifen?“, frage ich. „Wer greift denn da an?“
„Natürlich ist es ein Angriff! Was soll es sonst sein? Wir wollen hier in Frieden leben.“
Gib nicht auf …
Nachtwindböen. Sie kommen über die Dünen und dreschen auf die Palmen ein.
Im Dunkeln denke ich nach über die Wagenburgmentalität so vieler Menschen, mit denen ich über Klimaveränderungen gesprochen habe. Auf jeden Windstreich draußen in der Dunkelheit antworten währenddessen unsichtbare Vögel mit laut klagendem, zugleich freudigem Geschrei. Überall, immer unvermittelt, wie bunte Blitze, stürzen sie am Tag an mir vorbei.
Gib nicht auf … erzähl es den Bienen.

Fotos: Verwüstungen durch den Zyklon „Ita“ auf den Salomonen-Inseln (1), Schäden durch „Ita“ im australischen Queensland (2), der Daintree-Regenwald (3)

Zeiger auf der Uhr meines Lebens

Mit Yeats und Heaney in Tallaght, Islington und Reinickendorf

Mount Seskin, StudentsEs waren mehr als warmherzige Begegnungen. Innerhalb von drei Wochen sprach ich im Februar und März an drei Schulen mit Jugendlichen über zwei Gedichte, die in meinen Augen Bedeutsames über das Verhältnis des Einzelnen zum jeweiligen Klima, in dem sie oder er lebt, und so auch zu den Folgen des Klimawandels zu sagen haben. Es sind die Gedichte „The Meditation of the Old Fisherman“ von William Butler Yeats, das 1889 im Band „Crossways“ erschien, sowie das hundert Jahre später entstandene „A Postcard from Iceland“ von Seamus Heaney. Yeats erhielt den Literaturnobelpreis 1923, Heaney 1995. Rund fünfzig Schülerinnen und Schüler erzählten mir, welche Gedanken und Empfindungen die Gedichte der beiden Iren in ihnen auslösen, und ich hörte ihnen zu und war nicht selten bewegt und verblüfft. Die Schulen, an denen ich die Gedichte vorstellte, sind das Mount Seskin Community College in Tallaght bei Dublin, die Islington Arts and Media School in London und das Romain Rolland-Gymnasium in Berlin.

The Meditation of the Old Fisherman

You waves, though you dance by my feet like children at play,
Though you glow and you glance, though you purr and you dart;
In the Junes that were warmer than these are, the waves were more gay,
When I was a boy with never a crack in my heart.

The herring are not in the tides as they were of old;
My sorrow! for many a creak gave the creel in the cart
That carried the take to Sligo town to be sold,
When I was a boy with never a crack in my heart.

And ah, you proud maiden, you are not so fair when his oar
Is heard on the water, as they were, the proud and apart,
Who paced in the eve by the nets on the pebbly shore,
When I was a boy with never a crack in my heart.

Mount Seskin Jeweils drei Schüler in Tallaght, Islngton und Reinickendorf lasen die Strophen von Yeats laut in der Runde vor. Besonders angetan waren alle Klassen von dem wiederkehrenden Abschlussvers, der einigen wie an den Strand brandende Wogen erschien. Andere waren bezaubert vom Auf-und-Ab, dem „Dünen“ oder „Pulsieren“ des Versfußes, wieder andere erstaunt, wie der alte Fischer am Ende seines Lebens über die Welt und die vielfältigen Dinge denkt: dass alles sich ändert im Lauf der Zeit, Sehnsucht und Liebe aber stets unverändert bleiben. Lange sprachen wir über Verbindungen des menschlichen Gemütes zum Wetter und Klima. Was überhaupt ist Klima, was Wetter, wo liegen die Unterschiede, wie wären sie zu benennen? Besonders Jungen fragten, was gemeint sein könne mit dem „crack in my heart“ – ob es Yeats wirklich, wie es den Anschein hat, allein um Liebe und deren Vergänglichkeit geht. Ich erinnere mich an einen stumm dabeisitzenden Schüler in dem Kunstraum des Mount Seskin Colleges, der den Kopf schüttelte und das Gedicht doch wieder und wieder las, still und für sich. Erst am Ende des Unterrichts nahm er seinen Mut zusammen und erzählte von den Überschwemmungen des Jahres 2014, durch die nach schweren Unwettern und wochenlangen Niederschlägen zahlreiche Vororte von Dublin verheert wurden. „Plötzlich kam da ein Fluss, wo vorher gar keiner war, die Hügel runter und riss die Häuser weg, auch das meiner Großeltern.“
Von einem ähnlich sonderbaren, wenn auch ganz anderen Fluss spricht Seamus Heaney zum Auftakt seines 1987 erschienenen Gedichtbandes „The Haw Lantern“ („Die Hagebuttenlaterne“), dessen Motto lautet: RoRo

The riverbed, dried-up, half-full of leaves.
Us, listening to a river in the trees.

Heaneys Gedicht „A Postcard from Iceland“ begeisterte die Schüler in Tallaght, London und Berlin gleichermaßen. Auf der Stelle wurden Vergleiche zu Yeats’ Strophen gezogen, und vielen fiel sofort auf, dass auch hier lebendige Stimmen von einer verlorengegangenen Verbindung sprechen, wenngleich in anderem, ironischerem Ton:

As I dipped to test the stream some yards away
From a hot spring, I could hear nothing
But the whole mud-slick muttering and boiling.

And then my guide behind me saying,
”Lukewarm. And I think you’d want to know
That luk was an old Icelandic word for hand.“

And you would want to know (but you know already)
How usual that waft and pressure felt
When the inner palm of water found my palm.

IAMS Am längsten diskutiert wurde meine Frage, ob man das von Heaney poetisch dargestellte Empfinden einer unmittelbaren Verbindung zur Erde wohl auch dann habe, wenn die Hand in künstlich erwärmtes Wasser getaucht würde. Unabhängig voneinander verneinten das alle. Seamus Heaneys Gedicht, da waren wir uns einig, erzählt von zwei Gesprächen, einer kurzen Unterhaltung eines Reiseleiters mit einem Islandreisenden, genauso aber von dem Gespräch, das die Natur, die Erde oder die Schöpfung mit jedem führt, der offen und empfindsam dafür ist. „Letztendlich kennen wir diese Sprache des lauwarmen Wassers alle“, sagte ein Schüler in Islington und ebenso eine Schülerin in Berlin. „Schließlich erinnert sich jeder daran, wie es im Mutterleib war – nur kann man das nicht mitteilen.“ Das Klima, in dem ein jeder von uns lebt, gibt uns vielleicht ein ähnliches Gefühl von unbewusster Geborgenheit: „(but you know already)“.
IAMS, Entry Welche Sprache vermag das zu verdeutlichen, und welche die Gefahren, die der Klimawandel in sich birgt? An den Schulen am Rand von drei europäischen Hauptstädten war von Ratlosigkeit nichts zu spüren, dagegen aber viel junger Elan und Neugier, lebendiges Interesse für fremde Standpunkte und eine große Empathie, vor allem aber die Bereitschaft, endlich etwas zu ändern, und zwar nach eigenen, nicht althergebrachten Vorstellungen. Eine fünfzehnjährige Schülerin an der IAMS, der Arts and Media School im Londoner Vorort Islington-Finsbury, fand aus dem Stegreif ein fantastisches Bild für die Überwindung der sich gegenseitig desavouierenden Klimawandeldebatten von Wissenschaft und Literatur: „Die Sprache der Gedichte ist der Minutenzeiger, die der Wissenschaft der Stundenzeiger auf der Uhr meines Lebens.“

William Butler Yeats

Die Gedanken des alten Fischers

Ihr Wellen, ob ihr hertanzt vor mir wie tobende Kinder,
Ob ihr glitzert und glänzt, schnurrend Luft holt oder Schwung –
Der Juni war früher viel wärmer, und die Wellen geschwinder,
Als ich ein Junge war und in meinem Herzen kein Sprung.

Die Heringe sind lang nicht so viele, wie sie’s mal waren;
Mein Kummer! Denn der Korb knarrte bei jeder Lieferung,
So oft hat der Karren den Fang nach Sligo gefahren,
Als ich ein Junge war und in meinem Herzen kein Sprung.

Und ah! stolzes Mädchen, du bist nicht so hübsch, wenn an Land
Sein Ruder man hört, hübsch wie sie, die ungebunden und jung
Abends bei den Netzen vorbeigingen zum steinigen Strand,
Als ich ein Junge war und in meinem Herzen kein Sprung.

(Aus dem Englischen von Mirko Bonné)

Seamus Heaney

Eine Postkarte aus Island

Als ich kurz ins Wasser griff, nur ein paar Meter
Von einer heißen Quelle, konnte ich gar nichts hören
Außer dem ganzen schlammigen Geblubber.

Und dann den Führer hinter mir, der sagte:
„Lauwarm. Und es wird sie interessieren,
Daß lau auf altisländisch ,Hand’ bedeutete.“

Und dich wird interessieren (doch du weißt es schon),
Wie alltäglich dieser gehauchte Druck sich anfühlte,
Als die innere Hand des Wassers meine fand.

(Aus dem Englischen von Giovanni Bandini und Ditte König)

*

Fotos: Schüler des Mount Seskin Community College (1), Oisin McGann vor der Mount Seskin-„Substation“ (2), das Romain Rolland-Gymnasium (3), Schüler der IAMS (4), der Eingang zur IAMS in Islington. Nicht weit entfernt, in Finsbury, ging John Keats zur Schule. Am Eingang die vier Leitbegriffe: „Confidence Aspiration Reflection Respect“ (5)

Warum der Kasuar im Verborgenen bleibt

Erzähl es den Bienen. Australisches Journal 17

Den ganzen Tag lang sagt die Reiseleiterin, es sei wichtig, die Augen offen zu halten, denn der Kasuar habe die Angewohnheit, wie aus dem Nichts materialisiert vor einem zu stehen.
Helmkasuar Aber ich sehe keinen Kasuar, ich sehe nur Straßenschilder, auf denen der Kasuar abgebildet ist, ich sehe Kasuardarstellungen auf Kasuarbeschreibungstafeln, es gibt Kasuarpuppen und Kasuarschnitzereien in Souvenirläden längs des Captain Cook Highway, wo im Regenwald in der Umgebung von Daintree Helmkasuare leben sollen.
Wieviele, weiß man nicht. Der Kasuar ist ein sehr scheues Tier. Und ein so gefährliches wie gefährdetes.
Gibt es dich überhaupt noch, Kasuar?
Kasuarschild Der Kasuar, erzählt die Reiseleiterin, ist das einzige Tier, das die hochgiftige, avocadogroße und bläulich schimmernde Kasuarfrucht frisst. Der Kasuar verdaut sie, scheidet sie aus und pflanzt auf diese Weise neue Kasuarfruchtbäume.
Der Kasuar ist ein Gärtner, und sein Garten ist der Regenwald.
Im Grunde, sagt die Reiseleiterin, sollte der Regenwald Kasuarwald heißen.
Im Grunde, denke ich, sollte die Reiseleiterin Kasuarleiterin heißen.
Ein wenig ähnelt sie ja einem Kasuarweibchen, mit ihren strengen, wie zupackenden Blicken, ihrem bunten Haarputz, ihren, wie der Ire neben mir sagt, lauten Farben.
Der Kasuar frisst Steine, sagt die Reiseleiterin. Die Steine dienen dazu, den Kasuarmageninhalt zu zerkleinern. Es kommt vor, sagt sie, dass ein Arbeiter in einem Zuckerrohrfeld plötzlich einem Kasuar gegenübersteht, der größer ist als er selbst. Wenn sich der Arbeiter in seinen Pick-up retten kann, wird er den Kasuar vielleicht dabei beobachten können, wie er triumphierend einen Stein schluckt.
Kasuarangriff Der Kasuar ist ein sehr scheuer und nachtaktiver Laufvogel, weiß die Reiseleiterin, aber Zerstörungen des Regenwalds durch Abholzung und Wirbelstürme zwingen den Kasuar nun einmal dazu, vermehrt auch durch die Zuckerrohr- und Maisfelder zu streifen.
Halten Sie die Augen offen.
Der Kasuar ist bewaffnet!
Er hat je eine dolchartige Krallenzehe an seinen zwei Füßen, sagt die Reiseleiterin. Der Kasuar ist von unbändiger Kraft. Er ist daher ein Tier, mit dem nicht zu spaßen ist.
Kasuarauto He, Helmkasuar. Komm raus!
Die Reiseleiterin lacht.
Der Kasuar duldet kein dunkles Auto in seinem Revier, sagt sie. Im Lack eines dunklen Autos spiegelt sich der Kasuar und erkennt einen Widersacher in dem Spiegelbild.
Der Toyota Landcruiser der Reiseleiterin ist ein helles Auto.
Sie hat dunkle Autos gesehen, sagt die Reiseleiterin, die waren von Kasuartritten so zerbeult und zugerichtet, dass man im Grunde den Begriff Kasuarauto verwenden muss.

Fotos: Helmkasuar (1), Kasuarschild (2), Kasuarangriff (3), Kasuarauto (4)

Äthiopischer Bericht

You have to be someone.
Bob Marley

Ein Abend im Deutschen Schauspielhaus an der Hamburger Kirchenallee! Es ist ein grauer und windig-kalter Winterabend im Bahnhofsviertel der Hansestadt. St. Georg bereitet sich auf die allsonntagabendliche Tatort-Enttäuschung vor, da hält vor dem Theater ein großer weißer Bus, der vermeintlich Gymnasiasten oder Senioren transportiert, doch völlig leer ist. Der Bus sieht aus, als wäre er aus Schnee, die letzte Schneewehe dieses Winters, die sich niedergelassen hat ausgerechnet hier vor mir, zwischen Ohnsorg-Theater und Schauspielhaus.
Klima von Rimini (2) Gegeben wird dort an diesem Abend kein Stück, sondern eine Performance, und es treten keine Schauspieler auf, sondern Wissenschaftler, Unternehmer, Politiker und NGO-Abgesandte spielen sich selbst. Inszeniert wird eine fiktive „Welt-Klimakonferenz“, die, wenige Wochen, nachdem der jüngste Gipfel in Lima stattfand, in Hamburg tagt. Zwölf Tage lang dauert so eine Konferenz gewöhnlich. Im Schauspielhaus dauert die Imitation der Tagungen, der Gespräche und Abstimmungen rund drei Stunden.
Mir aber wird jede Möglichkeit, mich selbst zu spielen, schon am Eingang genommen. Klima von Rimini (4) Ich habe einen Delegierten zu spielen – aus welchem Land, entscheidet der Zufall, in meinem Fall Afrika. Ich bin für drei Stunden Äthiopier und vertrete die Klimainteressen der Demokratischen Bundesrepublik am Horn von Afrika zwischen Eritrea, dem Sudan, Kenia, Somalia und Dschibuti.
Ein einziger riesiger Budenzauber der Polit-Event-Action-Theater-Combo „Rimini Protokoll“, wie sich nach wenigen Minuten herausstellt. Die Ränge sind voll besetzt und 195 Länder vertreten auf der Konferenz, die sich um Emissionsreduzierung, nachhaltige Wiederaufforstung, Fischfangquoten und weitere verbindliche Klimaziele kümmern will. Da sitzt mehr als ein halbes tausend junger Leute im Saal und verzieht keine Miene. Denn auf dem Podium wird nicht gespielt, sondern abgespult – was in Kyoto, Kopenhagen oder Lima zwar ebenso gewesen sein mag. Doch bin ich ja nicht Klimadelegierter, so wenig wie Äthiopier.
Im Marmorsaal geht es anderthalb Stunden später um den Wald. Ein paar Pflanzenkübel und ein Kunststoffhügel mit Modellbaubäumen wollen das verdeutlichen. Klima von Rimini (5) Äthiopien ist ein nicht waldarmes, aber auch nicht sonderlich waldreiches Land. Auf dem Tisch liegt ein vorbereiteter Zettel, den meine Delegation vorzutragen hat: „Warum hat unser Land an dieser Tagung zum Thema Wald teilzunehmen, wenn es doch viel dringendere Probleme in Äthiopien gibt?“
Klima von Rimini (3) „Rastafari!“ Ich kann immer nur an Bob Marley denken. „Exodus! Movement of Jah-People …“
Auf der dunklen Hinterbühne sind unter einem Firmament aus Scheinwerfern drei dutzend Liegen aufgebaut. Bald liege auf einer auch ich und höre über Kopfhörer einem Ghanaer zu, der auf einem Teleskop-Kran in der Mitte der Liegengalaxie steht und mir anhand der Menge der eingeschalteten Deckenleuchten die Größe Afrikas im Vergleich zur Größe Europas erläutert.
Klima von Rimini (6) So haste ich drei Stunden lang von einem Raum zum nächsten in einem Plattitüdentheater, das mir mehr und mehr vorkommt wie ein zeit- und ortloser Eitelkeitenmarkt, auf dem noch die schlimmsten menschlichen Ängste und Sorgen ins Belustigende verdreht werden. Um nach Kräften mitzuwirken an der Simulation der Konferenz, steige ich schließlich mit meiner ostafrikanisch-jamaikanischen Delegation Berhane Selassie aka Bob Marley in den Schneebus, um dort von einem Nachhaltigkeitsfabrikanten über dessen ethisch einwandfreie und florierende Holzkohlefirma ins Bild gesetzt zu werden. Als er vorschlägt, statt Umwelt- oder Klimaschutz lieber von „Menschenschutz“ zu sprechen, denke ich bei mir: Ja, besser, du schwirrst jetzt ab nach Haus.
Also fuhr ich mit der U 1 heim nach Addis Abeba.

Fotos: Rimini Protokoll, Welt-Klimakonferenz, Deutsches Schauspielhaus Hamburg, 22. Februar 2015 (1–5), Berhane Selassie (1945 – 1981), wie sich Bob Marley kurz vor seinem Tod umbenannte (6)