Die globale Erwärmung der Herzen

 

 

 

Personen:

Leonardo DiCaprio – Schauspieler und Aktivist, ein wenig göttlich

Andrzej – Polnischlehrer, ein wenig vertrottelt

Bożena – Biologielehrerin, ein wenig kratzbürstig

Ein verrückter Plastiktütenmann – Jurodivyj, nietzscheanischer letzter Mensch

 

SZENE 1

Andrzej und  Bożena sehen im Fernsehen den Auftritt von Leonardo DiCaprio beim Klimagipfel [youtube http://www.youtube.com/watch?v=vTyLSr_VCcg&w=560&h=315]

Andrzej: Glaubst du ihm?

Bożena: In Titanic gefiel er mir besser.

Andrzej: Ohne Bart sah er besser aus.

Bożena: Ich hoffe, er ist nicht einer von diesen…na wie heißen sie denn…Veganiner?

Andrzej: Veganer.

Bożena: Veganier? Ist egal… von diesen, die kein Fleisch, sogar keinen Käse essen.

Andrzej: Käse? Das ist doch eine der besten Erfindungen der Menschheit. Unzivilisiert, einfach unzivilisiert.

Bożena: Also ich hoffe, dass DiCaprio mit denen nichts zu tun hat, obwohl das mit dem Bart da weiß ich selber nicht. Ich habe Angst um ihn, weißt du? Er war so hübsch, so attraktiv.

Andrzej: Veganer sollen nicht mal Honig essen.

Bożena: Nicht mal Honig? Warum essen sie keinen Honig?

Andrzej: Sie meinen, dass man den Bienen die Produkte ihrer schweren Arbeit nicht stehlen soll.

Bożena: Na, das ist ja wirklich absonderlich.

Andrzej: Meinst du auch? Die Bienen merken es ja nicht mal. Außerdem kriegen sie stattdessen Zuckerwasser. Kein Grund zur Klage.

Bożena: Jeder hat das Recht zu klagen. Wenn nur die klagen dürften, die es am schwersten haben… Niemand dürfte klagen außer Frauen, die zehn Kilometer durch die Wüste zum Wasserbrunnen gehen und von bewaffneten Kämpfern auf dem Hin- und Rückweg vergewaltigt werden. So heftig vergewaltigt, dass das Wasser verschüttet wird und sie zurück gehen müssen, um neues zu holen.

Andrzej: Musst du denn immer so drastisch sein?

Bożena: Nicht ich bin es, die Zeiten sind es. Ich vergewaltige niemanden.

Andrzej: Nein. Du erzählst nur davon, als ob du wirklich nicht wüsstest, wie der Abend angenehmer zu verbringen wäre.

Andrzej und Bożena erstarren mit Blicken zum Bildschirm.

Über  die Bühne geht der Plastiktütenmann, offensichtlich sucht er etwas. Etwas ist verloren gegangen.

 

SZENE 2

Die Bühne betritt Leonardo DiCaprio.

Leo: Siemka. Cześć. Dzieńdoberek. Entschuldigung, aber Polnisch ist keine mir so vertraute Sprache. Begrüße ich irgendwie falsch?

Andrzej: Meine Schüler sagen „Bääm“.

Bożena: Sie sagen auch „LOL“. Auf deren Autorität würde ich mich nicht berufen.

Andrzej: Ich berufe mich nicht. Ich sage einfach, dass die Sprache fließend ist und von ihren Nutzern gestaltet wird. Zudem wollte ich dem Herrn behilflich sein.

Bożena: Ich wollte dies, ich wollte jenes. Immer hast du etwas zu deiner Entschuldigung anzubringen. Und zur Entschuldigung deiner Kids. Wenn ich zu dir „LOL“ sagen würde, würdest du es mir einen Monat lang vorhalten.

Andrzej: Ich lache dich nie aus.

Bożena: Ständig.

Leo: Entschuldigung, habe ich Sie vielleicht gestört?

Bożena: Ach wo. Wir diskutieren einfach nur.

Andrzej: Bożena, lass es. Der Herr kam sicherlich hierher, weil er etwas Bestimmtes will, lass ihn sprechen.

Bożena: Genau. Sagen Sie uns erst einmal, was Sie bei uns zu Hause machen?

Leo: Das ist nicht euer Zuhause. Das ist unser aller Zuhause. Der Planet Erde.

Andrzej: Technisch gesehen haben Sie recht, es ergibt sich aber gerade, dass Sie sich in einem Fünfundvierzigquadratmeterausschnitt von ihm befinden, den wir gern unsere Wohnung nennen und für den wir eine staatliche Kreditrate zahlen. Bei der Zahlung würde ich jedes mal weinen, hätte ich keinen automatischen Dauerauftrag eingerichtet. Ich befolge das Ziel, mit der täglichen Plackerei dafür zu bezahlen, dass auf diesen paar Quadratmetern Fußboden, auf denen ich lebe, niemand ungebeten erscheint. Unterdessen stören Sie evident meine Raumzeit mit Ihrem hier plötzlichen Erscheinen. Wenn ich die Frage von Bożena auf diese Weise präzisieren darf.

Leo: Selbstverständlich. Das hatte ich erwartet. Wahrhaftig. Die bürgerliche Gewöhnung an Privateigentum ist so erbärmlich in Zeiten, in denen der halbe Planet sich in den Händen von einigen wenigen schwerreichen Leuten befindet. Diese Wohnung gehört euch übrigens auch nicht. Sondern der Bank. Die euch jederzeit zwangsräumen kann, wenn ihr auch nur für einen Moment aufhört, gute Bürger zu sein. Aber wie ihr wollt. Ich heiße Leonardo DiCaprio. Wohin auch immer ich gehe, werde ich erkannt. Menschen rufen meinen Namen, grüßen. Aber es gibt Leute, deren Leben für die Mehrheit von uns, Bewohner der ersten Welt, nichts bedeutet. Sie hungern und sterben, damit wir mit dem Auto eine Spritztour ins Riesengebirge machen können und die Batterie im Smartphone immer voll ist. Ich bin zu Ihnen in ihrem Namen, in unserer gemeinsamen Sache gekommen.

Bożena: Hat Ihnen wirklich niemand gesagt, dass Sie ohne Bart besser aussehen?

Leo: Ach, keine Übertreibung jetzt. Nennt mich Leo. Schließlich werden wir in den nächsten Tagen einige Zeit miteinander verbringen.

Andrzej: Aber wir … aber wir haben kein Gästezimmer.

Leo: Ich bin darüber selbstverständlich informiert worden, deshalb habe ich eine Isomatte und einen Schlafsack mitgenommen. Ich werde auf dem Boden in der Küche schlafen.

Bożena: Aber Herr Leonardo. Ich bin sicher, es werden sich für Sie in dieser Stadt Hotels finden lassen, die Sie mit Vergnügen gratis aufnehmen. Wenn Sie sich nur einmal in ihrer Lobby fotografieren lassen.

Leo: Leo, kein Herr. Ich heiße Leo.

Bożena: Leo. Wir haben viele ausgezeichnete Hotels. Gebaut für die Europameisterschaften.

Leo: Bożena, du bist dir vielleicht nicht darüber im Klaren, wie viel Emission von CO2 die Touristikbranche zu verantworten hat. Jedes gemietete Hotelzimmer schlägt sich auf die Gesundheit unseres Planeten nieder. Ich will das nicht unterstützen. Der Küchenboden ist ausgezeichnet.

Andrzej: Wir gehen aber doch noch nicht schlafen?

Leo: Nein. Selbstverständlich nicht. Ich habe euch ja das Wichtigste noch nicht gesagt.

Bożena: Den Eindruck habe ich auch…

Leo: Ich fasse mich also kurz. Ihr wurdet unter Millionen ausgewählt. Die große Schicksalsmaschine, konstruiert von unseren besten Fachleuten, zeigte euch an als vollkommen durchschnittliche Personen, ein Muster der Durchschnittlichkeit. Ihr seid weder klug noch dumm, weder reich noch arm, weder dünn noch dick. Alles entspricht der Norm. Zudem lebt ihr in diesem Durchschnittsland, dessen Geschichte weder besonders interessant noch besonders tragisch war. Eine mittelmäßige Geschichte eines mittelmäßigen Landes irgendwo in der Mitte von allem. Weder zu sterben noch zu leben lohnt es sich hier. Aber man kann es. Wie ein Zombie durch die Tage ziehen und sich freuen, dass sie vergehen.

Andrzej: Du übertreibst. Es ist nicht so schlimm.

Bożena: Das stimmt. Kein Grund zur Klage.

Leo: Eben! Das ist das, was mich am meisten aufbringt. Diese Haltung sorgenloser Negation. Als ob wir nicht am Rande der Klimakatastrophe wären. Als ob wir nicht direkt in die Hölle düsen würden. Die globale Erwärmung ist ein Fakt, der die Zukunft des Lebens auf Erden für immer beeinflussen wird. Es hängt von uns ab, wie groß die Ausmaße der Katastrophe sein werden. Noch können wir das Schlimmste verhindern. Und ihr, habt ihr denn keine Gründe, euch zu beklagen? Konzerne töten euch, machen unfruchtbar, vergiften eure Kinder, machen von ihren Produkten abhängig. Millionen von Menschen auf der Erde werden ihre Häuser verlassen müssen infolge der Kriege um Ressourcen, der Dürren und des steigenden Wasserspiegels. Bald wird ein Teil von ihnen an eure Tür klopfen mit der Frage, was ihr unserem Planeten angetan habt. Aber nein. Beklagt euch nicht. Seid der Meinung, dass es gar nicht so schlimm ist. Wozu die Sorge. Es wird schon irgendwie.

Bożena: Leo, ich bitte dich, setz dich. Wir wollen uns in Ruhe unterhalten. Wir sind hier alle erwachsene, vernünftige Leute. Es ist nicht nötig, sich so aufzuregen.

Leo: Richtig. Verzeiht. Ich bitte euch sehr um Verzeihung. Manchmal habe ich einfach keine Kraft mehr, es ständig zu erklären.

Andrzej: Wenn ich das richtig verstanden habe, sind wir für irgendeine Sendung ausgewählt worden. Steht uns dafür ein Honorar zu?

Leo: Genügt euch die Aussicht auf Errettung des Planeten nicht?

Andrzej: Der Planet ist das eine. Wir sind es aber, die sich vor Fernsehzuschauern aus aller Welt zum Narren machen werden.

Leo: Einen Augenblick. Wer sprach von Fernsehzuschauern?

Andrzej: Ich kenne ja schon eure Sendungen. Denkst du, wir schauen hier kein MTV Cribs?

Leo: Ich bin nicht dienstlich hier. Ich komme im Namen mir ähnlicher Leute, denen die Zukunft des Planeten am Herzen liegt. Langsam gehen uns die Ideen aus, was zu tun ist, damit wir in den nächsten einhundert Jahren den Planeten nicht gänzlich vor die Wand fahren. Jedes Jahr wissen wir mehr darüber, wie wir den Planeten vernichten und jedes Jahr kommt es schlimmer. Wir können die Maschinerie des Konsums und der Zerstörung nicht aufhalten.

Bożena: Mich macht es manchmal auch traurig, aber ich weiß nicht so recht, wie wir hier helfen können.

Leo: Eure Beteiligung ist wesentlich!

Andrzej: We want you. Lächerlich.

Leo (zu Andrzej): Sehr witzig. (zu beiden) Wenn es gelingen würde, solche absolut durchschnittlichen, standardmäßigen Leute wie euch von dem Kampf um Rettung des Planeten zu überzeugen, würde das bedeuten, dass jeder zu überzeugen ist. Der Planet Erde wäre gerettet.

Andrzej: OK. Du hast uns überzeugt. Und nun? Zahlt ihr per Überweisung oder bar?

Leo: (zu Andrzej) Glaube ich nicht. (an beide) Wir müssen zusammen einen Plan erarbeiten, wie Menschen wie ihr zu überzeugen sind, sich aktiv an der Verringerung des Konsums und an der Dekarbonisierung zu beteiligen, und mit einem negativem Wirtschaftswachstum zu leben lernen.

Andrzej: Ein bisschen viel.

Leo: Weniger wird es nicht mehr geben.

Andrzej: Kann man das nicht irgendwie aufteilen? Unter mehreren Personen? Ich zum Beispiel werde den Konsum einschränken, Bożena wir etwas zur Dekarbonisierung beitragen. Sie fährt sowieso mit dem Fahrrad zur Arbeit. Bożena?

Bożena: Dekarbo was?

Leo: Beseitigung der Kohle aus der Energiewirtschaft.

Bożena: Die Bergmänner werden sich sicher freuen.

Andrzej: Und vor Freude vor dem Parlament Reifen verbrennen sowie derbe Lieder singen.

Bożena: Ich frage mich immer, wie sie Zeit finden, zu den Demos hierher zu kommen. Müssen sie nicht arbeiten gehen?

Leo: Sie können nicht! Sie streiken doch!

Bożena: Sie streiken und es fehlen dann Leute zum Arbeiten.

Andrzej: Oder Möglichkeiten, zur Arbeit zu kommen.

Leo: (zu Andrzej) Echt, Alter, fährst du zur Arbeit am Sejm lang? Wirklich?

Andrzej: Treffer.

Leo: Es wäre schwieriger, würdest du nicht in Zitaten aus Radiosendungen für Börsenanwärter reden..

Bożena: Lass ihn, Leo. Ich erinnere dich daran, dass du hier zu Besuch bist. Du musst hier wirklich nicht so einen Fatzken geben.

Leo: Du hast schon wieder recht. Ich muss sagen, ich habe Zweifel gehabt. Aber jetzt sehe ich, dass sie euch zu Recht ausgewählt haben.

Andrzej: Ausgewählt? Wer genau hat uns ausgewählt? Und was sollen wir tun? Und wie sehr wird es weh tun?

Leo: Seid ihr einverstanden?

Bożena: Wir plaudern und plaudern, dabei möchte Leo vielleicht etwas trinken? Einen Tee? Für einen Kaffee ist es vielleicht schon zu spät. Wir haben auch ein Bier, glaube ich. Wenn Andrzej nicht alles weggesoffen hat.

Andrzej: Hab ich nicht weggesoffen. Ist da.

Bożena: Dann ein Bierchen vielleicht?

Leo: Nein, danke. Leitungswasser genügt.

Bożena geht in die Küche, kommt aber sogleich wieder.

Bożena: Leitungswasser? Wir haben kein Leitungswasser. Nur Mineralwasser. Ist das OK?

Leo: Klar habt ihr Leitungswasser. Ihr habt doch hier fließendes Wasser? Oder geht ihr zum Wasserbrunnen?

Andrzej: Klar haben wir Leitungswasser. Wir sind keine Wilden.

Bożena: Dieses Wasser ist glaube ich nicht trinkbar.

Leo: Ihr putzt damit doch Gemüse, das ihr später esst. Ihr trinkt es als Tee.

Bożena: Aber nachdem wir es gekocht haben. Ich kann es für dich kochen und abkühlen lassen, nur dauert es eine Weile.

Leo: Danke. Nicht nötig. Ich nehme einfach Wasser aus der Leitung. Ohne Kochen. Aus dem Wasserhahn, den ihr in der Küche habt, einfach so.

Bożena: Gut. Aber ich sage es dir gleich, dass ich für die Qualität nicht garantiere. Wir sind nicht in Hollywood und hier kommt aus dem Wasserhahn kein Dom Perignion.

Andrzej:  Dom Perignion ist kein Wasser.

Bożena: Weiß ich.

Leo: Ich auch.

Andrzej: Super. Lauter Feinschmecker.

Bożena geht zum zweiten Mal in die Küche, Andrzej schaltet das Radio ein, es wir das Lied von Tomek Saciłowski „W lipcu będzie maj“ (Im Juli wird es Mai geben) gespielt. Die Herren sitzen im Wohnzimmer und schweigen.

 

SZENE 3

Leo: Was würdet ihr also tun, um die Leute zu überzeugen, dass die globale Erwärmung ein gewichtiges Problem ist, das sie heute schon ernsthaft angehen sollen.

Bożena: Na, weiß ich nicht.

Andrzej: Warte, warte. Nicht so schnell. Bis jetzt haben wir uns nicht damit einverstanden erklärt, dass wir an diesem Zirkus überhaupt teilnehmen.

Leo: Das ist kein Zirkus, hier entscheidet sich die Zukunft unseres Planeten und des Lebens auf der Erde.

Andrzej: Nenn es wie du willst. Für dich ist es die Zukunft des Planeten, für mich ein gewöhnlicher Zirkus. Was meinst du, wie oft besuchen uns in unserer Wohnung Hollywoodstars?

Leo: Ich kann nur raten, tue es aber lieber nicht. Weil ich wieder unfreundlich werden müsste.

Bożena: Ich sag es dir also. Entschieden zu selten, um dir all das aufs Wort glauben zu können. Hast du irgendwelche Unterlagen, eine Bescheinigung, dass das ein offizieller Besuch ist? Übrigens würden Bescheinigungen nichts nützen. Die Abendnachrichten sind schon gelaufen. Die Behörden haben längst zu und du erwartest, dass wir das hier ernst nehmen?

Andrzej: Nur, weil du Leonardo DiCaprio heißt…

Bożena: Ich befürchte, dass wir uns nicht einmal dessen sicher sein können. Du siehst ihm zwar ähnlich, aber schließlich kennen wir dich nur vom Fernsehen und wir wissen alle, wie es ums Fernsehen steht.

Andrzej: Das Fernsehen lügt.

Leo: Ich bin kein Fernseh-, sondern ein Filmschauspieler.

Bożena: Ist das alles, was du zu deiner Erklärung zu sagen hast?

Andrzej: Da finden schon meine Grundschüler bessere Ausreden.

Leo: Das ist keine Ausrede. Das ist eine lockere Bemerkung, in keinem engen Zusammenhang mit dem Thema. Ich bin nicht als Schauspieler zu euch gekommen, sondern als ein wegen des Weltzustandes tief beunruhigter Mensch.

Andrzej: Da sage ich dir etwas zu den um die Welt besorgten Menschen. Sie sind überall! Sie machen den ganzen Tag nichts anderes als in der Stadt herumzulaufen und sich Sorgen zu machen –  sie sorgen sich um ALLES. Sie sorgen sich um die Luft, sie sorgen sich um das Wasser, sie sorgen sich um den Boden. Sie sorgen sich um GVO, Pestizide, Nahrungszusätze, Krebsauslöser. Sie sorgen sich um Quecksilber in den Impfungen, sorgen sich um Gluten. Sie sorgen sich um aussterbende Tiergattungen. Zu den gefährdeten Gattungen sage dir auch etwas, OK? Die Rettung gefährdeter Gattungen ist nur ein weiterer arroganter Versuch des Menschen, die Natur zu kontrollieren!

Bożena:  Andrzej!

Andrzej: Das ist eine arrogante Intervention, genau das hat uns Probleme beschert. Versteht das denn niemand?

(Leo und Bożena verstehen es nicht)

Eine Einmischung in die Natur! Über neunzig Prozent, erheblich mehr als neunzig Prozent aller Gattungen, die jemals auf diesem Planeten gelebt haben, sind ausgestorben! Tot! Wir haben nicht alle getötet. Sie sind einfach verschwunden. So ist die Natur. Zur Zeit verschwinden sie mit der Geschwindigkeit von fünfundzwanzig Gattungen täglich.

Leo: Zweihundert…

Andrzej: Unterbrich mich nicht! Zweihundert Gattungen sterben täglich aus. Was macht das für einen Unterschied. Ich unterstreiche, dass sie unabhängig von unserem Verhalten sterben.

Leo: Unterstreiche nur, es verleiht dem dennoch kein Recht.

Andrzej: Unabhängig davon, wie wir uns auf diesem Planeten verhalten, werden zweihundert von heute lebenden Gattungen den morgigen Tag nicht erblicken. Lassen wir sie in Würde gehen! Lassen wir die Natur in Ruhe! Haben wir nicht schon genug getan? Jeder will jetzt etwas retten. „Retten wir Bäume, retten wir Bienen, retten wir Wale und Schnecken!“ Und die größte Arroganz von allen – „Retten wir den Planeten!“ WAS? Willst du uns veräppeln? Den Planeten retten? Wir wissen nicht einmal, wie wir uns selbst versorgen sollen! Wir haben noch nicht gelernt, wie wir füreinander Sorge tragen sollen und wir wollen den Planeten retten? Mit dem Planeten ist nichts Schlimmes los. Dem Planeten geht es gut. Mit den Menschen ist es aus. Im Vergleich zu den Menschen geht es dem Planeten ausgezeichnet. Er existiert seit viereinhalb Milliarden Jahren. Und wir, wie lange? Seit einhunderttausend Jahren, vielleicht zweihunderttausend? Die industrielle Revolution fand vor zweihundert Jahren statt. Zweihundert contra viereinhalb Milliarden Jahre. Dann haben wir noch die Dreistigkeit zu glauben, wir stellen irgendeine Bedrohung dar? Diese schöne grünblaue Kugel, die ruhig um die Sonne kreist, hat schon viel Schwierigeres durchgemacht. Erderschütterungen, Vulkane, Bewegungen tektonischer Platten, Wanderungen der Kontinente, Sonnenexplosionen, Sonnenflecken, magnetische Gewitter, die Umkehrung magnetischer Pole. Hunderttausend Jahre Bombardements mit Kometen, Asteroiden, Meteoriten, globale Hochwasser und Brände, Flutwellen, Erosionen, kosmische Strahlung, periodische Eiszeiten, und wir glauben, dass irgendwelche Plastiktüten und Aludosen etwas verändern werden?

Der Planet wird noch lange lange nach uns existieren. Und er wird von selbst genesen und sich selbst bereinigen, weil die Natur so ist. Das ist ein System mit Selbstkorrektur. Die Luft und das Wasser werden genesen, die Erde wird sich erneuern. Selbst wenn es stimmt, dass Plastik nicht abbaubar ist, na und? Der Planet wird es halt in eine neue Formel aufnehmen: „Erde + Plastik“. Die Erde teilt unsere Vorbehalte gegenüber Plastik nicht. Das Plastik entstand aus der Erde und sie sieht es vermutlich als ihr nächstes Kind. Die Erde wollte Plastik haben. Sie wusste nicht, wie es zu erschaffen ist, also benutzte sie uns. Jetzt macht sie daraus Inseln, auf denen vielleicht eine andere, bessere, klügere Lebensform entstehen wird. Das Plastik ist schon da, die Aufgabe ist erfüllt, wir können uns zurückziehen.

Leo: Sag das den Leuten in Indien, die ihr ganzes Leben mit dem Sortieren unseres Mülls verbringen. Servus. Salute. Sortiert noch diesen Müll bis zum Schluss, dann könnt ihr verrecken.

Andrzej: Ehrlich gesagt sieht uns der Planet vermutlich als eine kleine Gefährdung. Als etwas, womit man fertig werden kann. Und ich bin sicher, dass der Planet sich mit den Mitteln eines großen Organismus erfolgreich verteidigen wird. Er wird wie ein Bienenschwarm oder eine Ameisenkolonie eine Verteidigung entwickeln.

Bożena: Was würdest du denn tun, wenn du ein Planet wärest, der sich vor einer schwierigen, ungezogenen Gattung zu verteidigen sucht? Was könnte das sein? Viren?

Andrzej: Viren sind clever. Sie mutieren und bilden neue Arten, immer wenn ein Impfstoff gegen sie erfunden wird. Gut bewähren könnte sich ein Virus des Immunsystems, übertragbar auf sexuellem Wege, welches das Engagement der Menschen in den Reproduktionsakt etwas schwächen würde.

Bożena: Ich habe gerade verstanden, warum ich als Partnerin eines so unverbesserlichen Romantikers immer noch keine Kinder habe.

Andrzej: Ich darf doch wohl träumen? Nicht wahr? Warum ich mir keine Sorgen um kleine Dinge mache, um Bäume, Bienen, Wale, Schnecken. Ich bin der Meinung, dass wir Teil eines größeren Sinns sind, den wir nicht begreifen.

Leo: Du hast gerade den jämmerlichsten Versuch einer Selbstrechtfertigung vorgetragen, den ich je gehört habe. Arroganz, Ignoranz, Egoismus, Scheinheiligkeit, Falschheit und eine gemeine Bequemlichkeit gewürzt mit Selbstherrlichkeit. Ich habe mich köstlich amüsiert. Ich hätte mich aber noch besser amüsiert, wenn das nicht so widerlich wäre. Wegen solcher selbstzufriedener Männchen bewegt sich dieser Planet direkt auf die Hölle zu. Wir können nichts machen, wir können nichts machen, heulen sie. Als hättet ihr mit dem, was ihr macht, die Welt nicht in den Ruin getrieben. Es würde genügen, mit der Zerstörung des Planeten aufzuhören. Das könnt ihr aber nicht, weil ihr euren Lebensstil verändern müsstet. Scheiß auf den Planeten, wichtig ist, dass wir noch eine Weile unseren destruktiven Lebensstil fortsetzen können, den wir so gern haben. Dass Gattungen aussterben, heißt nicht, dass wir zwangsläufig zu ihrem Tod beitragen. Die Tatsache, dass jemand sterben wird, gibt uns kein Recht, ihn zu töten. Vielleicht werden wir das Schicksal der Dinosaurier bald teilen. Und das auf eigenen Wunsch. Weil die Dinosaurier kein Bewusstsein hatten. Wir schon. Zumindest meinen wir es gern so. Aber du weißt es selbstverständlich besser. Es lohnt sich nicht, sich um das Schicksal der Würmer zu sorgen. Was aber, wenn das Schicksal der Würmer eine Schlüsselfunktion in unserem Ökosystem hat? Rotte Bienen aus und du wirst vielleicht nie wieder Blumen sehen.

Bożena: Na, hört schon auf zu streiten. Wir haben doch nicht oft so einen Star zu Gast, dass wir Zeit mit unnützen Streitigkeiten verlieren sollten. Erzähl uns, Leo, lieber, was es in der großen Welt gibt. Läuft es bei den Chinesen rund?

Leo: Anders als man so sagt, liegt den Chinesen immer mehr an der Klimapolitik. Nicht verwunderlich, übrigens. China hat die am meisten verschmutzten Städte der Welt. Städte, deren Bewohner nie die Sonne sehen. Sie leben im Land des ewigen Smog. Alles, was sie kennen, ist eine Landschaft, die ganz wie Mordor aussieht. Sie können nicht die Augen verschließen vor einem Problem, das sie direkt vor ihrer Nase haben. Schon letztes Jahr ist China zum größten Produzenten von Solarpanelen in der Welt geworden. Zudem hat es das Klimaabkommen unterzeichnet und wir können nicht länger das Problem abwälzen mit dem Gefasel, dass alles von den Chinesen abhängt und diese nichts tun. Sie tun etwas.

Bożena: Du bist ein sehr sachlicher junger Mensch. Sicherlich liest du viel, wenn du nicht in Filmen auftreten musst?

Leo: Ich bemühe mich. Danke, das ist sehr nett von dir, das zu sagen.

Andrzej: Wenn unsere Schüler so viel lesen würden. Nachdem wir das Problem der globalen Erwärmung gelöst haben werden, könnten wir uns nicht der Steigerung der Lesebereitschaft bei der polnischen Jugend zuwenden?

Leo: Ich weiß nicht. Ich müsste meine Vorgesetzten fragen.

Andrzej: Scherz. Nichts kann die Lesebereitschaft der polnischen Jugend steigern. Man müsste dafür vermutlich das Internet abschaffen.

Leo: Das lässt sich machen.

Andrzej: Ernsthaft?

Leo: Wir arbeiten dran. Die Rückkehr in die Steinzeit ist zweifelsohne einer der wenigen realen und nachhaltigen Wege, die Emissionen zu verringern.

Andrzej: Ernsthaft?

Leo: Neeein. Ich nehme dich auf den Arm. Du bist schrecklich naiv. Glaubst du, dass ich hier wäre, wenn es genügen würde, das Internet auszuschalten und die Sache wäre erledigt? Denkst du wirklich, dass ich in dieses schlammige Land gekommen wäre, wenn wir bessere Ideen hätten?

Andrzej: Du hast recht. Entschuldige. Es lässt sich nicht verbergen, dass ihr sehr verzweifelt sein müsst, wenn ihr in Polen gelandet seid.

Bożena: Ich erinnere dich Leo, dass du versprochen hast, nett zu sein und schon wieder hast du etwas gegen Andrzej, der dir nichts Schlimmes getan hat.

Leo: Wir alle tun etwas Schlimmes. Niemand ist unschuldig. Indem wir leben und konsumieren, unterstützen wir das Böse und das Leid.

Andrzej: War es jemals anders?

Bożena: Andrzej ist nicht schuldiger als alle anderen Erdbewohner, also ich bitte dich, geh mit den Emotionen runter und sage genau, worum es dir geht.

Leo: Gut, Entschuldigung. Also noch einmal von Anfang an. Mich hat eine Gruppe beunruhigter Bürger geschickt, denen die Zukunft des Planeten am Herzen liegt.

Andrzej: Sie haben dich wohl nicht so gern, wenn sie dich nach Polen geschickt haben.

Bożena: Andrzej!

Leo: Diese Gruppe organisiert seit Jahren Arbeitstreffen und Konferenzen, bei denen wir überlegen, was zu tun ist, damit die menschliche Gattung sich selbst nicht ausrottet.

Andrzej: Diese Treffen habt ihr sicherlich in Fünfsterne-Hotels, wo ihr mit Düsenfliegern hin fliegt.

Leo: Nein. Wir treffen uns im Internet.

Andrzej: Hast du sie nie live gesehen?

Leo: Manche habe ich gesehen.

Bożena: Vertraust du ihnen?

Leo: Mehr als der eigenen Mutter.

Bożena: Du hast immer noch keine Freundin, was?

Leo: Wieso?

Bożena: Nur so. Ich dachte darüber nach, wie sehr du deiner Mutter vertraust. Fahr fort.

Leo: Ich vertraue ihr sehr. Also als wir in dieser Gruppe gearbeitet haben – immer verzweifelter, dessen solltet ihr euch bewusst sein – sind wir zu dem Entschluss gekommen, dass für eine Errettung des Planeten die Überzeugung einfacher Leute wie ihr entscheidend ist, damit sie ihre Einstellung ändern.

Andrzej: Was haben wir denn für eine Einstellung?

Leo: Du hast es doch eben gesehen. Egoistisch, kurzsichtig, mit Achselzucken als Erklärung für alles, dass es schon so sei und es ergebe keinen Sinn, irgendetwas zu machen. Aber das ist nicht wahr. Man kann noch viel machen. Das Schicksal der Welt liegt in unseren Händen.

Andrzej: Vielleicht in deinen.

Leo: Jetzt in euren auch.

Bożena: Wir haben noch nicht zugestimmt.

Leo: Ihr werdet aber zustimmen. Das ist doch für euch die einzige Chance, irgendeinen Erfolg zu haben, eine Bekanntheit in den Medien zu erlangen, vielleicht sogar den Planeten zu retten. Warum solltet ihr nicht zustimmen? Wollt ihr weiter euer langweiliges Leben frustrierter Lehrer führen?

Bożena: Entschuldige, aber ich mag meine Arbeit.

Leo: Ja, klar. Und du würdest sie nicht hinschmeißen, wenn du eine Aussicht auf ein bequemes Leben von den Dividenden für die Errettung des Planeten hättest?

Andrzej: Endlich. Wir werden konkret. Also was zahlt ihr?

Leo: Wenn ihr es schafft? So viel, dass ihr euch nie mehr den Kopf um irgendetwas werdet zerbrechen müssen.

Andrzej: Es klingt wie ein unwiderstehliches Angebot.

Leo: Mit etwas anderem wäre ich nicht gekommen.

Bożena: Ist das überhaupt moralisch?

Andrzej: Was denn?

Bożena: Uns dafür zu bezahlen, was die Menschen ohnehin von selbst tun sollten, wenn sie Schönheit und Güte wirklich im Herzen hätten.

Andrzej: Wenn jemand für die Rettung des Planeten zahlen will, dann weiß ich nicht, warum ich dieses Geld nicht annehmen sollte.

Bożena: Und umsonst würdest du es nicht tun? Nur dafür, in die Geschichtsbücher zu kommen?

Andrzej: Ich weiß es nicht. Ich müsste darüber nachdenken. Werden uns die Schüler dann nicht auslachen? Wie Johannes Paul II.

Bożena: Andrzej! Entschuldige Leo, normalerweise ist er nicht so zynisch.

Andrzej: Normalerweise bin ich normal zynisch, aber das hier ist keine normale Situation.

Bożena: Dann sag noch, was wir zu tun hätten.

Leo: Das ist der schwierige Teil, weil es eigentlich niemand weiß. Ich weiß so viel, dass ihr unter allen Erdbewohnern ausgesucht worden seid als vollkommen durchschnittliche Personen und dass eure Tätigkeit der Schlüssel zur Errettung der Erde sein soll. Was ihr tun sollt, sagte mir aber niemand. Vielleicht weiß das einfach niemand. Und ihr werdet euch das einfallen lassen müssen. Passt es euch?

Andrzej: Und es wird übertragen wo?

Leo: Ich weiß nichts von einer Übertragung. Das ist keine Reality-Show. Aber wenn es euch gelingt, könnt ihr sicher sein, dass ihr in die Fernsehstudios der ganzen Welt eingeladen werdet.

Bożena: Ich wusste, dass ich mir mehr Mühe mit Englisch geben soll, denn es wird mir noch nützlich sein.

Andrzej: Nur mit der Ruhe. Zuerst müssen wir den Planeten retten und sie prophezeien uns keinen besonderen Erfolg dabei, also hast du vielleicht zurecht keine Zeit mit Erlernen der Imperialistensprache vergeudet.

Bożena: Beim Retten des Planeten könnte die Sprachkenntnis auch nützlich werden.

Leo: Wir organisieren Übersetzer, wenn es darauf ankommt.

Andrzej: Das hätte ich doch gern schriftlich.

Leo: Was? Die Übersetzung?

Andrzej: Es ging mir um einen Vertrag. Sollten wir nicht etwas unterschreiben?

Leo: Selbstverständlich. Gebt mir fünf Minuten.

Bożena: Dann setze du vielleicht einen Vertrag in der Küche auf und währenddessen werde ich mit Andrzej eine kleine Unterredung unter vier Augen haben, ja?

Leo: Klar. Überdenkt alles in Ruhe. Reichen fünf Minuten?

Bożena: Wir werden sehen. Wir rufen dich dann. Fühle dich wie bei dir zu Hause.

Leo geht in die Küche und übt dort Yoga. Den Vertrag setzt er im Kopfstand auf.

Bożena: Und was denkst du darüber?

Andrzej: Er sieht wie der echte Leonardo DiCaprio aus.

Bożena: Aber wir haben doch nie den echten Leonardo DiCaprio kennen gelernt. Vielleicht ist das einfach ein ausgezeichneter Doppelgänger?

Andrzej: Selbst wenn, wir haben nichts zu verlieren.

Bożena: Glaubst du wirklich an diese bescheuerte Idee? Wir werden es doch nicht schaffen, uns eine Vorgehensweise gegen Klimaänderungen einfallen zu lassen, nur sinnlos verlorene Mühe.

Andrzej: Woher willst du das wissen? Wenn sie ausgerechnet uns ausgesucht haben, dann werden sie dafür wohl wichtige Gründe gehabt haben. Wir haben vielleicht doch ein Potenzial. Ein Potenzial, etwas Größeres zu machen. Ich habe es schon immer gespürt, dass für mich das Leben eines Helden, eines verdammten Soldaten oder jemandes dieser Art vorbestimmt ist. Ich lasse es nicht zu, dass eine solche Gelegenheit an mir vorbei geht.

Bożena: Aber du glaubst doch nicht einmal, dass der Planet gerettet werden muss…

Andrzej: Weil der Planet ohne uns zurechtkommen wird. Aber ob die menschliche Gattung überleben oder aussterben wird, hängt doch ein wenig von uns ab. Obgleich ich mir insgesamt nicht sicher bin, ob wir ein Überleben verdienen.

Bożena: Du wirst dich aber aktiv dafür einsetzen, wenn sie dich gut bezahlen?

Andrzej: Warum nicht?

Bożena: Das ist etwas unlogisch.

Andrzej: Das Leben ist unlogisch. Zum Teil hasse ich die Menschheit, zum Teil gehöre ich dazu. So sehr wünsche ich mir den Tod auch wieder nicht. Und was denkst du?

Bożena: Weiß ich nicht. Alles sieht sehr verdächtig aus. Andererseits wäre ich aber bereit, viel zu tun nur für ein Sichzeigen in der Stadt mit Leonardo DiCaprio. Ich kann sogar versuchen, den Planeten zu retten. Wenn es ihm so wichtig ist.

Andrzej: Dann rufe ich ihn jetzt.

Bożena: Gut.

Leo kommt  zurück, er gibt dem Paar die Verträge.

Leo: Hier müsst ihr eure Daten einsetzen und hier unterschreiben. Und hier. Und noch hier.

Andrzej: Würde weniger Bürokratie die Welt nicht retten?

Leo: Manchmal denke ich das auch, aber andererseits: Wer wird euch schon glauben, dass Leonardo DiCaprio bei euch war und euch einen Berg an Geld für die Errettung des Planeten versprochen hat? Es ist schon besser, es schriftlich zu haben.

Andrzej: Ja, klar. Ich sags nur so. Weißt du, dass es in Polen über vierhunderttausend Beamte gibt?

Leo: Vielleicht immer noch zu wenig, wenn dieses Land so aussieht, wie es aussieht.

Andrzej: Beamte werden es nicht in Ordnung bringen.

Leo: Wer dann? Unternehmer? Politiker? Putin?

Andrzej: Das ist nicht witzig.

Leo: Gut. Es ist spät geworden. Ich würde mich gern hinlegen. Braucht ihr etwas aus der Küche? Wenn was ist, keine Scheu, kommt rein. Ich versuche mich so zu platzieren, dass ich nicht im Weg liege.

Bożena: Dann hole ich jetzt das Bier.

Bożena und Leonardo gehen in die Küche. Leo legt seine Isomatte und den Schlafsack aus. Bożena holt das Bier aus dem Kühlschrank. Sie trinken im Schweigen. Im Radio läuft „Nie pytaj o Polskę” (Frag nicht nach Polen) von Obywatel G.C.. Bożena und Andrzej fangen zu tanzen an. Langsam erlischt das Licht.

 

SZENE 4

Leo, Bożena und Andrzej sitzen bei der Lehrersitzung in der Schule, wohin sie den Schauspieler geschleppt haben mit der Behauptung, dort gibt es den besten Raum zum Denken.

Bożena: Habt ihr gesehen, wie alle gestarrt haben?

Andrzej: Es war schwer zu übersehen.

Leo: Man kann sich daran gewöhnen. Mit der Zeit hörst du auf, auf deinen Namen zu reagieren. Weil du denkst, sicher sind es schon wieder irgendwelche Fans und es lohnt sich nicht zu reagieren.

Bożena: Drehst du dich dann nicht um?

Leo: Ich versuche es nicht zu tun.

Bożena: Und wenn du zum Beispiel deine Brieftasche verlieren würdest?

Leo: Ich würde den Assistenten anrufen, damit er mir eine neue bringt.

Bożena: Und wenn du das Telefon verlieren würdest?

Leo: Man würde mich bestimmt in der nächst gelegenen Kneipe telefonieren lassen.

Bożena: Und wenn jemand sterben und Hilfe brauchen würde?

Leo: Derjenige würde schreien „Ich sterbe, Hilfe“ und nicht „Leonardo, ich liebe dich“.

Andrzej: Das klingt logisch, aber vielleicht packen wir die Arbeit an?

Leo: Richtig. Also überlegt, was ihr tun würdet, um die Menschen davon zu überzeugen, dass wenn wir nicht schnell und in großem Maße zu handeln beginnen, wir die globale Erwärmung nicht nur nicht aufhalten, sondern nicht einmal verlangsamen werden!

Andrzej: Vielleicht irgendeine gesellschaftliche Kampagne?

Leo: Ja. Eine gesellschaftliche Kampagne. Das habe ich auch versucht. Warum soll man keine gesellschaftliche Kampagne versuchen? Eben. Warum? Weil es nichts bringt! Versuchen kann man es aber immer. Warum nicht. Lass es uns versuchen. Es ist einen Versuch wert. Wie würde diese eure Kampagne aussehen?

Bożena: Vielleicht so ein Film. Im Bild ein Meer, Fahrt auf eine Eisscholle. Auf ihr sitzt ein Eisbär. Fahrt auf ihn und wir sehen, dass er weint, da sein Eishäuschen geschmolzen ist. Der Zuschauer identifiziert sich sogleich mit dem traurigen Bären.

Leo: Ausgezeichnet. Hat dir schon mal jemand gesagt, dass du in der Werbung arbeiten solltest? Leo Burnett würde für so eine Idee mindestens zwei Millionen nehmen.

Andrzej: Ich habe nicht einmal eine Kamera…

Leo: Keine Sorge. Meine Organisation kümmert sich um alles.

Eine Gruppe Statisten fährt auf die Bühne Filmequipment. Sobald sie abgehen, sehen wir, dass in der Mitte ein trauriger Bär aufgenommen wird, der das Lied „Ice Cave” Lebanon Hanover singt: [youtube http://www.youtube.com/watch?v=oVQSLEcIdVA&w=420&h=315]

Die Scholle schmilzt, der Bär ertrinkt.

Leo: Ich bin gerührt. Denkt ihr, dass das alle Menschen auf der Welt überzeugen wird, mit dem übermäßigen Stromverbrauch aufzuhören und überhaupt die Einstellung zu fast allem zu ändern?

Bożena: Nein.

Andrzej: Glaube ich nicht.

Leo: Und jetzt?

Andrzej: Ich weiß es nicht.

Bożena: Ich auch nicht.

Leo: Na, dann müsst ihr euch etwas einfallen lassen. Es müssen nicht sofort globale Handlungen sein. Man sollte vielleicht eher vor der eigenen Tür anfangen?

Andrzej: Vor unserer Tür hat man gerade im Rahmen der Aktion „Das Große Aufräumen der Welt“ Ordnung geschaffen. Obwohl es etwas schwierig war, die Kinder zu überzeugen, dass sie, bevor sie mit dem Wald loslegen, zuerst unseren Hof aufräumen sollten. Aber wir Lehrer haben gewisse Erziehungsmethoden.

Leo: Das mit der eigenen Tür war eher so eine Metapher. Es ging mir darum, dass es sich vielleicht lohnt, eine Veränderung an sich selbst und der eigenen Umgebung anzudenken, bevor wir damit anfangen, die ganze Welt zu überzeugen, dass sie sich verändern sollte.

Bożena: Genau so meine ich auch. Deshalb nehme ich immer das Ladegerät aus der Steckdose, wenn das Telefon gerade nicht geladen wird und ich habe ein Verlängerungskabel gekauft, mit dem ich alle Geräte auf einmal ausschalten kann, so dass sie nicht im Standbymodus bleiben. Standby verursacht auch – wie man weiß – Energieverbrauch. Ganz schön viel, aufs Jahr umgelegt.

Leo: Sehr gut. Darum geht es eben. Jetzt sollte man diesen Maßnahmen ein größeres Ausmaß verleihen. Andere Leute davon überzeugen, dass sie es genauso zu tun haben.

Andrzej: Aber warum sollten sie es tun? Um 5 Zloty zu sparen? Gnade. Du wirst mehr Energie bei diesem ganzen Ein- und Ausschalten, Reinstecken und Herausnehmen verlieren als Strom sparen.

Leo: Aber die menschliche Energie ist erneuerbar, die fossilen Brennstoffe nicht.

Andrzej: Vielleicht deine.

Leo: Was?

Andrzej: Wenn ich für etwas Energie aufwende, habe ich danach keine mehr.

Bożena: Deshalb sollte man sie sparen.

Andrzej: Deshalb sollte man wenig und unter würdigen Umständen arbeiten. Aber so ist es nun mal nicht. Um Gottes Willen. Ich bin Polnischlehrer. Ich verstehe etwas davon.

Leo: Wollen die Kinder kein Polnisch lernen?

Andrzej: Wozu sollten sie es denn gebrauchen? Eine aussterbende Sprache irgendeines wilden Landes…

Leo: Ihr Polen habt euch schon immer nicht zu schätzen gewusst. Und Małysz? Kopernikus? Curie-Skłodowska? Christoph Kolumbus?

Andrzej: Eigentlich sprach niemand von denen Polnisch. Kolumbus sprach Italienisch, Spanisch und Portugiesisch, Kopernikus Deutsch, Skłodowska Französisch, Małysz Gebirgspolnisch. Vielleicht haben wir deshalb Esperanto erfunden.

Leo: Was auch niemand spricht. Schade, es wäre leichter, wenn alle eine gemeinsame Sprache hätten, in der die Worte das bedeuten, was sie bedeuten sollen.

Bożena: Das ist sehr interessant, was ihr sagt, aber wir haben uns ja etwas einfallen zu lassen.

Andrzej: Ich denke immer noch, dass eine Werbekampagne eine gute Idee ist. Wenn man es geschafft hat, Leute in der ganzen Welt zu überzeugen, dass ein schwarzgefärbtes zuckerhaltiges Sprudelwasser so super ist, dann kann man sie von allem überzeugen.

Leo: Historisch gesehen hast du vielleicht recht, aber bedenke, dass es mit der Entwicklung des neoliberalen Kapitalismus zu einem solchen Überschuss an Impulsen gekommen ist, dass wir die meisten Informationen, die uns erreichen, einfach ignorieren.

Bożena: Leo, wie klug du bist. Das hätte ich nie gedacht.

Leo: Ich will es als Kompliment auffassen.

Andrzej: Ach herrje, schleime dich nicht so ein. Es kann schon sein, dass er ein berühmter Schauspieler ist, aber ich erinnere, dass er sich an uns um Hilfe gewandt hat.

Bożena: Weil wir perfekt durchschnittlich sind!

Andrzej: Das ist auch eine Leistung!

Bożena: Vielleicht bei deinen Ansprüchen!

Leo: Hört auf zu schreien als ob ihr in irgendeinem Theater auftreten würdet. Wir haben eine Sache zu bereden.

Andrzej: Da haben wir doch gerade jemanden gebraucht, der uns tadeln kann. Danke, Leo.

Leo: Ach, seid doch nicht so empfindlich. Ich bezahle euch, denkt daran.

Bożena: Das liefert dir noch keinen Grund, dich hier so breit zu machen.

Leo: Verzeiht, verzeiht. Können wir aber zum Thema zurückkommen?

Andrzej: Wir erstellen vielleicht eine riesengroße Bombe und werfen sie auf fast alle. Alle erwischst du sowieso nicht. Menschen sind wie Ratten. Sie überleben alles. Also kann man die Bombe ruhig auf alle werfen. Da einige wahrscheinlich doch irgendwo überleben werden.

Bożena: Ich erinnere, dass das aktuelle Nuklearwaffenarsenal ausreicht, um die Erde dreimal in die Luft zu sprengen, also weiß ich nicht so genau, wo sie denn überleben sollten.

Andrzej: Sicherlich schaffen sie es irgendwo. Ich kenne sie schon.

Leo: Hört auf, wir werden keine Bomben abwerfen.

Andrzej: Und warum nicht? Es ist sonnenklar, dass bei stets steigender Population sich die Emission von Kohlendioxid in die Atmosphäre nicht verringern lässt. Menschen, die geboren und immer reicher werden, wollen mehr verbrauchen als ihre Eltern und nicht weniger. Und wer sollte es ihnen verbieten?

Bożena: Aber eine Bombe?

Andrzej: Sie werden es nicht einmal spüren.

Leo: Hört auf!

Andrzej: Hör auf uns zurechtzuweisen. Sollen wir uns etwas einfallen lassen für die Rettung der Menschheit, oder nicht? Du möchtest doch nicht etwa, dass uns political correctness einschränkt?

Leo: Ihr seid dabei, eine Massenvernichtung der Menschheit zu planen. Das ist nicht nur nicht korrekt, das ist einfach verbrecherisch.

Andrzej: Na und?

Leo: Das geht so nicht. Wir sind hier, um die Menschheit zu retten und nicht zu vernichten.

Andrzej: Vielleicht verlangt das Überleben der Menschheit Opfer?

Leo: In Form einer Hekatombe von Zivilbevölkerung? Ich weiß, dass ihr Polen darin schon immer gut gewesen seid, aber ich bin nicht sicher, ob das gute Vorbilder sind, wert, nachgeahmt zu werden.

Andrzej: Jetzt wirst du uns auch noch beleidigen?

Bożena: Ausgerechnet das ist aber wahr.

Andrzej: Dank dieser Opfer haben wir wieder die Unabhängigkeit erlangt!

Leo: Eher dank der geopolitischen Veränderung.

Andrzej: Ich verstehe es immer noch nicht, was du gegen die Massenvernichtung der Menschheit hast.

Leo: Es muss einen besseren Weg geben.

Andrzej: Ja, eine Massensterilisation. Menschen sterben nicht, es werden einfach keine mehr geboren.

Bożena: Und wer wird sich um alle diese Greise kümmern?

Leo: Das ist ein wirkliches Problem.

Andrzej: Wäre es nicht besser für sie, wenn sie einfach sterben würden?

Aus Lautsprechern ist zu hören: Eheleute Waśniewski werden zum Direktor gebeten.

Bożena: Entschuldige uns bitte. Geh nicht weg. Wir sind gleich wieder da.

Waśniewskis gehen hinaus.

 

SZENE 5

Andrzej und Bożena kommen wieder.

Leo: Alles in Ordnung?

Andrzej: Der Direktor wollte wissen, ob du es wirklich bist.

Leo: Und was habt ihr ihm gesagt?

Bożena: Die Wahrheit.

Leo: Welche?

Andrzej: Dass du ein Doppelgänger von Leonardo DiCaprio bist, der in unserem Theaterstück über die globale Erwärmung, das wir für die Schulfeier vorbereiten, mitspielt.

Leo: Ich hoffe, dass das doch nicht die Wahrheit ist.

Andrzej: Macht es dir Sorgen, dass du nicht der echte Leonardo DiCaprio bist?

Leo: Vielmehr befürchte ich, dass ein Schultheaterstück die Welt nicht retten kann.

Andrzej: Wenn du aber schon hier bist, könntest du in einer kleinen Aufführung auftreten, oder?

Bożena: Und Die Totenfeier?

Leo: Was für eine Totenfeier?

Bożena: Ein Drama von Adam Mickiewicz. Nach einer Aufführung 1968 kam es in Polen zu Massenprotesten.

Andrzej: Diese Aufführung war aber nur ein Katalysator für das Gefühl der Unterdrückung, welches die ganze Gesellschaft unter der Haut hatte.

Bożena: Doch nicht die ganze Gesellschaft. Jerzy Urban empfand kein Gefühl der Unterdrückung.

Andrzej: Woher willst du das wissen?

Bożena: „Die Regierung wird sich schon selbst ernähren.“ Hello?

Leo: Vielleicht hat die Gesellschaft jetzt auch etwas unter der Haut und man sollte dem Raum geben, damit es heraus kann.

Andrzej: Ich kenne diese Gesellschaft ein wenig und ich sehe es irgendwie nicht.

Leo: Hast du schon eine Million Dollar gesehen?

Andrzej: Was?

Leo: Ob du jemals mit eigenen Augen eine Million Dollar gesehen hast?

Andrzej: Nein.

Leo: Aber du glaubst, dass es sie gibt?

Andrzej: Na klar.

Leo: Warum glaubst du dann nicht, dass die Gesellschaft unter der Haut ein Bedürfnis nach Protest hat? Warum kannst du dir eine Million Dollar vorstellen, aber eine Revolution überschreitet die Grenzen deiner Vorstellungskraft?

Andrzej: Du fragst das ernsthaft?

Leo: Ja!

Andrzej: Na, weißt du, Stalin, Lenin, Pol-Pot, Che Guevara. Ein paar Leute haben schon die Revolution versucht und du kennst die Folgen.

Leo: Und eine Million Dollar hat nie jemandem Schaden zugefügt? Wenn man ehrlich zusammenzählen würde, dann wurden mehr Leute des Geldes wegen als im Namen von Gleichheits- und Gerechtigkeitsidealen umgebracht. Und doch hat Geld immer noch bessere PR.

Andrzej: Das Geld trägt keine Schuld, es ist nur ein Symbol.

Leo: Richtig, aber es ist noch kein Grund, daran zu glauben.

Andrzej: Wer sagt, dass daran zu glauben ist? Es lohnt sich einfach, sie zu haben. Und es ist besser, wenn mehr davon da ist.

Leo: Den Planeten zu haben, lohnt sich auch. Und es ist besser, wenn er in einem guten Zustand ist. Weißt du, dass die Konzentration von Kohlendioxid in der Atmosphäre dieses Jahr 400 ppm überschritten hat? Wissenschaftler halten 350 ppm für ein gefahrloses Niveau. Vor der Industrialisierung waren es  280 ppm.

Bożena: Wie sollten wird denn die Konzentration von Kohlendioxid in der Atmosphäre verringern, wenn es schon da ist?

Leo: Ich hoffe, dass ihr mir das sagen werdet.

Bożena: Künstliche Photosynthese? Ich habe mal gelesen, dass Forscher aus Lublin eine Methode zur Wiedergewinnung von Methanol aus Wasser und Kohlendioxid mithilfe von Katalysatoren und ultravioletter Strahlung erarbeitet haben.

Leo: Vermutlich ist mehr Energie nötig, um das Kohlendioxid zu bestrahlen, als am Ende dabei herauskommt.

Andrzej: Warum bist du so pessimistisch? Glaubst du an keine Innovationen unserer polnischen Forscher?

Leo: Ihre Nationalität tut hier nichts zur Sache. Wissenschaftler arbeiten an der Photosynthese seit den Neunzehnhundertsiebzigern und irgendwie ist es noch niemandem gelungen, eine ökonomisch effektive Methode der Umwandlung von Kohlendioxid in einen Brennstoff zu erarbeiten.

Andrzej: Was nicht bedeutet, dass es ihnen nicht noch gelingen wird.

Bożena: Ich habe darüber vor ein paar Jahren gelesen, also vermutlich hat es noch nicht geklappt.

Andrzej: Wir können jederzeit anrufen und fragen.

Leo: Sie würden damit prahlen, wenn es denn klappen würde. Das wäre doch eine Revolution in der Energetik, die Traumtechnologie von morgen. Bill Gates würde ihnen die Füße ablecken, um seine  Pfoten drauf legen zu dürfen. Richard Bransons würde schon mit seinem Düsenflieger in Lublin landen. Ist er gelandet?

Andrzej: Wer?

Leo: Richard Bransons, ein britischer Unternehmer, Milliardär, Gründer der Virgin Group, die über vierhundert Firmen umfasst.

Andrzej: Nie gehört.

Leo: Dann wird er noch nicht in Lublin gelandet sein. Was bedeutet, dass diese eure innovative Technologie einen Scheiß wert ist.

Bożena: Wenn wir schon beim Thema Scheiße sind, ist die Gewinnung von Methan aus Ausscheidungen nicht viel versprechend? Fleischkonsum wächst, also haben wir immer mehr Vieh, aus dem wir herumlaufende Biogaswerke machen könnten.

Leo: Eine Viehherde kann 250 bis 300 Liter reinen Methans täglich produzieren. Was ausreichend ist, um zum Beispiel einen Kühlschrank mit Energie für vierundzwanzig Stunden zu versorgen. Aber dieser Kühlschrank ist vermutlich nicht das einzige Gerät, das du in diesen vierundzwanzig Stunden benutzen möchtest.

Andrzej: Zudem hast du keine Viehherde.

Leo: Und wir werden nicht so schnell in die Situation kommen, in der jeder Mensch eine Viehherde  besitzen wird, die seinen Kühlschrank auflädt.

Bożena: Vielleicht ist das gar nicht so dumm? In Argentinien, einem der größten Exporteure von Rindfleisch, sind etwa dreißig Prozent der Gesamtemission von Treibgasen auf das Vieh zurückzuführen. Würde man in allen diesen Kuhhintern Minibiogaswerke installieren, würde zumindest die Emission reduziert werden.

Leo: Nicht wesentlich. Das Methan aus Kuhfürzen bildet nur einen Teil der Treibgase, die bei der Fleischproduktion in die Atmosphäre geschickt werden. In der Mehrzahl ist es doch eine Industriezucht. In Argentinien holzt man Wälder ab, um sie in Weiden zu verwandeln. Wälder, die auf eine natürliche Art und Weise Kohlendioxid absorbieren, werden abgeholzt, damit ihr ein Kotelett essen könnt!

Andrzej: Du vielleicht. Wir können uns das argentinische Rindfleisch nicht leisten.

Leo: Seit Jahren esse ich kein Fleisch.

Bożena: In den Filmen schon.

Leo: Und ich töte. Das sind aber nur Filme.

Bożena: Damit kreierst du aber die Mode mit, Fleisch zu essen. Leute sehen, dass Leonardo DiCaprio ein Kotelett isst. Also muss wohl das Essen von Koteletts eine coole Sache sein.

Leo: Wie stellst du dir das vor? Dass ich nur die Drehbücher akzeptiere, in denen meine Figur ein Veganer ist? Oder sollte ich vielleicht die Autoren anrufen? Grüß dich, hier DiCaprio. Ein sehr cooles Drehbuch, aber könntest du es so umschreiben, dass der Protagonist ein Vegetarier ist?

Bożena: Warum eigentlich nicht? Wenn du die Welt verändern möchtest, solltest du vielleicht bei dir selbst anfangen.

Leo: Aber ich esse doch kein Fleisch.

Andrzej: Aber die Leute denken, dass du es tust. Es läuft also auf dasselbe hinaus.

Bożena: Wenn das Essen von Tieren zur Steigerung von Treibgasemission beiträgt, dann könnte der Verzicht auf Fleischkonsum und auf Propagieren von Fleischgerichten in den Hollywoodfilmen eine positive Auswirkung zugunsten des Planeten haben.

Andrzej: So, dann haben wir es also. Können wir jetzt unseren Preis bekommen?

Leo: Na, ich weiß nicht, ob der Wechsel der Menschheit zum Veganismus das Problem der globalen Erwärmung in Gänze löst.

Bożena: Er ist aber ein Schritt in die richtige Richtung.

Leo: Ihr müsst euch aber den Schritt nicht nur einfallen lassen, sondern ihn auch tun.

Andrzej: Kein Problem. Ab heute bin ich ein Veganer. Sogar seit gestern. Da ich gestern auch keinen Schinken gegessen habe.

Bożena: Du hast sie doch gestern ausgelacht.

Andrzej: Gestern wusste ich nicht, dass der Schinken so viel CO2 emittiert.

Bożena: Honig wirst du auch nicht mehr essen?

Andrzej: Also jetzt übertreibe mal nicht. Bienen emittieren doch nicht etwa auch Treibgase?

Leo: Weiß ich nicht. Gibt es hier irgendwo ein Telefon? Ich setze mich mit den Vorgesetzten in Verbindung.

Bożena: Hast du kein Handy?

Leo: Oh, tatsächlich.

Leo holt das Handy heraus und und geht telefonieren. Er kommt sogleich wieder.

Andrzej: Und? Haben wir gewonnen?

Leo: Nicht ganz. Die Tierzucht hat zwar 18 Prozent der weltweiten Treibgasemission zu verantworten, also mehr als zum Beispiel der Transport, der Veganismus ist also eine gute Idee, aber – und das habe ich vermutet – ihr müsstet  davon einen größeren Kreis überzeugen. Dann könnten wir die Überweisung an euch veranlassen.

Andrzej: Einen größeren Kreis? Die Chinesen?

Leo: Oder Inder. So wäre es glaube ich am besten. Ihr könnt aber bei euren Landsleuten anfangen.

Andrzej: Ich würde es dann vorziehen, den Veganismus den Chinesen beizubringen. Wenn du in diesem Land hier den Sonntagsgästen kein Kotelett zum Mittag auftischst, macht das gleich eine Runde in der Stadt, dass du arm bist.

Bożena: Oder ein Jude.

Andrzej: Oder ein Jude.

Leo: Vielleicht ist jetzt die Zeit gekommen, diesen Sachverhalt zu ändern. Ich schlage vor, ihr denkt kurz darüber nach und wir treffen uns in zwei Stunden im Turnsaal, wo ihr mir präsentieren werdet, was ihr euch ausgedacht habt. OK?

Andrzej: Dürfen wir nicht einverstanden sein?

Leo: Wenn ihr aufgeben wollt, ist der Weg natürlich frei. Es werden sich bestimmt Anwärter für euren Platz finden. Ihr seid nicht so perfekt durchschnittlich, das es nicht andere, ähnlich Durchschnittliche gäbe, die euch ersetzen könnten.

Bożena: Danke, Leo. Das ist sehr nett, was du da sagst.

Leo: Es ist nicht die passende Zeit für Liebe, wenn die Zukunft der Welt am seidenen Faden hängt.

Bożena: Es ist immer Zeit für Liebe, unabhängig von den Umständen. Wozu soll man Menschen retten, wenn sie nicht nett sind?

Leo: Du hast recht. Entschuldige.

Bożena: Das ist das erste Mal, dass du dich bei uns richtig entschuldigst. Mir wäre es lieber, du benimmst dich einfach so, dass du dich nicht entschuldigen musst.

Leo: Mir wäre das auch lieber. Aber glaube mir, es ist schwer für mich. Ich hatte, meine ich, noch nie so eine schwere Rolle.

Bożena: Gut. Lassen wir es so. Geh also und überdenke dein Verhalten und wir denken darüber nach, was mit dem Fleisch zu tun ist, damit die Menschen es nicht mehr essen.

 

SZENE 6

In der Mitte des Turnsaales sehen wir die Rekonstruktion eines Schweinemastbetriebes mit Koben mit Gitterboden. Der Käfig ist so klein, dass sich die Schweine darin nicht bewegen können. Bożena und Andrzej, verkleidet als Schweine, sitzen im Käfig. Der Käfig ist mit Kot und Urin beschmutzt, zu sehen sind auch Blutflecken. Leonardo kommt.

Bożena: Hrum hrum.

Andrzej: Hrumk hrumk.

Leo: Seid ihr jetzt völlig durchgeknallt?

Bożena: Hrum hrum. Ich bin ein Schwein und kann kein Polnisch.

Andrzej: Hrumk hrumk. Ich bin auch ein Schwein und kann nicht wie ein Mensch sprechen. Aber ich würde sehr gern sagen, dass die Bedingungen meiner Zucht nach Hilfe schreien. Kann man Menschen, die so etwas zulassen, überhaupt noch Menschen nennen?

Bożena: Barbaren, keine Menschen. Hrum hrum.

Leo: Die Barbaren waren auch Menschen.

Andrzej: Holocaust ist dabei Peanuts, hrumk hrumk.

Bożena: Um den Gewinn zu maximieren, missachten die Züchter unsere Grundbedürfnisse. Nie sehen wir Tageslicht, gehen nicht hinaus und Waldstreu bekommen wir schon gar nicht zu sehen. Worin unsere Vorfahren so gern herumwühlten, kennen wir nur noch aus den hier im Betrieb kreisenden Legenden.

Andrzej: Nicht alle aber glauben ihnen. Manche Schweine behaupten, dass das nur Propaganda der Züchter ist, die bei uns Hoffnung schüren wollen. Dass Waldstreu, wo wir Wurzeln heraus wühlen könnten,  in Wahrheit nie existiert hat. Dass es außerhalb des Mastbetriebes keine Welt gibt und dass unsere Bestimmung ist, geschlachtet zu werden.

Bożena:  Gerade das ist wahr, hrum hrum. Unsere Bestimmung ist der Schlachthof.

Andrzej: Das ist wahr, hrum hrumk. Sie behandeln uns, als wären wir Kanonenfutter.

Bożena: Andrzej, wir sind ja Kanonenfutter.

Andrzej: Ich bin nicht Andrzej, ich bin ein Schwein. Ich habe keinen Vor- und keinen Nachnamen, nur eine Registriernummer. Meine Leiche wird durch den Fleischwolf gedreht und zu billigen Würstchen gemacht.

Bożena: Die Wahrheit über unser Schicksal wird vor den Augen der Öffentlichkeit verborgen, da  ihr empfindlicherer Teil sie nicht ertragen könnte und aufhören würde, Würstchen zu essen.

Andrzej: Wir werden mit eiweißreichem Kraftfutter gemästet, das mit Wachstumshormonen und Antibiotika vollgepumpt ist, wodurch wir so dick werden, dass wir kaum stehen können. In den Koben haben wir so wenig Raum, dass unsere Gelenke degenerieren, manchmal springen sogar unsere Knochen auf, wenn sie die fettleibige Körpermasse nicht mehr aufrecht halten können.

Bożena: Wir scheißen und pissen, wo wir sind. Wir stehen im eigenen Kot und unser Urin frisst sich durch unsere Haut.

Andrzej: Obwohl wir von Natur aus sehr saubere Tiere sind. Wir haben aber keinen Platz, uns zu waschen.

Bożena: Wir sind auch sehr intelligent, also sind für uns diese gegen die Ehre verstoßenden und die Menschenwürde verletzenden und entehrenden Umstände umso schmerzhafter.

Leo: Wenn ihr wirklich so intelligent wäret, würdet ihr euch nicht in solchen Käfigen einsperren lassen.

Andrzej: Hast du das Gleiche den KZ-Häftlingen gesagt? Hrumk, hrumk.

Bożena: Des Kontaktes mit der Natur beraubt und von den Freunden in der Herde isoliert, verwildern wir, werden stumpfsinnig, aggressiv und gelangweilt. Sogar zu grunzen haben wir keine Lust mehr.

Andrzej: Keine Lust. Hrumk, hrumk.

Bożena: Unser kurzes Leben ist durch Verachtung, Ausbeutung und Leid gezeichnet.

Andrzej: Niemand achtet uns als individuelle Schweinewesen.

Bożena: Wir sind nur eine Ziffer in der Kartei.

Andrzej: Ein Mittagessen auf dem Tisch.

Bożena: Bevor wir aber dahin kommen, kriegen wir Stromschläge, die uns töten sollen.

Andrzej: Es gelingt aber nicht immer.

Bożena: Es kommt vor, dass der Strom uns für einen Moment nur betäubt, aber unsere Schinder machen sich nichts daraus und uns wird bei lebendigem Leib die Haut abgezogen.

Andrzej: Hrum, hrum.

Leo: Arme Schweinchen. Mich müsst ihr aber davon nicht überzeugen. Ich weiß das alles sehr wohl.

Bożena: Wir wollten dir nur unser trauriges Los zeigen.

Andrzej: Du bist aber nicht unser Hauptadressat.

Bożena: In einer knappen halben Stunde wird in diesem Saal ein außerordentlicher Schulappell stattfinden.

Andrzej: Der durch den Schulfunk angekündigt wird.

Bożena: Die Schuldirektorin ist zum Glück im Urlaub und es gab niemanden, der uns hätte verbieten können.

Leo: Seid ihr sicher, dass die Idee, den Kindern solche Dinge zu zeigen, so toll ist?

Andrzej: Im Fernsehen sehen sie viel schlimmere Dinge.

Bożena: Und im Internet. Neulich zeigte mir ein Schüler am Computer, wie ein schönes achtjähriges Mädchen zwei erwachsene Männer hinrichtet. Ganz normal schießt sie ihnen mit einer Pistole in die Hinterköpfe. Dann sagt sie, dass das in Gottes Namen geschieht. Das war kein Film, sondern Werbung für die Rekrutierung von Soldaten. Ich habe ihm gesagt, dass er sich darum nicht kümmern soll. Dass man sieht, dass es zusammengeschnitten wurde. Es war aber nicht zusammengeschnitten. Sie hat sie wirklich getötet.

Leo: Vielleicht solltet ihr sie überzeugen, dass sie gegen die globale Erwärmung und nicht gegen die Ungläubigen kämpfen soll.

Bożena: Machst du Witze?

Leo: Nicht ganz. Wir brauchen fest entschlossene Aktivisten.

Bożena: Aber eher keine achtjährigen Mörderinnen.

Andrzej erhebt sich von den Knien und geht aus dem Käfig heraus.

Andrzej: Ich habe genug von diesem verdammten Käfig und dieser Schweinekleidung. Außerdem stinkt es hier schrecklich nach Mist.

Bożena: Was sollen denn andere Schweine sagen, die auf diese Weise ihr ganzes Leben verbringen. Komm, halte noch eine halbe Stunde aus bis die Kinder kommen.

Andrzej: Kinder, Kinder. Ich kenne diese Kinder schon. Man kann sie zu nichts überzeugen. Zu sehr mögen sie Schinkensandwiches, um sich um das Schweinelos den Kopf zu zerbrechen. Sie freuen sich nur, dass wir uns zum Gespött der Leute machen.

Bożena: Noch vor einer Stunde hast du gesagt, dass das eine gute Idee ist.

Andrzej: Vor einer Stunde saß ich nicht in Schweinekleidung im engen Koben, beschmiert mit Exkrementen und Urin. Zudem schwitze ich entsetzlich. Könnte jemand das Fenster aufmachen?

Leo: Hat jemand etwas gesagt? Ich glaube, ich habe so ein „hrum hrum“ gehört.

Leo: Tue nicht so, als ob du nicht verstehen würdest, was ich zu dir sage.

Leo: Ja. Ich habe richtig gehört. Irgendein Schweinchen grunzt.

Leo geht an Andrzej heran.

Leo: Was grunzt du so, Schweinchen? Du würdest wohl gern spazieren gehen, was?

Andrzej: Hrumk, hrumk.

Leo: Spaziergänge sind nicht für Schweine, geh zurück in den Käfig. Los! Sonst machen wir mit dir eine rituelle Schlachtung und du wirst vor den Augen deiner Nächsten koscher verbluten.

Andrzej kehrt gehorsam in den Käfig zurück.

Leo: Schweine muss man kurz halten. Gibst du ihnen einen Finger, fressen sie die Hand.

Andrzej: Wie lange also noch bis zum Appell?

Bożena: Ich weiß es nicht. Ich bin ein Schwein. Schweine tragen keine Uhren.

Leo: Ich spiele euch eine Musik, damit ihr euch nicht langweilt und laufe eine Runde. Wir sehen uns gleich wieder. Ich werde selbstverständlich kommen, um zu sehen, wie ihr es schafft, die Jugend zu überzeugen. Im Übrigen, habt ihr keine Angst, dass ihr aus der Schule heraus geschmissen werdet?

Bożena: Hrum, hrum.

Andrzej: Ich habe diese Scheißschule sowieso nie gemocht.

Leo schaltet das Lied „Closer“ von Nine Inch Nails mit dem Refrain „I want to fuck you like an animal” ein und geht hinaus.

I want to fuck you like an animal

I want to feel you from the inside

I want to fuck you like an animal

My whole existence is flawed

You get me closer to god

 

SZENE 7

Im Saal geht das Licht aus.

Bożena: Warum ist es hier so dunkel?

Andrzej: Wir sparen Energie. Die Menschen haben längst vergessen, wie es ist, ohne leicht verfügbare Energie zu leben. Es genügt, wenn ein stärkerer Wind die Elektroleitung zerreißt und wir sind vollkommen hilflos. Weißt du, dass zwei stromfreie Tage in Europa ausreichen würden, damit Leute anfangen auf den Straßen zu sterben. Außerdem will ich überprüfen, wie man lebt ohne einen negativen Einfluss auf die Umwelt auszuüben. Wir werden solange im Dunklen sitzen, bis wir uns Solarzellen installiert haben.

Leo: Die Herstellung der Solarzellen geht auch auf Kosten der Umwelt. Einige der dabei verwendeten Teile werden aus seltenen Edelmetallen hergestellt.

Andrzej: Schnell wird es nicht erfolgen, denn bei unseren Gehältern müssten wir das Geld für die Solarzellen jahrelang zur Seite legen.

Bożena: Es gibt zum Glück verschiedene Möglichkeiten, Bezuschussungen zu bekommen.

Leo: Sie haben euch also doch nicht aus der Schule hinaus geschmissen?

Bożena: Es hat nicht viel gefehlt. Der Elternrat war empört. Es tauchten sogar Gerüchte auf, dass wir vor den Schülern Genitalien entblößt hätten.

Andrzej: Schließlich gelang es aber, sie zu überzeugen, dass eine Performance mit dem Ziel, den Kindern die Grausamkeit der Massentierhaltung zu zeigen, ins Programm unserer Schule passt, die ja nicht nur zu unterrichten bemüht ist, sondern auch um Vermittlung von Werten.

Bożena: Dem Motto von Johannes Paul II. nach, das bei uns über dem Schuleingang hängt: „Die Freiheit darf man nicht nur besitzen, nicht nur verbrauchen. Man soll sie stets erlangen und durch Wahrheit schaffen.“ Und wie die Wahrheit über die Bedingungen der Massentierhaltung ist, sieht jeder. Zumindest haben sie die Schüler unserer Schule gestern gesehen.

Leo: Na, dann habt ihr Glück, dass euch der Papst geholfen hat. Die HIV-infizierten Kinder in Afrika, wo keine Kondome benutzt werden dürfen, können das von sich nicht behaupten.

Bożena: Willst du uns nahe legen, dass Johannes Paul II. ein Massenmörder war?

Leo: Das hast du gesagt. Ich gebe aber zu, dass ich deinen Gedankengang zu schätzen weiß und nicht vor habe, ihn zu bestreiten.

Andrzej: Das regionale Fernsehen hat uns angerufen. Unsere kleine Performance hat bei ihnen Interesse geweckt. Sie möchten, dass wir darüber im Studio erzählen.

Bożena: Sie stellen nur eine Bedingung. Wir sollen als Schweine verkleidet sein. Können wir schon Licht anschalten?

Andrzej: Leider nein. Aber wenn du Licht brauchst, müsste es hier irgendwo Kerzen geben. Obwohl ich dir gern vorschlagen würde, eher die von mir erarbeitete Methode der Raumbeleuchtung mithilfe von Menschenmuskeln zu nutzen.

Bożena: Was für ein Ding?

Andrzej: Ich habe unser altes Fahrrad fest an einem praktischen Ständer montiert, so dass an Ort uns Stelle in die Pedale getreten werden kann und ein vom Dynamo gespeistes Lämpchen einen Zimmerausschnitt beleuchtet. Man kann sogar ein Buch lesen. Vorausgesetzt man tritt kräftig.

Bożena: Kann ich mit dem Handy leuchten?

Andrzej: Kannst du. Auf alle Fälle habe ich aber alle Steckdosen blockiert. Du wirst es also nicht mehr aufladen können.  An deiner Stelle würde ich also mit der Batterie sparsam umgehen.

Bożena: Du bist durchgedreht. Meinst du nicht, dass wir das erst einmal diskutieren sollten?

Leo: Wir diskutieren schon lange genug. Ihr habt euch aber irgendwie immer noch nichts einfallen lassen. Ich unterstütze also das Postulat von Andrzej, endlich von Worten zu Taten überzugehen.

Bożena: Wir haben uns als Schweine verkleidet. Ist das für dich nichts? Wenn du selbst ein paar Stunden in einem engen, stinkenden Käfig säßest, würdest du vielleicht unser Engagement zu schätzen wissen.

Leo: Ich weiß es zu schätzen. Ich glaube aber auch, dass wir radikalere Lösungen brauchen.

Bożena: Na, toll. Sollen wir lange noch so im Dunklen sitzen?

Andrzej: Weiß ich nicht. Bis auf Widerruf.

Bożena: Und was werden wir so im Dunklen machen?

Andrzej: Weiß ich nicht. Du kannst aufs Fahrrad steigen und ein Buch lesen. Ich habe aus der Bibliothek ein paar Bücher über Umweltschutz ausgeliehen.

Bożena: Weißt du was? Lies sie selber. In dieser Zeit gehe ich eine Freundin besuchen. Wenn ich in dem Licht sitze, was sie ohnehin benutzt, dann trage ich doch nicht zur Verstärkung des Klimawandels bei, oder?

Leo: So gesehen nein, aber es wäre gut, wenn du die Zeit bei ihr dazu nutzen würdest, ihr das Ausmaß des Problems klar zu machen. Vielleicht müsst ihr gar nicht bei eingeschaltetem Licht sitzen?

Bożena: Du erlaubst, dass ich selbst entscheide, worüber ich mit meiner Freundin rede. Außerdem bin ich wirklich nicht davon überzeugt, dass individuelle Verbraucherentscheidungen die jetzige Sachlage ändern können. Wir brauchen vielmehr eine Systemveränderung. Und wenn die Herren mich jetzt entschuldigen würden, ich habe von dieser Groteske vorläufig genug und gehe mich amüsieren.

Bożena geht hinaus. Andrzej steigt auf das Fahrrad und beginnt im Lämpchenlicht ein Buch zu lesen.

Leo kommt herein. Er fragt, ob im Zuschauersaal eine Frau mit Kind da ist, die sich um die Umwelt kümmert. Wenn sich eine meldet, hält er den Monolog, wenn nicht, hält er ihn auch.

Leo: Ist heute unter uns ein Elternteil, Mutter oder Vater, die sich um die Umwelt kümmeren?

Eltern, die der Meinung sind, dass wir alle für die Zukunft dieses Planeten verantwortlich sind?

Wenn nicht, woher kommen die Kinder?

Wenn ja, warum haben Sie sie gezeugt. Warum haben Sie sie geboren? Warum macht ihr sie? Und die nächsten? Warum?

In seiner Lebenszeit wird euer Kind fünfhundertfünfzehn Tonnen Kohle produzieren. Das sind vierzig LKWs. Ein Kind gleicht fast 6500 Flügen nach Paris. Sie könnten neunzig Mal im Jahr hin und zurück nach Paris fliegen und das hätte einen geringeren Einfluss auf die Umwelt als die Geburt eines Nachkommen. Ganz zu schweigen von Pestiziden und Putzmittel, Plastik und Brennstoffen, die das Kind warmhalten werden. Wenn Sie ein Kind in die Welt gesetzt haben, haben sie selbstsüchtig gehandelt. Es ist grausam, andere zum Leiden zu verurteilen. Würde Ihnen etwas an der Umwelt liegen, würden Sie ihnen sofort die Kehlen durchschneiden. Oder ich könnte ein Messer ziehen und es für Sie tun. Dann verschwinde ich und Sie werden den nächsten Generationen einen Dienst erweisen.

Ja? Nein?

Oder es erwischt sie eine mutierte Grippe oder ein anderes Rotavirus und die Sache ist erledigt. Ja, die Sache ist dann erledigt. Aus dem Kopf. Vielleicht wäre es für das Kind besser, es wäre nie geboren worden? Ich bin nicht auf Ärger aus, denn das liegt nicht in meiner Natur, aber die Umwelt wird sich schließlich rächen. Und Ihr Kind wird zusehen müssen. Und Sie können sich sicher sein, dass es Ihnen die Schuld dafür geben wird.

Leo geht hinaus.

 

SZENE 8

Bożena kommt leicht beschwipst nach Hause.

Bożena: Oh, wir haben wieder Licht. Hast du etwa herausgefunden, wie man Energie produzieren kann ohne Umweltschäden zu verursachen?

Andrzej: Ich muss hierzu nicht unbedingt etwas herausfinden. Die Menschheit kennt seit Jahrhunderten solche Mittel. Zum Beispiel Wasserwerke. Wassermühlen sind doch nichts anderes  als ökologische Generatoren kostenloser Energie.

Bożena: Oh Gott, ich hoffe, du hast bei uns zu Hause kein Wasserwerk gebaut und dass durch unser Badezimmer gerade kein Fluss fließt?

Andrzej: Nein. Vorläufig habe ich mich für die Nutzung konventioneller Energie entschieden. Ich habe das, was du gesagt hast, durchdacht und sehe tatsächlich keinen Sinn, mich auf individuelle Verbraucherentscheidungen zu konzentrieren. Unsere Mission ist so wichtig, dass wir uns eine Emission von geringer Menge CO2 in die Atmosphäre erlauben können. Wenn es bei uns klappt, wird es sich schließlich für die Umwelt mehrfach auszahlen.

Bożena: Alle denken so über die eigenen Handlungen. Dass sie so wichtig für die Welt oder sie selbst sind, dass sie sich weitere Umweltverschmutzungen erlauben dürfen. Deshalb werden wir den Klimawandel nie aufhalten. Weil wir über uns selbst zu gut denken. Was machst du hier eigentlich?

Andrzej: Ich konstruiere einen künstlichen Vulkan.

Bożena: Du hast sie wirklich nicht mehr alle.

Andrzej: Nein. Ich habe neuerdings viel gelesen, mich in das Thema vertieft. Amerikanische Geoingenieurwissenschaftler sind der Meinung, dass das der einzige Weg ist.

Bożena: Künstliche Vulkane? Dann steht es wohl wirklich ganz beschissen um uns.

Andrzej: Bitte, fluche nicht, hier sind Kinder.

Bożena: Was für Kinder? Du bist wirklich ganz durchgeknallt. Hier sind keine Kinder. Wir sind nicht in der Schule.

Andrzej: Keine Kinder? Ich glaubte, ihr Lachen gehört zu haben.

Bożena: Vielleicht war es kein Lachen, sondern stummes Weinen. Vielleicht waren es keine Kinder sondern Embryos aus künstlicher Befruchtung, die direkt aus der Kühlung nach Deutschland verkauft werden.

Andrzej: Bitte, mach keine solche Scherze. Ich weiß, dass du Gowin für seine Unkenntnis der Biologiegrundsätze hasst, aber das ist noch kein Grund, seine religiösen Gefühle zu verlachen.

Bożena: Meines Erachtens ist das ein ausreichender Grund. Im Übrigen schau dich selbst an. Du baust einen künstlichen Vulkan. Das ist eine künstliche und unnatürliche Art, die globale Erwärmung zu bekämpfen. Jarosław Gowin wäre sehr unzufrieden.

Andrzej: Wer hat schon Interesse an irgendeinem Gowin?

Bożena: Genug Leute, damit er als Abgeordneter in den Sejm gewählt wird. Und du? Wer schert sich um dich? Was hast du im Leben erreicht?

Andrzej: Musst du ausgerechnet jetzt auf mir herumhacken? Wo ich endlich den Weg gefunden habe, den Planeten zu retten und die künstliche Erwärmung aufzuhalten?

Bożena: Vorhin hast du gesagt, dass nicht du es herausgefunden hast, sondern irgendwelche amerikanischen Geoingenieure.

Andrzej: Das ist wahr. Aber erst ich habe den Mut, ihre Idee umzusetzen. Du weißt, wie es in Amerika ist. Eine Menge Leute haben ganz viele ausgezeichnete Ideen, aber um etwas patentieren zu lassen, braucht man eine dicke Brieftasche und hoch positionierte Bekannte. Dabei kann ich mir in Polen so einen künstlichen Vulkan einfach im eigenen Hof bauen und niemand wird überhaupt fragen, worum es da geht. Alle werden mir aber danken, nachdem ich die Welt gerettet haben werde.

Bożena: Und wie soll denn diese ausgezeichnete Idee funktionieren?

Andrzej: Ja, normal. Da wir die Treibgasemission in die Atmosphäre nicht wirklich aufzuhalten wissen, muss eine Methode gefunden werden, mit der die Lichtmenge, die die Erde erreicht, verringert wird und damit auch die globale Erwärmung. So werden wir mit meinem künstlichen Vulkan Schwefelpartikel in die Atmosphäre schicken, die das Sonnenlicht zurückwerfen werden. Und fertig. Weniger Licht erreicht die Erde. Der Planet ist gerettet.

Bożena: Hast du das Leonardo erzählt?

Andrzej: Noch nicht. Er ist irgendwo hin gegangen.

Bożena: Das ist gut, dass du es nicht erzählt hast, ich habe in meinem Leben noch keinen größeren Blödsinn gehört. Glaubst du wirklich, dass das Problem der Verschmutzung der Atmosphäre mit Kohlendioxid durchs Nachlegen von Schwefel zu lösen ist? Ernsthaft ernsthaft? Die Biologie war vielleicht nie deine Stärke. Hier aber muss man sich nicht einmal in Biologie auskennen. Ein wenig gesunder Menschenverstand reicht. Dessen Reste bei dir offensichtlich verdunstet sind infolge der Gehirnüberhitzung. Haha. Offensichtlich kam es bei dir zu einer globalen Gehirnerwärmung. Liegt dir so viel am Gewinnen, dass du die Atmosphäre mit Schwefel beschießen willst?  Ich weiß nicht, welche Bücher du gelesen hast, aber wenn du sie genauer gelesen hättest, wüsstest du, dass die globale Erwärmung nicht nur ein Problem der ansteigenden Temperatur ist, sondern etwa auch der Übersäuerung von Ozeanen. Mehr Kohlendioxid in der Atmosphäre hat den Säuregehalt der Weltmeere schon um 30% steigen lassen. Das große Korallenriff stirbt! Und all diese schönen Lebewesen, die an ihm leben, sterben mit. Du wirst sie mit dem künstlichen Vulkan nicht retten.

Andrzej: Du kannst echt entmutigen, in allem. Eine echte Mutter-Polin.

Bożena: Du wirst mir dafür noch danken. Ich beschütze dich einfach vor deinem Männchenschwachsinn. Wenn die Macht über die Welt in den Händen von Frauen läge, wäre es nie zu einer solchen Zerstörung des Planeten gekommen. Aber ihr Kerle müsst euch alles unterordnen. Mutter Erde ist für euch schlicht eine Hure, die man fickt. Und wenn sie nicht mitmacht, dann spritzen wir zumindest in sie, in die Atmosphäre. Bravo!

Andrzej: Könntest du aufhören, mich zu beschimpfen und für alle Fehler der Männerrasse zu beschuldigen?

Bożena: Nein, kann ich nicht. Ich habe die Nase gestrichen voll von diesem Zirkus. Ich will zurück in mein langweiliges Leben und zu meinem zynischen Andrzejek!

Leonardo kommt. Auch ein wenig beschwipst.

Leo (mit Aufstoßen): Oh, Verzeihung. Störe ich?

Andrzej: Ja.

Bożena: Nein.

Leo: Also wie? Ich wusste nicht, dass ich in eurer Stadt so viele weibliche Fans habe. Ich dachte, sie werden mich in der Luft zerfetzen.

Andrzej: Sie haben dich aber nur betrunken gemacht? Ich hoffe, dass es keine meiner Schülerinnen war und dass du ihr kein Kind gemacht hast.

Leo (mit Aufstoßen): Niemals. Fans ficke ich nie. Und ich benutze immer Kondome.

Andrzej: Hoffentlich hattest du eigene, weil manches Mädchen hier viel weiter gehen würde, als nur das Kondom mit einer Nadel durchzustechen, um mit so einem Star ein Kind zu haben.

Leo: Wie ich schon sagte, ficke ich keine Kinder. Das heißt, mit Fans, die Kinder haben wollen.

Bożena: Wozu brauchst du dann die Kondome?

Leo: Besser Vorsicht als Nachsicht. Sag nie nein.

Andrzej: Mach dir keine Sorgen. Wir brauchen in Polen solche guten Gene. Wir werden sie bestimmt nicht vergeuden.

Leo: Ich gehe mich, glaube ich, hinlegen. Es war ein anstrengender Tag.

Leo geht in die Küche schlafen.

 

SZENE 9

Leo (streckt sich): Ein weiterer schöner Frühlingstag. Wie gut es ist, auf diesem großartigen Planeten zu leben!

Andrzej: Es ist nur ein bisschen schade, dass er direkt auf die Hölle zusteuert.

Leo: Ja, davon war, glaube ich, die Rede in einem Bestseller, „Neues Testament“ hieß er, glaube ich. Hast du es gelesen?

Andrzej: Nein, aber ich checke, worum es geht. Denkst du, dass die globale Erwärmung die Hölle ist, zu der wir für unsere Sünden auf dem Planeten verurteilt sind?

Leo: Das ist manchmal der Fall.

Bożena: Einer Sache können wir sicher sein: der Weg zur Hölle ist sicherlich nicht einfach, sondern eher verworren und holprig. Es kann unterwegs noch viel geschehen.

Leo: Wo wir schon beim Thema Reise sind, ich habe gestern vergessen euch zu sagen, dass ich eine Überraschung für euch habe. Ihr könnt packen. Wir machen einen Ausflug!

Andrzej: Wohin? Trägt Transport nicht wesentlich zur Emissionssteigerung bei? Wäre es nicht besser, zu Hause zu bleiben?

Leo: Keine Sorge. In den Hafen fahren wir mit dem Zug, dort erwartet uns ein mit Solarbatterien betriebener Katamaran.

Bożena: Aber wohin fahren wir?

Leo: Unser Ziel ist die Arktis. Wir werden schmelzende Gletscher ansehen! Und unterwegs gelingt es vielleicht, eine erste künstliche Insel zu sehen, die nur aus dem in die Meere gekippten Müll entstanden ist.

Andrzej: Lebt jemand darauf?

Leo: Noch nicht, soweit ich weiß. Dafür verrecken dort sicherlich eine Menge Fische und Vögel, die diesen Müll für Nahrung halten. Wenn ihr jemanden kennt, der sich von Plastik ernähren kann, dann ist das vielleicht ein extra für ihn geschaffenes Zuhause.

Andrzej: Ich wollte schon immer eine private Insel haben.

Leo: Wie gesagt, sobald du es beherrschst, dich von Plastik zu ernähren, gehört die Insel ganz dir!

 

SZENE 10

Unsere Protagonisten fahren mit einer Yacht durch das arktische Meer und trinken Cocktails. Im Hintergrund läuft ein Film mit zerfallenden Gletschern: [youtube http://www.youtube.com/watch?v=hC3VTgIPoGU&w=560&h=315]

Andrzej: Als du gesagt hast, dass uns ein Katamaran erwartet, habe ich mir ein Segelboot vorgestellt. Jetzt sehe ich, dass wir eine richtige Yacht zur Verfügung haben.

Bożena: Und eine reichlich ausgestattete Bar.

Leo: Die Abende auf hoher See können lang werden, man muss sie sich nett gestalten.

Bożena: Wie viel von der Treibgasemission hat die Spirituosenbranche zu verantworten?

Leo: Das zu überprüfen, habe ich mich zurückgehalten. Man muss ja irgendwie Spaß haben.

Andrzej: Sag mir jetzt aber, Leonardo, wo wir nun allein durch die Meere fahren, kannst du es mir doch sagen. Glaubst du wirklich an diese ganze globale Erwärmung? Schau, wie schön es um uns herum ist. Glaubst du wirklich, dass der Mensch all das zerstören kann?

Leo: Du lässt mich auflaufen, was?

Andrzej: Ein bisschen schon, aber jetzt sag es mir ernsthaft: wir können doch nicht so schlecht sein.

Leo: Wir sind sogar noch schlimmer. Gezielt verstecken wir vor uns Fakten, damit wir uns mit uns selbst besser fühlen. So funktioniert nun mal das menschliche Gehirn. Aus Millionen wahrgenommener Informationen selektiert es sorgfältig diejenigen, mit denen es sich einigermaßen sicher leben lässt. Und bequem. Wenn wir wirklich versuchen sollten, der Wahrheit ins Gesicht zu blicken, würden wir darin eine so grausame Wirklichkeit sehen, dass sie jeden von uns in Sekunden wegfegte. In Kenntnis dieser Wahrheit, lässt sich nicht leben. Bożenko, würdest du mir noch ein Tröpfchen von diesem exzellenten Vodkachen einschenken?

Bożena: Hast du diese Wahrheit erkannt?

Leo: Ich würde lügen, wenn ich Ja sagen würde. Niemand kann sie bis zuletzt erkennen. Manchmal habe ich aber den Eindruck, dass ich mich ihr gefährlich nähere. In solchen Augenblicken beginnen meine Knie weich zu werden, im Kopf beginnt es sich zu drehen, die Hände versuchen, sich an irgendetwas Stabilen festzuhalten, aber sie schweben schlaff in der Luft.

Andrzej: Es geht mir auch manchmal so. Das ist ein Zeichen, dass du betrunken bist und wir ein Taxi rufen sollten.

Leo: Nein, nein. Ich trinke gern und ich weiß, wie das ist. Das ist etwa anderes. Etwas viel schlimmeres. Ernsthaft.  Es ist, als würde man in den Kopf Gottes hineinschauen und sehen, dass er von Analverkehr an Kindern durch Pferde träumt.

Bożena: Ich weiß nicht, was du nimmst, aber es ist höchste Zeit aufzuhören.

Leo: Ich nehme nichts, trinke nur manchmal. Oh, mein Glas ist wieder leer. Wo ist die Flasche?

Bożena: Hier. Aber trink vielleicht nicht mehr so viel, oder?

Leo: Du hast gefragt, ob ich an die globale Erwärmung glaube. Das ist keine Frage des Glaubens. 97 Prozent der Klimaforscher sind sich darüber einig, dass die globale Erwärmung die Folge menschlicher Tätigkeiten ist. Unter ihnen gibt es Forscher aus der ganzen Welt. Von Grönland bis Südafrika. Glaubst du, dass sie sich bei irgendeiner geheimen Konferenz abgesprochen und eine Verschwörung eingegangen sind, mit der das Wirtschaftswachstum der Europäischen Union verlangsamt werden soll? Warum sollten sie das tun? Um Zuschüsse für die Forschung zu bekommen? Sie können doch irgendetwas untersuchen. Sie würden wahrscheinlich auch etwas anderes untersuchen wollen als ein Phänomen, welches ihnen zeigt, wie beschissen die Gattung Mensch ist und wie weit sie den Planeten bringen kann, wenn man ihr ein bisschen Macht gibt. Wirklich, das ist nichts Angenehmes. Noch weniger angenehm wird es, wenn du davon den Leuten erzählen musst. Zum Beispiel Politikern, die für die Liberalisierung der Märkte arbeiten und dadurch das Ausmaß der Katastrophe vergrößert haben. Und es weiter vergrößern. Weil sie natürlich nicht zur Kenntnis nehmen wollen, dass ihre Politik falsch ist. Was wären es denn auch für Politiker, wenn sie ihre Fehler eingestehen würden? Blöde Ärsche, keine Politiker. Die Logik der ganzen Welt, in der wir leben, wird vom Wirtschaftswachstum angetrieben. Wir werden es nicht für den Schutz irgendwelcher Pflänzchen aufgeben. Bevor aber die Nachricht, dass es nicht nur mit den Pflanzen aus ist, sondern auch mit den Tieren, darunter auch mit dem Tier Mensch, die richtigen Leute erreicht, wird es zu spät sein. Es ist jetzt schon zu spät.

Andrzej: Du bist betrunken.

Leo: Na und?  Ob aus dem Fakt, das ich betrunken bin, resultiert, dass ich keine Wahrheit spreche? Wenn ich mich irgendwo irre, nur zu, korrigiere mich. Ich will es gern erfahren.

Bożena: Ich weiß nicht, ob du dich irrst. Aber ganz sicher scheinst du niedergeschlagen zu sein. Wenn ich dir etwas raten darf, sprich mit einem Arzt oder Therapeuten.

Leo: Das sagen alle. Aber nicht mit mir stimmt etwas nicht, mit dieser Welt.

Andrzej: Diese Welt ist trotzdem schön.

Leo: Ja, diese Gletscher sind sehr schön. Deshalb wollte ich, dass ihr seht, wie sie schmelzen. Eure Enkel werden dieses Vergnügen vielleicht nicht mehr haben können. Klimaveränderungen beschleunigen sich. Unter dem Arktiseis befinden sich riesige Methanlager. Dieses Treibgas ist viel schädlicher als Kohlendioxid. Wenn zu viel Eis schmilzt, wird das Methan in die Atmosphäre gelangen. Gott allein weiß, was das für Folgen für den Planeten haben wird, eins ist aber sicher. Es wird eine katastrophale Folge sein. Es wird nichts mehr zu machen sein.

Bożena: Warum bist du dann zu uns gekommen und hast uns eingeredet, dass wir etwas machen müssen?

Leo: Ich werde dafür gut bezahlt. Außerdem ist das ein gewisses Vergnügen, eine richtige Sache zu vertreten, auch wenn man weiß, dass sie von Anfang an verloren ist. Am Ende werde ich zumindest sagen können: Habe ich es nicht gesagt?

 

SZENE 11

Schlussszene

Im Hintergrund läuft Celine Dion mit My heart will go on: [youtube http://www.youtube.com/watch?v=zmbw8OycJrE&w=420&h=315]  Vielleicht singt es der schmelzende Gletscher? Leo schenkt sich Vodka nach, dann springt er aus dem Boot auf die im Ozean driftende Eisscholle. Er kuschelt sich an sie.

Andrzej: Und nun? Sollten wir ihn nicht retten gehen?

Bożena: Weißt du denn wie? Ich habe den Eindruck, dass er uns extra hierher brachte, damit wir Zeugen seines Todes in der Umarmung des schmelzenden Gletschers werden.

Andrzej holt die Kamera heraus.

Andrzej: Dann lass uns das zumindest verewigen. Sein Tod soll nicht umsonst sein.

Bożena holt das Telefon heraus und beginnt damit zu filmen.

Bożena: Du hast recht. Zumindest so viel können wir machen.

Andrzej: Und danach? Was machen wir danach?

Bożena: Das gleiche wie bis jetzt, Pinky. Die Menschheit vor der Vernichtung retten.

Andrzej: Glaubst du, dass es gelingt?

Bożena: Ich fürchte, dass ich es nicht weiß. Aber ich denke, dass wir keinen andern Ausweg haben.

 

ENDE

 

Übersetzung aus dem Polnischen Małgorzata Agnieszka Bartula

Wie ich die globale Erwärmung nicht aufgehalten habe. Klimatisches Tagebuch eines engagierten Verbrauchers.

Zum Schreiben des Klimatischen Tagebuches haben mich Claus Leggewie und Harald Welzer, die Autoren des Buches Das Ende der Welt, die wir kennen, mit folgenden Worten ermuntert: „Jeder handelt mehrmals täglich gegen seine tiefsten Überzeugungen. Der in diesem Buch behandelte Fall betrifft den Energieverbrauch, den wir wider eigenes Wissen und oft ohne eine klare Notwendigkeit erhöhen, indem wir Taxis, Autos, Flugzeuge benutzen. Es gibt unzählige Beispiele dafür, wie leicht wir über den Widerspruch zwischen unseren Überzeugungen und unseren Handlungen hinweg zur Tagesordnung übergehen. Ein Beweis? Wenn Sie die Sache des Klimaschutzes bewusst angehen, legen Sie ein Tagebuch an, in dem Sie notieren werden, wie oft, in welcher Weise und in welchen Situationen Sie Ihre eigenen, aus diesem Bewusstsein hervorgegangenen Regeln verletzt haben.“ Als eine Person, die die Sache des Klimaschutzes bewusst angeht, beschloss ich, mir so ein Tagebuch anzulegen.

den 2. Dezember, 10.30 Uhr

Ich habe die Heizung aufgedreht. Weil ich das Gefühl hatte, krank zu werden. Dabei möchte ich heute wirklich nicht krank sein. Ich habe wirklich keine Zeit, krank zu sein. Es ist doch gewichtiger, dass ich gesund bleibe als das Aufdrehen der Heizung, damit sie etwas mehr wärmt.

14.30 Uhr

Ich ging mit einer Freundin zum Mittagessen und holte eine Suppe zum Mitnehmen. Dabei hatte ich für sie keinen Behälter mit, also bekam ich eine Einwegbox aus Styropor. Die Suppe war aber im Lunchmenü für 5 Zloty inbegriffen und ich hatte auf sie Lust, aber auch Sorge, dass den zweiten Gang nicht schaffe, wenn ich sie vor Ort esse,. Also nahm ich sie mit.

den 3. Dezember, 15.00 Uhr

Ich ging wegen Tabak und Lindenblütentee zum Lebensmittelladen, weil ich ein wenig erkältet war. Gegen Erkältung helfen am besten Zigaretten. Scherz. Bei Erkältung liegt man am besten unter einer Wolldecke und trinkt Tee, also habe ich keine weiteren Einkäufe geplant und keine Einkauftasche mitgenommen. Nachdem ich aber schon draußen war und den Tabak gekauft habe, kam ich zu dem Schluss, dass es sich vielleicht lohnt, auch Obst, die natürliche Quelle leicht absorbierbarer Mikroelemente und Vitamine, zu kaufen. Da ich aber keine Einkaufstasche mit dabei hatte, musste ich im Gemüselädchen eine Plastiktüte mitnehmen.

den 4. Dezember

Ich habe mir einen neuen Computer gekauft. Das heißt, einen nicht ganz neuen, weil gebrauchten. Jedoch neu, da ich immer noch meinen alten habe. Den alten habe ich vor ein paar Jahren gekauft und er konnte wirklich nicht mehr. Ständig hing er sich auf und stockte, also kam ich zu dem Schluss, dass es höchste Zeit ist, mir einen neuen zuzulegen. Obwohl ich damit zugleich das Dilemma hatte, dass der alte ja immer noch arbeitete, auch wenn er sich aufhing und stockte. Na, aber schließlich werfe ich den alten ja nicht weg, sondern gebe ihn meinem Bruder weiter, der damit bestimmt irgendetwas Nützliches anfangen wird. Zudem war der neue Computer ganz in Luftpolsterfolie eingewickelt, von der ich jetzt nicht weiß, wohin mit ihr. Nur irgendwie schade sie wegzuwerfen, so liegt sie im Sessel und schaut mich strafend an.

den 5. Dezember, 12.00 Uhr

Ich bin einkaufen gegangen. Im Gemüselädchen sagte ich zu dem Herrn, dass ich die Plastiktüte, in die er zwei Zwiebeln legte, nicht brauche, er aber scherzte:
– Immerhin ein Dekagramm mehr.
Er meinte, er verdiene mehr dank der Plastiktüte, auch wenn ich eine Weile brauchte, um den Witz zu verstehen. Also lachten wir und schließlich nahm ich diese Plastiktüte, die ich nicht wollte. Ich hoffe, er hat wirklich etwas daran verdient.

13.18 Uhr

Ein Kurier ist mit einer Sendung gekommen, was mich daran erinnerte, dass ich das Dilemma habe, ob es ethisch ist, Kurierdienste zu nutzen. Nicht nur, dass sie das Verkehrsaufkommen erhöhen, die Arbeitsbedingungen der Kuriere und auch der Sortierer schreien zum Himmel. Das Schreien zum Himmel hilf ihnen aber gar nicht, also sollte man vielleicht selbst mit dem Fahrrad all diese Dinge abholen, die man jetzt so einfach mit einem Klick im Internet kaufen kann? Es käme vielleicht teurer, aber insgesamt billiger, weil ich die Hälfte davon gar nicht kaufen würde.

den 9. Dezember

Ich habe das Telefon gegen ein neues ausgetauscht und habe jetzt wieder Gewissensbisse. Ich denke an all diese Kinder, die zur Arbeit in Gold- und Platinmienen gezwungen werden und denen wir die Freude an einem neuen Handy alle zwei Jahre verdanken. Ich möchte ihnen mal die Hand drücken können. Mich bedanken für alle diese Jahre, in denen sich meine Lebensqualität auf einem hohen technologischen Niveau gehalten hat. Wahrscheinlich werde ich jedoch keine Gelegenheit dazu haben, mir bleibt also nur, wegen ihres Schicksals einen Moment lang traurig zu sein. Vielleicht wäre es angebracht, für sie eine Kerze anzuzünden? Vielleicht sollte man sich einfach keine neuen Telefone holen? Schließlich funktioniert das alte noch und wenn man ein wenig Arbeit investieren und es entmüllen würde, dann könnte es weiterhin ganz gut funktionieren. Es hat mich zwar genervt, dass es eine schwache Kamera hatte, aber wenn ich eine gute Kamera haben will, dann muss ich mir vielleicht eine Kamera kaufen und nicht alle zwei Jahre das Handy austauschen und damit rechnen, dass irgendeine Kamera schließlich gut genug ist. Vielleicht muss ich das, aber vorläufig ist das geschehen, was geschehen ist. Ich habe ein neues Handy gekauft und habe den Vertrag mit dem Anbieter um weitere zwei Jahre verlängert. Arm sind wir.

den 10. Dezember

Unterwegs nach Lubomierz (Liebenthal, so ´ne Ortschaft im Gebirge, wo ich das Häuschen von meinen Großeltern habe) habe ich ein Hefegebäck und einen Krakauer Kringel gekauft. Das eine wurde wie das andere in Folie gepackt und ich war zu sehr in Eile, um zu protestieren. Es soll mal ein Experiment gemacht worden sein, bei dem man junge Pastoren eine Predigt über den guten Samariter schreiben ließ und dann sagte, sie haben sofort zu einem weiteren Gebäude hinzugehen und sie vorzutragen. Die meisten beeilten sich so, dass sie einen Mann, der auf dem Bürgersteig lag und einen epileptischen Anfall simulierte, nicht einmal sahen. Nur wenige blieben stehen um nachzusehen, was los ist.

den 12. Dezember

Ich bin ins Gebirge gefahren, sitze hier und schreibe ein Buch. Ich bin mit dem Zug und dem Bus gekommen, also für das Klima nicht so schlecht. Aber heute bin ich zum Beispiel mit einem Kleinbus nach Mszana Dolna gefahren, das ein wenig größer als Lubomierz ist, in dem ich das Haus von meinen Großeltern habe, und ich überlege, ob es nicht sinnlos war, zu fahren. Ich habe viele Dinge gekauft, die ich sicher gebrauchen kann, aber einen Teil davon könnte ich doch im Dorflädchen kaufen (wenn auch die meisten nicht). Im Übrigen, selbst wenn ich im nächsten Geschäft verschiedene Dinge nicht kaufen könnte, die ich mir zurecht gedacht habe, dann ist es vielleicht an der Zeit, zu lernen, wie gute Gerichte aus dem zuzubereiten sind, was im nächsten Geschäft da ist. Und nicht immer Sojamilch und getrocknete Tomaten aus dem Biedronka-Markt. Dosenbohnen sind schließlich auch ein Superprodukt, das ich in meiner Küche bis jetzt unterschätzt habe. Vielleicht ist es an der Zeit, mich mit ihnen anzufreunden? Auch wenn es besser wäre, Bohnen nicht aus der Dose zu nehmen, aber wer hat schon Zeit zum Einweichen? Obgleich, wenn ich mir schon Sorgen um das Klima mache, dann werde ich die Zeit wohl bald finden müssen.
Im Prinzip bin ich in die Stadt gefahren, weil ich gestern in die Berge zu gehen versuchte, es aber schnell wieder aufgab, da die Steigeisen, die ich anlegte, zerrissen waren und ständig zurecht gezogen werden mussten. Also dachte ich mir, neue zu kaufen. So ein Produkt sollte es letztlich in jedem zweiten Geschäft einer Gebirgsstadt geben. Schließlich gehen hier viele Leute in die Berge und brauchen so etwas ganz sicher. Es stellte sich aber heraus, dass es nicht so ist. Offenbar haben hier alle bessere Schuhe und Fähigkeiten zum Herumlaufen im Schnee. Niemand braucht Steigeisen. Also kaufte ich schlussendlich neue Schuhe. Das Gute daran ist, dass sie nicht aus Leder sind, trotzdem ganz hübsch. Alles in allem brauche ich sowieso neue Schuhe, denn für den Winter habe ich nur ein Paar Offiziersstiefel. Ich kann doch nicht überall hin in Offiziersstiefeln gehen. Vielleicht kann ich es doch? Vielleicht brauche ich diese Schuhe gar nicht? Und die anderen Produkte, die ich gekauft habe, auch nicht. Wäre ich zum Beispiel vorausschauender, hätte ich von Zuhause die Sonnenbrille mitgenommen und keine neue kaufen müssen. Ich bin aber nicht vorausschauend genug. Ich war mit anderen Dingen beschäftigt als mit den Gedanken, was ich in den Bergen brauchen könnte. Im Endeffekt habe ich ein weiteres, langfristig überflüssiges Produkt gekauft. Und das Bruttoninlandsprodukt wächst, wächst, wächst und wird die alte Welt unter sich begraben.
Noch eine Sache macht mir Kummer, an die ich gewöhnlich nicht denke. Der Strom. Ich kann nicht ohne Strom leben. Ich habe das heute verstanden, als es stark wehte und plötzlich das Licht ausging. Es war 21 Uhr und die Idee, den Rest des Abends ohne Strom und bei Kerzen zu verbringen, erschien mir unerträglich. Um so mehr, dass als ich die Kerzen endlich gefunden und angezündet hatte, sie sich als kümmerliche Stummel erwiesen. Nicht einmal Lesen ging dabei. Ich schrieb auf Facebook, dass ich keinen Strom habe und was nun. Eine Bekannte fragte, wie viel Prozent von der Batterie mir noch bleibt. (Das ist auch bezeichnend, dass ich keinen Strom habe und doch habe ich von ihm genug, um auf Facebook zu schreiben.) Ich überdachtte diese Frage und antwortete: „Im Laptop, Tablet, Handy oder im zweiten Handy?“ Als ich diese Worte schrieb, war mir ihrer doppeldeutigen Aussage bewusst. Als eine in Klimaangelegenheiten engagierte Person sollte ich nicht mit so einer technologischen Zügellosigkeit prahlen. Aber eben weil ich es nicht sollte, habe ich Lust es zu tun. Ich denke doch ständig darüber nach, wie der Stromverbrauch einzuschränken ist. Meistens schalte ich den Computer, das Tablet, das Handy aus, wenn ich sie nicht mehr benutze. Ok, nur ein Handy. Aber immer wieder.

den 15. Dezember

Ich bin immer noch in den Bergen, was meine ökologische Lebensweise unterstützt. Schon den zweiten Tag gehe ich nicht aus dem Haus. Aber ich emittiere ständig CO2, indem ich im Kamin Feuer mache, den Computer benutze usw. Als ich einen nächsten Text zum Thema Nachhaltigkeit, genauer gesagt zur Exkrementenwirtschaft, las, stieß ich auf den Gedanken, dass es unsinnig ist, nach dem Pinkeln zu spülen, nach dem Kacken reicht. Ich war mit dem Gedanken einverstanden, da die Beförderung von Wasser zur Bergspitze nur, um es gemischt mit Urin wieder hinunterzuspülen, ziemlich absurd ist. Die Reflexe sind jedoch stärker. Und ich erwische mich ständig beim Spülen nach dem Pinkeln. Ein langer Weg vom Entschluss zur Umstellung.

den 16. Dezember

Ich muss nach Kielce fahren, weil ich Zeuge in der Sache des Fotos bin, das ich mir mal mit dem Schriftzug „Papst ist Schwanz, Polen Hure“ gemacht habe. Ich weiß nicht, ob sie die Schuldigen finden werden, wenn ich doch keine Ahnung habe, wer diesen Schriftzug gemacht hat. Vermutlich bin ich aber der einzige Zeuge, da das Foto aus Berlin stammt und wenn nicht ich darauf wäre, gäbe es keine Gerichtssache. Das Gute ist, dass ich nicht angeklagt bin. Und doch muss ich unsinnigerweise nach Kielce fahren, was meine Kohlespur vergrößert, ganz zu schweigen von der Kohlespur der Staatsanwaltschaft, die das Erdöl für so sinnlose Angelegenheiten verzehrt.
Für unterwegs habe ich mir eine Schnitte mit Hummus gemacht und den Salat eingepackt, der nach dem Besuch von Tante und Onkel mit Kindern übriggeblieben ist. Ich musste in Krakau umsteigen. Den Krakauer Bahnhof hat man praktisch in ein Einkaufszentrum verwandelt, also kann man sich dort nicht wirklich irgendwo hinsetzen, wenn man nicht in einem Café, Restaurant oder einer Konditorei sitzen will, die zu einer Kette gehört. Schlussendlich fand ich ein Bänkchen, wo ich mich hinducken und die Mahlzeit zu mir nehmen konnte. Ich war sehr stolz auf mich, so etwas Oberpeinliches zu tun, wie das Essen der von Zuhause mitgebrachten Nahrung inmitten eines Handelstempels. Zwar schenkte diesem meinem Widerstandsakt niemand eine besondere Beachtung, aber das ist nicht das Wichtigste. Heute beachtete man ihn vielleicht nicht, aber morgen wird derjenige auf den Gedanken kommen, dass es vielleicht keinen Sinn hat, einen Hamburger zu holen, wenn man doch eine Schnitte von Zuhause mitbringen und es billiger, leckerer und gesünder haben kann.
Die Anhörung dauerte so lange, dass ich nicht einmal Zeit hatte, mir im Vorbeigehen etwas Weiteres zu essen zu kaufen, also nahm ich zumindest keinen weiteren Plastikbeutel mit.

den 18. Dezember

Ich bin zu einer Bekannten nach Cieszyn (Teschen) gefahren, wo mehr Ressourcen vergammeln als daheim in Lubomierz. Zum Beispiel habe ich mir drei paar Socken gekauft nur, weil sie mit der Aufschrift „fuck you“ verziert waren. Es gibt aber eine andere Sache, die mich erfreut (selbstverständlich außer, dass Ausflüge Spaß machen, die Bekannte Spaß macht und es überhaupt nett ist). Also, bei der Bekannten ist die Klospülung kaputt und um zu spülen, genügt es nicht, sie zu drücken, sondern man muss auch das Absperrventil aufdrehen. Dadurch verlangt die Handlung des Spülens einen Augenblick des Nachdenkens, anlässlich dessen ich mich erinnerte, dass das Spülen nach Pinkeln Verschwendung ist und ich es nicht tue. Ich spüle nur nach längeren Sitzungen.

den 19. Dezember

Ich bin einkaufen gegangen und habe den Baumwollbeutel nicht mitgenommen, weil ich nur ein Brötchen und eine Zeitung kaufen wollte. Selbstverständlich kamen aber noch Äpfel, eingelegte Paprika, ein zweites Brötchen dazu und letztlich hatte ich keinen Platz mehr in den Hosen- und Jackentaschen, nahm dennoch den angebotenen Plastikbeutel nicht mit.

den 20. Dezember

Ich bin nach Hause in die Bergen zurückgekommen und überlege, ob sich allein im Haus aufzuhalten, wirklich so ökologisch ist. Ich kaufe sicherlich weniger Dinge, aber die Beheizung von Häusern macht einen schwerwiegenderen Beitrag zur globalen Erwärmung aus als die Herstellung von Plastikbeuteln, die ich manchmal unabsichtlich mitnehme. Der Winter ist zwar besonders warm, aber nicht so warm, dass man im Pullover sitzen könnte. Zum Glück kommt bald meine Familie hierher und es wird energetisch effektiver.

den 27. Dezember

Und schon ist Weihnachten wieder vorbei. Wir haben ganze Tage lang konsumiert, es gelang, Handgreiflichkeiten zu vermeiden, ich bin nur drei mal Faschist genannt worden. Zum Glück war es die Mutter, die das meiste eingekauft hat, also muss ich mir die Mühe nicht machen zu errechnen, wie viel Kohlendioxid wir dabei emittiert haben. Ich habe sie aber ermahnt, als sie versuchte, Plastik im Kamin zu verbrennen. Schließlich haben wir Recycling nicht dafür, mit Abfällen zu heizen. Vermutlich habe ich sie nicht überzeugt und sie heizt weiter mit Müll, nur macht sie es so, dass ich es nicht sehe. Ich mache mir ein wenig Sorgen, ob ich von alldem nicht zugenommen habe, aber zum Glück habe ich den Stoffwechsel eines Fünfzehnjährigen, also gelang es mir, das, was ich gegessen habe, fast so schnell wieder auszuscheiden. Mal sehen, was die Waage im Fitnessstudio zeigt. Sobald es mir gelingt, sie zu erreichen. Nach dem Pinkeln nicht zu spülen, erwies sich schwieriger als ich dachte, aber langsam beginne ich, mich daran zu gewöhnen. Und mich zurückzuhalten.

den 30. Dezember

Ich bin in die Stadt zurückgekehrt und das Problem mit den Plastiktüten kommt wieder auf. Alle wollen sie mir geben, ich bemühe mich abzulehnen, aber es kommt manchmal anders. Nicht immer ist es leicht abzulehnen, manchmal ist es einfacher, sie zu nehmen und mich damit abzufinden. Das heißt, so ist es immer einfacher, trotzdem gebe ich es nicht auf. Zum Glück gibt es in meiner Straße einen Laden, in dem verschiedene Grützen, Backobst, Nüsse und Gewürze in Papiertüten eingepackt werden, also bemühe ich mich, dort einzukaufen. Früher gab es den Laden auch, aber darin arbeitete ein Typ mit einem Nazionalistenshirt, also empfinde ich ein gewisses Unbehagen beim Gedanken, dort einzukaufen. Schließlich kämpfe ich mit der globalen Erwärmung nicht, um den Nationalismus zu unterstützen. Zum Glück wechselte das Personal. Ich weiß nicht, ob ich es schon geschrieben habe, dass ich ein Veganer zu werden beabsichtige. Es wird sicher meine Kohlespur verringern, da die Fleischindustrie ja über zwanzig Prozent der CO2-Emission zu verantworten hat. Beim Gemüsekauf lässt es sich zwar schwer vermeiden, dass das Gemüse in Plastiktüten gepackt wird, aber sicherlich lässt sich das irgendwie lösen. Ich werde mich damit im neuen Jahr beschäftigen. So ein Entschluss.

Übersetzung Małgorzata A. Bartula

10 Dinge, die ich gelernt habe, als ich gegen die globale Erwärmung kämpfte

fot. Anna Novotny

fot. Anna Novotny

Es lässt sich nicht alles aufzuzählen, was ich gelernt und verstanden habe und was mir das Projekt „Wetterstationen“ gegeben hat, aber ich versuche, die zehn wichtigsten Dinge auszuwählen:

1. Ich habe mich daran erinnert, was für ein wichtiges Thema die globale Erwärmung ist und warum die meisten Leute es sonst wo haben. Aber nicht dort, wo sie es haben sollten. Dennoch sitzt es immerhin in ihnen irgendwo und berührt sie irgendwie.

2. Ich habe gelernt, die Trinkflasche überall hin mitzunehmen und auch, dass sie vor dem Betreten des Flugzeugs ausgetrunken werden muss. Sie kann jedoch gleich danach in der Toilette mit Leitungswasser wieder gefüllt werden.

3. Leitungswasser schmeckt gut und ist gesund, trotzdem ziehen die meisten Menschen es vor, Flaschenwasser zu kaufen, das 2000 mal teurer ist und zudem den Planeten mit unvorstellbarer Menge Plastik zumüllt. Dazu gibt es einen hübschen Film.

4. Es gibt so viel Plastik in der Welt, dass ein Großer Pazifischer Müllfleck entstanden ist, über den ein hübscher Film Plastic Paradise entstand. Vom Plastik ernähren sich Albatrosse, was man auf den Fotos von Chris Jordan aus Midway sehen kann, und sie verrecken schließlich daran. Fischen geht es im Übrigen auch ähnlich. Die Population vieler Fischgattungen ist in den letzten vierzig Jahren um 90% gesunken. Und das Essen von Fischen, die Plastik essen, kann zu verschiedenen Krankheiten führen. Zum Beispiel zu Krebs.

5. Industriefarmen sehen auf Satellitenbildern schöner als Gemälde von Salvadore Dali aus. Und sie sind erschreckender. Kein Wunder also, dass der Konzeptkünstler Mishka Henner sie in Galerien ausstellt, man kann sie sich aber auch auf seiner Homepage ansehen.

6. Fleischessen tötet den Planeten. Die Fleischindustrie hat 18% Treibhausgasemission zu verantworten, mehr als der Transport. Um das Futter für die Tiere zu gewinnen, werden Wälder abgeholzt und an ihre Stelle GVO-Monokulturen angebaut. Diese werden mit Pestiziden zugespritzt, was den Tod von Millionen Insekten und Vögel verursacht. Dabei steigt der Fleischkonsum weiter.

7. In den letzten Jahren hat sich die Population wild lebender Tiere um 50% zurückgebildet, dafür ist die Population der Tiere in Käfighaltung, die in ihrem Leben nie Sonne gesehen haben, nie Erde berührt haben, angestiegen. Wir organisieren den Tieren so ein kleines Auschwitz, nur flächendeckend angelegt. Zudem spritzen wir sie voll mit Antibiotika, was zur Folge hat, dass diese bei uns bald aufhören werden zu wirken.

8. Manchmal muss man fliegen, auch wenn es nicht mit unseren tiefsten Überzeugungen zu vereinbaren ist. Dabei glauben manche, dass man nicht fliegen muss. Und ich bin mit ihnen einverstanden.

9. Ich bin toll, klug und inspirierend. Sogar bei Auftritten in London und Berlin. Obwohl ich endlich ordentlich Englisch lernen muss. Oder vielleicht muss ich es nicht? Wenn es so viele ausgezeichnete Dolmetscher gibt. Vielleicht sollte man ihnen die Arbeit nicht weg nehmen. Übrigens ist die auf Polnisch gelesene Poesie wunderschön. Also soll sie vielleicht auf Polnisch bleiben.

10. Alles ist möglich. Und obwohl ich bis jetzt noch auf keine Idee gekommen bin, wie man über die globale Erwärmung schreiben soll, damit das Problem die Eigentümer von Firmen verstehen, die unseren Planeten vergiften sowie die durch sie bezahlten Politiker, werde ich vielleicht noch darauf kommen. Im Übrigen – so weit ich weiß – verstehen sie es jetzt schon. Aber wir üben immer noch keinen ausreichenden Druck auf sie aus, also lohnt es sich, darüber zu schreiben und die Sachlage zu verändern.

Übersetzung: Małgorzata A. Bartula

Glas Wasser

szklankamanche sollen, so heisst es,
beim Anblick des selben Glases Wasser
meinen, es sei halb voll
andere wiederum, es sei halb leer
ich jedoch weiß
dass unabhängig davon
ob es voll oder leer ist
man darin ertrinken kann
oder jemanden ertränken
da es auch solche gibt
die für dieses Wasser bereit wären zu töten
dann gibt es noch jene
für die ein Glas klares Wasser
ein Bild aus dem Fernsehfilm bleibt
bei dem sie nie mitspielen werden
weil die Besetzung schon lange steht
und das Casting nicht die Armen, Hungrigen und Durstigen gewonnen haben
dann gibt es noch die
die dieses Glas
in den Abfluss kippen werden
und nicht einmal daran denken
dass es jemandem das Leben retten könnte
ich selbst gehöre auch manchmal dazu
also schenkt mir Wasser ein
bevor ich vor Durst sterbe
Scherz
auch wenn hier jemand durchaus sterben kann
werde ich es eher nicht sein
sondern sie.

Übersetzung Małgorzata A. Bartula

Den Seetang erinnern wir!

Als ich Kind waIMG_5428malyr, fuhr ich oft mit den Eltern nach Jurata und auf Hela. Ich erinnere nicht viel davon. Das Herumrennen im Wald, die Suche nach Bernstein und braune Algen mit Gasblasen, die man oft am Strand fand. Also diese Algen habe ich fast vergessen. Warum sollte ich mich auch an sie erinnern? Algen sind Algen. Sie sind überall. Zumindest früher waren sie überall.

Jetzt bin ich wieder relativ oft auf Hela. Ich renne nicht mehr im Wald herum, eher gehe ich spazieren, aber schaue auch immer nach, was am Strand gefunden werden kann. Ich habe sogar einen Bernstein dort gefunden, wo es angeblich keine gibt. Es gab auch ein paar verrostete Münzen. Aber den Blasentang (denn so heißen diese Algen) gibt es in der polnischen Ostsee fast nicht mehr. Als ich es erfuhr, fühlte ich mich merkwürdig. Schließlich bin ich nicht allzu alt und erinnere etwas aus der Kindheit, was es heute nicht mehr gibt. Selbstverständlich wandelt sich die Welt um uns herum ständig. Es werden neue Appartementhäuser und Supermärkte gebaut. In diesem Augenblick entsteht hinter meinem Fenster auch ein Mietshaus und verstellt mir die Sicht auf die Weichsel. Ich kann das verstehen. Schließlich müssen Menschen irgendwo wohnen. Aber wen störte der Seetang?

Es gibt verschiedene Theorien. Ein Teil starb aus, weil die Ostsee immer undurchsichtiger und immer verunreinigter wurde. Einen anderen Teil fischte man heraus, um daraus Kosmetika herzustellen. Frau Bogumila nahm in zwei Monaten sechsundzwanzigeinhalb Kilo ab, indem sie ein Nahrungsergänzungsmittel aus dem Seetang zu sich nahm. Auch Schwäne und Krustentiere essen gern Seetang. Kein Wunder, er enthält viel Jod und Mineralien. Nur, dass aus alldem folgt, dass es ihn in der polnischen Ostsee nicht mehr gibt. Es gab ihn und jetzt ist er weg. Bleiben wird er in meiner Kindheitserinnerung sowie auf der Liste der gefährdeten Gattungen. Ein merkwürdiges Gefühl.

Übersetzung Małgorzata A. Bartula

exegi monumentum

pomnikich habe ein Denkmal errichtet
dauerhafter als aus Erz
nur heute
aus einer Plastikflasche
einem Jogurtbecher
einer Bierdose
einem Kaugummi
drei Folienbeuteln
nachdem ich gegessen und getrunken habe
werden sie sich 450 Jahre lang zersetzen
dazu ein paar Verpackungen
keine Ahnung wie lange diese sich zersetzen
bestimmt länger als ich mich
vom Altpapier rede ich nicht
es wird mich nicht überleben
auch wenn ich ein Gedicht schriebe
auf jeder empfangenen
Papiertüte
Tüten sind das eine
Kohlendioxid das andere
10 Tonnen schwarzes Gold
zurzeit in Gasform
kreisen über meinem Kopf
und es ist gut so dass sie kreisen
denn ich hätte sonst keinen Platz für sie
10 Tonnen nur in diesem Jahr
in den vergangenen nicht weniger
300 Tonnen bis ich dreißig werde
und ich habe eigentlich noch nicht vor zu sterben
(auch wenn es manche ab und zu für mich plane)
ein paar ganz schöne LKWs
in der Vorstadt ein Häuschen
aus Kohlendioxid, Abfall und Rauch
und all das ist meins
meins meins meins
my precious
stellt euch vor ich sage es wie Gollum
im Übrigen sehen wir ähnlich aus
ich habe ein Denkmal errichtet dauerhafter als aus Erz
du hast es auch errichtet
jedem sein Mordor
und einigen auch ein Stück des fremden

Übersetzung Małgorzata A. Bartula

UNSERE ENTHÜLLUNG: Ökologie ist Kommunismus!

Merchants-of-DoubtHabt ihr mal darüber nachgedacht, wie es kommt, dass in jedem Artikel oder Film über die globale Erwärmung immer derartige Kommentare auftauchen wie: „Scheiß drauf, nicht der Mensch verursacht klimatische Veränderungen, sondern die Sonnenaktivität. Das haben die Forscher_innen von der NASA bewiesen und der Treibhauseffekt ist eine Ausrede, um an solchen Deppen wie euch Geld zu verdienen!“ Zu dunkler Materie oder Sanktionierung des menschlichen Genoms und anderen wichtigen Entdeckungen der letzten Jahre gibt es solche Kommentare nicht und doch ließe es sich auch über diese sagen, dass sie Ausreden zum Zweck des Geldverdienens durch Wissenschaftler_innen seien. Mehr noch: NASA-Forscher_innen sind sich über die globale Erwärmung einig, haben sogar eine spezielle Internetseite, wo sie erklären, was wie läuft. Als ob das nicht genug wäre, warnen sie in den letzten Meldungen unverblümt vor der nicht aufzuhaltenden Schmelzung der Eisschicht der westlichen Arktis. Was bedeutet, dass bis 2100 der Meeresspiegel um einen Meter steigen wird. Adieu, Danziger Altstadt. Janusz Korwin-Mikke wird euch sicherlich helfen, Dämme zu bauen1.

Was die Aktivität der Sonne angeht, solche Vermutungen gab es in der Tat. Nur, dass die Sonnenaktivität sinkt. Angeklagt wurden auch Vulkane, die angeblich mehr Kohlendioxid ausstoßen als Menschen. Aber sie tun es nicht. Vulkane emittieren etwa 0,3 Tonnen CO2 jährlich aus. Das ist ca. 1% menschlicher Emission und diese überschreitet 36 Mrd Tonnen im Jahr merklich. Als der isländische Vulkan ausbrach und den Flugverkehr Europas lahmlegte, stieß er 300 Tausend Tonnen CO2 täglich aus. Die europäische Luftfahrt verströmt 450 Tausend Tonnen CO2 täglich, vorausgesetzt Vulkane legen sie nicht lahm. Meistens tun sie es auch nicht. Vulkane – Luftfahrt 1:0.

Ich könnte so fortfahren, nur wozu? Wenn jemand den aktuellen Wissensstand erfahren möchte, kann er leicht entsprechende Informationen finden. Es gibt jedoch solche, die nicht wollen, dass die Leute über den Wissensstand im Bilde sind. Sie wollen, dass die Internetnutzer_innen schreiben: “Scheiß drauf, am passiven Rauchen ist noch niemand gestorben.“ Interessanterweise sind das oft dieselben Leute.

Das Buch Merchants of Doubt von Naomi Oreskes und Erik M. Conway erzählt davon, wie einige bekannte und politisch gut positionierte Forscher_innen versuchten, die Öffentlichkeit davon zu überzeugen, dass Rauchen der Gesundheit überhaupt nicht schade, schon gar nicht das passive Rauchen. Das Ozonloch sei kein Problem. Pestizide wie DDT seien, selbst wenn sie Vögel und Insekten töten und Krebs verursachen, sowieso super. Und schließlich, dass die globale Erwärmung nicht existiere und selbst wenn ja, dann nicht infolge menschlichen Tuns. Und selbst wenn sie durch menschliches Tun verursacht wird, solle man nichts unternehmen, da es doch gut sei, wenn wir es wärmer und näher zum Meer haben werden.

Wir sehen, Strategien mussten zusammen mit dem Wissensfortschritt gewandelt werden. So wie man in den 60er Jahren den Zusammenhang zwischen Rauchen und Krebs in Frage stellen und andere Faktoren mit ihm belasten konnte, so ginge das heute schwieriger. Ähnlich verhält es sich mit dem passiven Rauchen. Noch vor einigen Jahren war in Polen die Aussage populär, dass das Rauchverbot in den Kneipen ein Angriff auf die Freiheit sei. Heute hat sich die Mehrheit eigentlich daran gewöhnt, manche freuen sich sogar darüber. Und das ist richtig so. Erst die Lektüre von Merchants of Doubt hat mir klar gemacht, wie sehr passives Rauchen schadet und dass Menschen, die nie eine Zigarette im Mund hatten, im Namen bürgerlicher Freiheiten der Gefahr von Krebs und Krankheiten des Atmungsapparates auszusetzen, einfach dumm ist. Meine Freiheit endet dort, wo deine beginnt. Infolge unfreiwilligen passiven Rauchens sterben jährlich mehrere Tausend Polen. Die Mehrheit von ihnen wird vermutlich keine Gelegenheit haben, all denen zu danken, mit denen sie mal in einer Kneipe saßen. Also sollten die Raucher vielleicht doch lieber vor der Tür frieren.

Ein interessantes Beispiel stellt das Ozonloch dar. Auf die Meldung hin, dass Freon die Zerstörung der Ozonschicht verursache, haben die Konzerne ihre üblichen Kanonen herausgefahren: Sie bezahlten Stiftungen, die erforschen sollten, dass der Sachverhalt noch nicht sicher sei und man weitere Untersuchungen brauche. Im Übrigen sei es natürlich, dass es manchmal weniger und manchmal mehr Ozon in der Atmosphäre gebe. Des weiteren könne man sich auf das Ozonloch einstellen, in dem man Blusen mit langen Ärmeln und Hüte trage. Nebenbei würde dies wesentlich billiger kommen als der Austausch von Kühlschränken und der Verzicht auf Deosprays. Und man hätte es voraussichtlich lange so weiter gemacht, wenn sich Freon nicht als leicht ersetzbar erwiesen hätte. Man konnte andere Gase verwenden, weitere Untersuchungen waren also nicht mehr nötig. Man hörte einfach auf, es zu benutzen.

Wer sind die Verantwortlichen für das Stiften dieser Verunsicherung? Die meisten von ihnen sind bekannte amerikanische Forscher, hauptsächlich Physiker, die ihre prominenten Stellungen während des kalten Krieges erlangt haben: Bill Nierenberg, Fred Seitz, Fred Singer, oder Robert Jastrow. Alle waren sie leidenschaftliche Antikommunisten und Befürworter des freien Marktes. Als dann die Sowjetunion fiel, haben sie einen neuen Feind gefunden: den Umweltschutz. In den Regulierungen, die die Menschen vor den Folgen der Zerstörung der Atmosphäre oder des passiven Rauchens schützen sollten, sahen sie eine neue Verkörperung des Kommunismus. Im Namen des Kampfes mit diesem neuen Gespenst, waren sie bereit zu lügen, zu manipulieren und aufzuwiegeln, dabei ihre einflussreichen, früher erworbenen Beziehungen nutzend. Die von ihnen geleiteten Institutionen wie die Heritage Foundation, das Competitive Enterprise Institute oder das Marshall Institute wurden (und sind es voraussichtlich immer noch) reich durch Konzerne gefördert, denen die Verteidigung des freien Marktes für Tabak und fossile Brennstoffe vor dem Forschungsstand genauso am Herzen lag. Oreskes und Conway schreiben: „Wenn du an den Kapitalismus glaubst, musst du die Forschung angreifen, denn sie zeigt uns die Bedrohungen, die der Kapitalismus auslöst.“

Ihre schwere Arbeit war nicht umsonst. Im Jahr 2006 waren 79% der Amerikaner_innen der Meinung, dass es handfeste Beweise für die Erwärmung der Erde gibt. 2009 ging die Menge auf 57% zurück. Heute teilen diese Meinung 67% der Amerikaner_innen. Gleichzeitig bringt jedes weitere Jahr neue handfeste Beweise. Als ob das wirklich nötig wäre in einer Situation, in der 97% Klimaforscher_innen und alle wichtigen, das Klima untersuchenden Institutionen sich darüber einig sind, dass die globale Erwärmung ein Fakt ist. Dürren, Hochwasser, Hurrikans und andere sich verstärkende, extreme Wetterphänomene sollten auch diejenigen zum Nachdenken verleiten, die Hitze mögen.

Währenddessen verlangen die Meteorologen Supercomputer, die sie vorausberechnen ließen, wann 40 Meter hohe Wellen herannahen werden. „10 Jahre nach der Unterzeichnung des Kioto-Protokolls, der internationalen Vereinbarung über die Reduktion von Treibhausgasemission und das Entgegenwirken der globalen Erwärmung, besteht das Problem nicht in der Sicherstellung, dass die globale Erwärmung tatsächlich stattgefunden hat. Sie ist bereits unumkehrbar, deshalb muss man sich darauf einstellen“ – so der Kommentar von Dr. Jennifer Vanos von der Texas Tech University zu einer von der Weltorganisation für Meteorologie ausgerichteten Konferenz. Ich weiß nicht genau, wie man sich auf 40 Meter hohe Wellen einstellen kann. Surfen lernen? Vermutlich wird sich das Mantra der Anpassungsnotwendigkeit jedoch wiederholen. Weil das irgendjemandem so passt. Indem wir uns auf die Veränderungen einstellen, müssen wir weder nach Ursachen noch nach deren Verantwortlichen fragen. Bezeichnenderweise handelt es sich um eine Buchrezension und keinen Bericht aus einem Gerichtssaal. Und doch zeigt die Menge gesammelter Daten deutlich, dass wir mit globaler Manipulation zu tun haben. Auch kennen wir Leute, die für deren Verbreitung verantwortlich sind. Es sieht also doch danach aus, dass die Redefreiheit auch eine Lügenfreiheit sichert.

Selbstverständlich, wir sollten uns den Klimaveränderungen anpassen, aber gleichzeitig müssen wir auch gegen ihre Ursache kämpfen, gegen die Emission von CO2. Der Vorschlag einer Anpassung ohne eine wesentliche Emissionsreduktion ist wie einem Krebskranken zu sagen, er solle sich auf die Krankheit einstellen, da seine Behandlung unrentabel sei und unsere Konkurrenzfähigkeit verringere. Die Rechte zögert im Übrigen nicht, so zu reden.

Sie hat auch recht damit. Krankenbehandlung ist unrentabel, es wäre billiger, wenn sie gleich sterben würden. Oder vielleicht teurer? Wenn man errechnet, um wie viel das Bruttoinlandsprodukt steigen könnte, wenn sie nicht an Krebs sterben würden, dann könnte sich herausstellen, dass das gar nicht so billig ist. Vorerst jedoch bleibt die Frage futurologisch, was billiger käme, Danzig näher an Zentralpolen zu verlegen oder doch vielleicht den Verbrauch von fossilen Brennstoffen einzuschränken, nun wird es sich jemand in Zukunft sicherlich mal errechnen können. Vorläufig bleiben uns Spekulationen und die Medienpropaganda der Konzerne, denen Danzig, Tuwal und Bangladesch am Arsch vorbeigehen, denn sie wollen hier und jetzt verdienen. Zweifel zu streuen ist ein ertragreiches Geschäft und eine populäre Strategie geworden. Aus der Erfahrung gelernt, dass einige gut positionierte Forscher_innen genügen, um einen beachtlichen Teil der Öffentlichkeit zu überzeugen, dass sich die Wissenschaft zu einem Thema nicht sicher ist, zögern die Konzerne nicht, sich dieses Wissens zu bedienen. Menschen mit Zweifeln lassen sich leichter manipulieren. Wenn du nicht weißt, was gut und was schlecht ist, wird es leichter, Leckeres/Billiges/Einfaches/Cooles zu wählen. Just do it!

Es ist eine gewisse Ironie, dass die mit der Lektüre von 1984 aufgewachsenen, antikommunistischen Wissenschaftler_innen so perfekte Instrumente medialer Propaganda geschaffen haben. Rapporte, aus denen entweder unbequeme Fakten verschwinden, oder die bei Iloyalität gar nicht veröffentlicht werden. Konferenzen, die Wissenschaftlichkeit vorgeben und durch Werbung für Energieindustrie gesponsert werden. Und das vielleicht beste Instrument dabei: die Darstellung beider Seiten der Medaille. Die Überzeugung, dass es über die globale Erwärmung einen Streit im Kreis der Wissenschaft gibt, stellt eine zweifelsfreie Leistung dieser Partei dar. Die Medien leiden bis heute an dieser Krankheit, indem sie zu Diskussionsrunden Klimaskeptiker_innen einladen. Obwohl sie genauso gut die Anhänger_innen der Theorie von der flachen Erde einladen könnten. Merkwürdig eigentlich, dass sie es noch nicht tun. Das wäre eine echt faszinierende Diskussion. Ich würde zuschauen.

Eine gewisse Treffsicherheit der Intuition darf den Antikommunisten_innen jedoch nicht abgesprochen werden. Die Ökologie ist wie der Kommunismus. Sie zeigt uns die offenkundige Niederlage des freien Marktes. Ganz enthemmte Marktspieler_innen verursachen Wirkungen, die die neoliberale Ökonomie nicht berücksichtigt. Wenn zu den Kosten billiger Energie die Kosten der Umweltverschmutzung, Krankheiten oder extremer Wetterphänomene dazu gerechnet werden, könnte schnell klar werden, dass sie gar nicht so billig ist. Oder vielleicht gar nicht rentabel. Die Ökologie zeigt, ähnlich wie der Kommunismus, welcher Ausbeutung unser Planet ausgesetzt wird. Einer Ausbeutung, die mit einer Revolution enden könnte. Globale Erwärmung als Rache der Natur? Ich mag so darüber zu denken.

Übersetzung: Małgorzata A. Bartula

1Janusz Korwin Mikke ist konservativer Politiker mit radikal liberaler Wirtschaftsauffassung, Parteiführer von Kongres Nowej Prawicy (Kongress der Neuen Rechte), aktuell Europaabgeordneter, bekannt für seine kontroversen Aussagen

Monika Olejnik schreibt ein Gedicht über die globale Erwärmung und kettet sich damit ans Tor des Kraftwerkes Belchatow an.

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Belchatow – Tagebau und Kraftwerk Quelle: Greenpeace, Bogusz Bilewski/flickr

Wir leben in einem Land, in dem 2012 etwa 85% der Stromenergie aus der Kohleverbrennung stammten und nichts (außer der nicht allzu strengen Anweisungen der Europäischen Kommission) deutet darauf hin, dass sich das schnell ändern sollte. Derweil ist die Luftverschmutzung der größte Mörder unserer Zeit und die Kosten, die infolge des negativen Umwelteinflusses auf die Gesundheit der Polen entstehen, erreichen laut Schätzungen der Europäischen Umweltagentur  mehrere Dutzend Milliarden Zloty jährlich. Kurz gefasst: Wir geben Milliarden für den Kohlebau und die Kohleverbrennung aus, um dann Milliarden für die medizinische Behandlung von Menschen und die Rettung der Umwelt auszugeben. Selbstverständlich nicht jeder Umwelt und nicht aller Menschen. Manche sterben einfach. Das Geld reicht nicht für alles aus. Zumal wir es für die Förderung der Kohleenergiewirtschaft ausgeben müssen.

Obwohl sich die meisten Polen über das Bestehen des Problems der globalen Erwärmung im Klaren sind, glauben sie nicht, dass es für sie eine unmittelbare Bedrohung darstellt. Vermutlich um den Leuten die Laune nicht zu verderben, entschieden sich die polnischen Medien, den kürzlichen Rapport der amerikanischen Regierungskommission zur Untersuchung von Klimaveränderungen nicht zu erwähnen. Damit auch die Mitteilung, dass heute schon zahlreiche Folgen der globalen Erwärmung die Einwohner der USA schmerzlich treffen. Überschwemmungen, steigender Wasserspiegel, Hurrikans, Seestürme, Dürren und Waldbrände sind nur einige der dort erwähnten.

Vermutlich um den Polen die Laune nicht zu verderben, berichteten die Medien in keiner besonders ausgiebigen Weise, dass die polnische Regierung letztes Jahr ein Dokument zum Kampf gegen Klimaveränderungen verabschiedet hat, aus dem wir erfahren, dass die Schäden, die im Zuge der sich verstärkenden extremen Wetterphänomene in Polen 2011-2020 86 Milliarden Zloty betragen können. Um so mehr beunruhigen in diesem Kontext die Worte des Ministerpräsidenten Tusk, dass „die Kohle das strategische Fundament der energetischen Sicherheit des Landes sein soll.“ Ein Fundament, das uns Dürren und Hagelschläge spendiert, ist wohl ein schwaches.

Und doch sind die Fundamente der Nationalsicherheit offensichtlich nicht so wichtig wie der Laptop von Sylwester Latkowski. Mir ist es nicht bekannt, dass Journalisten im Kampf um eine tatkräftigere Klimapolitik mindestens so entschieden wären wie Monika Olejnik in der Sache des Laptops des Chefredakteurs von „Wprost“. Es sei denn, eben dieser enthält neben den Aufnahmen von Tusk auch einen Plan, was mit der polnischen Energieindustrie zu tun sei. Irgendwie glaube ich es aber nicht. Und doch ist die Vorstellung angenehm, wie sich eine Journalistin an die Tore des Kraftwerkes Belchatow ankettet.

Obwohl sich die polnischen Journalisten mit der globalen Erwärmung nicht wirklich befassen mögen und das Niveau der politischen Reflexion zu dem Thema auf dem Niveau der Ministerin Elżbieta „So ein Klima” Bieńkowska verbleibt, bedeutet das nicht, dass sich gar niemand damit befasst. Neulich hat Greenpeace einen Bericht unter dem Titel „Die verdeckte Kohlerechnung“ veröffentlicht. Wir erfahren daraus u.a., dass „in den Jahren 1990 und 2003 die Beihilfe für den Kohlebau sogar 2% des Bruttoinlandsproduktes betrug, also fünf mal mehr als die jährlichen staatlichen Ausgaben für Bildung, Forschung und Entwicklung“, und dass der Gesamtbetrag der Beihilfen und Subventionen für die Kohleförderung 1990-2012 bei etwa 69 Milliarden Zloty lag. Es wundert mich nicht sonderlich. Schließlich müssen wir nicht alle lernen, aber alle möchten billige Energie haben. Das Problem besteht jedoch darin, dass billige Energie nur theoretisch billig ist. Mit jedem Jahr kostet sie uns immer mehr.

Darüber im Klaren, könnten wir anfangen, irgendetwas damit zu machen. Wir machen auch bereits etwas, nur dass die Kohlebeihilfe immer noch wesentlich höher liegt als die für erneuerbare Energien. „Alle öffentlichen Zuwendungen für die Förderung des Ausbaus erneuerbarer Energien in Polen 2005-2012 können (…) auf etwa 19 Milliarden Zloty geschätzt werden. Dies ist um ein Vielfaches weniger als für die Kohleenergiewirtschaft, die zur selben Zeit etwa 40 Milliarden Zloty, oder für den Kohlebergbau, der 38 Milliarden bekommen hat.“ In Anbetracht dessen, dass es in Polen kaum Politiker gibt, die eine andere Auffassung der Energiesicherheit als Tusk vertreten, wird man die Kohle noch mehr fördern, damit sie mit der aus Russland oder China konkurrieren kann. Nicht ohne Grund kämpft Kompania Węglowa, der größte Kohlekonzern Europas, unentwegt mit Hindernissen und generiert laufend Verluste. Indessen investiert China auf Teufel komm raus in die Solaranlagen, wird aber wohl auch an jemanden Kohle verscheuern wollen.

Aus dieser Perspektive betrachtet, scheint die Umstellung des Marktes auf erneuerbare Energiequellen und die Feststellung, dass eben diese Polen energetisch unabhängig machen,  logisch zu sein. Um das zu propagieren, beschloss Greenpeace anlässlich des Besuchs von Barack Obama eine Aktion zu organisieren, während derer man das Transparent „Unabhängigkeit – wahre Leader wählen erneuerbare Energiequellen“ aushängen wollte. Im Rahmen der Feierlichkeiten zur 25-jährigen Unabhängigkeit beschlagnahmte BOR (Anm. Übersetz.: Büro für Regierungsschutz) das Transparent und vereitelte die Aktion. Wahre Leader wählen leistungsfähige Abschirmdienste. Wundert es jemanden, dass der Abhördienst eine bessere Presse in Polen hat als erneuerbare Energie?

Wie man während der Pressekonferenz „Lässt der Russland-Ukraine-Konflikt Europa auf den Kohlegrund sinken?“ erfahren konnte, fehlt sogar „der politische Wille, ein Gesetz über OZE (Anm. Übersetz.: erneuerbare Energiequellen) zu verabschieden. Die Regierenden lassen sich nicht einmal  von den durch die Europäische Kommission bei Nicht-Umsetzung der EU-Vorschriften verhängten Geldstrafen mobilisieren. Diese werden letztendlich jedem Polen zu Last gelegt (es sollen 133.000 Euro pro Tag des Verzugs im Umsetzen erneuerbarer Energiequellen sein).“  Die Richtlinie ist von 2009, die Frist lief im März 2011 ab. Hat jemand einen Taschenrechner? Eine Million Euro pro Woche, es sind schon drei Jahre um. Mathematik ist ein schweres Fach. Aber jemand im Sejm könnte es ja beherrschen.

Im Übrigen war die gesamte Konferenz ganz interessant. Es stellt sich heraus, dass wir Experten haben, die wissen, was zu tun ist, um die Lage zu verbessern, und Politiker, die es tun wollen. Gleichzeitig deutet nichts darauf hin, dass sich in der polnischen Klimapolitik demnächst etwas ändern sollte. Selbst wenn es gelingt, die Regierung zu stürzen. Weil sie wieder von den Falschen gestürzt werden würde.

Übersetzung: Małgorzata A. Bartula

Australien 6 – Wicked World

DSC01759aZoobesuche haben mich schon immer bedrückt, aber der Ausflug zu den Victoria Zoos war besonders traurig. Schon allein die Tatsache, dass Tiere in Käfigen gehalten werden, damit Menschen sie anschauen können, ist ziemlich deprimierend. Wenn wir aber noch die Tatsache dazu addieren, dass diese Tiere schlicht aussterben, wenn sie nicht in Käfigen gehalten werden, möchte man überhaupt nur noch morden & vergewaltigen. Leider ist Morden und Vergewaltigen keine Lösung. Sogar ein Gegenteil davon. Eben weil die Menschheit gern mordet und vergewaltigt (verschiedene Gattungen, die eigene selbstverständlich auch, obgleich nicht am liebsten), sind viele Tiere ausgestorben und weitere stehen Schlange. Die Schlange ist lang, wird aber immer kürzer. Der Homo sapiens ist ein effektives Raubtier. Und das Aas mag er besonders gern. Das weiß ich, weil ich es selbst mag. Ich bemühe mich aber um Zurückhaltung.

DSC01768aNach dem Anschauen des Hörnchenbeutlers, von dem man glaubte, er sei ausgestorben, aber kürzlich einige sich auf Bergspitzen versteckende Exemplare entdeckte und Wissenschaftler sich jetzt um dessen Rückführung in die Natur bemühen, sowie nach der Fütterung des orangenen Mönchsittichs, von dem in freier Natur etwa 50 Exemplare übrig geblieben sind, dreimal so viel in Käfigen gezüchtet und jährlich heraus gelassen werden, sind wir essen gegangen.

DSC01761aSeit einigen Jahren esse ich kein Fleisch, seit etwa einem Jahr auch kein quasi Fleisch, also keinen Fisch und keine Meeresfrüchte. Es ist nicht immer einfach. Als gestern im Restaurant ein Kollege fragte, ob sie etwas Vegetarisches hätten, bot der Kellner der Reihe nach einen Hähnchensalat, einen Krevettensalat und Austern an. Zum Glück hatten sie auch Knoblauchbrot und irgendeinen Salat, den sie normalerweise als Beilage servieren, der aber ganz in Ordnung war. Ich würde doch vom Restaurant in einem Zoologischen Garten, in dem man sich vor allem mit dem Retten von Tieren beschäftigt, keine solchen Probleme erwarten. Falsch. Das einzige warme, fleischlose Gericht dort waren Pommes. Zum Glück mag ich Pommes. Aber unter anderem deshalb denke ich, dass es für uns keine Rettung gibt.

DSC01888aAlle mögen Fleisch. Es ist gesund. Es hat viele Vitamine und Multimineralien. Es gibt Energie. Und Optimismus. Du isst ein Steak und fühlst dich gleich besser. Manche glauben sogar, dass Fleisch besser ist als Sex. Ich weiß nicht, ob es diejenigen sind, die keine Chancen auf Sex haben. Ich habe keine Untersuchungen durchgeführt. Vermutlich nicht nur. Fleisch mögen Erwachsene und Kinder, Große und Kleine. Polen und Amerikaner. Deutsche und Iren. Chinesen und Indonesier. Na wirklich, fast alle! Und es ist gewissermaßen nichts Böses dabei. Selbstverständlich außer dem Leid und dem Töten von Tieren, die leiden und fühlen genauso wie wir. Selbstverständlich verstehe ich es aber, wenn man dazu abgefuckt steht. Die Welt ist ein grausamer Ort. Das Leiden ist nicht zu vermeiden. Also serviert mir ein Steak, da ich vor Hunger sterbe. (Ernsthaft? Stirbst du vor Hunger? Manchmal denke ich, es wäre besser, wenn du stirbst, und dann bemühe ich mich, wieder nachsichtig zu sein.)

DSC02102aDas Leiden ist das eine, die Ökonomie das andere. Zu dem Leiden kann man abgefuckt stehen.
Mit der Ökonomie ist es schon etwas schwieriger. Wenn alle auf der Welt so viel Fleisch essen wollten wie die Amerikaner, bräuchten wir sechs solche Planeten wie die Erde, um eine für die Fütterung aller dieser künftigen Steaks (vorläufig in Kuhform) ausreichende Menge Getreide anzubauen. Hmm. Wir haben wohl keine sechs Planeten. Hmm. Die Mehrheit der Menschheit würde wohl so viele Steaks essen wollen wie die Amerikaner. Hmm. Wir haben wohl ein Problem.

Das Fleisch ist nicht nur schmackhaft und gesund, es ist auch ein Statussymbol. Bling! Bling! Reichtümer! Die Armen essen Linsen, der Reiche kann sich Foie gras leisten. Und schon wieder ist daran selbstverständlich nichts Böses, außer, dass man Gänse und Enten mästet, indem man ihnen eine Röhre in den Rachen schiebt, um die Produktion zu optimieren. Es gibt jedoch ein anderes Problem.

In China und in Indonesien verdienen immer mehr Menschen immer mehr Geld. Was selbstverständlich super ist. Aber es kann schwerwiegende Probleme generieren. Reiche Menschen wollen mehr Steaks essen. Damit sie Steaks essen können, muss man mehr Kühe züchten und sie mit mehr Getreide füttern. Dabei ist die Getreidemenge, die wir in der Lage sind, zu produzieren, beschränkt. Frage: Wer bezahlt mehr fürs Getreide? Die Kinder aus Afrika? Oder die Chinesen, die Lust auf ein Steak haben? Ich setzen auf die zweiten. Chinesen sind tüchtige Leute. Und die Kinder aus Afrika verfügen über eine immer noch schwache Verhandlungskraft. Eine Rätselfrage: was passiert, wenn das Getreide so sehr verteuert wird, dass sich das Prekariat in Marokko, Ägypten oder Syrien kein Brötchen mehr wird leisten können? Die Antwort: Wir haben es vor einigen Jahren sehen können und können es weiterhin beobachten. Eine der Ursachen des Arabischen Frühlings sind steigende Lebensmittelpreise. Und die Lebensmittel werden unter anderem deshalb teurer, weil man mit irgendetwas die Kühe füttern muss. Das Prekariat Afrikas wird dafür nicht so viel bezahlen wie die staatlich geförderten amerikanischen Farmer. Und die Menge des Getreides ist beschränkt.
Habe ich schon geschrieben, dass es Krieg geben wird?

Eher nicht. Also schreibe ich es. Es wird Krieg geben. Und sobald er da ist, schreibe ich: Habe ich es nicht gesagt? Und vielleicht genehmige ich mir dann wieder ein Steak.


Übersetzung Małgorzata A. Bartula

Australien – 3

DSC01675aOb wir den Leuten die ganze Hoffnung nehmen sollten? Ich denke darüber seit ein paar Tagen nach. Weil die Hoffnung das schlimmste ist. Und – wie man weiß – stirbt sie als letzte. Aber vielleicht ginge es, sie auf irgendeine clevere Weise kaputt zu kriegen. Meuchlerisch zu vergiften. Anzugreifen, wenn sie uns den Rücken zuwendet. Solange wir Hoffnung haben, ist nicht viel auszurichten. Ich stelle mir zum Beispiel vor, dass so ein Obama alle nötigen Daten besitzt. Auf hübschen und bildhaften Diagrammen haben es ihm Wissenschaftler aufgezeichnet: soundso viel steigt die Menge CO2 und um so viel der Spiegel der Ozeane. Hier verabschieden wir Hawaii, da verwandelt sich die Stadt New York in ein neues Venedig. Obama sitzt also am Schreibtischlein, schaut auf all das und weint, danach genehmigt er der Rüstungsindustrie weitere Milliarden. Und was denkt er sich dabei? „Scheiß drauf, dass Louisiana überschwemmt wird, ich habe die Gegend noch nie gemocht, Hauptsache, wir machen in der Wüste ein paar Typen mit Latschen platt. Sie sind ja diejenigen, die amerikanische Träume gefährden und nicht etwa die Brüder Koch und das ungebremste Verlangen nach Fleischverzehr.“ Also nein, ich glaube nicht, dass er so denkt. Eher vermute ich, dass der General Keith Alexander zu ihm kommt und erklärt: „Mach dir gar keine Sorgen, Alter. Schon bald lassen wir uns ein perpetuum mobile einfallen, wir werden eine unbeschränkte Energiequelle haben und dann wirst du allen Ölbaronen den Stinkefinger zeigen können. Vielleicht gelingt es dir sogar, diese deine ganze Obamacare einzuführen, obwohl ich ehrlich nicht weiß, wozu der Scheiß.“

Und was denken einfache Leute? Die, die ich traf, denken zum Beispiel, dass Wissenschaftler übertreiben. Schließlich ist es gar nicht so lange her, als sie prognostizierten, dass London von Tonnen an Scheiße überschwemmt werden würde, da es dort so viele Pferdekutschen geben wird. Und was kam? Man erfand Autos. Die Wissenschaftler könnten nun sagen, dass London auch jetzt eine Welle Scheiße überschwemmt, nur in Gasform. Schon bald kann die Luftverschmutzung das Rauchen überholen als die Hauptursache von Lungenkrebs, Asthma und chronisch obstruktiver Lungenerkrankung. Wir haben ja aber bereits festgestellt, dass die Wissenschaftler übertreiben. Zum Glück gibt es noch andere tapfere Wissenschaftler, die anstatt zu übertreiben und den Leuten die Hoffnung zu nehmen, tapfer an neuen, bildhübschen Atomreaktoren arbeiten. Oder sogar an noch fetteren Teilen. Wir haben zumindest diese Hoffnung. Also vielleicht sollte man sie uns wirklich nehmen?

DSC01687Die Leute denken auch, es sei unmöglich, dass der Mensch in so kurzer Zeit so viel Schaden in der Natur anrichtet. Dafür seien wir einfach zu schwach. Es könne schon sein, dass die Ozeane in die Höhe gehen, aber es sei schon immer so gewesen, dass die Welt sich veränderte. Vielleicht sterben tatsächlich weitere Gattungen aus, aber irgendetwas müsse man ja essen. Ausgerechnet hier stimme ich den Leuten zu. Man kann den Leuten schlecht verbieten zu essen. Auch wenn man es manchen sicherlich verbieten sollte. Nur weiß man leider bei denen, denen man es verbieten sollte, nicht wie. Wir kriegen es nicht einmal hin, sie zu besteuern, geschweige denn sie zu einer Diät anzumelden. Leichter ist es, den Armen etwas zu verbieten. Und das ist erst recht widerlich.

Ohne weit zu suchen: Die australische Regierung bemüht sich darum, den Leuten das Rauchen zu verleiden. So kostet eine Schachtel Zigaretten etwa 50 Zloty. Ich wollte es nicht glauben, weil die Herstellung einer Schachtel Zigaretten ungefähr 50 Groschen kostet (in Australien, bei den hohen Arbeitskosten, vielleicht 1 Zloty). Sie kostet hier aber wirklich so viel. Einem Reichen ist das zwar egal. Für einen Armen kann es jedoch schon eine beträchtliche Ausgabe darstellen. Wodurch ein Teil der Leute möglicherweise tatsächlich das Rauchen aufgibt. Soweit ich aber weiß, gibt es hier dem Erdölverbrennen gegenüber keine so strengen Restriktionen. Witzig, dass eine Regierung, die geradewegs darauf zu geht, das weltweit älteste Korallenriff in 30 Jahren in Kalk zu verwandeln, sich so sehr um die Gesundheit ihrer Bürger kümmert. So sehr für sie sorgt, dass ihr aus der gesamten belebten Natur bald nur die Bürger mit gesunden Lungen übrig bleiben. Na, mit vielleicht ein wenig kranken Lungen wegen verpesteter Luft. Wenigstens aber nicht wegen des Rauchens.

Oder ist es vielleicht einfach leichter, Zigarettenraucher als Erdölverbrenner zu besteuern? Letztlich ist es irgendwie gelungen, das Bewusstsein für das Böse am Tabakrauchen durchzukriegen. Vielleicht wird also das Bewusstsein, dass das Verbrennen von Erdöl auch keine so glänzende Idee ist, das Volk schließlich erreichen? Der Dreh besteht darin, dass man sich ein Leben ohne Zigaretten vorstellen kann (weltweit tun es täglich Milliarden von Menschen), ein Leben ohne Erdölverbrennung aber nur schwer vorstellbar ist. Vielleicht schaffen es ein paar Kerle mit Latschen in der Wüste. Vermutlich aber auch nicht. Schließlich sind ihre Latschen aus irgendetwas gemacht. Sofern es keine Menschenhaut ist, ist es vermutlich Erdöl.

Unterdessen gehe ich ein Bier trinken. Ein koreanisches, weil es hier das billigste ist. Offensichtlich ist es billiger, das Bier aus Korea zu beziehen, wo die Arbeitskosten niedrig sind. Die Luftverschmutzung kriegen wir gratis. Die Luft ist aber schließlich auch umsonst. Vielleicht sollte sie es also nicht mehr sein?
Übersetzung Małgorzata A. Bartula