„Wir sind noch hier“: Reue, das nationale Bewusstsein und unser Land

In letzter Zeit hatte ich das Glück, die Freundschaft und Weisheit anderer Aborigines zu erleben, die sich für die Anerkennung unserer Kultur und Geschichte einsetzen und gleichzeitig für den Schutz der Umwelt sowohl für Aborigines als auch für die breitere Gesellschaft kämpfen. In einem Gespräch mit meinem guten Freund Bruce Pascoe konstatierte dieser jüngst das Fehlen jeglicher echter Reue im kolonialen Bewusstsein. Er meinte damit nicht die vorübergehenden Schuldgefühle, die manche weiße Australier in Bezug auf den Diebstahl von Aborigine-Land und die Geschichte der Gewalt gegen unsere Völker empfinden. Ich glaube, dass Bruce über etwas viel Grundlegenderes nachdachte. Eine entspannte und komfortable Haltung zur Kolonisierung Australiens erfordert kaum echtes Denken, von einer Verantwortung für die Sünden der Vergangenheit ganz zu schweigen. Echte Reue würde den Menschen zwar mehr abverlangen, hätte aber unschätzbare Auswirkungen für alle Australier. Zur Reue gehört die Reflexion. Zur Reue gehören Anerkennung und – mit entsprechendem Willen – gegenseitiger Respekt. Das war es, was Bruce meinte.

[Abbildung 22 – Hanging Rock, Victoria, Australien]

[Abbildung 22 – Hanging Rock, Victoria, Australien]

Ich sehe einen engen Zusammenhang zwischen diesem Mangel an Reue, dem daraus resultierenden fehlenden Nachdenken und Australiens rückschrittlicher Haltung zum Klimawandel im Allgemeinen und zum Verfall unserer Umwelt im Besonderen. Ich sehe zudem einen klaren Zusammenhang zwischen dem mangelnden Willen zum Umweltschutz und dem Missbrauch von Aborigine-Land durch die australische Regierung. Gleichzeitig ist ein Missbrauch der kulturellen und souveränen Beziehung der Aborigines zu ihrem Land letzten Endes ein Angriff auf alle Australierinnen und Australier.

Die australische Regierung versucht derzeit, den Welterbestatus von 74.000 Hektar Urwald in Tasmanien aufzuheben, um die Abholzung wieder zu ermöglichen. Durch die Aufhebung des Welterbestatus werden wichtige heilige Stätten der Aborigines im Welterbe-Gebiet erneut unter Bedrohung stehen. Das ist eine Schande. Wenn man die Geschichte von Gewalt und wiederholten Versuchen von Enteignung und Auslöschung bedenkt, der sich die Aborigines in Tasmanien ausgesetzt sahen, würde man hoffen, dass die breitere Gesellschaft eine Fortsetzung dieser Gewalt nicht zulässt. Wenn wir eine wahrhaft reumütige Nation wären, würden gebührende Rücksichtnahme und Reflexion hoffentlich zu einer besser informierten Haltung führen. Aber in einem Land, das für die Rechte der Aborigines nur Lippenbekenntnisse übrig hat, ist ein solches Denken nicht möglich.

Gestern Morgen las ich in der Zeitung (The Age – 14. Juni 2014) einen Essay von Andrew Darby über den Mut von Ruth Langford und Linton Burgess, zwei Aborigines, die neben vielen anderen darum kämpfen, ihr Land zu retten und den Welterbestatus des Regenwalds mit seinen wichtigen kulturellen Stätten zu bewahren. Als das Paar kürzlich das Gebiet besuchte, rief es „die Ahnen an … wir ließen sie wissen, dass wir noch hier sind.“

Wir sind noch hier

Man bedenke für einen Moment den fundamentalen Mut dieser Aktion. Man bedenke, dass die Aborigine-Nationen jenes Landes, das von den britischen Kolonialherren später Tasmanien genannt wurde, seit mehr als 200 Jahren aktiven Genozidversuchen Widerstand leisten und auch heute unbeugsam bleiben, um sowohl ihre Vorfahren als auch ihre Kinder zu schützen. Ruth Langford, Linton Burgess und die Aborigines von Tasmanien sind für Aborigines in ganz Australien Helden. Sie sollten in ihrem Kampf darum, ihr Land und die Umwelt zu schützen, eigentlich von der gesamten Nation als Helden betrachtet werden. Denn sie schützen gleichzeitig auch unseren Planeten.

Nächste Woche wird Ruth Langford in dem Bemühen, den Vorstoß der australischen Regierung zu stoppen, zusammen mit Wissenschaftlern und Umweltschützern am jährlichen Treffen des Welterbekomitees in Doha, Katar, teilnehmen. Ich wünsche ihr und ihrem tapferen Volk viel Erfolg – es war, ist und bleibt unser Land.

Tony Birch

Aus dem Englischen übersetzt von Elisabeth Meister

Das australische Footscray City College sagt G’day

Von Tony Birch

Image: Footscray City College – oh so cool (behauptet jedenfalls Tony Birch)

Footscray City College – oh so cool (behauptet jedenfalls Tony Birch)

Das australische Footscray City College sagt G’day!

Das australische Footscray City College ist eine staatliche Schule westlich der Innenstadt von Melbourne. An unserer Schule gibt es 46 verschiedene Nationalitäten und beinahe 1000 Schülerinnen und Schüler. Sie blickt auf den Maribyrnong River, einen der großen Wasserläufe von Melbourne. Wir sind eine enthusiastische Gruppe von 14- und 15-Jährigen mit einigen fantastischen, engagierten Lehrerinnen und Lehrern. Wir erkunden die Stadt Melbourne ebenso wie die Naturräume, die die Stadt umgeben.


Diesen Film haben wir an unserem ersten Tag mit Weather Stations erstellt

Unsere Gruppe arbeitet mit Tony Birch und dem Wheeler Centre for Books, Writing and Ideas (Wheeler-Zentrum für Bücher, Schreiben und Ideen) zusammen, um sowohl unsere Texte als auch unser Wissen über den Klimawandel zu verbessern. Tony hat mehrere Bücher geschrieben, darunter Shadowboxing und Blood. Das Wheeler Centre organisiert öffentliche Vorträge und Veranstaltungen zu einer Reihe von Themen, darunter Schreiben, Klimawandel und mehr.

Unser Ziel ist es, die Menschen dazu zu animieren, über den Klimawandel und seine möglichen Auswirkungen auf uns in unseren eigenen Stadtteilen, Straßen und Häusern zu sprechen. Wir möchten, dass Menschen überall auf der Welt wissen, dass wir über das Problem nachdenken und gemeinsam nach Lösungen suchen. Wir möchten nicht nur, dass die Leute über den Klimawandel nachdenken, wir wollen sie auch zu Taten herausfordern.

Wir freuen uns darauf, unsere Arbeiten im September in Berlin mit allen anderen Substationen zu teilen!

 – Die Schülerinnen und Schüler der Substation Footscray City College

 

Aus dem Englischen übersetzt von Elisabeth Meister

Engel mit gebrochenen Flügeln

[Abbildung 10 – Engel mit gebrochenen Flügeln, Friedhof von Carlton, Melbourne, Australien]

[Abbildung 10 – Engel mit gebrochenen Flügeln, Friedhof von Carlton, Melbourne, Australien]

Heute ging ich mit meiner Hündin Ella auf den Friedhof. Sie ist elf Jahre alt, hat eine kaputte Hüfte und zieht ihr Bett einem ordentlichen Spaziergang vor. Wir hatten uns aufgemacht, um das Grab meiner Großmutter zu besuchen. Sie starb 1996 im Alter von 88 Jahren. Sie hatte ein erfülltes Leben, wie man zu sagen pflegt. Geboren auf Cape Barren Island in der Bass Strait, zwischen Victoria und der Insel Tasmanien, wurde meine Großmutter als Baby in ein Waisenhaus auf dem tasmanischen Festland gebracht. Mit zwölf Jahren haute sie über die Meerenge nach Victoria ab. Sie heiratete zweimal, hatte sieben Kinder und gab Al-Jolson-Imitationen zum Besten, wenn sie getrunken hatte.

Sie liegt neben ihrem Mann, meinem Großvater Patrick Corcoran, begraben. Er war ein irischer Katholik, der hart arbeitete und eines Nachmittags im Jahr 1953 von der Arbeit nachhause kam, ins Badezimmer ging, sich die Kehle aufschlitzte und verblutete. Im selben Grab liegt auch mein Onkel Michael Anthony Corcoran begraben, der 1963 im Alter von nur achtzehn Jahren ermordet wurde. Ich habe meinen Großvater selbstverständlich nie kennen gelernt, aber ich erinnere mich gut an Michael. Er war fröhlich, frech und der Liebling meiner Großmutter.

Auf dem Friedhof ließ ich Ella an den Grabsteinen herumschnüffeln, während ich das Familiengrab pflegte. Ich jätete Unkraut, wechselte das trübe Wasser in den Vasen und ersetzte die ausgewaschenen Plastikblumen mit neueren, die es über das Friedhofsgelände geweht hatte, fernab der Gräber, auf die sie ursprünglich gelegt worden waren. Vor vielen Jahren füllte ich ein Glas mit den Steinen, Muscheln und Seeglas-Stücken, die ich in aller Welt gesammelt hatte; an einem Fluss in Schottland, einem Strand in Chile und in den Straßen von New York. Ich füllte das Glas mit Wasser, versiegelte es und stellte es auf das Grab. Heute leerte ich das Glas, säuberte es und wechselte das Wasser.

Ich setzte mich auf das Grab und dachte über sie nach, meine Familie – da unten. Ich weiß, dass mein Großvater für seine Familie sorgte. Und dass er starke Beschützerinstinkte hatte. Niemand weiß, warum er sich das Leben genommen hat, aber meine Mutter glaubt, dass er Angst hatte, sich nie genug um seine Kinder kümmern zu können. Ich bin nicht ganz sicher, was das heißen soll. Wenn ich an meine eigenen Kinder denke – ich habe fünf –, weiß ich nie so recht, ob ich mir zu viele Sorgen um sie mache oder zu wenige. Manchmal denke ich, dass es meine Aufgabe ist, sie zu retten – ein verständliches, aber absurdes Unterfangen.

Ist irgendetwas davon für das Thema Klimawandel relevant? Ich meine schon. Meine Großmutter lebte ihr Leben unter schwierigen Umständen. Ihre tägliche Sorge war es, genug Essen für ihre Familie aufzutreiben; im Winter auf der Suche nach Feuerholz mit dem Kinderwagen die Straßen der Innenstadt entlangzugehen, um das Haus warm zu halten. Wir standen uns nahe, als ich aufwuchs. Sie brachte mir bei, dass alles andere nichts wert ist, wenn wir die Grundbedürfnisse unserer Familien und Mitmenschen – Nahrung, Wärme und ein Dach über dem Kopf – nicht adäquat decken. Außerdem sollten wir uns schämen, wenn wir diese Grundbedürfnisse nicht auch für die gesamte Gesellschaft decken.

Alma Corcoran war keine marxistische Volkswirtschaftlerin oder politische Aktivistin. Sie hatte kaum die Schule besucht und war eine direkte und unromantische Frau. Aber sie wusste eine Menge über Überfluss – und hasste ihn. Wann immer es ihr gut ging, wenn der Vorratsschrank voll und der Kühlschrank gut gefüllt war, pflegte sie die Haustüre zu öffnen und ihre Nachbarn zu einem ganz besonderen Essen einzuladen. Sie lehrte mich, dass es nicht meine Aufgabe ist, irgendjemanden zu retten, schon gar nicht meine Kinder. Sie lehrte mich außerdem, dass ich nur ein kleiner Teil eines größeren Ganzen bin.

Tony Birch

Aus dem Englischen übersetzt von Elisabeth Meister

 

Die Küstenseeschwalbe

Seit mehr als einem Jahr ist mein bejahrter Nachbar Jack nun schon dabei, sein Leben durchzusortieren und einige seiner Besitztümer loszuwerden. Auch wenn wir nicht verwandt sind und uns erst seit ein paar Jahren kennen, ist vieles von dem bei mir gelandet, wofür er keine Verwendung mehr hat.

Es fing mit gebundenen Ausgaben der Enzyklopädie australischer Traktoren und Traktoren und moderne Landwirtschaft an. Er bot sie mir eines sonnigen Morgens an, als wir uns über die struppige Lavendelhecke hinweg unterhielten, die als unsere Grundstücke trennender Zaun durchgeht.

Jack kennt sich mit Traktoren aus und redet gerne über sie. Wäre er je als Kandidat beim altbekannten Mastermind-Fernsehquiz aufgetreten, wären Traktoren mit Sicherheit sein „Spezialthema“ gewesen.

Jack verbrachte sein Berufsleben damit, zusammen mit seinem Zwillingsbruder Ronnie in ganz Victoria Traktoren zu verkaufen. Sie bauten ihr Geschäft gemeinsam auf und heirateten später Frauen aus ihrem Heimatort – in derselben Kirche und am selben Tag.

Sie hatten außerdem vor, sich auf zwei benachbarten Strandgrundstücken an der Westküste zur Ruhe zu setzen. Aber nur wenige Monate vor der geplanten Geschäftsaufgabe wurde Ronnies Pick-up während einer Überschwemmung von einer Brücke gespült, als er versuchte, einen über die Ufer getretenen Fluss irgendwo hinter Colac zu überqueren. Während das verbeulte Autowrack schließlich ein paar Meilen flussabwärts der Unfallstelle auftauchte, wurde Ronnies Leiche nie gefunden.

Auch wenn er Ronnie sehr vermisste, ließ sich Jack von seinen Ruhestandsplänen nicht abbringen. Ronnies Witwe dagegen verkaufte ihr Grundstück an „irgend so einen Stadtfuzzi“, wie ihn Jack abfällig nannte. Obwohl der „Stadtfuzzi“ neben Jack ein Haus baute, war er in den folgenden Jahren selten dort, bevor er es zum Verkauf stellte.

Ich kaufte Ronnies Witwe das Haus mit dem Traum ab, es zu renovieren, während ich meinen großen Roman schrieb. Aber ich habe seit meinem Einzug wenig am Haus gemacht und nicht mehr als ein paar Absätze zustande gebracht.

Neben seinen Büchern über Traktoren reichte mir Jack auch seine alten Werkzeuge über die Hecke. Um ehrlich zu sein, nützen sie mir so viel wie die Traktoren-Bücher. Es ist nicht so, dass ich Jacks Freigebigkeit nicht zu schätzen wüsste, aber ich kann für mein Leben keinen Nagel gerade einschlagen.

Jack hat seine Werkzeuge sorgfältig gepflegt. Die geölten Metalloberflächen sind frei von Rost und die hölzernen Griffe von Jahren des Gebrauchs abgegriffen und glatt. Auch wenn ich nicht davon ausgehe, dass ich je eine Verwendung dafür haben werde, wurde jede Gabe, sei es eine Schaufel, ein Hammer oder eine Variation der ganz normalen Handsäge, der Kollektion hinzugefügt, die ich im Zimmer hinter der Küche mit Blick auf den Garten aufhebe.

Das ist auch das Zimmer, in dem ich schreibe. Oder, um genau zu sein, es ist das Zimmer, in dem ich meine Tage schreibend verbringen sollte.

Ich beginne das, was ich irreführend meinen „Schreibtag“ nenne, an meinem Schreibtisch, bewaffnet mit einer Tasse Tee und inspirierender Musik – meiner „Schreibmusik“, wie ich sie optimistisch bezeichne. Meinen Arbeitsmorgen, der nicht besonders lang ist, verbringe ich damit, abwechselnd auf den Computerbildschirm und aus dem Fenster zu starren, auf einen verwilderten Garten, der dringend die Aufmerksamkeit bräuchte, die ich ihm nicht geben kann, weil ich ja mit Schreiben beschäftigt bin.

Nach ungefähr einer Stunde, manchmal auch weniger, wird mir klar, dass heute kein guter Tag zum Schreiben ist. Also stehe ich auf, verlasse das Haus und gehe ans untere Ende des Gartens. Dann schlüpfe ich durch den Spalt im Zaun und mache mich auf den Weg zum Strand.

Als ich meine täglichen Spaziergänge an den Strand begann, war Jack immer mit von der Partie. Tatsächlich war es Jack, der mir den geheimen Pfad zeigte, der sich unter einem riesigen Teebaum direkt hinter meinem Gartenzaun verbarg. Und es war Jack, der mich den Pfad entlang zum Strand geleitete, wo er ein zweites Geheimnis mit mir teilte.

Am Morgen dieses unseres ersten Spaziergangs hatte ich gerade wieder einmal eine Schreibsitzung aufgegeben, als Jack mich vorfand, wie ich im Garten vor dem Haus unruhig auf und ab ging. Ich war auf der Suche, nicht nach einer Geschichte, sondern nach einem bescheidenen Satz oder vielleicht einem einzelnen Wort, das mich in die Gänge bringen könnte.

„Hallo, mein Junge“, winkte er mir über die Hecke zu.

In der Gewissheit, dass einem Mann, der einen Pfad in seinen Garten trampelt, irgendetwas Sorgen macht, ging Jack um die Hecke herum, stellte sich vor mich hin und fragte mich, ob er helfen könne. Als ich ihm erklärte, dass ich einigermaßen sicher war, mir eine Schreibblockade eingefangen zu haben, sah er mich ebenso verdutzt wie besorgt an.

„Schreibblockade?“, wiederholte er mehrere Male zu sich selbst. „Nie gehört. Was ist das?“

„Naja, Jack. Das ist, wie wenn man ein Problem hat, das man nicht lösen kann. Oder eine Idee, nach der man sucht. Eine Idee mit Wörtern. Aber Wörtern, die man nicht finden kann.“

Jacks Augen leuchteten auf, zuversichtlich, dass er eine Lösung für mich hatte.

„Nun, du bist auf dem richtigen Weg – du versuchst, dein Problem durch einen Spaziergang zu lösen. Das mache ich auch. Gehe spazieren und kriege dabei den Kopf frei. Aber immer im Kreis herumlaufen? Das ist nicht gut für dich. Du musst geradeaus gehen.“

Er wedelte mit der Hand in Richtung der niedrigen Hügel hinter unseren benachbarten Häusern. „Geradeaus, mein Junge. Geradeaus.“

Dann lotste er mich hinunter ans untere Ende seines Gartens und deutete auf eine zwei Latten breite Lücke im Zaun hinter seinem Schuppen.

„Ich habe überlegt, hier ein Gartentor einzubauen“, erklärte Jack mir, während wir durch den Zaun kletterten. „Das wäre einfacher, als hier jeden Morgen durchzuklettern. Aber um ehrlich zu sein, würde das nicht halb so viel Spaß machen. So fühle ich mich wieder ein bisschen wie ein Kind.“

Ich konnte vor uns einen schmalen Pfad erkennen, der unter der Krone eines Teebaums verschwand. Ich ging hinter Jack her, den schattigen Pfad entlang, der steil anstieg, einen Kamm erreichte und dann zwischen Sandhügeln und Wellen von goldenem Gras sanft zum Strand hin abfiel.

Jack wartete am Strand auf mich, während ich ein Stück Sand überquerte, das mit Streifen von ledrigem Kelp übersät war. Wir ließen uns beim Weitergehen Zeit, unterhielten uns und blieben ab und zu stehen, um die schillernden Farben der Gezeitentümpel zwischen Strand und Ozean zu bewundern. Während Jack jede Fischart identifizierte, die in den Seetangwäldern umherschnellte, fühlte ich mich wie ein kleiner Junge, der fröhlich hinter seinem Vater hertrödelt.

Wir waren vielleicht eine halbe Stunde gegangen, als Jack den Strand verließ und ins Gras hineinging. Nach etwa dreißig Metern blieb er stehen. Er wies mit dem Kopf auf eine flache Vertiefung im Boden.

„Da ist es.“ Er deutete auf die Stelle, die wir beide anstarrten, obwohl ich keine Ahnung hatte, was ich sehen sollte.

Jacks Augen weiteten sich. „Und, was hältst du davon?“

Ich blickte wieder auf das flachgedrückte Gras. „Was halte ich von was, Jack?“

Wenn er meine Frage gehört hatte, ignorierte er sie.

„Jeden Sommer kommen sie. Jeden Sommer, seit ich mein Haus habe. Und wahrscheinlich schon Tausende von Jahren davor, nehme ich an.“

„Wer kommt, Jack?“

„Nicht wer, mein Junge. Was. Sterna paradisaea.“

Er sagte diese Worte – Sterna paradisaea – leise und ruhig, als wüsste ich mit Sicherheit, was er meinte.

Dann wandte Jack sich ab und ging weiter den Strand entlang. Er überraschte mich damit, dass er anfing zu laufen.

Ich rannte ihm nach. „Sterna, Jack? Was ist das?“

Er blieb am Strand stehen, während er tief Luft holte.

„Die Küstenseeschwalbe“, erklärte er im Weitergehen. „Sie ist ein Vogel. Ein mutiger kleiner Vogel. Sie kommt jeden Sommer genau hierher, an diesen Strand, vom anderen Ende der Welt, vom Nördlichen Polarkreis. Sie fliegt 20.000 Meilen, um hierher zu kommen. Und dann fliegt sie im Lauf des Jahres wieder zurück. Dieselbe Distanz. Die meisten Leute bekommen den Vogel nie zu sehen. Verbringt den Großteil seines Lebens in der Luft.“

Ich blickte über den Ozean hin zum Horizont und dann hinauf in den leeren Himmel. „Muss wohl ein großer Vogel sein, Jack, wenn er so weit fliegt?“

„Nee“, erwiderte er amüsiert. „Die Flügelspanne misst vielleicht einen Fuß, ein bisschen mehr. Und der Vogel selbst“, Jack ballte seine knorrige Faust zusammen, „nicht viel größer als so.“

Ich pfiff bewundernd durch die Zähne. „Du hast ihn also gesehen, Jack? Den Vogel?“

Er schaute mich an und sein Gesichtsausdruck wurde sanfter, aber er sagte nichts weiter.

Auf dem Heimweg blickte ich ab und zu über meine Schulter auf den klaren Morgenhimmel, während ich ihm weitere Fragen über den Vogel stellte.

„Vom Nördlichen Polarkreis, Jack? Wie kommen die hierher?“

„Sie fliegen“, lachte er.

„Aber wie, Jack? Woher wissen sie, wo sie hinmüssen?“ Ich starrte wieder hinaus auf den Horizont. „Den ganzen langen Weg.“

Er blieb stehen und legte mir die Hand auf die Schulter. Ich war überrascht, wie kräftig sein Griff war.

„Sie erinnern sich, mein Junge. Das ist das Geheimnis. Sie brauchen Monate, um hierher zu kommen. Ich habe es nachgelesen. Wissenschaftler haben den Vogel zu jedem Zwischenstopp auf dem Weg verfolgt.

Sie halten jedes Jahr am selben Ort an. Sie vergessen nie, wo sie gewesen sind oder wo sie hinfliegen. Das ist ihr Geheimnis. Nie zu vergessen. Vergiss es nicht, mein Junge.“

Er packte mich wieder an der Schulter. „Und weißt du, was noch?“

Er wartete auf meine Antwort, aber ich hatte keine. „Was noch, Jack?“

Seine Augen leuchteten vergnügt auf.

„Sie leben lange, jedenfalls für einen Vogel. Manche werden mehr als zwanzig Jahre alt. Die ganze Fliegerei, man würde meinen, das macht sie fertig. Tut es aber nicht. Ihre ganze Kraft kommt vom Fliegen. Und noch etwas. Sie bleiben während dieser langen Zeit ihr ganzes Leben zusammen. Sie fliegen um die ganze Welt an denselben Ort und zum selben Partner, jedes Jahr. Was sagst du dazu, hm?“

Nachdem wir nach unserem Spaziergang wieder durch den Zaun zurückgeschlüpft waren, lud mich Jack in seinen Gartenschuppen ein.

„Ich habe da etwas für dich drin“, sagte er und zwinkerte mir verschwörerisch zu.

Sein Schuppen befand sich in einem Zustand perfekter Ordnung. Ein riesiger Vorrat an Nägeln, Schrauben und Muttern war in beschrifteten Glasgefäßen entlang der Rückseite einer hölzernen Werkbank unter einem Fenster mit Blick auf den Garten aufgereiht. Seine Gartengeräte; Schaufeln, Rechen und Hacken in verschiedenen Größen standen in Habachtstellung an einer Wand, während seine Sägen, Hämmer und Bohrer von Halterungen über den Gartengeräten hingen.

Weit und breit war kein einziges elektrisches Werkzeug zu sehen.

Bretter in verschiedenen Längen, einige von ihnen laut Jack „echte Fundstücke“, lagen auf einem offenen Regal, das sich quer über die Rückseite des Schuppens erstreckte. Unter der Sammlung von Holz standen mehrere Dutzend Dosen mit Farben und Lacken fein säuberlich auf einem zweiten Regalbrett aufgestapelt.

„Wonach suchen wir, Jack?“, frage ich in den Raum, während er im Schuppen herumstöberte.

„Meinem Fernglas“, antwortete er, während er einen Karton durchsuchte, auf dem in dickem Bleistift KRIMSKRAMS stand.

Als er sein Fernglas in dem Karton nicht finden konnte, ging Jack hinaus und kehrte mit einer Holzleiter zurück. Er lehnte sie so an die Rückwand, dass das Ende der Leiter an das oberste Regalbrett reichte, auf dem eine Kerosinheizung, weitere Kartons und ein alter Koffer standen.

Während er die Stabilität der Leiter überprüfte, bot ich meine Dienste an. „Kann ich dir helfen, Jack? Lass mich doch da hochklettern.“

Er winkte abwehrend, während er einen Fuß auf die unterste Sprosse der Leiter setzte. Er kletterte zu dem Regalbrett hinauf und schob einen der Kartons beiseite, während er nach einem zweiten griff. Dabei krachte der Karton in den Koffer. Ich sprang zurück, als der Koffer auf den Boden donnerte.

„Scheiße“, flüsterte Jack zu sich selbst, den Blick über die Schulter hinunter auf den Koffer gerichtet.

Er durchsuchte einige weitere Kartons, bevor er aus einem von ihnen ein abgewetztes Fernglasetui aus Leder hervorholte. Er nahm das Fernglas aus dem Etui. „Da ist es ja.“

Ich stand am Fußende der Leiter, während er mir das Fernglas hinunterreichte. Es war in tadellosem Zustand – das dunkle Metall, das Chrom, die Glaslinsen, jede Oberfläche reflektierte das Sonnenlicht, das sich an das Fenster des Schuppens schmiegte.

Jack kletterte die Leiter hinunter und klopfte mir auf die Schulter. „Wenn sie diesen Sommer zurückkommt, die Schwalbe, dann bist du vorbereitet.“

Ich schaute auf das Fernglas hinunter. „Aber wie sieht sie aus, Jack? Ich kann einen Vogel nicht vom anderen unterscheiden.“

Statt einer Antwort reichte mir Jack ein Buch vom Regalbrett über der Werkbank – Zugvögel der Welt. Während ich es durchblätterte, konzentrierte er sich auf den Koffer, der zu Boden gefallen war. Er hob ihn am Griff hoch und schüttelte ihn. Ich hörte darin etwas sanft rascheln. Ich blickte zu Jack hinüber, um zu sehen, ob er es ebenfalls gehört hatte.

Er kratzte sich den Kopf. „Was haben wir denn da?“

Er legte den Koffer auf die Werkbank, schickte sich an, ihn aufzuschnallen, und zögerte dann einen Moment lang, bevor er ihn schließlich öffnete. Ich trat näher an die Werkbank heran und blickte hinab auf die schillernden Pailletten, die auf den strahlend weißen Stoff von etwas genäht waren, das wie ein Hochzeitskleid aussah.

Jack griff in den Koffer und hob das Kleid heraus. Er hielt es in den Armen wie ein neugeborenes Baby. „Das ist das Hochzeitskleid meiner Frau“, erklärte er. „Sie ist jetzt schon seit über zehn Jahren nicht mehr am Leben.“

Er drehte langsam eine Runde durch den Raum, das Kleid an sich gedrückt, als würde er mit ihm Walzer tanzen. Als ich sah, dass er Tränen in den Augen hatte, ging ich hinaus in den Garten und ließ ihn allein.

Als Jack schließlich aus dem Schuppen kam, lud er mich in sein Haus ein. Während wir an einem Holztisch saßen und Tassen mit süßem Tee tranken, sprach er über ihre fünfundvierzig Jahre Ehe und den Tod seiner Frau nach kurzer, aber schmerzhafter Krankheit.

„All die Jahre unterwegs, von Ort zu Ort. Ich hätte bei ihr zuhause sein sollen. Ich habe mir das erst ausgerechnet, nachdem ich sie verloren hatte. Wir verbrachten in jenen Jahren mehr Zeit auseinander, mehr Nächte in getrennten Betten als dort, wo wir hätten sein sollen, einander im Arm haltend.“

Ich hatte das Gefühl, etwas sagen zu müssen. Ich wollte Jack sagen, dass ich sicher war, dass sie sich sehr geliebt hatten, und dass ihre gemeinsame Zeit die getrennt verbrachten Nächte mehr als wettgemacht hatte. Aber ich konnte es nicht. Ich hatte das Gefühl, ihn dafür nicht gut genug zu kennen. Und außerdem waren wir Männer, also sagte ich das, was von Männern bei solchen Gelegenheiten erwartet wird.

„Du warst unterwegs und hast hart gearbeitet, Jack, für euch beide. Ich bin sicher, sie hätte das verstanden.“

Er studierte den Boden seiner Tasse, während er über meine Worte nachdachte.

„Wir verstanden es beide“, antwortete er schließlich. „Vielleicht hast du recht. Aber es ändert nichts daran. Diese getrennt verbrachten Nächte summierten sich zu Jahren der Trennung. Verschwendeten Jahren.“

Es war zu Beginn des letzten Frühlings, als mir zum ersten Mal eine Veränderung an Jack auffiel. Ich war eines Morgens am Briefkasten, als er mir über die Hecke hinweg zurief: „Ron! Hey, Ronnie, mein Junge!“

Er lächelte und winkte mir zu, bevor er schnell wegsah. Er wirkte verwirrt und peinlich berührt. Ich ging um die Hecke herum. Jack scharrte mit der Spitze seines Stiefels im Boden und betrachtete intensiv ein blankes Stück Gras in seinem Rasen.

„Jack. Alles in Ordnung?“

Er schaute nicht zu mir auf. „Ja. Mir geht’s gut, mein Junge. Ich habe nur gerade über etwas nachgedacht. Beachte mich nicht weiter. Ich bin nur ein alter Narr.“

In den folgenden Wochen musste ich mehrere von Jacks Werkzeugen zurückgeben, nachdem er mir anvertraut hatte, dass er einen Hammer oder eine Säge verlegt hatte – „Ich will dich nicht belästigen, aber hast du eine, die ich für ein paar Tage ausleihen könnte?“

Ich bemerkte außerdem, dass er langsamer wurde und seltener mit mir hinunter zum Strand ging. Als ich eines Morgens im Frühsommer an seine Tür klopfte, kam keine Antwort von Jack. Das war noch nie vorgekommen.

Ich machte mich alleine zur Lücke im Zaun auf, das Fernglasetui an einem ledernen Riemen um meinen Hals gehängt. Als ich den Kamm über dem Strand erreichte, nahm ich das Fernglas heraus und suchte den Horizont ab. Es waren jede Menge Vögel da, hauptsächlich Möwen, aber keine Spur von Jacks Küstenseeschwalbe.

Wenn Jack dabei gewesen wäre, hätte er gefragt: „Irgendwas da draußen heute?“

Nachdem ich geantwortet hätte, wie ich es immer tat, „Heute morgen nicht, Jack“, wäre er kurz enttäuscht gewesen, um dann sofort seine gute Laune wiederzufinden. „Morgen. Vielleicht morgen.“

Nachdem ich den Himmel abgesucht hatte, ging ich durch die Sandhügel hinunter den Strand entlang zu der Stelle, von der Jack sicher war, dass der Vogel schließlich an sie zurückkehren würde. Der Vogel war nicht da. Als ich mich nachhause wandte, bemerkte ich in der Ferne jemanden am Strand, der sich von mir entfernte. Obwohl ich überrascht war, seine drahtige Gestalt zu sehen, war ich sicher, dass es Jack war. Ich hob das Fernglas. Er war unterwegs zum Surferstrand.

Ich rannte ihm nach und rief laut: „Jack! Jack!“

Er blickte sich nicht um, bis ich ihn beinahe erreicht hatte. Er betrachtete mich genau, sogar etwas argwöhnisch. „Ronnie? Ronnie?“ Er machte einen Schritt zurück. „Ronnie, mein Junge? Na, das ist ja ’n Ding. Wo warst du denn die ganze Zeit?“

Ich streckte meine offene Hand nach ihm aus. „Sorry, Jack, ich habe dich heute Morgen verpasst. Muss verschlafen haben. Komm. Lass uns zusammen nachhause gehen.“

Er blickte suchend den Strand entlang, bis zu einigen Teenagern, die auf einer Grasböschung über dem Surferstrand lagen. Mit ihren in der Sonne gleißenden dunklen Neoprenanzügen glichen sie einer Seehundkolonie.

Dann drehte Jack sich um und schaute in die Richtung, aus der wir gekommen waren. Er starrte hinunter auf den Sand, auf den Abdruck, den seine Füße vor nur ein paar Minuten im Sand hinterlassen hatten. Er verfolgte ihren Weg zurück den Strand entlang, als eine hereinkommende Welle sanft über den Sand glitt und sie verschluckte.

„Nachhause?“ Er blickte verwirrt drein.

„Ja. Nachhause, Jack. Wir sollten uns jetzt auf den Rückweg machen.“

In diesem Moment wurde ihm etwas klar. Ein Blick der Verwirrung verwandelte sich in einen der Ruhe, gefolgt von einem leichten Lächeln des Wiedererkennens. Er schaute hinunter auf meine geöffnete Hand, als sei sie eine unbeabsichtigte Beleidigung seiner Unabhängigkeit.

Er schob mich beiseite. „Komm, mein Junge. Ich will dir was zeigen.“

Der Winter naht, und Jack ist seit jenem Morgen nicht mehr mit mir am Strand gewesen. Vor etwas mehr als einer Woche war ich auf dem Pfad unterwegs zum Strand, als ein Sturm aufzog. Während heftiger Regen meinen wollenen Pullover und meine ausgebeulten Trainingshosen durchnässte, dachte ich über einen Rückzug nach, oder wenigstens eine Rückkehr zum Haus, um mir einen Regenmantel zu holen. Ich blieb kurz auf dem Pfad stehen, bevor ich beschloss, weiterzugehen.

Der niedrige Himmel über dem Horizont war vom schlechten Wetter violett verfärbt und der vom starken Südwind getriebene Regen biss mir ins Gesicht. Obwohl es sinnlos schien, mir die Mühe zu machen, das Fernglas aus seinem Etui zu nehmen, holte ich es dennoch hervor und suchte aus alter Gewohnheit den Horizont ab.

Zunächst erspähte ich einen Frachter, der mit bunten Containern überladen war. Das Schiff wurde in den weißen Schaumkronen des Ozeans herumgeworfen wie ein LEGO-Modell. Erst, als ich das Fernglas zum Himmel hob, erhaschte ich einen Blick auf einen Schatten vor einer Wolke und dann den dunklen Fleck eines Vogels.

Obwohl es nur für einen Moment war, war ich sofort davon überzeugt, dass ich soeben die Küstenseeschwalbe gesehen hatte. Sie befand sich nur ein paar Sekunden in meinem Blickfeld, bevor sie verschwand. Auf dem Kamm sitzend suchte ich den Horizont noch eine halbe Stunde oder länger ab, aber ich sah den Vogel nicht wieder.

Als ich nachhause zurückkam, war ich bis auf die Knochen nass und zitterte vor Kälte. Ich steckte meine Kleider in die Waschmaschine, duschte und dachte über die Dinge nach, die mich auf dem Weg vom Strand nachhause beschäftigt hatten. Nachdem ich mich angezogen hatte, verließ ich das Haus und rannte um die Hecke herum zu Jacks Vorgarten. Ich klopfte mehrere Male an seine Tür, aber er antwortete nicht. Ich ging zurück ins Haus und machte mir eine Tasse Tee. Dann ging ich ins Wohnzimmer und blätterte durch meine CD-Sammlung, bis ich etwas Schreibmusik fand – Iron and Wine.

Ich saß an meinem Schreibtisch, umgeben vom muffigen Geruch der Traktorenbücher und den geölten Metalloberflächen und schrieb die folgenden Worte an mich selbst:

Die Küstenseeschwalbe hat einen scharfen, blutroten Schnabel und eine schwarze Kopfkappe mit weißem Oberkopf. Wenn die Küstenseeschwalbe im Grasland und in den niedrigen Dünen grast, in denen sie ihr Nest baut, bleibt ihre wahre Schönheit unter einem langweiligen grauen Gefieder verborgen. Aber wenn dieser Vogel seine Flügel zum Flug ausbreitet, vor allem im Gleitflug, den er einsetzt, um seine Kräfte zu schonen, offenbart er seine leuchtende Farbenpracht. Die Küstenseeschwalbe ist ein starker und schöner Vogel.

Tony Birch

 

Aus dem Englischen übersetzt von Elisabeth Meister

 

 

 

[Erneute] Rückkehr

Der Yarra River bei Collingwood

Der Yarra River bei Collingwood

Im September und Oktober 2014 besuchte ich im Rahmen des „Weather Stations“-Projekts die Städte Berlin, Dublin, London, Warschau, Danzig und Hel, und arbeitete dort mit Schul- und Gemeinschaftsinitiativen zusammen. Ich habe dabei viel gelernt. Manches davon war für mich überraschend. Es kam häufig vor, dass jemand zu mir sagte, „Bei euch da unten ist das ja alles viel schlimmer“ (der Klimawandel); ein Zeichen dafür, wie sehr das Problem als sichtbare Katastrophe wahrgenommen wird. Alle wussten über die Buschfeuer in Australien (die wir gerade wieder erleben), über Dürren und die Schäden am Great Barrier Reef Bescheid, was eine verständliche, aber doch stark eingeschränkte Beschäftigung mit dem Thema widerspiegelt.

Historisch gesehen haben Buschfeuer in Australien wenig mit dem Klimawandel zu tun und waren und sind ein natürliches Umweltphänomen. Sicher, da der Planet sich erwärmt (und 2014 könnte das wärmste Jahr seit Beginn der Aufzeichnungen sein), werden die Brände sowohl häufiger als auch heftiger. Und während in Australien manche den Zusammenhang zwischen dem Klimawandel und dem verstärktem Auftreten von Buschfeuern akzeptieren, reagieren wir auf psychologischer und intellektueller Ebene auf Brände als Katastrophen, die bekämpft, besiegt und überwunden werden müssen – auch wenn wir trauern. Selbst wenn die unmittelbare Katastrophe mit dem übergeordneten Problem in Zusammenhang gebracht wird, ist die Sprache, mit der unsere Reaktion beschrieben wird, in militaristische Ausdrücke gekleidet. Wir bekämpfen und besiegen den Feind. Konfrontiert mit weitläufigen Überflutungen, die mindestens ebenso sehr oder stärker unverantwortlicher Städteplanung geschuldet sind wie Änderungen in der Wetterlage, sind wir Queenslanderals ob das heroische Etikett einer Gruppe Menschen einen besonderen Status verliehe, die robust genug sind, um mit allem fertig zu werden – bis zur nächsten Überschwemmung.

Die negativen Auswirkungen des Klimawandels auf die Umwelt manifestieren sich nicht allein in plötzlichen Ausbrüchen meteorologischer Aktivität. Klimawandel ist nicht einfach ein neues Phänomen oder ein in der Zukunft liegendes Ereignis. Seine Auswirkungen sind schleichend und tiefgreifend zugleich. Die Folgen des Klimawandels für unseren Planeten sollten nicht auf eine Phrase oder ein dramatisches Bild wie etwa die von einem Buschfeuer verursachte Verwüstung reduziert werden. Wenn wir an die katastrophalen „Black Saturday“-Feuer 2009 in Victoria zurückdenken, waren die Wetterbedingungen im Vorfeld des Wochenendes der Brände extrem. Was die meisten Menschen nicht wissen oder vergessen haben, ist, dass in Victoria mehr Menschen an der extremen Hitze vor den Bränden starben als in den Feuern selbst. Zweifellos hatten das Trauma und die Vehemenz der Brände einen unmittelbaren und schockierenden Einfluss auf diejenigen, die sie erlebten. Aber da die meisten von uns wenig oder nichts über die vielen Hundert Toten wissen, die absolut nichts mit den Bränden, sondern ausschließlich mit der Erwärmung des Planeten zu tun haben, denken wir nicht genug über ein Problem nach, das sich zwischen den Feuersaisonen nicht abschwächt, nämlich die stets gegenwärtigen Auswirkungen des Klimawandels. Während Menschen in anderen Teilen der Welt auf ihren Fernsehbildschirmen Bilder der Brände in Australien sehen und unser Land als Gruselgeschichte über die Erderwärmung betrachten, wird sich ihr Leben genau wie unseres verändern, und zwar nicht mit Angst und Schrecken, sondern heimlich, still und leise. Beispielsweise schmilzt der Nördliche Polarkreis – auch wenn der Vorgang zu langsam ist, um ein schlagkräftiges 30-Sekunden-Video für YouTube herzugeben, verändert er trotzdem den Planeten auf eine Art und Weise, wie wir es seit Jahrtausenden nicht erlebt haben.

Gestern war ich wieder an den Ufern meines Flusses spazieren – am Yarra in Melbourne. Ich habe für das „Weather Stations“-Projekt jetzt schon mehrmals über den Fluss geschrieben; ich habe mich so provinziell, „un“global und vielleicht sogar kleingeistig verhalten, wie ich nur kann. Ich bin noch nicht sicher, warum, aber ich glaube, dass mein Verständnis des Problems des Klimawandels hier gefunden werden muss, am Fluss. Ich lese über die politischen und wissenschaftlichen Aspekte des Klimawandels, so viel ich kann. Ich spreche mit so vielen Leuten wie möglich über das Thema. Ich kam als Autor und Pädagoge zu diesem Projekt. Und dennoch ist mein Interesse nicht an der Macht der Sprache, sondern an ihren Beschränkungen stetig gewachsen. Der Planet ist gewaltiger, als alle Worte oder Erzählungen, die die Menschen ihm zuschreiben.

Als ich gestern dabei war, den Fluss zu verlassen, ging ich gerade eine meiner liebsten Flussbiegungen entlang. In einem bestimmten Moment, nicht mehr als ein oder zwei Sekunden lang, konnte ich den Fluss so riechen, wie ich es vor über vierzig Jahren tat. Ich konnte die Erinnerung an den Fluss körperlich spüren. Es war eine ebenso physische wie psychologische Reaktion. Mein nächster Gedanke war, dass mir die Worte fehlten, wirklich alle, um das Gefühl zu beschreiben.

Ich war zufrieden mit diesem Gefühl.

 

Tony Birch

Aus dem Englischen übersetzt von Elisabeth Meister

Klimawandel – es gab und gibt ihn, und zwar ohne Brad Pitt.

Von Tony Birch

Ein kürzlich erschienener Guardian-Artikel („Der Verlust des Paradieses: Vertrieben durch die Atombombe, vertrieben durch den Klimawandel“, 9. März 2015) bietet eine traurige Lektüre über Gesellschaften, die die verheerenden Folgen des Klimawandels bereits jetzt erleben. Die Einwohner der pazifischen Marshallinseln und Kiribatis kämpfen mit „Nahrungsmittelknappheit, Trockenperioden und Überflutungen“, während der ansteigende Meeresspiegel unweigerlich irgendwann ihr Land und ihre Häuser auslöschen wird. Es handelt sich dabei um dieselben Gesellschaften, die sich direkt nach dem Zweiten Weltkrieg durch die Atomtests der USA schon einmal mit dem Verfall ihrer Umwelt und der dadurch verursachten Vergiftung ihrer Böden und Körper auseinander gesetzt haben. Ähnliche Erfahrungen kolonialer Gewalt wirken sich schon seit Hunderten von Jahren (und länger) auf indigene Nationen in aller Welt aus. In Australien beispielsweise haben Aborigine- und Torres-Strait-Islander-Völker – auf dem gesamten Kontinent und den umliegenden Inseln, seit der dauerhaften Ankunft der Briten im Jahr 1770 – die Zerstörung der Böden, der Wassersysteme und des empfindlichen ökologischen Gleichgewichts ihres Landes erlebt.

Für indigene Völker sind die Auswirkungen des Klimawandels kein in der Zukunft liegendes Ereignis. Es hat ihn in früheren Zeiten gegeben und es gibt ihn heute auch. In der Tat liegt er für keine Gesellschaft in der Zukunft – auch wenn wir wissen, dass so genannte „Drittwelt“-Nationen und in Armut lebende Menschen im Allgemeinen stärker und unmittelbarer betroffen sind, je mehr sich die Auswirkungen des Klimawandels beschleunigen. Zudem steht fest, dass dieselben Gesellschaften in naher Zukunft in größerem Ausmaß unter ihm leiden werden.

Während dies traurige Realität ist, ist auch wahr, dass indigene Gesellschaften, die – aufgrund aufgezwungener äußerer Umstände – in früheren Zeiten mit ökologischen Herausforderungen konfrontiert wurden, sich in ihrer Antwort auf die sich ihnen stellenden immensen Schwierigkeiten als innovativ und widerstandsfähig erwiesen. Ich versuche dabei nicht, übertriebenen oder strategischen Optimismus an den Tag zu legen. Es ist offensichtlich, dass allein in Australien nicht nur bestimmte Lebensräume und Ökosysteme vollständig zerstört wurden … auch einige indigene Nationen selbst wurden ausgelöscht. Dass andere indigene Gesellschaften in Australien ihre drohende Vernichtung abwendeten und wertvolle natürliche und kulturelle Ressourcen am Leben hielten, spricht für ihren Mut, ihren Einfallsreichtum und ihre Kreativität.

Ich habe in letzter Zeit viel Science Fiction gelesen – manches davon gar nicht mal so schlecht. Aber ich habe ein paar Fragen. Sind diese Geschichten einer bevorstehenden Apokalypse eine Art westlicher Fetisch? Und wiegen solche Geschichten die Menschen in der falschen Sicherheit, dass eine fiktionale, vom Klimawandel (von jedem von uns, um genau zu sein) verwüstete Zukunft nichts weiter ist als eine Katastrophenstory, die zu unserer Unterhaltung erfunden wurde? Das Szenario, das in diesen Geschichten präsentiert wird, ist oft das übliche von drohender Wetterkatastrophe, Hungersnot, Gewalt und mehr oder weniger einer Existenz des Fressens und Gefressenwerdens (oder, wie im Falle von Cormac McCarthys Die Straße, von Menschen, die Neugeborene und kleine Kinder essen). Es gibt Gesellschaften, für die die Szenarien der Science Fiction sowie einiger SF- und Katastrophenfilme nie fiktionale Unterhaltung waren. Sie sind Teil ihrer Geschichte. Und nicht nur der kolonialen Geschichte – wenn man an den Abwurf der Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki denkt –, sondern nur ein Beispiel unter vielen für die ökologischen ebenso wie die menschlichen Kosten des Krieges. (Wie werden sich Teile des Nahen Ostens jemals von den massiven Angriffen auf die natürliche und physische Umwelt erholen?)

Zu den aktuellen Debatten zum Klimawandel gehört auch die Diskussion über den „Beginn einer neuen menschlichen Epoche“ (The Guardian, 11. März 2015) – das Anthropozän, beschrieben als der „geologische Zeitpunkt, an dem der Mensch die Erde zu dominieren begann“, das zugleich den dramatischen Anstieg der Erwärmung unseres Planeten markiert. Der allgemeine Konsensus lautete, dass das Anthropozän um 1750 (oder etwas später) begann, als Folge der beginnenden Industriellen Revolution und des schnellen Anstiegs der Verbrennung fossiler Brennstoffe. Neue Analysen stellen diese Datierung in Frage und verlegen sie auf ca. 1610, indem sie den Übergang zur menschlichen Vorherrschaft über den Planeten auf den „irreversiblen Transfer von Kulturpflanzen und Spezies zwischen der Alten und der Neuen Welt“ beziehen. Das mag der Fall sein. Aber einem Großteil der journalistischen Berichterstattung (ebenso wie den wissenschaftlichen Arbeiten) zu diesem Thema fehlt etwas.

Ich greife diesen Punkt nicht auf, um irgendjemandem den „Schwarzen Peter“ zuzuschieben, aber es ist wichtig, auch festzuhalten, dass nicht alle Gesellschaften und nicht alle Menschen „die Erde zu dominieren begannen“ – ob 1610 oder 1750 (oder meinetwegen auch als Teil des Projekts der Moderne). Das Anthropozän erwuchs aus der schnellen Industrialisierung, gekoppelt mit dem Aufstieg des Kapitalismus und der globalen Kolonisierung. Es wurde ermöglicht durch die Ausbeutung bestimmter Gesellschaften und Kulturen – indigener Völker und bäuerlicher Kulturen, um nur zwei zu nennen – durch diejenigen, die auf Kosten anderer nach Ausdehnung und Profit strebten. Derzeit sieht sich die globale Gesellschaft einer Herausforderung gegenüber, die insbesondere reichere Länder historisch gesehen bisher umgangen haben. Es ist interessant, dass viele Diskussionen um den Beginn des Anthropozäns – etwa der Fokus auf die Migration von Kulturpflanzen oder die Erfindung der Dampfmaschine – einen wohlwollenden, sogar zufälligen Einfluss auf die Erwärmung des Planeten herausstellen und uns so erlauben, uns unserer Verantwortung zu entziehen. Aber wir sind keine Zuschauer. Wir sind aktiv Agierende. Unsere Eingriffe in die Umwelt waren nicht die Folge irgendeines wissenschaftlichen Missgeschicks. Sie waren bewusst, aktiv und zum Teil gewalttätig.

Bei einem Treffen, an dem ich Anfang dieser Woche teilnahm, waren mehrere Leute der Meinung, dass das bloße Reden über den Klimawandel, vom Handeln ganz zu schweigen, ein zu „deprimierender“ Gedanke sei. Ich finde das seltsam … und ich halte es, möglicherweise nicht ganz fairerweise, zudem für reinen Luxus. Es gibt überall auf der Welt Menschen und Gesellschaften, die als Folge eines destruktiven menschlichen Eingriffs ihr ganzes Leben damit verbringen, nicht nur zu überleben, sondern auch zu versuchen, sich selbst und ihre schwer verwundeten Länder, ihre Heimat wieder zu Kräften zu bringen. Und dann gibt es diejenigen, die nie mit solchen Schwierigkeiten zu kämpfen hatten. Schlimmer, es handelt sich dabei häufig um Mitglieder von Gesellschaften, die aus der Ausbeutung anderer materielle Vorteile gezogen haben. Und trotzdem können sie sich nicht dazu durchringen, präventiv zu handeln.

Ich meine präventiv nicht in dem Sinn, dass uns der Klimawandel erst noch bevorsteht. Wie ich oben bereits konstatiert habe, ist der Klimawandel da. Aber warum zum Teufel sitzen wir herum und warten darauf, dass die Apokalypse am Horizont auftaucht, wie sie es so oft in Filmen tut? Warum mit so einem Gefühl der Hoffnungslosigkeit leben? Ich habe den Verdacht, dass viele von uns im tiefsten Innern hereingelegt worden sind. Wir glauben, dass wir in einem Film sind und dass genau dann, wenn wir denken, alles ist aus, eine andere Art von Mensch an diesem selben Horizont auftauchen wird, beritten, mit dicken Muskeln und einer Reihe strahlend weißer Zähne.

Wir werden ihn Der Held nennen. Und er wird uns retten.

Tony Birch

 

Aus dem Englischen übersetzt von Elisabeth Meister

 

 

 

Gehen wir – Nummer eins – Tony und Nina

[Abbildung 23 – Herr Wolf, Yarra River, Melbourne]

[Abbildung 23 – Herr Wolf, Yarra River, Melbourne]

Wie sprechen wir über die Orte, die wir lieben? Wenn wir keine Poeten sind, wenn unsere Bildung begrenzt ist, wenn der Satz „Ich liebe diesen Ort“, zu einem Teenager-Freund gesprochen, zu Betretenheit (rundherum), Spott und möglicherweise Erniedrigung führt, wie können wir unsere unbedingte Loyalität und Verbundenheit mit einem Ort ausdrücken? Als Teenager liebte ich mein Stück des Yarra River in der Innenstadt von Melbourne. Ich lebte in einer Siedlung mit Sozialwohnungen, einem typisch Beispiel für die brutalistische architektonische Antwort auf die weltweite ‚Slumsanierung’ in der Ära des ‚Wiederaufbaus’ nach dem Zweiten Weltkrieg. In der Siedlung verbrachten wir die meiste Zeit mit der Entdeckung neuer Arten, uns gegenseitig in die Betonwände zu schleudern – die sowohl das Innere unserer Wohnungen als auch die umliegenden Außenflächen dominierten.

[Abbildung 24 – mein literarischer Held, Barry Hines]

[Abbildung 24 – mein literarischer Held, Barry Hines]

Trotz meines delinquenten Verhaltens in der Schule war ich schon immer ein großer und ernsthafter Leser. In der Zeit, in der ich den Fluss entdeckte, war Barry Hines’ A Kestrel For A Knave (Ein Turmfalke für einen Knappen) mein Lieblingsbuch, eine Geschichte, die am anderen Ende der Welt in einer trostlosen Bergarbeiterstadt in Nordengland spielt. Die Hauptfigur, Billy Casper, ist ein Junge, der zum Opfer von Gewalt wird; zuhause, auf der Straße, in der Schule und auf dem Fußballplatz. Billy ist ein Junge, der die „Wildnis“ um seinen Wohnort durchstreift und sich in sie verliebt. Er schließt außerdem tiefe Freundschaft mit einem Vogel, einem Turmfalken – Kes.

Das Buch hatte eine tiefe und nachhaltige Wirkung auf mich. Ich sah in Billy einen Seelenverwandten und empfand große Bewunderung für den Autor des Buches. Ich fand es bemerkenswert, dass ein Schriftsteller eine Geschichte erfinden konnte, die um die halbe Welt wandern und einen solchen Einfluss auf mich ausüben konnte. Hines wurde zum ersten literarischen Helden meines Lebens und ist es bis heute geblieben. Als ich mein erstes Buch Shadowboxing schrieb, dachte ich jeden Morgen an Billy Casper und Kes, bevor ich mich zum Schreiben hinsetzte. Und ich fragte mich, ob ich wie Barry Hines eine Geschichte schreiben konnte, von der sich Teenager angesprochen fühlten.

[Abbildung 25 - Shadowboxing]

[Abbildung 25 – Shadowboxing]

Mit Shadowboxing und jedem weitere Buch, das ich seither geschrieben habe, schuf ich eine Geschichte über den Fluss: jedes Mal in dem Versuch, meine tiefe Verbundenheit mit ihm klarer zum Ausdruck zu bringen. Während ich nicht gerade sagen würde, dass ich dabei versagt habe, das Ausmaß meiner Verbundenheit in Worten auszudrücken, ist für mich klar, dass meine Worte und Geschichten mich nach wie vor nicht vollkommen befriedigt haben – und so sollte es jedem Schriftsteller gehen, der versucht, eine über eine Landschaft vermittelte Idee zu wiederholen.

Bezeichnender scheint mir die Tatsache, dass ich als Teenager nicht die sprachlichen Möglichkeiten besaß, meine Liebe für den Yarra River auszudrücken. Und heute, da ich sie besitze, fehlen mir die Worte noch immer. Vielleicht ist das ja auch gut so? Mein (nur geringfügig reifer gewordener) Intellekt und meine kreative Arbeit sind nach wie vor außer Stande, diese Liebe auszudrücken – die Gefühle, die ich für den Fluss hegte, während ich ihn als Junge lebte, an ihm entlangging, in ihm schwamm und von ihm träumte.

[Abbildung 26 – Nina Birch auf der Suche nach dem zerstörten Zuhause ihres Vaters – Abbotsford, Melbourne]

[Abbildung 26 – Nina Birch auf der Suche nach dem zerstörten Zuhause ihres Vaters – Abbotsford, Melbourne]

Gestern ging ich mit meiner sechzehnjährigen Tochter Nina den Yarra River entlang spazieren. Auf dem Weg dorthin machten wir bei meiner Mutter auf eine Tasse Tee halt. Sie ist Mitte siebzig und hat ihr gesamtes Leben im Umkreis weniger Kilometer um das Stadtzentrum verbracht. Auch wenn wir als Kinder viele Jahre vor Schuldeneintreibern, der Polizei und Regierungs-Bulldozern auf Achse waren, zogen wir nie sehr weit weg, eingedenk einer Maxime, die meine Mutter wiederum von ihrer Mutter gelernt hatte – ‚Wenn du nachts im Bett keine Tram klingeln hören kannst, wohnst du zu weit draußen.’

[Abbildung 27 – ‚Slumkinder’, die glücklicher aussehen, als sie sollten, 1966; der Autor ist der zweite von links]]

[Abbildung 27 – ‚Slumkinder’, die glücklicher aussehen, als sie sollten, 1966; der Autor ist der zweite von links]]

Nachdem wir das Haus meiner Mutter verlassen hatten, gingen wir eine Schonung entlang, die den Eastern Freeway von Melbourne von den engen Straßen trennt, die zum Fluss hinunter führen. Die Schonung war einst eine Straße mit Reihenhäusern, voll von Kindern und Küchentischen und Gärten mit kläffenden Hunden. Das alles ist verschwunden. Als ich auf eine Stelle in der Schonung deutete und Nina sagte, sie stünde auf der Türschwelle meiner Kindheit, blickte sie sich um, als suche sie nach einem Gespenst. Das Haus, in dem ich damals lebte, wurde für den Bau des Freeways abgerissen. Es lag nahe genug am Fluss, dass ich nachts im Bett liegen und den in mein Zimmer driftenden Duft des Wassers riechen und es über den Dights-Wasserfall stürzen hören konnte, nicht mehr als ein paar hundert Meter von meinem Gartentor entfernt.

[Abbildung 28 – Dights Falls, Abbotsford, Melbourne]

[Abbildung 28 – Dights Falls, Abbotsford, Melbourne]

In den Jahren, in denen ich am Fluss herumhing, war der Wasserfall das Überbleibsel eines Industriegeländes aus dem neunzehnten Jahrhundert. Entlang der niedrigeren Seite des Flusses waren Baumwollspinnereien und Fabriken errichtet worden. Die Spinnerei-Arbeiter wurden in enge, im Schatten der kapitalistischen Expansion erbaute Häuser gezwängt. Dights Falls selbst, über einem ‚natürlichen’ Wasserfall erbaut, war eine ‚menschengemachte’ Konstruktion. Er versorgte eine Turbine in der angrenzenden Wassermühle mit Energie, die Wasser für die Spinnerei lieferte. Zu der Zeit, als ich mir über 100 Jahre später den Fluss zu eigen machte, waren sowohl die Spinnerei als auch die Wassermühle Ruinen; umso besser für uns junge Teenager, die wir Anspruch erhoben auf unseren eigenen Ort.

[Abbildung 29 – die Wand der Wassermühle, Dights-Wasserfall]

[Abbildung 29 – die Wand der Wassermühle, Dights-Wasserfall]

Nina und ich machten am Wasserfall Fotos und gingen hinüber zur Wassermühle. Auch wenn die Ruine stabilisiert worden ist, bleibt ihre Vergangenheit präsent; im ranzigen Geruch von stehendem Wasser, das am Boden der Mühle ruht, den feuchten Moosen, die die roten Ziegelwände hinaufkriechen, und den Kratzgeräuschen, die von unten aus der Dunkelheit aufsteigen und durchaus auch kahle Äste sein könnten, die sich im Wind biegen. Oder in den Flussratten, die wir als Kinder dabei beobachteten, wie sie fröhlich im Schlamm und im Müll und im Unkraut herumtollten. Ich zeigte verschiedene Stellen am Wasserfall auf, wo wir unsere Fahrräder fuhren, wo wir von Felsen ins Wasser sprangen und wo wir auf die ausgebrannten Wracks gestohlener Autos stießen. Ich würde nicht sagen, dass Nina auf die Geschichten aus meiner Teenagerzeit neidisch war, aber ich weiß wohl, dass sie ein Bedürfnis hat, ihre eigenen Orte zu entdeckenOrte außerhalb der Vorschriften, außerhalb der neugierigen Blicke von Behörden, Eltern und allgegenwärtigen Überwachungskameras. Solche Orte sind in modernen Städten schwerer zu finden, aber ich hoffe, sie stolpert darüber, bevor es zu spät ist, bevor sie erwachsen wird.

[Abbildung 30 – Nina besucht den Ort der herrlich vergeudeten Jugend ihres Vaters]

[Abbildung 30 – Nina besucht den Ort der herrlich vergeudeten Jugend ihres Vaters]

Wir verließen den Wasserfall und gingen weiter den Fluss hinunter auf die Innenstadt zu, an zahllosen Abflussrohren vorbei, die Müll von den Straßen ins Wasser spülen. Als ich ein Junge war, war der Anblick von Chemikalien ganz normal, die von den oberhalb gelegenen Fabriken direkt ins Wasser gekippt wurden. Bis in die 1970er Jahre hinein wurde der untere Yarra weithin als offener Abwasserkanal der Industrie akzeptiert. Darin zu schwimmen war riskant (wie ich als Teenager am eigenen Leib erfuhr, als ich mir nach einem Bad im Fluss eitrige Wundstellen und seltsame Ausschläge zuzog). In den 1970ern startete die Melbourner Zeitung The Age in dem Versuch, sowohl das Profil des Flusses als auch das Gewissen der Bürger zu schärfen, eine Kampagne namens ‚Give The Yarra A Go’ (‚Gebt dem Yarra eine Chance’). Die Kampagne hatte einigen Erfolg und der Fluss wurde sauberer (auch wenn über die Jahre viele Rückschläge hinzunehmen waren).

[Abbildung 31 – ein Mann bringt seine Wut über die seinem Yarra River angetane Gewalt zum Ausdruck]

[Abbildung 31 – ein Mann bringt seine Wut über die seinem Yarra River angetane Gewalt zum Ausdruck]

Ich war oft wütend darüber, dass mein Fluss vergiftet wurde. Manchmal sah ich um die Öffnungen der Abflussrohre herum tote Fische im Wasser. Oder Öl- und Farbspuren, die mit der Strömung flussabwärts trieben. In jenen Tagen wäre ich nicht auf die Idee gekommen, dass die Umweltschäden, die meinem Fluss angetan wurden, gestoppt werden konnten. Ich fühlte mich machtlos. Meine Eltern waren machtlos. Meine Gemeinschaft hatte keine Stimme, die sich Gehör verschaffen konnte. Alles, was wir hatten, war unsere Wut. Ein Bewusstsein für Umweltschutz war unvorstellbar. Heute haben so viele von uns ein Bewusstsein dafür. Und wir sind besser informiert. Zudem gibt es Sprachrohre, über die wir unsere Bedenken formulieren und äußern können. Und trotzdem fühlen sich viele von uns genauso machtlos.

Warum ist das so? Ich kann an dieser Stelle keine Antwort darauf geben. Es handelt sich jedoch um eine zentrale Frage in meinem Nachdenken und Schreiben für das „Weather Stations“-Projekt.

[Abbildung 32 – Nina besucht ein weiteres Zuhause aus der Kindheit ihres Vaters – Nicholson Street, Abbotsford, Melbourne

[Abbildung 32 – Nina besucht ein weiteres Zuhause aus der Kindheit ihres Vaters – Nicholson Street, Abbotsford, Melbourne]

Wir verließen den Fluss und gingen zum Heilsarmee-Laden in Abbotsford. Nina kaufte sich einen wollenen Cardigan und ich suchte mir ein T-Shirt und ein Joggingoberteil aus. Ich kaufe schon seit mehr als 50 Jahren in Secondhand-Läden ein. Ich liebe ihren Geruch. Sie riechen nach Leben, oder nach Gebrauch statt nach Verbrauch. Wir hielten für ein letztes Foto vor einem weiteren Haus an, in dem ich in den 1970er Jahren gelebt hatte. Nina fragte, ob ich gerne in dem Haus gewohnt hatte. ‚Ja. Ich war glücklich hier. Wir waren nie weit vom Wasser entfernt.’

Das Haus war massiv renoviert worden und würde bei der Versteigerung einen fetten Batzen Geld einbringen. Ich erinnere mich, wie ich vor vielen Jahren an dem Haus vorbeiging, als es in Stand gesetzt wurde. Damals war ich ebenfalls wütend. Als wir das Haus mieteten, hatte es Löcher im Dach, in den Wänden und im Boden. Die aufsteigende Feuchtigkeit reichte bis zur Decke und das einzige heiße Wasser kam aus einer uralten Schnitzelheizung. Es erbitterte mich, dass es jemanden mit Geld brauchte, um das Haus bewohnbar zu machen.

So denke ich heute nicht mehr. Ich bin einfach nur froh, dass zumindest dieses Haus aus meiner Kindheit nicht für irgendein Großvorhaben dem Erdboden gleich gemacht wurde. Ein Kinderfahrrad stand vorne auf der Veranda, daneben ein Paar schmutziger Gartenstiefel. In dem Haus wohnen Kinder, die spielen und weinen und schlafen. In dem Haus wohnt jemand, der seinen Garten umgräbt und seine Rosen schneidet und auf einem Stuhl auf der Veranda in der Nachmittagssonne sitzt. Ich hoffe, sie lieben ihr Haus.

 

Tony Birch

Aus dem Englischen übersetzt von Elisabeth Meister

Vertrauen und unsere Kinder

Bunjil Shelter - The Black Ranges, Western Victoria

Bunjil Shelter – The Black Ranges, Western Victoria

Bunjil’s Shelter ist die wichtigste Felskunst-Stätte der Aborigines im Südosten Australiens. Mit ca. 6000 Jahren handelt es sich zudem um einen der ältesten geschützten Lagerplätze. Touristen besuchen die Stätte jedes Jahr, um die Kunstwerke zu fotografieren. Viele gehen wieder, ohne die bedeutende Geschichte zu kennen, die diese Kunstwerke darstellen. Es ist eine Geschichte über das Land und unsere Treuhänderschaft dafür. Es ist zudem eine Geschichte über den Schutz von Kindern, über die Fürsorge und die Lenkung, die wir ihnen zu Teil werden lassen, und über den zukünftigen Schutz des Landes, das wir ihnen anvertrauen. Einfach gesagt, lautet die Geschichte in der Aborigine-Kultur, dass der Adler Bunjil aus der Luft über alle Kinder wacht und sie behütet. Es handelt sich dabei nicht einfach um ein ‚Märchen’ oder um Folklore (im abwertenden Sinn). Die Geschichte von Bunjil ist für Aborigines im heutigen Australien von zentraler Bedeutung. Sie bietet zudem eine Orientierungshilfe für die Erhaltung aller Völker ebenso wie unserer Umwelt.

Für Koori-(Aborigine-)Gemeinschaften in Victoria beinhaltet die Geschichte von Bunjil ein hohes Maß an Verantwortung. Es obliegt Erwachsenen und Eltern, für unsere Kinder zu sorgen. Es ist wichtig, dass wir ihnen Bildung zu Teil werden lassen. Dass wir sie emotional und intellektuell fördern. Im Gegenzug hoffen wir, dass unsere Kinder, wenn sie älter werden, Verantwortung füreinander und für die Umwelt übernehmen werden. Das ist das Vertrauen, dass wir in unser eigenes Handeln ebenso legen wie in ihre Akzeptanz der Verantwortung, die das Erwachsenwerden mit sich bringt.

Manche – mögen sie Realisten, Zyniker oder Pessimisten sein – werden diese Zeilen als naive und grob vereinfachende Behauptung lesen. Sie mögen Recht haben – in Einzelfällen. Wir haben es in Aborigine-Gemeinschaften gelegentlich versäumt, die Erwartungen zu erfüllen, die wir uns zu Recht selbst auferlegen (wenn auch in viel geringerem Maße als die unaufhörlichen ‚Weltuntergangs’-Darstellungen unserer Gemeinschaften in den Medien). Viel häufiger jedoch, zumindest in Victoria, ernten wir die Früchte unserer Betreuung von Kindern, Teenagern wie jüngeren Kindern, indem junge Menschen beim Arbeiten mit der Umwelt zunehmend eine führende Rolle übernehmen. In dem Maße, in dem sie in eine Akzeptanz ihrer Rolle als Treuhänder hineinwachsen, gewinnen sie auch Vertrauen in ihre eigenen Entscheidungen. Einfach gesagt, die Zufriedenheit, die der Job ihnen gibt, rechtfertigt die Opfer, die sie dafür bringen.

Vor ein paar Tagen besuchte uns übers Wochenende ein Freund von mir – Stephen Muecke, ein Schriftsteller aus Sydney. Alles lief bestens (außer dass mein Vater in nicht sehr gutem Zustand im Krankenhaus liegt – ich bin aber zuversichtlich, dass er sich erholen wird). Das Wetter war schön, sonnig und klar; mein AFL-Team, Carlton, focht vor 60.000 Zuschauern ein dramatisches Unentschieden gegen seinen Erzrivalen Essendon aus. Am Samstag genossen wir in einem griechischen Restaurant mit meinem besten Freund Chris Healy (ebenfalls Schriftsteller) und meiner Frau Sara (Schriftstellerin, Akademikerin und rundherum außergewöhnlicher Frau) ein hervorragendes Abendessen.

Am Sonntagmorgen, AFL und Abendessen hinter uns, wandte sich das Gespräch unseren Sorgen nicht so sehr um die Realitäten des Klimawandels als vielmehr um die diesbezügliche Untätigkeit der derzeitigen australischen Regierung zu. Wie es so oft geschieht, verlagerte sich die Unterhaltung hin zu unserer eigenen Verantwortung und dem, was wir tun müssen, um die Haltung der Regierung zu ändern. Wir fragten uns – wie so oft –, ob das, was wir tun, nämlich schreiben, überhaupt irgendeinen Einfluss hat. Auch wenn wir dies natürlich hofften, waren wir uns dessen keineswegs sicher. Wir sprachen dann über unsere Kinder (ich habe fünf, Stephen drei) und junge Menschen im Allgemeinen. Während keiner von uns beiden so weit gehen wollte zu behaupten, wir hätten unsere Kinder durch unsere Unfähigkeit, im Einklang mit der Umwelt zu leben, im Stich gelassen – obwohl wir dabei in der Tat als Gesellschaft versagt haben –, mussten wir doch zugeben, dass jegliche Anzeichen von Desinteresse, die unsere Kinder in Bezug auf Themen wie Klimawandel an den Tag legten, ein Ergebnis der mangelnden Verantwortung und Führungsstärke von Machtapparaten wie etwa der Politik und der etablierten Medien sind.

Diese Apparate haben wir selbst geschaffen. Ich glaube fest an das Mantra, dass wir die Politiker bekommen, die wir verdienen. In Australien steht das, was von der Labor-Seite der Politik kommt, der von den Konservativen hinaustrompeteten Umweltpolitik an Oberflächlichkeit in nichts nach. Außerhalb der eigentlichen Umwelt- und Aktivisten-Bewegung ist Untätigkeit in Australien eine kollektive Erfahrung. Wenn wir glauben, etwas Besseres zu verdienen, bleibt uns nur übrig, mit mehr Energie und Überzeugung aktiv zu werden. Wenn wir das nicht tun, können wir nicht erwarten, dass unsere Kinder uns vertrauen. Und genauso wenig können wir erwarten, dass wir ihnen die Umwelt anvertrauen können.

Um auf Bunjil zurückzukommen. Der Adler schützt Kinder vorbehaltlos. Die Bunjil zugeschriebene Rolle erkennt Wissen, Weisheit und spirituelle Führung an. Bunjils Fürsorge für junge Menschen ist zudem bedingungslos: Es wird nicht erwartet, dass die Kinder zu einem späteren Zeitpunkt Verantwortung übernehmen werden; dass sie die erhaltene Fürsorge fraglos erwidern. Dies mag auf den ersten Blick nicht nach einer besonders guten Abmachung klingen. Der Adler dort oben am Himmel steckt schließlich eine Menge Arbeit in seine Fürsorge für die Jugend. Dankbarkeit ist nicht garantiert. Man bedenke daher, wie gewichtig und gleichzeitig fragil die Abmachung wird, wenn die Kinder die harte Arbeit des Adlers – für sie – tatsächlich anerkennen. Sie lernen, dem Adler zu vertrauen, und reagieren entsprechend. Wenn wir wollen, dass sich unsere Kinder für die Umwelt interessieren und nötigenfalls für sie kämpfen – wenn wir wollen, dass sie uns vertrauen –, dann müssen wir uns in die Lüfte schwingen und unseren Beitrag leisten.

 

Looking for Bunjil - outside my front gate

Looking for Bunjil – outside my front gate

Tony Birch
Aus dem Englischen übersetzt von Elisabeth Meister

Erinnerungen an Steven – Spaziergang Nummer Zwei

[Abbildung 33 - Yarra Trail, Kew, Victoria, Australien]

[Abbildung 33 – Yarra Trail, Kew, Victoria, Australien]

Ich hatte vor, meinen Spaziergang am Kew Billabong zu beginnen (mehr dazu später). Dem Liniennetzplan entnahm ich, dass ich Tram 48 Richtung Balwyn nehmen und an der Haltestelle 33 aussteigen musste. Ich habe mich in letzter Zeit etwas schwindlig und angenehm desorientiert gefühlt. (Die Welt war zu groß, und ich habe mich klein gemacht.) Aus Versehen erwischte ich die Tram 109. Ich bemerkte meinen Irrtum erst, als die Tram gerade nach rechts abbog, statt geradeaus weiter zu rumpeln. Ich sprang aus der Tram und beschloss, den Rest des Weges zu Fuß zu gehen. Nach wenigen Minuten fand ich mich an den Toren des Friedhofs von Kew wieder. Nicht mein ursprüngliches Ziel, aber der Ort, an dem Steven Ward, einer meiner engsten Freunde aus Teenagerzeiten, seit 35 Jahren begraben liegt. Ich liebte Steven. Wir lebten in demselben Block von Sozialwohnungen und gingen überall zusammen hin; insbesondere an den Yarra River, den Hinterhof unserer Kindheit.

Ich fand, dass ich schlecht an dem Friedhof vorbeigehen konnte, ohne Stevens Grab zu besuchen, und ging hinein. Ich hatte Steven schon häufig besucht und war überrascht, als ich sein Grab nicht finden konnte. Es machte mich wütend. Ich fühlte mich fahrlässig. Und schuldig. Es war, als hätte ich ihn vergessen.

Fest entschlossen, nicht aufzugeben, ging ich die Wege in dem Abschnitt des Friedhofs entlang, von dem ich wusste, dass Steven dort lag. Ich wanderte an den Gräbern von alten und jungen Menschen vorbei, von verheirateten Paaren und ganzen Familien. Als ich kurz davor war, meine Suche aufzugeben, stand ich plötzlich vor Stevens Grabstein. Die Entdeckung war bittersüß, als hätte ich in einer Menschenmenge fieberhaft nach dem Gesicht eines geliebten Menschen gesucht, es gefunden und gleichzeitig wieder verloren. Ich setzte mich hin und weinte, wenig überraschend und ohne Scham. War mein Umweg ein glücklicher Zufall? Ich meine schon. Schließlich war ich zu unserem Ort unterwegs gewesen. Es stand außer Frage, dass Steven mich begleiten würde.

[Abbildung 34 – Friedhof von Kew, Victoria, Australien]

[Abbildung 34 – Friedhof von Kew, Victoria, Australien]

Ich hielt auf einer Brücke über dem Eastern Freeway an – einem Autofluss. Der Staat Victoria frönt einem Freeway-Fetisch, der möglicherweise nur von unserem Auto-Fetisch übertroffen wird. Ich kann weiter spucken als die Strecke, die manche Leute morgens in die Arbeit fahren. Um die Mittagszeit, wenn es ruhig ist, sind die Freeways von Melbourne halbwegs im Fluss. Zu Stoßzeiten verstopfen sie wie alte Abwasserkanäle, und der Bundesstaat ist ständig auf der Suche nach Lösungen – beschränkter Art. Während Melbournes öffentlicher Nahverkehr mit einer alternden Infrastruktur kämpft, entscheiden wir uns jedes Mal für einen Bypass, wenn wieder eine Hauptverkehrsader unwiederbringlich verstopft ist; für eine neue Arterie mit beschränkter Lebensdauer, bevor auch sie wiederum einen größeren chirurgischen Eingriff benötigt. Unsere neueste Verkehrslösung ist der geplante East-West Link, ein Tunnel, der sich tief in die Erde graben und zwei Freewaysysteme miteinander vernetzen wird. Unter der Woche wird in den meisten Autos, die diese Verkehrsverbindung nutzen, nur eine Person sitzen. Ich vermute, dass sie eines nicht allzu fernen Tages im Tunnel viel Zeit mit dem Führen von Selbstgesprächen verbringen wird.

 

[Abbildung 35 - Eastern Freeway; Melbourne, Australien]

[Abbildung 35 – Eastern Freeway; Melbourne, Australien]

Ich brauchte nicht lange, um den Verkehr hinter mir zu lassen und mich am Kew Billabong wiederzufinden. Das Billabong ist das Überbleibsel eines ausgedehnten Feuchtgebietes, das einst die Landschaft prägte. Es bot einer Unmenge von Vogel- und Tierarten eine Heimat, von denen heute nur noch wenige übrig sind. (Obwohl Programme mit dem Ziel, Vögeln ein geeignetes Habitat zu bieten, fortbestehen.) Das Billabong ist für das Volk der Wurundjeri, die Aborigine-Nation im Großraum Melbourne, ein wichtiger kultureller und spiritueller Ort. Die Wurundjeri sind eine bemerkenswerte Gemeinschaft. Seit 1835 dem Ansturm der britischen Besatzer auf ihr Land ausgesetzt, haben sie mit Mut, Verstand und Findigkeit sicher gestellt, dass ihr Wissen über und ihr Anspruch auf das Land für Orte wie diesen überlebenswichtig bleiben.

[Abbildung 36 – „Willkommen auf Wurundjeri-Land“]

[Abbildung 36 – „Willkommen auf Wurundjeri-Land“]

Als Kinder radelten wir an Sommernachmittagen oft hinaus zu dem Billabong. Unsere Fahrräder waren zusammengeschusterte Dinger, gebastelt aus Kleinteilen, die wir auf den Straßen abstaubten. Damals gab es noch keine Fahrradwege, nur sehr wenige Leute, die ihre Hunde spazieren führten, keine Freeways, die unsere vergeudete Jugend planierten, und keine Schilder, die Besucher auf Aborigine-Land willkommen hießen. Aber dennoch spielten wir bei jeder sich bietenden Gelegenheit Aborigines. Unser Blut war willig, aber unsere Haut, von der Sonne ziegelrot gebrannt, war schwach. Das Spiel begann stets, indem wir nackt in das Billabong sprangen, am Wasserrand mit den Händen Schlamm schöpften und ihn über unsere Körper schmierten. Wir spielten Blackface, könnte man wohl sagen. Aber alles für die gute Sache. Wir waren wild und wollten nicht zivilisiert oder assimiliert werden. Wir versteckten unsere Gesichter vor dem Fortschritt. Im Billabong waren wir sicher. Solange wir uns vorstellten, wie wir jeden mit dem Speer durchbohrten, der in unser Land einzudringen wagte, waren wir sicher, dass wie nie älter werden und nie sterben würden. Solange wir nur im Wasser blieben.

Image: Kew Billabong

[Abbildung 37 – Kew Billabong, Victoria, Australien]

Das Billabong konnte uns nicht halten, und wir wurden älter. Kilometerweit streiften wir den Fluss entlang und nahmen alles für uns in Besitz; wir hatten kaum Konkurrenz, da sonst niemand den Fluss liebte oder sich für ihn interessierte. Wir pflegten an seinem schlammigen Ufer zu sitzen, Zigaretten zu rauchen und ihm etwas vorzusingen. Der Fluss wollte wissen, dass wir ihn liebten, und prüfte uns bei jeder Gelegenheit. In einem Sommer nahmen wir uns vor, von jeder einzelnen Brücke vom Stadtzentrum bis zur Pipe Bridge zu springen, der letzten Brücke vor dem Billabong. Aus 20 Metern über der Wasseroberfläche in den Fluss zu springen hätte uns Angst machen sollen. Das tat es nie. Selbst tief in der Schwärze und im eiskalten Wasser war ich sicher, dass der Fluss uns nicht im Stich lassen würde. Wenn Sie nie gesprungen sind, lassen Sie mich ein Geheimnis mit Ihnen teilen. In dem Raum zwischen Ihren die Sicherheit des Geländers hinter sich lassenden Füßen und dem Aufprall auf dem Wasser liegt ein Moment echten Fliegens – alles hält inne, bis auf Ihre Fantasie.

[Abbildung 38 - Pipe Bridge, Fairfield, Victoria, Australien]

[Abbildung 38 – Pipe Bridge, Fairfield, Victoria, Australien]

Und dann kommt der traurigste aller Tage. Ein Teil deines Flusses ist dir weggenommen und von jenen Idioten in Anzügen zerstört worden, die ein Faible für Freeways haben. Und von jenen anderen Idioten, die lieber bewegungsunfähig in Kapseln festsitzen, die Dreck in die Luft speien. Andere Teile deines Flusses sind mit Wegen, Fahrradwegen und Spazierwegen erschlossen worden.

Du hast die Wahl. Du kannst den Fluss mit anderen teilen, mit ihren Hunden und ihren Frisbees und Drachen und teuren Kinderwagen. Oder du kannst gehen und den Fluss und die Seele deines Freundes aus Teenagertagen in dir tragen. Du kannst lediglich ein Epitaph hinterlassen für jene, die den Fluss nie so kennen werden wie du. Vielleicht willst du es dir nicht eingestehen. Vielleicht kannst du der Wahrheit nicht ins Auge sehen; diese neuen Leute, die an deinen Fluss kommen, lieben ihn vielleicht auch. Ja, das ist die härteste Wahrheit von allen. Du besitzt diesen Ort nicht. Und du kannst es auch gar nicht – wenn das, was von ihm übrig ist, gepflegt und bewahrt werden soll.

[Abbildung 39 - Epitaph für die verlorenen Jungs – unter der Chandler Bridge, Kew, Victoria, Australien]

[Abbildung 39 – Epitaph für die verlorenen Jungs – unter der Chandler Bridge, Kew, Victoria, Australien]

Du kehrst heim, an den Wasserfall. Der Fluss, den du liebst – hier ist sein Herzschlag. Wenn das Wasser über die Klippen stürzt, erschüttern die Vibrationen den Boden. Es ist gut zu wissen, dass er noch lebt. Und gerade, als dir so egoistisch zumute ist, wie einem törichten Mann nur sein kann, und du denkst „Wieso verpissen sich diese ganzen Leute nicht einfach und geben mir meinen Fluss zurück“, schwebt wie durch einen glücklichen Zufall ein Geräusch gegen die Sandsteinstufen am gegenüberliegenden Ufer. Du glaubst, es ist ein Trick. Eine Täuschung, die an deinem tiefen Gefühl von Verlust rührt – um deine Leute, um deinen geliebten Jugendfreund, der mit seiner schimmernden Haut und seinen samtenen Haaren das Wasser mit dir teilte.

Aber es ist kein Trick. Es ist die Opfergabe eines anderen Besuchers, der am Ufer steht und ein Lied darbringt. Für den Fluss. Und für mich. Ich winke ihm über das Wasser zu und sage „Danke“. Ich wende mich zum Gehen, in dem Wissen, dass ich heute der einzige Idiot bin. Ich bin derjenige, der lernen muss. Ich muss lernen, dass die Orte, die wir lieben, uns nicht zustehen. Sie gehören überhaupt nicht uns. Wir gehören ihnen.

[Abbildung 40 – Mann mit Saxophon, Dights Falls, Victoria, Australien]

[Abbildung 40 – Mann mit Saxophon, Dights Falls, Victoria, Australien]

Ein Epilog

Ich verlasse den Fluss mit dem Gedanken, dass das Nachdenken über den Spaziergang und den Fluss vorbei ist. Es gibt nichts mehr, worüber ich schreiben könnte. Meine Reise endete auf einer perfekten Note, im mir liebsten Winkel der Erde, und mit dem perfekten Abschluss für einen Text über Spaziergänge, Orte und Freigebigkeit – alles dank dem geheimnisvollen Saxophonspieler.

Und dann stoße ich auf eine Wand. Sie trennt mich vom Autofluss. Und ich entdecke eine Tat, die Kunst des Widerstands. Dieser Ort lebt. So lasst uns stattdessen hier enden.

[Abbildung 41 – Freeway-Mauer, Abbotsford, Victoria, Australien]

[Abbildung 41 – Freeway-Mauer, Abbotsford, Victoria, Australien]

Tony Birch

Aus dem Englischen übersetzt von Elisabeth Meister.

Brauchen und Verbrauchen

[map 6 - abandoned TV sets - Carlton, Victoria, Australia]

[Abbildung 6 – Fernsehgeräte am Straßenrand – Carlton, Victoria, Australien]

Nicht weit von dort, wo ich lebe, schlafen obdachlose Männer unter einer Brücke, vor allem in den Wintermonaten, wenn es nass und kalt ist. Der notdürftige Unterschlupf, den sie errichtet haben, liegt weniger als zwei Meter von einem Fahrrad- und Spazierweg entfernt. Ich nutze den Weg manchmal auf meiner täglichen Joggingrunde und achte darauf, jedem zuzunicken oder zu winken, der den Unterschlupf benutzt. Die Bewohner winken selten zurück. Manchmal hinterlassen wohlmeinende Menschen schwere Taschen vor dem Eingang; Decken und Schlafsäcke, Secondhandkleidung, Nahrungsmittel und Kochtöpfe. Leider bringen sie jedoch viel zu viel. Genügend Decken, um einen Eisberg zum Schmelzen zu bringen, und Berge von kamelhaarfarbenen Chinohosen und Chambrayhemden – die Wochenenduniform der Großstadtanwälte.

Als ich gegen Sonnenuntergang an einem kühlen Abend unter der Woche an dem Unterschlupf vorbeijoggte, winkte einer der Obdachlosen tatsächlich zurück – und lächelte. Ich hielt an und fragte ihn, ob er irgendetwas brauchte. Er lachte und deutete auf die Lastwagenladung von „Almosen“, die sich in den letzten Wochen vor seinem „Zuhause“ angesammelt hatten. „Danke, bloß nicht“, lachte er, die Hände abwehrend erhoben. „Ich hab’ schon genug Probleme, diesen ganzen Kram hier loszuwerden.“

Wir sammeln so viel überflüssiges Zeug an, dass wir es gar nicht mehr loswerden können. Niemand will es. Früher hatten wir Angst, dass ein Dieb mitten in der Nacht das Wohnzimmerfenster aufhebeln, sich ins Haus schleichen und den Fernseher mitgehen lassen könnte – ein denkbar traumatisches Ereignis. Der erste Fernseher unserer Familie war ein His Master’s Voice. Meine Mutter, die heute noch auf die Marke schwört (wenn sie nur einen finden könnte), ist immer noch stolz auf die Tatsache, dass unser alter HMV fünfzehn Jahre hielt. (In Hundejahren wären das ungefähr 90. Mit der Berechnung in Fernseherjahren kenne ich mich nicht so aus.)

Heutzutage sind Fernseher und viele andere Elektrogeräte genauso Wegwerfartikel wie eine vollgeschissene Windel. Sie sind so gemacht, dass sie NICHT halten. Und wenn wir ihrer überdrüssig werden oder sie kaputt gehen, machen wir uns keinen Stress, sie reparieren zu lassen, gebraucht zu verkaufen oder auch nur zu verschenken. Wir laden sie an der Straße ab, wo sie dann tage-, manchmal wochenlang stehen bleiben. Niemand macht sich die Mühe, sie mit nachhause zu nehmen. Jeder hat schon seinen eigenen Fernseher, den er loswerden muss.

Im Zuge des Nachdenkens über meine Teilnahme am Wetterstationen-Projekt – und über den Müll, den wir produzieren – startete ich vor einigen Wochen ein Fotoprojekt und fing an, die Fernseher an der Straße zu dokumentieren, an denen ich jeden Morgen auf dem Weg in die Arbeit vorbeikam. Schnell hatte ich ein Album mit mehr als dreißig Bildern zusammen. Als Folge meines Projektes entdeckte ich, dass es nichts gibt, was verlorener aussieht oder nutzloser ist als ein toter Fernseher. (Oder zwei Dutzend Secondhand-Chinos.)

Unsere Konsumkultur wird von einem Wirtschaftsmodell, von den Herstellern, von unserer Regierungspolitik und von Steuervergünstigungen untermauert, die fordern, dass wir mehr und mehr Zeug kaufen. Häufig werden wir das Zeug dann los und kaufen anderes Zeug. (Das oft dasselbe Zeug ist.) Das Zeug, das wir loswerden, wird manchmal an „sozial Schwache“ gespendet, was uns ein gutes Gewissen beschert. Anderes Zeug recyceln wir, was uns ein außerordentlich gutes Gewissen beschert. Aber jede Menge Zeug liegt oder steht einfach herum, einsam und materiell obsolet. Und es ist ja nicht so, als wäre manches davon nicht zu einem langen und ausgefüllten Leben fähig. (Auch wenn multinationale Unternehmen ihren Kunden versichern, dass es sich nicht lohnt, ihr drei Monate altes Handy zu reparieren – bringen Sie es zu einem Wochenmarkt in Ihrer Nähe und ein engagierter Herr (oder eine Dame) mit geschickten Händen bringt das Gerät gegen ein geringes Entgelt wieder zum Laufen.)

Sie mögen Ihren derzeitigen Fernseher, Telefon, Laptop oder iPod-Dingens nicht mit derselben Zuneigung betrachten, die meine Mutter nach wie vor für ihren alten HMV hegt. Aber vielleicht könnten Sie lernen, ihr Gerät wenigstens ein bisschen zu lieben, und ein bisschen länger. Die Obdachlosen wollen oder brauchen es nicht. Die ortsansässigen Diebe lächeln nur müde über das Zeug. Und wenn es endlich seinen Weg auf die Müllkippe findet, ruht es dort – sehr, sehr lange Zeit.

Tony Birch

Aus dem Englischen übersetzt von Elisabeth Meister.