Vergessener Schnee

Übersetzt von Rebecca DeWald

VORSPIEL

Ein mächtiger Eisberg treibt im Meer. Wärest du ein Vogel oder ein Fisch und folgtest du dem Eisberg eine lange Weile, so würde er dich nach Grönland führen. Dort sähest du vielleicht eine tote Möwe, die erfroren im Schnee, oder das Skelett eines großen, nun seltenen Moschusochsen, das verwittert an einem Abhang liegt. Oder du träfest auf diese Inuit-Familie in ihrem kleinen Schneehaus, wo unsere Geschichte beginnt.

Womit beschäftigt sich so eine Inuit-Familie denn? Alle sitzen beieinander, wie viele Familien es tun, und kümmern sich um den Haushalt. Die Mutter kocht, ihre drei Söhne füttern die Hunde und helfen der Mutter ab und an, das Essen zuzubereiten. Der Vater starb vor langer Zeit; er kam beim Jagen in einem Schneesturm ums Leben. Tekkeit Qaasuitsup ist der jüngste der drei Söhne. Mit seinen gerade einmal neunzehneinhalb Jahren ist er bereits der Held seiner Heimat, wo ihn jeder schlicht „kluges Kerlchen“ nennt. Sein Englisch ist ziemlich gut und er ist schon weit in der Welt herumgekommen. Dabei hat er die Titelblätter von Zeitungen von Deutschland bis Amerika, von Russland bis Australien geziert. Jetzt erzählt er gerade seiner Familie von den Abenteuern seiner letzten Reise:

„… und ich hab dann den Deutschen erklärt, dass bei uns aput der Schnee am Boden ist; dass qana fallender Schnee ist, pigsipord Schneewehen, mentlana rosa Schnee und suletlana grüner Schnee. Und dass kiln Schnee ist, an den man sich erinnern kann, und naklin Schnee, den man vergessen hat, und so weiter. Die Deutschen fanden das sehr interessant und haben mich gefragt, was „erinnerter“ Schnee ist und was denn „vergessener“ Schnee sein soll. Da hab ich ihnen erklärt, dass man sich ja nicht an jeden Schnee erinnern kann, den man sieht und dass man sich im Leben eigentlich nur an bestimmten Schnee erinnert. Zum Beispiel werde ich den Schnee, der auf unseren toten Vater gefallen ist — motela — nie vergessen

1.

Nun sehen wir diesem jungen Inuk zu, wie er gemütlich in einem Bett schläft. Doch wir merken sofort, dass er nicht mehr in Grönland ist: Wir hören Großstadt- und Flugzeuglärm, die von draußen hereindringen. Die Vorhänge sind geschlossen, doch ein wagemutiger Strahl der Morgensonne tastet sich in das Dunkel des Zimmers vor.

Tekk macht die Augen auf, sieht sich in dem ungewohnten Raum um und fragt sich dann, ob er vielleicht noch träumt. Also macht er die Augen wieder zu. Der Traum, aus dem er gerade erwacht ist, passt nicht in diesen Raum. Er träumte, er schwämme mit einem jungen Eisbären. Der Bär schwamm aber viel schneller als Tekk, denn, wie jeder weiß, sind Eisbären ausgezeichnete Langstreckenschwimmer. Also musste sich Tekk in seinem Traumrennen geschlagen geben. Der Traum war so real, dass er immer noch das Gefühl hat, ein nasses Gesicht zu haben. Aber in was für einem Traum ist er denn jetzt? Tekk öffnet die Augen erneut und lässt seinen Kopf in ein weiches Kopfkissen sinken. Er sieht einen Fernseher an der Wand, einen Kühlschrank, einen Schreibtisch, einen Stuhl, einen Spiegel, einen Kleiderschrank und direkt neben seinem Bett eine Tür, die in ein Badezimmer führt. All das sieht er so klar und deutlich vor sich, dass es kein Traum sein kann. Tekk setzt sich verwirrt im Bett auf. Dann erkennt er plötzlich seinen orangen Koffer auf dem Teppich mitten im Zimmer. Seine Familie in Grönland hatte ihm den nagelneuen Koffer vor seiner Abreise geschenkt. Nun wird ihm klar, dass er nicht träumt, sondern tatsächlich irgendwo in Deutschland angekommen ist. Er muss also gestern nach seiner langen, komplizierten Reise doch hier gelandet sein. Er erinnert sich dunkel an den Reisebus und das winzige Regionalflugzeug, in den man ihn gesteckt hat, und dann an den großen, internationalen Flughafen und das riesengroße Flugzeug, wo ihm die Stewardess mit strahlendem Gesicht gratis Wein und anderen Alkohol angeboten hat. Ab da lässt sein Gedächtnis aber nach und er kann sich an nichts weiter erinnern.

Es klopft an der Tür. Tekk bleibt mucksmäuschenstill liegen. Es klopft erneut. Er hebt seine Beine vorsichtig aus dem Bett und stellt die Füße auf den Teppichboden. Jetzt hört er, wie jemand den Schlüssel umdreht und die Tür öffnet. Und da steht sie: eine junge, weiße Frau in Uniform mit einem Staubsauger neben sich auf dem Boden. Vor Überraschung sitzt Tekk schnell kerzengerade auf und fragt sie in stotterndem Englisch: „Who are you?”

Da fällt ihm auf, dass er schon eine Weile kein Englisch mehr gesprochen hat.

Als sie merkt, dass der Hotelgast noch auf seinem Zimmer ist, entschuldigt sich die Frau rasch und fragt dann auf Englisch: „Should I come back later?”

Tekk hält sie auf und bittet sie, nicht gleich zu gehen.

Die Frau dreht sich wieder um: „Ja, bitte?”

„Ich bin hier schon in Berlin, stimmt’s?”

Sie lächelt: „Ja”, antwortet sie, „das stimmt.”

„Wo genau in Berlin?”

„Sie sind hier im Hotel Kantstraße, ganz in der Nähe vom Berliner Zoo.”

„Dem Berliner Zoo?”, wiederholt Tekk ungläubig.

„Ich meine, also, Sie sind hier in einem Hotel, nicht in einem Zoo.” Dann erklärt sie in ähnlich unbeholfenem Englisch: „… aber der Berliner Zoo ist ganz in der Nähe.”

Weil Tekk nun nicht mehr antwortet, fragt die Frau erneut: „Soll ich dann jetzt sauber machen oder doch lieber später wiederkommen?”

Tekk schaut das Zimmermädchen gebannt an und schüttelt dann kaum merklich den Kopf.

Die Frau verschwindet mit ihrem Staubsauger durch die Tür und macht diese hinter sich zu. Tekk sitzt auf dem Bett und als er sich streckt, merkt er, dass er immer noch voll angezogen ist und so wohl auch geschlafen hat. Er tastet seinen Kopf ab, fühlt aber nur sein kurzes Haar. Wo ist denn nun meine Walrossfellmütze geblieben? Er liebt die alte Mütze heiß und innig und geht niemals ohne sie aus dem Haus, geschweige denn auf eine lange Reise. Plötzlich sieht er sie auf dem Schreibtisch neben dem Fenster liegen, schnappt sie sich und setzt sie sich erleichtert auf den Kopf. So fühlt er sich schon viel besser. Er reißt die Vorhänge auf und Licht strömt in das Zimmer. Er öffnet das Fenster und sieht die Skyline draußen nun dicht vor sich. Riesige Reklametafeln verdeckten die großen Wolkenkratzer. Auf einem steht „Benz”, auf einem anderen „BMW.” Er blickt nach unten und ihm kommt es so vor, als ob die Straße und die Autos darauf Spielzeuge wären. Ihm wird schwindelig, also macht er das Fenster schnell wieder zu. Jetzt läuft er noch etwas auf dem Teppichboden herum, um sich an den Raum zu gewöhnen.

Er geht ins Badezimmer. Das Waschbecken hat eine ungewöhnliche Form: Es sieht aus wie eine gewaltige Lotusblüte. Jedenfalls kommt es Tekk so vor, denn allzu viele große Blumen hat er in seinem Leben noch nicht gesehen. Als er das Waschbecken berührt, gehen automatisch Lämpchen an, wie in einem Science-Fiction-Film. Tekk starrt in das hell erleuchtete Waschbecken und will herauszufinden, wo sich darin die Glühbirnen verstecken. Schließlich gibt auf. Er muss sich sowieso erst einmal waschen. Doch der Wasserhahn hat keinen Hebel, den er betätigen könnte. Er bewegt seine Hände unter dem Wasserhahn hin und her, aber es regt sich nichts. Als er dann seinen Kopf direkt unter den Wasserhahn hält, um nachzusehen, schießt das Wasser plötzlich in Strömen heraus und direkt in sein Gesicht.

„Tiaavuluk!“, schimpft Tekk, schnappt sich ein Handtuch und trocknet sich das Gesicht ab. Frustriert macht er die Kühlschranktür auf und findet eine Auswahl an Wein- und Wodkafläschchen, nimmt sich eines heraus und trinkt den Wodka direkt aus der Flasche. Er trifft auf seine ausgetrocknete Kehle und Tekk fühlt sich schon besser. Er setzt sich aufs Bett und trinkt so rasch, als ob es nichts als Leitungswasser wäre. Er macht den Kühlschrank wieder auf und findet eine Packung Erdnüsse. Er isst sie leer, nimmt sich ein zweites Wodkafläschchen und diesmal eine Cola dazu. Als er auch dieses Fläschen fast leer getrunken hat, klopft es wieder an der Tür.

Tekk macht die Tür auf. Ein großer, gut aussehender Europäer steht vor ihm und lächelt ihn an.

„Guten Morgen. Sie müssen dann also Tekkeit Qaasuitsup sein. Darf ich hereinkommen?“

Tekk nickt. Der Mann kommt herein und schüttelt seine Hand.

„Ich heiße Hans und arbeite für den diesjährigen internationalen Klimagipfel. Ich werde Sie bei Ihrem Aufenthalt hier begleiten.“

„Zuhause nennt man mich Tekk“, antwortet Tekk etwas schüchtern.

„Alles klar, Tekk. Ich kann zwar ein bisschen grönländisch, aber ich will mich damit jetzt lieber nicht blamieren. Sind Sie zum ersten Mal in Berlin?“

„Ja“, antwortet Tekk. Dabei hat er das Gefühl, dass Hans ihn etwas herablassend ansieht, und fügt deshalb schnell hinzu: „…aber ich war schon in Kopenhagen und in Stavanger. Warst du schon mal in Stavanger?“

„Hm …“ Hans schüttelt den Kopf. Den Namen hat er noch nie gehört. „Ich bin mir nicht ganz sicher. Ist das in Dänemark?“

„Nein“, lacht Tekk. Dabei fällt Hans die laute und unbändige Stimme des jungen Mannes auf, dem es scheinbar Spaß macht, sich über Hans‘ Unwissen lustig zu machen. „Das ist in Norwegen! Die haben da so eine Domkirke. Riesig ist die.”

„Eine Domkirke?“ Hans kann dem Gefasel Tekks nicht mehr folgen. Außerdem stört ihn der strenge Wodkagestank im Zimmer.

„Ja, eine Domkirke. Eine riesengroße, alte Kathedrale. Die ist echt gruselig, wenn man reingeht.”

Hans beschließt, sich lieber nicht hinzusetzen. Er schaut auf seine Armbanduhr und gibt zu verstehen, dass sie sich wohl sputen müssen.

„Das ist alles ganz toll, Tekk. Falls ich je mal nach Stavanger komme, sehe ich mir diese Domkirche ganz bestimmt mal an. Jetzt müssen wir aber dann auch los. Lassen Sie uns erst einmal frühstücken. Natürlich nur, wenn Sie fertig sind. Danach haben wir volles Programm“.

Tekk befolgt Hans’ Anweisungen, zieht seine Wollstiefel an und geht hinter Hans zur Tür.

„Vergessen Sie Ihren Schlüssel nicht!“ Hans zieht die Schlüsselkarte aus dem Schlitz und zieht die Tür hinter sich zu.

 

2.

Die zwei sind nun in einem reizenden Café, wo sie von etlichen Gemälden und Kunstwerken an den Wänden angestarrt werden. Tekk fühlt sich auf den weichen Kissen nicht ganz wohl. Hans hat bereits Frühstück für beide bestellt und die Bedienung kommt gerade an den Tisch und serviert beiden ihre Bestellung: Hans bekommt Obstsalat, Tekk ein Omelett.

Tekk starrt auf den Teller und rührt sein Essen nicht an.

„Ich dachte, Sie mögen Eier?“, erkundigt sich Hans etwas besorgt.

„Ja, schon. Ich dachte nur … gibt’s hier denn kein Fleisch?“

„Fleisch? Ja, doch, klar. Das ist im Omelett innen drin“, erklärt Hans.

Tekk stochert mit der Gabel im Omelett herum, traut dem Ganzen aber nicht. Ja, ein bisschen Schinken ist da schon drin, den er auch schnell aufisst, aber ganz zufrieden ist er nicht. „Ich dachte, die hätten hier vielleicht richtiges Fleisch.“

„Sie möchten richtiges Fleisch? Ich kann Ihnen natürlich noch etwas Räucherschinken bestellen.“

Hans ruft die Bedienung herüber und bestellt. Wenige Augenblicke später bringt sie einen Teller mit rosa Schinken und ein paar Melonenschnitzen an den Tisch.

Jetzt ist Tekk endlich zufrieden. Er zieht sofort sein eigenes Messer aus der Tasche, das mit dem Griff aus Walrosselfenbein. Den Gästen um ihn herum läuft ein eiskalter Schauer über den Rücken, als sie dem jungen Inuk dabei zusehen, wie er die Schinkenscheiben eine nach der anderen mit seinem Messer aufspießt und sich hungrig in den Mund schiebt. Hans sieht ihm dabei zu, unterdrückt aber eine Bemerkung.

Es dauert nicht lange und Tekk hat den gesamten Schinken verschlungen. Zurück bleiben nur die Melonenschnitze.

Tekk putzt die Klinge seines Walrosselfenbeinmessers mit einer weißen Serviette und wischt sich anschließend damit den Mund ab. Jetzt endlich sagt er etwas.

„Weißt du, Hans, das Fleisch hier ist einfach zu weich. Ich mag festes Fleisch, wie Karibufleisch. Das essen wir in Grönland.“

„Ja, klar, Karibufleisch. Tut mir leid, aber das werden Sie in Deutschland leider vergeblich suchen.“

„Du solltest auch mal festeres Fleisch probieren. Das ist gut für die Zähne.“

Hans isst die letzten Bissen seines Obstsalats und sagt dann: „Ich bin Vegetarier.“

„Was ist denn ein Vegetarier?“

„Ein Vegetarier ist jemand, der kein Fleisch isst.“

„Aber warum?“, fragt Tekk seinen deutschen Begleiter voller Verwunderung: „Sind deine Zähne denn nicht gut genug?“

Hans lacht. „Meine Zähne sind einwandfrei“, sagt er, „so alt bin ich jetzt auch noch nicht! Aber mit meinen Zähnen hat das auch eigentlich gar nichts zu tun. Es ist nur so … wie soll ich sagen ….“ Er denkt ein paar Sekunden lang nach und entscheidet sich dann: „Tiere zu essen, ist schlecht für die Umwelt. Und gesund ist es überhaupt auch nicht.“

Tekk schaut Hans verdutzt an. Er würde am liebsten laut loslachen, übt sich aber in Höflichkeit und sagt deshalb nur: „Wenn ich das meiner Familie erzählen würde, würden die mich auslachen. Außer Karibus isst daheim keiner Gras.“

Hans zuckt die Schultern. „Dann bin ich eben ein Karibu. Ich esse Gras und Sie essen dann mich. Wir sind also die perfekte Nahrungskette.“

„Ihr Deutschen seid echt komisch“, sagt Tekk etwas gekränkt.

Hans trinkt seinen Kaffee aus und zieht sein Portemonnaie aus der Tasche. „Wir sollten wohl besser weiter. Ich möchte Ihnen noch etwas zeigen.“

Aber Tekk kann kaum aufstehen. Ihm ist von dem ganzen Wodka heute Morgen in seinem Hotelzimmer noch immer etwas schwindelig.

„Hier, trinken Sie lieber einen Schluck Wasser.“ Hans reicht ihm ein Glas.

3.

Wie Hans und Tekk so die Straße entlang gehen, sehen sie aus wie zwei Komödianten: Einer ist groß und schlaksig, der andere eher untersetzt; einer geht schnell mit gezieltem Gang, der andere schleicht unsicher hinterher. So stolpern sie langsam in Richtung Savignyplatz und passieren zahlreiche Cafés und Kneipen auf dem Weg. Wie er so die Straße entlang stolpert, besieht sich Tekk diese wundersame Welt, in der er heute Morgen aufgewacht ist. Jeder um ihn herum erkennt sofort, dass er eindeutig getrunken hat, und wundert sich ob des seltenen Anblicks eines betrunkenen Inuks in voller Montur, der die schicken Straßen von Berlins Modeviertel entlang taumelt. Hans muss ihn in die richtige Richtung weisen, als sie die Straße überqueren.

Sie kommen an einer Kneipe vorbei, die mit Blumen und Leuchtreklame dekoriert ist. An einem Tisch vor der Kneipe sitzt eine schöne Frau und unterhält sich mit einem Mann. Ihre nackten Beine strecken sich lang unter dem Minirock hervor und entgehen auch Tekks Blicken nicht.

Tekk taumelt auf den Tisch zu und drückt, ohne ein Wort der Warnung, seine Wange an die blassen Beine der Frau. Diese schreckt auf und schreit, als sie merkt, wie betrunken Tekk ist. Ihr Begleiter steht auf und zerrt Tekk weg. Dann brüllt er ihn an: „Mensch, was ist denn mit dir los?!“ Hans eilt herbei und befreit Tekk gerade noch rechtzeitig aus der Lage und entschuldigt sich überschwänglich bei dem aufgeregten Paar.

Ein paar Minuten später findet sich Tekk vor einem riesigen Gebäude ganz aus Glas wieder. „Das ist der Hauptsitz der Internationalen Forschungsgruppe zum Klimawandel“, erklärt Hans und zerrt Tekk in den Aufzug. „Ich möchte Ihnen den Vorsitzenden und die Veranstalter der Konferenz vorstellen.“

„Warum?“, fragt Tekk etwas trotzig. Er bekommt im Aufzug stechende Kopfschmerzen. Er kann kaum noch aufrecht stehen und ihm wird übel.

„Weil diese Leute Sie hierher eingeladen haben. Und weil sie Ihre Hotelrechnung übernehmen. Und weil sie im Gegenzug nur zu gerne einen Vortrag von Ihnen bei der Konferenz hören würden.“

Im Büro angekommen bittet man sie, einige Minuten auf den Vorsitzenden zu warten, der noch in einer Besprechung ist. Tekk nutzt die Gelegenheit und lässt sich auf das Sofa fallen. Als Hans von der Toilette zurückkommt, ist sein Freund bereits fest eingeschlafen und schnarcht friedlich und deutlich hörbar.

Hans wartet geduldig auf dem Sofa, bis einer der Veranstalter auf ihn zukommt, um ihn zu begrüßen. Sobald er sieht, in welchem Zustand sich ihr Gast befindet, schlägt er Hans vor: „Gönnen wir unserem Gast doch einen Ruhetag. Sie können ihm vielleicht die Stadt zeigen, wenn ihm danach ist. Und morgen können wir uns dann um die Konferenz kümmern.“

Hans stimmt dem zu.

Am Nachmittag geht er also mit Tekk in den Tiergarten. Hier fühlt sich der junge Inuk viel wohler und kann neue Energie tanken. Bei ihrem Spaziergang durch das Wäldchen kommen sie an einen See, in dem ein paar Enten friedlich umherschwimmen. Dann entdecken sie ein Paar in einem Kanu, das gemächlich über den Teich paddelt. Tekk starrt das kleine Kanu an und bekommt beim Anblick Heimweh. Als das Paar im Boot ihm zuwinkt, versteht er das als Einladung, rennt das Ufer entlang und springt komplett angezogen ins Wasser. Er schwimmt auf sie zu und das Paar bekommt es mit der Angst zu tun, findet die Situation aber auch amüsant, also klettert Tekk schnurstracks ins Boot.

Tekk lacht und hat Spaß in seinem neuen Kanu. Hans protestiert am Ufer, doch Tekk hat dem Mann im Boot bereits das Paddel entrissen und taucht es nun ins Wasser. Hans rennt am Ufer entlang und schreit: „Entschuldigen Sie bitte meinen Freund. Er kommt aus Grönland. Er kennt die Gepflogenheiten hier noch nicht.“

4.

Die Pressekonferenz ist für den folgenden Morgen geplant. Eine ganze Reihe an wichtigen Rednern sitzt schon auf der Bühne bereit, als die Konferenzteilnehmer den Saal betreten. Unter ihnen ist auch Tekk, der ein Namensschild an die Brust geheftet bekommen hat. Er sitzt neben Hans an der kurzen Tischseite.

Der Konferenzveranstalter hält eine kurze Ansprache, in der er alle Teilnehmer willkommen heißt und noch einmal die Notwendigkeit der Erforschung des Klimawandels betont. Kurz ist dabei deutlich untertrieben, sodass Tekk sich müde auf seinen Stuhl fläzt. Dann stellt der Veranstalter die Redner auf der Bühne vor: Wissenschaftler, Professoren, Aktivisten usw. Als Tekk an der Reihe ist, wird er schlicht als „der letzte Inuk Grönlands“ vorgestellt, „dem Ort der schmelzenden Eisberge.“ Das Publikum applaudiert aufgeregt und Kamerablitze erhellen den Saal. Hans gibt Tekk mit Gesten zu verstehen, dass er für die Fotografen aufstehen soll.

Der Veranstalter spricht weiter: „Tekkeit Qaasuitsup ist einer der letzten Inuit Nordgrönlands und wird in den kommenden Konferenztagen einen Vortrag über die traditionelle Lebensweise seiner Familie halten und uns dabei erklären, was wir von der Kultur der Inuit lernen können. Nun aber genug der Rede, lassen Sie uns mit der Konferenz beginnen …“

Nur wenige Stunden später erscheint eine Großaufnahme von Tekk mit der Walrossfellmütze auf dem Kopf in sämtlichen Berliner Zeitungen. Die Überschrift lautet jeweils „LETZTER INUK IN DER STADT!“ oder „WAS ESKIMOS VON UNSERER MODERNEN WELT HALTEN.“

Die Konferenz geht währenddessen ohne größere Zwischenfälle weiter und schon bald werden die Teilnehmer in die Mittagspause entlassen. Nun sitzen sie im Speisesaal und genießen ihr Essen mit Blick auf eine saftige Grünfläche. Einige Teilnehmer schütteln Tekk die Hand und erkundigen sich nach seiner Familie und seiner weiten Anreise. Tekk wird aber durch etwas im Freien abgelenkt.

Er verfolgt mit den Augen eine junge Frau in einem roten Kleid, die über die Grünfläche schreitet. Hans verfolgt Tekks Blick und sieht dann auch die junge Frau mit ihren langen, schwarzen Haaren, wie sie einen Raben in einem Käfig über ein Blumenbeet trägt.

„Hast du das gesehen, Hans? Den schwarzen Vogel da?“

„Ja, das war sogar ein Rabe“, antwortet Hans verwundert. „Ein Rabe als Haustier in einem Käfig … das sehe ich wirklich zum ersten Mal!“

Die Frau scheint die Blicke zu bemerken, wendet sich den beiden zu und lächelt sie geheimnisvoll an. Tekk rennt hinaus, doch als er auf der Grünfläche ankommt, ist die Frau bereits verschwunden.

„Sedna! Ich habe meine Sedna gefunden!“, ruft Tekk.

„Was meinen Sie denn mit Sedna?“, fragt Hans, der Tekk nachgegangen ist.

„Sedna! Die Meeresgöttin von uns Inuit!“

„Meinen Sie jetzt den Raben oder die junge Frau?“, fragt Hans.

„Die junge Frau! Sie heißt Sedna!“

„Alles klar, ist ja schon gut. Jetzt beruhigen Sie sich erst einmal, Tekk“, sagt Hans und schlägt vor: „Möchten Sie mir vielleicht erzählen, wer Sedna ist?“

„Ja, klar. Also: Es war einmal ein wunderschönes Inuit-Mädchen mit langen, schwarzen Haaren — eben wie die Frau hier!“. Tekk irrt immer noch unschlüssig im Garten herum und hofft darauf, dass sich das Ereignis wiederholt. „Jeder in meiner Heimat kennt ihre Geschichte. Weil Sedna so schön war, lehnte sie alle Freier ab, die um ihre Hand anhielten. Doch Sednas Familie war sehr arm, also wollte sie ihr Vater lieber verheiraten. So sagte er zu ihr: ‚Sedna, unsere Vorräte gehen zur Neige und bald müssen wir hungern. Du musst also einen Ehemann finden, der dich ernähren kann. Deshalb werde ich dich dem nächsten Freier zur Frau geben.‘ Eines Tages kam ein in schwarzes Fell gekleideter Jäger zu ihrem Iglu und bat Sednas Vater um die Hand seiner Tochter. Sedna nahm den Antrag des Fremden an, obwohl sie nicht einmal sein Gesicht erkennen konnte. Also bestieg sie bald darauf das Kajak des Jägers, um mit ihm zu ihrem neuen Zuhause zu reisen. Weißt du überhaupt, was ein Kajak ist?“

„Ja, natürlich weiß ich, was ein Kajak ist. Erzählen Sie lieber weiter: Was ist dann aus ihr und ihrem komischen Ehemann geworden?“

„Sie waren sehr lange bei Schnee und Wind auf See unterwegs und die beiden Reisenden mussten vor lauter Kälte die Decken fest um sich wickeln. Während der ganzen Fahrt bekam Sedna kein einziges Mal das Gesicht ihres Mannes zu sehen. Sie gelangten schließlich zu einer Insel, doch als Sedna sich umschaute, konnte sie weit und breit nichts erkennen, weder eine Hütte, noch ein Zelt, nicht einmal Kochtöpfe. Nur nackte Felsen und kahle Klippen, soweit das Auge reicht. Ihr neues Zuhause bestand schlicht aus ein paar Fellbüscheln und Federn auf dem harten, kalten Stein. Als sie so auf den Klippen standen, baute sich der Jäger vor Sedna auf, zog sich die Kapuze vom Kopf und stieß ein bitterböses Lachen aus. Rate mal, warum!“

„Weil Sednas Ehemann kein Mann sonder ein Rabe war, stimmt‘s?“, antwortet Hans mit einem wissenden Lächeln.

„Ja, das stimmt! Ihr seid ganz schön clever, ihr Deutschen! Ihr Ehemann ist ein großer, fetter, schwarzer Rabe!“

„Und was passierte dann? Hat sie den Rest ihres Lebens mit dem bösen Vogel verbracht?“. Hans wird jetzt etwas ungeduldig, weil alle Teilnehmer um sie herum bereits mit dem Mittagessen fertig sind während Hans und Tekk noch keinen Bissen angerührt haben.

„Sedna wollte natürlich nicht mit dem hässlichen, schwarzen Vogel zusammenleben, aber sie war ja so weit von Zuhause weg! Also konnte sie nicht so einfach alleine zurückrudern …“

An dieser Stelle in der Geschichte kommt der Veranstalter herüber und unterbricht Tekk mit den Worten: „Hallo Tekk, hallo Hans! Hat Ihnen denn die Pressekonferenz heute Morgen gefallen?“

Der Veranstalter schüttelt Tekks Hand. Da erst merkt Tekk, wie hungrig er ist, springt auf und läuft zum Büfett und schaufelt sich den Teller voll.

„In der Tat. Ich hoffe nur, dass unser Freund aus Grönland eine ganze Konferenzwoche durchsteht!“, empfängt Hans den Veranstalter, während er sich Salat auf den Teller häuft.

„Machen Sie sich da mal keine Sorgen. Falls unserem Inuit-Freund hier das ganze Gerede zu langweilig wird, können Sie ihm doch die Stadt zeigen. In Berlin gibt es doch so Einiges zu sehen, das Holocaust-Mahnmal, den Checkpoint Charlie und so. Was halten Sie davon, Tekk?“

Tekk bemüht sich, zu lächeln, während er mit einem Schnitzel kämpft.

„Wie gefällt Ihnen Berlin denn soweit, Tekk? Haben Sie schon unseren bekannten Bären kennengelernt?“, fragt der Veranstalter weiter.

„Welchen Bären?“, fragt Tekk überrascht und schluckt schnell einen Schnitzelhappen. „In Deutschland gibt es Bären?“

„Ja“, antwortet der Veranstalter, „wir haben einen ganz berühmten Eisbären. Er heißt Knut.”

„Wie? Was? Echt jetzt?“, Tekk hat mittlerweile aufgehört, zu essen, und ist ganz aufgebracht.

„Wo ist er denn? Können wir ihn jetzt gleich sehen?“ Dabei sieht er Hans bittend an.

Hans lacht: „Nicht sofort“, antwortet er, „aber vielleicht etwas später, falls Sie nicht zu müde sind.“

Und schon sind sie von Journalisten umringt, die ein Foto von Tekk mit seiner Walrossfellmütze machen möchten und ihn ermutigen, in die Kamera zu lächeln. Tekk stellt sich in Pose, doch das Lächeln geht ihm nicht so leicht über die Lippen.

 

5.

Jetzt stehen Tekk und Hans in der Schlange vorm Berliner Zoo. Sie sind bei Weitem nicht die Einzigen, die in den Zoo wollen, doch schon nach einer Weile hält auch Hans zwei Eintrittskarten in der Hand.

Tekk ist sofort ganz beeindruckt von der Größe des Zoos mit seinen satten, grünen Pflanzen und den künstlich angelegten Hügeln. Er hat so einige Fragen für Hans:

„Also sammeln die Leute dann von überall her Tiere und stecken sie zum Angucken hier rein, ohne sie zu erlegen?“

„Genau, deshalb sind die Tiere ja hier. Also, ich meine, damit man sehen kann, wie denn ein Tiger so frisst und herumläuft und so.“

„Ein Tiger?!“, ruft Tekk. „Ich hab mal einem im Fernsehen gesehen. Mann, die sind ganz schön unheimlich. Denen möchte ich lieber nicht über den Weg laufen. Bitte, Hans, lass uns da lieber nicht hingehen!“

„Ok, keine Tiger für Tekk, ist notiert“, lächelt Hans und führt Tekk weiter im Zoo herum. „Ich passe schon auf, dass Sie keine Tiere zu sehen bekommen, denen Sie lieber nicht begegnen möchten. Aber Sie haben mir Ihre Geschichte ja noch gar nicht zu Ende erzählt. Ich weiß ja gar nicht, was aus der guten Sedna und ihrem hässlichen Rabenmann geworden ist!“

„Ja, also, Sedna war dann klar, dass sie einen schwarzen Vogel geheiratet hat. Da war sie natürlich ziemlich traurig und hatte auch ganz schön Angst vor ihm, also hat sie dann versucht, zu fliehen. Doch nach jedem Versuch schleifte sie der große Vogel bis an den Klippenrand und drohte damit, sie ins Meer zu stoßen. Gleichzeitig aber bat er sie, ihn nicht zu verlassen, weil er sonst so einsam wäre. Also lebte sie als Frau des Raben auf dem nackten Felsen. Tagein, tagaus flog der Rabe aus und brachte rohen Fisch zurück, den sie tagein, tagaus essen musste. So weinte sie jeden Tag und schluchzte den Namen ihres Vaters, den die arktischen Winde dann weit hinaus bis hin zu Sednas Vater trugen. Dieser erkannte den Ruf seiner Tochter im Wind und dann, eines Tages …“

Tekk hält inne. Vor sich erkennt er plötzlich riesige, ihm unbekannte Tiere und kann sich nicht mehr auf seine Geschichte konzentrieren. Angst und Furcht verzerren sein Gesicht beim Anblick der Gorillas, die er noch nie zuvor gesehen hat. Als er diesen ungeheuren Menschenaffen aber so gegenübersteht, bekommt er einen Lachanfall und bricht dabei schon fast in Tränen aus.

„Vielleicht sind das ja doch Menschen, meinst du nicht?“, fragt er Hans mit bebender Stimme.

Als einer der Gorillas auf sie zukommt, verstummt Tekk, fällt schlagartig auf die Knie, mit dem Gesicht zum Käfig, und betet den Gorilla an.

Hans beobachtet Tekks merkwürdiges Verhalten, verzieht dabei zwar etwas das Gesicht, verkneift sich aber eine Bemerkung.

Dann treten sie an das Giraffengehege heran. Tekk sieht sich die langhalsigen Tiere genau an und ist schwer beeindruckt.

„Ich hätte auch gern einen so langen Hals, da könnte ich Feinde schon von Weitem sehen!“. Dann kniet er erneut nieder und sagt: „Hans, wir müssen beten, sonst rächen sie sich eines Tages noch an uns.“

Hans zuckt die Schultern und sieht zu, wie Tekk die Tiere anbetet und dabei unverständlich murmelt.

Schließlich kommen sie zur bekanntesten Touristenattraktion des Zoos, dem Eisbären. Das Gehege ist mit Besuchern gesäumt, die alle ihre Fotoapparate und Smartphones im Anschlag haben. In den Nachrichten heißt es, dass der Eisbär sich seit ein paar Tagen nicht hat blicken lassen.

Doch sobald Tekk an den Zaun herantritt, ändert sich die Stimmung. Hinter den Felsen wird langsam ein großer, weißer Tierkörper sichtbar. Die Besucher bringen alle gespannt ihre Kameras in Ausgangsstellung. Tekk starrt den berühmten Knut an, der sich auf einem Felsbrocken beim Wasserbecken niedergelassen hat und gelangweilt und einsam vor sich hinstarrt. Er betrachtet das seichte Wasser und merkt nichts von all den Besuchern und Kamerablitzen.

„Oh Tekk, da haben Sie aber ganz schön Glück, dass Sie unseren Lokalhelden kennenlernen können! Er hat uns schon ganze 2 Mio. Euro Umsatz eingebracht“, erklärt Hans sichtlich erfreut.

„Wie das denn?“, fragt Tekk.

„Wie? Sehen Sie sich doch mal an, wie viele Besucher hier sind! Die haben alle Eintrittskarten gekauft, um den Eisbären zu sehen.“

„Knut …“, murmelt Tekk. „In Grönland stehen wir Eisbären nicht gern so nah gegenüber. Wenn wir ihnen begegnen, wünschen wir ihnen Glück und hoffen, dass sie nicht noch näher kommen.“

In dem Moment kommt eine Schulklasse zum Gehege. Die Kinder stoßen Tekk zur Seite, springen wild umher und wollen alle den Eisbären sehen, den Superstar des Zoos.

„Naja, Knut war in den letzten Monaten auch nicht sehr glücklich. Einige Tierverhaltensexperten sagen, er vermisst seine Heimat, oder dass er eine Gefährtin braucht. Er sieht ja auch etwas traurig aus. Manchmal kommt er nicht einmal zum Schwimmen heraus und liegt auch nicht mehr wie früher in der Sonne. Er versteckt sich nur noch in seiner Höhle, wo keiner ihn sehen kann.“

Tekk scheint das sehr gut zu verstehen, denn er sagt: „Ja, das würde ich auch tun, wenn man mich in einen großen Käfig stecken würde. Länger als drei Tagen würde ich das bestimmt nicht aushalten.“

Je länger er den Eisbären betrachtet, desto näher geht ihm dessen Lage. Er steht wie angewurzelt vor dem Gehege, als ob ihn etwas im Bann hält. Er umfasst die Zaunpfosten und verfolgt mit den Augen den Eisbären genau. Dann murmelt er wie im Traum: „Ich glaube, er erkennt mich …“

Und tatsächlich scheint Knut Tekks Blick zu erwidern. Die Augen des Tiers sind voller Trauer, doch ein Funken Hoffnung blitzt in ihnen auch auf. Tekk ist wie in Trance und murmelt weiter: „Oh, Hans“, sagt er, „er beobachtet mich. Ich glaube, er erkennt mich …“

 

6.

Ein Windstoß erschüttert den Zoo und bringt den Straßenlärm einschließlich Sirenen mit sich. Da brummt Knut plötzlich sorgenvoll und wütend und zieht sich langsam in seine Höhle zurück, um sich wieder zu verstecken. Dabei schüttelt er sich, reibt sich die Augen und man möchte meinen, er wäre kurz vor einer Ohnmacht. Hans fragt, ob es ihm denn gut gehe. Tekk antwortet nicht, sondern rüttelt nur mit gesenktem Kopf am Zaun. Plötzlich, als ob er aus einem Traum erwacht wäre, fährt Tekk mit seiner Geschichte von dem schwarzen Raben fort.

„Also, ich habe dir ja erzählt, dass Sedna den Raben geheiratet hat und sich nun jede Nacht an den Klippen die Augen ausheulte. Eines Tages hörte Sednas Vater das Weinen seiner Tochter im schneedichten Wind. Da fühlte er sich plötzlich schuldig, was seine Tochter wegen ihm erleiden musste und er entschloss sich, sie zu befreien. Er schlachtete ein großes Walross als Proviant für die Seereise, packte sein Kajak mit Lebensmitteln und Wasser und folgte dem Weinen. So paddelte er drei Tage lang durch die arktischen Gewässer bis zu Sednas neuem Zuhause. Als er sich der Insel von Sednas Ehemann näherte, sah er auf den Klippen einen roten Umriss und erkannte sofort seine Tochter in dem roten Kleid, das sie bei ihrer Abreise trug. Der Anblick ihres Vaters freute und überraschte sie sehr und sie kletterte schnell in sein Kajak, um mit ihm zurück nach Hause zu fahren. Nach einigen Stunden aber sahen Sedna und ihr Vater hinter sich in der Ferne einen schwarzen Fleck am Himmel. Beide wussten sofort, dass es Sednas wütender Ehemann war, der sie verfolgte.“

An dieser Stelle in der Geschichte heult der Eisbär zweimal in seiner Höhle auf, eben so, als ob er die Geschichte hören und erkennen würde. Dann tritt er wieder aus seiner Höhle heraus. Tekk wird mucksmäuschenstill: Er fühlt sich vom Bären wie magisch angezogen und es scheint, als ob dieser Tekks Blick erneut erwidert.

„Vielleicht sollten wir zwischen den Besuchern durch um den Zaun herum laufen“, schlägt Tekk vor, „So merken wir, ob der Bär mich wirklich erkennt.“

Als sie um das Gehege laufen, verliert der Eisbär Tekk zuerst aus den Augen. Nach kurzer Zeit entdeckt er ihn aber wieder in der Menge und es ist ganz so, als ob ein Blitz zwischen ihren Augen funkelte. Doch dann lenken zwei Wärter den Eisbären mit einem großen Gummiseehund ab, den sie in das Gehege werfen in der Hoffnung, das niedergeschlagene Tier würde sich endlich etwas bewegen. Das scheint Knut wütend zu machen, denn er springt von einem Felsen herunter und zerfetzt den Gummiseehund.

Tekk dreht sich angewidert weg. Er zerrt Hans vom Gehege weg zu einer Bank unter einem Baum. Mit einem Seufzen fährt er mit seiner Geschichte fort: „Also dann segelte der große, schwarze Rabe im Wind hinter seiner Frau und ihrem Vater her und holte die beiden immer mehr ein. Als er nahe genug war, fing er an, das Kajak anzugreifen. Sednas Vater versuchte, sich mit dem Paddel zu verteidigen, doch verfehlte den Raben immer wieder, der sie immer weiter attackierte. Dann flog er bis dicht an die Meeresoberfläche und schlug mit den Flügeln, bis sich ein böser Sturm zusammenbraute. Die stille See wurde zu einem tobenden Meer und schmiss das winzige Kajak zwischen den Wogen hin und her. Sednas Vater bekam es mit der Angst zu tun, ergriff schließlich seine Tochter und warf sie über den Kajakrand hinaus ins Meer. „Hier“, rief er, „hier, nimm deine kostbare Frau, aber tu mir bitte nichts. Nimm sie schon!“ Sedna schrie und kämpfte während ihr Körper im eisigen Wasser immer tauber wurde. Sie schwamm zum Kajak hin und hielt sich mit den Fingern am Bootsrand fest. Doch ihr Vater — voller Furcht vor dem tobenden Sturm — dachte nur an sich, wie er es schon immer getan hat. Er schlug mit dem Paddel auf die Finger seiner Tochter ein. Sedna schrie vor Schmerzen auf und bat ihn vergeblich, aufzuhören. Ihre Knochen zerbrachen und ihre eiskalten Finger glitten ins Meer. Dort verwandelten sie sich einer nach dem anderen in Seehunde und schwammen unter der Wasseroberfläche davon. Sedna kämpfte sich erneut zum Kajak ihres Vaters vor und versuchte, hineinzuklettern, doch ihr Vater ergriff erneut das Paddel und schlug nun auf die Hände seiner Tochter ein. Sednas eiskalte Hände erstarrten und wurden von ihrem Körper getrennt. Die fingerlosen Hände trieben auf den Meeresgrund und verwandelten sich dort in Wale und Walrosse. Sedna fehlte nun alle Kraft und sie sank selbst auf den Meeresgrund.“

„Was für eine traurige Geschichte!“, ruft Hans entrüstet. „Der Vater ist ja noch gemeiner als der Rabe.“

Tekk fährt fort: „In ihrer Verzweiflung verwandelte Sedna all ihr übrigen Körperteile in Bewohner der Meere: Ihr Haar wurde zu Millionen von Krabben und Fischlein, ihre Gedärme zu Hummern und Kraken, ihre Sorgen zu Algen und ihre Sehnsucht wurde zu einer Sanddüne am Strand. Ihr rotes Kleid verwandelte sich schließlich in den Berg Mara in Richtung Nordpol, um die Menschen vor den eisigen Winden zu beschützen. So konnten nun all die hungrigen Inuit-Familien ihr Essen aus den üppig gefüllten Ozeanen fangen und ihre Hütten am Fuße des Berges errichten. Und deshalb ist es bei uns Brauch, dass Jäger sich nach erfolgreicher Jagd in Richtung des Mara-Bergs verneigen und jedem Seehund ein paar Tropfen Wasser ins Maul rieseln lassen, bevor sie ihn letztlich erlegen. Als Dank der Sedna, unserer Meeresgöttin.“

„Aber was ist denn aus diesem bösen Vater und dem abscheulichen Vogel geworden?“, fragt Hans.

„Der Vater und der böse Vogel wurden beide von einem Eisbären gefressen. Der Eisbär war nämlich tatsächlich der Herrscher der Region und wusste, was überall vor sich ging. Deshalb bestrafte er den Raben und den Vater.“

Tekk ist am Ende seiner Geschichte angelangt. Beide sind nun still und starren in die Ferne. Der Eisbär in seinem Gehege hat sich mittlerweile wieder in seiner Höhle versteckt. Hans sieht deshalb die Gelegenheit zum Aufbruch gekommen. Er muss Tekk aber versprechen, dass sie Knut am nächsten Tag noch einmal besuchen kommen.

7.

Tekks Abend verläuft ohne weitere Vorkommnisse. Er sitzt gerade in einem stattlichen Restaurant und ihm werden die schönsten Meeresfrüchte und das prachtvollste Fleisch aufgetischt. Kerzen erhellen den Tisch und lassen den Rotwein tiefrot und das Bier golden schimmern. Doch Tekk bringt nur zwei Bissen des Bratens herunter. Er sitzt deprimiert da und auch die vielen freundlichen Konferenzteilnehmer können ihn mit ihren Gesprächen nicht aufheitern. Ihm fehlen die richtigen Worte für die Gespräche dieser weißen Europäer, also bleibt er von den gehobenen Diskussionen über Kohlendioxidausstoß und Säuregehalt der Weltmeere ausgeschlossen. Er vermisst seine Familie, seinen Lieblingsschlittenhund, seinen Iglu und vor allem die Freiheit, die er nur in der wilden Natur spürt. Er bittet Hans, ihn zurück ins Hotel zu begleiten, während die anderen Teilnehmer Wein trinken und Stachelbeertorte essen.

Später, allein in seinem Hotelzimmer, ist Tekk etwas wohler. Er zieht sich bis auf die Unterhose aus, behält aber seine Walrossfellmütze auf, die er über alles liebt. Sie erinnert ihn an all die Abenteuer mit seinem Vater: Wie sie auf Walrossjagd gingen und wie er seinem Vater beim Häuten der Tiere mit einem bloßen Messer zusah. Er vermisst seinen Vater, obwohl er weiß, dass dieser nun tot ist und tief im Schnee neben seinem Haus vergraben nichts mehr spürt. Plötzlich kullern Tränen über seine Wange.

Er legt sich ins Bett und drückt wahllos auf der Fernbedienung herum, von einem Fernsehsender zum nächsten.

Auf einem Sender läuft eine Kochsendung, auf einem anderen eine Vorabendserie über eine schwerreiche Familie irgendwo in Europa, und auf einem dritten läuft ein Krimi mit den üblichen Verfolgungsjagden und Schießereien. Tekk sieht sich all das eine Weile an, aber weil alles auf deutsch ist, wird ihm schnell langweilig und er fühlt sich wieder einsam und allein.

Er schaltet den Fernseher aus, liegt still da und versucht, zu schlafen.

Durch die dünnen Hotelzimmerwände hindurch hört er im Zimmer nebenan die intimen Geräusche zweier Gäste, die immer lauter werden.

Er liegt also mit weit geöffneten Augen da und hört den Geräuschen zu.

Am nächsten Tag bittet Tekk Hans, wieder mit ihm in den Zoo zu gehen. Diesmal begleitet ihn Hans nur bis zum Eingangstor und erklärt, dass er ihn in drei Stunden genau hier wieder abholen kommt, weil er selbst noch auf der Konferenz zu tun hat. Tekk ist froh über diese drei Stunden allein im Zoo. Er geht direkt zum Gehege seines alten Bekannten und steht geradewegs vor dem einsamen Eisbären. Er beobachtet jede Bewegung des Tieres, hält sich aber vor dem Knut verborgen.

Heute hat sich ein Fernsehteam der BBC vor dem Gehege aufgebaut und will über den berühmten Eisbären berichten. Tekk beobachtet eine blonde Moderatorin, wie sie auf Englisch in die Kamera spricht:

„Willkommen beim BBC World Service! Ich stehe hier vor Knut, dem berühmten Eisbären des Berliner Zoos. Doch haben die Deutschen gerade allen Grund zur Sorge um den beliebten Bären. Von den Zoowärtern haben wir erfahren, dass Knut sehr zurückgezogen lebt und sich meist in seiner Höhle aufhält. Außerdem hat das Tier kaum Appetit. Eisbären essen zumeist rohes Fleisch, doch selbst das schmeckt Knut in letzter Zeit nicht mehr und er zieht der Eisbärnahrung Gemüse und gekochte Gerichte vor. Sogar Croissants und Brot, die Besucher ihm zuwerfen, verschlingt er und es scheint fast so, als ob der bekannte Fleischesser zum Vegetarier geworden wäre. In einer Woche feiert Knut zusammen mit den Tierwärtern seinen fünften Geburtstag und ich bin mir sicher, wir werden viele süße Fotos von seiner Geburtstagsfeier zu sehen bekommen …“

Im Hintergrund brummt der Bär zweimal laut in Richtung Kamera, sodass die Moderatorin es merklich mit der Angst zu tun bekommt, sich aber bald wieder im Griff hat und mit einem Lächeln im Gesicht fortfährt. Doch dann stürmen ein paar Tierschützer vor die Kamera, zücken ihre Plakate und rufen im Chor: „Käfige sind ein Verbrechen!“. Der Eisbär wird immer verstörter, bis Tekk aus dem Schatten des Baumes hervortritt, sodass Knut ihn nun sieht. Es dauert nur wenige Augenblicke, bis Knut seinen Freund erkennt und sich langsam beruhigt. Tekk singt Lieder in seiner Muttersprache und wird dabei immer lauter. Sein Gesang durchdringt den Lärm der Demonstranten und der Besuchergruppen und es scheint, als ob der Bär mit dem Gesang hin- und herwiegt. Und dann finden sich die Blicke des Bären und des Inuks wieder.

In diesem Moment bemerken die Umherstehenden, was sich zwischen dem Eisbären auf der einen, und dem Asiaten, der in seiner Fellmütze aus voller Kehle singt, auf der anderen Seite des Geheges abspielt. Knut antwortet mit einem tieftraurigen Seufzer, hebt den Kopf und streckt sich, ganz so, als ob er Tekk zunicken möchte. Plötzlich wird es still, bis auf die Hintergrundgeräusche der anderen Zootiere und des Verkehrs vor den Toren des Zoos. Tekk und der Eisbär stehen wie angewurzelt da und starren sich gegenseitig an, unter ständiger Beobachtung der Besucher und Wärter. Doch dann, als ob eine gespannte Schnur zwischen ihnen plötzlich zerreißt, überkommt den Bären eine tiefe Hoffnungslosigkeit und er kann den Blick nicht mehr erwidern. Als ob er eine schwere Masse in Bewegung setzen muss, dreht sich Knut weg und schleift seine Tatzen träge über den Boden zurück in seine Höhle. Tekk verlässt den Zoo schnell, bevor jemand Fragen stellen kann.

 

8.

Die Konferenzwoche neigt sich ihrem Höhepunkt und Ende zu: dem Morgen, an dem Tekk seine Rede hält. Hans hat ihm beim Verfassen seines Vortrags geholfen und Tekk hat ihn die letzten Tage fleißig geübt und kann ihn nun ziemlich gut vorlesen. Hier ist seine Rede:

„Sehr geehrte Teilnehmer der fünften Konferenz zur Erderwärmung,

Ich heiße Tekkeit Qaasuitsup und stamme aus einem kleinen Dorf in Grönland. Ich fühle mich geehrt, Ihnen heute die Geschichte meiner Familie und meines Volkes erzählen zu dürfen. Ich muss zugeben, dass ich leider nichts über die Erderwärmung und den Klimawandel weiß, doch ich möchte dem Veranstalter danken, dass er mich hierher nach Berlin eingeladen hat.

Hier ist meine Geschichte: Ich komme vom Stamm der Inuit. Wir sind Jäger und Sammler. Ich bin in der Tat ein Nanuk, nämlich ein guter Jäger. Nanuk hieß in meiner Sprache ursprünglich der Herrscher-Bär und in unserer Kultur ist der Eisbär der Herr aller Bären. Er allein entscheidet, ob die Jäger Bären finden und erlegen sollen, weil sie sich verdient gemacht haben; doch er nimmt auch Rache an bösen Jägern, die die Regeln der Natur missachten. Mein Vater war Bärenjäger und deshalb bin auch ich ein Bärenjäger geworden. Wir müssen unser Essen erjagen, denn in meinem Dorf gibt es keinen Laden und der nächste Supermarkt ist eine Dreitagesfahrt mit dem Hundeschlitten entfernt. Deshalb müssen wir zum Überleben fischen und jagen gehen. Doch wir hören beim Jagen stets auf den Herrscher-Bär. Bei meiner Ankunft in Deutschland war ich sehr überrascht, den Herrscher-Bär in einem Berliner Zoo eingesperrt zu sehen. Also musste ich während meines Aufenthalts jeden Tag zu ihm gehen, um ihn anzubeten, doch sein Zustand ist bedenklich. Ich hoffe, er wird mich nicht eines Tages dafür bestrafen …

…Zu guter Letzt möchte ich meinem Freund Hans hier danken. Er hat mir Benimm beigebracht und mir den europäischen „Way of Life“ gezeigt. Aber ich weiß nicht so recht, ob ich wie Hans Vegetarier werden soll, denn wenn wir nur das gute Fleisch der Meere essen und nur so viel, wie wir brauchen, dann müssen wir ja nicht ganz auf Fleisch verzichten. Wir können ja sowieso keine drei Seehunde in der Woche verputzen, sondern sind auf das beschränkt, was wir zum Leben brauchen. Ich verstehe deshalb echt nicht, warum es hier in den Supermärkten so viel Essen zu kaufen gibt! Was passiert denn damit, wenn das am Ende des Tages nicht alles verkauft wird? Wird das weggeschmissen oder vergammelt es sogar? Jedenfalls ist mir schon klar, dass es in Großstädten mehr Auswahl gibt, aber mir ist mein Heimatdorf lieber und ich habe schon sehr Heimweh. Ich freue mich darauf, sobald wie möglich heimzufliegen. Das war’s. Bitte entschuldigen Sie mein schlechtes Englisch aber vielen Dank fürs Zuhören.“

Tekks Rede wird mit tosendem Applaus belohnt und alle sind sich einig, dass er der charmanteste Gastredner der Konferenz ist. Seine neuen Fans bitten ihn sofort um ein Foto. Schon wenige Augenblicke später tritt ein Mann im Anzug an Tekk heran und stellt sich als Werner Vidoni vor, der Leiter des Berliner Zoos, der sich auf Tierverhalten spezialisiert hat.

„Was willst du denn von mir?“, fragt Tekk etwas überrascht.

„Oh, ich brauche Ihre Hilfe, Tekk, falls ich Sie so direkt bitten darf“, erklärt Vidoni.

„Warum denn meine Hilfe?“

„Sie haben unseren Eisbären im Zoo ja bereits kennengelernt und Sie wissen sicherlich auch, wie viel er der Stadt bedeutet. Mir ist aufgefallen, dass Sie ein sehr gutes Verhältnis zu Knut haben — ich habe neulich gesehen, wie Sie ihn beruhigt haben.“

„Ja, ich kenne Knut gut“, antwortet Tekk etwas geheimnisvoll.

„Knut wurde im Zoo geboren und seine Mutter starb kurz nach seiner Geburt. Seither fristet er ein ziemlich einsames Eisbärdasein. In den letzten Monaten hat er sich aber immer mehr zurückgezogen und isst auch kaum noch. Wir machen uns große Sorgen um seine Gesundheit. Da Sie ja aus Grönland stammen, der Heimat der Eisbären, habe ich mich gefragt, ob Sie vielleicht eine Idee haben, was wir für Knut tun können. Und wenn Sie möchten, können Sie zusammen mit unseren Wärtern Knut aus der Nähe sehen. Wir würden Ihre Meinung über seine Ernährung und sein Verhalten wirklich sehr zu schätzen wissen.“

Diese Bitte kommt für Tekk etwas überraschend. Ihm fehlen die Worte und er kann nur aufrichtig nicken.

„Tekk ist ganz in Knut verschossen. Ich bin mir sicher, er würde sich über die Gelegenheit freuen, ihn aus nächster Nähe sehen zu können“, springt Hans für ihn ein.

Am nächsten Tag wird Tekk von dem Zoodirektor von seinem Hotel abgeholt. Auf dem Weg zum Zoo werden sie von zwei Dokumentarfilmern mit Kameras und Tonaufnahmegeräten begleitet. Sie wollen eine Realityshow über einen echten Inuken drehen, der den Berliner Eisbären dressiert. Sie sind sich einig, dass die deutschen Fernsehzuschauer davon ganz hin und weg sein werden. Die Gruppe wird begeistert von den Zoowärtern in Empfang genommen. Bevor Tekk durch die Hintertür in Knuts Gehege tritt, kniet er mit dem Gesicht in Richtung Bärenhöhle nieder und betet leise. Als er das Ritual beendet, klopft er sich den Staub von der Hose und sagt: „Jetzt können wir hineingehen.“

Der Zoodirektor fragt neugierig nach Tekks Brauch: „Tekk, an was glauben Sie denn?“

Der junge Inuk antwortet mit einem alten Inuit Sprichwort: „Wir glauben nicht, wir haben Ehrfurcht.“

„Ehrfurcht vor Gott?“, fragt der Zoodirektor. „Haben Sie denn denselben Gott wie wir hier in Europa?“

„Gott? Gott ist in allen Dingen. Er ist in Seehunden, in Walrossen, in Fischen und auch in Eisbären.“

„Also haben Sie auch eine gewisse Furcht vor diesen Göttern? Ich meine, wenn Sie nicht an sie glauben würden, hätten Sie auch keine Angst vor ihnen …“

„Glaube ist bei uns nicht wichtig, aber die Ehrfurcht schützt uns. Wir haben Ehrfurcht vor der Natur“, antwortet Tekk.

Der Dokumentarfilmer nimmt Tekks Rede auf und seine geheimnisvolle Antwort gibt den Berliner Medien bald Rätsel auf und macht den weisen Inuit schon fast so berühmt wie Knut. Tekks Foto erscheint kurz darauf in der BILD und in der TAZ, neben einem Bild Knuts und der Überschrift: WIR GLAUBEN NICHT, WIR HABEN EHRFURCHT.

Tekk verbringt den Tag zusammen mit Tierverhaltensforschern im Eisbärengehege. Er erzählt dem Zoodirektor alles, was er von seinem Vater über Eisbären gelernt hat. „Weißt du, der Eisbär ist ein toller Langstreckenschwimmer. Aber hier im Zoo kann er nirgendshin schwimmen und sich so nicht richtig austoben.“ Vidoni nickt. Er kennt das Problem gut aber weiß nicht, was er an Knuts Lebensraum ändern könnte.

9.

„Wir können Knut nicht einfach wieder auswildern, denn er wurde in Gefangenschaft geboren und hat noch nie außerhalb des Zoos gelebt. Er weiß ja noch nicht einmal, wie er sein Futter jagen soll. Er würde in freier Wildbahn schlicht umkommen“, erklärt der Zoodirektor.

Tekk weiß keinen weiteren Rat. Bevor er den Zoo verlässt, schlägt er noch vor: „Knut braucht einen Freund, einen Freund seiner Art, mit dem er leben kann.“

„Ja, das haben wir uns auch schon gedacht“, sagt Vidoni. „Deshalb haben wir uns entschlossen, 500 000 Euro an Spenden aufzutreiben, um einen zweiten Eisbären zu kaufen, ein Weibchen aus Norwegen, mit der Knut eine Familie gründen kann. Einen Teil des Geldes haben wir schon und wir bekommen bestimmt genug für ein Fräulein Knut zusammen.“

Doch nur der junge Inuk weiß schon jetzt, dass die Tage seines Freundes im Gehege bereits gezählt sind. Der Eisbär ist kurzatmig und hat in den letzten Tagen nicht einmal die Hälfte seiner Tagesration gefressen. Er ist am Ende seiner Kräfte und schafft es nicht einmal mehr, aus der Höhle heraus vor die Besucher treten.

Am nächsten Tag bringt Hans Tekk mit seinem orangen Koffer zum Flughafen. Dort sehen sie, wie hunderttausende Flugreisende sich vor die Fernsehbildschirme in der Abflughalle drängen, weil alle die Nachricht aus dem Berliner Zoo sehen wollen: Knut ist tot. Er ist einer geheimnisvollen Krankheit erlegen, anscheinend einem Tumor im Herzen. Tekk und Hans bleiben beide wie gebannt vor den Nachrichten auf dem Bildschirm stehen. Es wird berichtet, dass Knuts plötzlicher Tod international für Aufruhr und Beileid gesorgt hat. Hunderte Fans sind zum Zoo gepilgert, um Blumen am Gehege niederzulegen. Herr Herzog, der Bürgermeister Berlins, spricht nun in die Kamera: „Wir haben ihn alle tief ins Herz geschlossen. Er war der Star der Stadt, doch er wird in unseren Herzen weiterleben. Wir werden ein Denkmal für kommende Generationen errichten, um an dieses einmalige Tier zu erinnern.“ Es wird außerdem berichtet, dass Knuts Überreste eventuell ausgestopft und im Naturkundemuseum ausgestellt werden sollen. Der Bericht endet mit Kindern, die dem Eisbären ein Lied singen: „Knut der Träumer, lebt für immer weiter.“

Nun allein im Flugzeug beobachtet Tekk, wie die Wolken draußen vorbeischweben. Die Szenen der letzten Tage lässt er wie einen Film vor seinem inneren Auge Revue passieren. Er schläft im Flugzeug auf seinem Weg gen Norden ein. Im Schlaf hat er wieder denselben Traum, wie in seiner ersten Nacht in Deutschland. Er schwimmt mit einem jungen Eisbären im arktischen Meer. Doch der Bär ist ein so guter Schwimmer, dass er Tekk bald weit hinter sich zurücklässt. Schon bald ist von dem Bären nur noch ein kleiner Kopf zu sehen, der sich im Seegang auf und ab bewegt und sich dann allmählich nicht mehr von der grauen Meeresoberfläche und dem trüben Himmel abzeichnet. Tekk sucht den Horizont ab in der Hoffnung, einen Blick auf den Bären zu erhaschen, doch vergebens. Er ist allein im weiten Meer. Dann verändert sich der nördliche Himmel plötzlich. Das Licht und die Wolken winden sich zu einem Lächeln und ein schmunzelndes Eisbärgesicht schwebt über ihm in den letzten Sonnenstrahlen des Tages, die den grauen Wogen einen weißen Schimmer verleihen.

 

NACHSPIEL

Ein mächtiger Eisberg treibt im Meer. Wärest du ein Vogel oder ein Fisch und folgtest du dem Eisberg eine lange Weile, so würde er dich nach Grönland führen. Dort sähest du vielleicht eine tote Möwe, die erfroren im Schnee, oder das Skelett eines großen, nun seltenen Moschusochsen, das verwittert an einem Abhang liegt. Oder du träfest auf diese Inuit-Familie in ihrem kleinen Schneehaus, wo unsere Geschichte weitergeht.

Womit beschäftigt sich so eine Inuit-Familie denn? Alle sitzen beieinander, wie viele Familien es tun, und kümmern sich um den Haushalt. Die Mutter kocht, ihre drei Söhne füttern die Hunde und helfen der Mutter ab und an, das Essen zuzubereiten. Der Vater starb vor langer Zeit; er kam beim Jagen in einem Schneesturm ums Leben. Der jüngste Sohn, das „kluge Kerlchen“, ist gerade von einem Abenteuer zurückgekommen und erzählt nun seiner Familie davon:

„… und ich hab dann den Deutschen erklärt, dass bei uns aput der Schnee am Boden ist; dass qana fallender Schnee ist, pigsipord Schneewehen, mentlana rosa Schnee und suletlana grüner Schnee. Und dass kiln Schnee ist, an den man sich erinnern kann, und naklin Schnee, den man vergessen hat, und so weiter. Die Deutschen fanden das sehr interessant und haben mich gefragt, was „erinnerter“ Schnee ist und was denn „vergessener“ Schnee sein soll. Da hab ich ihnen erklärt, dass man sich ja nicht an jeden Schnee erinnern kann, den man sieht und dass man sich im Leben eigentlich nur an bestimmten Schnee erinnert. Zum Beispiel werde ich den Schnee, der auf unseren toten Vater gefallen ist — motela — nie vergessen…”

 

Blüten der Einsamkeit

Eine Kurzgeschichte von Xiaolu Guo, übersetzt von Rebecca DeWaldflower

1. Houyi

Damals bestand das Universum aus zwei unterschiedlichen Welten: Der Erde, auf der die Sterblichen lebten, und den himmlischen Gefilden, die die Unsterblichen beherrschten. Damals waren die Berge scharlachrot und die Meereswogen schwappten blutrot ans Land. Damals bevölkerten so viele Tiere das Land, dass die Menschen sich ihren Platz erkämpfen mussten. Damals wurden Männer an Ihrer Kunst im Bogenschießen gemessen. Und damals, vor sehr langer Zeit, ging ein außergewöhnlicher Bogenschütze namens Houyi auf der roten Erde.

Houyi bewegt sich schnell und gewandt durch das hohe, wilde Gras, wie ein Leopard, der durch den Wald streift. Mit seinem Bogen über der Schulter ist er auf dem Weg zum Dorf Weißer Elefant, um für die Einwohner Wölfe zu erlegen. Die blutrünstigen Tiere hatten vor noch nicht allzu langer Zeit mehrere Kleinkinder gerissen, wovon die Blutspur auf dem Waldweg zum Dorf noch zeugt. Kein Tier — ob Wolf, Stier oder Löwe — kann Houyis Bogen entkommen, denn Houyi ist der Meister der Bogenschützen des Königreichs.

Die Sonne brennt über den Tannenspitzen, in deren Halbschatten Houyi sitzt und schwitz wie ein junger Stier. Er wäscht sein Gesicht im Bach am Fuße des Hügels und löscht seinen Durst mit dem klaren, süßen Wasser des Bergs. Er beißt in die saure Frucht eines wilden Birnenbaums und spuckt die harte Schale ins Gras. Houyi ist ein heißblütiger, junger Mann. Sein junger Bart ist buschig und kräftig und weht stets im Wind. Und sogar Tiger fürchten ihn und schrecken zurück, wenn sie seinen Schritt hören und den großen, silbernen Bogen und die schwarzen Pfeile im Köcher auf seinem Rücken sehen.

Nachmittags, nachdem die Sonne den Zenit überschritten hat, schießt Houyi die drei Wölfe im Wald. Die ersten beiden erlegt er sofort; den Dritten verletzt er nur, um ihn für das Herbstopfer aufzubewahren. Die Dorfbewohner feiern ihren Helden, bedanken sich bei Houyi und schenken ihm Mais und Fisch und sogar geräuchertes Schweinefleisch. Houyi verlässt das Dorf schwer beladen mit Lebensmitteln und seinem großen Bogen.

Houyis junge Frau Chang’e wartet allein zu Hause. Sie sammelt die Kokons der Seidenraupen ein, um daraus Winterkleider für Houyi zu weben. Sie fühlt sich allein und über ihre Maße alt, seit sie Houyi geheiratet hat, dabei ist sie erst fünfzehn Jahre alt. Houyi ist nur drei Jahre älter, doch er ist ein wilder Mann, der selten zu Hause ist und nichts mehr liebt, als mit der Natur Krieg zu führen. So hat er es auch geschafft, Chang’e zu bändigen und ihr Herz zu gewinnen, also hat er sein Ziel bereits erreicht, denn Liebe existiert für ihn nicht. Er verbringt seine Tage fortan lieber damit, Waldtiere zu jagen, während seine junge Frau jeden Tag allein bestreiten muss. Vor ihrem Haus wächst ein alter Magnolienbaum. Oft betrachtet Chang’e seine dicken Blätter und die großen, weißen Blüten. Sie fühlt sich wie das schwache, regungslose Blütenblatt einer Magnolie, das nur darauf wartet, vom Wandel der Jahreszeiten zurück auf die Erde getragen zu werden. Sie selbst aber ist ohne Kraft und schwerelos.

Houyi der Bogenschütze schläft jede Nacht gleich nach dem Abendessen ein. Er atmet tief und schwer. Während sie so neben ihrem Mann liegt, fühlt sich Chang’e als ob sich ihr Leben einem langsamen Tod hinwendet. Sie sieht den Umriss ihres eigenen Todes, wenn sie sich neben Houyis geerdeten Körper legt. Der Umriss breitet sich wie ein Tintenklecks immer weiter aus und färbt alle lichten Stellen ein, bis er den gesamten sichtbaren Raum eingenommen hat und nichts als Dunkelheit zurückbleibt.

2. Chang’e

Vor ihrer Hochzeit mit Houyi war Chang’e Blumenpflückerin am königlichen Hof. Das Reich des alten Königs lag im südlichen Teil der chinesischen Han-Provinz, wo sich die Stämme ohne Unterlass bekriegten. Als Zwölfjährige wurde Chang’e zur Dienerin einer der Ehefrauen des Königs ernannt und mit der Aufgabe betraut, sich um den Garten mit den Jasminbäumen zu kümmern. Dort sollte sie die weißen Blüten der Jasminbäume pflücken, bevor diese sich öffneten, sie in Wasser legen und mit Puderzucker bestreut in einem Jadeglas aufbewahren. Nach ein paar Tagen trank die Frau des Königs den gesüßten Jasmintrank, um damit ihre schwachen Lungen zu stärken.

Jede Jasminblüte im Garten brachte nur ein einziges Blütenblatt hervor, ein weißes Blütenblatt in der Form eines Herzens. Die Blütenblätter waren so zart, dass schon der schwächste Windstoß sie wie Schnee von den Bäumen segeln lies. So musst Chang’e die Blüten pflücken, bevor der Wind sein Spiel mit ihnen treiben konnte. Tagein, tagaus ertrug Chang’es junges Herz die Eintönigkeit ihres öden Lebens.

Eines Tages auf dem Weg zum Markt, wo Chang’e Zucker kaufen sollte, traf sie einen kräftigen, gut aussehenden Mann mit einem großen, silbernen Bogen. Für Chang’e und Houyi war es Liebe auf den ersten Blick. So dauerte es nicht lange und Chang’e verlies den königlichen Jasmingarten und wurde zur Frau des jungen Bogenschützen. Als junge Ehefrau pflegt Chang’e nun Seidenraupen unter dem Maulbeerbaum, kocht Reis und Suppe auf einem Baumstumpf und wäscht Kleider im nahegelegenen Fluss. Sie weiß, dass der Bogenschütze sie liebt, doch ihr einsames Herz schwelgt in ihrer leeren Brust. Sie empfindet zwar Liebe für ihn, doch wenn Houyi in der Nacht schläft, lässt diese manchmal etwas nach, Stück für Stück. Sie hat vergessen, wofür sie lebt. Sie fühlt sich, als ob sie wieder eingesperrt ist, wie im Jasmingarten des alten Königs, wo sie unter der brennenden Sonne ihre müden Arme hebt, um jede zarte Blüte einzeln zu pflücken. Tagein, tagaus, ohne Sinn und Zweck.

3. Wu Gang

Damals wachten die Unsterblichen der himmlischen Gefilde über dem großen, chinesischen Sternenzelt. Der Herrscher der himmlischen Gefilde entschied darüber, wer Einlass erhielt und wem dieser verwehrt wurde.

Doch für Wu Gang zog der impulsive Herrscher der himmlischen Gefilde ein anderes Los. Wu Gangs Schicksal war es, auf ewig im Limbus zwischen der Welt der Sterblichen und der der Unsterblichen zu weilen. Er wurde zum Türhüter der südlichen Himmelspforte, dem einzigen Durchgang auf dem Weg von der Erde in die himmlischen Gefilde.

Hier lehnt Wu Gang nun regungslos und leer an der südlichen Himmelspforte und erinnert sich an Augenblicke seines vergangenen Erdenlebens. Er war einmal Holzfäller in einem Bambushain und erfreute sich des Lebens. Der Herrscher der himmlischen Gefilde sah in ihm jedoch mehr als einen gewöhnlichen Mann. Er sah in ihm den vertrauenerweckendsten Menschen der Erde und ernannte ihn deshalb zum Türhüter der Himmelspforte. Seither fristet Wu Gang in dieser Leere sein Dasein. Er vermisst seine Heimat, den kräftigen Bambus und seine feste Axt, die so viel besser ist als seine himmlische Axt, die er hier zu Schwingen gezwungen ist. Er vermisst den Duft der Erde nach einem Gewitter und das Rauschen des Flusses hinter seiner Grashütte. Jetzt ist er im Zwischenraum Limbus, an einem leblosen Ort, an welchem die Erde endet und der Himmel beginnt, jedoch liegen beide für ihn außer Reichweite. Seine Welt ist nun geräuschlos, farblos und ohne Gewicht. Nur Wu Gangs Axt und vielleicht auch sein Körper haben eine klare Form. Er kann sein eigenes Gewicht sehen, fühlt es aber nicht. Jene, die der Herrscher der himmlischen Gefilde als Unsterbliche auserwählt hat, gehen einfach an ihm vorbei durch die Pforte. Keiner hat je innegehalten, um mit ihm zu sprechen oder in Erinnerungen zu schwelgen, zumal es um die Pforte herum keinen konkreten Raum gibt, wo es sich aufzuhalten lohnte. Wu Gang lebt ihn einem Luftstoß, von welchem aus er die Erde durch ewige Wolken hindurch betrachten kann. Er ist das einsamste Wesen der Welten.

Eines Tages entdeckt Wu Gang durch die dichten Wolkenlagen hindurch die schöne Chang’e, die unter einem Jasminbaum im königlichen Garten steht während die Jasminblüten auf sie herabschneien wie Flocken im Wind. Chang’e steht an den Baum gelehnt und betrachtet die Blüten, wie sie um sie herum zu Boden segeln. Sonnenstrahlen umspielen ihr Haar und ihren Hals. Der Türhüter ist wie gebannt von ihrer zerbrechlichen Schönheit. Er murmelt vor sich hin, wünscht sich, er könne ihr Gefährte werden und sie ihr Leben lang im Arm halten und beschützen. Doch wie soll das gehen? Er ist kein Mann aus Fleisch und Blut mehr, sondern halb Mensch, halb Geist, ohne Gewicht und schwerelos.

Tagein, tagaus betrachtet Wu Gang den Jasmingarten von oben, von seiner fernen südlichen Himmelspforte aus. Der einsame Mann mit seiner schlichten Axt lehnt gegen die Pforte und sein Halbleben erscheint ihm etwas weniger einsam, bis Chang’e eines Tages aus dem Jasmingarten verschwindet. Er sucht sie, doch seine halbmenschlichen Augen haben ihre Sehkraft in der überbevölkerten Menschenwelt verloren. Er hat ihre Spur in all dem Smog, Regen und Rauch verloren und kann sie zwischen den gezwängten Schultern auf dem Markt, den Füßen auf den Brücken und den Hüten in den Feldern nicht ausmachen. Schweren Herzens sieht er ein, dass sie in ihrem Erdenleben wohl die Frau eines anderen geworden ist und in einem Haus für ihre Familie kocht. Als er so darüber nachdenkt, wird sein Herz noch kälter und seine Sicht auf die Erde verschwimmt. Einsamkeit macht sein Herz hart wie Granit und er vergisst das zarte Gefühl, das er einst verspürte. Ein Tag folgt dem anderen, eine Nacht verschwindet in der nächsten. Wu Gang verspürt Sorge auf der Erde unter ihm, doch die Sorge zerstreut sich in der dünnen Luft und menschliche Emotionen haben für ihn keinen Wert mehr.

4. Die große Hitze

Eines Tages wurde die Erde unsäglich heiß. So heiß, dass die Dünen der Wüste Gobi brennen wie ein Vulkan. Die Bambuswälder der südlichen Halbkugel trocknen aus und sterben ab, weil ihnen der Regen fehlt. Die Tannenwälder der nördlichen Halbkugel verbrennen zu Asche. Sogar der alte König tut seinen letzten Atemzug. Als die Nachricht die Runde macht, dass der alte Herrscher gestorben ist, stößt das ganze Königreich einen verzweifelten Klageschrei aus.

Houyi der Bogenschütze aber wendet seinen dunklen Blick gen Himmel. Seine Augen sind so gespannt wie der Pfeil auf seinem Bogen. Zwischen den schwebenden Wolken und dem formlosen Wind erkennt er die sieben Sonnen am Himmel. Der Legende nach wurden Himmelsvögel in strahlende Sonnen verwandelt, die fortan auf die Erdenwelt schienen. Damals dienten sieben Himmelsvögel hoch oben als Spielzeuge des größten Herrschers der himmlischen Gefilde. Damals durfte jeder Sonnenvogel nur einmal alle sieben Tage die himmlischen Gefilde verlassen und am Himmel erscheinen. Am heißesten aller Tage aber gehorchten die Sonnen ihrem Herren nicht und erschienen alle gleichzeitig am Himmel, ungeachtet des großen Schadens, den sie damit der Erde zufügten. Der große Bogenschütze Houyi kann seine Wut nicht länger im Zaum halten, zieht sechs silberne Pfeile aus seinem Köcher aus Leopardenfell und setzt an. Zisch, zisch, zisch trifft er eine nach der anderen und erlegt mit je nur einem glänzenden Silberpfeil sechs der sieben Sonnen.

Die Dünen der Wüste Gobi sind schlagartig nicht mehr brennend heiß; die Bambuswälder im Süden werden sofort von Regen überschwemmt und das Feuer der Tannenwälder erlischt langsam. Frauen und Männer auf den Feldern erholen sich von der Qual; Tiger und Löwen treten aus ihren tiefen Höhlen heraus und durchstreifen die Ebenen wieder.

Am nächsten Tag sind die Menschen einstimmig der Meinung, den großen Bogenschützen Houyi zum neuen König des Landes zu wählen. Er und Chang’e ziehen in den Palast des alten Königs ein. Chang’e ist nun wieder in ihrem Jasmingarten mit den einzelnen Blütenblättern, doch nun gehören ihr all diese Jasminbäume und auch die Diener sind nun die ihren. Sie muss niemandem mehr süßen Jasmintrank bereiten und König Houyi befiehlt Zauberern und Kräuterheilkundlern des ganzen Landes, die seltensten Kräuter zu finden und einen Unsterblichkeitstrank zu brauen. Jahrhundertelang haben Meister jeglicher Art versucht, das Geheimrezept für diesen Trank zu finden, doch ohne Erfolg. Jeder neue König setzt die Suche nach dem Zaubertrank nichtsdestotrotz fort. Der große Bogenschütze will unsterblich werden, wie all seine königlichen Vorgänger auch.

Der Herrscher der himmlischen Gefilde ist jedoch rasend vor Wut. Zuerst erlegt der neue König sechs seiner Vögel und nun wagt er es auch noch, unsterblich sein zu wollen! Der Herrscher der himmlischen Gefilde überlegt, wie er Houyi bestrafen soll. In den himmlischen Gefilden gelten vier Strafen. Die mildeste Strafe ist Sorge; die nächste die Angst; an dritter Stelle steht absolute Einsamkeit. Die schlimmste Strafe von allen aber ist absolute Verzweiflung. Der Herrscher der himmlischen Gefilde ist impulsiv und überlegt nicht zweimal, bevor er beschließt, dass König Houyi die Höchststrafe verdient. Houyi wird alsgleich zum verzweifeltsten Menschen der Erde. Er verliert das Vertrauen in die Zukunft, misstraut jedem seiner Untertanen, hat den Glauben an Liebe aufgegeben und denkt leise in jedem stillen Augenblick an den Tod.

Jede Nacht, wenn sie so neben Houyi liegt, atmet Chang’e den verzweifelten Atem des neuen Königs ein. Sie verspürt, wie ehemals, bei jedem Seufzer ihres Ehemanns das Verderben ihres eigenen Fleisches in einem luftlosen Grab, wo ihre Knochen zwischen den Wurzeln der Pflanzen langsam vergehen. Der Umriss des Todes breitet sich erneut wie Tinte in der Nacht aus und macht ihr Leben düster, bis vollständige Finsternis herrscht. Sie hat Angst vor einer schicksalsschwangeren Zukunft. Eines nachts steht Chang’e auf, stiehlt den Schlüssel aus Houyis Morgenmantel und betritt das Schloss, wo die Meister den Unsterblichkeitstrank brauen. Sie entdeckt ein großes Jadeglas, lüftet vorsichtig den Deckel und riecht an den bitteren Wurzeln. Sie nimmt die leuchtende Flüssigkeit mit zurück in ihre Gemächer. In der folgenden Nacht verlässt sie ihr Bett erneut und tut dasselbe und nimmt dabei so viele Behältnisse mit, wie sie tragen kann. Nach dreihundertundsechsundsechzig Tagen und Nächten hat sie ihre Aufgabe erfüllt und hält in ihren Hände die Essenz der Unsterblichkeit. Sie steht unter dem einblättrigen Jasminbaum und verschüttet all die wertvollen Tinkturen, während Houyi einen depressiven Schlaf schläft. Noch vor dem ersten Hahnenschrei fängt sie an, zu schweben, hebt ab und fliegt, fliegt, fliegt. Sie schwebt durch die südliche Himmelspforte, wo Wu Gang noch schläft, und geht ein in das Reich des strahlenden Mondes.

5. Der Mond

Der Herrscher der himmlischen Gefilde ist erneut wütend. Er möchte Wu Gang dafür bestrafen, dass er seiner Aufgabe nicht all seine Aufmerksamkeit widmet und Menschen in die Welt der Unsterblichen schweben lässt. Der große und impulsive Herrscher beschließt, Wu Gang seines Postens zu entledigen und ihm die Höchststrafe der größten Verzweiflung aufzuerlegen. Er schickt Wu Gang zum Mond, um einen Zimtbaum zu fällen. Sobald Wu Gang den Baum gefällt hat, wächst er nach und ist jedes Mal kräftiger und buschiger als zuvor. Die Bestrafung und seine unbändige Verzweiflung nehmen kein Ende.

Wu Gang will nichts mehr, als wieder sterblich zu sein und auf der Erde als echter Mann zu leben. Doch als er seine Axt gegen den einsamen Zimtbaum in silbernem Raum hebt, erkennt er einen weiteren Menschen: Chang’e, das schönste aller Mädchen, das er vor vielen, vielen Jahren im Jasmingarten sah. Der Anblick Chang’es erweckt in ihm ein diffuses Gefühl, denn ihr Gesicht ist das einsamste, das er je gesehen hat. Der Anblick ihres Gesichts ergreift sein Herz, das von dem langen Mangel an Liebe schon ganz verwelkt ist. Er strengt sich an, um die Erinnerung an das Gefühl heraufzubeschwören, das er früher auf Erden für Menschen empfunden hat. Er versucht, Chang’e, ihre menschlichen Gefühle und das zarte Fleisch, das ihr Herz umschließt, zu erkennen. In den schattenlosen Tagen und Nächten des Mondes versucht Wu Gang, das Gefühl seines Herzens wiederzufinden während er ewiglich den störrischen Baum niederschlägt. Vielleicht ist Wu Gang nun nicht mehr der sorgenvollste Mann der Welten, denn er hat nun die Gesellschaft Chang’es, die in ihm die Überreste menschlicher Gefühle erweckt. Doch während die Blätter des Zimtbaums auf Chang’es Haar niederregnen, verwandelt sie sich in ein Wesen absoluter Einsamkeit. Ihre Seele hat kein Zuhause. In ihrer Formlosigkeit versteht sie den tiefen Spalt zwischen ihr und der Erde und akzeptiert die absolute Einsamkeit, die ihr Streben nach dem Tod verdrängt hat.

Das Bild der Erde verschwindet Stück für Stück aus Wu Gangs Gedächtnis und ihm bleibt ihm nur noch übrig, tagein, tagaus den Zimtbaum zu fällen. Er schwitzt unsäglich aus Erschöpfung. Daraus wird der Regen, der auf die Erde fällt und dort den warmen Boden dann und wann durchnässt; Regen, der der Schweiß der Arbeit eines Mannes ist. König Houyi steht unter dem Jasminbaum und sieht hinauf in den dunklen Nachthimmel. Mit seinen scharfen Bogenschützenaugen erkennt er zwei menschliche Umrisse auf dem Mond. Er versteht, dass der Regen auf Erden von diesem silbernen Ort herrührt.

In jeder sternenklaren Nacht, wenn der Mond hell scheint, tritt König Houyi allein, ohne Chang’e, still hinaus auf die welken, einblättrigen Blüten, die sich tief in die Erde gegraben haben. Er betrachtet den Mond und vermisst seine längst verlorene Begleiterin im Abgrund seiner absoluten Einsamkeit.

Rebecca DeWald edits the Glasgow Review of Books

Betrachtungen über ein interessantes Zeitalter

mangrovesÜbersetzt von Rebecca DeWald

Was für eine Art von Geschichte erzählt uns der Klimawandel?

In der Renaissance waren großartige Künstler meist gleichzeitig großartige Wissenschaftler, wie Leonardo da Vinci oder Michelangelo. Große Herrscher des Ostens hingegen waren meist gleichzeitig Dichter und Künstler. Im letzten Jahrhundert, als der Kapitalismus schrittweise die Obermacht gewann und dabei andere Gesellschaftsformen verschlang, begannen Kunst und Wissenschaft, sich immer weiter voneinander zu entfernen.

Der Wettbewerbsdrang der Industrieländer hat Künstler und Wissenschaftler in die zunehmende Spezialisierung getrieben und dafür gesorgt, dass die Spaltung in Europa und den USA auffälliger ist als in anderen Teilen der Welt. Schriftsteller wurden folglich immer selbstgefälliger und Wissenschaftler immer nüchterner und unverständlicher.

Wir befinden uns nun aber an einem Wendepunkt: Der Klimawandel scheint Kunst und Wissenschaft endlich wieder an einen Tisch zu bringen. Bei der zweitägigen „Weatherfronts“-Konferenz, die TippingPoint im Londoner Free Word Centre im Juni veranstaltet hat, kamen 100 Schriftsteller, Dichter, Wissenschaftler und Politiker zusammen, um Kultur und Politik intensiv zu diskutieren. Als Schriftsteller habe ich noch nie ein derartiges Zusammentreffen der literarischen und wissenschaftlichen Welt erlebt.

Das ebenfalls von Großbritannien ausgehende Dark Mountain Project, dessen Hauptsitz etwas außerhalb des englischen Oxford liegt, hat in intellektuellen Kreisen bereits große Wellen geschlagen. Die Gruppe hat ein wunderbares Manifest veröffentlicht, in welchem das Verhältnis zwischen unserer selbstbezogenen Literaturwelt und der Zukunft der Menschheit in einer selbstzerstörerischen Konsumgesellschaft im Mittelpunkt steht. Dabei wird Ralph Waldo Emerson, ein amerikanischer Intellektueller des 19. Jahrhunderts, mit den Worten zitiert: “Die Menschheit wird schließlich an der Zivilisation zugrunde gehen.” Hierin spiegelt sich das Problem unserer Zeit wieder, dem Zeitalter des Anthropozän*.

Eine aktuelle Studie ergab, dass die kommende Generation in Großbritannien aufgrund der Auswirkungen unserer Lebensmittelindustrie und der starken Verschmutzung unserer Nahrungskette kürzer leben wird als ihre Eltern. Das Schlimmste daran ist, dass unser derzeitiges Wirtschaftssystem sich selbst als die Lösung all unserer Probleme verkauft und Politiker uns dieselbe Idee unterjubeln wollen, während Wissenschaftler darauf beharren, dass die Zukunft alles andere als gewiss ist — ganz zu schweigen von einer Zukunft jenseits der menschlichen Welt. Den Verantwortlichen, die die Macht über das immer engmaschiger werdende Netz des Kapitalismus haben, ist die Botschaft der Wissenschaftler egal. Unsere einzige Zukunft liegt also jenseits der Welt der Großunternehmen.

Es gibt aber auch noch Grund zur Hoffnung. Meine Reise vor Kurzem nach Australien, insbesondere zum Great Barrier Reef, hinterließ mehr als Urlaubserinnerungen. Die ausgebleichten, sterbenden Korallen, die wir Schriftsteller im Meer schwimmen sahen, stimmten uns trübsinnig. Doch eine Gruppe Wissenschaftler aus Sydney und Melbourne erklärte uns, dass sich die Korallen bis in zehn Jahren weiter südlich ausgebreitet und sich an den Stränden Sydneys und Melbournes im Überfluss angesiedelt haben werden. Die Wissenschaftler sagten dazu: „Die Natur hat ihre ganz eigene Art, sich im Laufe der Zeit an das Ökosystem anzupassen, und es gibt dabei stets Faktoren, die zu ganz und gar unvorhergesehenen Ergebnissen führen.” Diese Worte trösten mich nicht gerade, sondern erscheinen mir eher als eine geheimnisvolle Botschaft, die uns nötigt, uns dringend zu öffnen und an das Blaue jenseits unserer banalen Realität zu denken.

Im Hier und Jetzt sehe ich mir unser eingeschränktes Städtedasein an. Obwohl wir von schnellen Autos und Ampeln umgeben sind, gibt es immer noch viele Naturliebhaber in den Groß- und Kleinstädten — Naturliebhaber wie mich. Ich bin dankbar für jene, die die Natur in den Wäldern des Amazonas anbeten; ich mag die Geschichten der australischen Aborigines, ihre gesungenen Traumpfade und ihre Kenntnis aller Wasserwege ihres Wohnraums; und ich freue mich, dass eine Feministin ein Stück Regenwald auf der südlichen Halbkugel gekauft hat, um dort hunderttausende Bäume zu pflanzen. Wenn es uns noch möglich ist, die Natur wahrhaftig — oder, anders ausgedrückt, intensiv — zu lieben, dann glaube ich nicht, dass unsere Welt stets so verkorkst bleiben wird, wie sie es derzeit ist.

*Anthropozän: Unser derzeitiges geologisches Zeitalter, dass sich durch den Einfluss der Menschheit auf das Ökosystem unseres Planeten auswirkt.

Die Dinosaurier geben den Weg vor

übersetzt von Rebecca DeWaldstonehenge drawing

Viele Tiere, die lange Zeit die Erde bewohnten, sind seither ausgestorben. Die Dinosaurier nannten unseren Planeten 135 Millionen Jahre lang ihr Zuhause. Um das Grasland der Trias stritten sich winzig kleine, wendige und riesengroße, monströse Unterarten der Gattung. Sie waren tausend und abertausend Jahre lang die Krone der Schöpfung unserer Breiten des Weltalls. Ihr Riesenalter stellt unseres in den Schatten. Die ganze Menschheitsgeschichte ist im Vergleich dazu ein Zwergstern. Nur ein kurzer Aufschrei der Zeit.

In China rühmt man sich gerne einer „langen“, 5000jährigen Geschichte. Die Menschheit selbst gibt es gerade einmal seit 300 000 Jahren. Dabei sollten wir uns doch eher darüber wundern, warum wir in 290 000 Jahren dieser Geschichte überhaupt nichts notiert haben. Eine halbe Ewigkeit lang haben wir nur geredet, ohne Briefspuren zu hinterlassen, ohne Gedanken oder Ereignisse festzuhalten. Die Höhlenmalerei haben wir erst vor 30 000 Jahren für uns entdeckt. Diese ewig lange Stummheit des Menschen mag uns zwar wie ein endloses, stilles Meer vorkommen, ist aber nur ein gedämpfter Tropfen in einem noch viel größeren Meer. Alles eine Frage des Maßstabs.

Diese gewieften Riesenvögel, die wir Dinosaurier nennen, sind trotz allem ausgestorben. Biologische Arten und Unterarten kennen keine Wiedergeburt. Selbst der Glaube an Science-Fiction-Geschichten übers Klonen bringt die schrecklichen Echsen nicht zurück. Dazu müsste man das ganze Ökosystem klonen. Doch könnte man überhaupt ein ganzes Ökosystem aus der Retorte erschaffen? Und wo ginge so etwas, haben wir doch noch keinen Planeten für ein solches Projekt entdeckt, auf dem Leben möglich ist? Ein unmögliches Unterfangen.

Es führt kein Weg zurück zur schaffenden Hand des Universums, die federführend in der Geschichte aller Lebewesen ist. Unser Weg ist eine Einbahnstraße. Für jede Art führt dieser Weg dabei in eine Sackgasse. Eine Frage bleibt: Ist die Menschheit eine geniale Schöpfung mit kurzer Brenndauer, die zwar heftig aber nur kurz aufflackert? Ein Komet am Himmel mit hellem Feuerschweif, der im Meer der Zeit verlischt.

Der Klimawandel ist grundsätzlich eine Frage menschlicher Werte, nicht der Wissenschaft. Warum? Wegen der eindeutigen Belege, dass unsere Neulingsspezies Mensch sein Verursacher ist. Der Mensch hat logisch erkannt, dass dem so ist. Doch der Geist des Menschen hat ganz anderes im Sinn. Das Herzstück bilden der Mensch und seine Werteordnung, die Ursache unserer Umweltprobleme sind. Er leidet dabei moralisch an Kurzsichtigkeit, um es milde auszudrücken. Wir sind unkontrolliert umherstolpernde Wesen, die ihre Umwelt blindlings mit ausgebreiteten Armen zerstören. Unsere moralische Sehkraft bedarf wirklich einer Untersuchung. Doch woher die passende Sehhilfe nehmen, mit der wir das Augenmerk auf die Moral legen können?

Nein, der Klimawandel ist wirklich keine Frage der Wissenschaft. Er ist eine Frage politischer Strukturen. Unsere politischen Strukturen decken sich mit unserer moralischen Sicht der Selbstsucht, die sich beide in unserer moralischen Sehschwäche widerspiegeln. Den Kapitalismus, diese vollendete Gier-Maschinerie zur Befriedigung materieller Gelüste, haben wir auch ohne wissenschaftliches Zutun entdeckt. Der Live-fast-die-young-Primat Mensch ist so schlau, dass er sich mit seinen Gesellschaftsformen selbst übers Ohr haut. Wir meinen, uns zu verstehen, doch in Wirklichkeit haben wir überhaupt keine Ahnung davon, was Menschsein bedeutet. Wir verstehen allein genug, um zu begreifen, dass etwas aus dem Ruder läuft. Doch wir scheren uns nicht um dieses Wissen. Unsere Kurzsichtigkeit hindert uns daran, unsere Sichtweise der Moral anzupassen.

Würden Dinosaurier in einem solch kurzen Essay ihr eigenes Dinosaurier-Wertesystem zum Ausdruck bringen? Wahrscheinlich schon. Doch ihre Art gehörte zu einer Familie, die, wie alte Bäume, so lange die Erde bewohnte, dass sie vielleicht die Tiefenzeit verstand, als wäre sie der Takt von Tiefseewellen. Oder Dinosaurier waren schlicht einfältig aber glücklich. Das Weltall verfolgt keinen Zweck, es lässt manche Arten aussterben, andere überleben. Alles reiner Zufall.

Vielleicht verfolgt das All doch tieferen Sinn. Es lässt uns einen Augenblick sternenklar Strahlen, bis wir im nächsten kometenhaft verglühen. Vielleicht war’s das auch schon. Warum sollten wir auch ewig währen? Unser Aussterben macht vielleicht Platz für neue Lebensformen auf der Erde.

Die Dinosaurier geben den Weg vor, den wir alle gehen werden.filming the sea

Wir sind da wohl keine Ausnahme. Denn auch wir sind schlicht ein Muster der Natur.

Einzelne sterben; ganze Arten sterben aus.

Unsterblichkeit gibt es nicht.

Keiner wird die Natur je verstehen.

Und keiner kann ihr je entkommen.

Rebecca DeWald edits the Glasgow Review of Books