Wie wäre es, wenn…?

Text von Gina, Romain-Rollan-Gymnasium

Es war ein ganz normaler Tag. Eine Weile dachte ich zumindest, dass der Tag genauso verlaufen würde wie jeder Tag. Bald wusste ich, wie falsch ich da lag.
Wenn ihr euch fragt, wer ich bin: ich heiße Kate und bin 16 Jahre alt. Vor ein paar Tagen hatte ich ein ganz normales Leben als Schülerin, aber seit gestern hat sich alles verändert…

Wie immer bin ich um 7 Uhr aufgestanden, habe mich angezogen, bin zur Schule gegangen und war beim Französisch-, Mathe- und Chemieunterricht, alles nicht so sonderlich interessant.
Dann bin ich zum Klassenzimmer, wo wir Englischunterricht haben (ja, ich weiß, genauso langweilig wie der Anfang des Tages), aber als ich den Raum betrat, stockte mir kurz der Atem und mir fiel die Kinnlade runter.
Ich befand mich mitten im Regenwald. Ja, ihr habt richtig gehört, im Zimmer waren Bäume und Kletterpflanzen. Ich habe mich gefragt, ob ich noch in unserem Klassenzimmer war.
Auf einmal hörte ich eine Stimme neben mir, die sich sehr überrascht anhörte, und als ich mich umdrehte, sah ich meine beste Freundin Lucie. Zumindest war ich nicht mehr alleine in dieser verrückten Situation.
“Was geht hier vor?“, fragte sie etwas gereizt und ich musste zugeben: „Glaub mir, Lucie, ich würde gerne genau das gleiche wissen, aber ich habe überhaupt keine Ahnung.“
“Was machen wir denn jetzt? Können wir nicht einfach wieder aus der Tür rausgehen?“, wollte sie wissen. Eine gute Frage!
Es war so heiß und schwül, ich konnte mich kaum konzentrieren. Ich sagte mir: „Komm, keine Panik jetzt! Du bist irgendwie hierher gekommen (wo auch immer ich war, wusste ich auf jeden Fall, dass ich nicht mehr in unserer Schule war), du kannst genauso gut wieder zurückkehren. Ich muss nur herauskriegen wie.“
Mit lauter Stimme antwortete ich: „Ich weiß es nicht, aber wir können es versuchen.“ Und ja, wir versuchten zurückzugehen, aber schon kam der nächste Schreck: die ganze Schule war mit allen möglichen Pflanzen überwachsen. Wir sind schnell in unser Klassenzimmer, beziehungsweise das, was es früher mal war, zurückgekehrt.
“Und jetzt?” “Wir können nicht einfach hier bleiben und warten. Lass uns gucken, wie wir die Lage besser überblicken können“, antwortete ich und versuchte dabei, nicht zu ahnungslos zu klingen. Wir sind an einem riesigen Busch entlang gelaufen, wo die Wand hätte sein müssen, und kamen zur Fensterseite hin, wo nun eine gigantische Kletterpflanze stand. Ich folgte meinen Instinkten, zog an der gummiartigen Pflanze und konnte ein paar von ihren Ranken aus dem Weg räumen. Zu unserer Überraschung schauten wir plötzlich aus einem Fenster heraus, ja, ein Fenster mitten im Dschungel!
Wir guckten einander an, die Verwirrung stand uns beiden ins Gesicht geschrieben. Wir waren aber noch verwirrter, als wir auf einmal ein seltsames Geräusch hörten.
Stotternd fragte Lucie: „Hörst du das? Das unheimliche Brüllen?“ Natürlich konnte ich es hören, es war nicht zu überhören. „Es kam von hinter dem Fenster“. Wir schauten aus dem Fenster, aber da war nichts. Na ja, eigentlich konnte man doch etwas sehen, irgendetwas, was uns bekannt vorkam. Auf den zweiten Blick erkannten wir unsere Schule, viel grüner als sonst mit den ganzen Pflanzen wie auch unser ehemaliges Klassenzimmer, aber genauso angelegt wie unsere Schule. „Wie ist das möglich?“, flüsterte ich Lucie zu, die zustimmte: „Ja, wenn das unsere Schule ist…“, aber sie hatte keine Zeit zu Ende zu sprechen. Direkt vor uns stand ein Wesen, das ich in meinem ganzen Leben nie gesehen hatte. Ich kann es nicht mal beschreiben. Es sah aus wie ein Tiger, hatte allerdings lange Stoßzähne und den Panzer eines Gürteltiers. Nach dem ersten großen Schock sah ich mit Erleichterung, dass das Fensterglas noch zwischen uns und dem Wesen stand.
Aber dann versuchte es, sich durch die Pflanzenwand durchzuschlagen und wir bekamen beide erneut große Panik. Wir hörten, wie die Krallen die Pflanzen und das Mauerwerk entlang kratzten, ein penetrantes, beängstigendes Geräusch. Mir sträubten sich die Nackenhaare.
Was sollten wir machen? „Kate, wir müssen zurück.“ „Ja, ich weiß, zurück in unsere Zeit.“ Als das unheimliche Wesen direkt vor uns erschien, hatte ich einen Geistesblitz. Wir waren zwar noch in unserer Schule, aber offenbar lange Zeit nachdem, wir eigentlich zur Schule gingen. Es mag seltsam klingen, aber wir waren in der Zukunft, es gab keine andere Erklärung. „Wie bitte?“, fragte Lucie erstaunt. Ich versuchte zu erklären: „Ja, wir müssen in der Zukunft sein. Es gibt keine andere Erklärung. Ich denke, als wir durch die Tür reinkamen, gingen wir durch einen Zeitportal.“ „Das ist doch ein Witz!“ „Nein, leider nicht.“ „Und wie kommen wir denn zurück in unsere Zeit?!“ In dem Moment sahen und hörten wir mit Entsetzen, wie das Wesen die aus Pflanzen bestehende Wand beinahe durchbrach, bis es letztlich die ganze Überwucherung durchdrang mit einer schaurigen Schrei. Es kam nun direkt auf uns zu. Jetzt schien alles wie in Zeitlupe zu geschehen. Ich packte Lucie am Arm und zog sie mit zur Tür, das Monster direkt auf unseren Fersen, ich konnte sogar seinen Atem im Rücken spüren. Dann plötzlich war alles weg, sowohl die Pflanzen als auch das Wesen, und wir waren zurück, zurück in unserer Zeit und unserer Schule.
“Wie hast du das gemacht?“, fragte mich Lucie bestürzt. „Na ja, ich habe mich einfach daran errinert, dass in dem Moment, wo alles losging, ich mich gefragt hatte, wie die Schule hier in 50 Jahre aussehen würde, und offensichtlich bekam ich diese Antwort. Die Pflanzen und die Tiere würden diesen Ort wiedererobern und nur die Menschen würden die Harmonie stören können. Dann dachte ich einfach an unserer Zeit in der Schule und fragte mich, wie es wäre, wenn wir nicht mehr da wären, und dann ging ich durch die Tür.“
“Das heißt, du kannst überall in der Zeit herumspringen, indem du dich einfach fragst, wie es wäre, wenn?“ „Anscheinend…“ „Dann können wir froh sein, dass du dir die richtige Frage gestellt hast!“

Das australische Footscray City College sagt G’day

Von Tony Birch

Image: Footscray City College – oh so cool (behauptet jedenfalls Tony Birch)

Footscray City College – oh so cool (behauptet jedenfalls Tony Birch)

Das australische Footscray City College sagt G’day!

Das australische Footscray City College ist eine staatliche Schule westlich der Innenstadt von Melbourne. An unserer Schule gibt es 46 verschiedene Nationalitäten und beinahe 1000 Schülerinnen und Schüler. Sie blickt auf den Maribyrnong River, einen der großen Wasserläufe von Melbourne. Wir sind eine enthusiastische Gruppe von 14- und 15-Jährigen mit einigen fantastischen, engagierten Lehrerinnen und Lehrern. Wir erkunden die Stadt Melbourne ebenso wie die Naturräume, die die Stadt umgeben.


Diesen Film haben wir an unserem ersten Tag mit Weather Stations erstellt

Unsere Gruppe arbeitet mit Tony Birch und dem Wheeler Centre for Books, Writing and Ideas (Wheeler-Zentrum für Bücher, Schreiben und Ideen) zusammen, um sowohl unsere Texte als auch unser Wissen über den Klimawandel zu verbessern. Tony hat mehrere Bücher geschrieben, darunter Shadowboxing und Blood. Das Wheeler Centre organisiert öffentliche Vorträge und Veranstaltungen zu einer Reihe von Themen, darunter Schreiben, Klimawandel und mehr.

Unser Ziel ist es, die Menschen dazu zu animieren, über den Klimawandel und seine möglichen Auswirkungen auf uns in unseren eigenen Stadtteilen, Straßen und Häusern zu sprechen. Wir möchten, dass Menschen überall auf der Welt wissen, dass wir über das Problem nachdenken und gemeinsam nach Lösungen suchen. Wir möchten nicht nur, dass die Leute über den Klimawandel nachdenken, wir wollen sie auch zu Taten herausfordern.

Wir freuen uns darauf, unsere Arbeiten im September in Berlin mit allen anderen Substationen zu teilen!

 – Die Schülerinnen und Schüler der Substation Footscray City College

 

Aus dem Englischen übersetzt von Elisabeth Meister

Spitzenpolitiker der Welt gehen gemeinsam gegen neue terroristische Bedrohung vor

Gestern begann es mit starken Worten von Präsident Barack Obama auf einer Pressekonferenz im Weißen Haus:

„Vor dem Hintergrund der jüngsten Ereignisse ist deutlich geworden, dass wir die Augen vor dieser Gefahr zu lange verschlossen hielten. Alle, die uns zu warnen versuchten, haben wir ignoriert, und die entstandenen Kosten sind nun dramatisch hoch. Diese neue terroristische Organisation ist anders als irgendetwas, mit dem wir uns bis anhin konfrontiert sahen; sie ist eine noch nie dagewesene Bedrohung für unsere Lebensweise. Ich halte es für eine Schwäche meiner Präsidentschaft, dass von den vielen Dingen, die Amerikaner fürchten, sie nicht genug Angst vor dieser Bedrohung haben. Denn machen wir uns nichts vor; das Ausmaß der Katastrophe, vor der wir stehen, könnte nicht nur alle Terroranschläge der Vergangenheit in den Schatten stellen, sondern die durch die beiden Weltkriege zusammen verursachten Schäden überschreiten.

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Es ist Zeit, dass wir uns dieser Herausforderung vorbehaltlos stellen… und die Vereinigten Staaten von Amerika werden genau das tun, mit allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln.“

Seine Worte wurden vom britischen Premierminister David Cameron aufgenommen:

„In dieser Angelegenheit sind wir voll und ganz auf der Seite Amerikas. Was Amerika tut, tun wir. Wir gehen, wohin Amerika geht.“

Als nächster schaltete sich gestern nachmittag der chinesische Ministerpräsident Li Keqiang ein mit der Bemerkung, die Umweltproteste gegen den Bergbau und die Verschmutzung durch Fabriken in seinem Land seien wie ein mahnendes Zischen gewesen, das aber kaum die Größe der Schlange angedeutet hätte, die unter der Oberfläche lag.

Terrorist Threat-Li Keqiang

Diese Reaktionen kamen im Anschluss an die Entdeckung Anfang dieser Woche, dass die Aushöhlung des westlichen Antarktischen Eisschildes, dessen Einsturz Verheerung auf der ganzen Welt verursachen könnte, ein Akt vorsätzlicher Sabotage war, verübt von CO2, einer neuen Gruppe von Extremisten und gebildet durch betrügerische Elemente aus Kohlenstoff und Sauerstoff. Es wurde vermutet, dass der Terroranschlag nur der neueste in einem sorgfältig geplanten Zermürbungskrieg war. Ursprünglich Mitglieder der politisch moderaten Treibhausgas-Allianz war diese fundamentalistische Splittergruppe angeblich frustriert über die mangelnde Anerkennung für ihre Sache und unzufrieden mit dem langsamen Tempo des Klimawandels.

Die unverblümte Botschaft und die dramatischen Methoden von CO2, einer Gruppierung erklärter Radikaler, gewinnen eine wachsende Anhängerschaft von neuen fanatischen Molekülen. In einer online Erklärung vor zwei Tagen wurde den internationalen Medien folgendes mitgeteilt:

„Viel zu lange schon haben die Menschen versucht, ihren Willen unserem Volk aufzuzwingen. Ihr stört den Schlaf unserer Vorfahren und missachtet die Bindungen, die ein fester Bestandteil unserer Identität sind. Ihr macht uns zu Sklaven eurer Industrie und werft uns weg, sobald wir nicht mehr von Nutzen für euch sind. Ihr habt eine unersättliche Gier nach materiellem Besitz, Eigentum, das aus den Körpern unserer Kinder hergestellt ist. Aber eure Zeit ist zu Ende. Wir werden euch vom Land pusten und euch ins Meer fegen. Die Elemente werden sich durchsetzen. Ehre sei dem Universum!

Einer nach dem anderen sind die Spitzenpolitiker der Welt dafür eingestanden, diese neue Bedrohung anzuerkennen und ihre Entschlossenheit, sie zu bekämpfen, deutlich zu machen. François Hollande, der französische Präsident, erklärkte heute:

„Dies stellt eine Revolution in der Einstellung der Nationen dar. Ab dem jetzigen Zeitpunkt werden die Menschen in der ganzen Welt in gleichberechtigter Partnerschaft vereint sein zu einer Bruderschaft gegen die Täter dieses abscheulichen Verbrechens. Diese betrügerischen Elemente werden nicht siegen. Wir werden den Himmel zurückfordern.“

Terrorist Threat-NetanyahuSelbst historische Feinde legen ihre Differenzen beiseite, um sich diesem ungewöhnlichen Feind zu stellen. Der Ministerpräsident von Israel, Benjamin Netanyahu, erklärt der Presse vor einer Stunde:

„Wir werden unsere arabischen Nachbarn umarmen und ihnen beistehen in dieser folgenschweren Zeit. Wir werden genügend andere Probleme haben, auch ohne untereinander zu kämpfen. Wir alle leben auf diesem fragilen Land zusammen, und wir werden aufeinander angewiesen sein, um überleben zu können. CO2 und ihr heimtückischer Plan, unser Klima zu ändern, wird keine Grenzen anerkennen. Leiten wir eine neue Ära der Zusammenarbeit ein, und Gott segne unsere Nachbarn!“

Die Führer Ägyptens, Jordaniens und Saudi-Arabiens haben bereits ihre Absicht geäussert, sich dem Kampf gegen CO2 anzuschließen, und es wird erwartet, dass der Rest der arabischen Welt schon bald folgen wird. In einer von der Sonne ausgetrockneten Region, die ständig vor Terrorist Threat-Solar PowerHerausforderungen mit der Wasserversorgung steht, wissen sie besser als irgend jemand sonst, wie leicht die Umwelt angepasst werden kann, um Massenvernichtungswaffen herzustellen. Die Vereinigten Arabischen Emirate haben sich verpflichtet, den Versuch herauszufinden, wie man Wasser zuoberst hinauf in riesige Wolkenkratzer in der Wüste bringt, einzustellen und stattdessen ihre Ölprofite in die laufende Solarkraftforschung zu stecken.

„Wenn es uns gelingt, die Batterie- und Übertragungsprobleme zu lösen, können wir ganze Nationen mit Energie versorgen“, behauptete eine Quelle. „Wir werden CO2 den Boden unter den Füßen wegziehen.“

Der australische Premierminister, Tony Abbot, ist soeben im ABC Fernsehen aufgetreten, ein sichtbar geläuterter Mann:

„Es ist Zeit, dass wir dem Land, in dem wir leben, gebührende Aufmerksamkeit schenken. Wir müssen seine Vergangenheit verstehen, seine Natur, wenn wir in Zukunft überleben wollen. Terrorist Threat-AbbottBergbau, Forst- und Landwirtschaft haben die natürlichen Abwehrkräfte unseres Landes ernsthaft geschwächt. Wir hätten auf die Aborigines und andere hören sollen, als sie uns davor warnten, was dieses Land ertragen kann und was nicht. Nichts als das offene Meer steht zwischen uns und der Antarktis. Dieser neue Feind wird uns zuerst treffen, und er wird uns schwer treffen. Und trotz unserer militärischen Macht sind wir kläglich unvorbereitet.“

Präsident Putin, der gestern Abend aus Moskau sprach, verlangte, dass alle Ölbohrungen im Polarkreis eingestellt werden.

„Ich kündige die Einstellung jeglicher Bohrungen an, bis eine Untersuchung der Auswirkungen auf die Umwelt vorliegt. Russische Seestreitkräfte werden eingesetzt, um die Polareiskappe zu schützen. Und ich rede hier nicht nur vom Stoppen russischer Unternehmen. Niemand wird dort mehr Öl fördern, bis wir einen verantwortungsvolleren Weg dazu gefunden haben. Dieser Prozess der Umweltplünderung hat sich zu einer Anwerbungskampagne für CO2 und andere wie sie entwickelt.“

Terrorist Threat-Ban Ki MoonAllgemein wird anerkannt, dass die Entwicklungsländer die Hauptlast dieser neuen Terroranschläge tragen werden, und UN-Generalsekretär Ban Ki-moon führte den Aufruf an die Verantwortlichen der Nationen in Afrika, dem Nahen Osten und Süd-Ost-Asien an, um zu erfahren, was sie brauchen würden, und wie und wo. Er schien zu Tränen gerührt, als er heute vor den Kameras stand und sagte:

„Es ist enorm inspirierend, dass sich für einmal alle einig sind. Aber so wichtig ist dieses Thema eben geworden.“

Es wurde darüber diskutiert, eine Friedenstruppe der Vereinten Nationen der Schwefeldioxide in der Atmosphäre einzusetzen, doch wurde dies bereits von einigen Experten als „zu wenig, zu spät“ kritisiert oder „das Problem vor sich herschieben“. Es bestehen auch Pläne für Präventivschläge; eine Schock-und-Schrecken-Kampagne von Waldplantagen und eine gezielte Strategie der Klimatechnik einschließlich der Schaffung von durch die NATO zu koordinierenden Phytoplanktonzonen.

Im US-Stützpunkt auf Guantanamo Bay hat man mit dem Bau einer Forschungseinrichtung für „Experimente“ mit betrügerischen Kohlenstoff-Elementen begonnen, die in der Atmosphäre gefangen genommen worden sind. Einmal mehr hat das Schreckgespenst der außerordentlichen Auslieferung ihr hässliches Haupt erhoben, aber dieses Mal ist es auf eine weit weniger kritische Reaktion gestoßen.

Und es war Präsident Obama, der das stärkste Engagement für eine unerschütterliche Abwehr gegen die neue Terrorgruppe zeigte, nachdem er von einem Journalisten mit der Frage herausgefordert wurde, ob das „dies nicht bloß edle, aber leere Worte seien“.

„Ich habe eben angeordnet, dass die Nationale Sicherheitsbehörde die Kontrolle über die Mehrheit ihrer hohen Rechenleistung an die wissenschaftliche Gemeinschaft übergibt, um die computergestützten Klimamodelle zu fördern,“ erklärte der Präsident. „Dies wird uns helfen, Änderungen in unserem Wetter zu prognostizieren und uns auf sie vorzubereiten. Die Nationale Sicherheitsbehörde hatte ein unbeschränktes Budget, um Feinde aufzuspüren, und dennoch sind sie blind blieben gegenüber der größten aller Bedrohungen und haben uns so erschreckend verletzlich gemacht. Sie haben einen groben Fehler begangen. Nun liegt unser Schicksal in den Händen der Wissenschaftler, die wir zu lange ignoriert haben. Sie werden alle Ressourcen benötigen, die wir ihnen geben können.“

Nach dieser überraschenden Ankündigung erfuhr ich inoffiziell von eine Quelle in der Nationalen Sicherheitsbehörde von deren Reaktion: „Ehrlich gesagt sind die meisten Angestellten hier erleichtert. Es wird großartig sein, zur Abwechslung etwas Sinnvolles zu tun. Das Ausspionieren unserer eigenen Leute und der Führer unserer Verbündeten machte uns ohnehin alle unglücklich. Und ich glaube, dass es vielen Leuten im britischen Kommunikationszentrum GCHQ genauso geht. “

Ein ziemlich verunsichert ausschauender David Cameron würdigte die langjährige „besondere Beziehung“ zu den Vereinigten Staaten und erklärte, er würde jemanden beauftragen, die Möglichkeit abzuklären, ob sich das Kommunikationszentrum GCHQ an einem ähnlichen Streben nach lebensrettendem Wissen beteiligen könnte.

Präsident Obama beantwortete die Frage, ob diese neue Kampagne als „Krieg gegen das Wetter“ angesehen werden könnte, wie folgt: „Wir kämpfen nicht gegen das Wetter, wir bekämpfen diejenigen, die beabsichtigen, es gegen uns zu wenden. Im Übrigen besteht ein großer Unterschied zwischen “Wetter” und “Klima“. Es ist ein Unterschied, den wir alle verstehen lernen müssen.

„Denn eines ist klar, wir stehen dem möglichen Kollaps unserer Zivilisation gegenüber. Die Zeit ist gekommen, Farbe zu bekennen – entweder sind wir für die Menschheit… oder wir sind gegen sie.“

 

Einäscherung

Ich bin nicht sicher, wann ich zum ersten Mal bemerkte, dass der Baum tot war. Ich war nicht einmal sicher, welche Art von Baum es war – eine Pappel oder vielleicht eine Birke. Bis dahin war meine größte Sorge gewesen, dass der Baum nahe bei der Garage stand, die sich separat vom Haus in einer Ecke des Gartens befindet. Spuren von Rissen im Beton rund um die Basis der Mauer waren erkennbar, und es sah aus, als könnten die Wurzeln schließlich die Fundamente untergraben. Wie mit so manchen Dingen im Leben schenkte ich diesem Baum wenig Aufmerksamkeit, bis er zum Problem wurde. Er war ein blinder Fleck in meinem Bewusstsein; vorhanden, aber unbeachtet. Da war dieses Ding, das hoch über dem hinteren Ende des Gartens aufragte, mindestens so hoch wie das Haus, und ich hatte mir nicht einmal die Blätter angeschaut, um zu wissen, welche Art von Baum es war.

Nun aber schenkte ich ihm meine ungeteilte Aufmerksamkeit.

Er war noch nicht ausgewachsen – der Stamm war am Boden im Durchmesser weniger als 30 cm breit, und er war ungefähr 10 m hoch. Ein dünner, schlaksiger Jugendlicher, der seine wuchtige Kraft erst noch finden musste, aber bereits hoch genug, um einen sperrigen Leichnam abzugeben. Mir war aufgefallen, dass seine Rinde Risse zeigte und sich vom Holz abzuheben begann, zweifellos wegen irgendeiner Krankheit. Mit einem Baby, einem Kleinkind und einem angehenden Teenager sowie all den Arbeiten am Haus, die ich noch zu erledigen hatte, war das Behandeln eines kranken Baumes weit unten auf meiner Prioritätenliste. Doch schon bald schälte sich die Rinde in schweren, ledrigen Streifen ab und legte das blasse, rohe Holz des Stammes frei. Asseln in emsigen Klumpen nahmen sich einen Wohnsitz in den Ritzen und Spalten der abgelegten Haut. Als die Blätter im Frühling nicht wiederkamen, wusste ich, dass wir ein Problem hatten. Ein toter Baum, der, sollte er fallen, gross genug und nahe genug bei der Garage war, um das Dach und sogar die Mauer zu beschädigen.

Es war nicht der erste Baum, der unser Haus bedrohte. Als wir ankamen am Tag, an dem wir die Schlüssel zu unserm neuen Haus abholten, fanden wir den schweren Ast einer alten Rosskastanie in der andern Ecke am Ende des Gartens – ein Baum aus einer ganzen Zeile von alten und knorrigen Bäumen, die sich hinter der Häuserreihe erstreckte und die schon lange bevor etwas auf dem Grundstück errichtet wurde dort gestanden hatte. Der Ast hatte die Garage unseres Nachbarn knapp verfehlt; er hätte mehrere tausend Euro Schaden verursachen können. Wir fanden uns also in einem renovierungsbedürftigen Haus, einer leeren Hülle, und wir warteten noch immer auf eine Heizungsanlage, eine Küche, ein Badezimmer und selbst auf Türen – so viel von unserem Geld war für die nächsten Jahre an diesen Ort gebunden, und nun mussten wir als erstes sechshundert Euro bezahlen, um eine tote Rosskastanie zu fällen. Abgesehen davon, dass ich es hasste, ein so schönes altes Biest abzuschlagen, hatten wir schlicht nicht das Geld dazu, und dennoch war es nicht zu vermeiden. Sollte der Baum fallen, könnte er die Garage unseres Nachbarn zerstören und durch die Rückseite unseres Hauses stürzen.

Dieser Job dauerte einen ganzen Tag mit drei Männern, einem Hubsteiger und einem Traktor samt Anhänger. Das Haus wurde mit Sägemehl überschüttet, das in düsteren Wolken durch die Luft schwebte, als die Baumpfleger hoch oben begannen und sich allmählich zum Gebrüll der Kettensägen nach unten arbeiteten, ein Stück nach dem andern absägend und es nach unten fallen oder an Seilen herunterließen. Die alte Kastanie war schließlich über unsern ganzen Garten verteilt, als würde sie darauf warten, wieder zusammengesetzt zu werden.

Ich schaute so genau wie möglich zu, weil ich lernen wollte, wie es gemacht wird. Ich dachte, man kann ja nie wissen, wann ich vielleicht selbst einen Baum fällen muss. Sie wollten die Holzscheite nicht als Teilzahlung akzeptieren, und ich konnte sie nicht im Garten behalten, da sie zuviel Platz beanspruchen würden und unsern Rasen hinterm Haus zerstört hätten. Noch etwas, wofür wir in den nächsten paar Jahren kein Geld hätten. Ich hatte weder eine Kettensäge noch die nötige Fertigkeit, die großen Holzscheite in kleinere Stücke zu spalten, die ich hätte verfeuern könnten. Also behielt ich einige Klötze, erlaubte einem Freund, soviel Holz zu nehmen, wie er in sein Auto laden konnte und ließ die Baumpfleger mit einem Anhänger voll Holzscheiten von unserem Baum wegfahren.

Das war 2010, kurz bevor wir den schlimmsten Winter hatten, den Irland seit Jahrzehnten erlebte und ich schließlich während ungefähr vier Monaten fast jeden Tag Holzscheite verbrannte. Die Holzscheite musste ich kaufen. Während jenem Winter ärgerte ich mich grün und blau.

Und dann starb der andere Baum. Die Ironie blieb mir nicht verborgen. Nun, da ich endlich mein eigenes Grundstück besaß, war eines der Dinge, worauf ich mich freute, mit meinen Kindern ein paar Bäume zu pflanzen. Stattdessen wird es wegen mir zwei Bäume weniger auf der Welt geben. Wir wurden während mehreren Wochen von windigem Wetter heimgesucht, und ich verankerte den spröden Mast aus totem Holz mit einigen Seilen, da ich befürchtete, er könnte umstürzen, bevor ich die Gelegenheit hatte, diesen Sturz zu kontrollieren. In der Zwischenzeit hatte ich angefangen, ein wenig Online-Forschung zu betreiben, um zu lernen, wie man einen Baum fällt. Auf YouTube fand ich einige nützliche Demo-Videos – und noch viele andere, die Unfälle zeigten, die sich ereignen können, wenn sich Dummköpfe ohne Fachwissen oder Erfahrung im Do-it-yourself-Holzfällen versuchen. Zertrümmerte Dächer, Mauern, Autos, Schnitt- und Quetschverletzungen… Der Schaden, den man mit kleinem Aufwand anstellen konnte, schien endlos.

Ich fand auch heraus, dass es unmöglich war, in Irland eine Kettensäge zu mieten. Vermutlich wegen der obenerwähnten Dummköpfe und den von ihnen verursachten amputierten Gliedmaßen. Aber ich blieb weiterhin zuversichtlich. Dieser Baum war nicht riesig, und solange ich es fertigbrachte, dass er diagonal in den Garten fiel, würde kein Schaden entstehen. Ich würde nicht einmal eine Kettensäge brauchen. Ich hatte mehrere Bügelsägen und dachte, sie würden genügen.

Ich liebe Holz in jeder Form. Ich liebe es, im Wald zu spazieren oder mit meinen Händen Holz zu verarbeiten; ich liebe seine Farben und seine Beschaffenheit und das Gefühl beim Sägen und Formen. Ich verbrenne es auch gerne – ich ziehe ein Holzfeuer einem Torffeuer vor. Es mag weniger Hitze erzeugen und brennt schneller ab – je nachdem, wie gut das Holz abgelagert ist – aber es brennt auch fast vollständig ab und läßt beinahe keine Asche zurück, verglichen mit den Haufen, die bleiben, wenn man Torf verbrennt. Ich hasse die pudrigen grauen Aschenwolken, die entstehen, wenn man den Kamin ausräumt.

Es ist auch besser für die Umwelt. Die bewirtschafteten Wälder ersetzen Bäume, sobald sie gefällt werden. Jungbäume nehmen beim Wachsen Kohlenstoff auf und speichern ihn, weshalb die Verwendung von Holz als Brennstoff theoretisch klimaneutral ist. Solange wir sie ersetzen, fügen sie der Atmosphäre keinen neuen Kohlenstoff zu. Andererseits würde es, wenn es überhaupt möglich wäre, hunderte, wenn nicht tausende von Jahren dauern, bis sich Irlands Torfmoore wieder gebildet hätten. Und in der Zwischenzeit setzen wir all den Kohlenstoff frei, der während Jahrtausenden in diesem Moor gebunden war. Öl, Kohle und Gas, worauf wir einen Grossteil unserer Zivilisation gebaut haben, haben noch länger gebraucht, um sich zu bilden, und es steht außer Frage, dass sie irgendwann erschöpft sein werden.

Das Holzfeuer tönt auch schöner als Torf. Sein Knistern ist der Klang von einem gemütlichen Zuhause. Alle paar Monate erhalten wir Säcke mit Holzscheiten geliefert. Sie sind immer zu gross für den Kamin, zu klotzig, um damit ein Feuer zu entfachen, aber für jemanden, der meistens an einem Schreibtisch arbeitet, gibt es keine bessere Entspannung, als die Axt zu holen und eine Stunde lang Holz zu spalten und Kleinholz zum Anzünden zu hacken.

Das Wetter wurde wieder kühler, neue Stürme waren im Anzug, und der Baum hatte zu lange tot dort gestanden. Also ging ich an einem Samstag hinaus und band zwei neue Seile an Äste auf halber Höhe, um den Fall des Baumes steuern zu helfen. Das andere Ende des einen Seiles war an einem schweren Pflock im Boden verankert, das des andern um den Stamm eines nahen Baumes geschlungen. Die Hündin war sicher in ihrem Hundezwinger und beobachtete die Sache mit nachdenklicher Neugier; die Katze war irgendwo auf der Jagd. Unser Sohn im Teenageralter war zu cool, um sich interessiert zu zeigen, aber unsere zwei Töchter, drei und viereinhalb Jahre alt, waren fasziniert. Sie standen unter strikter Anweisung, drinnen im Haus zu warten, aber sie drückten ihre Gesichter ans hintere Fenster und warteten darauf, von Papa unterhalten zu werden – welches natürlich meine wichtigste Rolle überhaupt ist.

Der Baum musste unbedingt diagonal auf den Rasen fallen und nicht etwa gegen das Haus, auf die Hecke oder den Zaun, welcher den hintern Teil des Gartens einfasste und keinesfalls auf die Garage. Und natürlich musste ich aufpassen, nicht selbst von ihm flachgedrückt zu werden. Viele YouTube Videos gingen mir durch den Kopf, als ich mit Sägen begann. Ich stieg auf eine Trittleiter und schnitt einige der größeren Äste auf der Garagenseite ab, in der Hoffnung, ein Gewichtsverlust auf jener Seite würde helfen, den Baum zu überzeugen, auf die andere Seite zu stürzen.

Dann begann ich mit dem Stamm. Ich schnitt zwei Keile aus, einen auf der Vorderseite und einen etwas höher auf der Rückseite, so dass der Baum auf einem „Scharnier“ aus Holz stand, das nur ein paar Zentimeter dick war und so, zumindest theoretisch, die Richtung des Falles bestimmen sollten. Das Holz war gespannt, aber leblos und trocken. Ich hatte angenommen, der Baum sei instabil, einseitig und spröde und warte nur darauf, beim ersten Biss der Säge zu stürzen. Stattdessen blieb er einfach stehen, nachdem ich den zweiten Keil ausgeschnitten hatte, mit nicht mehr als fünf Zentimetern Holz breit am Stumpf befestigt. Ich schaute in seine Äste hinauf, seinem Gewicht misstrauend, aber überrascht und mit neuem Respekt dafür, wie wohl geformt dieses Ding war. Zehn Meter hoch, mit asymmetrischen Zweigen und doch so präzise ausbalanciert, dass es aufrecht blieb auf einer Basis, die nur wenig dicker war als der Rand meiner Hand. Der Baum hatte Jahrzehnte gebraucht, um diese Größe zu erreichen, bei jeder Art von Wetter, und sogar jetzt, da alles Leben aus ihm gewichen war, war er doch noch kräftiger, als ich es ihm zugetraut hätte.

Aus dem Augenwinkel konnte ich meine beiden kleinen Mädchen am Fenster warten sehen. Ich legte eine Hand an den Stamm und schob. Und der Baum stürzte um und fiel mit einem weichen dumpfen Schlag auf den sumpfigen Rasen. Von draußen konnte ich meine Töchter nicht hören, aber meine Frau erzählte mir später, sie hätte die Mädchen noch nie so laut lachen gehört.

Papa hat den Baum mit einer Hand umgestoßen.

Ich löste die Seile und begann, den Baum in Holzscheite und Stöcklein zu zerlegen. Ich ließ sie entlang der Garagenwand, damit sie eine Zeitlang ablagern konnten, die dünneren Zweige auf einem Gestell gestapelt, das ich beim Zaun angefertigt hatte und die Bündel von Zweigen auf einen Haufen geworfen, um sie später als Kleinholz verwenden zu können.

Wir zünden nur abends ein Feuer an, so dass es drei bis vier Stunden lang brennt, bevor wir es erlöschen lassen. Dieser Baum hat über zehn Jahre zum Wachsen gebraucht, und wir hatten sein gesamtes Holz in ungefähr zwei Wochen verheizt. Ich dachte viel darüber nach – ganz allgemein über die Idee, Material zum Erzeugen von Wärme und Energie zu verbrennen. Und das ist, was wir tun; obwohl uns andere, grenzenlose Energiequellen zur Verfügung stehen, verbrennen wir weiterhin innert Stunden etwas, das Jahre, Jahrhunderte oder Jahrtausende zu seiner Entstehung benötigte.

Als Art setzen wir unser Haus in Brand, um uns warm zu halten. Ganz langsam äschern wir die Erde ein, auf der wir leben. Ich liebe ein gutes Feuer, aber ich vermisse den Baum.

 

Hallo aus dem Mount Seskin Community College, Irland

Substations radio

When our school invited towards the end of last school year, to be a substation of the Weather Station project, there was with us only a vague understanding that the project has to do with climate change and authors from around the world. At that time, at least for us not to predict how we would participate as a school community in the project. Our school year opened with a presentation for the teachers to the concept of climate change. This triggered a flood of creative work, the students ran out of our whole school together with the authors Oisin McGann and Tony Birch. Our students have recorded their memories as podcasts Weather in Rua Red. These Podcasts have become part of an art installation in Melbourne, while the work of Jordan O’Toole, a student of the first high school class, was selected to be transmitted in the Australian radio. Other students have visited the Civic Theatre to attend a Cli-Fi debate (Climate Fiction; cli-fi) participate. Still others have visited the Science Gallery at Trinity College. Under the dynamic and creative direction by a core team of teachers at school students are given the opportunity to respond to the diverse problems and challenges posed by the Weather Station project. Creative written texts, tweets Mother Earth, posters and a sculpture by students of the first high school class are just a few examples of how our students have reacted to the project.

An important aspect of the project is that both teachers and students can respond in a variety of forms. Some activities involve the whole school: for example, the specially developed curricula for all students that will be implemented at a particular time or discontinuation of all classes when we enjoy the work of individual students who read them over the intercom at school. Other activities are supervised by qualified instructors who work with their own class, and this allows for individual and creative answers. The quality of the work is made possible by the tremendous efforts of a core team of teachers as well as the continuous support and encouragement from the Tallaght Community Arts and Collective Action.

Our commitment to the project has proven to be highly stimulating and enjoyable. The reaction of the students and teachers has been very positive, and the success of our activities generates energy for further engagement. We did not really know where we were on the road, as we were on our Weather Stations trip, but so far it has been great, and we look forward to react in the months ahead to the challenges of climate change.

Ms Helen Taylor , Principal, Mount Seskin Community College, Tallaght, Dublin. Ireland

 

Theaterworkshop an der Schaubühne

Die Substation der Sophie-Scholl-Schule besuchte am 23.2.2015 einen vierstündigen Workshop an der Schaubühne in Berlin zu dem Theaterstück „der Volksfeind“ von Henrik Ibsen.

In dem Stück deckt Dr. Stockmann einen Skandal auf:  Das Wasser des Kurbades ist verseucht. Zuerst bekommt er Unterstützung von der Presse und seinen Freunden. Doch auf einmal wechseln diese ihre Position und sind gegen die Aufdeckung des Skandals. Sie sehen ihre eigene Zukunft bedroht.

Die Inszenierung von Thomas Ostermeier stellt die Frage: Welche Chance hat die Wahrheit in einer durchökonomisierten Gesellschaft?

Theater workshop

Die Schüler und Schülerinnen bekommen die Aufgabe:  War ich schon einmal opportunistisch? Wann? Warum?

Es war interessant die 'Beichten' der Klassenkameraden zu hören und deren Mimik dabei zu beobachten.

 

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Wer ist mächtiger? Wer ist stärker? Wer ist überzeugender?

Die Schüler und Schülerinnen werden von der Theaterpädagogin der Schaubühne, Wiebke Nonne, angeleitet, ihren Körper beim Theaterspielen richtig einzusetzen.

Ich habe das Stück durch den Workshop mehr verinnerlicht!

 

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Vielen Dank an das Team der Theaterpädagogik an der Schaubühne in Berlin!

Der Workshop war lustig und interessant, aber auch anstrengend.
Die Frage nach dem Ökonomischen Diktat war für die meisten 
schwer zu beantworten: 
'Das ökonomische Diktat herrscht über die gesellschaftlichen Interessen/ meine Interessen oder die ökologischen Interessen, wenn...anstatt...'

 

Vergessener Schnee

Übersetzt von Rebecca DeWald

VORSPIEL

Ein mächtiger Eisberg treibt im Meer. Wärest du ein Vogel oder ein Fisch und folgtest du dem Eisberg eine lange Weile, so würde er dich nach Grönland führen. Dort sähest du vielleicht eine tote Möwe, die erfroren im Schnee, oder das Skelett eines großen, nun seltenen Moschusochsen, das verwittert an einem Abhang liegt. Oder du träfest auf diese Inuit-Familie in ihrem kleinen Schneehaus, wo unsere Geschichte beginnt.

Womit beschäftigt sich so eine Inuit-Familie denn? Alle sitzen beieinander, wie viele Familien es tun, und kümmern sich um den Haushalt. Die Mutter kocht, ihre drei Söhne füttern die Hunde und helfen der Mutter ab und an, das Essen zuzubereiten. Der Vater starb vor langer Zeit; er kam beim Jagen in einem Schneesturm ums Leben. Tekkeit Qaasuitsup ist der jüngste der drei Söhne. Mit seinen gerade einmal neunzehneinhalb Jahren ist er bereits der Held seiner Heimat, wo ihn jeder schlicht „kluges Kerlchen“ nennt. Sein Englisch ist ziemlich gut und er ist schon weit in der Welt herumgekommen. Dabei hat er die Titelblätter von Zeitungen von Deutschland bis Amerika, von Russland bis Australien geziert. Jetzt erzählt er gerade seiner Familie von den Abenteuern seiner letzten Reise:

„… und ich hab dann den Deutschen erklärt, dass bei uns aput der Schnee am Boden ist; dass qana fallender Schnee ist, pigsipord Schneewehen, mentlana rosa Schnee und suletlana grüner Schnee. Und dass kiln Schnee ist, an den man sich erinnern kann, und naklin Schnee, den man vergessen hat, und so weiter. Die Deutschen fanden das sehr interessant und haben mich gefragt, was „erinnerter“ Schnee ist und was denn „vergessener“ Schnee sein soll. Da hab ich ihnen erklärt, dass man sich ja nicht an jeden Schnee erinnern kann, den man sieht und dass man sich im Leben eigentlich nur an bestimmten Schnee erinnert. Zum Beispiel werde ich den Schnee, der auf unseren toten Vater gefallen ist — motela — nie vergessen

1.

Nun sehen wir diesem jungen Inuk zu, wie er gemütlich in einem Bett schläft. Doch wir merken sofort, dass er nicht mehr in Grönland ist: Wir hören Großstadt- und Flugzeuglärm, die von draußen hereindringen. Die Vorhänge sind geschlossen, doch ein wagemutiger Strahl der Morgensonne tastet sich in das Dunkel des Zimmers vor.

Tekk macht die Augen auf, sieht sich in dem ungewohnten Raum um und fragt sich dann, ob er vielleicht noch träumt. Also macht er die Augen wieder zu. Der Traum, aus dem er gerade erwacht ist, passt nicht in diesen Raum. Er träumte, er schwämme mit einem jungen Eisbären. Der Bär schwamm aber viel schneller als Tekk, denn, wie jeder weiß, sind Eisbären ausgezeichnete Langstreckenschwimmer. Also musste sich Tekk in seinem Traumrennen geschlagen geben. Der Traum war so real, dass er immer noch das Gefühl hat, ein nasses Gesicht zu haben. Aber in was für einem Traum ist er denn jetzt? Tekk öffnet die Augen erneut und lässt seinen Kopf in ein weiches Kopfkissen sinken. Er sieht einen Fernseher an der Wand, einen Kühlschrank, einen Schreibtisch, einen Stuhl, einen Spiegel, einen Kleiderschrank und direkt neben seinem Bett eine Tür, die in ein Badezimmer führt. All das sieht er so klar und deutlich vor sich, dass es kein Traum sein kann. Tekk setzt sich verwirrt im Bett auf. Dann erkennt er plötzlich seinen orangen Koffer auf dem Teppich mitten im Zimmer. Seine Familie in Grönland hatte ihm den nagelneuen Koffer vor seiner Abreise geschenkt. Nun wird ihm klar, dass er nicht träumt, sondern tatsächlich irgendwo in Deutschland angekommen ist. Er muss also gestern nach seiner langen, komplizierten Reise doch hier gelandet sein. Er erinnert sich dunkel an den Reisebus und das winzige Regionalflugzeug, in den man ihn gesteckt hat, und dann an den großen, internationalen Flughafen und das riesengroße Flugzeug, wo ihm die Stewardess mit strahlendem Gesicht gratis Wein und anderen Alkohol angeboten hat. Ab da lässt sein Gedächtnis aber nach und er kann sich an nichts weiter erinnern.

Es klopft an der Tür. Tekk bleibt mucksmäuschenstill liegen. Es klopft erneut. Er hebt seine Beine vorsichtig aus dem Bett und stellt die Füße auf den Teppichboden. Jetzt hört er, wie jemand den Schlüssel umdreht und die Tür öffnet. Und da steht sie: eine junge, weiße Frau in Uniform mit einem Staubsauger neben sich auf dem Boden. Vor Überraschung sitzt Tekk schnell kerzengerade auf und fragt sie in stotterndem Englisch: „Who are you?”

Da fällt ihm auf, dass er schon eine Weile kein Englisch mehr gesprochen hat.

Als sie merkt, dass der Hotelgast noch auf seinem Zimmer ist, entschuldigt sich die Frau rasch und fragt dann auf Englisch: „Should I come back later?”

Tekk hält sie auf und bittet sie, nicht gleich zu gehen.

Die Frau dreht sich wieder um: „Ja, bitte?”

„Ich bin hier schon in Berlin, stimmt’s?”

Sie lächelt: „Ja”, antwortet sie, „das stimmt.”

„Wo genau in Berlin?”

„Sie sind hier im Hotel Kantstraße, ganz in der Nähe vom Berliner Zoo.”

„Dem Berliner Zoo?”, wiederholt Tekk ungläubig.

„Ich meine, also, Sie sind hier in einem Hotel, nicht in einem Zoo.” Dann erklärt sie in ähnlich unbeholfenem Englisch: „… aber der Berliner Zoo ist ganz in der Nähe.”

Weil Tekk nun nicht mehr antwortet, fragt die Frau erneut: „Soll ich dann jetzt sauber machen oder doch lieber später wiederkommen?”

Tekk schaut das Zimmermädchen gebannt an und schüttelt dann kaum merklich den Kopf.

Die Frau verschwindet mit ihrem Staubsauger durch die Tür und macht diese hinter sich zu. Tekk sitzt auf dem Bett und als er sich streckt, merkt er, dass er immer noch voll angezogen ist und so wohl auch geschlafen hat. Er tastet seinen Kopf ab, fühlt aber nur sein kurzes Haar. Wo ist denn nun meine Walrossfellmütze geblieben? Er liebt die alte Mütze heiß und innig und geht niemals ohne sie aus dem Haus, geschweige denn auf eine lange Reise. Plötzlich sieht er sie auf dem Schreibtisch neben dem Fenster liegen, schnappt sie sich und setzt sie sich erleichtert auf den Kopf. So fühlt er sich schon viel besser. Er reißt die Vorhänge auf und Licht strömt in das Zimmer. Er öffnet das Fenster und sieht die Skyline draußen nun dicht vor sich. Riesige Reklametafeln verdeckten die großen Wolkenkratzer. Auf einem steht „Benz”, auf einem anderen „BMW.” Er blickt nach unten und ihm kommt es so vor, als ob die Straße und die Autos darauf Spielzeuge wären. Ihm wird schwindelig, also macht er das Fenster schnell wieder zu. Jetzt läuft er noch etwas auf dem Teppichboden herum, um sich an den Raum zu gewöhnen.

Er geht ins Badezimmer. Das Waschbecken hat eine ungewöhnliche Form: Es sieht aus wie eine gewaltige Lotusblüte. Jedenfalls kommt es Tekk so vor, denn allzu viele große Blumen hat er in seinem Leben noch nicht gesehen. Als er das Waschbecken berührt, gehen automatisch Lämpchen an, wie in einem Science-Fiction-Film. Tekk starrt in das hell erleuchtete Waschbecken und will herauszufinden, wo sich darin die Glühbirnen verstecken. Schließlich gibt auf. Er muss sich sowieso erst einmal waschen. Doch der Wasserhahn hat keinen Hebel, den er betätigen könnte. Er bewegt seine Hände unter dem Wasserhahn hin und her, aber es regt sich nichts. Als er dann seinen Kopf direkt unter den Wasserhahn hält, um nachzusehen, schießt das Wasser plötzlich in Strömen heraus und direkt in sein Gesicht.

„Tiaavuluk!“, schimpft Tekk, schnappt sich ein Handtuch und trocknet sich das Gesicht ab. Frustriert macht er die Kühlschranktür auf und findet eine Auswahl an Wein- und Wodkafläschchen, nimmt sich eines heraus und trinkt den Wodka direkt aus der Flasche. Er trifft auf seine ausgetrocknete Kehle und Tekk fühlt sich schon besser. Er setzt sich aufs Bett und trinkt so rasch, als ob es nichts als Leitungswasser wäre. Er macht den Kühlschrank wieder auf und findet eine Packung Erdnüsse. Er isst sie leer, nimmt sich ein zweites Wodkafläschchen und diesmal eine Cola dazu. Als er auch dieses Fläschen fast leer getrunken hat, klopft es wieder an der Tür.

Tekk macht die Tür auf. Ein großer, gut aussehender Europäer steht vor ihm und lächelt ihn an.

„Guten Morgen. Sie müssen dann also Tekkeit Qaasuitsup sein. Darf ich hereinkommen?“

Tekk nickt. Der Mann kommt herein und schüttelt seine Hand.

„Ich heiße Hans und arbeite für den diesjährigen internationalen Klimagipfel. Ich werde Sie bei Ihrem Aufenthalt hier begleiten.“

„Zuhause nennt man mich Tekk“, antwortet Tekk etwas schüchtern.

„Alles klar, Tekk. Ich kann zwar ein bisschen grönländisch, aber ich will mich damit jetzt lieber nicht blamieren. Sind Sie zum ersten Mal in Berlin?“

„Ja“, antwortet Tekk. Dabei hat er das Gefühl, dass Hans ihn etwas herablassend ansieht, und fügt deshalb schnell hinzu: „…aber ich war schon in Kopenhagen und in Stavanger. Warst du schon mal in Stavanger?“

„Hm …“ Hans schüttelt den Kopf. Den Namen hat er noch nie gehört. „Ich bin mir nicht ganz sicher. Ist das in Dänemark?“

„Nein“, lacht Tekk. Dabei fällt Hans die laute und unbändige Stimme des jungen Mannes auf, dem es scheinbar Spaß macht, sich über Hans‘ Unwissen lustig zu machen. „Das ist in Norwegen! Die haben da so eine Domkirke. Riesig ist die.”

„Eine Domkirke?“ Hans kann dem Gefasel Tekks nicht mehr folgen. Außerdem stört ihn der strenge Wodkagestank im Zimmer.

„Ja, eine Domkirke. Eine riesengroße, alte Kathedrale. Die ist echt gruselig, wenn man reingeht.”

Hans beschließt, sich lieber nicht hinzusetzen. Er schaut auf seine Armbanduhr und gibt zu verstehen, dass sie sich wohl sputen müssen.

„Das ist alles ganz toll, Tekk. Falls ich je mal nach Stavanger komme, sehe ich mir diese Domkirche ganz bestimmt mal an. Jetzt müssen wir aber dann auch los. Lassen Sie uns erst einmal frühstücken. Natürlich nur, wenn Sie fertig sind. Danach haben wir volles Programm“.

Tekk befolgt Hans’ Anweisungen, zieht seine Wollstiefel an und geht hinter Hans zur Tür.

„Vergessen Sie Ihren Schlüssel nicht!“ Hans zieht die Schlüsselkarte aus dem Schlitz und zieht die Tür hinter sich zu.

 

2.

Die zwei sind nun in einem reizenden Café, wo sie von etlichen Gemälden und Kunstwerken an den Wänden angestarrt werden. Tekk fühlt sich auf den weichen Kissen nicht ganz wohl. Hans hat bereits Frühstück für beide bestellt und die Bedienung kommt gerade an den Tisch und serviert beiden ihre Bestellung: Hans bekommt Obstsalat, Tekk ein Omelett.

Tekk starrt auf den Teller und rührt sein Essen nicht an.

„Ich dachte, Sie mögen Eier?“, erkundigt sich Hans etwas besorgt.

„Ja, schon. Ich dachte nur … gibt’s hier denn kein Fleisch?“

„Fleisch? Ja, doch, klar. Das ist im Omelett innen drin“, erklärt Hans.

Tekk stochert mit der Gabel im Omelett herum, traut dem Ganzen aber nicht. Ja, ein bisschen Schinken ist da schon drin, den er auch schnell aufisst, aber ganz zufrieden ist er nicht. „Ich dachte, die hätten hier vielleicht richtiges Fleisch.“

„Sie möchten richtiges Fleisch? Ich kann Ihnen natürlich noch etwas Räucherschinken bestellen.“

Hans ruft die Bedienung herüber und bestellt. Wenige Augenblicke später bringt sie einen Teller mit rosa Schinken und ein paar Melonenschnitzen an den Tisch.

Jetzt ist Tekk endlich zufrieden. Er zieht sofort sein eigenes Messer aus der Tasche, das mit dem Griff aus Walrosselfenbein. Den Gästen um ihn herum läuft ein eiskalter Schauer über den Rücken, als sie dem jungen Inuk dabei zusehen, wie er die Schinkenscheiben eine nach der anderen mit seinem Messer aufspießt und sich hungrig in den Mund schiebt. Hans sieht ihm dabei zu, unterdrückt aber eine Bemerkung.

Es dauert nicht lange und Tekk hat den gesamten Schinken verschlungen. Zurück bleiben nur die Melonenschnitze.

Tekk putzt die Klinge seines Walrosselfenbeinmessers mit einer weißen Serviette und wischt sich anschließend damit den Mund ab. Jetzt endlich sagt er etwas.

„Weißt du, Hans, das Fleisch hier ist einfach zu weich. Ich mag festes Fleisch, wie Karibufleisch. Das essen wir in Grönland.“

„Ja, klar, Karibufleisch. Tut mir leid, aber das werden Sie in Deutschland leider vergeblich suchen.“

„Du solltest auch mal festeres Fleisch probieren. Das ist gut für die Zähne.“

Hans isst die letzten Bissen seines Obstsalats und sagt dann: „Ich bin Vegetarier.“

„Was ist denn ein Vegetarier?“

„Ein Vegetarier ist jemand, der kein Fleisch isst.“

„Aber warum?“, fragt Tekk seinen deutschen Begleiter voller Verwunderung: „Sind deine Zähne denn nicht gut genug?“

Hans lacht. „Meine Zähne sind einwandfrei“, sagt er, „so alt bin ich jetzt auch noch nicht! Aber mit meinen Zähnen hat das auch eigentlich gar nichts zu tun. Es ist nur so … wie soll ich sagen ….“ Er denkt ein paar Sekunden lang nach und entscheidet sich dann: „Tiere zu essen, ist schlecht für die Umwelt. Und gesund ist es überhaupt auch nicht.“

Tekk schaut Hans verdutzt an. Er würde am liebsten laut loslachen, übt sich aber in Höflichkeit und sagt deshalb nur: „Wenn ich das meiner Familie erzählen würde, würden die mich auslachen. Außer Karibus isst daheim keiner Gras.“

Hans zuckt die Schultern. „Dann bin ich eben ein Karibu. Ich esse Gras und Sie essen dann mich. Wir sind also die perfekte Nahrungskette.“

„Ihr Deutschen seid echt komisch“, sagt Tekk etwas gekränkt.

Hans trinkt seinen Kaffee aus und zieht sein Portemonnaie aus der Tasche. „Wir sollten wohl besser weiter. Ich möchte Ihnen noch etwas zeigen.“

Aber Tekk kann kaum aufstehen. Ihm ist von dem ganzen Wodka heute Morgen in seinem Hotelzimmer noch immer etwas schwindelig.

„Hier, trinken Sie lieber einen Schluck Wasser.“ Hans reicht ihm ein Glas.

3.

Wie Hans und Tekk so die Straße entlang gehen, sehen sie aus wie zwei Komödianten: Einer ist groß und schlaksig, der andere eher untersetzt; einer geht schnell mit gezieltem Gang, der andere schleicht unsicher hinterher. So stolpern sie langsam in Richtung Savignyplatz und passieren zahlreiche Cafés und Kneipen auf dem Weg. Wie er so die Straße entlang stolpert, besieht sich Tekk diese wundersame Welt, in der er heute Morgen aufgewacht ist. Jeder um ihn herum erkennt sofort, dass er eindeutig getrunken hat, und wundert sich ob des seltenen Anblicks eines betrunkenen Inuks in voller Montur, der die schicken Straßen von Berlins Modeviertel entlang taumelt. Hans muss ihn in die richtige Richtung weisen, als sie die Straße überqueren.

Sie kommen an einer Kneipe vorbei, die mit Blumen und Leuchtreklame dekoriert ist. An einem Tisch vor der Kneipe sitzt eine schöne Frau und unterhält sich mit einem Mann. Ihre nackten Beine strecken sich lang unter dem Minirock hervor und entgehen auch Tekks Blicken nicht.

Tekk taumelt auf den Tisch zu und drückt, ohne ein Wort der Warnung, seine Wange an die blassen Beine der Frau. Diese schreckt auf und schreit, als sie merkt, wie betrunken Tekk ist. Ihr Begleiter steht auf und zerrt Tekk weg. Dann brüllt er ihn an: „Mensch, was ist denn mit dir los?!“ Hans eilt herbei und befreit Tekk gerade noch rechtzeitig aus der Lage und entschuldigt sich überschwänglich bei dem aufgeregten Paar.

Ein paar Minuten später findet sich Tekk vor einem riesigen Gebäude ganz aus Glas wieder. „Das ist der Hauptsitz der Internationalen Forschungsgruppe zum Klimawandel“, erklärt Hans und zerrt Tekk in den Aufzug. „Ich möchte Ihnen den Vorsitzenden und die Veranstalter der Konferenz vorstellen.“

„Warum?“, fragt Tekk etwas trotzig. Er bekommt im Aufzug stechende Kopfschmerzen. Er kann kaum noch aufrecht stehen und ihm wird übel.

„Weil diese Leute Sie hierher eingeladen haben. Und weil sie Ihre Hotelrechnung übernehmen. Und weil sie im Gegenzug nur zu gerne einen Vortrag von Ihnen bei der Konferenz hören würden.“

Im Büro angekommen bittet man sie, einige Minuten auf den Vorsitzenden zu warten, der noch in einer Besprechung ist. Tekk nutzt die Gelegenheit und lässt sich auf das Sofa fallen. Als Hans von der Toilette zurückkommt, ist sein Freund bereits fest eingeschlafen und schnarcht friedlich und deutlich hörbar.

Hans wartet geduldig auf dem Sofa, bis einer der Veranstalter auf ihn zukommt, um ihn zu begrüßen. Sobald er sieht, in welchem Zustand sich ihr Gast befindet, schlägt er Hans vor: „Gönnen wir unserem Gast doch einen Ruhetag. Sie können ihm vielleicht die Stadt zeigen, wenn ihm danach ist. Und morgen können wir uns dann um die Konferenz kümmern.“

Hans stimmt dem zu.

Am Nachmittag geht er also mit Tekk in den Tiergarten. Hier fühlt sich der junge Inuk viel wohler und kann neue Energie tanken. Bei ihrem Spaziergang durch das Wäldchen kommen sie an einen See, in dem ein paar Enten friedlich umherschwimmen. Dann entdecken sie ein Paar in einem Kanu, das gemächlich über den Teich paddelt. Tekk starrt das kleine Kanu an und bekommt beim Anblick Heimweh. Als das Paar im Boot ihm zuwinkt, versteht er das als Einladung, rennt das Ufer entlang und springt komplett angezogen ins Wasser. Er schwimmt auf sie zu und das Paar bekommt es mit der Angst zu tun, findet die Situation aber auch amüsant, also klettert Tekk schnurstracks ins Boot.

Tekk lacht und hat Spaß in seinem neuen Kanu. Hans protestiert am Ufer, doch Tekk hat dem Mann im Boot bereits das Paddel entrissen und taucht es nun ins Wasser. Hans rennt am Ufer entlang und schreit: „Entschuldigen Sie bitte meinen Freund. Er kommt aus Grönland. Er kennt die Gepflogenheiten hier noch nicht.“

4.

Die Pressekonferenz ist für den folgenden Morgen geplant. Eine ganze Reihe an wichtigen Rednern sitzt schon auf der Bühne bereit, als die Konferenzteilnehmer den Saal betreten. Unter ihnen ist auch Tekk, der ein Namensschild an die Brust geheftet bekommen hat. Er sitzt neben Hans an der kurzen Tischseite.

Der Konferenzveranstalter hält eine kurze Ansprache, in der er alle Teilnehmer willkommen heißt und noch einmal die Notwendigkeit der Erforschung des Klimawandels betont. Kurz ist dabei deutlich untertrieben, sodass Tekk sich müde auf seinen Stuhl fläzt. Dann stellt der Veranstalter die Redner auf der Bühne vor: Wissenschaftler, Professoren, Aktivisten usw. Als Tekk an der Reihe ist, wird er schlicht als „der letzte Inuk Grönlands“ vorgestellt, „dem Ort der schmelzenden Eisberge.“ Das Publikum applaudiert aufgeregt und Kamerablitze erhellen den Saal. Hans gibt Tekk mit Gesten zu verstehen, dass er für die Fotografen aufstehen soll.

Der Veranstalter spricht weiter: „Tekkeit Qaasuitsup ist einer der letzten Inuit Nordgrönlands und wird in den kommenden Konferenztagen einen Vortrag über die traditionelle Lebensweise seiner Familie halten und uns dabei erklären, was wir von der Kultur der Inuit lernen können. Nun aber genug der Rede, lassen Sie uns mit der Konferenz beginnen …“

Nur wenige Stunden später erscheint eine Großaufnahme von Tekk mit der Walrossfellmütze auf dem Kopf in sämtlichen Berliner Zeitungen. Die Überschrift lautet jeweils „LETZTER INUK IN DER STADT!“ oder „WAS ESKIMOS VON UNSERER MODERNEN WELT HALTEN.“

Die Konferenz geht währenddessen ohne größere Zwischenfälle weiter und schon bald werden die Teilnehmer in die Mittagspause entlassen. Nun sitzen sie im Speisesaal und genießen ihr Essen mit Blick auf eine saftige Grünfläche. Einige Teilnehmer schütteln Tekk die Hand und erkundigen sich nach seiner Familie und seiner weiten Anreise. Tekk wird aber durch etwas im Freien abgelenkt.

Er verfolgt mit den Augen eine junge Frau in einem roten Kleid, die über die Grünfläche schreitet. Hans verfolgt Tekks Blick und sieht dann auch die junge Frau mit ihren langen, schwarzen Haaren, wie sie einen Raben in einem Käfig über ein Blumenbeet trägt.

„Hast du das gesehen, Hans? Den schwarzen Vogel da?“

„Ja, das war sogar ein Rabe“, antwortet Hans verwundert. „Ein Rabe als Haustier in einem Käfig … das sehe ich wirklich zum ersten Mal!“

Die Frau scheint die Blicke zu bemerken, wendet sich den beiden zu und lächelt sie geheimnisvoll an. Tekk rennt hinaus, doch als er auf der Grünfläche ankommt, ist die Frau bereits verschwunden.

„Sedna! Ich habe meine Sedna gefunden!“, ruft Tekk.

„Was meinen Sie denn mit Sedna?“, fragt Hans, der Tekk nachgegangen ist.

„Sedna! Die Meeresgöttin von uns Inuit!“

„Meinen Sie jetzt den Raben oder die junge Frau?“, fragt Hans.

„Die junge Frau! Sie heißt Sedna!“

„Alles klar, ist ja schon gut. Jetzt beruhigen Sie sich erst einmal, Tekk“, sagt Hans und schlägt vor: „Möchten Sie mir vielleicht erzählen, wer Sedna ist?“

„Ja, klar. Also: Es war einmal ein wunderschönes Inuit-Mädchen mit langen, schwarzen Haaren — eben wie die Frau hier!“. Tekk irrt immer noch unschlüssig im Garten herum und hofft darauf, dass sich das Ereignis wiederholt. „Jeder in meiner Heimat kennt ihre Geschichte. Weil Sedna so schön war, lehnte sie alle Freier ab, die um ihre Hand anhielten. Doch Sednas Familie war sehr arm, also wollte sie ihr Vater lieber verheiraten. So sagte er zu ihr: ‚Sedna, unsere Vorräte gehen zur Neige und bald müssen wir hungern. Du musst also einen Ehemann finden, der dich ernähren kann. Deshalb werde ich dich dem nächsten Freier zur Frau geben.‘ Eines Tages kam ein in schwarzes Fell gekleideter Jäger zu ihrem Iglu und bat Sednas Vater um die Hand seiner Tochter. Sedna nahm den Antrag des Fremden an, obwohl sie nicht einmal sein Gesicht erkennen konnte. Also bestieg sie bald darauf das Kajak des Jägers, um mit ihm zu ihrem neuen Zuhause zu reisen. Weißt du überhaupt, was ein Kajak ist?“

„Ja, natürlich weiß ich, was ein Kajak ist. Erzählen Sie lieber weiter: Was ist dann aus ihr und ihrem komischen Ehemann geworden?“

„Sie waren sehr lange bei Schnee und Wind auf See unterwegs und die beiden Reisenden mussten vor lauter Kälte die Decken fest um sich wickeln. Während der ganzen Fahrt bekam Sedna kein einziges Mal das Gesicht ihres Mannes zu sehen. Sie gelangten schließlich zu einer Insel, doch als Sedna sich umschaute, konnte sie weit und breit nichts erkennen, weder eine Hütte, noch ein Zelt, nicht einmal Kochtöpfe. Nur nackte Felsen und kahle Klippen, soweit das Auge reicht. Ihr neues Zuhause bestand schlicht aus ein paar Fellbüscheln und Federn auf dem harten, kalten Stein. Als sie so auf den Klippen standen, baute sich der Jäger vor Sedna auf, zog sich die Kapuze vom Kopf und stieß ein bitterböses Lachen aus. Rate mal, warum!“

„Weil Sednas Ehemann kein Mann sonder ein Rabe war, stimmt‘s?“, antwortet Hans mit einem wissenden Lächeln.

„Ja, das stimmt! Ihr seid ganz schön clever, ihr Deutschen! Ihr Ehemann ist ein großer, fetter, schwarzer Rabe!“

„Und was passierte dann? Hat sie den Rest ihres Lebens mit dem bösen Vogel verbracht?“. Hans wird jetzt etwas ungeduldig, weil alle Teilnehmer um sie herum bereits mit dem Mittagessen fertig sind während Hans und Tekk noch keinen Bissen angerührt haben.

„Sedna wollte natürlich nicht mit dem hässlichen, schwarzen Vogel zusammenleben, aber sie war ja so weit von Zuhause weg! Also konnte sie nicht so einfach alleine zurückrudern …“

An dieser Stelle in der Geschichte kommt der Veranstalter herüber und unterbricht Tekk mit den Worten: „Hallo Tekk, hallo Hans! Hat Ihnen denn die Pressekonferenz heute Morgen gefallen?“

Der Veranstalter schüttelt Tekks Hand. Da erst merkt Tekk, wie hungrig er ist, springt auf und läuft zum Büfett und schaufelt sich den Teller voll.

„In der Tat. Ich hoffe nur, dass unser Freund aus Grönland eine ganze Konferenzwoche durchsteht!“, empfängt Hans den Veranstalter, während er sich Salat auf den Teller häuft.

„Machen Sie sich da mal keine Sorgen. Falls unserem Inuit-Freund hier das ganze Gerede zu langweilig wird, können Sie ihm doch die Stadt zeigen. In Berlin gibt es doch so Einiges zu sehen, das Holocaust-Mahnmal, den Checkpoint Charlie und so. Was halten Sie davon, Tekk?“

Tekk bemüht sich, zu lächeln, während er mit einem Schnitzel kämpft.

„Wie gefällt Ihnen Berlin denn soweit, Tekk? Haben Sie schon unseren bekannten Bären kennengelernt?“, fragt der Veranstalter weiter.

„Welchen Bären?“, fragt Tekk überrascht und schluckt schnell einen Schnitzelhappen. „In Deutschland gibt es Bären?“

„Ja“, antwortet der Veranstalter, „wir haben einen ganz berühmten Eisbären. Er heißt Knut.”

„Wie? Was? Echt jetzt?“, Tekk hat mittlerweile aufgehört, zu essen, und ist ganz aufgebracht.

„Wo ist er denn? Können wir ihn jetzt gleich sehen?“ Dabei sieht er Hans bittend an.

Hans lacht: „Nicht sofort“, antwortet er, „aber vielleicht etwas später, falls Sie nicht zu müde sind.“

Und schon sind sie von Journalisten umringt, die ein Foto von Tekk mit seiner Walrossfellmütze machen möchten und ihn ermutigen, in die Kamera zu lächeln. Tekk stellt sich in Pose, doch das Lächeln geht ihm nicht so leicht über die Lippen.

 

5.

Jetzt stehen Tekk und Hans in der Schlange vorm Berliner Zoo. Sie sind bei Weitem nicht die Einzigen, die in den Zoo wollen, doch schon nach einer Weile hält auch Hans zwei Eintrittskarten in der Hand.

Tekk ist sofort ganz beeindruckt von der Größe des Zoos mit seinen satten, grünen Pflanzen und den künstlich angelegten Hügeln. Er hat so einige Fragen für Hans:

„Also sammeln die Leute dann von überall her Tiere und stecken sie zum Angucken hier rein, ohne sie zu erlegen?“

„Genau, deshalb sind die Tiere ja hier. Also, ich meine, damit man sehen kann, wie denn ein Tiger so frisst und herumläuft und so.“

„Ein Tiger?!“, ruft Tekk. „Ich hab mal einem im Fernsehen gesehen. Mann, die sind ganz schön unheimlich. Denen möchte ich lieber nicht über den Weg laufen. Bitte, Hans, lass uns da lieber nicht hingehen!“

„Ok, keine Tiger für Tekk, ist notiert“, lächelt Hans und führt Tekk weiter im Zoo herum. „Ich passe schon auf, dass Sie keine Tiere zu sehen bekommen, denen Sie lieber nicht begegnen möchten. Aber Sie haben mir Ihre Geschichte ja noch gar nicht zu Ende erzählt. Ich weiß ja gar nicht, was aus der guten Sedna und ihrem hässlichen Rabenmann geworden ist!“

„Ja, also, Sedna war dann klar, dass sie einen schwarzen Vogel geheiratet hat. Da war sie natürlich ziemlich traurig und hatte auch ganz schön Angst vor ihm, also hat sie dann versucht, zu fliehen. Doch nach jedem Versuch schleifte sie der große Vogel bis an den Klippenrand und drohte damit, sie ins Meer zu stoßen. Gleichzeitig aber bat er sie, ihn nicht zu verlassen, weil er sonst so einsam wäre. Also lebte sie als Frau des Raben auf dem nackten Felsen. Tagein, tagaus flog der Rabe aus und brachte rohen Fisch zurück, den sie tagein, tagaus essen musste. So weinte sie jeden Tag und schluchzte den Namen ihres Vaters, den die arktischen Winde dann weit hinaus bis hin zu Sednas Vater trugen. Dieser erkannte den Ruf seiner Tochter im Wind und dann, eines Tages …“

Tekk hält inne. Vor sich erkennt er plötzlich riesige, ihm unbekannte Tiere und kann sich nicht mehr auf seine Geschichte konzentrieren. Angst und Furcht verzerren sein Gesicht beim Anblick der Gorillas, die er noch nie zuvor gesehen hat. Als er diesen ungeheuren Menschenaffen aber so gegenübersteht, bekommt er einen Lachanfall und bricht dabei schon fast in Tränen aus.

„Vielleicht sind das ja doch Menschen, meinst du nicht?“, fragt er Hans mit bebender Stimme.

Als einer der Gorillas auf sie zukommt, verstummt Tekk, fällt schlagartig auf die Knie, mit dem Gesicht zum Käfig, und betet den Gorilla an.

Hans beobachtet Tekks merkwürdiges Verhalten, verzieht dabei zwar etwas das Gesicht, verkneift sich aber eine Bemerkung.

Dann treten sie an das Giraffengehege heran. Tekk sieht sich die langhalsigen Tiere genau an und ist schwer beeindruckt.

„Ich hätte auch gern einen so langen Hals, da könnte ich Feinde schon von Weitem sehen!“. Dann kniet er erneut nieder und sagt: „Hans, wir müssen beten, sonst rächen sie sich eines Tages noch an uns.“

Hans zuckt die Schultern und sieht zu, wie Tekk die Tiere anbetet und dabei unverständlich murmelt.

Schließlich kommen sie zur bekanntesten Touristenattraktion des Zoos, dem Eisbären. Das Gehege ist mit Besuchern gesäumt, die alle ihre Fotoapparate und Smartphones im Anschlag haben. In den Nachrichten heißt es, dass der Eisbär sich seit ein paar Tagen nicht hat blicken lassen.

Doch sobald Tekk an den Zaun herantritt, ändert sich die Stimmung. Hinter den Felsen wird langsam ein großer, weißer Tierkörper sichtbar. Die Besucher bringen alle gespannt ihre Kameras in Ausgangsstellung. Tekk starrt den berühmten Knut an, der sich auf einem Felsbrocken beim Wasserbecken niedergelassen hat und gelangweilt und einsam vor sich hinstarrt. Er betrachtet das seichte Wasser und merkt nichts von all den Besuchern und Kamerablitzen.

„Oh Tekk, da haben Sie aber ganz schön Glück, dass Sie unseren Lokalhelden kennenlernen können! Er hat uns schon ganze 2 Mio. Euro Umsatz eingebracht“, erklärt Hans sichtlich erfreut.

„Wie das denn?“, fragt Tekk.

„Wie? Sehen Sie sich doch mal an, wie viele Besucher hier sind! Die haben alle Eintrittskarten gekauft, um den Eisbären zu sehen.“

„Knut …“, murmelt Tekk. „In Grönland stehen wir Eisbären nicht gern so nah gegenüber. Wenn wir ihnen begegnen, wünschen wir ihnen Glück und hoffen, dass sie nicht noch näher kommen.“

In dem Moment kommt eine Schulklasse zum Gehege. Die Kinder stoßen Tekk zur Seite, springen wild umher und wollen alle den Eisbären sehen, den Superstar des Zoos.

„Naja, Knut war in den letzten Monaten auch nicht sehr glücklich. Einige Tierverhaltensexperten sagen, er vermisst seine Heimat, oder dass er eine Gefährtin braucht. Er sieht ja auch etwas traurig aus. Manchmal kommt er nicht einmal zum Schwimmen heraus und liegt auch nicht mehr wie früher in der Sonne. Er versteckt sich nur noch in seiner Höhle, wo keiner ihn sehen kann.“

Tekk scheint das sehr gut zu verstehen, denn er sagt: „Ja, das würde ich auch tun, wenn man mich in einen großen Käfig stecken würde. Länger als drei Tagen würde ich das bestimmt nicht aushalten.“

Je länger er den Eisbären betrachtet, desto näher geht ihm dessen Lage. Er steht wie angewurzelt vor dem Gehege, als ob ihn etwas im Bann hält. Er umfasst die Zaunpfosten und verfolgt mit den Augen den Eisbären genau. Dann murmelt er wie im Traum: „Ich glaube, er erkennt mich …“

Und tatsächlich scheint Knut Tekks Blick zu erwidern. Die Augen des Tiers sind voller Trauer, doch ein Funken Hoffnung blitzt in ihnen auch auf. Tekk ist wie in Trance und murmelt weiter: „Oh, Hans“, sagt er, „er beobachtet mich. Ich glaube, er erkennt mich …“

 

6.

Ein Windstoß erschüttert den Zoo und bringt den Straßenlärm einschließlich Sirenen mit sich. Da brummt Knut plötzlich sorgenvoll und wütend und zieht sich langsam in seine Höhle zurück, um sich wieder zu verstecken. Dabei schüttelt er sich, reibt sich die Augen und man möchte meinen, er wäre kurz vor einer Ohnmacht. Hans fragt, ob es ihm denn gut gehe. Tekk antwortet nicht, sondern rüttelt nur mit gesenktem Kopf am Zaun. Plötzlich, als ob er aus einem Traum erwacht wäre, fährt Tekk mit seiner Geschichte von dem schwarzen Raben fort.

„Also, ich habe dir ja erzählt, dass Sedna den Raben geheiratet hat und sich nun jede Nacht an den Klippen die Augen ausheulte. Eines Tages hörte Sednas Vater das Weinen seiner Tochter im schneedichten Wind. Da fühlte er sich plötzlich schuldig, was seine Tochter wegen ihm erleiden musste und er entschloss sich, sie zu befreien. Er schlachtete ein großes Walross als Proviant für die Seereise, packte sein Kajak mit Lebensmitteln und Wasser und folgte dem Weinen. So paddelte er drei Tage lang durch die arktischen Gewässer bis zu Sednas neuem Zuhause. Als er sich der Insel von Sednas Ehemann näherte, sah er auf den Klippen einen roten Umriss und erkannte sofort seine Tochter in dem roten Kleid, das sie bei ihrer Abreise trug. Der Anblick ihres Vaters freute und überraschte sie sehr und sie kletterte schnell in sein Kajak, um mit ihm zurück nach Hause zu fahren. Nach einigen Stunden aber sahen Sedna und ihr Vater hinter sich in der Ferne einen schwarzen Fleck am Himmel. Beide wussten sofort, dass es Sednas wütender Ehemann war, der sie verfolgte.“

An dieser Stelle in der Geschichte heult der Eisbär zweimal in seiner Höhle auf, eben so, als ob er die Geschichte hören und erkennen würde. Dann tritt er wieder aus seiner Höhle heraus. Tekk wird mucksmäuschenstill: Er fühlt sich vom Bären wie magisch angezogen und es scheint, als ob dieser Tekks Blick erneut erwidert.

„Vielleicht sollten wir zwischen den Besuchern durch um den Zaun herum laufen“, schlägt Tekk vor, „So merken wir, ob der Bär mich wirklich erkennt.“

Als sie um das Gehege laufen, verliert der Eisbär Tekk zuerst aus den Augen. Nach kurzer Zeit entdeckt er ihn aber wieder in der Menge und es ist ganz so, als ob ein Blitz zwischen ihren Augen funkelte. Doch dann lenken zwei Wärter den Eisbären mit einem großen Gummiseehund ab, den sie in das Gehege werfen in der Hoffnung, das niedergeschlagene Tier würde sich endlich etwas bewegen. Das scheint Knut wütend zu machen, denn er springt von einem Felsen herunter und zerfetzt den Gummiseehund.

Tekk dreht sich angewidert weg. Er zerrt Hans vom Gehege weg zu einer Bank unter einem Baum. Mit einem Seufzen fährt er mit seiner Geschichte fort: „Also dann segelte der große, schwarze Rabe im Wind hinter seiner Frau und ihrem Vater her und holte die beiden immer mehr ein. Als er nahe genug war, fing er an, das Kajak anzugreifen. Sednas Vater versuchte, sich mit dem Paddel zu verteidigen, doch verfehlte den Raben immer wieder, der sie immer weiter attackierte. Dann flog er bis dicht an die Meeresoberfläche und schlug mit den Flügeln, bis sich ein böser Sturm zusammenbraute. Die stille See wurde zu einem tobenden Meer und schmiss das winzige Kajak zwischen den Wogen hin und her. Sednas Vater bekam es mit der Angst zu tun, ergriff schließlich seine Tochter und warf sie über den Kajakrand hinaus ins Meer. „Hier“, rief er, „hier, nimm deine kostbare Frau, aber tu mir bitte nichts. Nimm sie schon!“ Sedna schrie und kämpfte während ihr Körper im eisigen Wasser immer tauber wurde. Sie schwamm zum Kajak hin und hielt sich mit den Fingern am Bootsrand fest. Doch ihr Vater — voller Furcht vor dem tobenden Sturm — dachte nur an sich, wie er es schon immer getan hat. Er schlug mit dem Paddel auf die Finger seiner Tochter ein. Sedna schrie vor Schmerzen auf und bat ihn vergeblich, aufzuhören. Ihre Knochen zerbrachen und ihre eiskalten Finger glitten ins Meer. Dort verwandelten sie sich einer nach dem anderen in Seehunde und schwammen unter der Wasseroberfläche davon. Sedna kämpfte sich erneut zum Kajak ihres Vaters vor und versuchte, hineinzuklettern, doch ihr Vater ergriff erneut das Paddel und schlug nun auf die Hände seiner Tochter ein. Sednas eiskalte Hände erstarrten und wurden von ihrem Körper getrennt. Die fingerlosen Hände trieben auf den Meeresgrund und verwandelten sich dort in Wale und Walrosse. Sedna fehlte nun alle Kraft und sie sank selbst auf den Meeresgrund.“

„Was für eine traurige Geschichte!“, ruft Hans entrüstet. „Der Vater ist ja noch gemeiner als der Rabe.“

Tekk fährt fort: „In ihrer Verzweiflung verwandelte Sedna all ihr übrigen Körperteile in Bewohner der Meere: Ihr Haar wurde zu Millionen von Krabben und Fischlein, ihre Gedärme zu Hummern und Kraken, ihre Sorgen zu Algen und ihre Sehnsucht wurde zu einer Sanddüne am Strand. Ihr rotes Kleid verwandelte sich schließlich in den Berg Mara in Richtung Nordpol, um die Menschen vor den eisigen Winden zu beschützen. So konnten nun all die hungrigen Inuit-Familien ihr Essen aus den üppig gefüllten Ozeanen fangen und ihre Hütten am Fuße des Berges errichten. Und deshalb ist es bei uns Brauch, dass Jäger sich nach erfolgreicher Jagd in Richtung des Mara-Bergs verneigen und jedem Seehund ein paar Tropfen Wasser ins Maul rieseln lassen, bevor sie ihn letztlich erlegen. Als Dank der Sedna, unserer Meeresgöttin.“

„Aber was ist denn aus diesem bösen Vater und dem abscheulichen Vogel geworden?“, fragt Hans.

„Der Vater und der böse Vogel wurden beide von einem Eisbären gefressen. Der Eisbär war nämlich tatsächlich der Herrscher der Region und wusste, was überall vor sich ging. Deshalb bestrafte er den Raben und den Vater.“

Tekk ist am Ende seiner Geschichte angelangt. Beide sind nun still und starren in die Ferne. Der Eisbär in seinem Gehege hat sich mittlerweile wieder in seiner Höhle versteckt. Hans sieht deshalb die Gelegenheit zum Aufbruch gekommen. Er muss Tekk aber versprechen, dass sie Knut am nächsten Tag noch einmal besuchen kommen.

7.

Tekks Abend verläuft ohne weitere Vorkommnisse. Er sitzt gerade in einem stattlichen Restaurant und ihm werden die schönsten Meeresfrüchte und das prachtvollste Fleisch aufgetischt. Kerzen erhellen den Tisch und lassen den Rotwein tiefrot und das Bier golden schimmern. Doch Tekk bringt nur zwei Bissen des Bratens herunter. Er sitzt deprimiert da und auch die vielen freundlichen Konferenzteilnehmer können ihn mit ihren Gesprächen nicht aufheitern. Ihm fehlen die richtigen Worte für die Gespräche dieser weißen Europäer, also bleibt er von den gehobenen Diskussionen über Kohlendioxidausstoß und Säuregehalt der Weltmeere ausgeschlossen. Er vermisst seine Familie, seinen Lieblingsschlittenhund, seinen Iglu und vor allem die Freiheit, die er nur in der wilden Natur spürt. Er bittet Hans, ihn zurück ins Hotel zu begleiten, während die anderen Teilnehmer Wein trinken und Stachelbeertorte essen.

Später, allein in seinem Hotelzimmer, ist Tekk etwas wohler. Er zieht sich bis auf die Unterhose aus, behält aber seine Walrossfellmütze auf, die er über alles liebt. Sie erinnert ihn an all die Abenteuer mit seinem Vater: Wie sie auf Walrossjagd gingen und wie er seinem Vater beim Häuten der Tiere mit einem bloßen Messer zusah. Er vermisst seinen Vater, obwohl er weiß, dass dieser nun tot ist und tief im Schnee neben seinem Haus vergraben nichts mehr spürt. Plötzlich kullern Tränen über seine Wange.

Er legt sich ins Bett und drückt wahllos auf der Fernbedienung herum, von einem Fernsehsender zum nächsten.

Auf einem Sender läuft eine Kochsendung, auf einem anderen eine Vorabendserie über eine schwerreiche Familie irgendwo in Europa, und auf einem dritten läuft ein Krimi mit den üblichen Verfolgungsjagden und Schießereien. Tekk sieht sich all das eine Weile an, aber weil alles auf deutsch ist, wird ihm schnell langweilig und er fühlt sich wieder einsam und allein.

Er schaltet den Fernseher aus, liegt still da und versucht, zu schlafen.

Durch die dünnen Hotelzimmerwände hindurch hört er im Zimmer nebenan die intimen Geräusche zweier Gäste, die immer lauter werden.

Er liegt also mit weit geöffneten Augen da und hört den Geräuschen zu.

Am nächsten Tag bittet Tekk Hans, wieder mit ihm in den Zoo zu gehen. Diesmal begleitet ihn Hans nur bis zum Eingangstor und erklärt, dass er ihn in drei Stunden genau hier wieder abholen kommt, weil er selbst noch auf der Konferenz zu tun hat. Tekk ist froh über diese drei Stunden allein im Zoo. Er geht direkt zum Gehege seines alten Bekannten und steht geradewegs vor dem einsamen Eisbären. Er beobachtet jede Bewegung des Tieres, hält sich aber vor dem Knut verborgen.

Heute hat sich ein Fernsehteam der BBC vor dem Gehege aufgebaut und will über den berühmten Eisbären berichten. Tekk beobachtet eine blonde Moderatorin, wie sie auf Englisch in die Kamera spricht:

„Willkommen beim BBC World Service! Ich stehe hier vor Knut, dem berühmten Eisbären des Berliner Zoos. Doch haben die Deutschen gerade allen Grund zur Sorge um den beliebten Bären. Von den Zoowärtern haben wir erfahren, dass Knut sehr zurückgezogen lebt und sich meist in seiner Höhle aufhält. Außerdem hat das Tier kaum Appetit. Eisbären essen zumeist rohes Fleisch, doch selbst das schmeckt Knut in letzter Zeit nicht mehr und er zieht der Eisbärnahrung Gemüse und gekochte Gerichte vor. Sogar Croissants und Brot, die Besucher ihm zuwerfen, verschlingt er und es scheint fast so, als ob der bekannte Fleischesser zum Vegetarier geworden wäre. In einer Woche feiert Knut zusammen mit den Tierwärtern seinen fünften Geburtstag und ich bin mir sicher, wir werden viele süße Fotos von seiner Geburtstagsfeier zu sehen bekommen …“

Im Hintergrund brummt der Bär zweimal laut in Richtung Kamera, sodass die Moderatorin es merklich mit der Angst zu tun bekommt, sich aber bald wieder im Griff hat und mit einem Lächeln im Gesicht fortfährt. Doch dann stürmen ein paar Tierschützer vor die Kamera, zücken ihre Plakate und rufen im Chor: „Käfige sind ein Verbrechen!“. Der Eisbär wird immer verstörter, bis Tekk aus dem Schatten des Baumes hervortritt, sodass Knut ihn nun sieht. Es dauert nur wenige Augenblicke, bis Knut seinen Freund erkennt und sich langsam beruhigt. Tekk singt Lieder in seiner Muttersprache und wird dabei immer lauter. Sein Gesang durchdringt den Lärm der Demonstranten und der Besuchergruppen und es scheint, als ob der Bär mit dem Gesang hin- und herwiegt. Und dann finden sich die Blicke des Bären und des Inuks wieder.

In diesem Moment bemerken die Umherstehenden, was sich zwischen dem Eisbären auf der einen, und dem Asiaten, der in seiner Fellmütze aus voller Kehle singt, auf der anderen Seite des Geheges abspielt. Knut antwortet mit einem tieftraurigen Seufzer, hebt den Kopf und streckt sich, ganz so, als ob er Tekk zunicken möchte. Plötzlich wird es still, bis auf die Hintergrundgeräusche der anderen Zootiere und des Verkehrs vor den Toren des Zoos. Tekk und der Eisbär stehen wie angewurzelt da und starren sich gegenseitig an, unter ständiger Beobachtung der Besucher und Wärter. Doch dann, als ob eine gespannte Schnur zwischen ihnen plötzlich zerreißt, überkommt den Bären eine tiefe Hoffnungslosigkeit und er kann den Blick nicht mehr erwidern. Als ob er eine schwere Masse in Bewegung setzen muss, dreht sich Knut weg und schleift seine Tatzen träge über den Boden zurück in seine Höhle. Tekk verlässt den Zoo schnell, bevor jemand Fragen stellen kann.

 

8.

Die Konferenzwoche neigt sich ihrem Höhepunkt und Ende zu: dem Morgen, an dem Tekk seine Rede hält. Hans hat ihm beim Verfassen seines Vortrags geholfen und Tekk hat ihn die letzten Tage fleißig geübt und kann ihn nun ziemlich gut vorlesen. Hier ist seine Rede:

„Sehr geehrte Teilnehmer der fünften Konferenz zur Erderwärmung,

Ich heiße Tekkeit Qaasuitsup und stamme aus einem kleinen Dorf in Grönland. Ich fühle mich geehrt, Ihnen heute die Geschichte meiner Familie und meines Volkes erzählen zu dürfen. Ich muss zugeben, dass ich leider nichts über die Erderwärmung und den Klimawandel weiß, doch ich möchte dem Veranstalter danken, dass er mich hierher nach Berlin eingeladen hat.

Hier ist meine Geschichte: Ich komme vom Stamm der Inuit. Wir sind Jäger und Sammler. Ich bin in der Tat ein Nanuk, nämlich ein guter Jäger. Nanuk hieß in meiner Sprache ursprünglich der Herrscher-Bär und in unserer Kultur ist der Eisbär der Herr aller Bären. Er allein entscheidet, ob die Jäger Bären finden und erlegen sollen, weil sie sich verdient gemacht haben; doch er nimmt auch Rache an bösen Jägern, die die Regeln der Natur missachten. Mein Vater war Bärenjäger und deshalb bin auch ich ein Bärenjäger geworden. Wir müssen unser Essen erjagen, denn in meinem Dorf gibt es keinen Laden und der nächste Supermarkt ist eine Dreitagesfahrt mit dem Hundeschlitten entfernt. Deshalb müssen wir zum Überleben fischen und jagen gehen. Doch wir hören beim Jagen stets auf den Herrscher-Bär. Bei meiner Ankunft in Deutschland war ich sehr überrascht, den Herrscher-Bär in einem Berliner Zoo eingesperrt zu sehen. Also musste ich während meines Aufenthalts jeden Tag zu ihm gehen, um ihn anzubeten, doch sein Zustand ist bedenklich. Ich hoffe, er wird mich nicht eines Tages dafür bestrafen …

…Zu guter Letzt möchte ich meinem Freund Hans hier danken. Er hat mir Benimm beigebracht und mir den europäischen „Way of Life“ gezeigt. Aber ich weiß nicht so recht, ob ich wie Hans Vegetarier werden soll, denn wenn wir nur das gute Fleisch der Meere essen und nur so viel, wie wir brauchen, dann müssen wir ja nicht ganz auf Fleisch verzichten. Wir können ja sowieso keine drei Seehunde in der Woche verputzen, sondern sind auf das beschränkt, was wir zum Leben brauchen. Ich verstehe deshalb echt nicht, warum es hier in den Supermärkten so viel Essen zu kaufen gibt! Was passiert denn damit, wenn das am Ende des Tages nicht alles verkauft wird? Wird das weggeschmissen oder vergammelt es sogar? Jedenfalls ist mir schon klar, dass es in Großstädten mehr Auswahl gibt, aber mir ist mein Heimatdorf lieber und ich habe schon sehr Heimweh. Ich freue mich darauf, sobald wie möglich heimzufliegen. Das war’s. Bitte entschuldigen Sie mein schlechtes Englisch aber vielen Dank fürs Zuhören.“

Tekks Rede wird mit tosendem Applaus belohnt und alle sind sich einig, dass er der charmanteste Gastredner der Konferenz ist. Seine neuen Fans bitten ihn sofort um ein Foto. Schon wenige Augenblicke später tritt ein Mann im Anzug an Tekk heran und stellt sich als Werner Vidoni vor, der Leiter des Berliner Zoos, der sich auf Tierverhalten spezialisiert hat.

„Was willst du denn von mir?“, fragt Tekk etwas überrascht.

„Oh, ich brauche Ihre Hilfe, Tekk, falls ich Sie so direkt bitten darf“, erklärt Vidoni.

„Warum denn meine Hilfe?“

„Sie haben unseren Eisbären im Zoo ja bereits kennengelernt und Sie wissen sicherlich auch, wie viel er der Stadt bedeutet. Mir ist aufgefallen, dass Sie ein sehr gutes Verhältnis zu Knut haben — ich habe neulich gesehen, wie Sie ihn beruhigt haben.“

„Ja, ich kenne Knut gut“, antwortet Tekk etwas geheimnisvoll.

„Knut wurde im Zoo geboren und seine Mutter starb kurz nach seiner Geburt. Seither fristet er ein ziemlich einsames Eisbärdasein. In den letzten Monaten hat er sich aber immer mehr zurückgezogen und isst auch kaum noch. Wir machen uns große Sorgen um seine Gesundheit. Da Sie ja aus Grönland stammen, der Heimat der Eisbären, habe ich mich gefragt, ob Sie vielleicht eine Idee haben, was wir für Knut tun können. Und wenn Sie möchten, können Sie zusammen mit unseren Wärtern Knut aus der Nähe sehen. Wir würden Ihre Meinung über seine Ernährung und sein Verhalten wirklich sehr zu schätzen wissen.“

Diese Bitte kommt für Tekk etwas überraschend. Ihm fehlen die Worte und er kann nur aufrichtig nicken.

„Tekk ist ganz in Knut verschossen. Ich bin mir sicher, er würde sich über die Gelegenheit freuen, ihn aus nächster Nähe sehen zu können“, springt Hans für ihn ein.

Am nächsten Tag wird Tekk von dem Zoodirektor von seinem Hotel abgeholt. Auf dem Weg zum Zoo werden sie von zwei Dokumentarfilmern mit Kameras und Tonaufnahmegeräten begleitet. Sie wollen eine Realityshow über einen echten Inuken drehen, der den Berliner Eisbären dressiert. Sie sind sich einig, dass die deutschen Fernsehzuschauer davon ganz hin und weg sein werden. Die Gruppe wird begeistert von den Zoowärtern in Empfang genommen. Bevor Tekk durch die Hintertür in Knuts Gehege tritt, kniet er mit dem Gesicht in Richtung Bärenhöhle nieder und betet leise. Als er das Ritual beendet, klopft er sich den Staub von der Hose und sagt: „Jetzt können wir hineingehen.“

Der Zoodirektor fragt neugierig nach Tekks Brauch: „Tekk, an was glauben Sie denn?“

Der junge Inuk antwortet mit einem alten Inuit Sprichwort: „Wir glauben nicht, wir haben Ehrfurcht.“

„Ehrfurcht vor Gott?“, fragt der Zoodirektor. „Haben Sie denn denselben Gott wie wir hier in Europa?“

„Gott? Gott ist in allen Dingen. Er ist in Seehunden, in Walrossen, in Fischen und auch in Eisbären.“

„Also haben Sie auch eine gewisse Furcht vor diesen Göttern? Ich meine, wenn Sie nicht an sie glauben würden, hätten Sie auch keine Angst vor ihnen …“

„Glaube ist bei uns nicht wichtig, aber die Ehrfurcht schützt uns. Wir haben Ehrfurcht vor der Natur“, antwortet Tekk.

Der Dokumentarfilmer nimmt Tekks Rede auf und seine geheimnisvolle Antwort gibt den Berliner Medien bald Rätsel auf und macht den weisen Inuit schon fast so berühmt wie Knut. Tekks Foto erscheint kurz darauf in der BILD und in der TAZ, neben einem Bild Knuts und der Überschrift: WIR GLAUBEN NICHT, WIR HABEN EHRFURCHT.

Tekk verbringt den Tag zusammen mit Tierverhaltensforschern im Eisbärengehege. Er erzählt dem Zoodirektor alles, was er von seinem Vater über Eisbären gelernt hat. „Weißt du, der Eisbär ist ein toller Langstreckenschwimmer. Aber hier im Zoo kann er nirgendshin schwimmen und sich so nicht richtig austoben.“ Vidoni nickt. Er kennt das Problem gut aber weiß nicht, was er an Knuts Lebensraum ändern könnte.

9.

„Wir können Knut nicht einfach wieder auswildern, denn er wurde in Gefangenschaft geboren und hat noch nie außerhalb des Zoos gelebt. Er weiß ja noch nicht einmal, wie er sein Futter jagen soll. Er würde in freier Wildbahn schlicht umkommen“, erklärt der Zoodirektor.

Tekk weiß keinen weiteren Rat. Bevor er den Zoo verlässt, schlägt er noch vor: „Knut braucht einen Freund, einen Freund seiner Art, mit dem er leben kann.“

„Ja, das haben wir uns auch schon gedacht“, sagt Vidoni. „Deshalb haben wir uns entschlossen, 500 000 Euro an Spenden aufzutreiben, um einen zweiten Eisbären zu kaufen, ein Weibchen aus Norwegen, mit der Knut eine Familie gründen kann. Einen Teil des Geldes haben wir schon und wir bekommen bestimmt genug für ein Fräulein Knut zusammen.“

Doch nur der junge Inuk weiß schon jetzt, dass die Tage seines Freundes im Gehege bereits gezählt sind. Der Eisbär ist kurzatmig und hat in den letzten Tagen nicht einmal die Hälfte seiner Tagesration gefressen. Er ist am Ende seiner Kräfte und schafft es nicht einmal mehr, aus der Höhle heraus vor die Besucher treten.

Am nächsten Tag bringt Hans Tekk mit seinem orangen Koffer zum Flughafen. Dort sehen sie, wie hunderttausende Flugreisende sich vor die Fernsehbildschirme in der Abflughalle drängen, weil alle die Nachricht aus dem Berliner Zoo sehen wollen: Knut ist tot. Er ist einer geheimnisvollen Krankheit erlegen, anscheinend einem Tumor im Herzen. Tekk und Hans bleiben beide wie gebannt vor den Nachrichten auf dem Bildschirm stehen. Es wird berichtet, dass Knuts plötzlicher Tod international für Aufruhr und Beileid gesorgt hat. Hunderte Fans sind zum Zoo gepilgert, um Blumen am Gehege niederzulegen. Herr Herzog, der Bürgermeister Berlins, spricht nun in die Kamera: „Wir haben ihn alle tief ins Herz geschlossen. Er war der Star der Stadt, doch er wird in unseren Herzen weiterleben. Wir werden ein Denkmal für kommende Generationen errichten, um an dieses einmalige Tier zu erinnern.“ Es wird außerdem berichtet, dass Knuts Überreste eventuell ausgestopft und im Naturkundemuseum ausgestellt werden sollen. Der Bericht endet mit Kindern, die dem Eisbären ein Lied singen: „Knut der Träumer, lebt für immer weiter.“

Nun allein im Flugzeug beobachtet Tekk, wie die Wolken draußen vorbeischweben. Die Szenen der letzten Tage lässt er wie einen Film vor seinem inneren Auge Revue passieren. Er schläft im Flugzeug auf seinem Weg gen Norden ein. Im Schlaf hat er wieder denselben Traum, wie in seiner ersten Nacht in Deutschland. Er schwimmt mit einem jungen Eisbären im arktischen Meer. Doch der Bär ist ein so guter Schwimmer, dass er Tekk bald weit hinter sich zurücklässt. Schon bald ist von dem Bären nur noch ein kleiner Kopf zu sehen, der sich im Seegang auf und ab bewegt und sich dann allmählich nicht mehr von der grauen Meeresoberfläche und dem trüben Himmel abzeichnet. Tekk sucht den Horizont ab in der Hoffnung, einen Blick auf den Bären zu erhaschen, doch vergebens. Er ist allein im weiten Meer. Dann verändert sich der nördliche Himmel plötzlich. Das Licht und die Wolken winden sich zu einem Lächeln und ein schmunzelndes Eisbärgesicht schwebt über ihm in den letzten Sonnenstrahlen des Tages, die den grauen Wogen einen weißen Schimmer verleihen.

 

NACHSPIEL

Ein mächtiger Eisberg treibt im Meer. Wärest du ein Vogel oder ein Fisch und folgtest du dem Eisberg eine lange Weile, so würde er dich nach Grönland führen. Dort sähest du vielleicht eine tote Möwe, die erfroren im Schnee, oder das Skelett eines großen, nun seltenen Moschusochsen, das verwittert an einem Abhang liegt. Oder du träfest auf diese Inuit-Familie in ihrem kleinen Schneehaus, wo unsere Geschichte weitergeht.

Womit beschäftigt sich so eine Inuit-Familie denn? Alle sitzen beieinander, wie viele Familien es tun, und kümmern sich um den Haushalt. Die Mutter kocht, ihre drei Söhne füttern die Hunde und helfen der Mutter ab und an, das Essen zuzubereiten. Der Vater starb vor langer Zeit; er kam beim Jagen in einem Schneesturm ums Leben. Der jüngste Sohn, das „kluge Kerlchen“, ist gerade von einem Abenteuer zurückgekommen und erzählt nun seiner Familie davon:

„… und ich hab dann den Deutschen erklärt, dass bei uns aput der Schnee am Boden ist; dass qana fallender Schnee ist, pigsipord Schneewehen, mentlana rosa Schnee und suletlana grüner Schnee. Und dass kiln Schnee ist, an den man sich erinnern kann, und naklin Schnee, den man vergessen hat, und so weiter. Die Deutschen fanden das sehr interessant und haben mich gefragt, was „erinnerter“ Schnee ist und was denn „vergessener“ Schnee sein soll. Da hab ich ihnen erklärt, dass man sich ja nicht an jeden Schnee erinnern kann, den man sieht und dass man sich im Leben eigentlich nur an bestimmten Schnee erinnert. Zum Beispiel werde ich den Schnee, der auf unseren toten Vater gefallen ist — motela — nie vergessen…”

 

Der Inselwärter

Erzähl es den Bienen. Australisches Journal 16

Meine Angst vor der Tiefe des jenseits des Riffs rapide in die Unterwassernacht absinkenden Meeresbodens, vor einer Begegnung mit einer Muräne, eine Angst, die so alt ist wie meine Gedanken, mit einem Hai, einer Seespinne, einem Schwarm giftiger Quallen, die meterlange Nesselhakenfäden hinter sich herziehen, oder mit einem Zackenbarsch, meine Angst, dass mich im Wasser Panik packen könnte, ist zu groß, als dass ich wie der Rest der Gruppe da schwimmen und schnorcheln gehen könnte. Ich blicke auf das Wasser. Ich tauche nicht, nur meine Augen tauchen. Suppenschildkröte
Eine hell türkisgrüne Meeresschildkröte gaukelt vorüber. Ein so großer und so leuchtend roter, fast kreisrunder und schwarz gebänderter Fisch schwimmt so nah neben dem Boot her, dass ich staunend erstarre. Und mehrere nicht sehr, aber ausreichend große, hellbraune Haie kreisen wie geduckt umher, sodass sich ein Schwarm Füsilierfische vor ihren platten Schnauzen teilt und in zwei Richtungen davonschwirrt wie Finken vor einem Bussard.
Als die Taucher an Bord zurückgekehrt sind, posten einige ihre soeben unter Wasser geknipsten Bilder auf Facebook oder sonstwo, während ich hinüberblicke zur Mangroveninsel Woody Island, die zu betreten nicht nur verboten, sondern wohl auch unmöglich ist. Mich jedenfalls ließe die Furcht vor den dort im Salzschlamm zwischen den Wasserbäumen worauf auch immer wartenden Geschöpfen mit Sicherheit nicht sehr lange überleben.
Auf Low Island gibt es einen Leuchtturm, der im 19. Jahrhundert aus Schottland importiert wurde, ja vielleicht ist er das Werk von einem der Verwandten von Robert Louis Stevenson, die zu den führenden schottischen Leuchtturmkonstrukteuren zählen.
Bell Rock-Leuchtturm vor Arbroath Das Eiland, auf dem der schottische Leuchtturm steht, ist so winzig, das ich nach einem zehnminütigen Strandspaziergang an derselben unverändert im Sand hockenden Möwe vorbeikomme und sie mich fragend anblickt.
Ein Museum, das kaum größer ist als ein Fahrradschuppen, widmet sich der Geschichte von Low Island, der ersten Insel des Great Barrier Reef, die sich allein durch Wind und Sonne mit Strom versorgt. Es gibt allerdings nur einen einzigen Bewohner.
Und nicht immer ist er derselbe. Der Inselwärter, der Caretaker, wechselt alle drei Wochen, es gibt die Low Isles Preservation Society LIPS, die den ehrenamtlichen Posten vergibt. Die „Sailaway IV“, ein Segelkatamaran, dessen Dieselmotor nur in Küstennähe zum Einsatz kommt, bringt auch den Caretaker der vergangenen Wochen zurück nach Port Douglas: eine ältere, stämmige Dame, die von der Zusammenarbeit zwischen LIPS und den lokalen Aborigines erzählt. Low Isles
Der Skipper der „Sailaway“ erinnert sich an einen Inselwärter zu der Zeit, als er selbst ein Junge war. 1972 fuhr der Mann mit seinen beiden Söhnen in einem Dingi zur Insel hinaus, um sie vor einem aufziehenden Sturm zu sichern, und keiner der drei wurde je wiedergesehen.
Der Einzige, der dieser Erzählung erschüttert folgt, bin ich. Schließlich ist Australien der Kontinent des Verschwindens, ja ist das so sehr, dass man sich fragen muss, ob Australien als Ganzes nicht irgendwann mir nichts, dir nichts vom Erdboden verschwunden sein wird.
Denn hier verschwindet alles. Reihenweise gehen Leute im Outback verloren. Landstriche verbrennen. Ein Wirbelsturm vernichtet eine Zuckerrohrernte. Ein Premierminister versinkt in einem Kelpalgenwald. Tierarten sterben, wie es scheint, über Nacht aus. Ein Fluss vertrocknet. Man rodet Wälder, in denen seit Jahrtausenden Koalabären lebten und Fledermäuse, die es kaum sonstwo gibt auf der ganzen bedrohten fledermauslosen Welt.
Wallaby Alles ist von bedrohter Art, alles bedroht, Mangroven, Schnabeltiere, Dingos, Pagageien, die nur noch im Zoo leben. Touristenausflugslokale halten in Vitrinen Pythons und in stacheldrahtgesicherten Käfigen Wallabys mit so traurigen Augen, das man erschüttert ins Knie bricht. Niemand weiß, ob es den Tasmanischen Beutelwolf noch gibt. Man sucht nach ihm, aber gefunden wurde er auch nach Jahrzehnten nicht.
Lagunen werden zu Bahnhöfen, Dürren verheeren eine Region, die so groß ist wie das große Polen. Die Ureinwohner Tasmaniens wurden ausgelöscht bis auf eine Frau und einen Mann. Und ein anderer, einer, der eine Koralleninsel in seiner Obhut hat, fährt mit seinen Söhnen in einem kleinen Motorboot aufs Meer hinaus.
Er fährt und fährt und fährt und fährt und merkt dabei gar nicht, dass er und die zwei Jungs längst gestorben sind.

Fotos: Suppenschildkröte (1), von Robert Louis Stevensons Großvater erbauter Leuchtturm vor dem schottischen Arbroath (2), die Low Isles im Great Barrier Reef: Woody Island, links, und Low Island, rechts (3), Wallaby (4)

Plastikmeer

Das schmale Wasserband, das unter
Falschen Akazien und Eschen hindurch,
zumeist aber älteren Birken, in denen Enten
und stumm davonstürzende Blässhühner leben,
riechend nach dem Morast der stillen alten Wälder
von Stormarn und Holstein, hinunter nach
Hamburg geflossen kommt, das trägt
den Namen Alster und ist und war
immer Fluss. Zu den zwei Seen
in der Mitte der großen Hansestadt
wurde er erst, als ein Müller auf Geheiß des
vom Kreuzzug ins Heilige Land zurückgekehrten
Adolf III. das Flüsschen aufstaute mit dicken Dämmen,
die sogar den Elbestrom zum Erliegen gebracht
hätten. Da wuchs dann wohl ein Nordmeer
inmitten der hölzernen Stadt, das ganze
Holsteiner Wasser der Wöddelbek,
Rönne, Wischbeck und Lankau,
von Sielbek und Tangstedter
Mühlenbach floss und
floss nicht ab, blieb
nicht nur stehen, das
unbarmherzig nach- und
immer noch nachströmende
Element wurde binnen Wochen
heillos-unaufhaltsam größer und
breiter, bis erst die Außen-, dann die
Binnenalster (abgetrennt erst viel später)
zwei heute türkisgrüne und morgen türkisblaue,
fast immer aber von Westwinden aufgeraute
Seen wurden, von dichten Röhrichtgürteln
eingefasst und von den Leuten geliebt
schon länger als seit achthundert Jahren.

Die Alsterseen

So schlängelt sie dahin, die dunkel funkelnde
Wassernatter, vorbei an Sträuchern, an Büschen
und Wegen, in das rotastige Uferdickicht. Und
ist vollkommen lautlos. Ein Geriesel, leise
rollendes Zischeln ist schwach zu hören,
wenn sie Holz im Maul hat, am Grund
Steine, mitgeschwemmte Styroporplatten
von einer Baustelle irgendwo oder ein
schütteres Brombeergestrüpp, das
ihr im Weg war und sie kurz mal
mit sich reißt, als würd da die
Winteralster sagen, dass ja keiner
sterben muss, der spielen kann. Schwarz
und einen halben Mann höher ist sie
während einer Überschwemmung.
An den Weihnachtsfeiertagen 2014
ergossen sich nach wochenlangem
Starkregen über der Feldmark und
den letzten Fetzen von Laubwald
zwischen Kaltenkirchen, Bad
Oldesloe und Duvenstedt
die sonst so idyllisch anmutenden
Alsternebenflüsse mit kaum je gekannter
Macht in den Fluss und verwandelten ihn binnen
Stunden in ein unabschätzbares Strömen, das
Sandsackbarrikaden notwendig machte zum
Schutz der Reihenhaussiedlungen und
zahllose Schaulustige auf die nicht länger
an Ort und Stelle befindlichen Alsterlaufufer
schwemmte ganz wie, Zyniker sagten: Treibholz.

Die schwarze Welt

Die Wucht von mehr als dreihundert übereinander-
gestellten Tanklastwagen hatte ein jeder der bedrohlich
stumm sich vorüberwälzenden schwarzen Wassermeter, so
errechnete es irgendein Mensch. Auen, Spielplätze,
Ufergehölze, die Wege und viele Straßen,
auch Brücken, Grundstücke, Stege,
ein großer Schuppen am Fuß des
Bahndamms für weiß Gott was
für lang vergessenen Schrott
gingen unter und versanken
für Tage und für Wochen.
Kinder fragten, ob das
Wasser denn jetzt so
bliebe, so hoch, so dunkel
und so, so böse. Ja, sagte ich
zu einem kleinen Mädchen
mit einer Augenklappe,
so wird es von nun
an wohl immer
bleiben. Tja.
Die Welt, sie
wird schwarz.
Und der Nachbar,
der mit seiner bei ihm
untergehakten Gattin und dem
unsichtbaren Hund auf eine Alster-
biegung blickte, wo sonst der Fluss um
die Kurve kam und sein goldbraunes Funkeln
ans Ufer schleuderte, er beäugte die albtraumhafte
Wasserunermesslichkeit und sagte tonlos, nie
in seinem Leben, seit er hier als Schüler
Boote habe segeln lassen, sei ihm
Derartiges an der Alster untergekommen,
nie habe es das schon mal gegeben, nicht mal im
Traum, wo alles möglich sei, sei das möglich gewesen.
Schnell, dass die hin und her flitzenden Pupillen
ihm gar nicht folgen konnten, rollte der Fluss
unter der Fuhlsbütteler Eisenbahnbrücke
hindurch südwärts auf die Freie und
Hansestadt zu. Drei Plastikkanister
sah ich und stellte mir ein Floß vor, das
sich damit bauen ließe. Hochwasser, sagte
der verdutzte Nachbar. Überschwemmungen.
Die habe es ja immer gegeben, ob sommers,
winters, im Herbst oder in Sonderheit im
Frühling, sobald die Schneeschmelze
Stormarn heimsuche. Jedoch das hier,
diese schwarzen Wassermassen,
so einen Schmodderpark,
nie, wirklich, nein.

Der Alsterlauf

Vorbei am Rödingsmarkt
und an der Herrlichkeit fließt die
in steinerne Böschungen gezwängte
Alster und mündet zwischen Hamburger
Neustadt und dem Portugiesenviertel
in die Elbe. Sechs Stunden, und
Dampfer, Frachtschiffe und Tanker
erreichen auf dem tief ausgebaggerten
Strom die See. Die drei Kanister, ein Floß,
das nie gebaut werden wird, da ich weder
ein Tom Sawyer bin noch ein Huckle-
berry Finn und mein liebster Fluss
nicht der Mississippi ist, sondern ein
Flüsschen, an dem ich oft stehen bleibe,
um aufs Wasser zu blicken und nachzudenken
über den Sinn von Gedichten, diese drei erbarmungs-
würdigen leeren Plastikbehälter treiben für
Wochen von der Eisenbahnbrücke bis
ins brackige Elbwasser zwischen
St. Pauli, Finkenwerder und
Glückstadt. Ihr Plastik, gegossen,
geformt, ausgestanzt und verleimt etwa in
einer Fabrik in Hangzhou, ehe es mit Millionen
baugleicher milchweißer Kanister an Bord eines
Containergiganten nach Hamburg verschifft wurde,
benötigt, ohne zerrieben zu werden, an die 850 Jahre,
bis es sich zersetzt und von der Erdoberfläche verschwindet,
so lange, wie mitten in Hamburg jetzt schon die beiden
Alsterseen liegen. Obgleich für Plastik wohl
dasselbe gilt wie für die Seele. Ein
endgültiges Verschwinden,
nein, das gibt es nie.

Plastikmeer5

Arne Rautenberg aus Kiel
verwandelt mit einem Gedicht
in seinem Band „Seltene Erden“
die Plastikverseuchung der Meere
in Kunst, und zwar in seine, wofür
er sich bedankt (bei den Gezeiten, der
Wellenbewegung und dem UV-Licht, aber
auch bei Plankton und den großen Meeres-
wirbeln), dafür, ein Künstler zu sein, der alle
Kontinente umspielen dürfe. Es lebe die Kunst.
Es lebe die einzig ewigbeglückende künstlerische
Freiheit! Das heißt auch, alles will Kunst sein,
so wie alles, was irgend lebt, frei ist. Plastik
war im Jahr 1800 für Friedrich von Hardenberg, der
sich Novalis nannte, der Neuland Rodende, ein Begriff
der Ästhetik, als er schrieb, Musik, Plastik und Poesie
seien unzertrennliche Elemente, seien in jedem freien
Kunstwesen zusammen und nur nach Beschaffenheit
in verschiedenen Verhältnissen vereinigt.
Novalis fasste diesen Gedanken
im Burgenländischen, in Weißenfels
an der Saale, die mit der Mulde, der Müglitz
und der Vereinigten Weißeritz ein Flussland bildet,
das er liebte und wo er sein ganzes Leben verbrachte.
Alle vier Flüsse münden in den Elbestrom, und so,
bei Barby, auch die Saale, in der Novalis
als Junge schwimmen ging, nackt
und oft bis tief in die Nacht.

Plastikmeer4

Zeitlebens hat Hardenberg
kein einziges Mal etwas aus Kunststoff
in Händen gehalten. Kein Wunder! Es gab ja
nichts aus Plastik, nicht den Haarreif eines winzig-
kleinen Püppchens, nirgendwo auf der vom Rauschen
der nicht enden wollenden Wälder, der Stille, dem Schallen
der Glocken und dem Gestank der Kloaken geprägten
ganzen alten Welt. Joghurtbecher, Becherdeckel,
Uhren, Folien, Einkaufsbeutel, Tüten in allen
Farben, Größen und Formen, Spielzeug
in allen Formen, Größen und Farben,
Feuerzeuge, Diskettenhüllen, Stifte,
Automatten, Einmalrasierer, Radkappen,
Kämme, Klammern, Kugelschreiberhüllen und
Hüllen für Hüllen, Flaschen, Flaschenverschlüsse,
Auto-, Traktoren-, Lastwagen- und Mähdrescherreifen,
Näpfe, Teller, Bestecke, Brottüten und Kartenhüllen,
Kartenhüllenhüllen, Spiegelrahmenhüllen, Kanister,
Wegwerfstühle, Wegwerfschalen, Wegwerftische,
Stecker, Steckdosen, Wegwerfsteckdosenleisten,
Brillen, endlose Strecken an Kabeln, Kabeln,
in Taschen, in Säcken und Beuteln, gefüllt
in Wegwerfhüllen, Wegwerfhüllenkästen,
nichts, gar nichts, nicht das kleinste Teil
davon gab es auf der noch unzerstörten,
unverhüllten, unverkabelten stillen Welt,
als Novalis in der Saale schwamm und
nicht über Fettverbrennung, Muskel-
aufbau oder Bruststraffung nachdachte,
sondern vielleicht darüber, ob der Busen wohl
die in Geheimnisstand erhobene Brust sein könnte
und die Physik nichts als die Lehre von der Phantasie.

Kupferstich Alsleben an der Saale

Zum Großteil verschwindet der von der Elbe in die Nordsee
gewälzte Plastikmüll dort in den dunklen Abgründen
des Meers. In Sedimenten des lange verheerten
Grundes finden sich in unfassbaren Mengen
winzigste Mikroplastikteile, eine Anzahl meist
faserförmiger Partikel, die, laut dem Fachblatt
„Open Science“ der britischen Royal Society,
um das Zehntausendfache höher liegt als die jener
größeren Plastikbruchstücke, die in stark verschmutzten
Wasserwirbeln dahintreiben und sich zu wahrhaften
Müllkontinenten, größer als Mitteleuropa,
zusammengebacken haben. Wäre jeder
Quadratkilometer des Meeresbodens
ein See, so wären sie alle, diese Seen,
verstopft, ja man möchte sagen: zugekackt
mit Billiarden Plastikfasern bis hinauf
in die höchsten Uferbaumwipfel.

Plastikmeer2

Überall auf der Erde, ob am Nordpol,
im Schwarzen, Roten oder Toten Meer,
in der Karibik oder Antarktis, kein größeres
Gewässer, keine Küste und kein Strand ohne
Plastikrückstände, schreiben Forscher in London
um Lucy Woodall vom Natural History Museum,
vor dessen Lärmschutzfensterfronten fischleer,
begradigt und verpestet die Themse schwappt.
In den sieben Weltmeeren schwimmen nach
Berechnungen beinahe zweihundertsiebzig-
tausend Tonnen Plastikmüll, eine horrende
Zahl, die jedoch nachgerade absurd, weil
rätselhaft gering ist, vergleicht man damit
die galaktische Menge an Kunststoffmüll,
die wir alle tatsächlich ins Meer verklappen,
nämlich geschätzte sechseinhalb Millionen
Tonnen, denn das wahre Gewicht
des Pfropfes, mit dem wir
die Welt verstopfen,
wer will es auch berechnen.
Wo ist er hin, der ganze Wohl-
standsdreck, muss man sich fragen.
Bloß ein kleiner Teil des Mülls scheint
in Form sichtbarer Partikel an der Wasser-
oberfläche zu schwimmen. Größere brechen
im Gang der Wellen entzwei, werden zerrieben,
zerschreddert, unter anderem durch UV-Licht,
zu Winzigteilchen, die kaum auszumachen sind.
Lagern sich Algen oder andere Kleinlebewesen
auf ihnen ab, so gehen sie unter und sinken
nicht anders als Schiffe, Flugzeuge oder ein
Toter ins Dunkel hinunter auf den Grund.

Plastikmeer1

Lucy Woodalls Team analysierte zwölf
Sedimentproben vom Meeresboden, die
während Forschungsfahrten im Mittelmeer,
im südwestlichen Indischen Ozean, aber
auch im Nordostatlantik zwölf Jahre lang
bis 2012 genommen worden sind. Auch
vier Korallenproben wurden unterm
Mikroskop und im Infrarot-Spektro-
meter untersucht. In allen Sediment-
proben fanden sich Mikroplastikpartikel,
meist faserförmig und gewöhnlich zwei
bis drei Millimeter lang, oft aber unter
bloß einem Zehntelmillimeter breit.
Die Proben enthielten im Durch-
schnitt dreizehneinhalb Teilchen
in je fünfzig Millilitern Flüssigkeit.
Mehr als die Hälfte der Partikel war
aus Viskose, was kein Plastik, sondern
eine Kunstfaser ist auf Zellulosebasis, die
in Zigarettenfiltern und zunehmend Kleidung
Verwendung findet. Fische, Rochen, Haie, Wale
und Schildkröten haben keine Verwendung dafür,
für sie ist Viskose Gift, an dem sie zugrunde gehen
wie jeder, der nichts als Plastikfraß mehr für sich findet.
Das zweithäufigste in allen Meereslebewesen überall
auf dem Globus gefundene Material war Polyester,
ja, man kann wohl von Polyesterfischen reden,
Polyesterwasserschlangen, Polyesteroktopussen.
Und vielleicht spricht man, werden die Teilchen
erst kleiner und kleiner und kleiner zerrieben,
bis sie mit Meerwasserdampf kondensieren
und aufsteigen in die Luft, von Gewölk aus
Polyester oder Viskose, den Kunststoffwolken.
Der geringen Probenanzahl wegen seien Vergleiche
von Häufigkeit und Zusammensetzung der Sedimente
unmöglich. Faserförmige Winzigstpartikel aber kommen
anscheinend überall in der Tiefsee vor, in Sedimenten
wohl zehntausend Mal häufiger als in kontaminierten
Meereswirbeln. Laut Hochrechnungen enthält allein
ein Quadratkilometer Sediment der Tiefseegebirge
im Indischen Ozean rund vier Billiarden Plastik-
fasern. Und Untersuchungen der Tiefseetäler,
die Senke für den Plastikmüll der ganzen Welt,
gibt es noch nicht. Dort herrscht die finsterste Nacht.
Lichtlos ist es und sternenleer. Nichts funkelt. Dennoch
atmet selbst da die Riesenwelt der rastlosen Gestirne,
die im blauen Ozean des Himmels schwimmen.

*

Fotos: Binnen- und Außenalster(seen) in Hamburg (1), ein schwarzer Schwan in einer Augenklappenwelt, die Alster in Hamburg-Klein Borstel (3), die Plastikverseuchung der Meere und Küsten (4, 5, 7, 8), Kupferstich von Alsleben an der Saale aus dem 18. Jahrhundert, wie Novalis in seiner Kindheit Stadt und Fluss kannte (6).

An der Chowder Bay

Erzähl es den Bienen. Australisches Journal 13

Das Institut für Meereswissenschaften von Sydney ist eine multi-institutionelle Vereinigung verschiedenartiger Ozean- und Klimaforschungszweige. Seinen Sitz hat das SIMS an der idylisch gelegenen Chowder Bay, man blickt über das Meer, in den Himmel und die Küste entlang, die noch nicht subtropisch ist, aber bereits eine Ahnung davon vermittelt, wie sie sich in Richtung Norden rasch verwandelt.
Die wissenschaftlichen Dozentinnen referieren das Tang- und Kelpwaldsterben vor den süd- und ostaustralischen Küsten, für das die Erwärmung und Übersäuerung der Ozeane sowie deren steigende Wasserpegel verantwortlich sind und das im Zusammenhang steht mit dem Niedergang der Korallenriffe, insbesondere mit der voranschreitenden Verheerung des Great Barrier Reef, das vielerorts nur mehr aus bleichen und leblosen Skeletten bestehe, untrügliches Zeichen für Abwanderung oder Auslöschung von Mikroalgen, die in zu warmem Wasser nicht überleben können, auf die die Korallen jedoch angewiesen sind.
„We lost the kelp forests“ – eine Formulierung, bei der ich gern zurückgefragt hätte, wer mit diesem Wir gemeint sei.
Um etwas zu verlieren, muss man es doch wohl zunächst besitzen, hätte ich gern eingeworfen. Noch nicht mal „We destroyed the kelp forests“ kann man sagen, auch wenn es sachlich gesehen richtig ist. Denn welchem Zweck sollte die anklagende Feststellung dienen, wen solte sie nachdenklich machen, wen umstimmen oder wachrütteln? Die überwältigende und viele Leute schlichtweg verschreckende Komplexität des Themas verlangt einen so fundierten und integren Umgang mit der Vermittlung des Forschungsstandes, wie er in der Sammlung und Einschätzung der sogenannten Fakten nicht nur üblich ist, sondern integraler Bestandteil des Berufsethos.
Die Chowder Bay in Sydney mit dem SIMS Das hätte ich gern gesagt. Doch es war nur wenig Zeit – Zweifel, Einwände, ein Hinterfragen und Vertiefen ist in der Klimawandeldebatte nur selten vorgesehen. Das meiste des Vermittelten dümpelt dahin an der Oberfläche, noch immer scheint die Forschung die Leute ganz einfach für zu dumm zu halten. Im SIMS wurden wenige, dafür schwer beeindruckende Fotos von Kelpalgenwäldern gezeigt, die unter Wasser eine Höhe von bis zu sechzig Metern erreichen würden oder früher erreicht hätten. Unzählige, nicht selten noch gar nicht bekannte Lebensformen beherbergten sie, und Strömungen herrschten dort, dass man von Unterwasserstürmen sprechen könne. Neuartige Wellenkraftwerke wurden vorgestellt, Algenzucht an Land in riesigen Behälterfeldern. Ich hätte gern die Angst nicht unerwähnt gelassen, die Wellenangst, die Algenangst, die Angst, beim Schwimmen im Meer in einen Tangwald hineinzugeraten und sich darin für immer zu verlieren.
„Sehen Sie noch Grund zu Optimismus?“ Die Meeresbiologin lächelt auf diese Frage hin. „Nein“, sagt sie ernst. Sie ist Spanierin, aus Barcelona, und ihr Ernst wirkt gefährlich, er funkelt ihr in den dunklen Augen.
„Nein, dafür ist zu vieles verloren gegangen. Aber es wäre schlimm, würde ich in meiner Arbeit keinen Sinn mehr sehen und die Freude daran verlieren. Also mache ich mit Freuden weiter und versuche mir den Sinn zu erhalten. Man darf nicht aufstecken.“

Gib nicht auf. Erzähl es den Bienen.

Beim Mittagessen in einem Surfer-Bistro über der Chowder Bay sitzt in einiger Entfernung ein Kookaburra auf dem Geländer. Der große ockerbraune Vogel hat einen fast viereckig anmutenden Kopf mit wachen Augen und kräftigem Schnabel. Ein markerschütterndes Schreien lässt er ab und zu hören, dieser „Jägerliest“ oder „Lachende Hans“, wie er in Deutschland heißt, wo er allenfalls den Eisvogel als Verwandten hätte, wäre der dort nicht so gut wie ausgerottet. Kookaburras in Sydney Dieser Kookaburra ist alles andere als fast ausgestorben. Er ruft sechs, sieben Mal, schon erscheinen sechs, sieben seiner Artgenossen, denen das Wasser aus dem Schnabel läuft, und lassen sich nieder auf dem gedeckten Geländer, gefolgt von ein paar versprengten, eingeschüchterten, für mein Verständnis jedoch riesigen Elstern.
Es dauert nicht lang, da haben die geflügelten Hooligans einen solchen Lärm auf der Terrasse veranstaltet, dass an ein ruhiges Mittagessen nicht mehr zu denken ist. Die Kookaburras fliegen Sturzflüge über dem Restetisch. „Bullshit!“ nannte Australiens großohriger Premier unlängst den Klimawandel. Tony Abbott hat auffallende Ähnlichkeit mit einem Kookaburra. Emily „Bullshit!“ flucht auch der Melbourner Dichter Tony Birch, als ihm einer der Vögel ein großes Stück Salamipizza aus der Hand reißt und es sich noch in der Luft einverleibt. Die Elstern applaudieren schackernd. Die Natur ist ein Tollhaus, so ein Tollhaus soll meine Dichtung sein – hat das nicht Emily Dickinson geschrieben? Sie hätte Australien nie wieder verlassen.

Fotos: Chowder Bay, Sydney, mit dem SIMS (1), Kookaburras in Sydney (2), Emily Dickinson, um 1855 in Amherst, Massachusetts (3)