Vom Zähmen der Erde

Erzähl es den Bienen. Australisches Journal 20

Wie es sein mag, im Mallee zu leben, kann ich mir nicht vorstellen. Die Menschen aus dem Mallee reden nicht viel, aber wenn, reden sie auf die eine oder andere Weise stets vom Wasser.
Der Murray Da wodah. Noch seltsamer, noch prononcierter als oben an der Küste von Queensland klingt es in den beiden einzigen Städten im Mallee, in Snow Hill und Mildura sowie in den weit verstreuten kleineren Ortschaften wie dem zu einiger Bekanntheit gelangten Ouyen, dem heißesten Ort auf der Erde.
Von Wasserpolitik reden die Leute, von Wasserknappheit, Wasserarmut, Wassersuche, Wasserfund. Von Wasserstreit und Wasserregulierung. Wasserbesitz, Wasserneid. Von Wasserträumen. Wasserwichtigkeit. Wassergeschichte.
Gwen Cooke aus Ouyen sagt, sie erinnere sich an Trockenperioden, in denen sei das Getreide vor der Hitze in den Boden zurückgewichen. In Tränen habe sie ausbrechen wollen, sosehr habe sie sich gewünscht, es möge regnen. Aber sie habe nicht weinen können, ihr seien keine Tränen gekommen. Karte vom Murray – Unser Fluss, unsere Zukunft
Zweihundert Jahre Wetteraufzeichnungen im Mallee verzeichnen elf dürrefreie Sommer.
In Ouyen hat es Februartage gegeben mit über 52 Grad Hitze.
Das Mallee ist etwa so groß wie Bayern, es erstreckt sich vom äußersten Nordwesten Victorias bis hinein nach South Australia und New South Wales, wo es übergeht in die ähnlich heiße Region Sunraysia. Es ist ein flaches Land voller Gestrüpp und niedriger Eukalyptussträucher. Seit über hundert Jahren setzen die Farmer des Mallee dem Boden mit Düngemitteln zu, die die einzige Wasserader, den Murray River, zu einer vergifteten Abflussrinne haben verkommen lassen.
Zwischen Balranald und Mildura Vom „clearing and burning and taming the earth“ singt Norm Napper in seinem „Song of the Seasons“.
Dass für die Mallee-Farmer der Klimawandel und seine Folgen sowie hundertjährige Eingriffe in die Umwelt und deren schrittweise Zerstörung eine Frage von Glauben oder Nichtglauben sind, darauf weist die Soziologin und Journalistin Deb Anderson hin, die über mehrere Jahre hinweg Landwirte in den Steppen entlang des Murray besuchte und für eine „Oral History of the Mallee Farmers“ interviewte.
Mallee-Ernte 2006 Was sie durchstehen würden, sei „Gottes Art, uns kundzutun, dass der Farmer nun mal so zu überleben habe“, sagen Farmerfrauen wie Gwen Cooke. Deb Anderson sieht darin den Versuch der Mallee-Bewohner, ihre Identität zu bewahren, indem sie sich abschotten. Was eine wachsende Öffentlichkeit als Folgen von Umweltzerstörung und Klimawandel betrachte, werde im Mallee vielerorts als von Gott gegeben und schicksalhaft angesehen.
Die Natur als Verhängnis. Dürren, Wasserarmut und Buschbrände seien Attacken, Prüfungen, Plagen, Teufelswerk. Man müsse die Unbill zurückschlagen und eindämmen, der gottverfluchten Dürre dennoch eine Ernte abtrotzen, und sei sie noch so gering.
„Es war kein Feuer, was mein Haus zerstört hat, meinen Hof, den Garten und das ganze Land. Es war ein Ungeheuer.“

Der Friedhof von Ouyen
Erzähl das den Bienen. Nicht aufgeben.
Gib nicht auf! Erzähl es ihnen.

Fotos: Der Murray (1), Karte vom Fluss Murray: „Our river, our future“ (2), Mallee zwischen Balranald und Mildura (3), Mallee-Ernte 2006 (4), Friedhof von Ouyen (5)

„Wir sind noch hier“: Reue, das nationale Bewusstsein und unser Land

In letzter Zeit hatte ich das Glück, die Freundschaft und Weisheit anderer Aborigines zu erleben, die sich für die Anerkennung unserer Kultur und Geschichte einsetzen und gleichzeitig für den Schutz der Umwelt sowohl für Aborigines als auch für die breitere Gesellschaft kämpfen. In einem Gespräch mit meinem guten Freund Bruce Pascoe konstatierte dieser jüngst das Fehlen jeglicher echter Reue im kolonialen Bewusstsein. Er meinte damit nicht die vorübergehenden Schuldgefühle, die manche weiße Australier in Bezug auf den Diebstahl von Aborigine-Land und die Geschichte der Gewalt gegen unsere Völker empfinden. Ich glaube, dass Bruce über etwas viel Grundlegenderes nachdachte. Eine entspannte und komfortable Haltung zur Kolonisierung Australiens erfordert kaum echtes Denken, von einer Verantwortung für die Sünden der Vergangenheit ganz zu schweigen. Echte Reue würde den Menschen zwar mehr abverlangen, hätte aber unschätzbare Auswirkungen für alle Australier. Zur Reue gehört die Reflexion. Zur Reue gehören Anerkennung und – mit entsprechendem Willen – gegenseitiger Respekt. Das war es, was Bruce meinte.

[Abbildung 22 – Hanging Rock, Victoria, Australien]

[Abbildung 22 – Hanging Rock, Victoria, Australien]

Ich sehe einen engen Zusammenhang zwischen diesem Mangel an Reue, dem daraus resultierenden fehlenden Nachdenken und Australiens rückschrittlicher Haltung zum Klimawandel im Allgemeinen und zum Verfall unserer Umwelt im Besonderen. Ich sehe zudem einen klaren Zusammenhang zwischen dem mangelnden Willen zum Umweltschutz und dem Missbrauch von Aborigine-Land durch die australische Regierung. Gleichzeitig ist ein Missbrauch der kulturellen und souveränen Beziehung der Aborigines zu ihrem Land letzten Endes ein Angriff auf alle Australierinnen und Australier.

Die australische Regierung versucht derzeit, den Welterbestatus von 74.000 Hektar Urwald in Tasmanien aufzuheben, um die Abholzung wieder zu ermöglichen. Durch die Aufhebung des Welterbestatus werden wichtige heilige Stätten der Aborigines im Welterbe-Gebiet erneut unter Bedrohung stehen. Das ist eine Schande. Wenn man die Geschichte von Gewalt und wiederholten Versuchen von Enteignung und Auslöschung bedenkt, der sich die Aborigines in Tasmanien ausgesetzt sahen, würde man hoffen, dass die breitere Gesellschaft eine Fortsetzung dieser Gewalt nicht zulässt. Wenn wir eine wahrhaft reumütige Nation wären, würden gebührende Rücksichtnahme und Reflexion hoffentlich zu einer besser informierten Haltung führen. Aber in einem Land, das für die Rechte der Aborigines nur Lippenbekenntnisse übrig hat, ist ein solches Denken nicht möglich.

Gestern Morgen las ich in der Zeitung (The Age – 14. Juni 2014) einen Essay von Andrew Darby über den Mut von Ruth Langford und Linton Burgess, zwei Aborigines, die neben vielen anderen darum kämpfen, ihr Land zu retten und den Welterbestatus des Regenwalds mit seinen wichtigen kulturellen Stätten zu bewahren. Als das Paar kürzlich das Gebiet besuchte, rief es „die Ahnen an … wir ließen sie wissen, dass wir noch hier sind.“

Wir sind noch hier

Man bedenke für einen Moment den fundamentalen Mut dieser Aktion. Man bedenke, dass die Aborigine-Nationen jenes Landes, das von den britischen Kolonialherren später Tasmanien genannt wurde, seit mehr als 200 Jahren aktiven Genozidversuchen Widerstand leisten und auch heute unbeugsam bleiben, um sowohl ihre Vorfahren als auch ihre Kinder zu schützen. Ruth Langford, Linton Burgess und die Aborigines von Tasmanien sind für Aborigines in ganz Australien Helden. Sie sollten in ihrem Kampf darum, ihr Land und die Umwelt zu schützen, eigentlich von der gesamten Nation als Helden betrachtet werden. Denn sie schützen gleichzeitig auch unseren Planeten.

Nächste Woche wird Ruth Langford in dem Bemühen, den Vorstoß der australischen Regierung zu stoppen, zusammen mit Wissenschaftlern und Umweltschützern am jährlichen Treffen des Welterbekomitees in Doha, Katar, teilnehmen. Ich wünsche ihr und ihrem tapferen Volk viel Erfolg – es war, ist und bleibt unser Land.

Tony Birch

Aus dem Englischen übersetzt von Elisabeth Meister

Das australische Footscray City College sagt G’day

Von Tony Birch

Image: Footscray City College – oh so cool (behauptet jedenfalls Tony Birch)

Footscray City College – oh so cool (behauptet jedenfalls Tony Birch)

Das australische Footscray City College sagt G’day!

Das australische Footscray City College ist eine staatliche Schule westlich der Innenstadt von Melbourne. An unserer Schule gibt es 46 verschiedene Nationalitäten und beinahe 1000 Schülerinnen und Schüler. Sie blickt auf den Maribyrnong River, einen der großen Wasserläufe von Melbourne. Wir sind eine enthusiastische Gruppe von 14- und 15-Jährigen mit einigen fantastischen, engagierten Lehrerinnen und Lehrern. Wir erkunden die Stadt Melbourne ebenso wie die Naturräume, die die Stadt umgeben.


Diesen Film haben wir an unserem ersten Tag mit Weather Stations erstellt

Unsere Gruppe arbeitet mit Tony Birch und dem Wheeler Centre for Books, Writing and Ideas (Wheeler-Zentrum für Bücher, Schreiben und Ideen) zusammen, um sowohl unsere Texte als auch unser Wissen über den Klimawandel zu verbessern. Tony hat mehrere Bücher geschrieben, darunter Shadowboxing und Blood. Das Wheeler Centre organisiert öffentliche Vorträge und Veranstaltungen zu einer Reihe von Themen, darunter Schreiben, Klimawandel und mehr.

Unser Ziel ist es, die Menschen dazu zu animieren, über den Klimawandel und seine möglichen Auswirkungen auf uns in unseren eigenen Stadtteilen, Straßen und Häusern zu sprechen. Wir möchten, dass Menschen überall auf der Welt wissen, dass wir über das Problem nachdenken und gemeinsam nach Lösungen suchen. Wir möchten nicht nur, dass die Leute über den Klimawandel nachdenken, wir wollen sie auch zu Taten herausfordern.

Wir freuen uns darauf, unsere Arbeiten im September in Berlin mit allen anderen Substationen zu teilen!

 – Die Schülerinnen und Schüler der Substation Footscray City College

 

Aus dem Englischen übersetzt von Elisabeth Meister

Engel mit gebrochenen Flügeln

[Abbildung 10 – Engel mit gebrochenen Flügeln, Friedhof von Carlton, Melbourne, Australien]

[Abbildung 10 – Engel mit gebrochenen Flügeln, Friedhof von Carlton, Melbourne, Australien]

Heute ging ich mit meiner Hündin Ella auf den Friedhof. Sie ist elf Jahre alt, hat eine kaputte Hüfte und zieht ihr Bett einem ordentlichen Spaziergang vor. Wir hatten uns aufgemacht, um das Grab meiner Großmutter zu besuchen. Sie starb 1996 im Alter von 88 Jahren. Sie hatte ein erfülltes Leben, wie man zu sagen pflegt. Geboren auf Cape Barren Island in der Bass Strait, zwischen Victoria und der Insel Tasmanien, wurde meine Großmutter als Baby in ein Waisenhaus auf dem tasmanischen Festland gebracht. Mit zwölf Jahren haute sie über die Meerenge nach Victoria ab. Sie heiratete zweimal, hatte sieben Kinder und gab Al-Jolson-Imitationen zum Besten, wenn sie getrunken hatte.

Sie liegt neben ihrem Mann, meinem Großvater Patrick Corcoran, begraben. Er war ein irischer Katholik, der hart arbeitete und eines Nachmittags im Jahr 1953 von der Arbeit nachhause kam, ins Badezimmer ging, sich die Kehle aufschlitzte und verblutete. Im selben Grab liegt auch mein Onkel Michael Anthony Corcoran begraben, der 1963 im Alter von nur achtzehn Jahren ermordet wurde. Ich habe meinen Großvater selbstverständlich nie kennen gelernt, aber ich erinnere mich gut an Michael. Er war fröhlich, frech und der Liebling meiner Großmutter.

Auf dem Friedhof ließ ich Ella an den Grabsteinen herumschnüffeln, während ich das Familiengrab pflegte. Ich jätete Unkraut, wechselte das trübe Wasser in den Vasen und ersetzte die ausgewaschenen Plastikblumen mit neueren, die es über das Friedhofsgelände geweht hatte, fernab der Gräber, auf die sie ursprünglich gelegt worden waren. Vor vielen Jahren füllte ich ein Glas mit den Steinen, Muscheln und Seeglas-Stücken, die ich in aller Welt gesammelt hatte; an einem Fluss in Schottland, einem Strand in Chile und in den Straßen von New York. Ich füllte das Glas mit Wasser, versiegelte es und stellte es auf das Grab. Heute leerte ich das Glas, säuberte es und wechselte das Wasser.

Ich setzte mich auf das Grab und dachte über sie nach, meine Familie – da unten. Ich weiß, dass mein Großvater für seine Familie sorgte. Und dass er starke Beschützerinstinkte hatte. Niemand weiß, warum er sich das Leben genommen hat, aber meine Mutter glaubt, dass er Angst hatte, sich nie genug um seine Kinder kümmern zu können. Ich bin nicht ganz sicher, was das heißen soll. Wenn ich an meine eigenen Kinder denke – ich habe fünf –, weiß ich nie so recht, ob ich mir zu viele Sorgen um sie mache oder zu wenige. Manchmal denke ich, dass es meine Aufgabe ist, sie zu retten – ein verständliches, aber absurdes Unterfangen.

Ist irgendetwas davon für das Thema Klimawandel relevant? Ich meine schon. Meine Großmutter lebte ihr Leben unter schwierigen Umständen. Ihre tägliche Sorge war es, genug Essen für ihre Familie aufzutreiben; im Winter auf der Suche nach Feuerholz mit dem Kinderwagen die Straßen der Innenstadt entlangzugehen, um das Haus warm zu halten. Wir standen uns nahe, als ich aufwuchs. Sie brachte mir bei, dass alles andere nichts wert ist, wenn wir die Grundbedürfnisse unserer Familien und Mitmenschen – Nahrung, Wärme und ein Dach über dem Kopf – nicht adäquat decken. Außerdem sollten wir uns schämen, wenn wir diese Grundbedürfnisse nicht auch für die gesamte Gesellschaft decken.

Alma Corcoran war keine marxistische Volkswirtschaftlerin oder politische Aktivistin. Sie hatte kaum die Schule besucht und war eine direkte und unromantische Frau. Aber sie wusste eine Menge über Überfluss – und hasste ihn. Wann immer es ihr gut ging, wenn der Vorratsschrank voll und der Kühlschrank gut gefüllt war, pflegte sie die Haustüre zu öffnen und ihre Nachbarn zu einem ganz besonderen Essen einzuladen. Sie lehrte mich, dass es nicht meine Aufgabe ist, irgendjemanden zu retten, schon gar nicht meine Kinder. Sie lehrte mich außerdem, dass ich nur ein kleiner Teil eines größeren Ganzen bin.

Tony Birch

Aus dem Englischen übersetzt von Elisabeth Meister

 

Erinnerung an meine Bergbesteigung

 

Als ich 11 Jahre alt war, bestieg ich zusammen mit meinen Freunden einen Berg. Der Berg war hoch, aber das Klima war auf unserer Seite. Es war schön und sonnig, und eine milde, kühle Brise strich an uns vorbei. Nur die Sonne machte uns sehr durstig, da die Temperatur zwischen 31 und 38 Grad betrug. Der Trainer hatte den Berg und das Klima aufgrund der Jahreszeit ausgewählt, weil es zum Bergsteigen im Winter zu kalt und in der Monsunzeit zu nass war. Daher mussten wir im Sommer gehen, was uns beinahe dehydrierte.

– Urja / Footscray City College Substation

Aus dem Englischen übersetzt von Elisabeth Meister

Dromana

Von Gabriel

Seit ich denken kann, fahren meine Familie und ich fast jeden Sommer hinunter auf die Mornington-Halbinsel, genauer gesagt nach Dromana. Egal, ob andere mitfuhren oder wir alleine waren, es war immer ein fantastischer Tag. An einem besonders warmen Sommertag kamen wir später als sonst an, gegen 17 Uhr. Es war draußen noch hell, weil Sommerzeit war, was alles noch besser machte. Meine Schwester und ich hüpften aus dem Auto und rannten an den Strand. Wir ließen unsere Sachen in den Sand fallen und schnappten uns unsere Schnorchel. Das Wasser war kristallklar und wir sahen jede Menge Fische. Nach ungefähr einer Stunde Schnorcheln beschlossen wir, im Sand zu spielen. Nach zwei Stunden am Strand waren wir am Verhungern und verschlangen unsere Fish and Chips. Zu diesem Zeitpunkt wurde es bereits dunkel und wir stiegen für die lange Fahrt nach Hause ins Auto. Ich schlief im Auto ein und der Rest war Geschichte.

 

Aus dem Englischen übersetzt von Elisabeth Meister

Die Küstenseeschwalbe

Seit mehr als einem Jahr ist mein bejahrter Nachbar Jack nun schon dabei, sein Leben durchzusortieren und einige seiner Besitztümer loszuwerden. Auch wenn wir nicht verwandt sind und uns erst seit ein paar Jahren kennen, ist vieles von dem bei mir gelandet, wofür er keine Verwendung mehr hat.

Es fing mit gebundenen Ausgaben der Enzyklopädie australischer Traktoren und Traktoren und moderne Landwirtschaft an. Er bot sie mir eines sonnigen Morgens an, als wir uns über die struppige Lavendelhecke hinweg unterhielten, die als unsere Grundstücke trennender Zaun durchgeht.

Jack kennt sich mit Traktoren aus und redet gerne über sie. Wäre er je als Kandidat beim altbekannten Mastermind-Fernsehquiz aufgetreten, wären Traktoren mit Sicherheit sein „Spezialthema“ gewesen.

Jack verbrachte sein Berufsleben damit, zusammen mit seinem Zwillingsbruder Ronnie in ganz Victoria Traktoren zu verkaufen. Sie bauten ihr Geschäft gemeinsam auf und heirateten später Frauen aus ihrem Heimatort – in derselben Kirche und am selben Tag.

Sie hatten außerdem vor, sich auf zwei benachbarten Strandgrundstücken an der Westküste zur Ruhe zu setzen. Aber nur wenige Monate vor der geplanten Geschäftsaufgabe wurde Ronnies Pick-up während einer Überschwemmung von einer Brücke gespült, als er versuchte, einen über die Ufer getretenen Fluss irgendwo hinter Colac zu überqueren. Während das verbeulte Autowrack schließlich ein paar Meilen flussabwärts der Unfallstelle auftauchte, wurde Ronnies Leiche nie gefunden.

Auch wenn er Ronnie sehr vermisste, ließ sich Jack von seinen Ruhestandsplänen nicht abbringen. Ronnies Witwe dagegen verkaufte ihr Grundstück an „irgend so einen Stadtfuzzi“, wie ihn Jack abfällig nannte. Obwohl der „Stadtfuzzi“ neben Jack ein Haus baute, war er in den folgenden Jahren selten dort, bevor er es zum Verkauf stellte.

Ich kaufte Ronnies Witwe das Haus mit dem Traum ab, es zu renovieren, während ich meinen großen Roman schrieb. Aber ich habe seit meinem Einzug wenig am Haus gemacht und nicht mehr als ein paar Absätze zustande gebracht.

Neben seinen Büchern über Traktoren reichte mir Jack auch seine alten Werkzeuge über die Hecke. Um ehrlich zu sein, nützen sie mir so viel wie die Traktoren-Bücher. Es ist nicht so, dass ich Jacks Freigebigkeit nicht zu schätzen wüsste, aber ich kann für mein Leben keinen Nagel gerade einschlagen.

Jack hat seine Werkzeuge sorgfältig gepflegt. Die geölten Metalloberflächen sind frei von Rost und die hölzernen Griffe von Jahren des Gebrauchs abgegriffen und glatt. Auch wenn ich nicht davon ausgehe, dass ich je eine Verwendung dafür haben werde, wurde jede Gabe, sei es eine Schaufel, ein Hammer oder eine Variation der ganz normalen Handsäge, der Kollektion hinzugefügt, die ich im Zimmer hinter der Küche mit Blick auf den Garten aufhebe.

Das ist auch das Zimmer, in dem ich schreibe. Oder, um genau zu sein, es ist das Zimmer, in dem ich meine Tage schreibend verbringen sollte.

Ich beginne das, was ich irreführend meinen „Schreibtag“ nenne, an meinem Schreibtisch, bewaffnet mit einer Tasse Tee und inspirierender Musik – meiner „Schreibmusik“, wie ich sie optimistisch bezeichne. Meinen Arbeitsmorgen, der nicht besonders lang ist, verbringe ich damit, abwechselnd auf den Computerbildschirm und aus dem Fenster zu starren, auf einen verwilderten Garten, der dringend die Aufmerksamkeit bräuchte, die ich ihm nicht geben kann, weil ich ja mit Schreiben beschäftigt bin.

Nach ungefähr einer Stunde, manchmal auch weniger, wird mir klar, dass heute kein guter Tag zum Schreiben ist. Also stehe ich auf, verlasse das Haus und gehe ans untere Ende des Gartens. Dann schlüpfe ich durch den Spalt im Zaun und mache mich auf den Weg zum Strand.

Als ich meine täglichen Spaziergänge an den Strand begann, war Jack immer mit von der Partie. Tatsächlich war es Jack, der mir den geheimen Pfad zeigte, der sich unter einem riesigen Teebaum direkt hinter meinem Gartenzaun verbarg. Und es war Jack, der mich den Pfad entlang zum Strand geleitete, wo er ein zweites Geheimnis mit mir teilte.

Am Morgen dieses unseres ersten Spaziergangs hatte ich gerade wieder einmal eine Schreibsitzung aufgegeben, als Jack mich vorfand, wie ich im Garten vor dem Haus unruhig auf und ab ging. Ich war auf der Suche, nicht nach einer Geschichte, sondern nach einem bescheidenen Satz oder vielleicht einem einzelnen Wort, das mich in die Gänge bringen könnte.

„Hallo, mein Junge“, winkte er mir über die Hecke zu.

In der Gewissheit, dass einem Mann, der einen Pfad in seinen Garten trampelt, irgendetwas Sorgen macht, ging Jack um die Hecke herum, stellte sich vor mich hin und fragte mich, ob er helfen könne. Als ich ihm erklärte, dass ich einigermaßen sicher war, mir eine Schreibblockade eingefangen zu haben, sah er mich ebenso verdutzt wie besorgt an.

„Schreibblockade?“, wiederholte er mehrere Male zu sich selbst. „Nie gehört. Was ist das?“

„Naja, Jack. Das ist, wie wenn man ein Problem hat, das man nicht lösen kann. Oder eine Idee, nach der man sucht. Eine Idee mit Wörtern. Aber Wörtern, die man nicht finden kann.“

Jacks Augen leuchteten auf, zuversichtlich, dass er eine Lösung für mich hatte.

„Nun, du bist auf dem richtigen Weg – du versuchst, dein Problem durch einen Spaziergang zu lösen. Das mache ich auch. Gehe spazieren und kriege dabei den Kopf frei. Aber immer im Kreis herumlaufen? Das ist nicht gut für dich. Du musst geradeaus gehen.“

Er wedelte mit der Hand in Richtung der niedrigen Hügel hinter unseren benachbarten Häusern. „Geradeaus, mein Junge. Geradeaus.“

Dann lotste er mich hinunter ans untere Ende seines Gartens und deutete auf eine zwei Latten breite Lücke im Zaun hinter seinem Schuppen.

„Ich habe überlegt, hier ein Gartentor einzubauen“, erklärte Jack mir, während wir durch den Zaun kletterten. „Das wäre einfacher, als hier jeden Morgen durchzuklettern. Aber um ehrlich zu sein, würde das nicht halb so viel Spaß machen. So fühle ich mich wieder ein bisschen wie ein Kind.“

Ich konnte vor uns einen schmalen Pfad erkennen, der unter der Krone eines Teebaums verschwand. Ich ging hinter Jack her, den schattigen Pfad entlang, der steil anstieg, einen Kamm erreichte und dann zwischen Sandhügeln und Wellen von goldenem Gras sanft zum Strand hin abfiel.

Jack wartete am Strand auf mich, während ich ein Stück Sand überquerte, das mit Streifen von ledrigem Kelp übersät war. Wir ließen uns beim Weitergehen Zeit, unterhielten uns und blieben ab und zu stehen, um die schillernden Farben der Gezeitentümpel zwischen Strand und Ozean zu bewundern. Während Jack jede Fischart identifizierte, die in den Seetangwäldern umherschnellte, fühlte ich mich wie ein kleiner Junge, der fröhlich hinter seinem Vater hertrödelt.

Wir waren vielleicht eine halbe Stunde gegangen, als Jack den Strand verließ und ins Gras hineinging. Nach etwa dreißig Metern blieb er stehen. Er wies mit dem Kopf auf eine flache Vertiefung im Boden.

„Da ist es.“ Er deutete auf die Stelle, die wir beide anstarrten, obwohl ich keine Ahnung hatte, was ich sehen sollte.

Jacks Augen weiteten sich. „Und, was hältst du davon?“

Ich blickte wieder auf das flachgedrückte Gras. „Was halte ich von was, Jack?“

Wenn er meine Frage gehört hatte, ignorierte er sie.

„Jeden Sommer kommen sie. Jeden Sommer, seit ich mein Haus habe. Und wahrscheinlich schon Tausende von Jahren davor, nehme ich an.“

„Wer kommt, Jack?“

„Nicht wer, mein Junge. Was. Sterna paradisaea.“

Er sagte diese Worte – Sterna paradisaea – leise und ruhig, als wüsste ich mit Sicherheit, was er meinte.

Dann wandte Jack sich ab und ging weiter den Strand entlang. Er überraschte mich damit, dass er anfing zu laufen.

Ich rannte ihm nach. „Sterna, Jack? Was ist das?“

Er blieb am Strand stehen, während er tief Luft holte.

„Die Küstenseeschwalbe“, erklärte er im Weitergehen. „Sie ist ein Vogel. Ein mutiger kleiner Vogel. Sie kommt jeden Sommer genau hierher, an diesen Strand, vom anderen Ende der Welt, vom Nördlichen Polarkreis. Sie fliegt 20.000 Meilen, um hierher zu kommen. Und dann fliegt sie im Lauf des Jahres wieder zurück. Dieselbe Distanz. Die meisten Leute bekommen den Vogel nie zu sehen. Verbringt den Großteil seines Lebens in der Luft.“

Ich blickte über den Ozean hin zum Horizont und dann hinauf in den leeren Himmel. „Muss wohl ein großer Vogel sein, Jack, wenn er so weit fliegt?“

„Nee“, erwiderte er amüsiert. „Die Flügelspanne misst vielleicht einen Fuß, ein bisschen mehr. Und der Vogel selbst“, Jack ballte seine knorrige Faust zusammen, „nicht viel größer als so.“

Ich pfiff bewundernd durch die Zähne. „Du hast ihn also gesehen, Jack? Den Vogel?“

Er schaute mich an und sein Gesichtsausdruck wurde sanfter, aber er sagte nichts weiter.

Auf dem Heimweg blickte ich ab und zu über meine Schulter auf den klaren Morgenhimmel, während ich ihm weitere Fragen über den Vogel stellte.

„Vom Nördlichen Polarkreis, Jack? Wie kommen die hierher?“

„Sie fliegen“, lachte er.

„Aber wie, Jack? Woher wissen sie, wo sie hinmüssen?“ Ich starrte wieder hinaus auf den Horizont. „Den ganzen langen Weg.“

Er blieb stehen und legte mir die Hand auf die Schulter. Ich war überrascht, wie kräftig sein Griff war.

„Sie erinnern sich, mein Junge. Das ist das Geheimnis. Sie brauchen Monate, um hierher zu kommen. Ich habe es nachgelesen. Wissenschaftler haben den Vogel zu jedem Zwischenstopp auf dem Weg verfolgt.

Sie halten jedes Jahr am selben Ort an. Sie vergessen nie, wo sie gewesen sind oder wo sie hinfliegen. Das ist ihr Geheimnis. Nie zu vergessen. Vergiss es nicht, mein Junge.“

Er packte mich wieder an der Schulter. „Und weißt du, was noch?“

Er wartete auf meine Antwort, aber ich hatte keine. „Was noch, Jack?“

Seine Augen leuchteten vergnügt auf.

„Sie leben lange, jedenfalls für einen Vogel. Manche werden mehr als zwanzig Jahre alt. Die ganze Fliegerei, man würde meinen, das macht sie fertig. Tut es aber nicht. Ihre ganze Kraft kommt vom Fliegen. Und noch etwas. Sie bleiben während dieser langen Zeit ihr ganzes Leben zusammen. Sie fliegen um die ganze Welt an denselben Ort und zum selben Partner, jedes Jahr. Was sagst du dazu, hm?“

Nachdem wir nach unserem Spaziergang wieder durch den Zaun zurückgeschlüpft waren, lud mich Jack in seinen Gartenschuppen ein.

„Ich habe da etwas für dich drin“, sagte er und zwinkerte mir verschwörerisch zu.

Sein Schuppen befand sich in einem Zustand perfekter Ordnung. Ein riesiger Vorrat an Nägeln, Schrauben und Muttern war in beschrifteten Glasgefäßen entlang der Rückseite einer hölzernen Werkbank unter einem Fenster mit Blick auf den Garten aufgereiht. Seine Gartengeräte; Schaufeln, Rechen und Hacken in verschiedenen Größen standen in Habachtstellung an einer Wand, während seine Sägen, Hämmer und Bohrer von Halterungen über den Gartengeräten hingen.

Weit und breit war kein einziges elektrisches Werkzeug zu sehen.

Bretter in verschiedenen Längen, einige von ihnen laut Jack „echte Fundstücke“, lagen auf einem offenen Regal, das sich quer über die Rückseite des Schuppens erstreckte. Unter der Sammlung von Holz standen mehrere Dutzend Dosen mit Farben und Lacken fein säuberlich auf einem zweiten Regalbrett aufgestapelt.

„Wonach suchen wir, Jack?“, frage ich in den Raum, während er im Schuppen herumstöberte.

„Meinem Fernglas“, antwortete er, während er einen Karton durchsuchte, auf dem in dickem Bleistift KRIMSKRAMS stand.

Als er sein Fernglas in dem Karton nicht finden konnte, ging Jack hinaus und kehrte mit einer Holzleiter zurück. Er lehnte sie so an die Rückwand, dass das Ende der Leiter an das oberste Regalbrett reichte, auf dem eine Kerosinheizung, weitere Kartons und ein alter Koffer standen.

Während er die Stabilität der Leiter überprüfte, bot ich meine Dienste an. „Kann ich dir helfen, Jack? Lass mich doch da hochklettern.“

Er winkte abwehrend, während er einen Fuß auf die unterste Sprosse der Leiter setzte. Er kletterte zu dem Regalbrett hinauf und schob einen der Kartons beiseite, während er nach einem zweiten griff. Dabei krachte der Karton in den Koffer. Ich sprang zurück, als der Koffer auf den Boden donnerte.

„Scheiße“, flüsterte Jack zu sich selbst, den Blick über die Schulter hinunter auf den Koffer gerichtet.

Er durchsuchte einige weitere Kartons, bevor er aus einem von ihnen ein abgewetztes Fernglasetui aus Leder hervorholte. Er nahm das Fernglas aus dem Etui. „Da ist es ja.“

Ich stand am Fußende der Leiter, während er mir das Fernglas hinunterreichte. Es war in tadellosem Zustand – das dunkle Metall, das Chrom, die Glaslinsen, jede Oberfläche reflektierte das Sonnenlicht, das sich an das Fenster des Schuppens schmiegte.

Jack kletterte die Leiter hinunter und klopfte mir auf die Schulter. „Wenn sie diesen Sommer zurückkommt, die Schwalbe, dann bist du vorbereitet.“

Ich schaute auf das Fernglas hinunter. „Aber wie sieht sie aus, Jack? Ich kann einen Vogel nicht vom anderen unterscheiden.“

Statt einer Antwort reichte mir Jack ein Buch vom Regalbrett über der Werkbank – Zugvögel der Welt. Während ich es durchblätterte, konzentrierte er sich auf den Koffer, der zu Boden gefallen war. Er hob ihn am Griff hoch und schüttelte ihn. Ich hörte darin etwas sanft rascheln. Ich blickte zu Jack hinüber, um zu sehen, ob er es ebenfalls gehört hatte.

Er kratzte sich den Kopf. „Was haben wir denn da?“

Er legte den Koffer auf die Werkbank, schickte sich an, ihn aufzuschnallen, und zögerte dann einen Moment lang, bevor er ihn schließlich öffnete. Ich trat näher an die Werkbank heran und blickte hinab auf die schillernden Pailletten, die auf den strahlend weißen Stoff von etwas genäht waren, das wie ein Hochzeitskleid aussah.

Jack griff in den Koffer und hob das Kleid heraus. Er hielt es in den Armen wie ein neugeborenes Baby. „Das ist das Hochzeitskleid meiner Frau“, erklärte er. „Sie ist jetzt schon seit über zehn Jahren nicht mehr am Leben.“

Er drehte langsam eine Runde durch den Raum, das Kleid an sich gedrückt, als würde er mit ihm Walzer tanzen. Als ich sah, dass er Tränen in den Augen hatte, ging ich hinaus in den Garten und ließ ihn allein.

Als Jack schließlich aus dem Schuppen kam, lud er mich in sein Haus ein. Während wir an einem Holztisch saßen und Tassen mit süßem Tee tranken, sprach er über ihre fünfundvierzig Jahre Ehe und den Tod seiner Frau nach kurzer, aber schmerzhafter Krankheit.

„All die Jahre unterwegs, von Ort zu Ort. Ich hätte bei ihr zuhause sein sollen. Ich habe mir das erst ausgerechnet, nachdem ich sie verloren hatte. Wir verbrachten in jenen Jahren mehr Zeit auseinander, mehr Nächte in getrennten Betten als dort, wo wir hätten sein sollen, einander im Arm haltend.“

Ich hatte das Gefühl, etwas sagen zu müssen. Ich wollte Jack sagen, dass ich sicher war, dass sie sich sehr geliebt hatten, und dass ihre gemeinsame Zeit die getrennt verbrachten Nächte mehr als wettgemacht hatte. Aber ich konnte es nicht. Ich hatte das Gefühl, ihn dafür nicht gut genug zu kennen. Und außerdem waren wir Männer, also sagte ich das, was von Männern bei solchen Gelegenheiten erwartet wird.

„Du warst unterwegs und hast hart gearbeitet, Jack, für euch beide. Ich bin sicher, sie hätte das verstanden.“

Er studierte den Boden seiner Tasse, während er über meine Worte nachdachte.

„Wir verstanden es beide“, antwortete er schließlich. „Vielleicht hast du recht. Aber es ändert nichts daran. Diese getrennt verbrachten Nächte summierten sich zu Jahren der Trennung. Verschwendeten Jahren.“

Es war zu Beginn des letzten Frühlings, als mir zum ersten Mal eine Veränderung an Jack auffiel. Ich war eines Morgens am Briefkasten, als er mir über die Hecke hinweg zurief: „Ron! Hey, Ronnie, mein Junge!“

Er lächelte und winkte mir zu, bevor er schnell wegsah. Er wirkte verwirrt und peinlich berührt. Ich ging um die Hecke herum. Jack scharrte mit der Spitze seines Stiefels im Boden und betrachtete intensiv ein blankes Stück Gras in seinem Rasen.

„Jack. Alles in Ordnung?“

Er schaute nicht zu mir auf. „Ja. Mir geht’s gut, mein Junge. Ich habe nur gerade über etwas nachgedacht. Beachte mich nicht weiter. Ich bin nur ein alter Narr.“

In den folgenden Wochen musste ich mehrere von Jacks Werkzeugen zurückgeben, nachdem er mir anvertraut hatte, dass er einen Hammer oder eine Säge verlegt hatte – „Ich will dich nicht belästigen, aber hast du eine, die ich für ein paar Tage ausleihen könnte?“

Ich bemerkte außerdem, dass er langsamer wurde und seltener mit mir hinunter zum Strand ging. Als ich eines Morgens im Frühsommer an seine Tür klopfte, kam keine Antwort von Jack. Das war noch nie vorgekommen.

Ich machte mich alleine zur Lücke im Zaun auf, das Fernglasetui an einem ledernen Riemen um meinen Hals gehängt. Als ich den Kamm über dem Strand erreichte, nahm ich das Fernglas heraus und suchte den Horizont ab. Es waren jede Menge Vögel da, hauptsächlich Möwen, aber keine Spur von Jacks Küstenseeschwalbe.

Wenn Jack dabei gewesen wäre, hätte er gefragt: „Irgendwas da draußen heute?“

Nachdem ich geantwortet hätte, wie ich es immer tat, „Heute morgen nicht, Jack“, wäre er kurz enttäuscht gewesen, um dann sofort seine gute Laune wiederzufinden. „Morgen. Vielleicht morgen.“

Nachdem ich den Himmel abgesucht hatte, ging ich durch die Sandhügel hinunter den Strand entlang zu der Stelle, von der Jack sicher war, dass der Vogel schließlich an sie zurückkehren würde. Der Vogel war nicht da. Als ich mich nachhause wandte, bemerkte ich in der Ferne jemanden am Strand, der sich von mir entfernte. Obwohl ich überrascht war, seine drahtige Gestalt zu sehen, war ich sicher, dass es Jack war. Ich hob das Fernglas. Er war unterwegs zum Surferstrand.

Ich rannte ihm nach und rief laut: „Jack! Jack!“

Er blickte sich nicht um, bis ich ihn beinahe erreicht hatte. Er betrachtete mich genau, sogar etwas argwöhnisch. „Ronnie? Ronnie?“ Er machte einen Schritt zurück. „Ronnie, mein Junge? Na, das ist ja ’n Ding. Wo warst du denn die ganze Zeit?“

Ich streckte meine offene Hand nach ihm aus. „Sorry, Jack, ich habe dich heute Morgen verpasst. Muss verschlafen haben. Komm. Lass uns zusammen nachhause gehen.“

Er blickte suchend den Strand entlang, bis zu einigen Teenagern, die auf einer Grasböschung über dem Surferstrand lagen. Mit ihren in der Sonne gleißenden dunklen Neoprenanzügen glichen sie einer Seehundkolonie.

Dann drehte Jack sich um und schaute in die Richtung, aus der wir gekommen waren. Er starrte hinunter auf den Sand, auf den Abdruck, den seine Füße vor nur ein paar Minuten im Sand hinterlassen hatten. Er verfolgte ihren Weg zurück den Strand entlang, als eine hereinkommende Welle sanft über den Sand glitt und sie verschluckte.

„Nachhause?“ Er blickte verwirrt drein.

„Ja. Nachhause, Jack. Wir sollten uns jetzt auf den Rückweg machen.“

In diesem Moment wurde ihm etwas klar. Ein Blick der Verwirrung verwandelte sich in einen der Ruhe, gefolgt von einem leichten Lächeln des Wiedererkennens. Er schaute hinunter auf meine geöffnete Hand, als sei sie eine unbeabsichtigte Beleidigung seiner Unabhängigkeit.

Er schob mich beiseite. „Komm, mein Junge. Ich will dir was zeigen.“

Der Winter naht, und Jack ist seit jenem Morgen nicht mehr mit mir am Strand gewesen. Vor etwas mehr als einer Woche war ich auf dem Pfad unterwegs zum Strand, als ein Sturm aufzog. Während heftiger Regen meinen wollenen Pullover und meine ausgebeulten Trainingshosen durchnässte, dachte ich über einen Rückzug nach, oder wenigstens eine Rückkehr zum Haus, um mir einen Regenmantel zu holen. Ich blieb kurz auf dem Pfad stehen, bevor ich beschloss, weiterzugehen.

Der niedrige Himmel über dem Horizont war vom schlechten Wetter violett verfärbt und der vom starken Südwind getriebene Regen biss mir ins Gesicht. Obwohl es sinnlos schien, mir die Mühe zu machen, das Fernglas aus seinem Etui zu nehmen, holte ich es dennoch hervor und suchte aus alter Gewohnheit den Horizont ab.

Zunächst erspähte ich einen Frachter, der mit bunten Containern überladen war. Das Schiff wurde in den weißen Schaumkronen des Ozeans herumgeworfen wie ein LEGO-Modell. Erst, als ich das Fernglas zum Himmel hob, erhaschte ich einen Blick auf einen Schatten vor einer Wolke und dann den dunklen Fleck eines Vogels.

Obwohl es nur für einen Moment war, war ich sofort davon überzeugt, dass ich soeben die Küstenseeschwalbe gesehen hatte. Sie befand sich nur ein paar Sekunden in meinem Blickfeld, bevor sie verschwand. Auf dem Kamm sitzend suchte ich den Horizont noch eine halbe Stunde oder länger ab, aber ich sah den Vogel nicht wieder.

Als ich nachhause zurückkam, war ich bis auf die Knochen nass und zitterte vor Kälte. Ich steckte meine Kleider in die Waschmaschine, duschte und dachte über die Dinge nach, die mich auf dem Weg vom Strand nachhause beschäftigt hatten. Nachdem ich mich angezogen hatte, verließ ich das Haus und rannte um die Hecke herum zu Jacks Vorgarten. Ich klopfte mehrere Male an seine Tür, aber er antwortete nicht. Ich ging zurück ins Haus und machte mir eine Tasse Tee. Dann ging ich ins Wohnzimmer und blätterte durch meine CD-Sammlung, bis ich etwas Schreibmusik fand – Iron and Wine.

Ich saß an meinem Schreibtisch, umgeben vom muffigen Geruch der Traktorenbücher und den geölten Metalloberflächen und schrieb die folgenden Worte an mich selbst:

Die Küstenseeschwalbe hat einen scharfen, blutroten Schnabel und eine schwarze Kopfkappe mit weißem Oberkopf. Wenn die Küstenseeschwalbe im Grasland und in den niedrigen Dünen grast, in denen sie ihr Nest baut, bleibt ihre wahre Schönheit unter einem langweiligen grauen Gefieder verborgen. Aber wenn dieser Vogel seine Flügel zum Flug ausbreitet, vor allem im Gleitflug, den er einsetzt, um seine Kräfte zu schonen, offenbart er seine leuchtende Farbenpracht. Die Küstenseeschwalbe ist ein starker und schöner Vogel.

Tony Birch

 

Aus dem Englischen übersetzt von Elisabeth Meister

 

 

 

Das Theater

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Ob es das Theater in der Schule, das in der Arbeit meines Vaters oder ein professionelles Theater ist, ich fühle mich dort immer wohl und zu Hause. Das Theater bedeutet mir viel, weil mir das Auftreten/Schauspielern Spaß macht. Ich spüre immer einen Hauch von Aufregung und Nervosität, wenn ich ein Theater betrete, und mir steigt der Geruch von Make-up und Schweiß in die Nase, auch wenn ich ihn nicht wirklich riechen kann. Ich finde, man könnte es ein Riechgedächtnis nennen, denn wenn man sich an Orte erinnern kann, die man gesehen hat, warum dann nicht an Dinge, die man gerochen hat? Wenn der erste Takt einer Ouvertüre oder der schweigende Anfang eines Theaterstücks beginnt, durchströmt Lampenfieber meinen Körper, egal, ob ich auftrete oder nicht. Das Theater liegt mir am Herzen, es ist einer der wenigen Orte, an denen ich mit neuen Dingen experimentieren und ich selbst sein kann. Ohne das Theater wäre ich verloren.

 

– Darcy / Footscray City College Substation

 

Aus dem Englischen übersetzt von Elisabeth Meister

Geruch und Geschmack

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Die Rosen dort dufteten wie die anderen Rosen.

Der Salat schmeckte wie scharfe Jalapeños.

Die Blumen da dufteten wie Rosen.

Der Kuchen schmeckte wie Schokolade.

Die panierten Hähnchenstreifen schmeckten wie Paniermehl mit Huhn.

Die Luft duftete frisch.

Das Grillfleisch schmeckt wie gegrilltes Lamm.

Der Baby-Romanasalat schmeckte wie ganz normaler Salat.

Die Zitrone schmeckte wie saure Zitronen.

Das Eis schmeckte wie Schokolade auf einer Eiswaffel.

Das Quellwasser schmeckte wie reines Wasser.

Die geräucherten Fische dort schmeckten wie gekochte Fische.

Das Marshmallow auf zwei Scheiben Weißbrot mit Schokolade war ein Marshmallow-Sandwich.

Die Habanero-Chili schmeckte wie zitrusartige Schärfe.

 

– Ioannis / Footscray City College Substation

 

Aus dem Englischen übersetzt von Elisabeth Meister

 

Wir handelten einfach, als gäbe es ihn nicht

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Wir begriffen nie, wie schwerwiegend er war… Wir handelten einfach, als gäbe es ihn nicht…

Meine Mutter sagt, sie erinnert sich an die Zeit, als die Angst vor einer Naturkatastrophe für sie im Hintergrund stand. Dass es aufgrund ihres Wohnorts fast unmöglich war, dass so etwas sie in irgendeiner Weise betreffen könnte.

Aber in Wirklichkeit sind wir selbst schuld…

Sie sagte, als der erste Zyklon Melbourne traf, war niemand darauf vorbereitet; er kostete Tausende das Leben und riss Familien und Häuser auseinander. Es dauerte Monate, bis die Menschen wieder auf die Beine kamen, aber ein Jahr später kam der zweite Zyklon. Die Leute wussten jetzt mehr über die katastrophalen Folgen eines solchen Ereignisses, hatten aber keine Zeit, sich vorzubereiten. Obwohl diesmal nur ein Drittel der Todesopfer des ersten Zyklons zu beklagen waren, ließ er doch Tausende obdachlos und verzweifelt zurück. Ab da kamen solche Ereignisse immer häufiger vor und wurden meist mit jedem Mal verheerender und zerstörerischer.

Aber das war vor 25 Jahren.

Hier sind wir nun, nämlich ich, mein Vater, meine Mutter und mein Bruder, alle zusammengekauert im Bunker, alle ganz still. Alles, was ich draußen hören konnte, waren das Krachen des Erdbodens, der über uns mit Gewalt auseinander gerissen wurde, und das furchterregende Heulen der mächtigen Winde. Ich hatte meine Kopfhörer auf, um die Geräusche auszublenden, aber es war fast unmöglich. Wir sind umgeben von unseren wertvollsten Besitztümern, oder jedenfalls so vielen, wie wir in unseren winzigen Bunker zwängen konnten. Als ein Trümmerstück draußen gegen die Tür fliegt, ist ein lauter Schlag zu hören, mein Herz setzt einen Moment lang aus und ich schrecke hoch und schlage mir beinahe den Kopf an.

Wir leben schon seit vielen Jahren unter solchen Bedingungen, ich wuchs mit solchen Ereignissen auf, was mich irrtümlich glauben ließ, dass solche Ereignisse normal sind und das auch schon immer waren. Aber nein, diese Naturkatastrophen waren, was manche „menschengemacht“ nennen. Sie waren unser Werk, wir hatten die Warnungen erhalten, sie aber ignoriert, als seien sie nicht von Bedeutung.

Kinder pflegten sich Dinge wie die neueste PlayStation oder Xbox zu wünschen, den besten Fußball oder Fußballschuhe, das Erlernen eines Instruments oder ein neues Fahrrad.

Heutzutage wünschen sich die meisten Kinder, ein paar Monate ohne eine Katastrophe erleben zu dürfen.

Das ist irgendwie ganz schön traurig.

Wenn man sich überlegt, dass das alles vermeidbar gewesen wäre.

Die Menschen müssen akzeptieren, wie real der Klimawandel ist, und obwohl ich in dieser Kurzgeschichte die Auswirkungen übertrieben habe, müssen wir trotzdem etwas ändern; denn man weiß ja nie. So etwas könnte passieren.

– Will / Footscray City College Substation

 

Aus dem Englischen übersetzt von Elisabeth Meister