Die globale Erwärmung der Herzen

 

 

 

Personen:

Leonardo DiCaprio – Schauspieler und Aktivist, ein wenig göttlich

Andrzej – Polnischlehrer, ein wenig vertrottelt

Bożena – Biologielehrerin, ein wenig kratzbürstig

Ein verrückter Plastiktütenmann – Jurodivyj, nietzscheanischer letzter Mensch

 

SZENE 1

Andrzej und  Bożena sehen im Fernsehen den Auftritt von Leonardo DiCaprio beim Klimagipfel [youtube http://www.youtube.com/watch?v=vTyLSr_VCcg&w=560&h=315]

Andrzej: Glaubst du ihm?

Bożena: In Titanic gefiel er mir besser.

Andrzej: Ohne Bart sah er besser aus.

Bożena: Ich hoffe, er ist nicht einer von diesen…na wie heißen sie denn…Veganiner?

Andrzej: Veganer.

Bożena: Veganier? Ist egal… von diesen, die kein Fleisch, sogar keinen Käse essen.

Andrzej: Käse? Das ist doch eine der besten Erfindungen der Menschheit. Unzivilisiert, einfach unzivilisiert.

Bożena: Also ich hoffe, dass DiCaprio mit denen nichts zu tun hat, obwohl das mit dem Bart da weiß ich selber nicht. Ich habe Angst um ihn, weißt du? Er war so hübsch, so attraktiv.

Andrzej: Veganer sollen nicht mal Honig essen.

Bożena: Nicht mal Honig? Warum essen sie keinen Honig?

Andrzej: Sie meinen, dass man den Bienen die Produkte ihrer schweren Arbeit nicht stehlen soll.

Bożena: Na, das ist ja wirklich absonderlich.

Andrzej: Meinst du auch? Die Bienen merken es ja nicht mal. Außerdem kriegen sie stattdessen Zuckerwasser. Kein Grund zur Klage.

Bożena: Jeder hat das Recht zu klagen. Wenn nur die klagen dürften, die es am schwersten haben… Niemand dürfte klagen außer Frauen, die zehn Kilometer durch die Wüste zum Wasserbrunnen gehen und von bewaffneten Kämpfern auf dem Hin- und Rückweg vergewaltigt werden. So heftig vergewaltigt, dass das Wasser verschüttet wird und sie zurück gehen müssen, um neues zu holen.

Andrzej: Musst du denn immer so drastisch sein?

Bożena: Nicht ich bin es, die Zeiten sind es. Ich vergewaltige niemanden.

Andrzej: Nein. Du erzählst nur davon, als ob du wirklich nicht wüsstest, wie der Abend angenehmer zu verbringen wäre.

Andrzej und Bożena erstarren mit Blicken zum Bildschirm.

Über  die Bühne geht der Plastiktütenmann, offensichtlich sucht er etwas. Etwas ist verloren gegangen.

 

SZENE 2

Die Bühne betritt Leonardo DiCaprio.

Leo: Siemka. Cześć. Dzieńdoberek. Entschuldigung, aber Polnisch ist keine mir so vertraute Sprache. Begrüße ich irgendwie falsch?

Andrzej: Meine Schüler sagen „Bääm“.

Bożena: Sie sagen auch „LOL“. Auf deren Autorität würde ich mich nicht berufen.

Andrzej: Ich berufe mich nicht. Ich sage einfach, dass die Sprache fließend ist und von ihren Nutzern gestaltet wird. Zudem wollte ich dem Herrn behilflich sein.

Bożena: Ich wollte dies, ich wollte jenes. Immer hast du etwas zu deiner Entschuldigung anzubringen. Und zur Entschuldigung deiner Kids. Wenn ich zu dir „LOL“ sagen würde, würdest du es mir einen Monat lang vorhalten.

Andrzej: Ich lache dich nie aus.

Bożena: Ständig.

Leo: Entschuldigung, habe ich Sie vielleicht gestört?

Bożena: Ach wo. Wir diskutieren einfach nur.

Andrzej: Bożena, lass es. Der Herr kam sicherlich hierher, weil er etwas Bestimmtes will, lass ihn sprechen.

Bożena: Genau. Sagen Sie uns erst einmal, was Sie bei uns zu Hause machen?

Leo: Das ist nicht euer Zuhause. Das ist unser aller Zuhause. Der Planet Erde.

Andrzej: Technisch gesehen haben Sie recht, es ergibt sich aber gerade, dass Sie sich in einem Fünfundvierzigquadratmeterausschnitt von ihm befinden, den wir gern unsere Wohnung nennen und für den wir eine staatliche Kreditrate zahlen. Bei der Zahlung würde ich jedes mal weinen, hätte ich keinen automatischen Dauerauftrag eingerichtet. Ich befolge das Ziel, mit der täglichen Plackerei dafür zu bezahlen, dass auf diesen paar Quadratmetern Fußboden, auf denen ich lebe, niemand ungebeten erscheint. Unterdessen stören Sie evident meine Raumzeit mit Ihrem hier plötzlichen Erscheinen. Wenn ich die Frage von Bożena auf diese Weise präzisieren darf.

Leo: Selbstverständlich. Das hatte ich erwartet. Wahrhaftig. Die bürgerliche Gewöhnung an Privateigentum ist so erbärmlich in Zeiten, in denen der halbe Planet sich in den Händen von einigen wenigen schwerreichen Leuten befindet. Diese Wohnung gehört euch übrigens auch nicht. Sondern der Bank. Die euch jederzeit zwangsräumen kann, wenn ihr auch nur für einen Moment aufhört, gute Bürger zu sein. Aber wie ihr wollt. Ich heiße Leonardo DiCaprio. Wohin auch immer ich gehe, werde ich erkannt. Menschen rufen meinen Namen, grüßen. Aber es gibt Leute, deren Leben für die Mehrheit von uns, Bewohner der ersten Welt, nichts bedeutet. Sie hungern und sterben, damit wir mit dem Auto eine Spritztour ins Riesengebirge machen können und die Batterie im Smartphone immer voll ist. Ich bin zu Ihnen in ihrem Namen, in unserer gemeinsamen Sache gekommen.

Bożena: Hat Ihnen wirklich niemand gesagt, dass Sie ohne Bart besser aussehen?

Leo: Ach, keine Übertreibung jetzt. Nennt mich Leo. Schließlich werden wir in den nächsten Tagen einige Zeit miteinander verbringen.

Andrzej: Aber wir … aber wir haben kein Gästezimmer.

Leo: Ich bin darüber selbstverständlich informiert worden, deshalb habe ich eine Isomatte und einen Schlafsack mitgenommen. Ich werde auf dem Boden in der Küche schlafen.

Bożena: Aber Herr Leonardo. Ich bin sicher, es werden sich für Sie in dieser Stadt Hotels finden lassen, die Sie mit Vergnügen gratis aufnehmen. Wenn Sie sich nur einmal in ihrer Lobby fotografieren lassen.

Leo: Leo, kein Herr. Ich heiße Leo.

Bożena: Leo. Wir haben viele ausgezeichnete Hotels. Gebaut für die Europameisterschaften.

Leo: Bożena, du bist dir vielleicht nicht darüber im Klaren, wie viel Emission von CO2 die Touristikbranche zu verantworten hat. Jedes gemietete Hotelzimmer schlägt sich auf die Gesundheit unseres Planeten nieder. Ich will das nicht unterstützen. Der Küchenboden ist ausgezeichnet.

Andrzej: Wir gehen aber doch noch nicht schlafen?

Leo: Nein. Selbstverständlich nicht. Ich habe euch ja das Wichtigste noch nicht gesagt.

Bożena: Den Eindruck habe ich auch…

Leo: Ich fasse mich also kurz. Ihr wurdet unter Millionen ausgewählt. Die große Schicksalsmaschine, konstruiert von unseren besten Fachleuten, zeigte euch an als vollkommen durchschnittliche Personen, ein Muster der Durchschnittlichkeit. Ihr seid weder klug noch dumm, weder reich noch arm, weder dünn noch dick. Alles entspricht der Norm. Zudem lebt ihr in diesem Durchschnittsland, dessen Geschichte weder besonders interessant noch besonders tragisch war. Eine mittelmäßige Geschichte eines mittelmäßigen Landes irgendwo in der Mitte von allem. Weder zu sterben noch zu leben lohnt es sich hier. Aber man kann es. Wie ein Zombie durch die Tage ziehen und sich freuen, dass sie vergehen.

Andrzej: Du übertreibst. Es ist nicht so schlimm.

Bożena: Das stimmt. Kein Grund zur Klage.

Leo: Eben! Das ist das, was mich am meisten aufbringt. Diese Haltung sorgenloser Negation. Als ob wir nicht am Rande der Klimakatastrophe wären. Als ob wir nicht direkt in die Hölle düsen würden. Die globale Erwärmung ist ein Fakt, der die Zukunft des Lebens auf Erden für immer beeinflussen wird. Es hängt von uns ab, wie groß die Ausmaße der Katastrophe sein werden. Noch können wir das Schlimmste verhindern. Und ihr, habt ihr denn keine Gründe, euch zu beklagen? Konzerne töten euch, machen unfruchtbar, vergiften eure Kinder, machen von ihren Produkten abhängig. Millionen von Menschen auf der Erde werden ihre Häuser verlassen müssen infolge der Kriege um Ressourcen, der Dürren und des steigenden Wasserspiegels. Bald wird ein Teil von ihnen an eure Tür klopfen mit der Frage, was ihr unserem Planeten angetan habt. Aber nein. Beklagt euch nicht. Seid der Meinung, dass es gar nicht so schlimm ist. Wozu die Sorge. Es wird schon irgendwie.

Bożena: Leo, ich bitte dich, setz dich. Wir wollen uns in Ruhe unterhalten. Wir sind hier alle erwachsene, vernünftige Leute. Es ist nicht nötig, sich so aufzuregen.

Leo: Richtig. Verzeiht. Ich bitte euch sehr um Verzeihung. Manchmal habe ich einfach keine Kraft mehr, es ständig zu erklären.

Andrzej: Wenn ich das richtig verstanden habe, sind wir für irgendeine Sendung ausgewählt worden. Steht uns dafür ein Honorar zu?

Leo: Genügt euch die Aussicht auf Errettung des Planeten nicht?

Andrzej: Der Planet ist das eine. Wir sind es aber, die sich vor Fernsehzuschauern aus aller Welt zum Narren machen werden.

Leo: Einen Augenblick. Wer sprach von Fernsehzuschauern?

Andrzej: Ich kenne ja schon eure Sendungen. Denkst du, wir schauen hier kein MTV Cribs?

Leo: Ich bin nicht dienstlich hier. Ich komme im Namen mir ähnlicher Leute, denen die Zukunft des Planeten am Herzen liegt. Langsam gehen uns die Ideen aus, was zu tun ist, damit wir in den nächsten einhundert Jahren den Planeten nicht gänzlich vor die Wand fahren. Jedes Jahr wissen wir mehr darüber, wie wir den Planeten vernichten und jedes Jahr kommt es schlimmer. Wir können die Maschinerie des Konsums und der Zerstörung nicht aufhalten.

Bożena: Mich macht es manchmal auch traurig, aber ich weiß nicht so recht, wie wir hier helfen können.

Leo: Eure Beteiligung ist wesentlich!

Andrzej: We want you. Lächerlich.

Leo (zu Andrzej): Sehr witzig. (zu beiden) Wenn es gelingen würde, solche absolut durchschnittlichen, standardmäßigen Leute wie euch von dem Kampf um Rettung des Planeten zu überzeugen, würde das bedeuten, dass jeder zu überzeugen ist. Der Planet Erde wäre gerettet.

Andrzej: OK. Du hast uns überzeugt. Und nun? Zahlt ihr per Überweisung oder bar?

Leo: (zu Andrzej) Glaube ich nicht. (an beide) Wir müssen zusammen einen Plan erarbeiten, wie Menschen wie ihr zu überzeugen sind, sich aktiv an der Verringerung des Konsums und an der Dekarbonisierung zu beteiligen, und mit einem negativem Wirtschaftswachstum zu leben lernen.

Andrzej: Ein bisschen viel.

Leo: Weniger wird es nicht mehr geben.

Andrzej: Kann man das nicht irgendwie aufteilen? Unter mehreren Personen? Ich zum Beispiel werde den Konsum einschränken, Bożena wir etwas zur Dekarbonisierung beitragen. Sie fährt sowieso mit dem Fahrrad zur Arbeit. Bożena?

Bożena: Dekarbo was?

Leo: Beseitigung der Kohle aus der Energiewirtschaft.

Bożena: Die Bergmänner werden sich sicher freuen.

Andrzej: Und vor Freude vor dem Parlament Reifen verbrennen sowie derbe Lieder singen.

Bożena: Ich frage mich immer, wie sie Zeit finden, zu den Demos hierher zu kommen. Müssen sie nicht arbeiten gehen?

Leo: Sie können nicht! Sie streiken doch!

Bożena: Sie streiken und es fehlen dann Leute zum Arbeiten.

Andrzej: Oder Möglichkeiten, zur Arbeit zu kommen.

Leo: (zu Andrzej) Echt, Alter, fährst du zur Arbeit am Sejm lang? Wirklich?

Andrzej: Treffer.

Leo: Es wäre schwieriger, würdest du nicht in Zitaten aus Radiosendungen für Börsenanwärter reden..

Bożena: Lass ihn, Leo. Ich erinnere dich daran, dass du hier zu Besuch bist. Du musst hier wirklich nicht so einen Fatzken geben.

Leo: Du hast schon wieder recht. Ich muss sagen, ich habe Zweifel gehabt. Aber jetzt sehe ich, dass sie euch zu Recht ausgewählt haben.

Andrzej: Ausgewählt? Wer genau hat uns ausgewählt? Und was sollen wir tun? Und wie sehr wird es weh tun?

Leo: Seid ihr einverstanden?

Bożena: Wir plaudern und plaudern, dabei möchte Leo vielleicht etwas trinken? Einen Tee? Für einen Kaffee ist es vielleicht schon zu spät. Wir haben auch ein Bier, glaube ich. Wenn Andrzej nicht alles weggesoffen hat.

Andrzej: Hab ich nicht weggesoffen. Ist da.

Bożena: Dann ein Bierchen vielleicht?

Leo: Nein, danke. Leitungswasser genügt.

Bożena geht in die Küche, kommt aber sogleich wieder.

Bożena: Leitungswasser? Wir haben kein Leitungswasser. Nur Mineralwasser. Ist das OK?

Leo: Klar habt ihr Leitungswasser. Ihr habt doch hier fließendes Wasser? Oder geht ihr zum Wasserbrunnen?

Andrzej: Klar haben wir Leitungswasser. Wir sind keine Wilden.

Bożena: Dieses Wasser ist glaube ich nicht trinkbar.

Leo: Ihr putzt damit doch Gemüse, das ihr später esst. Ihr trinkt es als Tee.

Bożena: Aber nachdem wir es gekocht haben. Ich kann es für dich kochen und abkühlen lassen, nur dauert es eine Weile.

Leo: Danke. Nicht nötig. Ich nehme einfach Wasser aus der Leitung. Ohne Kochen. Aus dem Wasserhahn, den ihr in der Küche habt, einfach so.

Bożena: Gut. Aber ich sage es dir gleich, dass ich für die Qualität nicht garantiere. Wir sind nicht in Hollywood und hier kommt aus dem Wasserhahn kein Dom Perignion.

Andrzej:  Dom Perignion ist kein Wasser.

Bożena: Weiß ich.

Leo: Ich auch.

Andrzej: Super. Lauter Feinschmecker.

Bożena geht zum zweiten Mal in die Küche, Andrzej schaltet das Radio ein, es wir das Lied von Tomek Saciłowski „W lipcu będzie maj“ (Im Juli wird es Mai geben) gespielt. Die Herren sitzen im Wohnzimmer und schweigen.

 

SZENE 3

Leo: Was würdet ihr also tun, um die Leute zu überzeugen, dass die globale Erwärmung ein gewichtiges Problem ist, das sie heute schon ernsthaft angehen sollen.

Bożena: Na, weiß ich nicht.

Andrzej: Warte, warte. Nicht so schnell. Bis jetzt haben wir uns nicht damit einverstanden erklärt, dass wir an diesem Zirkus überhaupt teilnehmen.

Leo: Das ist kein Zirkus, hier entscheidet sich die Zukunft unseres Planeten und des Lebens auf der Erde.

Andrzej: Nenn es wie du willst. Für dich ist es die Zukunft des Planeten, für mich ein gewöhnlicher Zirkus. Was meinst du, wie oft besuchen uns in unserer Wohnung Hollywoodstars?

Leo: Ich kann nur raten, tue es aber lieber nicht. Weil ich wieder unfreundlich werden müsste.

Bożena: Ich sag es dir also. Entschieden zu selten, um dir all das aufs Wort glauben zu können. Hast du irgendwelche Unterlagen, eine Bescheinigung, dass das ein offizieller Besuch ist? Übrigens würden Bescheinigungen nichts nützen. Die Abendnachrichten sind schon gelaufen. Die Behörden haben längst zu und du erwartest, dass wir das hier ernst nehmen?

Andrzej: Nur, weil du Leonardo DiCaprio heißt…

Bożena: Ich befürchte, dass wir uns nicht einmal dessen sicher sein können. Du siehst ihm zwar ähnlich, aber schließlich kennen wir dich nur vom Fernsehen und wir wissen alle, wie es ums Fernsehen steht.

Andrzej: Das Fernsehen lügt.

Leo: Ich bin kein Fernseh-, sondern ein Filmschauspieler.

Bożena: Ist das alles, was du zu deiner Erklärung zu sagen hast?

Andrzej: Da finden schon meine Grundschüler bessere Ausreden.

Leo: Das ist keine Ausrede. Das ist eine lockere Bemerkung, in keinem engen Zusammenhang mit dem Thema. Ich bin nicht als Schauspieler zu euch gekommen, sondern als ein wegen des Weltzustandes tief beunruhigter Mensch.

Andrzej: Da sage ich dir etwas zu den um die Welt besorgten Menschen. Sie sind überall! Sie machen den ganzen Tag nichts anderes als in der Stadt herumzulaufen und sich Sorgen zu machen –  sie sorgen sich um ALLES. Sie sorgen sich um die Luft, sie sorgen sich um das Wasser, sie sorgen sich um den Boden. Sie sorgen sich um GVO, Pestizide, Nahrungszusätze, Krebsauslöser. Sie sorgen sich um Quecksilber in den Impfungen, sorgen sich um Gluten. Sie sorgen sich um aussterbende Tiergattungen. Zu den gefährdeten Gattungen sage dir auch etwas, OK? Die Rettung gefährdeter Gattungen ist nur ein weiterer arroganter Versuch des Menschen, die Natur zu kontrollieren!

Bożena:  Andrzej!

Andrzej: Das ist eine arrogante Intervention, genau das hat uns Probleme beschert. Versteht das denn niemand?

(Leo und Bożena verstehen es nicht)

Eine Einmischung in die Natur! Über neunzig Prozent, erheblich mehr als neunzig Prozent aller Gattungen, die jemals auf diesem Planeten gelebt haben, sind ausgestorben! Tot! Wir haben nicht alle getötet. Sie sind einfach verschwunden. So ist die Natur. Zur Zeit verschwinden sie mit der Geschwindigkeit von fünfundzwanzig Gattungen täglich.

Leo: Zweihundert…

Andrzej: Unterbrich mich nicht! Zweihundert Gattungen sterben täglich aus. Was macht das für einen Unterschied. Ich unterstreiche, dass sie unabhängig von unserem Verhalten sterben.

Leo: Unterstreiche nur, es verleiht dem dennoch kein Recht.

Andrzej: Unabhängig davon, wie wir uns auf diesem Planeten verhalten, werden zweihundert von heute lebenden Gattungen den morgigen Tag nicht erblicken. Lassen wir sie in Würde gehen! Lassen wir die Natur in Ruhe! Haben wir nicht schon genug getan? Jeder will jetzt etwas retten. „Retten wir Bäume, retten wir Bienen, retten wir Wale und Schnecken!“ Und die größte Arroganz von allen – „Retten wir den Planeten!“ WAS? Willst du uns veräppeln? Den Planeten retten? Wir wissen nicht einmal, wie wir uns selbst versorgen sollen! Wir haben noch nicht gelernt, wie wir füreinander Sorge tragen sollen und wir wollen den Planeten retten? Mit dem Planeten ist nichts Schlimmes los. Dem Planeten geht es gut. Mit den Menschen ist es aus. Im Vergleich zu den Menschen geht es dem Planeten ausgezeichnet. Er existiert seit viereinhalb Milliarden Jahren. Und wir, wie lange? Seit einhunderttausend Jahren, vielleicht zweihunderttausend? Die industrielle Revolution fand vor zweihundert Jahren statt. Zweihundert contra viereinhalb Milliarden Jahre. Dann haben wir noch die Dreistigkeit zu glauben, wir stellen irgendeine Bedrohung dar? Diese schöne grünblaue Kugel, die ruhig um die Sonne kreist, hat schon viel Schwierigeres durchgemacht. Erderschütterungen, Vulkane, Bewegungen tektonischer Platten, Wanderungen der Kontinente, Sonnenexplosionen, Sonnenflecken, magnetische Gewitter, die Umkehrung magnetischer Pole. Hunderttausend Jahre Bombardements mit Kometen, Asteroiden, Meteoriten, globale Hochwasser und Brände, Flutwellen, Erosionen, kosmische Strahlung, periodische Eiszeiten, und wir glauben, dass irgendwelche Plastiktüten und Aludosen etwas verändern werden?

Der Planet wird noch lange lange nach uns existieren. Und er wird von selbst genesen und sich selbst bereinigen, weil die Natur so ist. Das ist ein System mit Selbstkorrektur. Die Luft und das Wasser werden genesen, die Erde wird sich erneuern. Selbst wenn es stimmt, dass Plastik nicht abbaubar ist, na und? Der Planet wird es halt in eine neue Formel aufnehmen: „Erde + Plastik“. Die Erde teilt unsere Vorbehalte gegenüber Plastik nicht. Das Plastik entstand aus der Erde und sie sieht es vermutlich als ihr nächstes Kind. Die Erde wollte Plastik haben. Sie wusste nicht, wie es zu erschaffen ist, also benutzte sie uns. Jetzt macht sie daraus Inseln, auf denen vielleicht eine andere, bessere, klügere Lebensform entstehen wird. Das Plastik ist schon da, die Aufgabe ist erfüllt, wir können uns zurückziehen.

Leo: Sag das den Leuten in Indien, die ihr ganzes Leben mit dem Sortieren unseres Mülls verbringen. Servus. Salute. Sortiert noch diesen Müll bis zum Schluss, dann könnt ihr verrecken.

Andrzej: Ehrlich gesagt sieht uns der Planet vermutlich als eine kleine Gefährdung. Als etwas, womit man fertig werden kann. Und ich bin sicher, dass der Planet sich mit den Mitteln eines großen Organismus erfolgreich verteidigen wird. Er wird wie ein Bienenschwarm oder eine Ameisenkolonie eine Verteidigung entwickeln.

Bożena: Was würdest du denn tun, wenn du ein Planet wärest, der sich vor einer schwierigen, ungezogenen Gattung zu verteidigen sucht? Was könnte das sein? Viren?

Andrzej: Viren sind clever. Sie mutieren und bilden neue Arten, immer wenn ein Impfstoff gegen sie erfunden wird. Gut bewähren könnte sich ein Virus des Immunsystems, übertragbar auf sexuellem Wege, welches das Engagement der Menschen in den Reproduktionsakt etwas schwächen würde.

Bożena: Ich habe gerade verstanden, warum ich als Partnerin eines so unverbesserlichen Romantikers immer noch keine Kinder habe.

Andrzej: Ich darf doch wohl träumen? Nicht wahr? Warum ich mir keine Sorgen um kleine Dinge mache, um Bäume, Bienen, Wale, Schnecken. Ich bin der Meinung, dass wir Teil eines größeren Sinns sind, den wir nicht begreifen.

Leo: Du hast gerade den jämmerlichsten Versuch einer Selbstrechtfertigung vorgetragen, den ich je gehört habe. Arroganz, Ignoranz, Egoismus, Scheinheiligkeit, Falschheit und eine gemeine Bequemlichkeit gewürzt mit Selbstherrlichkeit. Ich habe mich köstlich amüsiert. Ich hätte mich aber noch besser amüsiert, wenn das nicht so widerlich wäre. Wegen solcher selbstzufriedener Männchen bewegt sich dieser Planet direkt auf die Hölle zu. Wir können nichts machen, wir können nichts machen, heulen sie. Als hättet ihr mit dem, was ihr macht, die Welt nicht in den Ruin getrieben. Es würde genügen, mit der Zerstörung des Planeten aufzuhören. Das könnt ihr aber nicht, weil ihr euren Lebensstil verändern müsstet. Scheiß auf den Planeten, wichtig ist, dass wir noch eine Weile unseren destruktiven Lebensstil fortsetzen können, den wir so gern haben. Dass Gattungen aussterben, heißt nicht, dass wir zwangsläufig zu ihrem Tod beitragen. Die Tatsache, dass jemand sterben wird, gibt uns kein Recht, ihn zu töten. Vielleicht werden wir das Schicksal der Dinosaurier bald teilen. Und das auf eigenen Wunsch. Weil die Dinosaurier kein Bewusstsein hatten. Wir schon. Zumindest meinen wir es gern so. Aber du weißt es selbstverständlich besser. Es lohnt sich nicht, sich um das Schicksal der Würmer zu sorgen. Was aber, wenn das Schicksal der Würmer eine Schlüsselfunktion in unserem Ökosystem hat? Rotte Bienen aus und du wirst vielleicht nie wieder Blumen sehen.

Bożena: Na, hört schon auf zu streiten. Wir haben doch nicht oft so einen Star zu Gast, dass wir Zeit mit unnützen Streitigkeiten verlieren sollten. Erzähl uns, Leo, lieber, was es in der großen Welt gibt. Läuft es bei den Chinesen rund?

Leo: Anders als man so sagt, liegt den Chinesen immer mehr an der Klimapolitik. Nicht verwunderlich, übrigens. China hat die am meisten verschmutzten Städte der Welt. Städte, deren Bewohner nie die Sonne sehen. Sie leben im Land des ewigen Smog. Alles, was sie kennen, ist eine Landschaft, die ganz wie Mordor aussieht. Sie können nicht die Augen verschließen vor einem Problem, das sie direkt vor ihrer Nase haben. Schon letztes Jahr ist China zum größten Produzenten von Solarpanelen in der Welt geworden. Zudem hat es das Klimaabkommen unterzeichnet und wir können nicht länger das Problem abwälzen mit dem Gefasel, dass alles von den Chinesen abhängt und diese nichts tun. Sie tun etwas.

Bożena: Du bist ein sehr sachlicher junger Mensch. Sicherlich liest du viel, wenn du nicht in Filmen auftreten musst?

Leo: Ich bemühe mich. Danke, das ist sehr nett von dir, das zu sagen.

Andrzej: Wenn unsere Schüler so viel lesen würden. Nachdem wir das Problem der globalen Erwärmung gelöst haben werden, könnten wir uns nicht der Steigerung der Lesebereitschaft bei der polnischen Jugend zuwenden?

Leo: Ich weiß nicht. Ich müsste meine Vorgesetzten fragen.

Andrzej: Scherz. Nichts kann die Lesebereitschaft der polnischen Jugend steigern. Man müsste dafür vermutlich das Internet abschaffen.

Leo: Das lässt sich machen.

Andrzej: Ernsthaft?

Leo: Wir arbeiten dran. Die Rückkehr in die Steinzeit ist zweifelsohne einer der wenigen realen und nachhaltigen Wege, die Emissionen zu verringern.

Andrzej: Ernsthaft?

Leo: Neeein. Ich nehme dich auf den Arm. Du bist schrecklich naiv. Glaubst du, dass ich hier wäre, wenn es genügen würde, das Internet auszuschalten und die Sache wäre erledigt? Denkst du wirklich, dass ich in dieses schlammige Land gekommen wäre, wenn wir bessere Ideen hätten?

Andrzej: Du hast recht. Entschuldige. Es lässt sich nicht verbergen, dass ihr sehr verzweifelt sein müsst, wenn ihr in Polen gelandet seid.

Bożena: Ich erinnere dich Leo, dass du versprochen hast, nett zu sein und schon wieder hast du etwas gegen Andrzej, der dir nichts Schlimmes getan hat.

Leo: Wir alle tun etwas Schlimmes. Niemand ist unschuldig. Indem wir leben und konsumieren, unterstützen wir das Böse und das Leid.

Andrzej: War es jemals anders?

Bożena: Andrzej ist nicht schuldiger als alle anderen Erdbewohner, also ich bitte dich, geh mit den Emotionen runter und sage genau, worum es dir geht.

Leo: Gut, Entschuldigung. Also noch einmal von Anfang an. Mich hat eine Gruppe beunruhigter Bürger geschickt, denen die Zukunft des Planeten am Herzen liegt.

Andrzej: Sie haben dich wohl nicht so gern, wenn sie dich nach Polen geschickt haben.

Bożena: Andrzej!

Leo: Diese Gruppe organisiert seit Jahren Arbeitstreffen und Konferenzen, bei denen wir überlegen, was zu tun ist, damit die menschliche Gattung sich selbst nicht ausrottet.

Andrzej: Diese Treffen habt ihr sicherlich in Fünfsterne-Hotels, wo ihr mit Düsenfliegern hin fliegt.

Leo: Nein. Wir treffen uns im Internet.

Andrzej: Hast du sie nie live gesehen?

Leo: Manche habe ich gesehen.

Bożena: Vertraust du ihnen?

Leo: Mehr als der eigenen Mutter.

Bożena: Du hast immer noch keine Freundin, was?

Leo: Wieso?

Bożena: Nur so. Ich dachte darüber nach, wie sehr du deiner Mutter vertraust. Fahr fort.

Leo: Ich vertraue ihr sehr. Also als wir in dieser Gruppe gearbeitet haben – immer verzweifelter, dessen solltet ihr euch bewusst sein – sind wir zu dem Entschluss gekommen, dass für eine Errettung des Planeten die Überzeugung einfacher Leute wie ihr entscheidend ist, damit sie ihre Einstellung ändern.

Andrzej: Was haben wir denn für eine Einstellung?

Leo: Du hast es doch eben gesehen. Egoistisch, kurzsichtig, mit Achselzucken als Erklärung für alles, dass es schon so sei und es ergebe keinen Sinn, irgendetwas zu machen. Aber das ist nicht wahr. Man kann noch viel machen. Das Schicksal der Welt liegt in unseren Händen.

Andrzej: Vielleicht in deinen.

Leo: Jetzt in euren auch.

Bożena: Wir haben noch nicht zugestimmt.

Leo: Ihr werdet aber zustimmen. Das ist doch für euch die einzige Chance, irgendeinen Erfolg zu haben, eine Bekanntheit in den Medien zu erlangen, vielleicht sogar den Planeten zu retten. Warum solltet ihr nicht zustimmen? Wollt ihr weiter euer langweiliges Leben frustrierter Lehrer führen?

Bożena: Entschuldige, aber ich mag meine Arbeit.

Leo: Ja, klar. Und du würdest sie nicht hinschmeißen, wenn du eine Aussicht auf ein bequemes Leben von den Dividenden für die Errettung des Planeten hättest?

Andrzej: Endlich. Wir werden konkret. Also was zahlt ihr?

Leo: Wenn ihr es schafft? So viel, dass ihr euch nie mehr den Kopf um irgendetwas werdet zerbrechen müssen.

Andrzej: Es klingt wie ein unwiderstehliches Angebot.

Leo: Mit etwas anderem wäre ich nicht gekommen.

Bożena: Ist das überhaupt moralisch?

Andrzej: Was denn?

Bożena: Uns dafür zu bezahlen, was die Menschen ohnehin von selbst tun sollten, wenn sie Schönheit und Güte wirklich im Herzen hätten.

Andrzej: Wenn jemand für die Rettung des Planeten zahlen will, dann weiß ich nicht, warum ich dieses Geld nicht annehmen sollte.

Bożena: Und umsonst würdest du es nicht tun? Nur dafür, in die Geschichtsbücher zu kommen?

Andrzej: Ich weiß es nicht. Ich müsste darüber nachdenken. Werden uns die Schüler dann nicht auslachen? Wie Johannes Paul II.

Bożena: Andrzej! Entschuldige Leo, normalerweise ist er nicht so zynisch.

Andrzej: Normalerweise bin ich normal zynisch, aber das hier ist keine normale Situation.

Bożena: Dann sag noch, was wir zu tun hätten.

Leo: Das ist der schwierige Teil, weil es eigentlich niemand weiß. Ich weiß so viel, dass ihr unter allen Erdbewohnern ausgesucht worden seid als vollkommen durchschnittliche Personen und dass eure Tätigkeit der Schlüssel zur Errettung der Erde sein soll. Was ihr tun sollt, sagte mir aber niemand. Vielleicht weiß das einfach niemand. Und ihr werdet euch das einfallen lassen müssen. Passt es euch?

Andrzej: Und es wird übertragen wo?

Leo: Ich weiß nichts von einer Übertragung. Das ist keine Reality-Show. Aber wenn es euch gelingt, könnt ihr sicher sein, dass ihr in die Fernsehstudios der ganzen Welt eingeladen werdet.

Bożena: Ich wusste, dass ich mir mehr Mühe mit Englisch geben soll, denn es wird mir noch nützlich sein.

Andrzej: Nur mit der Ruhe. Zuerst müssen wir den Planeten retten und sie prophezeien uns keinen besonderen Erfolg dabei, also hast du vielleicht zurecht keine Zeit mit Erlernen der Imperialistensprache vergeudet.

Bożena: Beim Retten des Planeten könnte die Sprachkenntnis auch nützlich werden.

Leo: Wir organisieren Übersetzer, wenn es darauf ankommt.

Andrzej: Das hätte ich doch gern schriftlich.

Leo: Was? Die Übersetzung?

Andrzej: Es ging mir um einen Vertrag. Sollten wir nicht etwas unterschreiben?

Leo: Selbstverständlich. Gebt mir fünf Minuten.

Bożena: Dann setze du vielleicht einen Vertrag in der Küche auf und währenddessen werde ich mit Andrzej eine kleine Unterredung unter vier Augen haben, ja?

Leo: Klar. Überdenkt alles in Ruhe. Reichen fünf Minuten?

Bożena: Wir werden sehen. Wir rufen dich dann. Fühle dich wie bei dir zu Hause.

Leo geht in die Küche und übt dort Yoga. Den Vertrag setzt er im Kopfstand auf.

Bożena: Und was denkst du darüber?

Andrzej: Er sieht wie der echte Leonardo DiCaprio aus.

Bożena: Aber wir haben doch nie den echten Leonardo DiCaprio kennen gelernt. Vielleicht ist das einfach ein ausgezeichneter Doppelgänger?

Andrzej: Selbst wenn, wir haben nichts zu verlieren.

Bożena: Glaubst du wirklich an diese bescheuerte Idee? Wir werden es doch nicht schaffen, uns eine Vorgehensweise gegen Klimaänderungen einfallen zu lassen, nur sinnlos verlorene Mühe.

Andrzej: Woher willst du das wissen? Wenn sie ausgerechnet uns ausgesucht haben, dann werden sie dafür wohl wichtige Gründe gehabt haben. Wir haben vielleicht doch ein Potenzial. Ein Potenzial, etwas Größeres zu machen. Ich habe es schon immer gespürt, dass für mich das Leben eines Helden, eines verdammten Soldaten oder jemandes dieser Art vorbestimmt ist. Ich lasse es nicht zu, dass eine solche Gelegenheit an mir vorbei geht.

Bożena: Aber du glaubst doch nicht einmal, dass der Planet gerettet werden muss…

Andrzej: Weil der Planet ohne uns zurechtkommen wird. Aber ob die menschliche Gattung überleben oder aussterben wird, hängt doch ein wenig von uns ab. Obgleich ich mir insgesamt nicht sicher bin, ob wir ein Überleben verdienen.

Bożena: Du wirst dich aber aktiv dafür einsetzen, wenn sie dich gut bezahlen?

Andrzej: Warum nicht?

Bożena: Das ist etwas unlogisch.

Andrzej: Das Leben ist unlogisch. Zum Teil hasse ich die Menschheit, zum Teil gehöre ich dazu. So sehr wünsche ich mir den Tod auch wieder nicht. Und was denkst du?

Bożena: Weiß ich nicht. Alles sieht sehr verdächtig aus. Andererseits wäre ich aber bereit, viel zu tun nur für ein Sichzeigen in der Stadt mit Leonardo DiCaprio. Ich kann sogar versuchen, den Planeten zu retten. Wenn es ihm so wichtig ist.

Andrzej: Dann rufe ich ihn jetzt.

Bożena: Gut.

Leo kommt  zurück, er gibt dem Paar die Verträge.

Leo: Hier müsst ihr eure Daten einsetzen und hier unterschreiben. Und hier. Und noch hier.

Andrzej: Würde weniger Bürokratie die Welt nicht retten?

Leo: Manchmal denke ich das auch, aber andererseits: Wer wird euch schon glauben, dass Leonardo DiCaprio bei euch war und euch einen Berg an Geld für die Errettung des Planeten versprochen hat? Es ist schon besser, es schriftlich zu haben.

Andrzej: Ja, klar. Ich sags nur so. Weißt du, dass es in Polen über vierhunderttausend Beamte gibt?

Leo: Vielleicht immer noch zu wenig, wenn dieses Land so aussieht, wie es aussieht.

Andrzej: Beamte werden es nicht in Ordnung bringen.

Leo: Wer dann? Unternehmer? Politiker? Putin?

Andrzej: Das ist nicht witzig.

Leo: Gut. Es ist spät geworden. Ich würde mich gern hinlegen. Braucht ihr etwas aus der Küche? Wenn was ist, keine Scheu, kommt rein. Ich versuche mich so zu platzieren, dass ich nicht im Weg liege.

Bożena: Dann hole ich jetzt das Bier.

Bożena und Leonardo gehen in die Küche. Leo legt seine Isomatte und den Schlafsack aus. Bożena holt das Bier aus dem Kühlschrank. Sie trinken im Schweigen. Im Radio läuft „Nie pytaj o Polskę” (Frag nicht nach Polen) von Obywatel G.C.. Bożena und Andrzej fangen zu tanzen an. Langsam erlischt das Licht.

 

SZENE 4

Leo, Bożena und Andrzej sitzen bei der Lehrersitzung in der Schule, wohin sie den Schauspieler geschleppt haben mit der Behauptung, dort gibt es den besten Raum zum Denken.

Bożena: Habt ihr gesehen, wie alle gestarrt haben?

Andrzej: Es war schwer zu übersehen.

Leo: Man kann sich daran gewöhnen. Mit der Zeit hörst du auf, auf deinen Namen zu reagieren. Weil du denkst, sicher sind es schon wieder irgendwelche Fans und es lohnt sich nicht zu reagieren.

Bożena: Drehst du dich dann nicht um?

Leo: Ich versuche es nicht zu tun.

Bożena: Und wenn du zum Beispiel deine Brieftasche verlieren würdest?

Leo: Ich würde den Assistenten anrufen, damit er mir eine neue bringt.

Bożena: Und wenn du das Telefon verlieren würdest?

Leo: Man würde mich bestimmt in der nächst gelegenen Kneipe telefonieren lassen.

Bożena: Und wenn jemand sterben und Hilfe brauchen würde?

Leo: Derjenige würde schreien „Ich sterbe, Hilfe“ und nicht „Leonardo, ich liebe dich“.

Andrzej: Das klingt logisch, aber vielleicht packen wir die Arbeit an?

Leo: Richtig. Also überlegt, was ihr tun würdet, um die Menschen davon zu überzeugen, dass wenn wir nicht schnell und in großem Maße zu handeln beginnen, wir die globale Erwärmung nicht nur nicht aufhalten, sondern nicht einmal verlangsamen werden!

Andrzej: Vielleicht irgendeine gesellschaftliche Kampagne?

Leo: Ja. Eine gesellschaftliche Kampagne. Das habe ich auch versucht. Warum soll man keine gesellschaftliche Kampagne versuchen? Eben. Warum? Weil es nichts bringt! Versuchen kann man es aber immer. Warum nicht. Lass es uns versuchen. Es ist einen Versuch wert. Wie würde diese eure Kampagne aussehen?

Bożena: Vielleicht so ein Film. Im Bild ein Meer, Fahrt auf eine Eisscholle. Auf ihr sitzt ein Eisbär. Fahrt auf ihn und wir sehen, dass er weint, da sein Eishäuschen geschmolzen ist. Der Zuschauer identifiziert sich sogleich mit dem traurigen Bären.

Leo: Ausgezeichnet. Hat dir schon mal jemand gesagt, dass du in der Werbung arbeiten solltest? Leo Burnett würde für so eine Idee mindestens zwei Millionen nehmen.

Andrzej: Ich habe nicht einmal eine Kamera…

Leo: Keine Sorge. Meine Organisation kümmert sich um alles.

Eine Gruppe Statisten fährt auf die Bühne Filmequipment. Sobald sie abgehen, sehen wir, dass in der Mitte ein trauriger Bär aufgenommen wird, der das Lied „Ice Cave” Lebanon Hanover singt: [youtube http://www.youtube.com/watch?v=oVQSLEcIdVA&w=420&h=315]

Die Scholle schmilzt, der Bär ertrinkt.

Leo: Ich bin gerührt. Denkt ihr, dass das alle Menschen auf der Welt überzeugen wird, mit dem übermäßigen Stromverbrauch aufzuhören und überhaupt die Einstellung zu fast allem zu ändern?

Bożena: Nein.

Andrzej: Glaube ich nicht.

Leo: Und jetzt?

Andrzej: Ich weiß es nicht.

Bożena: Ich auch nicht.

Leo: Na, dann müsst ihr euch etwas einfallen lassen. Es müssen nicht sofort globale Handlungen sein. Man sollte vielleicht eher vor der eigenen Tür anfangen?

Andrzej: Vor unserer Tür hat man gerade im Rahmen der Aktion „Das Große Aufräumen der Welt“ Ordnung geschaffen. Obwohl es etwas schwierig war, die Kinder zu überzeugen, dass sie, bevor sie mit dem Wald loslegen, zuerst unseren Hof aufräumen sollten. Aber wir Lehrer haben gewisse Erziehungsmethoden.

Leo: Das mit der eigenen Tür war eher so eine Metapher. Es ging mir darum, dass es sich vielleicht lohnt, eine Veränderung an sich selbst und der eigenen Umgebung anzudenken, bevor wir damit anfangen, die ganze Welt zu überzeugen, dass sie sich verändern sollte.

Bożena: Genau so meine ich auch. Deshalb nehme ich immer das Ladegerät aus der Steckdose, wenn das Telefon gerade nicht geladen wird und ich habe ein Verlängerungskabel gekauft, mit dem ich alle Geräte auf einmal ausschalten kann, so dass sie nicht im Standbymodus bleiben. Standby verursacht auch – wie man weiß – Energieverbrauch. Ganz schön viel, aufs Jahr umgelegt.

Leo: Sehr gut. Darum geht es eben. Jetzt sollte man diesen Maßnahmen ein größeres Ausmaß verleihen. Andere Leute davon überzeugen, dass sie es genauso zu tun haben.

Andrzej: Aber warum sollten sie es tun? Um 5 Zloty zu sparen? Gnade. Du wirst mehr Energie bei diesem ganzen Ein- und Ausschalten, Reinstecken und Herausnehmen verlieren als Strom sparen.

Leo: Aber die menschliche Energie ist erneuerbar, die fossilen Brennstoffe nicht.

Andrzej: Vielleicht deine.

Leo: Was?

Andrzej: Wenn ich für etwas Energie aufwende, habe ich danach keine mehr.

Bożena: Deshalb sollte man sie sparen.

Andrzej: Deshalb sollte man wenig und unter würdigen Umständen arbeiten. Aber so ist es nun mal nicht. Um Gottes Willen. Ich bin Polnischlehrer. Ich verstehe etwas davon.

Leo: Wollen die Kinder kein Polnisch lernen?

Andrzej: Wozu sollten sie es denn gebrauchen? Eine aussterbende Sprache irgendeines wilden Landes…

Leo: Ihr Polen habt euch schon immer nicht zu schätzen gewusst. Und Małysz? Kopernikus? Curie-Skłodowska? Christoph Kolumbus?

Andrzej: Eigentlich sprach niemand von denen Polnisch. Kolumbus sprach Italienisch, Spanisch und Portugiesisch, Kopernikus Deutsch, Skłodowska Französisch, Małysz Gebirgspolnisch. Vielleicht haben wir deshalb Esperanto erfunden.

Leo: Was auch niemand spricht. Schade, es wäre leichter, wenn alle eine gemeinsame Sprache hätten, in der die Worte das bedeuten, was sie bedeuten sollen.

Bożena: Das ist sehr interessant, was ihr sagt, aber wir haben uns ja etwas einfallen zu lassen.

Andrzej: Ich denke immer noch, dass eine Werbekampagne eine gute Idee ist. Wenn man es geschafft hat, Leute in der ganzen Welt zu überzeugen, dass ein schwarzgefärbtes zuckerhaltiges Sprudelwasser so super ist, dann kann man sie von allem überzeugen.

Leo: Historisch gesehen hast du vielleicht recht, aber bedenke, dass es mit der Entwicklung des neoliberalen Kapitalismus zu einem solchen Überschuss an Impulsen gekommen ist, dass wir die meisten Informationen, die uns erreichen, einfach ignorieren.

Bożena: Leo, wie klug du bist. Das hätte ich nie gedacht.

Leo: Ich will es als Kompliment auffassen.

Andrzej: Ach herrje, schleime dich nicht so ein. Es kann schon sein, dass er ein berühmter Schauspieler ist, aber ich erinnere, dass er sich an uns um Hilfe gewandt hat.

Bożena: Weil wir perfekt durchschnittlich sind!

Andrzej: Das ist auch eine Leistung!

Bożena: Vielleicht bei deinen Ansprüchen!

Leo: Hört auf zu schreien als ob ihr in irgendeinem Theater auftreten würdet. Wir haben eine Sache zu bereden.

Andrzej: Da haben wir doch gerade jemanden gebraucht, der uns tadeln kann. Danke, Leo.

Leo: Ach, seid doch nicht so empfindlich. Ich bezahle euch, denkt daran.

Bożena: Das liefert dir noch keinen Grund, dich hier so breit zu machen.

Leo: Verzeiht, verzeiht. Können wir aber zum Thema zurückkommen?

Andrzej: Wir erstellen vielleicht eine riesengroße Bombe und werfen sie auf fast alle. Alle erwischst du sowieso nicht. Menschen sind wie Ratten. Sie überleben alles. Also kann man die Bombe ruhig auf alle werfen. Da einige wahrscheinlich doch irgendwo überleben werden.

Bożena: Ich erinnere, dass das aktuelle Nuklearwaffenarsenal ausreicht, um die Erde dreimal in die Luft zu sprengen, also weiß ich nicht so genau, wo sie denn überleben sollten.

Andrzej: Sicherlich schaffen sie es irgendwo. Ich kenne sie schon.

Leo: Hört auf, wir werden keine Bomben abwerfen.

Andrzej: Und warum nicht? Es ist sonnenklar, dass bei stets steigender Population sich die Emission von Kohlendioxid in die Atmosphäre nicht verringern lässt. Menschen, die geboren und immer reicher werden, wollen mehr verbrauchen als ihre Eltern und nicht weniger. Und wer sollte es ihnen verbieten?

Bożena: Aber eine Bombe?

Andrzej: Sie werden es nicht einmal spüren.

Leo: Hört auf!

Andrzej: Hör auf uns zurechtzuweisen. Sollen wir uns etwas einfallen lassen für die Rettung der Menschheit, oder nicht? Du möchtest doch nicht etwa, dass uns political correctness einschränkt?

Leo: Ihr seid dabei, eine Massenvernichtung der Menschheit zu planen. Das ist nicht nur nicht korrekt, das ist einfach verbrecherisch.

Andrzej: Na und?

Leo: Das geht so nicht. Wir sind hier, um die Menschheit zu retten und nicht zu vernichten.

Andrzej: Vielleicht verlangt das Überleben der Menschheit Opfer?

Leo: In Form einer Hekatombe von Zivilbevölkerung? Ich weiß, dass ihr Polen darin schon immer gut gewesen seid, aber ich bin nicht sicher, ob das gute Vorbilder sind, wert, nachgeahmt zu werden.

Andrzej: Jetzt wirst du uns auch noch beleidigen?

Bożena: Ausgerechnet das ist aber wahr.

Andrzej: Dank dieser Opfer haben wir wieder die Unabhängigkeit erlangt!

Leo: Eher dank der geopolitischen Veränderung.

Andrzej: Ich verstehe es immer noch nicht, was du gegen die Massenvernichtung der Menschheit hast.

Leo: Es muss einen besseren Weg geben.

Andrzej: Ja, eine Massensterilisation. Menschen sterben nicht, es werden einfach keine mehr geboren.

Bożena: Und wer wird sich um alle diese Greise kümmern?

Leo: Das ist ein wirkliches Problem.

Andrzej: Wäre es nicht besser für sie, wenn sie einfach sterben würden?

Aus Lautsprechern ist zu hören: Eheleute Waśniewski werden zum Direktor gebeten.

Bożena: Entschuldige uns bitte. Geh nicht weg. Wir sind gleich wieder da.

Waśniewskis gehen hinaus.

 

SZENE 5

Andrzej und Bożena kommen wieder.

Leo: Alles in Ordnung?

Andrzej: Der Direktor wollte wissen, ob du es wirklich bist.

Leo: Und was habt ihr ihm gesagt?

Bożena: Die Wahrheit.

Leo: Welche?

Andrzej: Dass du ein Doppelgänger von Leonardo DiCaprio bist, der in unserem Theaterstück über die globale Erwärmung, das wir für die Schulfeier vorbereiten, mitspielt.

Leo: Ich hoffe, dass das doch nicht die Wahrheit ist.

Andrzej: Macht es dir Sorgen, dass du nicht der echte Leonardo DiCaprio bist?

Leo: Vielmehr befürchte ich, dass ein Schultheaterstück die Welt nicht retten kann.

Andrzej: Wenn du aber schon hier bist, könntest du in einer kleinen Aufführung auftreten, oder?

Bożena: Und Die Totenfeier?

Leo: Was für eine Totenfeier?

Bożena: Ein Drama von Adam Mickiewicz. Nach einer Aufführung 1968 kam es in Polen zu Massenprotesten.

Andrzej: Diese Aufführung war aber nur ein Katalysator für das Gefühl der Unterdrückung, welches die ganze Gesellschaft unter der Haut hatte.

Bożena: Doch nicht die ganze Gesellschaft. Jerzy Urban empfand kein Gefühl der Unterdrückung.

Andrzej: Woher willst du das wissen?

Bożena: „Die Regierung wird sich schon selbst ernähren.“ Hello?

Leo: Vielleicht hat die Gesellschaft jetzt auch etwas unter der Haut und man sollte dem Raum geben, damit es heraus kann.

Andrzej: Ich kenne diese Gesellschaft ein wenig und ich sehe es irgendwie nicht.

Leo: Hast du schon eine Million Dollar gesehen?

Andrzej: Was?

Leo: Ob du jemals mit eigenen Augen eine Million Dollar gesehen hast?

Andrzej: Nein.

Leo: Aber du glaubst, dass es sie gibt?

Andrzej: Na klar.

Leo: Warum glaubst du dann nicht, dass die Gesellschaft unter der Haut ein Bedürfnis nach Protest hat? Warum kannst du dir eine Million Dollar vorstellen, aber eine Revolution überschreitet die Grenzen deiner Vorstellungskraft?

Andrzej: Du fragst das ernsthaft?

Leo: Ja!

Andrzej: Na, weißt du, Stalin, Lenin, Pol-Pot, Che Guevara. Ein paar Leute haben schon die Revolution versucht und du kennst die Folgen.

Leo: Und eine Million Dollar hat nie jemandem Schaden zugefügt? Wenn man ehrlich zusammenzählen würde, dann wurden mehr Leute des Geldes wegen als im Namen von Gleichheits- und Gerechtigkeitsidealen umgebracht. Und doch hat Geld immer noch bessere PR.

Andrzej: Das Geld trägt keine Schuld, es ist nur ein Symbol.

Leo: Richtig, aber es ist noch kein Grund, daran zu glauben.

Andrzej: Wer sagt, dass daran zu glauben ist? Es lohnt sich einfach, sie zu haben. Und es ist besser, wenn mehr davon da ist.

Leo: Den Planeten zu haben, lohnt sich auch. Und es ist besser, wenn er in einem guten Zustand ist. Weißt du, dass die Konzentration von Kohlendioxid in der Atmosphäre dieses Jahr 400 ppm überschritten hat? Wissenschaftler halten 350 ppm für ein gefahrloses Niveau. Vor der Industrialisierung waren es  280 ppm.

Bożena: Wie sollten wird denn die Konzentration von Kohlendioxid in der Atmosphäre verringern, wenn es schon da ist?

Leo: Ich hoffe, dass ihr mir das sagen werdet.

Bożena: Künstliche Photosynthese? Ich habe mal gelesen, dass Forscher aus Lublin eine Methode zur Wiedergewinnung von Methanol aus Wasser und Kohlendioxid mithilfe von Katalysatoren und ultravioletter Strahlung erarbeitet haben.

Leo: Vermutlich ist mehr Energie nötig, um das Kohlendioxid zu bestrahlen, als am Ende dabei herauskommt.

Andrzej: Warum bist du so pessimistisch? Glaubst du an keine Innovationen unserer polnischen Forscher?

Leo: Ihre Nationalität tut hier nichts zur Sache. Wissenschaftler arbeiten an der Photosynthese seit den Neunzehnhundertsiebzigern und irgendwie ist es noch niemandem gelungen, eine ökonomisch effektive Methode der Umwandlung von Kohlendioxid in einen Brennstoff zu erarbeiten.

Andrzej: Was nicht bedeutet, dass es ihnen nicht noch gelingen wird.

Bożena: Ich habe darüber vor ein paar Jahren gelesen, also vermutlich hat es noch nicht geklappt.

Andrzej: Wir können jederzeit anrufen und fragen.

Leo: Sie würden damit prahlen, wenn es denn klappen würde. Das wäre doch eine Revolution in der Energetik, die Traumtechnologie von morgen. Bill Gates würde ihnen die Füße ablecken, um seine  Pfoten drauf legen zu dürfen. Richard Bransons würde schon mit seinem Düsenflieger in Lublin landen. Ist er gelandet?

Andrzej: Wer?

Leo: Richard Bransons, ein britischer Unternehmer, Milliardär, Gründer der Virgin Group, die über vierhundert Firmen umfasst.

Andrzej: Nie gehört.

Leo: Dann wird er noch nicht in Lublin gelandet sein. Was bedeutet, dass diese eure innovative Technologie einen Scheiß wert ist.

Bożena: Wenn wir schon beim Thema Scheiße sind, ist die Gewinnung von Methan aus Ausscheidungen nicht viel versprechend? Fleischkonsum wächst, also haben wir immer mehr Vieh, aus dem wir herumlaufende Biogaswerke machen könnten.

Leo: Eine Viehherde kann 250 bis 300 Liter reinen Methans täglich produzieren. Was ausreichend ist, um zum Beispiel einen Kühlschrank mit Energie für vierundzwanzig Stunden zu versorgen. Aber dieser Kühlschrank ist vermutlich nicht das einzige Gerät, das du in diesen vierundzwanzig Stunden benutzen möchtest.

Andrzej: Zudem hast du keine Viehherde.

Leo: Und wir werden nicht so schnell in die Situation kommen, in der jeder Mensch eine Viehherde  besitzen wird, die seinen Kühlschrank auflädt.

Bożena: Vielleicht ist das gar nicht so dumm? In Argentinien, einem der größten Exporteure von Rindfleisch, sind etwa dreißig Prozent der Gesamtemission von Treibgasen auf das Vieh zurückzuführen. Würde man in allen diesen Kuhhintern Minibiogaswerke installieren, würde zumindest die Emission reduziert werden.

Leo: Nicht wesentlich. Das Methan aus Kuhfürzen bildet nur einen Teil der Treibgase, die bei der Fleischproduktion in die Atmosphäre geschickt werden. In der Mehrzahl ist es doch eine Industriezucht. In Argentinien holzt man Wälder ab, um sie in Weiden zu verwandeln. Wälder, die auf eine natürliche Art und Weise Kohlendioxid absorbieren, werden abgeholzt, damit ihr ein Kotelett essen könnt!

Andrzej: Du vielleicht. Wir können uns das argentinische Rindfleisch nicht leisten.

Leo: Seit Jahren esse ich kein Fleisch.

Bożena: In den Filmen schon.

Leo: Und ich töte. Das sind aber nur Filme.

Bożena: Damit kreierst du aber die Mode mit, Fleisch zu essen. Leute sehen, dass Leonardo DiCaprio ein Kotelett isst. Also muss wohl das Essen von Koteletts eine coole Sache sein.

Leo: Wie stellst du dir das vor? Dass ich nur die Drehbücher akzeptiere, in denen meine Figur ein Veganer ist? Oder sollte ich vielleicht die Autoren anrufen? Grüß dich, hier DiCaprio. Ein sehr cooles Drehbuch, aber könntest du es so umschreiben, dass der Protagonist ein Vegetarier ist?

Bożena: Warum eigentlich nicht? Wenn du die Welt verändern möchtest, solltest du vielleicht bei dir selbst anfangen.

Leo: Aber ich esse doch kein Fleisch.

Andrzej: Aber die Leute denken, dass du es tust. Es läuft also auf dasselbe hinaus.

Bożena: Wenn das Essen von Tieren zur Steigerung von Treibgasemission beiträgt, dann könnte der Verzicht auf Fleischkonsum und auf Propagieren von Fleischgerichten in den Hollywoodfilmen eine positive Auswirkung zugunsten des Planeten haben.

Andrzej: So, dann haben wir es also. Können wir jetzt unseren Preis bekommen?

Leo: Na, ich weiß nicht, ob der Wechsel der Menschheit zum Veganismus das Problem der globalen Erwärmung in Gänze löst.

Bożena: Er ist aber ein Schritt in die richtige Richtung.

Leo: Ihr müsst euch aber den Schritt nicht nur einfallen lassen, sondern ihn auch tun.

Andrzej: Kein Problem. Ab heute bin ich ein Veganer. Sogar seit gestern. Da ich gestern auch keinen Schinken gegessen habe.

Bożena: Du hast sie doch gestern ausgelacht.

Andrzej: Gestern wusste ich nicht, dass der Schinken so viel CO2 emittiert.

Bożena: Honig wirst du auch nicht mehr essen?

Andrzej: Also jetzt übertreibe mal nicht. Bienen emittieren doch nicht etwa auch Treibgase?

Leo: Weiß ich nicht. Gibt es hier irgendwo ein Telefon? Ich setze mich mit den Vorgesetzten in Verbindung.

Bożena: Hast du kein Handy?

Leo: Oh, tatsächlich.

Leo holt das Handy heraus und und geht telefonieren. Er kommt sogleich wieder.

Andrzej: Und? Haben wir gewonnen?

Leo: Nicht ganz. Die Tierzucht hat zwar 18 Prozent der weltweiten Treibgasemission zu verantworten, also mehr als zum Beispiel der Transport, der Veganismus ist also eine gute Idee, aber – und das habe ich vermutet – ihr müsstet  davon einen größeren Kreis überzeugen. Dann könnten wir die Überweisung an euch veranlassen.

Andrzej: Einen größeren Kreis? Die Chinesen?

Leo: Oder Inder. So wäre es glaube ich am besten. Ihr könnt aber bei euren Landsleuten anfangen.

Andrzej: Ich würde es dann vorziehen, den Veganismus den Chinesen beizubringen. Wenn du in diesem Land hier den Sonntagsgästen kein Kotelett zum Mittag auftischst, macht das gleich eine Runde in der Stadt, dass du arm bist.

Bożena: Oder ein Jude.

Andrzej: Oder ein Jude.

Leo: Vielleicht ist jetzt die Zeit gekommen, diesen Sachverhalt zu ändern. Ich schlage vor, ihr denkt kurz darüber nach und wir treffen uns in zwei Stunden im Turnsaal, wo ihr mir präsentieren werdet, was ihr euch ausgedacht habt. OK?

Andrzej: Dürfen wir nicht einverstanden sein?

Leo: Wenn ihr aufgeben wollt, ist der Weg natürlich frei. Es werden sich bestimmt Anwärter für euren Platz finden. Ihr seid nicht so perfekt durchschnittlich, das es nicht andere, ähnlich Durchschnittliche gäbe, die euch ersetzen könnten.

Bożena: Danke, Leo. Das ist sehr nett, was du da sagst.

Leo: Es ist nicht die passende Zeit für Liebe, wenn die Zukunft der Welt am seidenen Faden hängt.

Bożena: Es ist immer Zeit für Liebe, unabhängig von den Umständen. Wozu soll man Menschen retten, wenn sie nicht nett sind?

Leo: Du hast recht. Entschuldige.

Bożena: Das ist das erste Mal, dass du dich bei uns richtig entschuldigst. Mir wäre es lieber, du benimmst dich einfach so, dass du dich nicht entschuldigen musst.

Leo: Mir wäre das auch lieber. Aber glaube mir, es ist schwer für mich. Ich hatte, meine ich, noch nie so eine schwere Rolle.

Bożena: Gut. Lassen wir es so. Geh also und überdenke dein Verhalten und wir denken darüber nach, was mit dem Fleisch zu tun ist, damit die Menschen es nicht mehr essen.

 

SZENE 6

In der Mitte des Turnsaales sehen wir die Rekonstruktion eines Schweinemastbetriebes mit Koben mit Gitterboden. Der Käfig ist so klein, dass sich die Schweine darin nicht bewegen können. Bożena und Andrzej, verkleidet als Schweine, sitzen im Käfig. Der Käfig ist mit Kot und Urin beschmutzt, zu sehen sind auch Blutflecken. Leonardo kommt.

Bożena: Hrum hrum.

Andrzej: Hrumk hrumk.

Leo: Seid ihr jetzt völlig durchgeknallt?

Bożena: Hrum hrum. Ich bin ein Schwein und kann kein Polnisch.

Andrzej: Hrumk hrumk. Ich bin auch ein Schwein und kann nicht wie ein Mensch sprechen. Aber ich würde sehr gern sagen, dass die Bedingungen meiner Zucht nach Hilfe schreien. Kann man Menschen, die so etwas zulassen, überhaupt noch Menschen nennen?

Bożena: Barbaren, keine Menschen. Hrum hrum.

Leo: Die Barbaren waren auch Menschen.

Andrzej: Holocaust ist dabei Peanuts, hrumk hrumk.

Bożena: Um den Gewinn zu maximieren, missachten die Züchter unsere Grundbedürfnisse. Nie sehen wir Tageslicht, gehen nicht hinaus und Waldstreu bekommen wir schon gar nicht zu sehen. Worin unsere Vorfahren so gern herumwühlten, kennen wir nur noch aus den hier im Betrieb kreisenden Legenden.

Andrzej: Nicht alle aber glauben ihnen. Manche Schweine behaupten, dass das nur Propaganda der Züchter ist, die bei uns Hoffnung schüren wollen. Dass Waldstreu, wo wir Wurzeln heraus wühlen könnten,  in Wahrheit nie existiert hat. Dass es außerhalb des Mastbetriebes keine Welt gibt und dass unsere Bestimmung ist, geschlachtet zu werden.

Bożena:  Gerade das ist wahr, hrum hrum. Unsere Bestimmung ist der Schlachthof.

Andrzej: Das ist wahr, hrum hrumk. Sie behandeln uns, als wären wir Kanonenfutter.

Bożena: Andrzej, wir sind ja Kanonenfutter.

Andrzej: Ich bin nicht Andrzej, ich bin ein Schwein. Ich habe keinen Vor- und keinen Nachnamen, nur eine Registriernummer. Meine Leiche wird durch den Fleischwolf gedreht und zu billigen Würstchen gemacht.

Bożena: Die Wahrheit über unser Schicksal wird vor den Augen der Öffentlichkeit verborgen, da  ihr empfindlicherer Teil sie nicht ertragen könnte und aufhören würde, Würstchen zu essen.

Andrzej: Wir werden mit eiweißreichem Kraftfutter gemästet, das mit Wachstumshormonen und Antibiotika vollgepumpt ist, wodurch wir so dick werden, dass wir kaum stehen können. In den Koben haben wir so wenig Raum, dass unsere Gelenke degenerieren, manchmal springen sogar unsere Knochen auf, wenn sie die fettleibige Körpermasse nicht mehr aufrecht halten können.

Bożena: Wir scheißen und pissen, wo wir sind. Wir stehen im eigenen Kot und unser Urin frisst sich durch unsere Haut.

Andrzej: Obwohl wir von Natur aus sehr saubere Tiere sind. Wir haben aber keinen Platz, uns zu waschen.

Bożena: Wir sind auch sehr intelligent, also sind für uns diese gegen die Ehre verstoßenden und die Menschenwürde verletzenden und entehrenden Umstände umso schmerzhafter.

Leo: Wenn ihr wirklich so intelligent wäret, würdet ihr euch nicht in solchen Käfigen einsperren lassen.

Andrzej: Hast du das Gleiche den KZ-Häftlingen gesagt? Hrumk, hrumk.

Bożena: Des Kontaktes mit der Natur beraubt und von den Freunden in der Herde isoliert, verwildern wir, werden stumpfsinnig, aggressiv und gelangweilt. Sogar zu grunzen haben wir keine Lust mehr.

Andrzej: Keine Lust. Hrumk, hrumk.

Bożena: Unser kurzes Leben ist durch Verachtung, Ausbeutung und Leid gezeichnet.

Andrzej: Niemand achtet uns als individuelle Schweinewesen.

Bożena: Wir sind nur eine Ziffer in der Kartei.

Andrzej: Ein Mittagessen auf dem Tisch.

Bożena: Bevor wir aber dahin kommen, kriegen wir Stromschläge, die uns töten sollen.

Andrzej: Es gelingt aber nicht immer.

Bożena: Es kommt vor, dass der Strom uns für einen Moment nur betäubt, aber unsere Schinder machen sich nichts daraus und uns wird bei lebendigem Leib die Haut abgezogen.

Andrzej: Hrum, hrum.

Leo: Arme Schweinchen. Mich müsst ihr aber davon nicht überzeugen. Ich weiß das alles sehr wohl.

Bożena: Wir wollten dir nur unser trauriges Los zeigen.

Andrzej: Du bist aber nicht unser Hauptadressat.

Bożena: In einer knappen halben Stunde wird in diesem Saal ein außerordentlicher Schulappell stattfinden.

Andrzej: Der durch den Schulfunk angekündigt wird.

Bożena: Die Schuldirektorin ist zum Glück im Urlaub und es gab niemanden, der uns hätte verbieten können.

Leo: Seid ihr sicher, dass die Idee, den Kindern solche Dinge zu zeigen, so toll ist?

Andrzej: Im Fernsehen sehen sie viel schlimmere Dinge.

Bożena: Und im Internet. Neulich zeigte mir ein Schüler am Computer, wie ein schönes achtjähriges Mädchen zwei erwachsene Männer hinrichtet. Ganz normal schießt sie ihnen mit einer Pistole in die Hinterköpfe. Dann sagt sie, dass das in Gottes Namen geschieht. Das war kein Film, sondern Werbung für die Rekrutierung von Soldaten. Ich habe ihm gesagt, dass er sich darum nicht kümmern soll. Dass man sieht, dass es zusammengeschnitten wurde. Es war aber nicht zusammengeschnitten. Sie hat sie wirklich getötet.

Leo: Vielleicht solltet ihr sie überzeugen, dass sie gegen die globale Erwärmung und nicht gegen die Ungläubigen kämpfen soll.

Bożena: Machst du Witze?

Leo: Nicht ganz. Wir brauchen fest entschlossene Aktivisten.

Bożena: Aber eher keine achtjährigen Mörderinnen.

Andrzej erhebt sich von den Knien und geht aus dem Käfig heraus.

Andrzej: Ich habe genug von diesem verdammten Käfig und dieser Schweinekleidung. Außerdem stinkt es hier schrecklich nach Mist.

Bożena: Was sollen denn andere Schweine sagen, die auf diese Weise ihr ganzes Leben verbringen. Komm, halte noch eine halbe Stunde aus bis die Kinder kommen.

Andrzej: Kinder, Kinder. Ich kenne diese Kinder schon. Man kann sie zu nichts überzeugen. Zu sehr mögen sie Schinkensandwiches, um sich um das Schweinelos den Kopf zu zerbrechen. Sie freuen sich nur, dass wir uns zum Gespött der Leute machen.

Bożena: Noch vor einer Stunde hast du gesagt, dass das eine gute Idee ist.

Andrzej: Vor einer Stunde saß ich nicht in Schweinekleidung im engen Koben, beschmiert mit Exkrementen und Urin. Zudem schwitze ich entsetzlich. Könnte jemand das Fenster aufmachen?

Leo: Hat jemand etwas gesagt? Ich glaube, ich habe so ein „hrum hrum“ gehört.

Leo: Tue nicht so, als ob du nicht verstehen würdest, was ich zu dir sage.

Leo: Ja. Ich habe richtig gehört. Irgendein Schweinchen grunzt.

Leo geht an Andrzej heran.

Leo: Was grunzt du so, Schweinchen? Du würdest wohl gern spazieren gehen, was?

Andrzej: Hrumk, hrumk.

Leo: Spaziergänge sind nicht für Schweine, geh zurück in den Käfig. Los! Sonst machen wir mit dir eine rituelle Schlachtung und du wirst vor den Augen deiner Nächsten koscher verbluten.

Andrzej kehrt gehorsam in den Käfig zurück.

Leo: Schweine muss man kurz halten. Gibst du ihnen einen Finger, fressen sie die Hand.

Andrzej: Wie lange also noch bis zum Appell?

Bożena: Ich weiß es nicht. Ich bin ein Schwein. Schweine tragen keine Uhren.

Leo: Ich spiele euch eine Musik, damit ihr euch nicht langweilt und laufe eine Runde. Wir sehen uns gleich wieder. Ich werde selbstverständlich kommen, um zu sehen, wie ihr es schafft, die Jugend zu überzeugen. Im Übrigen, habt ihr keine Angst, dass ihr aus der Schule heraus geschmissen werdet?

Bożena: Hrum, hrum.

Andrzej: Ich habe diese Scheißschule sowieso nie gemocht.

Leo schaltet das Lied „Closer“ von Nine Inch Nails mit dem Refrain „I want to fuck you like an animal” ein und geht hinaus.

I want to fuck you like an animal

I want to feel you from the inside

I want to fuck you like an animal

My whole existence is flawed

You get me closer to god

 

SZENE 7

Im Saal geht das Licht aus.

Bożena: Warum ist es hier so dunkel?

Andrzej: Wir sparen Energie. Die Menschen haben längst vergessen, wie es ist, ohne leicht verfügbare Energie zu leben. Es genügt, wenn ein stärkerer Wind die Elektroleitung zerreißt und wir sind vollkommen hilflos. Weißt du, dass zwei stromfreie Tage in Europa ausreichen würden, damit Leute anfangen auf den Straßen zu sterben. Außerdem will ich überprüfen, wie man lebt ohne einen negativen Einfluss auf die Umwelt auszuüben. Wir werden solange im Dunklen sitzen, bis wir uns Solarzellen installiert haben.

Leo: Die Herstellung der Solarzellen geht auch auf Kosten der Umwelt. Einige der dabei verwendeten Teile werden aus seltenen Edelmetallen hergestellt.

Andrzej: Schnell wird es nicht erfolgen, denn bei unseren Gehältern müssten wir das Geld für die Solarzellen jahrelang zur Seite legen.

Bożena: Es gibt zum Glück verschiedene Möglichkeiten, Bezuschussungen zu bekommen.

Leo: Sie haben euch also doch nicht aus der Schule hinaus geschmissen?

Bożena: Es hat nicht viel gefehlt. Der Elternrat war empört. Es tauchten sogar Gerüchte auf, dass wir vor den Schülern Genitalien entblößt hätten.

Andrzej: Schließlich gelang es aber, sie zu überzeugen, dass eine Performance mit dem Ziel, den Kindern die Grausamkeit der Massentierhaltung zu zeigen, ins Programm unserer Schule passt, die ja nicht nur zu unterrichten bemüht ist, sondern auch um Vermittlung von Werten.

Bożena: Dem Motto von Johannes Paul II. nach, das bei uns über dem Schuleingang hängt: „Die Freiheit darf man nicht nur besitzen, nicht nur verbrauchen. Man soll sie stets erlangen und durch Wahrheit schaffen.“ Und wie die Wahrheit über die Bedingungen der Massentierhaltung ist, sieht jeder. Zumindest haben sie die Schüler unserer Schule gestern gesehen.

Leo: Na, dann habt ihr Glück, dass euch der Papst geholfen hat. Die HIV-infizierten Kinder in Afrika, wo keine Kondome benutzt werden dürfen, können das von sich nicht behaupten.

Bożena: Willst du uns nahe legen, dass Johannes Paul II. ein Massenmörder war?

Leo: Das hast du gesagt. Ich gebe aber zu, dass ich deinen Gedankengang zu schätzen weiß und nicht vor habe, ihn zu bestreiten.

Andrzej: Das regionale Fernsehen hat uns angerufen. Unsere kleine Performance hat bei ihnen Interesse geweckt. Sie möchten, dass wir darüber im Studio erzählen.

Bożena: Sie stellen nur eine Bedingung. Wir sollen als Schweine verkleidet sein. Können wir schon Licht anschalten?

Andrzej: Leider nein. Aber wenn du Licht brauchst, müsste es hier irgendwo Kerzen geben. Obwohl ich dir gern vorschlagen würde, eher die von mir erarbeitete Methode der Raumbeleuchtung mithilfe von Menschenmuskeln zu nutzen.

Bożena: Was für ein Ding?

Andrzej: Ich habe unser altes Fahrrad fest an einem praktischen Ständer montiert, so dass an Ort uns Stelle in die Pedale getreten werden kann und ein vom Dynamo gespeistes Lämpchen einen Zimmerausschnitt beleuchtet. Man kann sogar ein Buch lesen. Vorausgesetzt man tritt kräftig.

Bożena: Kann ich mit dem Handy leuchten?

Andrzej: Kannst du. Auf alle Fälle habe ich aber alle Steckdosen blockiert. Du wirst es also nicht mehr aufladen können.  An deiner Stelle würde ich also mit der Batterie sparsam umgehen.

Bożena: Du bist durchgedreht. Meinst du nicht, dass wir das erst einmal diskutieren sollten?

Leo: Wir diskutieren schon lange genug. Ihr habt euch aber irgendwie immer noch nichts einfallen lassen. Ich unterstütze also das Postulat von Andrzej, endlich von Worten zu Taten überzugehen.

Bożena: Wir haben uns als Schweine verkleidet. Ist das für dich nichts? Wenn du selbst ein paar Stunden in einem engen, stinkenden Käfig säßest, würdest du vielleicht unser Engagement zu schätzen wissen.

Leo: Ich weiß es zu schätzen. Ich glaube aber auch, dass wir radikalere Lösungen brauchen.

Bożena: Na, toll. Sollen wir lange noch so im Dunklen sitzen?

Andrzej: Weiß ich nicht. Bis auf Widerruf.

Bożena: Und was werden wir so im Dunklen machen?

Andrzej: Weiß ich nicht. Du kannst aufs Fahrrad steigen und ein Buch lesen. Ich habe aus der Bibliothek ein paar Bücher über Umweltschutz ausgeliehen.

Bożena: Weißt du was? Lies sie selber. In dieser Zeit gehe ich eine Freundin besuchen. Wenn ich in dem Licht sitze, was sie ohnehin benutzt, dann trage ich doch nicht zur Verstärkung des Klimawandels bei, oder?

Leo: So gesehen nein, aber es wäre gut, wenn du die Zeit bei ihr dazu nutzen würdest, ihr das Ausmaß des Problems klar zu machen. Vielleicht müsst ihr gar nicht bei eingeschaltetem Licht sitzen?

Bożena: Du erlaubst, dass ich selbst entscheide, worüber ich mit meiner Freundin rede. Außerdem bin ich wirklich nicht davon überzeugt, dass individuelle Verbraucherentscheidungen die jetzige Sachlage ändern können. Wir brauchen vielmehr eine Systemveränderung. Und wenn die Herren mich jetzt entschuldigen würden, ich habe von dieser Groteske vorläufig genug und gehe mich amüsieren.

Bożena geht hinaus. Andrzej steigt auf das Fahrrad und beginnt im Lämpchenlicht ein Buch zu lesen.

Leo kommt herein. Er fragt, ob im Zuschauersaal eine Frau mit Kind da ist, die sich um die Umwelt kümmert. Wenn sich eine meldet, hält er den Monolog, wenn nicht, hält er ihn auch.

Leo: Ist heute unter uns ein Elternteil, Mutter oder Vater, die sich um die Umwelt kümmeren?

Eltern, die der Meinung sind, dass wir alle für die Zukunft dieses Planeten verantwortlich sind?

Wenn nicht, woher kommen die Kinder?

Wenn ja, warum haben Sie sie gezeugt. Warum haben Sie sie geboren? Warum macht ihr sie? Und die nächsten? Warum?

In seiner Lebenszeit wird euer Kind fünfhundertfünfzehn Tonnen Kohle produzieren. Das sind vierzig LKWs. Ein Kind gleicht fast 6500 Flügen nach Paris. Sie könnten neunzig Mal im Jahr hin und zurück nach Paris fliegen und das hätte einen geringeren Einfluss auf die Umwelt als die Geburt eines Nachkommen. Ganz zu schweigen von Pestiziden und Putzmittel, Plastik und Brennstoffen, die das Kind warmhalten werden. Wenn Sie ein Kind in die Welt gesetzt haben, haben sie selbstsüchtig gehandelt. Es ist grausam, andere zum Leiden zu verurteilen. Würde Ihnen etwas an der Umwelt liegen, würden Sie ihnen sofort die Kehlen durchschneiden. Oder ich könnte ein Messer ziehen und es für Sie tun. Dann verschwinde ich und Sie werden den nächsten Generationen einen Dienst erweisen.

Ja? Nein?

Oder es erwischt sie eine mutierte Grippe oder ein anderes Rotavirus und die Sache ist erledigt. Ja, die Sache ist dann erledigt. Aus dem Kopf. Vielleicht wäre es für das Kind besser, es wäre nie geboren worden? Ich bin nicht auf Ärger aus, denn das liegt nicht in meiner Natur, aber die Umwelt wird sich schließlich rächen. Und Ihr Kind wird zusehen müssen. Und Sie können sich sicher sein, dass es Ihnen die Schuld dafür geben wird.

Leo geht hinaus.

 

SZENE 8

Bożena kommt leicht beschwipst nach Hause.

Bożena: Oh, wir haben wieder Licht. Hast du etwa herausgefunden, wie man Energie produzieren kann ohne Umweltschäden zu verursachen?

Andrzej: Ich muss hierzu nicht unbedingt etwas herausfinden. Die Menschheit kennt seit Jahrhunderten solche Mittel. Zum Beispiel Wasserwerke. Wassermühlen sind doch nichts anderes  als ökologische Generatoren kostenloser Energie.

Bożena: Oh Gott, ich hoffe, du hast bei uns zu Hause kein Wasserwerk gebaut und dass durch unser Badezimmer gerade kein Fluss fließt?

Andrzej: Nein. Vorläufig habe ich mich für die Nutzung konventioneller Energie entschieden. Ich habe das, was du gesagt hast, durchdacht und sehe tatsächlich keinen Sinn, mich auf individuelle Verbraucherentscheidungen zu konzentrieren. Unsere Mission ist so wichtig, dass wir uns eine Emission von geringer Menge CO2 in die Atmosphäre erlauben können. Wenn es bei uns klappt, wird es sich schließlich für die Umwelt mehrfach auszahlen.

Bożena: Alle denken so über die eigenen Handlungen. Dass sie so wichtig für die Welt oder sie selbst sind, dass sie sich weitere Umweltverschmutzungen erlauben dürfen. Deshalb werden wir den Klimawandel nie aufhalten. Weil wir über uns selbst zu gut denken. Was machst du hier eigentlich?

Andrzej: Ich konstruiere einen künstlichen Vulkan.

Bożena: Du hast sie wirklich nicht mehr alle.

Andrzej: Nein. Ich habe neuerdings viel gelesen, mich in das Thema vertieft. Amerikanische Geoingenieurwissenschaftler sind der Meinung, dass das der einzige Weg ist.

Bożena: Künstliche Vulkane? Dann steht es wohl wirklich ganz beschissen um uns.

Andrzej: Bitte, fluche nicht, hier sind Kinder.

Bożena: Was für Kinder? Du bist wirklich ganz durchgeknallt. Hier sind keine Kinder. Wir sind nicht in der Schule.

Andrzej: Keine Kinder? Ich glaubte, ihr Lachen gehört zu haben.

Bożena: Vielleicht war es kein Lachen, sondern stummes Weinen. Vielleicht waren es keine Kinder sondern Embryos aus künstlicher Befruchtung, die direkt aus der Kühlung nach Deutschland verkauft werden.

Andrzej: Bitte, mach keine solche Scherze. Ich weiß, dass du Gowin für seine Unkenntnis der Biologiegrundsätze hasst, aber das ist noch kein Grund, seine religiösen Gefühle zu verlachen.

Bożena: Meines Erachtens ist das ein ausreichender Grund. Im Übrigen schau dich selbst an. Du baust einen künstlichen Vulkan. Das ist eine künstliche und unnatürliche Art, die globale Erwärmung zu bekämpfen. Jarosław Gowin wäre sehr unzufrieden.

Andrzej: Wer hat schon Interesse an irgendeinem Gowin?

Bożena: Genug Leute, damit er als Abgeordneter in den Sejm gewählt wird. Und du? Wer schert sich um dich? Was hast du im Leben erreicht?

Andrzej: Musst du ausgerechnet jetzt auf mir herumhacken? Wo ich endlich den Weg gefunden habe, den Planeten zu retten und die künstliche Erwärmung aufzuhalten?

Bożena: Vorhin hast du gesagt, dass nicht du es herausgefunden hast, sondern irgendwelche amerikanischen Geoingenieure.

Andrzej: Das ist wahr. Aber erst ich habe den Mut, ihre Idee umzusetzen. Du weißt, wie es in Amerika ist. Eine Menge Leute haben ganz viele ausgezeichnete Ideen, aber um etwas patentieren zu lassen, braucht man eine dicke Brieftasche und hoch positionierte Bekannte. Dabei kann ich mir in Polen so einen künstlichen Vulkan einfach im eigenen Hof bauen und niemand wird überhaupt fragen, worum es da geht. Alle werden mir aber danken, nachdem ich die Welt gerettet haben werde.

Bożena: Und wie soll denn diese ausgezeichnete Idee funktionieren?

Andrzej: Ja, normal. Da wir die Treibgasemission in die Atmosphäre nicht wirklich aufzuhalten wissen, muss eine Methode gefunden werden, mit der die Lichtmenge, die die Erde erreicht, verringert wird und damit auch die globale Erwärmung. So werden wir mit meinem künstlichen Vulkan Schwefelpartikel in die Atmosphäre schicken, die das Sonnenlicht zurückwerfen werden. Und fertig. Weniger Licht erreicht die Erde. Der Planet ist gerettet.

Bożena: Hast du das Leonardo erzählt?

Andrzej: Noch nicht. Er ist irgendwo hin gegangen.

Bożena: Das ist gut, dass du es nicht erzählt hast, ich habe in meinem Leben noch keinen größeren Blödsinn gehört. Glaubst du wirklich, dass das Problem der Verschmutzung der Atmosphäre mit Kohlendioxid durchs Nachlegen von Schwefel zu lösen ist? Ernsthaft ernsthaft? Die Biologie war vielleicht nie deine Stärke. Hier aber muss man sich nicht einmal in Biologie auskennen. Ein wenig gesunder Menschenverstand reicht. Dessen Reste bei dir offensichtlich verdunstet sind infolge der Gehirnüberhitzung. Haha. Offensichtlich kam es bei dir zu einer globalen Gehirnerwärmung. Liegt dir so viel am Gewinnen, dass du die Atmosphäre mit Schwefel beschießen willst?  Ich weiß nicht, welche Bücher du gelesen hast, aber wenn du sie genauer gelesen hättest, wüsstest du, dass die globale Erwärmung nicht nur ein Problem der ansteigenden Temperatur ist, sondern etwa auch der Übersäuerung von Ozeanen. Mehr Kohlendioxid in der Atmosphäre hat den Säuregehalt der Weltmeere schon um 30% steigen lassen. Das große Korallenriff stirbt! Und all diese schönen Lebewesen, die an ihm leben, sterben mit. Du wirst sie mit dem künstlichen Vulkan nicht retten.

Andrzej: Du kannst echt entmutigen, in allem. Eine echte Mutter-Polin.

Bożena: Du wirst mir dafür noch danken. Ich beschütze dich einfach vor deinem Männchenschwachsinn. Wenn die Macht über die Welt in den Händen von Frauen läge, wäre es nie zu einer solchen Zerstörung des Planeten gekommen. Aber ihr Kerle müsst euch alles unterordnen. Mutter Erde ist für euch schlicht eine Hure, die man fickt. Und wenn sie nicht mitmacht, dann spritzen wir zumindest in sie, in die Atmosphäre. Bravo!

Andrzej: Könntest du aufhören, mich zu beschimpfen und für alle Fehler der Männerrasse zu beschuldigen?

Bożena: Nein, kann ich nicht. Ich habe die Nase gestrichen voll von diesem Zirkus. Ich will zurück in mein langweiliges Leben und zu meinem zynischen Andrzejek!

Leonardo kommt. Auch ein wenig beschwipst.

Leo (mit Aufstoßen): Oh, Verzeihung. Störe ich?

Andrzej: Ja.

Bożena: Nein.

Leo: Also wie? Ich wusste nicht, dass ich in eurer Stadt so viele weibliche Fans habe. Ich dachte, sie werden mich in der Luft zerfetzen.

Andrzej: Sie haben dich aber nur betrunken gemacht? Ich hoffe, dass es keine meiner Schülerinnen war und dass du ihr kein Kind gemacht hast.

Leo (mit Aufstoßen): Niemals. Fans ficke ich nie. Und ich benutze immer Kondome.

Andrzej: Hoffentlich hattest du eigene, weil manches Mädchen hier viel weiter gehen würde, als nur das Kondom mit einer Nadel durchzustechen, um mit so einem Star ein Kind zu haben.

Leo: Wie ich schon sagte, ficke ich keine Kinder. Das heißt, mit Fans, die Kinder haben wollen.

Bożena: Wozu brauchst du dann die Kondome?

Leo: Besser Vorsicht als Nachsicht. Sag nie nein.

Andrzej: Mach dir keine Sorgen. Wir brauchen in Polen solche guten Gene. Wir werden sie bestimmt nicht vergeuden.

Leo: Ich gehe mich, glaube ich, hinlegen. Es war ein anstrengender Tag.

Leo geht in die Küche schlafen.

 

SZENE 9

Leo (streckt sich): Ein weiterer schöner Frühlingstag. Wie gut es ist, auf diesem großartigen Planeten zu leben!

Andrzej: Es ist nur ein bisschen schade, dass er direkt auf die Hölle zusteuert.

Leo: Ja, davon war, glaube ich, die Rede in einem Bestseller, „Neues Testament“ hieß er, glaube ich. Hast du es gelesen?

Andrzej: Nein, aber ich checke, worum es geht. Denkst du, dass die globale Erwärmung die Hölle ist, zu der wir für unsere Sünden auf dem Planeten verurteilt sind?

Leo: Das ist manchmal der Fall.

Bożena: Einer Sache können wir sicher sein: der Weg zur Hölle ist sicherlich nicht einfach, sondern eher verworren und holprig. Es kann unterwegs noch viel geschehen.

Leo: Wo wir schon beim Thema Reise sind, ich habe gestern vergessen euch zu sagen, dass ich eine Überraschung für euch habe. Ihr könnt packen. Wir machen einen Ausflug!

Andrzej: Wohin? Trägt Transport nicht wesentlich zur Emissionssteigerung bei? Wäre es nicht besser, zu Hause zu bleiben?

Leo: Keine Sorge. In den Hafen fahren wir mit dem Zug, dort erwartet uns ein mit Solarbatterien betriebener Katamaran.

Bożena: Aber wohin fahren wir?

Leo: Unser Ziel ist die Arktis. Wir werden schmelzende Gletscher ansehen! Und unterwegs gelingt es vielleicht, eine erste künstliche Insel zu sehen, die nur aus dem in die Meere gekippten Müll entstanden ist.

Andrzej: Lebt jemand darauf?

Leo: Noch nicht, soweit ich weiß. Dafür verrecken dort sicherlich eine Menge Fische und Vögel, die diesen Müll für Nahrung halten. Wenn ihr jemanden kennt, der sich von Plastik ernähren kann, dann ist das vielleicht ein extra für ihn geschaffenes Zuhause.

Andrzej: Ich wollte schon immer eine private Insel haben.

Leo: Wie gesagt, sobald du es beherrschst, dich von Plastik zu ernähren, gehört die Insel ganz dir!

 

SZENE 10

Unsere Protagonisten fahren mit einer Yacht durch das arktische Meer und trinken Cocktails. Im Hintergrund läuft ein Film mit zerfallenden Gletschern: [youtube http://www.youtube.com/watch?v=hC3VTgIPoGU&w=560&h=315]

Andrzej: Als du gesagt hast, dass uns ein Katamaran erwartet, habe ich mir ein Segelboot vorgestellt. Jetzt sehe ich, dass wir eine richtige Yacht zur Verfügung haben.

Bożena: Und eine reichlich ausgestattete Bar.

Leo: Die Abende auf hoher See können lang werden, man muss sie sich nett gestalten.

Bożena: Wie viel von der Treibgasemission hat die Spirituosenbranche zu verantworten?

Leo: Das zu überprüfen, habe ich mich zurückgehalten. Man muss ja irgendwie Spaß haben.

Andrzej: Sag mir jetzt aber, Leonardo, wo wir nun allein durch die Meere fahren, kannst du es mir doch sagen. Glaubst du wirklich an diese ganze globale Erwärmung? Schau, wie schön es um uns herum ist. Glaubst du wirklich, dass der Mensch all das zerstören kann?

Leo: Du lässt mich auflaufen, was?

Andrzej: Ein bisschen schon, aber jetzt sag es mir ernsthaft: wir können doch nicht so schlecht sein.

Leo: Wir sind sogar noch schlimmer. Gezielt verstecken wir vor uns Fakten, damit wir uns mit uns selbst besser fühlen. So funktioniert nun mal das menschliche Gehirn. Aus Millionen wahrgenommener Informationen selektiert es sorgfältig diejenigen, mit denen es sich einigermaßen sicher leben lässt. Und bequem. Wenn wir wirklich versuchen sollten, der Wahrheit ins Gesicht zu blicken, würden wir darin eine so grausame Wirklichkeit sehen, dass sie jeden von uns in Sekunden wegfegte. In Kenntnis dieser Wahrheit, lässt sich nicht leben. Bożenko, würdest du mir noch ein Tröpfchen von diesem exzellenten Vodkachen einschenken?

Bożena: Hast du diese Wahrheit erkannt?

Leo: Ich würde lügen, wenn ich Ja sagen würde. Niemand kann sie bis zuletzt erkennen. Manchmal habe ich aber den Eindruck, dass ich mich ihr gefährlich nähere. In solchen Augenblicken beginnen meine Knie weich zu werden, im Kopf beginnt es sich zu drehen, die Hände versuchen, sich an irgendetwas Stabilen festzuhalten, aber sie schweben schlaff in der Luft.

Andrzej: Es geht mir auch manchmal so. Das ist ein Zeichen, dass du betrunken bist und wir ein Taxi rufen sollten.

Leo: Nein, nein. Ich trinke gern und ich weiß, wie das ist. Das ist etwa anderes. Etwas viel schlimmeres. Ernsthaft.  Es ist, als würde man in den Kopf Gottes hineinschauen und sehen, dass er von Analverkehr an Kindern durch Pferde träumt.

Bożena: Ich weiß nicht, was du nimmst, aber es ist höchste Zeit aufzuhören.

Leo: Ich nehme nichts, trinke nur manchmal. Oh, mein Glas ist wieder leer. Wo ist die Flasche?

Bożena: Hier. Aber trink vielleicht nicht mehr so viel, oder?

Leo: Du hast gefragt, ob ich an die globale Erwärmung glaube. Das ist keine Frage des Glaubens. 97 Prozent der Klimaforscher sind sich darüber einig, dass die globale Erwärmung die Folge menschlicher Tätigkeiten ist. Unter ihnen gibt es Forscher aus der ganzen Welt. Von Grönland bis Südafrika. Glaubst du, dass sie sich bei irgendeiner geheimen Konferenz abgesprochen und eine Verschwörung eingegangen sind, mit der das Wirtschaftswachstum der Europäischen Union verlangsamt werden soll? Warum sollten sie das tun? Um Zuschüsse für die Forschung zu bekommen? Sie können doch irgendetwas untersuchen. Sie würden wahrscheinlich auch etwas anderes untersuchen wollen als ein Phänomen, welches ihnen zeigt, wie beschissen die Gattung Mensch ist und wie weit sie den Planeten bringen kann, wenn man ihr ein bisschen Macht gibt. Wirklich, das ist nichts Angenehmes. Noch weniger angenehm wird es, wenn du davon den Leuten erzählen musst. Zum Beispiel Politikern, die für die Liberalisierung der Märkte arbeiten und dadurch das Ausmaß der Katastrophe vergrößert haben. Und es weiter vergrößern. Weil sie natürlich nicht zur Kenntnis nehmen wollen, dass ihre Politik falsch ist. Was wären es denn auch für Politiker, wenn sie ihre Fehler eingestehen würden? Blöde Ärsche, keine Politiker. Die Logik der ganzen Welt, in der wir leben, wird vom Wirtschaftswachstum angetrieben. Wir werden es nicht für den Schutz irgendwelcher Pflänzchen aufgeben. Bevor aber die Nachricht, dass es nicht nur mit den Pflanzen aus ist, sondern auch mit den Tieren, darunter auch mit dem Tier Mensch, die richtigen Leute erreicht, wird es zu spät sein. Es ist jetzt schon zu spät.

Andrzej: Du bist betrunken.

Leo: Na und?  Ob aus dem Fakt, das ich betrunken bin, resultiert, dass ich keine Wahrheit spreche? Wenn ich mich irgendwo irre, nur zu, korrigiere mich. Ich will es gern erfahren.

Bożena: Ich weiß nicht, ob du dich irrst. Aber ganz sicher scheinst du niedergeschlagen zu sein. Wenn ich dir etwas raten darf, sprich mit einem Arzt oder Therapeuten.

Leo: Das sagen alle. Aber nicht mit mir stimmt etwas nicht, mit dieser Welt.

Andrzej: Diese Welt ist trotzdem schön.

Leo: Ja, diese Gletscher sind sehr schön. Deshalb wollte ich, dass ihr seht, wie sie schmelzen. Eure Enkel werden dieses Vergnügen vielleicht nicht mehr haben können. Klimaveränderungen beschleunigen sich. Unter dem Arktiseis befinden sich riesige Methanlager. Dieses Treibgas ist viel schädlicher als Kohlendioxid. Wenn zu viel Eis schmilzt, wird das Methan in die Atmosphäre gelangen. Gott allein weiß, was das für Folgen für den Planeten haben wird, eins ist aber sicher. Es wird eine katastrophale Folge sein. Es wird nichts mehr zu machen sein.

Bożena: Warum bist du dann zu uns gekommen und hast uns eingeredet, dass wir etwas machen müssen?

Leo: Ich werde dafür gut bezahlt. Außerdem ist das ein gewisses Vergnügen, eine richtige Sache zu vertreten, auch wenn man weiß, dass sie von Anfang an verloren ist. Am Ende werde ich zumindest sagen können: Habe ich es nicht gesagt?

 

SZENE 11

Schlussszene

Im Hintergrund läuft Celine Dion mit My heart will go on: [youtube http://www.youtube.com/watch?v=zmbw8OycJrE&w=420&h=315]  Vielleicht singt es der schmelzende Gletscher? Leo schenkt sich Vodka nach, dann springt er aus dem Boot auf die im Ozean driftende Eisscholle. Er kuschelt sich an sie.

Andrzej: Und nun? Sollten wir ihn nicht retten gehen?

Bożena: Weißt du denn wie? Ich habe den Eindruck, dass er uns extra hierher brachte, damit wir Zeugen seines Todes in der Umarmung des schmelzenden Gletschers werden.

Andrzej holt die Kamera heraus.

Andrzej: Dann lass uns das zumindest verewigen. Sein Tod soll nicht umsonst sein.

Bożena holt das Telefon heraus und beginnt damit zu filmen.

Bożena: Du hast recht. Zumindest so viel können wir machen.

Andrzej: Und danach? Was machen wir danach?

Bożena: Das gleiche wie bis jetzt, Pinky. Die Menschheit vor der Vernichtung retten.

Andrzej: Glaubst du, dass es gelingt?

Bożena: Ich fürchte, dass ich es nicht weiß. Aber ich denke, dass wir keinen andern Ausweg haben.

 

ENDE

 

Übersetzung aus dem Polnischen Małgorzata Agnieszka Bartula

Die wahrscheinlich letzte Chance zu innigerem Miteinander

Selbstinterview

In den Spiegel hineingefragt, und sei es auch der Spiegel der Sprache, rechne ich nach und stelle fest, dass du inzwischen seit über fünfzehn Monaten einer von fünf Autoren des Weather Stations-Projekts bist. Hat sich dein Blick auf die Welt dadurch verändert, selbst eine Wetterstation zu sein?

Grauer Tag Jeden Morgen gilt mein erster Blick aus dem Fenster dem Wetter, dem Himmel, den Wolken und Bäumen – Bäume: die uns den Wind lesen lassen. Vor anderthalb Jahren hätten mich Meldungen von einem Tornado in Mecklenburg-Vorpommern zwar gewundert, ich hätte sie aber nicht auf meine Tätigkeit bezogen und mir Dinge notiert, die der Bürgermeister von Bützow sagt – Dinge übrigens, wie ich sie auf ganz ähnliche Weise auch in australischen Regionen gehört habe, die schon seit Jahrzehnten mit Wetterextremen leben.

Dem Weather Stations-Projekt geht es um Sensibilisierung. Für dich doch eigentlich ein alter Hut.

Hafen Hamburg Der Klimawandel passt ja sehr gut in unsere Welt von heute. Keiner kümmert sich um etwas, das nicht verstanden oder nicht verbraucht werden kann. Nur das zählt, was von Nutzen ist – und zwar bitte für mich. In meiner Jugend während der Kohl-Ära opponierten wir noch müde aber glücklich, etwas zum dagegen-Aufbegehren zu haben, gegen die Wegwerfgesellschaft, ahnten dabei allerdings nicht, dass wir auf unsere moralisch einwandfreie Weise fleißig mitmachten beim Aufbau der Wegwerfwelt, in der wir heute leben. Natürlich ist es dem Schreibenden um Sensibilisierung zu tun. Er darf sich aber vor keine Kutsche spannen lassen, sogar vor diese nicht. Er muss sein eigenes Pferd bleiben, zur Not ein Grubenpferd, am besten aber Pferd und Reiter in einem. Der Klimawandel ist insofern für mich ein sprachliches Problem, denn es geht mir um das Überprüfen von Möglichkeiten seiner literarischen Darstell- und Vermittelbarkeit. Das Weather Stations-Projekt hat mich an sprachliche Felder herangeführt, auf die ich mich sonst nie begeben hätte. Ich saß an der Chowder Bay in Sidney mit zwei Meeresforscherinnen zusammen und ließ mir von ihnen erklären, wie es ist, durch einen Kelpalgenwald zu tauchen.

Können Schriftsteller dazu beitragen, dass die komplexen und mannigfachen Anforderungen, die der so genannte Klimawandel und seine Folgen der Welt von heute abverlangt, transparenter werden – würdest du zustimmen, dass es darum geht?

Im Laufe des Projekts habe ich für mich festgestellt – und war sehr überrascht –, wie sehr doch auch hier alles vom Einzelnen abhängt. Ich würde sogar behaupten, dass der Klimawandel kein Problem der Menschheit ist, sondern jeden Einzelnen für sich betrifft. Ob in Dublin, London, Melbourne, Potsdam oder Sidney, ich konnte es überall in den Gesichtern der Meeres-, Wolken- und Klimaforscher, mit denen wir uns unterhielten, beobachten: wie verblüfft viele von ihnen darüber waren, Leuten gegenüberzusitzen, für die Sprache tatsächlich von Grund auf etwas anderes bedeutet.

Für einen Schriftsteller, zumal einen Dichter, ist es schwer, allein abstrakt und in grundsätzlichen Begriffen über Sprache und Schreiben zu sprechen. Das Weather Stations-Projekt als Engführung?

Man darf den fruchtbaren Zweifel nicht aufgeben, nur weil das Problem absolut dringlich scheint. Absurd, die Forderung, Verwerfungen und Zweifel, die poetische Gemüter seit Jahrhunderten zu vermitteln versuchen, ausklammern zu sollen, sobald es um vermeintlich eindeutige, angeblich nur wissenschaftlich dingfest zu machende Konflikte geht.

In mehreren Podiumsdiskussionen sagtest du, die Klimawandeldebatte drehe sich in deinen Augen um einen Konflikt, der allerdings als solcher nicht erkannt oder aber verschwiegen werde.

Gunditjmara-Mantel Der Konflikt ist ein tiefgreifender, und er ist kaum in Worte zu fassen. Ich betrachte die durch die Klimaveränderungen gezeitigten Folgen als Äußerungen einer Welt, die ihre menschlichen Bewohner in deren Schranken zurückzuweisen versucht. Es ist ein aus den Fugen geratener Dialog, ein uralter Konflikt, der nun eskaliert. Der Mensch gegen die Natur – und natürlich auch umgekehrt. Die Angst vieler Leute davor, sich mit dem Thema überhaupt zu beschäftigen, dürfte hier wurzeln. Allerdings ist für mich auch in dieser Auseinandersetzung zunächst nur das Sprachliche von Bedeutung.

Weil du ein Schreibender bist, kein Rechner, kein Redner. Könntest du eine Annäherung an deine Ansätze formulieren?

Ich versuche, jede Theorie zu vermeiden. John Keats sagte, jedes philosophische Axiom müsse am Puls überprüft werden. Und Günter Eich meinte, zu schreiben, das bedeute, die Welt als Sprache zu sehen. Sie zu vermitteln, die Dramatik des Klimawandels – ich sage lieber: der Klimazerstörung –, ist, meine ich, auch ein Problem der Genauigkeit. Die Wissenschaft nimmt für sich in Anspruch, mit einer möglichsten genauen Sprache zu operieren. Für mich als Dichter ist Sprache dagegen weit mehr als bloß ein Datenvehikel oder Bedeutungs-Tool. Sie ist sinnliches, also spürbares, geschichtliches, also erzählendes Medium. Sie selbst ist die Vermittlerin. Und ist stets auch ein manipulierbares Ungeheuer! Ich kann das Wort „total“ nicht hören oder lesen, ohne an die verbrecherische Demagogie eines Goebbels zu denken. Sprache ist für mich so wenig Instrument wie Magie. Sie ist in meinen Augen das lebensnotwendige Bindegewebe, dasjenige, was mich mit allem und allen anderen, unsere Welt von heute mit der vergangenen Welt der Toten und der zukünftigen der ungeborenen Enkel verbindet. Sprache ist die einzige Parallelwelt, deren Existenz ich nicht bestreite. Die wundervolle Alltagspoesie so vieler Texte meines Melbourner Weather Stations-Kollegen Tony Birch sprechen immer wieder genau davon: Was hat mein Leben, was hat das Leben der Leute von heute zu tun mit den Erzählungen der Menschen von früher, die noch das Land zu lesen verstanden und nicht aus lauter Angst und Unsicherheit alles zubetonieren und zu Klump hauen mussten?

Welche Erfahrung war die wichtigste für dich in diesen Monaten als Wetterstation?

Buschbrand in Victoria Am schönsten war es immer dann, wenn die Leute zu erzählen anfingen. Das Wetter früher und das Wetter heute. Das Wetter, wie mein Großvater es geschildert hat, das Wetter, als ich noch ein Mädchen war. Ein Schüler in Tallaght bei Dublin erzählte mir, wie er das Haus seiner Großeltern habe wegschwimmen sehen, als im Sommer 2014 die schweren Unwettter Irland heimsuchten. Es war ergreifend, im Süden von Melbourne das Yarra-Tal zu besuchen und mit den Leuten über die Buschbrände zu sprechen, die dort ganze Landstriche verwüstet haben. Die Liebe der Leute zu ihrem Leben und ihren Geschichten wurde oft sehr lebendig in diesen Monaten. Auch das haben wir, meine ich, einer Sprache zu verdanken, die auf Unschärfe setzt statt auf Genauigkeit. Ich glaube deshalb, dass der Klimawandel eine Chance bedeutet, die wahrscheinlich letzte Chance zu innigerem Miteinander.

Fotos: Blick aus dem Fenster: der 32.467 graue Tag (1), Hafen Hamburg, im Frühling 2015 (2), Mantel der Gunditjmara-Aborigines (3), Buschbrand in Victoria (4)

Wir handelten einfach, als gäbe es ihn nicht

storm-surge-1-750x1000

Wir begriffen nie, wie schwerwiegend er war… Wir handelten einfach, als gäbe es ihn nicht…

Meine Mutter sagt, sie erinnert sich an die Zeit, als die Angst vor einer Naturkatastrophe für sie im Hintergrund stand. Dass es aufgrund ihres Wohnorts fast unmöglich war, dass so etwas sie in irgendeiner Weise betreffen könnte.

Aber in Wirklichkeit sind wir selbst schuld…

Sie sagte, als der erste Zyklon Melbourne traf, war niemand darauf vorbereitet; er kostete Tausende das Leben und riss Familien und Häuser auseinander. Es dauerte Monate, bis die Menschen wieder auf die Beine kamen, aber ein Jahr später kam der zweite Zyklon. Die Leute wussten jetzt mehr über die katastrophalen Folgen eines solchen Ereignisses, hatten aber keine Zeit, sich vorzubereiten. Obwohl diesmal nur ein Drittel der Todesopfer des ersten Zyklons zu beklagen waren, ließ er doch Tausende obdachlos und verzweifelt zurück. Ab da kamen solche Ereignisse immer häufiger vor und wurden meist mit jedem Mal verheerender und zerstörerischer.

Aber das war vor 25 Jahren.

Hier sind wir nun, nämlich ich, mein Vater, meine Mutter und mein Bruder, alle zusammengekauert im Bunker, alle ganz still. Alles, was ich draußen hören konnte, waren das Krachen des Erdbodens, der über uns mit Gewalt auseinander gerissen wurde, und das furchterregende Heulen der mächtigen Winde. Ich hatte meine Kopfhörer auf, um die Geräusche auszublenden, aber es war fast unmöglich. Wir sind umgeben von unseren wertvollsten Besitztümern, oder jedenfalls so vielen, wie wir in unseren winzigen Bunker zwängen konnten. Als ein Trümmerstück draußen gegen die Tür fliegt, ist ein lauter Schlag zu hören, mein Herz setzt einen Moment lang aus und ich schrecke hoch und schlage mir beinahe den Kopf an.

Wir leben schon seit vielen Jahren unter solchen Bedingungen, ich wuchs mit solchen Ereignissen auf, was mich irrtümlich glauben ließ, dass solche Ereignisse normal sind und das auch schon immer waren. Aber nein, diese Naturkatastrophen waren, was manche „menschengemacht“ nennen. Sie waren unser Werk, wir hatten die Warnungen erhalten, sie aber ignoriert, als seien sie nicht von Bedeutung.

Kinder pflegten sich Dinge wie die neueste PlayStation oder Xbox zu wünschen, den besten Fußball oder Fußballschuhe, das Erlernen eines Instruments oder ein neues Fahrrad.

Heutzutage wünschen sich die meisten Kinder, ein paar Monate ohne eine Katastrophe erleben zu dürfen.

Das ist irgendwie ganz schön traurig.

Wenn man sich überlegt, dass das alles vermeidbar gewesen wäre.

Die Menschen müssen akzeptieren, wie real der Klimawandel ist, und obwohl ich in dieser Kurzgeschichte die Auswirkungen übertrieben habe, müssen wir trotzdem etwas ändern; denn man weiß ja nie. So etwas könnte passieren.

– Will / Footscray City College Substation

 

Aus dem Englischen übersetzt von Elisabeth Meister

Wasser und Cricket passen einfach nicht zusammen

„Hey Tom, hol den Ball“, ruft Jack. Also rennt Tom zögerlich dem davonrollenden Ball nach und sie setzen in ihrem Heimatort Renmark ihr Cricketspiel fort. Jack läuft an und wirft den Ball schnell und zielgenau Richtung Mülltonne, aber Tom schwingt den Schläger und trifft den Ball so, dass er in den Fluss fliegt. Beide sind unzufrieden und wünschten, der Fluss wäre nicht da. Zum Glück fällt es ihnen nicht allzu schwer, einen neuen Ball zu finden. Später sagt Tom zu Jack: „Wasser und Cricket passen einfach nicht zusammen“, und Jack stimmt resigniert zu.

Die Jungs machen Pause und gehen hinunter zur Milchbar, um sich eine Pastete und eine Schokomilch zu holen. Beide sitzen am Fluss und sind damit beschäftigt, ihrem Ball beim Davonschwimmen zuzusehen und ihre Pasteten zu essen. Später fangen sie wieder an zu spielen, und nach und nach macht beinahe ihr ganzer Schuljahrgang mit. Der Kampf um einen Schläger wird heftiger, und die Lücken auf dem Spielfeld zu finden ist beinahe unmöglich. Sie spielen weiter und erfinden ständig neue Regeln, um das Spiel am Laufen zu halten. Das Spiel geht weiter, bis alle zum Abendessen nachhause gerufen werden; zu diesem Zeitpunkt ist es bereits so dunkel, dass es sowieso keinen Sinn gehabt hätte, weiterzuspielen.

In der Schule organisieren Tom und Jack am nächsten Tag ein großes Cricketspiel auf dem örtlichen Spielfeld, das später am selben Abend stattfinden soll. „BBRRIINNGGG“ klingelt die Schulglocke, und alle eilen direkt nachhause, um ihre Lieblingsschläger hervorzuholen. Um vier Uhr sind etwa 20 spielbereite Jungs da, und Tom hat es sogar geschafft, einen Schiedsrichter aufzutreiben (seinen jüngeren Bruder). Nach jeder Menge Diskussionen stehen die Teams endlich fest und man einigt sich auf 2 Kapitäne, nämlich Tom und Jack.

Das Spiel beginnt und Jacks Team bowlt zuerst. Toms Team legt einen guten Start hin und erreicht schließlich ein Gesamtergebnis von 56 in 10 Overs, was gar nicht so schlecht ist. Jacks Team fängt an zu schlagen und hat mit 8/15 in 5 Overs einen schlechten Start. Jack kommt aufs Feld und arbeitet gut mit Max zusammen, und nun benötigen sie nur 6 aus dem letzten Over. Max ist am Strike, kann aber die ersten vier Bälle nicht treffen. Alle sind jetzt nervös. Max trifft endlich einen Ball und sie laufen los. Tom fängt den Ball und wirft dann die Stäbe um, während Max definitiv außerhalb der Schlaglinie ist. Nur ein Ball ist noch übrig; Jack ist am Strike und sie brauchen immer noch 6 Runs, um zu gewinnen. Der Bowler läuft an and bowlt einen Full Toss, Jack trifft und es sieht aus, als würde der Ball über die Spielfeldgrenze fliegen, aber jemand fängt ihn. Wegen der unklaren Spielfeldgrenze ist es schwer zu sagen, ob er ihn außerhalb gefangen hat. Alle löchern nun den Schiedsrichter, der nur fragt: „Was ist passiert?“ Nach langen Diskussionen wird das Spiel als Unentschieden gewertet. In der Schule wird das Spiel am nächsten Tag von Spielern beider Teams zum besten Spiel erklärt.

30 Jahre später

„Wann sind wir endlich da?“, fragt James. „Bald“, antwortet Tom, während sie den Freeway entlangrauschen und sich dem Ende der langen Fahrt von Melbourne nähern.

„Wann sind wir endlich da?“, fragt Mitch. „Bald“, antwortet Jack, während sie vom Freeway auf derselben Strecke abfahren wie Tom und James.

Zwei Autos halten direkt vor dem Flussübergang an. „Hey Tom“, ruft Jack. Tom blickt sich um und springt sofort aus dem Auto, um Jack zu begrüßen. Die beiden Jungs James und Mitch hüpfen ebenfalls aus dem Auto. „Ich kann das Cricketspiel kaum erwarten“, sagt James. „Ja, mein Papa sagt, das ist das beste Spielfeld“, antwortet Mitch. Die Jungs ziehen los, um sich umzusehen.

„Es tut gut, wieder hier zu sein“, sagt Tom. „Ja, der Fluss kommt mir breiter vor als in meiner Erinnerung“, antwortet Jack. „Mir auch“, stimmt Tom zu. „Ich erinnere mich, dass er über die Ufer getreten ist, aber ich hätte nicht gedacht, dass es so extrem war.“ „Was ist der Murray-Golf?“, ruft Mitch. „Was, der Murray-Golf?“, rufen Tom und Jack zurück. „Ja“, antworten beide Jungs. Tom und Jack gehen zu ihnen hinüber und sehen ein großes offizielles, aber provisorisch wirkendes Schild mit der Aufschrift „Murray-Golf“. Beide schauen sich verwirrt an. Entgegenkommende Autos blinken sie an, als wollten sie ihnen etwas mitteilen. Sie fahren an einem Schild vorbei, das mit dem am Fluss identisch ist, auf dem die Worte „Murray-Golf“ stehen. Schilder warnen sie davor, dass die Straße bald endet. Sie können es nicht glauben, bis sie die Absperrungen sehen. Sie halten an, springen aus dem Auto und sehen wieder das „Murray-Golf“-Schild.

Jemand in offizieller Uniform kommt auf sie zu und fragt, ob alles in Ordnung ist. Sie bejahen dies, fragen aber, warum die Straße gesperrt ist. Er antwortet: „Haben Sie es nicht mitbekommen?“ Tom sagt verdutzt: „Nein.“ Der Mann antwortet: „In der Gegend hat es massive Überschwemmungen gegeben. Dann wurden die Leute letzte Nacht von den Fluten aufgeweckt und plötzlich stand die ganze Gegend unter Wasser. Wir haben die Ursache noch nicht gefunden und wissen auch nicht, wie groß das betroffene Gebiet ist. Für den Moment riegeln wir nur die Gegend ab, so dass Sie leider umkehren müssen.“

Sie kehren um und mieten ein Zimmer für die Nacht. Später am Abend gibt es eine Eilmeldung mit der Schlagzeile „DIE POLKAPPEN SCHMELZEN“. Dann wird diese Karte eingeblendet:

map

„Was man zunächst nur für eine Sturzflut hielt, wurde jetzt als Schmelzen der Polkappen identifiziert. Dies hat einen massiven Anstieg des Meeresspiegels verursacht, der große Teile Australiens überschwemmt hat, darunter auch Orte wie Renmark und den Hafen von Adelaide. Die neuen australischen Meere erhielten die Namen ‚Murray-Golf‘ und ‚Artesisches Meer‘. Das ist für den Moment alles, wir bringen später einen ausführlicheren Bericht.“

Alle im Zimmer sind baff und starren sich sprachlos an. Tom sagt wieder einmal: „Wasser und Cricket passen einfach nicht zusammen“, und Jack stimmt resigniert zu.

 

– Elijah / Footscray City College Substation

Aus dem Englischen übersetzt von Elisabeth Meister

Das Klassenzimmer

von Manuel Plonsky

Ich fahre in den Schulhof hinein und genieße das schöne Wetter, bevor ich mein Rad abschließe, voller Erwartung für die bevorstehende Englischstunde. Es ist Freitag, ich konnte ausschlafen, weil meine ersten zwei Stunden ausgefallen sind, ich habe mich deswegen auf die vier Stunden in der Schule und das Wochenende danach gefreut. Ich gehe in die Schule rein und grüße ein paar Freunde. In Gedanken versunken, was ich am Wochenende machen werde, gehe ich dann ins Klassenzimmer rein. Sofort merke ich, dass irgendetwas nicht stimmt. Es riecht seltsam, fast wie im Wald. Ich sehe mich um und weiß sofort weswegen. Überall sind Pflanzen, Lianen klettern die Wände hoch, es brechen Wurzeln durch den Fußboden, hier und da liegt Moos, ich kann sogar sehen, wie ein Vogel aus einem gebrochenen Fenster herausfliegt. Ich kann es nicht fassen, ich gehe noch einen Schritt in den Raum hinein und höre wie das Lineal, das ich am Tag zuvor dort vergessen hatte, knackt und kaputtgeht unter meinem Fuß. Ich beuge mich, hebe es auf, und starre mir die Bruchstelle an, die mir sehr echt erscheint.

Ich versuche rational zu denken, mein Gehirn sagt mir, dass es eine logische Erklärung geben muss, ich bin nicht im Traum. Ich gehe wieder aus dem Zimmer und stelle mit Überraschung fest, dass der Flur, der gerade voller Menschen war, nun leer ist und genauso aussieht, wie das Klassenzimmer, das ich gerade verlassen habe, auch hier scheint lange kein Mensch gewesen zu sein.

Dann kommt es mir in den Sinn. Es muss ein Streich sein, nicht einfach von irgendjemandem gemacht, sondern wirklich professionell. Ich schaue nach Kameras, finde aber keine. “Es ist so seltsam”, sage ich mir, als ich auf einmal ein Geräusch höre, das von um die Ecke kommt und nach Singen klingt. Es kommt näher. Da ich nicht weiß, was auf mich zukommt, verstecke ich mich in einer Einbuchtung in der Wand und warte darauf, bis sich die Quelle des Gesangs zeigt. Das Singen kommt immer näher, bis ich schließlich sehe, wie ein alter Mann um die 65 vorbeigeht, der kurze graue Haare und einen Bart wie der Weihnachtsmann hat. Ich beschließe, dass er keine Gefahr darstellt, und trete aus meinem Versteck heraus. Er dreht sich langsam um und mustert mich von Kopf bis Fuß und umkehrt, seine Augen etwas verwirrt. Es sagt lediglich: “Keine Schule heute, Junge”, und dreht sich mit einem Lachen um. Sein Lachen über den Witz ist so laut, dass ich mich frage, wann er das letzte Mal überhaupt gelacht hat.

Mir fällt ein, dass er wahrscheinlich meine einzige Hoffnung ist, herauszufinden, was hier vor sich geht, weswegen ich ihm hinterher laufe und frage: “Warum, was geht hier vor, wo sind alle?” Er läuft einfach weiter und sagt: “Ich weiß nicht, wo sie sind, aber ich weiß schon, dass seit mehr als 25 Jahren kein Schüler mehr in diesem Gebäude war.” Kurz danach fügt er hinzu, “Na ja, bis auf dich.”

„Das stimmt nicht”, sage ich, “Ich war gestern hier.”

Er dreht sich plötzlich um und schaut mich an: “Warte” sagt er, “Ich erinnere mich, du bist doch der Typ, der vor 35 Jahren verschwunden ist”.

Wie wäre es, wenn…?

text by Gina

Es war ein ganz normaler Tag. Eine Weile dachte ich zumindest, dass der Tag genauso verlaufen würde wie jeder Tag. Bald wusste ich, wie falsch ich da lag.
Wenn ihr euch fragt, wer ich bin: ich heiße Kate und bin 16 Jahre alt. Vor ein paar Tagen hatte ich ein ganz normales Leben als Schülerin, aber seit gestern hat sich alles verändert…

Wie immer bin ich um 7 Uhr aufgestanden, habe mich angezogen, bin zur Schule gegangen und war beim Französisch-, Mathe- und Chemieunterricht, alles nicht so sonderlich interessant.
Dann bin ich zum Klassenzimmer, wo wir Englischunterricht haben (ja, ich weiß, genauso langweilig wie der Anfang des Tages), aber als ich den Raum betrat, stockte mir kurz der Atem und mir fiel die Kinnlade runter.
Ich befand mich mitten im Regenwald. Ja, ihr habt richtig gehört, im Zimmer waren Bäume und Kletterpflanzen. Ich habe mich gefragt, ob ich noch in unserem Klassenzimmer war.
Auf einmal hörte ich eine Stimme neben mir, die sich sehr überrascht anhörte, und als ich mich umdrehte, sah ich meine beste Freundin Lucie. Zumindest war ich nicht mehr alleine in dieser verrückten Situation.
“Was geht hier vor?“, fragte sie etwas gereizt und ich musste zugeben: „Glaub mir, Lucie, ich würde gerne genau das gleiche wissen, aber ich habe überhaupt keine Ahnung.“
“Was machen wir denn jetzt? Können wir nicht einfach wieder aus der Tür rausgehen?“, wollte sie wissen. Eine gute Frage!
Es war so heiß und schwül, ich konnte mich kaum konzentrieren. Ich sagte mir: „Komm, keine Panik jetzt! Du bist irgendwie hierher gekommen (wo auch immer ich war, wusste ich auf jeden Fall, dass ich nicht mehr in unserer Schule war), du kannst genauso gut wieder zurückkehren. Ich muss nur herauskriegen wie.“
Mit lauter Stimme antwortete ich: „Ich weiß es nicht, aber wir können es versuchen.“ Und ja, wir versuchten zurückzugehen, aber schon kam der nächste Schreck: die ganze Schule war mit allen möglichen Pflanzen überwachsen. Wir sind schnell in unser Klassenzimmer, beziehungsweise das, was es früher mal war, zurückgekehrt.
“Und jetzt?” “Wir können nicht einfach hier bleiben und warten. Lass uns gucken, wie wir die Lage besser überblicken können“, antwortete ich und versuchte dabei, nicht zu ahnungslos zu klingen. Wir sind an einem riesigen Busch entlang gelaufen, wo die Wand hätte sein müssen, und kamen zur Fensterseite hin, wo nun eine gigantische Kletterpflanze stand. Ich folgte meinen Instinkten, zog an der gummiartigen Pflanze und konnte ein paar von ihren Ranken aus dem Weg räumen. Zu unserer Überraschung schauten wir plötzlich aus einem Fenster heraus, ja, ein Fenster mitten im Dschungel!
Wir guckten einander an, die Verwirrung stand uns beiden ins Gesicht geschrieben. Wir waren aber noch verwirrter, als wir auf einmal ein seltsames Geräusch hörten.
Stotternd fragte Lucie: „Hörst du das? Das unheimliche Brüllen?“ Natürlich konnte ich es hören, es war nicht zu überhören. „Es kam von hinter dem Fenster“. Wir schauten aus dem Fenster, aber da war nichts. Na ja, eigentlich konnte man doch etwas sehen, irgendetwas, was uns bekannt vorkam. Auf den zweiten Blick erkannten wir unsere Schule, viel grüner als sonst mit den ganzen Pflanzen wie auch unser ehemaliges Klassenzimmer, aber genauso angelegt wie unsere Schule. „Wie ist das möglich?“, flüsterte ich Lucie zu, die zustimmte: „Ja, wenn das unsere Schule ist…“, aber sie hatte keine Zeit zu Ende zu sprechen. Direkt vor uns stand ein Wesen, das ich in meinem ganzen Leben nie gesehen hatte. Ich kann es nicht mal beschreiben. Es sah aus wie ein Tiger, hatte allerdings lange Stoßzähne und den Panzer eines Gürteltiers. Nach dem ersten großen Schock sah ich mit Erleichterung, dass das Fensterglas noch zwischen uns und dem Wesen stand.
Aber dann versuchte es, sich durch die Pflanzenwand durchzuschlagen und wir bekamen beide erneut große Panik. Wir hörten, wie die Krallen die Pflanzen und das Mauerwerk entlang kratzten, ein penetrantes, beängstigendes Geräusch. Mir sträubten sich die Nackenhaare.
Was sollten wir machen? „Kate, wir müssen zurück.“ „Ja, ich weiß, zurück in unsere Zeit.“ Als das unheimliche Wesen direkt vor uns erschien, hatte ich einen Geistesblitz. Wir waren zwar noch in unserer Schule, aber offenbar lange Zeit nachdem, wir eigentlich zur Schule gingen. Es mag seltsam klingen, aber wir waren in der Zukunft, es gab keine andere Erklärung. „Wie bitte?“, fragte Lucie erstaunt. Ich versuchte zu erklären: „Ja, wir müssen in der Zukunft sein. Es gibt keine andere Erklärung. Ich denke, als wir durch die Tür reinkamen, gingen wir durch einen Zeitportal.“ „Das ist doch ein Witz!“ „Nein, leider nicht.“ „Und wie kommen wir denn zurück in unsere Zeit?!“ In dem Moment sahen und hörten wir mit Entsetzen, wie das Wesen die aus Pflanzen bestehende Wand beinahe durchbrach, bis es letztlich die ganze Überwucherung durchdrang mit einer schaurigen Schrei. Es kam nun direkt auf uns zu. Jetzt schien alles wie in Zeitlupe zu geschehen. Ich packte Lucie am Arm und zog sie mit zur Tür, das Monster direkt auf unseren Fersen, ich konnte sogar seinen Atem im Rücken spüren. Dann plötzlich war alles weg, sowohl die Pflanzen als auch das Wesen, und wir waren zurück, zurück in unserer Zeit und unserer Schule.
“Wie hast du das gemacht?“, fragte mich Lucie bestürzt. „Na ja, ich habe mich einfach daran errinert, dass in dem Moment, wo alles losging, ich mich gefragt hatte, wie die Schule hier in 50 Jahre aussehen würde, und offensichtlich bekam ich diese Antwort. Die Pflanzen und die Tiere würden diesen Ort wiedererobern und nur die Menschen würden die Harmonie stören können. Dann dachte ich einfach an unserer Zeit in der Schule und fragte mich, wie es wäre, wenn wir nicht mehr da wären, und dann ging ich durch die Tür.“
“Das heißt, du kannst überall in der Zeit herumspringen, indem du dich einfach fragst, wie es wäre, wenn?“ „Anscheinend…“ „Dann können wir froh sein, dass du dir die richtige Frage gestellt hast!“

Blüten der Einsamkeit

Eine Kurzgeschichte von Xiaolu Guo, übersetzt von Rebecca DeWaldflower

1. Houyi

Damals bestand das Universum aus zwei unterschiedlichen Welten: Der Erde, auf der die Sterblichen lebten, und den himmlischen Gefilden, die die Unsterblichen beherrschten. Damals waren die Berge scharlachrot und die Meereswogen schwappten blutrot ans Land. Damals bevölkerten so viele Tiere das Land, dass die Menschen sich ihren Platz erkämpfen mussten. Damals wurden Männer an Ihrer Kunst im Bogenschießen gemessen. Und damals, vor sehr langer Zeit, ging ein außergewöhnlicher Bogenschütze namens Houyi auf der roten Erde.

Houyi bewegt sich schnell und gewandt durch das hohe, wilde Gras, wie ein Leopard, der durch den Wald streift. Mit seinem Bogen über der Schulter ist er auf dem Weg zum Dorf Weißer Elefant, um für die Einwohner Wölfe zu erlegen. Die blutrünstigen Tiere hatten vor noch nicht allzu langer Zeit mehrere Kleinkinder gerissen, wovon die Blutspur auf dem Waldweg zum Dorf noch zeugt. Kein Tier — ob Wolf, Stier oder Löwe — kann Houyis Bogen entkommen, denn Houyi ist der Meister der Bogenschützen des Königreichs.

Die Sonne brennt über den Tannenspitzen, in deren Halbschatten Houyi sitzt und schwitz wie ein junger Stier. Er wäscht sein Gesicht im Bach am Fuße des Hügels und löscht seinen Durst mit dem klaren, süßen Wasser des Bergs. Er beißt in die saure Frucht eines wilden Birnenbaums und spuckt die harte Schale ins Gras. Houyi ist ein heißblütiger, junger Mann. Sein junger Bart ist buschig und kräftig und weht stets im Wind. Und sogar Tiger fürchten ihn und schrecken zurück, wenn sie seinen Schritt hören und den großen, silbernen Bogen und die schwarzen Pfeile im Köcher auf seinem Rücken sehen.

Nachmittags, nachdem die Sonne den Zenit überschritten hat, schießt Houyi die drei Wölfe im Wald. Die ersten beiden erlegt er sofort; den Dritten verletzt er nur, um ihn für das Herbstopfer aufzubewahren. Die Dorfbewohner feiern ihren Helden, bedanken sich bei Houyi und schenken ihm Mais und Fisch und sogar geräuchertes Schweinefleisch. Houyi verlässt das Dorf schwer beladen mit Lebensmitteln und seinem großen Bogen.

Houyis junge Frau Chang’e wartet allein zu Hause. Sie sammelt die Kokons der Seidenraupen ein, um daraus Winterkleider für Houyi zu weben. Sie fühlt sich allein und über ihre Maße alt, seit sie Houyi geheiratet hat, dabei ist sie erst fünfzehn Jahre alt. Houyi ist nur drei Jahre älter, doch er ist ein wilder Mann, der selten zu Hause ist und nichts mehr liebt, als mit der Natur Krieg zu führen. So hat er es auch geschafft, Chang’e zu bändigen und ihr Herz zu gewinnen, also hat er sein Ziel bereits erreicht, denn Liebe existiert für ihn nicht. Er verbringt seine Tage fortan lieber damit, Waldtiere zu jagen, während seine junge Frau jeden Tag allein bestreiten muss. Vor ihrem Haus wächst ein alter Magnolienbaum. Oft betrachtet Chang’e seine dicken Blätter und die großen, weißen Blüten. Sie fühlt sich wie das schwache, regungslose Blütenblatt einer Magnolie, das nur darauf wartet, vom Wandel der Jahreszeiten zurück auf die Erde getragen zu werden. Sie selbst aber ist ohne Kraft und schwerelos.

Houyi der Bogenschütze schläft jede Nacht gleich nach dem Abendessen ein. Er atmet tief und schwer. Während sie so neben ihrem Mann liegt, fühlt sich Chang’e als ob sich ihr Leben einem langsamen Tod hinwendet. Sie sieht den Umriss ihres eigenen Todes, wenn sie sich neben Houyis geerdeten Körper legt. Der Umriss breitet sich wie ein Tintenklecks immer weiter aus und färbt alle lichten Stellen ein, bis er den gesamten sichtbaren Raum eingenommen hat und nichts als Dunkelheit zurückbleibt.

2. Chang’e

Vor ihrer Hochzeit mit Houyi war Chang’e Blumenpflückerin am königlichen Hof. Das Reich des alten Königs lag im südlichen Teil der chinesischen Han-Provinz, wo sich die Stämme ohne Unterlass bekriegten. Als Zwölfjährige wurde Chang’e zur Dienerin einer der Ehefrauen des Königs ernannt und mit der Aufgabe betraut, sich um den Garten mit den Jasminbäumen zu kümmern. Dort sollte sie die weißen Blüten der Jasminbäume pflücken, bevor diese sich öffneten, sie in Wasser legen und mit Puderzucker bestreut in einem Jadeglas aufbewahren. Nach ein paar Tagen trank die Frau des Königs den gesüßten Jasmintrank, um damit ihre schwachen Lungen zu stärken.

Jede Jasminblüte im Garten brachte nur ein einziges Blütenblatt hervor, ein weißes Blütenblatt in der Form eines Herzens. Die Blütenblätter waren so zart, dass schon der schwächste Windstoß sie wie Schnee von den Bäumen segeln lies. So musst Chang’e die Blüten pflücken, bevor der Wind sein Spiel mit ihnen treiben konnte. Tagein, tagaus ertrug Chang’es junges Herz die Eintönigkeit ihres öden Lebens.

Eines Tages auf dem Weg zum Markt, wo Chang’e Zucker kaufen sollte, traf sie einen kräftigen, gut aussehenden Mann mit einem großen, silbernen Bogen. Für Chang’e und Houyi war es Liebe auf den ersten Blick. So dauerte es nicht lange und Chang’e verlies den königlichen Jasmingarten und wurde zur Frau des jungen Bogenschützen. Als junge Ehefrau pflegt Chang’e nun Seidenraupen unter dem Maulbeerbaum, kocht Reis und Suppe auf einem Baumstumpf und wäscht Kleider im nahegelegenen Fluss. Sie weiß, dass der Bogenschütze sie liebt, doch ihr einsames Herz schwelgt in ihrer leeren Brust. Sie empfindet zwar Liebe für ihn, doch wenn Houyi in der Nacht schläft, lässt diese manchmal etwas nach, Stück für Stück. Sie hat vergessen, wofür sie lebt. Sie fühlt sich, als ob sie wieder eingesperrt ist, wie im Jasmingarten des alten Königs, wo sie unter der brennenden Sonne ihre müden Arme hebt, um jede zarte Blüte einzeln zu pflücken. Tagein, tagaus, ohne Sinn und Zweck.

3. Wu Gang

Damals wachten die Unsterblichen der himmlischen Gefilde über dem großen, chinesischen Sternenzelt. Der Herrscher der himmlischen Gefilde entschied darüber, wer Einlass erhielt und wem dieser verwehrt wurde.

Doch für Wu Gang zog der impulsive Herrscher der himmlischen Gefilde ein anderes Los. Wu Gangs Schicksal war es, auf ewig im Limbus zwischen der Welt der Sterblichen und der der Unsterblichen zu weilen. Er wurde zum Türhüter der südlichen Himmelspforte, dem einzigen Durchgang auf dem Weg von der Erde in die himmlischen Gefilde.

Hier lehnt Wu Gang nun regungslos und leer an der südlichen Himmelspforte und erinnert sich an Augenblicke seines vergangenen Erdenlebens. Er war einmal Holzfäller in einem Bambushain und erfreute sich des Lebens. Der Herrscher der himmlischen Gefilde sah in ihm jedoch mehr als einen gewöhnlichen Mann. Er sah in ihm den vertrauenerweckendsten Menschen der Erde und ernannte ihn deshalb zum Türhüter der Himmelspforte. Seither fristet Wu Gang in dieser Leere sein Dasein. Er vermisst seine Heimat, den kräftigen Bambus und seine feste Axt, die so viel besser ist als seine himmlische Axt, die er hier zu Schwingen gezwungen ist. Er vermisst den Duft der Erde nach einem Gewitter und das Rauschen des Flusses hinter seiner Grashütte. Jetzt ist er im Zwischenraum Limbus, an einem leblosen Ort, an welchem die Erde endet und der Himmel beginnt, jedoch liegen beide für ihn außer Reichweite. Seine Welt ist nun geräuschlos, farblos und ohne Gewicht. Nur Wu Gangs Axt und vielleicht auch sein Körper haben eine klare Form. Er kann sein eigenes Gewicht sehen, fühlt es aber nicht. Jene, die der Herrscher der himmlischen Gefilde als Unsterbliche auserwählt hat, gehen einfach an ihm vorbei durch die Pforte. Keiner hat je innegehalten, um mit ihm zu sprechen oder in Erinnerungen zu schwelgen, zumal es um die Pforte herum keinen konkreten Raum gibt, wo es sich aufzuhalten lohnte. Wu Gang lebt ihn einem Luftstoß, von welchem aus er die Erde durch ewige Wolken hindurch betrachten kann. Er ist das einsamste Wesen der Welten.

Eines Tages entdeckt Wu Gang durch die dichten Wolkenlagen hindurch die schöne Chang’e, die unter einem Jasminbaum im königlichen Garten steht während die Jasminblüten auf sie herabschneien wie Flocken im Wind. Chang’e steht an den Baum gelehnt und betrachtet die Blüten, wie sie um sie herum zu Boden segeln. Sonnenstrahlen umspielen ihr Haar und ihren Hals. Der Türhüter ist wie gebannt von ihrer zerbrechlichen Schönheit. Er murmelt vor sich hin, wünscht sich, er könne ihr Gefährte werden und sie ihr Leben lang im Arm halten und beschützen. Doch wie soll das gehen? Er ist kein Mann aus Fleisch und Blut mehr, sondern halb Mensch, halb Geist, ohne Gewicht und schwerelos.

Tagein, tagaus betrachtet Wu Gang den Jasmingarten von oben, von seiner fernen südlichen Himmelspforte aus. Der einsame Mann mit seiner schlichten Axt lehnt gegen die Pforte und sein Halbleben erscheint ihm etwas weniger einsam, bis Chang’e eines Tages aus dem Jasmingarten verschwindet. Er sucht sie, doch seine halbmenschlichen Augen haben ihre Sehkraft in der überbevölkerten Menschenwelt verloren. Er hat ihre Spur in all dem Smog, Regen und Rauch verloren und kann sie zwischen den gezwängten Schultern auf dem Markt, den Füßen auf den Brücken und den Hüten in den Feldern nicht ausmachen. Schweren Herzens sieht er ein, dass sie in ihrem Erdenleben wohl die Frau eines anderen geworden ist und in einem Haus für ihre Familie kocht. Als er so darüber nachdenkt, wird sein Herz noch kälter und seine Sicht auf die Erde verschwimmt. Einsamkeit macht sein Herz hart wie Granit und er vergisst das zarte Gefühl, das er einst verspürte. Ein Tag folgt dem anderen, eine Nacht verschwindet in der nächsten. Wu Gang verspürt Sorge auf der Erde unter ihm, doch die Sorge zerstreut sich in der dünnen Luft und menschliche Emotionen haben für ihn keinen Wert mehr.

4. Die große Hitze

Eines Tages wurde die Erde unsäglich heiß. So heiß, dass die Dünen der Wüste Gobi brennen wie ein Vulkan. Die Bambuswälder der südlichen Halbkugel trocknen aus und sterben ab, weil ihnen der Regen fehlt. Die Tannenwälder der nördlichen Halbkugel verbrennen zu Asche. Sogar der alte König tut seinen letzten Atemzug. Als die Nachricht die Runde macht, dass der alte Herrscher gestorben ist, stößt das ganze Königreich einen verzweifelten Klageschrei aus.

Houyi der Bogenschütze aber wendet seinen dunklen Blick gen Himmel. Seine Augen sind so gespannt wie der Pfeil auf seinem Bogen. Zwischen den schwebenden Wolken und dem formlosen Wind erkennt er die sieben Sonnen am Himmel. Der Legende nach wurden Himmelsvögel in strahlende Sonnen verwandelt, die fortan auf die Erdenwelt schienen. Damals dienten sieben Himmelsvögel hoch oben als Spielzeuge des größten Herrschers der himmlischen Gefilde. Damals durfte jeder Sonnenvogel nur einmal alle sieben Tage die himmlischen Gefilde verlassen und am Himmel erscheinen. Am heißesten aller Tage aber gehorchten die Sonnen ihrem Herren nicht und erschienen alle gleichzeitig am Himmel, ungeachtet des großen Schadens, den sie damit der Erde zufügten. Der große Bogenschütze Houyi kann seine Wut nicht länger im Zaum halten, zieht sechs silberne Pfeile aus seinem Köcher aus Leopardenfell und setzt an. Zisch, zisch, zisch trifft er eine nach der anderen und erlegt mit je nur einem glänzenden Silberpfeil sechs der sieben Sonnen.

Die Dünen der Wüste Gobi sind schlagartig nicht mehr brennend heiß; die Bambuswälder im Süden werden sofort von Regen überschwemmt und das Feuer der Tannenwälder erlischt langsam. Frauen und Männer auf den Feldern erholen sich von der Qual; Tiger und Löwen treten aus ihren tiefen Höhlen heraus und durchstreifen die Ebenen wieder.

Am nächsten Tag sind die Menschen einstimmig der Meinung, den großen Bogenschützen Houyi zum neuen König des Landes zu wählen. Er und Chang’e ziehen in den Palast des alten Königs ein. Chang’e ist nun wieder in ihrem Jasmingarten mit den einzelnen Blütenblättern, doch nun gehören ihr all diese Jasminbäume und auch die Diener sind nun die ihren. Sie muss niemandem mehr süßen Jasmintrank bereiten und König Houyi befiehlt Zauberern und Kräuterheilkundlern des ganzen Landes, die seltensten Kräuter zu finden und einen Unsterblichkeitstrank zu brauen. Jahrhundertelang haben Meister jeglicher Art versucht, das Geheimrezept für diesen Trank zu finden, doch ohne Erfolg. Jeder neue König setzt die Suche nach dem Zaubertrank nichtsdestotrotz fort. Der große Bogenschütze will unsterblich werden, wie all seine königlichen Vorgänger auch.

Der Herrscher der himmlischen Gefilde ist jedoch rasend vor Wut. Zuerst erlegt der neue König sechs seiner Vögel und nun wagt er es auch noch, unsterblich sein zu wollen! Der Herrscher der himmlischen Gefilde überlegt, wie er Houyi bestrafen soll. In den himmlischen Gefilden gelten vier Strafen. Die mildeste Strafe ist Sorge; die nächste die Angst; an dritter Stelle steht absolute Einsamkeit. Die schlimmste Strafe von allen aber ist absolute Verzweiflung. Der Herrscher der himmlischen Gefilde ist impulsiv und überlegt nicht zweimal, bevor er beschließt, dass König Houyi die Höchststrafe verdient. Houyi wird alsgleich zum verzweifeltsten Menschen der Erde. Er verliert das Vertrauen in die Zukunft, misstraut jedem seiner Untertanen, hat den Glauben an Liebe aufgegeben und denkt leise in jedem stillen Augenblick an den Tod.

Jede Nacht, wenn sie so neben Houyi liegt, atmet Chang’e den verzweifelten Atem des neuen Königs ein. Sie verspürt, wie ehemals, bei jedem Seufzer ihres Ehemanns das Verderben ihres eigenen Fleisches in einem luftlosen Grab, wo ihre Knochen zwischen den Wurzeln der Pflanzen langsam vergehen. Der Umriss des Todes breitet sich erneut wie Tinte in der Nacht aus und macht ihr Leben düster, bis vollständige Finsternis herrscht. Sie hat Angst vor einer schicksalsschwangeren Zukunft. Eines nachts steht Chang’e auf, stiehlt den Schlüssel aus Houyis Morgenmantel und betritt das Schloss, wo die Meister den Unsterblichkeitstrank brauen. Sie entdeckt ein großes Jadeglas, lüftet vorsichtig den Deckel und riecht an den bitteren Wurzeln. Sie nimmt die leuchtende Flüssigkeit mit zurück in ihre Gemächer. In der folgenden Nacht verlässt sie ihr Bett erneut und tut dasselbe und nimmt dabei so viele Behältnisse mit, wie sie tragen kann. Nach dreihundertundsechsundsechzig Tagen und Nächten hat sie ihre Aufgabe erfüllt und hält in ihren Hände die Essenz der Unsterblichkeit. Sie steht unter dem einblättrigen Jasminbaum und verschüttet all die wertvollen Tinkturen, während Houyi einen depressiven Schlaf schläft. Noch vor dem ersten Hahnenschrei fängt sie an, zu schweben, hebt ab und fliegt, fliegt, fliegt. Sie schwebt durch die südliche Himmelspforte, wo Wu Gang noch schläft, und geht ein in das Reich des strahlenden Mondes.

5. Der Mond

Der Herrscher der himmlischen Gefilde ist erneut wütend. Er möchte Wu Gang dafür bestrafen, dass er seiner Aufgabe nicht all seine Aufmerksamkeit widmet und Menschen in die Welt der Unsterblichen schweben lässt. Der große und impulsive Herrscher beschließt, Wu Gang seines Postens zu entledigen und ihm die Höchststrafe der größten Verzweiflung aufzuerlegen. Er schickt Wu Gang zum Mond, um einen Zimtbaum zu fällen. Sobald Wu Gang den Baum gefällt hat, wächst er nach und ist jedes Mal kräftiger und buschiger als zuvor. Die Bestrafung und seine unbändige Verzweiflung nehmen kein Ende.

Wu Gang will nichts mehr, als wieder sterblich zu sein und auf der Erde als echter Mann zu leben. Doch als er seine Axt gegen den einsamen Zimtbaum in silbernem Raum hebt, erkennt er einen weiteren Menschen: Chang’e, das schönste aller Mädchen, das er vor vielen, vielen Jahren im Jasmingarten sah. Der Anblick Chang’es erweckt in ihm ein diffuses Gefühl, denn ihr Gesicht ist das einsamste, das er je gesehen hat. Der Anblick ihres Gesichts ergreift sein Herz, das von dem langen Mangel an Liebe schon ganz verwelkt ist. Er strengt sich an, um die Erinnerung an das Gefühl heraufzubeschwören, das er früher auf Erden für Menschen empfunden hat. Er versucht, Chang’e, ihre menschlichen Gefühle und das zarte Fleisch, das ihr Herz umschließt, zu erkennen. In den schattenlosen Tagen und Nächten des Mondes versucht Wu Gang, das Gefühl seines Herzens wiederzufinden während er ewiglich den störrischen Baum niederschlägt. Vielleicht ist Wu Gang nun nicht mehr der sorgenvollste Mann der Welten, denn er hat nun die Gesellschaft Chang’es, die in ihm die Überreste menschlicher Gefühle erweckt. Doch während die Blätter des Zimtbaums auf Chang’es Haar niederregnen, verwandelt sie sich in ein Wesen absoluter Einsamkeit. Ihre Seele hat kein Zuhause. In ihrer Formlosigkeit versteht sie den tiefen Spalt zwischen ihr und der Erde und akzeptiert die absolute Einsamkeit, die ihr Streben nach dem Tod verdrängt hat.

Das Bild der Erde verschwindet Stück für Stück aus Wu Gangs Gedächtnis und ihm bleibt ihm nur noch übrig, tagein, tagaus den Zimtbaum zu fällen. Er schwitzt unsäglich aus Erschöpfung. Daraus wird der Regen, der auf die Erde fällt und dort den warmen Boden dann und wann durchnässt; Regen, der der Schweiß der Arbeit eines Mannes ist. König Houyi steht unter dem Jasminbaum und sieht hinauf in den dunklen Nachthimmel. Mit seinen scharfen Bogenschützenaugen erkennt er zwei menschliche Umrisse auf dem Mond. Er versteht, dass der Regen auf Erden von diesem silbernen Ort herrührt.

In jeder sternenklaren Nacht, wenn der Mond hell scheint, tritt König Houyi allein, ohne Chang’e, still hinaus auf die welken, einblättrigen Blüten, die sich tief in die Erde gegraben haben. Er betrachtet den Mond und vermisst seine längst verlorene Begleiterin im Abgrund seiner absoluten Einsamkeit.

Rebecca DeWald edits the Glasgow Review of Books