„Wir sind noch hier“: Reue, das nationale Bewusstsein und unser Land

In letzter Zeit hatte ich das Glück, die Freundschaft und Weisheit anderer Aborigines zu erleben, die sich für die Anerkennung unserer Kultur und Geschichte einsetzen und gleichzeitig für den Schutz der Umwelt sowohl für Aborigines als auch für die breitere Gesellschaft kämpfen. In einem Gespräch mit meinem guten Freund Bruce Pascoe konstatierte dieser jüngst das Fehlen jeglicher echter Reue im kolonialen Bewusstsein. Er meinte damit nicht die vorübergehenden Schuldgefühle, die manche weiße Australier in Bezug auf den Diebstahl von Aborigine-Land und die Geschichte der Gewalt gegen unsere Völker empfinden. Ich glaube, dass Bruce über etwas viel Grundlegenderes nachdachte. Eine entspannte und komfortable Haltung zur Kolonisierung Australiens erfordert kaum echtes Denken, von einer Verantwortung für die Sünden der Vergangenheit ganz zu schweigen. Echte Reue würde den Menschen zwar mehr abverlangen, hätte aber unschätzbare Auswirkungen für alle Australier. Zur Reue gehört die Reflexion. Zur Reue gehören Anerkennung und – mit entsprechendem Willen – gegenseitiger Respekt. Das war es, was Bruce meinte.

[Abbildung 22 – Hanging Rock, Victoria, Australien]

[Abbildung 22 – Hanging Rock, Victoria, Australien]

Ich sehe einen engen Zusammenhang zwischen diesem Mangel an Reue, dem daraus resultierenden fehlenden Nachdenken und Australiens rückschrittlicher Haltung zum Klimawandel im Allgemeinen und zum Verfall unserer Umwelt im Besonderen. Ich sehe zudem einen klaren Zusammenhang zwischen dem mangelnden Willen zum Umweltschutz und dem Missbrauch von Aborigine-Land durch die australische Regierung. Gleichzeitig ist ein Missbrauch der kulturellen und souveränen Beziehung der Aborigines zu ihrem Land letzten Endes ein Angriff auf alle Australierinnen und Australier.

Die australische Regierung versucht derzeit, den Welterbestatus von 74.000 Hektar Urwald in Tasmanien aufzuheben, um die Abholzung wieder zu ermöglichen. Durch die Aufhebung des Welterbestatus werden wichtige heilige Stätten der Aborigines im Welterbe-Gebiet erneut unter Bedrohung stehen. Das ist eine Schande. Wenn man die Geschichte von Gewalt und wiederholten Versuchen von Enteignung und Auslöschung bedenkt, der sich die Aborigines in Tasmanien ausgesetzt sahen, würde man hoffen, dass die breitere Gesellschaft eine Fortsetzung dieser Gewalt nicht zulässt. Wenn wir eine wahrhaft reumütige Nation wären, würden gebührende Rücksichtnahme und Reflexion hoffentlich zu einer besser informierten Haltung führen. Aber in einem Land, das für die Rechte der Aborigines nur Lippenbekenntnisse übrig hat, ist ein solches Denken nicht möglich.

Gestern Morgen las ich in der Zeitung (The Age – 14. Juni 2014) einen Essay von Andrew Darby über den Mut von Ruth Langford und Linton Burgess, zwei Aborigines, die neben vielen anderen darum kämpfen, ihr Land zu retten und den Welterbestatus des Regenwalds mit seinen wichtigen kulturellen Stätten zu bewahren. Als das Paar kürzlich das Gebiet besuchte, rief es „die Ahnen an … wir ließen sie wissen, dass wir noch hier sind.“

Wir sind noch hier

Man bedenke für einen Moment den fundamentalen Mut dieser Aktion. Man bedenke, dass die Aborigine-Nationen jenes Landes, das von den britischen Kolonialherren später Tasmanien genannt wurde, seit mehr als 200 Jahren aktiven Genozidversuchen Widerstand leisten und auch heute unbeugsam bleiben, um sowohl ihre Vorfahren als auch ihre Kinder zu schützen. Ruth Langford, Linton Burgess und die Aborigines von Tasmanien sind für Aborigines in ganz Australien Helden. Sie sollten in ihrem Kampf darum, ihr Land und die Umwelt zu schützen, eigentlich von der gesamten Nation als Helden betrachtet werden. Denn sie schützen gleichzeitig auch unseren Planeten.

Nächste Woche wird Ruth Langford in dem Bemühen, den Vorstoß der australischen Regierung zu stoppen, zusammen mit Wissenschaftlern und Umweltschützern am jährlichen Treffen des Welterbekomitees in Doha, Katar, teilnehmen. Ich wünsche ihr und ihrem tapferen Volk viel Erfolg – es war, ist und bleibt unser Land.

Tony Birch

Aus dem Englischen übersetzt von Elisabeth Meister

Das australische Footscray City College sagt G’day

Von Tony Birch

Image: Footscray City College – oh so cool (behauptet jedenfalls Tony Birch)

Footscray City College – oh so cool (behauptet jedenfalls Tony Birch)

Das australische Footscray City College sagt G’day!

Das australische Footscray City College ist eine staatliche Schule westlich der Innenstadt von Melbourne. An unserer Schule gibt es 46 verschiedene Nationalitäten und beinahe 1000 Schülerinnen und Schüler. Sie blickt auf den Maribyrnong River, einen der großen Wasserläufe von Melbourne. Wir sind eine enthusiastische Gruppe von 14- und 15-Jährigen mit einigen fantastischen, engagierten Lehrerinnen und Lehrern. Wir erkunden die Stadt Melbourne ebenso wie die Naturräume, die die Stadt umgeben.


Diesen Film haben wir an unserem ersten Tag mit Weather Stations erstellt

Unsere Gruppe arbeitet mit Tony Birch und dem Wheeler Centre for Books, Writing and Ideas (Wheeler-Zentrum für Bücher, Schreiben und Ideen) zusammen, um sowohl unsere Texte als auch unser Wissen über den Klimawandel zu verbessern. Tony hat mehrere Bücher geschrieben, darunter Shadowboxing und Blood. Das Wheeler Centre organisiert öffentliche Vorträge und Veranstaltungen zu einer Reihe von Themen, darunter Schreiben, Klimawandel und mehr.

Unser Ziel ist es, die Menschen dazu zu animieren, über den Klimawandel und seine möglichen Auswirkungen auf uns in unseren eigenen Stadtteilen, Straßen und Häusern zu sprechen. Wir möchten, dass Menschen überall auf der Welt wissen, dass wir über das Problem nachdenken und gemeinsam nach Lösungen suchen. Wir möchten nicht nur, dass die Leute über den Klimawandel nachdenken, wir wollen sie auch zu Taten herausfordern.

Wir freuen uns darauf, unsere Arbeiten im September in Berlin mit allen anderen Substationen zu teilen!

 – Die Schülerinnen und Schüler der Substation Footscray City College

 

Aus dem Englischen übersetzt von Elisabeth Meister

Engel mit gebrochenen Flügeln

[Abbildung 10 – Engel mit gebrochenen Flügeln, Friedhof von Carlton, Melbourne, Australien]

[Abbildung 10 – Engel mit gebrochenen Flügeln, Friedhof von Carlton, Melbourne, Australien]

Heute ging ich mit meiner Hündin Ella auf den Friedhof. Sie ist elf Jahre alt, hat eine kaputte Hüfte und zieht ihr Bett einem ordentlichen Spaziergang vor. Wir hatten uns aufgemacht, um das Grab meiner Großmutter zu besuchen. Sie starb 1996 im Alter von 88 Jahren. Sie hatte ein erfülltes Leben, wie man zu sagen pflegt. Geboren auf Cape Barren Island in der Bass Strait, zwischen Victoria und der Insel Tasmanien, wurde meine Großmutter als Baby in ein Waisenhaus auf dem tasmanischen Festland gebracht. Mit zwölf Jahren haute sie über die Meerenge nach Victoria ab. Sie heiratete zweimal, hatte sieben Kinder und gab Al-Jolson-Imitationen zum Besten, wenn sie getrunken hatte.

Sie liegt neben ihrem Mann, meinem Großvater Patrick Corcoran, begraben. Er war ein irischer Katholik, der hart arbeitete und eines Nachmittags im Jahr 1953 von der Arbeit nachhause kam, ins Badezimmer ging, sich die Kehle aufschlitzte und verblutete. Im selben Grab liegt auch mein Onkel Michael Anthony Corcoran begraben, der 1963 im Alter von nur achtzehn Jahren ermordet wurde. Ich habe meinen Großvater selbstverständlich nie kennen gelernt, aber ich erinnere mich gut an Michael. Er war fröhlich, frech und der Liebling meiner Großmutter.

Auf dem Friedhof ließ ich Ella an den Grabsteinen herumschnüffeln, während ich das Familiengrab pflegte. Ich jätete Unkraut, wechselte das trübe Wasser in den Vasen und ersetzte die ausgewaschenen Plastikblumen mit neueren, die es über das Friedhofsgelände geweht hatte, fernab der Gräber, auf die sie ursprünglich gelegt worden waren. Vor vielen Jahren füllte ich ein Glas mit den Steinen, Muscheln und Seeglas-Stücken, die ich in aller Welt gesammelt hatte; an einem Fluss in Schottland, einem Strand in Chile und in den Straßen von New York. Ich füllte das Glas mit Wasser, versiegelte es und stellte es auf das Grab. Heute leerte ich das Glas, säuberte es und wechselte das Wasser.

Ich setzte mich auf das Grab und dachte über sie nach, meine Familie – da unten. Ich weiß, dass mein Großvater für seine Familie sorgte. Und dass er starke Beschützerinstinkte hatte. Niemand weiß, warum er sich das Leben genommen hat, aber meine Mutter glaubt, dass er Angst hatte, sich nie genug um seine Kinder kümmern zu können. Ich bin nicht ganz sicher, was das heißen soll. Wenn ich an meine eigenen Kinder denke – ich habe fünf –, weiß ich nie so recht, ob ich mir zu viele Sorgen um sie mache oder zu wenige. Manchmal denke ich, dass es meine Aufgabe ist, sie zu retten – ein verständliches, aber absurdes Unterfangen.

Ist irgendetwas davon für das Thema Klimawandel relevant? Ich meine schon. Meine Großmutter lebte ihr Leben unter schwierigen Umständen. Ihre tägliche Sorge war es, genug Essen für ihre Familie aufzutreiben; im Winter auf der Suche nach Feuerholz mit dem Kinderwagen die Straßen der Innenstadt entlangzugehen, um das Haus warm zu halten. Wir standen uns nahe, als ich aufwuchs. Sie brachte mir bei, dass alles andere nichts wert ist, wenn wir die Grundbedürfnisse unserer Familien und Mitmenschen – Nahrung, Wärme und ein Dach über dem Kopf – nicht adäquat decken. Außerdem sollten wir uns schämen, wenn wir diese Grundbedürfnisse nicht auch für die gesamte Gesellschaft decken.

Alma Corcoran war keine marxistische Volkswirtschaftlerin oder politische Aktivistin. Sie hatte kaum die Schule besucht und war eine direkte und unromantische Frau. Aber sie wusste eine Menge über Überfluss – und hasste ihn. Wann immer es ihr gut ging, wenn der Vorratsschrank voll und der Kühlschrank gut gefüllt war, pflegte sie die Haustüre zu öffnen und ihre Nachbarn zu einem ganz besonderen Essen einzuladen. Sie lehrte mich, dass es nicht meine Aufgabe ist, irgendjemanden zu retten, schon gar nicht meine Kinder. Sie lehrte mich außerdem, dass ich nur ein kleiner Teil eines größeren Ganzen bin.

Tony Birch

Aus dem Englischen übersetzt von Elisabeth Meister

 

Die Küstenseeschwalbe

Seit mehr als einem Jahr ist mein bejahrter Nachbar Jack nun schon dabei, sein Leben durchzusortieren und einige seiner Besitztümer loszuwerden. Auch wenn wir nicht verwandt sind und uns erst seit ein paar Jahren kennen, ist vieles von dem bei mir gelandet, wofür er keine Verwendung mehr hat.

Es fing mit gebundenen Ausgaben der Enzyklopädie australischer Traktoren und Traktoren und moderne Landwirtschaft an. Er bot sie mir eines sonnigen Morgens an, als wir uns über die struppige Lavendelhecke hinweg unterhielten, die als unsere Grundstücke trennender Zaun durchgeht.

Jack kennt sich mit Traktoren aus und redet gerne über sie. Wäre er je als Kandidat beim altbekannten Mastermind-Fernsehquiz aufgetreten, wären Traktoren mit Sicherheit sein „Spezialthema“ gewesen.

Jack verbrachte sein Berufsleben damit, zusammen mit seinem Zwillingsbruder Ronnie in ganz Victoria Traktoren zu verkaufen. Sie bauten ihr Geschäft gemeinsam auf und heirateten später Frauen aus ihrem Heimatort – in derselben Kirche und am selben Tag.

Sie hatten außerdem vor, sich auf zwei benachbarten Strandgrundstücken an der Westküste zur Ruhe zu setzen. Aber nur wenige Monate vor der geplanten Geschäftsaufgabe wurde Ronnies Pick-up während einer Überschwemmung von einer Brücke gespült, als er versuchte, einen über die Ufer getretenen Fluss irgendwo hinter Colac zu überqueren. Während das verbeulte Autowrack schließlich ein paar Meilen flussabwärts der Unfallstelle auftauchte, wurde Ronnies Leiche nie gefunden.

Auch wenn er Ronnie sehr vermisste, ließ sich Jack von seinen Ruhestandsplänen nicht abbringen. Ronnies Witwe dagegen verkaufte ihr Grundstück an „irgend so einen Stadtfuzzi“, wie ihn Jack abfällig nannte. Obwohl der „Stadtfuzzi“ neben Jack ein Haus baute, war er in den folgenden Jahren selten dort, bevor er es zum Verkauf stellte.

Ich kaufte Ronnies Witwe das Haus mit dem Traum ab, es zu renovieren, während ich meinen großen Roman schrieb. Aber ich habe seit meinem Einzug wenig am Haus gemacht und nicht mehr als ein paar Absätze zustande gebracht.

Neben seinen Büchern über Traktoren reichte mir Jack auch seine alten Werkzeuge über die Hecke. Um ehrlich zu sein, nützen sie mir so viel wie die Traktoren-Bücher. Es ist nicht so, dass ich Jacks Freigebigkeit nicht zu schätzen wüsste, aber ich kann für mein Leben keinen Nagel gerade einschlagen.

Jack hat seine Werkzeuge sorgfältig gepflegt. Die geölten Metalloberflächen sind frei von Rost und die hölzernen Griffe von Jahren des Gebrauchs abgegriffen und glatt. Auch wenn ich nicht davon ausgehe, dass ich je eine Verwendung dafür haben werde, wurde jede Gabe, sei es eine Schaufel, ein Hammer oder eine Variation der ganz normalen Handsäge, der Kollektion hinzugefügt, die ich im Zimmer hinter der Küche mit Blick auf den Garten aufhebe.

Das ist auch das Zimmer, in dem ich schreibe. Oder, um genau zu sein, es ist das Zimmer, in dem ich meine Tage schreibend verbringen sollte.

Ich beginne das, was ich irreführend meinen „Schreibtag“ nenne, an meinem Schreibtisch, bewaffnet mit einer Tasse Tee und inspirierender Musik – meiner „Schreibmusik“, wie ich sie optimistisch bezeichne. Meinen Arbeitsmorgen, der nicht besonders lang ist, verbringe ich damit, abwechselnd auf den Computerbildschirm und aus dem Fenster zu starren, auf einen verwilderten Garten, der dringend die Aufmerksamkeit bräuchte, die ich ihm nicht geben kann, weil ich ja mit Schreiben beschäftigt bin.

Nach ungefähr einer Stunde, manchmal auch weniger, wird mir klar, dass heute kein guter Tag zum Schreiben ist. Also stehe ich auf, verlasse das Haus und gehe ans untere Ende des Gartens. Dann schlüpfe ich durch den Spalt im Zaun und mache mich auf den Weg zum Strand.

Als ich meine täglichen Spaziergänge an den Strand begann, war Jack immer mit von der Partie. Tatsächlich war es Jack, der mir den geheimen Pfad zeigte, der sich unter einem riesigen Teebaum direkt hinter meinem Gartenzaun verbarg. Und es war Jack, der mich den Pfad entlang zum Strand geleitete, wo er ein zweites Geheimnis mit mir teilte.

Am Morgen dieses unseres ersten Spaziergangs hatte ich gerade wieder einmal eine Schreibsitzung aufgegeben, als Jack mich vorfand, wie ich im Garten vor dem Haus unruhig auf und ab ging. Ich war auf der Suche, nicht nach einer Geschichte, sondern nach einem bescheidenen Satz oder vielleicht einem einzelnen Wort, das mich in die Gänge bringen könnte.

„Hallo, mein Junge“, winkte er mir über die Hecke zu.

In der Gewissheit, dass einem Mann, der einen Pfad in seinen Garten trampelt, irgendetwas Sorgen macht, ging Jack um die Hecke herum, stellte sich vor mich hin und fragte mich, ob er helfen könne. Als ich ihm erklärte, dass ich einigermaßen sicher war, mir eine Schreibblockade eingefangen zu haben, sah er mich ebenso verdutzt wie besorgt an.

„Schreibblockade?“, wiederholte er mehrere Male zu sich selbst. „Nie gehört. Was ist das?“

„Naja, Jack. Das ist, wie wenn man ein Problem hat, das man nicht lösen kann. Oder eine Idee, nach der man sucht. Eine Idee mit Wörtern. Aber Wörtern, die man nicht finden kann.“

Jacks Augen leuchteten auf, zuversichtlich, dass er eine Lösung für mich hatte.

„Nun, du bist auf dem richtigen Weg – du versuchst, dein Problem durch einen Spaziergang zu lösen. Das mache ich auch. Gehe spazieren und kriege dabei den Kopf frei. Aber immer im Kreis herumlaufen? Das ist nicht gut für dich. Du musst geradeaus gehen.“

Er wedelte mit der Hand in Richtung der niedrigen Hügel hinter unseren benachbarten Häusern. „Geradeaus, mein Junge. Geradeaus.“

Dann lotste er mich hinunter ans untere Ende seines Gartens und deutete auf eine zwei Latten breite Lücke im Zaun hinter seinem Schuppen.

„Ich habe überlegt, hier ein Gartentor einzubauen“, erklärte Jack mir, während wir durch den Zaun kletterten. „Das wäre einfacher, als hier jeden Morgen durchzuklettern. Aber um ehrlich zu sein, würde das nicht halb so viel Spaß machen. So fühle ich mich wieder ein bisschen wie ein Kind.“

Ich konnte vor uns einen schmalen Pfad erkennen, der unter der Krone eines Teebaums verschwand. Ich ging hinter Jack her, den schattigen Pfad entlang, der steil anstieg, einen Kamm erreichte und dann zwischen Sandhügeln und Wellen von goldenem Gras sanft zum Strand hin abfiel.

Jack wartete am Strand auf mich, während ich ein Stück Sand überquerte, das mit Streifen von ledrigem Kelp übersät war. Wir ließen uns beim Weitergehen Zeit, unterhielten uns und blieben ab und zu stehen, um die schillernden Farben der Gezeitentümpel zwischen Strand und Ozean zu bewundern. Während Jack jede Fischart identifizierte, die in den Seetangwäldern umherschnellte, fühlte ich mich wie ein kleiner Junge, der fröhlich hinter seinem Vater hertrödelt.

Wir waren vielleicht eine halbe Stunde gegangen, als Jack den Strand verließ und ins Gras hineinging. Nach etwa dreißig Metern blieb er stehen. Er wies mit dem Kopf auf eine flache Vertiefung im Boden.

„Da ist es.“ Er deutete auf die Stelle, die wir beide anstarrten, obwohl ich keine Ahnung hatte, was ich sehen sollte.

Jacks Augen weiteten sich. „Und, was hältst du davon?“

Ich blickte wieder auf das flachgedrückte Gras. „Was halte ich von was, Jack?“

Wenn er meine Frage gehört hatte, ignorierte er sie.

„Jeden Sommer kommen sie. Jeden Sommer, seit ich mein Haus habe. Und wahrscheinlich schon Tausende von Jahren davor, nehme ich an.“

„Wer kommt, Jack?“

„Nicht wer, mein Junge. Was. Sterna paradisaea.“

Er sagte diese Worte – Sterna paradisaea – leise und ruhig, als wüsste ich mit Sicherheit, was er meinte.

Dann wandte Jack sich ab und ging weiter den Strand entlang. Er überraschte mich damit, dass er anfing zu laufen.

Ich rannte ihm nach. „Sterna, Jack? Was ist das?“

Er blieb am Strand stehen, während er tief Luft holte.

„Die Küstenseeschwalbe“, erklärte er im Weitergehen. „Sie ist ein Vogel. Ein mutiger kleiner Vogel. Sie kommt jeden Sommer genau hierher, an diesen Strand, vom anderen Ende der Welt, vom Nördlichen Polarkreis. Sie fliegt 20.000 Meilen, um hierher zu kommen. Und dann fliegt sie im Lauf des Jahres wieder zurück. Dieselbe Distanz. Die meisten Leute bekommen den Vogel nie zu sehen. Verbringt den Großteil seines Lebens in der Luft.“

Ich blickte über den Ozean hin zum Horizont und dann hinauf in den leeren Himmel. „Muss wohl ein großer Vogel sein, Jack, wenn er so weit fliegt?“

„Nee“, erwiderte er amüsiert. „Die Flügelspanne misst vielleicht einen Fuß, ein bisschen mehr. Und der Vogel selbst“, Jack ballte seine knorrige Faust zusammen, „nicht viel größer als so.“

Ich pfiff bewundernd durch die Zähne. „Du hast ihn also gesehen, Jack? Den Vogel?“

Er schaute mich an und sein Gesichtsausdruck wurde sanfter, aber er sagte nichts weiter.

Auf dem Heimweg blickte ich ab und zu über meine Schulter auf den klaren Morgenhimmel, während ich ihm weitere Fragen über den Vogel stellte.

„Vom Nördlichen Polarkreis, Jack? Wie kommen die hierher?“

„Sie fliegen“, lachte er.

„Aber wie, Jack? Woher wissen sie, wo sie hinmüssen?“ Ich starrte wieder hinaus auf den Horizont. „Den ganzen langen Weg.“

Er blieb stehen und legte mir die Hand auf die Schulter. Ich war überrascht, wie kräftig sein Griff war.

„Sie erinnern sich, mein Junge. Das ist das Geheimnis. Sie brauchen Monate, um hierher zu kommen. Ich habe es nachgelesen. Wissenschaftler haben den Vogel zu jedem Zwischenstopp auf dem Weg verfolgt.

Sie halten jedes Jahr am selben Ort an. Sie vergessen nie, wo sie gewesen sind oder wo sie hinfliegen. Das ist ihr Geheimnis. Nie zu vergessen. Vergiss es nicht, mein Junge.“

Er packte mich wieder an der Schulter. „Und weißt du, was noch?“

Er wartete auf meine Antwort, aber ich hatte keine. „Was noch, Jack?“

Seine Augen leuchteten vergnügt auf.

„Sie leben lange, jedenfalls für einen Vogel. Manche werden mehr als zwanzig Jahre alt. Die ganze Fliegerei, man würde meinen, das macht sie fertig. Tut es aber nicht. Ihre ganze Kraft kommt vom Fliegen. Und noch etwas. Sie bleiben während dieser langen Zeit ihr ganzes Leben zusammen. Sie fliegen um die ganze Welt an denselben Ort und zum selben Partner, jedes Jahr. Was sagst du dazu, hm?“

Nachdem wir nach unserem Spaziergang wieder durch den Zaun zurückgeschlüpft waren, lud mich Jack in seinen Gartenschuppen ein.

„Ich habe da etwas für dich drin“, sagte er und zwinkerte mir verschwörerisch zu.

Sein Schuppen befand sich in einem Zustand perfekter Ordnung. Ein riesiger Vorrat an Nägeln, Schrauben und Muttern war in beschrifteten Glasgefäßen entlang der Rückseite einer hölzernen Werkbank unter einem Fenster mit Blick auf den Garten aufgereiht. Seine Gartengeräte; Schaufeln, Rechen und Hacken in verschiedenen Größen standen in Habachtstellung an einer Wand, während seine Sägen, Hämmer und Bohrer von Halterungen über den Gartengeräten hingen.

Weit und breit war kein einziges elektrisches Werkzeug zu sehen.

Bretter in verschiedenen Längen, einige von ihnen laut Jack „echte Fundstücke“, lagen auf einem offenen Regal, das sich quer über die Rückseite des Schuppens erstreckte. Unter der Sammlung von Holz standen mehrere Dutzend Dosen mit Farben und Lacken fein säuberlich auf einem zweiten Regalbrett aufgestapelt.

„Wonach suchen wir, Jack?“, frage ich in den Raum, während er im Schuppen herumstöberte.

„Meinem Fernglas“, antwortete er, während er einen Karton durchsuchte, auf dem in dickem Bleistift KRIMSKRAMS stand.

Als er sein Fernglas in dem Karton nicht finden konnte, ging Jack hinaus und kehrte mit einer Holzleiter zurück. Er lehnte sie so an die Rückwand, dass das Ende der Leiter an das oberste Regalbrett reichte, auf dem eine Kerosinheizung, weitere Kartons und ein alter Koffer standen.

Während er die Stabilität der Leiter überprüfte, bot ich meine Dienste an. „Kann ich dir helfen, Jack? Lass mich doch da hochklettern.“

Er winkte abwehrend, während er einen Fuß auf die unterste Sprosse der Leiter setzte. Er kletterte zu dem Regalbrett hinauf und schob einen der Kartons beiseite, während er nach einem zweiten griff. Dabei krachte der Karton in den Koffer. Ich sprang zurück, als der Koffer auf den Boden donnerte.

„Scheiße“, flüsterte Jack zu sich selbst, den Blick über die Schulter hinunter auf den Koffer gerichtet.

Er durchsuchte einige weitere Kartons, bevor er aus einem von ihnen ein abgewetztes Fernglasetui aus Leder hervorholte. Er nahm das Fernglas aus dem Etui. „Da ist es ja.“

Ich stand am Fußende der Leiter, während er mir das Fernglas hinunterreichte. Es war in tadellosem Zustand – das dunkle Metall, das Chrom, die Glaslinsen, jede Oberfläche reflektierte das Sonnenlicht, das sich an das Fenster des Schuppens schmiegte.

Jack kletterte die Leiter hinunter und klopfte mir auf die Schulter. „Wenn sie diesen Sommer zurückkommt, die Schwalbe, dann bist du vorbereitet.“

Ich schaute auf das Fernglas hinunter. „Aber wie sieht sie aus, Jack? Ich kann einen Vogel nicht vom anderen unterscheiden.“

Statt einer Antwort reichte mir Jack ein Buch vom Regalbrett über der Werkbank – Zugvögel der Welt. Während ich es durchblätterte, konzentrierte er sich auf den Koffer, der zu Boden gefallen war. Er hob ihn am Griff hoch und schüttelte ihn. Ich hörte darin etwas sanft rascheln. Ich blickte zu Jack hinüber, um zu sehen, ob er es ebenfalls gehört hatte.

Er kratzte sich den Kopf. „Was haben wir denn da?“

Er legte den Koffer auf die Werkbank, schickte sich an, ihn aufzuschnallen, und zögerte dann einen Moment lang, bevor er ihn schließlich öffnete. Ich trat näher an die Werkbank heran und blickte hinab auf die schillernden Pailletten, die auf den strahlend weißen Stoff von etwas genäht waren, das wie ein Hochzeitskleid aussah.

Jack griff in den Koffer und hob das Kleid heraus. Er hielt es in den Armen wie ein neugeborenes Baby. „Das ist das Hochzeitskleid meiner Frau“, erklärte er. „Sie ist jetzt schon seit über zehn Jahren nicht mehr am Leben.“

Er drehte langsam eine Runde durch den Raum, das Kleid an sich gedrückt, als würde er mit ihm Walzer tanzen. Als ich sah, dass er Tränen in den Augen hatte, ging ich hinaus in den Garten und ließ ihn allein.

Als Jack schließlich aus dem Schuppen kam, lud er mich in sein Haus ein. Während wir an einem Holztisch saßen und Tassen mit süßem Tee tranken, sprach er über ihre fünfundvierzig Jahre Ehe und den Tod seiner Frau nach kurzer, aber schmerzhafter Krankheit.

„All die Jahre unterwegs, von Ort zu Ort. Ich hätte bei ihr zuhause sein sollen. Ich habe mir das erst ausgerechnet, nachdem ich sie verloren hatte. Wir verbrachten in jenen Jahren mehr Zeit auseinander, mehr Nächte in getrennten Betten als dort, wo wir hätten sein sollen, einander im Arm haltend.“

Ich hatte das Gefühl, etwas sagen zu müssen. Ich wollte Jack sagen, dass ich sicher war, dass sie sich sehr geliebt hatten, und dass ihre gemeinsame Zeit die getrennt verbrachten Nächte mehr als wettgemacht hatte. Aber ich konnte es nicht. Ich hatte das Gefühl, ihn dafür nicht gut genug zu kennen. Und außerdem waren wir Männer, also sagte ich das, was von Männern bei solchen Gelegenheiten erwartet wird.

„Du warst unterwegs und hast hart gearbeitet, Jack, für euch beide. Ich bin sicher, sie hätte das verstanden.“

Er studierte den Boden seiner Tasse, während er über meine Worte nachdachte.

„Wir verstanden es beide“, antwortete er schließlich. „Vielleicht hast du recht. Aber es ändert nichts daran. Diese getrennt verbrachten Nächte summierten sich zu Jahren der Trennung. Verschwendeten Jahren.“

Es war zu Beginn des letzten Frühlings, als mir zum ersten Mal eine Veränderung an Jack auffiel. Ich war eines Morgens am Briefkasten, als er mir über die Hecke hinweg zurief: „Ron! Hey, Ronnie, mein Junge!“

Er lächelte und winkte mir zu, bevor er schnell wegsah. Er wirkte verwirrt und peinlich berührt. Ich ging um die Hecke herum. Jack scharrte mit der Spitze seines Stiefels im Boden und betrachtete intensiv ein blankes Stück Gras in seinem Rasen.

„Jack. Alles in Ordnung?“

Er schaute nicht zu mir auf. „Ja. Mir geht’s gut, mein Junge. Ich habe nur gerade über etwas nachgedacht. Beachte mich nicht weiter. Ich bin nur ein alter Narr.“

In den folgenden Wochen musste ich mehrere von Jacks Werkzeugen zurückgeben, nachdem er mir anvertraut hatte, dass er einen Hammer oder eine Säge verlegt hatte – „Ich will dich nicht belästigen, aber hast du eine, die ich für ein paar Tage ausleihen könnte?“

Ich bemerkte außerdem, dass er langsamer wurde und seltener mit mir hinunter zum Strand ging. Als ich eines Morgens im Frühsommer an seine Tür klopfte, kam keine Antwort von Jack. Das war noch nie vorgekommen.

Ich machte mich alleine zur Lücke im Zaun auf, das Fernglasetui an einem ledernen Riemen um meinen Hals gehängt. Als ich den Kamm über dem Strand erreichte, nahm ich das Fernglas heraus und suchte den Horizont ab. Es waren jede Menge Vögel da, hauptsächlich Möwen, aber keine Spur von Jacks Küstenseeschwalbe.

Wenn Jack dabei gewesen wäre, hätte er gefragt: „Irgendwas da draußen heute?“

Nachdem ich geantwortet hätte, wie ich es immer tat, „Heute morgen nicht, Jack“, wäre er kurz enttäuscht gewesen, um dann sofort seine gute Laune wiederzufinden. „Morgen. Vielleicht morgen.“

Nachdem ich den Himmel abgesucht hatte, ging ich durch die Sandhügel hinunter den Strand entlang zu der Stelle, von der Jack sicher war, dass der Vogel schließlich an sie zurückkehren würde. Der Vogel war nicht da. Als ich mich nachhause wandte, bemerkte ich in der Ferne jemanden am Strand, der sich von mir entfernte. Obwohl ich überrascht war, seine drahtige Gestalt zu sehen, war ich sicher, dass es Jack war. Ich hob das Fernglas. Er war unterwegs zum Surferstrand.

Ich rannte ihm nach und rief laut: „Jack! Jack!“

Er blickte sich nicht um, bis ich ihn beinahe erreicht hatte. Er betrachtete mich genau, sogar etwas argwöhnisch. „Ronnie? Ronnie?“ Er machte einen Schritt zurück. „Ronnie, mein Junge? Na, das ist ja ’n Ding. Wo warst du denn die ganze Zeit?“

Ich streckte meine offene Hand nach ihm aus. „Sorry, Jack, ich habe dich heute Morgen verpasst. Muss verschlafen haben. Komm. Lass uns zusammen nachhause gehen.“

Er blickte suchend den Strand entlang, bis zu einigen Teenagern, die auf einer Grasböschung über dem Surferstrand lagen. Mit ihren in der Sonne gleißenden dunklen Neoprenanzügen glichen sie einer Seehundkolonie.

Dann drehte Jack sich um und schaute in die Richtung, aus der wir gekommen waren. Er starrte hinunter auf den Sand, auf den Abdruck, den seine Füße vor nur ein paar Minuten im Sand hinterlassen hatten. Er verfolgte ihren Weg zurück den Strand entlang, als eine hereinkommende Welle sanft über den Sand glitt und sie verschluckte.

„Nachhause?“ Er blickte verwirrt drein.

„Ja. Nachhause, Jack. Wir sollten uns jetzt auf den Rückweg machen.“

In diesem Moment wurde ihm etwas klar. Ein Blick der Verwirrung verwandelte sich in einen der Ruhe, gefolgt von einem leichten Lächeln des Wiedererkennens. Er schaute hinunter auf meine geöffnete Hand, als sei sie eine unbeabsichtigte Beleidigung seiner Unabhängigkeit.

Er schob mich beiseite. „Komm, mein Junge. Ich will dir was zeigen.“

Der Winter naht, und Jack ist seit jenem Morgen nicht mehr mit mir am Strand gewesen. Vor etwas mehr als einer Woche war ich auf dem Pfad unterwegs zum Strand, als ein Sturm aufzog. Während heftiger Regen meinen wollenen Pullover und meine ausgebeulten Trainingshosen durchnässte, dachte ich über einen Rückzug nach, oder wenigstens eine Rückkehr zum Haus, um mir einen Regenmantel zu holen. Ich blieb kurz auf dem Pfad stehen, bevor ich beschloss, weiterzugehen.

Der niedrige Himmel über dem Horizont war vom schlechten Wetter violett verfärbt und der vom starken Südwind getriebene Regen biss mir ins Gesicht. Obwohl es sinnlos schien, mir die Mühe zu machen, das Fernglas aus seinem Etui zu nehmen, holte ich es dennoch hervor und suchte aus alter Gewohnheit den Horizont ab.

Zunächst erspähte ich einen Frachter, der mit bunten Containern überladen war. Das Schiff wurde in den weißen Schaumkronen des Ozeans herumgeworfen wie ein LEGO-Modell. Erst, als ich das Fernglas zum Himmel hob, erhaschte ich einen Blick auf einen Schatten vor einer Wolke und dann den dunklen Fleck eines Vogels.

Obwohl es nur für einen Moment war, war ich sofort davon überzeugt, dass ich soeben die Küstenseeschwalbe gesehen hatte. Sie befand sich nur ein paar Sekunden in meinem Blickfeld, bevor sie verschwand. Auf dem Kamm sitzend suchte ich den Horizont noch eine halbe Stunde oder länger ab, aber ich sah den Vogel nicht wieder.

Als ich nachhause zurückkam, war ich bis auf die Knochen nass und zitterte vor Kälte. Ich steckte meine Kleider in die Waschmaschine, duschte und dachte über die Dinge nach, die mich auf dem Weg vom Strand nachhause beschäftigt hatten. Nachdem ich mich angezogen hatte, verließ ich das Haus und rannte um die Hecke herum zu Jacks Vorgarten. Ich klopfte mehrere Male an seine Tür, aber er antwortete nicht. Ich ging zurück ins Haus und machte mir eine Tasse Tee. Dann ging ich ins Wohnzimmer und blätterte durch meine CD-Sammlung, bis ich etwas Schreibmusik fand – Iron and Wine.

Ich saß an meinem Schreibtisch, umgeben vom muffigen Geruch der Traktorenbücher und den geölten Metalloberflächen und schrieb die folgenden Worte an mich selbst:

Die Küstenseeschwalbe hat einen scharfen, blutroten Schnabel und eine schwarze Kopfkappe mit weißem Oberkopf. Wenn die Küstenseeschwalbe im Grasland und in den niedrigen Dünen grast, in denen sie ihr Nest baut, bleibt ihre wahre Schönheit unter einem langweiligen grauen Gefieder verborgen. Aber wenn dieser Vogel seine Flügel zum Flug ausbreitet, vor allem im Gleitflug, den er einsetzt, um seine Kräfte zu schonen, offenbart er seine leuchtende Farbenpracht. Die Küstenseeschwalbe ist ein starker und schöner Vogel.

Tony Birch

 

Aus dem Englischen übersetzt von Elisabeth Meister

 

 

 

[Erneute] Rückkehr

Der Yarra River bei Collingwood

Der Yarra River bei Collingwood

Im September und Oktober 2014 besuchte ich im Rahmen des „Weather Stations“-Projekts die Städte Berlin, Dublin, London, Warschau, Danzig und Hel, und arbeitete dort mit Schul- und Gemeinschaftsinitiativen zusammen. Ich habe dabei viel gelernt. Manches davon war für mich überraschend. Es kam häufig vor, dass jemand zu mir sagte, „Bei euch da unten ist das ja alles viel schlimmer“ (der Klimawandel); ein Zeichen dafür, wie sehr das Problem als sichtbare Katastrophe wahrgenommen wird. Alle wussten über die Buschfeuer in Australien (die wir gerade wieder erleben), über Dürren und die Schäden am Great Barrier Reef Bescheid, was eine verständliche, aber doch stark eingeschränkte Beschäftigung mit dem Thema widerspiegelt.

Historisch gesehen haben Buschfeuer in Australien wenig mit dem Klimawandel zu tun und waren und sind ein natürliches Umweltphänomen. Sicher, da der Planet sich erwärmt (und 2014 könnte das wärmste Jahr seit Beginn der Aufzeichnungen sein), werden die Brände sowohl häufiger als auch heftiger. Und während in Australien manche den Zusammenhang zwischen dem Klimawandel und dem verstärktem Auftreten von Buschfeuern akzeptieren, reagieren wir auf psychologischer und intellektueller Ebene auf Brände als Katastrophen, die bekämpft, besiegt und überwunden werden müssen – auch wenn wir trauern. Selbst wenn die unmittelbare Katastrophe mit dem übergeordneten Problem in Zusammenhang gebracht wird, ist die Sprache, mit der unsere Reaktion beschrieben wird, in militaristische Ausdrücke gekleidet. Wir bekämpfen und besiegen den Feind. Konfrontiert mit weitläufigen Überflutungen, die mindestens ebenso sehr oder stärker unverantwortlicher Städteplanung geschuldet sind wie Änderungen in der Wetterlage, sind wir Queenslanderals ob das heroische Etikett einer Gruppe Menschen einen besonderen Status verliehe, die robust genug sind, um mit allem fertig zu werden – bis zur nächsten Überschwemmung.

Die negativen Auswirkungen des Klimawandels auf die Umwelt manifestieren sich nicht allein in plötzlichen Ausbrüchen meteorologischer Aktivität. Klimawandel ist nicht einfach ein neues Phänomen oder ein in der Zukunft liegendes Ereignis. Seine Auswirkungen sind schleichend und tiefgreifend zugleich. Die Folgen des Klimawandels für unseren Planeten sollten nicht auf eine Phrase oder ein dramatisches Bild wie etwa die von einem Buschfeuer verursachte Verwüstung reduziert werden. Wenn wir an die katastrophalen „Black Saturday“-Feuer 2009 in Victoria zurückdenken, waren die Wetterbedingungen im Vorfeld des Wochenendes der Brände extrem. Was die meisten Menschen nicht wissen oder vergessen haben, ist, dass in Victoria mehr Menschen an der extremen Hitze vor den Bränden starben als in den Feuern selbst. Zweifellos hatten das Trauma und die Vehemenz der Brände einen unmittelbaren und schockierenden Einfluss auf diejenigen, die sie erlebten. Aber da die meisten von uns wenig oder nichts über die vielen Hundert Toten wissen, die absolut nichts mit den Bränden, sondern ausschließlich mit der Erwärmung des Planeten zu tun haben, denken wir nicht genug über ein Problem nach, das sich zwischen den Feuersaisonen nicht abschwächt, nämlich die stets gegenwärtigen Auswirkungen des Klimawandels. Während Menschen in anderen Teilen der Welt auf ihren Fernsehbildschirmen Bilder der Brände in Australien sehen und unser Land als Gruselgeschichte über die Erderwärmung betrachten, wird sich ihr Leben genau wie unseres verändern, und zwar nicht mit Angst und Schrecken, sondern heimlich, still und leise. Beispielsweise schmilzt der Nördliche Polarkreis – auch wenn der Vorgang zu langsam ist, um ein schlagkräftiges 30-Sekunden-Video für YouTube herzugeben, verändert er trotzdem den Planeten auf eine Art und Weise, wie wir es seit Jahrtausenden nicht erlebt haben.

Gestern war ich wieder an den Ufern meines Flusses spazieren – am Yarra in Melbourne. Ich habe für das „Weather Stations“-Projekt jetzt schon mehrmals über den Fluss geschrieben; ich habe mich so provinziell, „un“global und vielleicht sogar kleingeistig verhalten, wie ich nur kann. Ich bin noch nicht sicher, warum, aber ich glaube, dass mein Verständnis des Problems des Klimawandels hier gefunden werden muss, am Fluss. Ich lese über die politischen und wissenschaftlichen Aspekte des Klimawandels, so viel ich kann. Ich spreche mit so vielen Leuten wie möglich über das Thema. Ich kam als Autor und Pädagoge zu diesem Projekt. Und dennoch ist mein Interesse nicht an der Macht der Sprache, sondern an ihren Beschränkungen stetig gewachsen. Der Planet ist gewaltiger, als alle Worte oder Erzählungen, die die Menschen ihm zuschreiben.

Als ich gestern dabei war, den Fluss zu verlassen, ging ich gerade eine meiner liebsten Flussbiegungen entlang. In einem bestimmten Moment, nicht mehr als ein oder zwei Sekunden lang, konnte ich den Fluss so riechen, wie ich es vor über vierzig Jahren tat. Ich konnte die Erinnerung an den Fluss körperlich spüren. Es war eine ebenso physische wie psychologische Reaktion. Mein nächster Gedanke war, dass mir die Worte fehlten, wirklich alle, um das Gefühl zu beschreiben.

Ich war zufrieden mit diesem Gefühl.

 

Tony Birch

Aus dem Englischen übersetzt von Elisabeth Meister

Blick auf den Fluss

Meine Schritte hallen beim Überqueren der Brücke auf den hölzernen Planken wider und eine leichte Brise fährt mir durch die Haare und weht mir einzelne Strähnen ins Gesicht. In der Mitte der Brücke bleibe ich stehen, halte mich am roten Geländer fest und betrachte die Landschaft vor mir in allen ihren Einzelheiten. Vor mir liegt der Fluss, dessen schimmernde Oberfläche von den gleißenden Strahlen der Sonne erleuchtet wird. Graue, vom tiefen Grün der Algen verfärbte Felsen säumen das Ufer auf beiden Seiten und trennen es vom Land. Üppiges grünes Gras wogt im Wind, verdunkelt von den Schatten der riesigen Bäume, die hoch über dem Boden aufragen. Spatzen, Elstern, Rosakakadus und Regenbogen-Loris schnellen in der Vegetation umher und stören die Stille mit einem Krawall aus Vogelstimmen. In der Ferne bellt ein Hund, gefolgt von einem quiekenden Kinderlachen, das mir die Brise zuträgt. Plötzlich höre ich, wie mein Name gerufen wird, und weiß, dass es Zeit ist zu gehen. Langsam wende ich mich ab und überquere den Rest der Brücke, in Gedanken noch beim Fluss. Den Fluss, an dem ich aufgewachsen bin. Den Fluss, an dem ich mein Leben lang gewohnt habe. Den Fluss, der so voller Leben ist… Ich kann nur hoffen, dass das so bleibt.

– Eliza / Footscray City College Substation

Aus dem Englischen übersetzt von Elisabeth Meister

Klimawandel – es gab und gibt ihn, und zwar ohne Brad Pitt.

Von Tony Birch

Ein kürzlich erschienener Guardian-Artikel („Der Verlust des Paradieses: Vertrieben durch die Atombombe, vertrieben durch den Klimawandel“, 9. März 2015) bietet eine traurige Lektüre über Gesellschaften, die die verheerenden Folgen des Klimawandels bereits jetzt erleben. Die Einwohner der pazifischen Marshallinseln und Kiribatis kämpfen mit „Nahrungsmittelknappheit, Trockenperioden und Überflutungen“, während der ansteigende Meeresspiegel unweigerlich irgendwann ihr Land und ihre Häuser auslöschen wird. Es handelt sich dabei um dieselben Gesellschaften, die sich direkt nach dem Zweiten Weltkrieg durch die Atomtests der USA schon einmal mit dem Verfall ihrer Umwelt und der dadurch verursachten Vergiftung ihrer Böden und Körper auseinander gesetzt haben. Ähnliche Erfahrungen kolonialer Gewalt wirken sich schon seit Hunderten von Jahren (und länger) auf indigene Nationen in aller Welt aus. In Australien beispielsweise haben Aborigine- und Torres-Strait-Islander-Völker – auf dem gesamten Kontinent und den umliegenden Inseln, seit der dauerhaften Ankunft der Briten im Jahr 1770 – die Zerstörung der Böden, der Wassersysteme und des empfindlichen ökologischen Gleichgewichts ihres Landes erlebt.

Für indigene Völker sind die Auswirkungen des Klimawandels kein in der Zukunft liegendes Ereignis. Es hat ihn in früheren Zeiten gegeben und es gibt ihn heute auch. In der Tat liegt er für keine Gesellschaft in der Zukunft – auch wenn wir wissen, dass so genannte „Drittwelt“-Nationen und in Armut lebende Menschen im Allgemeinen stärker und unmittelbarer betroffen sind, je mehr sich die Auswirkungen des Klimawandels beschleunigen. Zudem steht fest, dass dieselben Gesellschaften in naher Zukunft in größerem Ausmaß unter ihm leiden werden.

Während dies traurige Realität ist, ist auch wahr, dass indigene Gesellschaften, die – aufgrund aufgezwungener äußerer Umstände – in früheren Zeiten mit ökologischen Herausforderungen konfrontiert wurden, sich in ihrer Antwort auf die sich ihnen stellenden immensen Schwierigkeiten als innovativ und widerstandsfähig erwiesen. Ich versuche dabei nicht, übertriebenen oder strategischen Optimismus an den Tag zu legen. Es ist offensichtlich, dass allein in Australien nicht nur bestimmte Lebensräume und Ökosysteme vollständig zerstört wurden … auch einige indigene Nationen selbst wurden ausgelöscht. Dass andere indigene Gesellschaften in Australien ihre drohende Vernichtung abwendeten und wertvolle natürliche und kulturelle Ressourcen am Leben hielten, spricht für ihren Mut, ihren Einfallsreichtum und ihre Kreativität.

Ich habe in letzter Zeit viel Science Fiction gelesen – manches davon gar nicht mal so schlecht. Aber ich habe ein paar Fragen. Sind diese Geschichten einer bevorstehenden Apokalypse eine Art westlicher Fetisch? Und wiegen solche Geschichten die Menschen in der falschen Sicherheit, dass eine fiktionale, vom Klimawandel (von jedem von uns, um genau zu sein) verwüstete Zukunft nichts weiter ist als eine Katastrophenstory, die zu unserer Unterhaltung erfunden wurde? Das Szenario, das in diesen Geschichten präsentiert wird, ist oft das übliche von drohender Wetterkatastrophe, Hungersnot, Gewalt und mehr oder weniger einer Existenz des Fressens und Gefressenwerdens (oder, wie im Falle von Cormac McCarthys Die Straße, von Menschen, die Neugeborene und kleine Kinder essen). Es gibt Gesellschaften, für die die Szenarien der Science Fiction sowie einiger SF- und Katastrophenfilme nie fiktionale Unterhaltung waren. Sie sind Teil ihrer Geschichte. Und nicht nur der kolonialen Geschichte – wenn man an den Abwurf der Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki denkt –, sondern nur ein Beispiel unter vielen für die ökologischen ebenso wie die menschlichen Kosten des Krieges. (Wie werden sich Teile des Nahen Ostens jemals von den massiven Angriffen auf die natürliche und physische Umwelt erholen?)

Zu den aktuellen Debatten zum Klimawandel gehört auch die Diskussion über den „Beginn einer neuen menschlichen Epoche“ (The Guardian, 11. März 2015) – das Anthropozän, beschrieben als der „geologische Zeitpunkt, an dem der Mensch die Erde zu dominieren begann“, das zugleich den dramatischen Anstieg der Erwärmung unseres Planeten markiert. Der allgemeine Konsensus lautete, dass das Anthropozän um 1750 (oder etwas später) begann, als Folge der beginnenden Industriellen Revolution und des schnellen Anstiegs der Verbrennung fossiler Brennstoffe. Neue Analysen stellen diese Datierung in Frage und verlegen sie auf ca. 1610, indem sie den Übergang zur menschlichen Vorherrschaft über den Planeten auf den „irreversiblen Transfer von Kulturpflanzen und Spezies zwischen der Alten und der Neuen Welt“ beziehen. Das mag der Fall sein. Aber einem Großteil der journalistischen Berichterstattung (ebenso wie den wissenschaftlichen Arbeiten) zu diesem Thema fehlt etwas.

Ich greife diesen Punkt nicht auf, um irgendjemandem den „Schwarzen Peter“ zuzuschieben, aber es ist wichtig, auch festzuhalten, dass nicht alle Gesellschaften und nicht alle Menschen „die Erde zu dominieren begannen“ – ob 1610 oder 1750 (oder meinetwegen auch als Teil des Projekts der Moderne). Das Anthropozän erwuchs aus der schnellen Industrialisierung, gekoppelt mit dem Aufstieg des Kapitalismus und der globalen Kolonisierung. Es wurde ermöglicht durch die Ausbeutung bestimmter Gesellschaften und Kulturen – indigener Völker und bäuerlicher Kulturen, um nur zwei zu nennen – durch diejenigen, die auf Kosten anderer nach Ausdehnung und Profit strebten. Derzeit sieht sich die globale Gesellschaft einer Herausforderung gegenüber, die insbesondere reichere Länder historisch gesehen bisher umgangen haben. Es ist interessant, dass viele Diskussionen um den Beginn des Anthropozäns – etwa der Fokus auf die Migration von Kulturpflanzen oder die Erfindung der Dampfmaschine – einen wohlwollenden, sogar zufälligen Einfluss auf die Erwärmung des Planeten herausstellen und uns so erlauben, uns unserer Verantwortung zu entziehen. Aber wir sind keine Zuschauer. Wir sind aktiv Agierende. Unsere Eingriffe in die Umwelt waren nicht die Folge irgendeines wissenschaftlichen Missgeschicks. Sie waren bewusst, aktiv und zum Teil gewalttätig.

Bei einem Treffen, an dem ich Anfang dieser Woche teilnahm, waren mehrere Leute der Meinung, dass das bloße Reden über den Klimawandel, vom Handeln ganz zu schweigen, ein zu „deprimierender“ Gedanke sei. Ich finde das seltsam … und ich halte es, möglicherweise nicht ganz fairerweise, zudem für reinen Luxus. Es gibt überall auf der Welt Menschen und Gesellschaften, die als Folge eines destruktiven menschlichen Eingriffs ihr ganzes Leben damit verbringen, nicht nur zu überleben, sondern auch zu versuchen, sich selbst und ihre schwer verwundeten Länder, ihre Heimat wieder zu Kräften zu bringen. Und dann gibt es diejenigen, die nie mit solchen Schwierigkeiten zu kämpfen hatten. Schlimmer, es handelt sich dabei häufig um Mitglieder von Gesellschaften, die aus der Ausbeutung anderer materielle Vorteile gezogen haben. Und trotzdem können sie sich nicht dazu durchringen, präventiv zu handeln.

Ich meine präventiv nicht in dem Sinn, dass uns der Klimawandel erst noch bevorsteht. Wie ich oben bereits konstatiert habe, ist der Klimawandel da. Aber warum zum Teufel sitzen wir herum und warten darauf, dass die Apokalypse am Horizont auftaucht, wie sie es so oft in Filmen tut? Warum mit so einem Gefühl der Hoffnungslosigkeit leben? Ich habe den Verdacht, dass viele von uns im tiefsten Innern hereingelegt worden sind. Wir glauben, dass wir in einem Film sind und dass genau dann, wenn wir denken, alles ist aus, eine andere Art von Mensch an diesem selben Horizont auftauchen wird, beritten, mit dicken Muskeln und einer Reihe strahlend weißer Zähne.

Wir werden ihn Der Held nennen. Und er wird uns retten.

Tony Birch

 

Aus dem Englischen übersetzt von Elisabeth Meister

 

 

 

Wie ich die globale Erwärmung nicht aufgehalten habe. Klimatisches Tagebuch eines engagierten Verbrauchers.

Zum Schreiben des Klimatischen Tagebuches haben mich Claus Leggewie und Harald Welzer, die Autoren des Buches Das Ende der Welt, die wir kennen, mit folgenden Worten ermuntert: „Jeder handelt mehrmals täglich gegen seine tiefsten Überzeugungen. Der in diesem Buch behandelte Fall betrifft den Energieverbrauch, den wir wider eigenes Wissen und oft ohne eine klare Notwendigkeit erhöhen, indem wir Taxis, Autos, Flugzeuge benutzen. Es gibt unzählige Beispiele dafür, wie leicht wir über den Widerspruch zwischen unseren Überzeugungen und unseren Handlungen hinweg zur Tagesordnung übergehen. Ein Beweis? Wenn Sie die Sache des Klimaschutzes bewusst angehen, legen Sie ein Tagebuch an, in dem Sie notieren werden, wie oft, in welcher Weise und in welchen Situationen Sie Ihre eigenen, aus diesem Bewusstsein hervorgegangenen Regeln verletzt haben.“ Als eine Person, die die Sache des Klimaschutzes bewusst angeht, beschloss ich, mir so ein Tagebuch anzulegen.

den 2. Dezember, 10.30 Uhr

Ich habe die Heizung aufgedreht. Weil ich das Gefühl hatte, krank zu werden. Dabei möchte ich heute wirklich nicht krank sein. Ich habe wirklich keine Zeit, krank zu sein. Es ist doch gewichtiger, dass ich gesund bleibe als das Aufdrehen der Heizung, damit sie etwas mehr wärmt.

14.30 Uhr

Ich ging mit einer Freundin zum Mittagessen und holte eine Suppe zum Mitnehmen. Dabei hatte ich für sie keinen Behälter mit, also bekam ich eine Einwegbox aus Styropor. Die Suppe war aber im Lunchmenü für 5 Zloty inbegriffen und ich hatte auf sie Lust, aber auch Sorge, dass den zweiten Gang nicht schaffe, wenn ich sie vor Ort esse,. Also nahm ich sie mit.

den 3. Dezember, 15.00 Uhr

Ich ging wegen Tabak und Lindenblütentee zum Lebensmittelladen, weil ich ein wenig erkältet war. Gegen Erkältung helfen am besten Zigaretten. Scherz. Bei Erkältung liegt man am besten unter einer Wolldecke und trinkt Tee, also habe ich keine weiteren Einkäufe geplant und keine Einkauftasche mitgenommen. Nachdem ich aber schon draußen war und den Tabak gekauft habe, kam ich zu dem Schluss, dass es sich vielleicht lohnt, auch Obst, die natürliche Quelle leicht absorbierbarer Mikroelemente und Vitamine, zu kaufen. Da ich aber keine Einkaufstasche mit dabei hatte, musste ich im Gemüselädchen eine Plastiktüte mitnehmen.

den 4. Dezember

Ich habe mir einen neuen Computer gekauft. Das heißt, einen nicht ganz neuen, weil gebrauchten. Jedoch neu, da ich immer noch meinen alten habe. Den alten habe ich vor ein paar Jahren gekauft und er konnte wirklich nicht mehr. Ständig hing er sich auf und stockte, also kam ich zu dem Schluss, dass es höchste Zeit ist, mir einen neuen zuzulegen. Obwohl ich damit zugleich das Dilemma hatte, dass der alte ja immer noch arbeitete, auch wenn er sich aufhing und stockte. Na, aber schließlich werfe ich den alten ja nicht weg, sondern gebe ihn meinem Bruder weiter, der damit bestimmt irgendetwas Nützliches anfangen wird. Zudem war der neue Computer ganz in Luftpolsterfolie eingewickelt, von der ich jetzt nicht weiß, wohin mit ihr. Nur irgendwie schade sie wegzuwerfen, so liegt sie im Sessel und schaut mich strafend an.

den 5. Dezember, 12.00 Uhr

Ich bin einkaufen gegangen. Im Gemüselädchen sagte ich zu dem Herrn, dass ich die Plastiktüte, in die er zwei Zwiebeln legte, nicht brauche, er aber scherzte:
– Immerhin ein Dekagramm mehr.
Er meinte, er verdiene mehr dank der Plastiktüte, auch wenn ich eine Weile brauchte, um den Witz zu verstehen. Also lachten wir und schließlich nahm ich diese Plastiktüte, die ich nicht wollte. Ich hoffe, er hat wirklich etwas daran verdient.

13.18 Uhr

Ein Kurier ist mit einer Sendung gekommen, was mich daran erinnerte, dass ich das Dilemma habe, ob es ethisch ist, Kurierdienste zu nutzen. Nicht nur, dass sie das Verkehrsaufkommen erhöhen, die Arbeitsbedingungen der Kuriere und auch der Sortierer schreien zum Himmel. Das Schreien zum Himmel hilf ihnen aber gar nicht, also sollte man vielleicht selbst mit dem Fahrrad all diese Dinge abholen, die man jetzt so einfach mit einem Klick im Internet kaufen kann? Es käme vielleicht teurer, aber insgesamt billiger, weil ich die Hälfte davon gar nicht kaufen würde.

den 9. Dezember

Ich habe das Telefon gegen ein neues ausgetauscht und habe jetzt wieder Gewissensbisse. Ich denke an all diese Kinder, die zur Arbeit in Gold- und Platinmienen gezwungen werden und denen wir die Freude an einem neuen Handy alle zwei Jahre verdanken. Ich möchte ihnen mal die Hand drücken können. Mich bedanken für alle diese Jahre, in denen sich meine Lebensqualität auf einem hohen technologischen Niveau gehalten hat. Wahrscheinlich werde ich jedoch keine Gelegenheit dazu haben, mir bleibt also nur, wegen ihres Schicksals einen Moment lang traurig zu sein. Vielleicht wäre es angebracht, für sie eine Kerze anzuzünden? Vielleicht sollte man sich einfach keine neuen Telefone holen? Schließlich funktioniert das alte noch und wenn man ein wenig Arbeit investieren und es entmüllen würde, dann könnte es weiterhin ganz gut funktionieren. Es hat mich zwar genervt, dass es eine schwache Kamera hatte, aber wenn ich eine gute Kamera haben will, dann muss ich mir vielleicht eine Kamera kaufen und nicht alle zwei Jahre das Handy austauschen und damit rechnen, dass irgendeine Kamera schließlich gut genug ist. Vielleicht muss ich das, aber vorläufig ist das geschehen, was geschehen ist. Ich habe ein neues Handy gekauft und habe den Vertrag mit dem Anbieter um weitere zwei Jahre verlängert. Arm sind wir.

den 10. Dezember

Unterwegs nach Lubomierz (Liebenthal, so ´ne Ortschaft im Gebirge, wo ich das Häuschen von meinen Großeltern habe) habe ich ein Hefegebäck und einen Krakauer Kringel gekauft. Das eine wurde wie das andere in Folie gepackt und ich war zu sehr in Eile, um zu protestieren. Es soll mal ein Experiment gemacht worden sein, bei dem man junge Pastoren eine Predigt über den guten Samariter schreiben ließ und dann sagte, sie haben sofort zu einem weiteren Gebäude hinzugehen und sie vorzutragen. Die meisten beeilten sich so, dass sie einen Mann, der auf dem Bürgersteig lag und einen epileptischen Anfall simulierte, nicht einmal sahen. Nur wenige blieben stehen um nachzusehen, was los ist.

den 12. Dezember

Ich bin ins Gebirge gefahren, sitze hier und schreibe ein Buch. Ich bin mit dem Zug und dem Bus gekommen, also für das Klima nicht so schlecht. Aber heute bin ich zum Beispiel mit einem Kleinbus nach Mszana Dolna gefahren, das ein wenig größer als Lubomierz ist, in dem ich das Haus von meinen Großeltern habe, und ich überlege, ob es nicht sinnlos war, zu fahren. Ich habe viele Dinge gekauft, die ich sicher gebrauchen kann, aber einen Teil davon könnte ich doch im Dorflädchen kaufen (wenn auch die meisten nicht). Im Übrigen, selbst wenn ich im nächsten Geschäft verschiedene Dinge nicht kaufen könnte, die ich mir zurecht gedacht habe, dann ist es vielleicht an der Zeit, zu lernen, wie gute Gerichte aus dem zuzubereiten sind, was im nächsten Geschäft da ist. Und nicht immer Sojamilch und getrocknete Tomaten aus dem Biedronka-Markt. Dosenbohnen sind schließlich auch ein Superprodukt, das ich in meiner Küche bis jetzt unterschätzt habe. Vielleicht ist es an der Zeit, mich mit ihnen anzufreunden? Auch wenn es besser wäre, Bohnen nicht aus der Dose zu nehmen, aber wer hat schon Zeit zum Einweichen? Obgleich, wenn ich mir schon Sorgen um das Klima mache, dann werde ich die Zeit wohl bald finden müssen.
Im Prinzip bin ich in die Stadt gefahren, weil ich gestern in die Berge zu gehen versuchte, es aber schnell wieder aufgab, da die Steigeisen, die ich anlegte, zerrissen waren und ständig zurecht gezogen werden mussten. Also dachte ich mir, neue zu kaufen. So ein Produkt sollte es letztlich in jedem zweiten Geschäft einer Gebirgsstadt geben. Schließlich gehen hier viele Leute in die Berge und brauchen so etwas ganz sicher. Es stellte sich aber heraus, dass es nicht so ist. Offenbar haben hier alle bessere Schuhe und Fähigkeiten zum Herumlaufen im Schnee. Niemand braucht Steigeisen. Also kaufte ich schlussendlich neue Schuhe. Das Gute daran ist, dass sie nicht aus Leder sind, trotzdem ganz hübsch. Alles in allem brauche ich sowieso neue Schuhe, denn für den Winter habe ich nur ein Paar Offiziersstiefel. Ich kann doch nicht überall hin in Offiziersstiefeln gehen. Vielleicht kann ich es doch? Vielleicht brauche ich diese Schuhe gar nicht? Und die anderen Produkte, die ich gekauft habe, auch nicht. Wäre ich zum Beispiel vorausschauender, hätte ich von Zuhause die Sonnenbrille mitgenommen und keine neue kaufen müssen. Ich bin aber nicht vorausschauend genug. Ich war mit anderen Dingen beschäftigt als mit den Gedanken, was ich in den Bergen brauchen könnte. Im Endeffekt habe ich ein weiteres, langfristig überflüssiges Produkt gekauft. Und das Bruttoninlandsprodukt wächst, wächst, wächst und wird die alte Welt unter sich begraben.
Noch eine Sache macht mir Kummer, an die ich gewöhnlich nicht denke. Der Strom. Ich kann nicht ohne Strom leben. Ich habe das heute verstanden, als es stark wehte und plötzlich das Licht ausging. Es war 21 Uhr und die Idee, den Rest des Abends ohne Strom und bei Kerzen zu verbringen, erschien mir unerträglich. Um so mehr, dass als ich die Kerzen endlich gefunden und angezündet hatte, sie sich als kümmerliche Stummel erwiesen. Nicht einmal Lesen ging dabei. Ich schrieb auf Facebook, dass ich keinen Strom habe und was nun. Eine Bekannte fragte, wie viel Prozent von der Batterie mir noch bleibt. (Das ist auch bezeichnend, dass ich keinen Strom habe und doch habe ich von ihm genug, um auf Facebook zu schreiben.) Ich überdachtte diese Frage und antwortete: „Im Laptop, Tablet, Handy oder im zweiten Handy?“ Als ich diese Worte schrieb, war mir ihrer doppeldeutigen Aussage bewusst. Als eine in Klimaangelegenheiten engagierte Person sollte ich nicht mit so einer technologischen Zügellosigkeit prahlen. Aber eben weil ich es nicht sollte, habe ich Lust es zu tun. Ich denke doch ständig darüber nach, wie der Stromverbrauch einzuschränken ist. Meistens schalte ich den Computer, das Tablet, das Handy aus, wenn ich sie nicht mehr benutze. Ok, nur ein Handy. Aber immer wieder.

den 15. Dezember

Ich bin immer noch in den Bergen, was meine ökologische Lebensweise unterstützt. Schon den zweiten Tag gehe ich nicht aus dem Haus. Aber ich emittiere ständig CO2, indem ich im Kamin Feuer mache, den Computer benutze usw. Als ich einen nächsten Text zum Thema Nachhaltigkeit, genauer gesagt zur Exkrementenwirtschaft, las, stieß ich auf den Gedanken, dass es unsinnig ist, nach dem Pinkeln zu spülen, nach dem Kacken reicht. Ich war mit dem Gedanken einverstanden, da die Beförderung von Wasser zur Bergspitze nur, um es gemischt mit Urin wieder hinunterzuspülen, ziemlich absurd ist. Die Reflexe sind jedoch stärker. Und ich erwische mich ständig beim Spülen nach dem Pinkeln. Ein langer Weg vom Entschluss zur Umstellung.

den 16. Dezember

Ich muss nach Kielce fahren, weil ich Zeuge in der Sache des Fotos bin, das ich mir mal mit dem Schriftzug „Papst ist Schwanz, Polen Hure“ gemacht habe. Ich weiß nicht, ob sie die Schuldigen finden werden, wenn ich doch keine Ahnung habe, wer diesen Schriftzug gemacht hat. Vermutlich bin ich aber der einzige Zeuge, da das Foto aus Berlin stammt und wenn nicht ich darauf wäre, gäbe es keine Gerichtssache. Das Gute ist, dass ich nicht angeklagt bin. Und doch muss ich unsinnigerweise nach Kielce fahren, was meine Kohlespur vergrößert, ganz zu schweigen von der Kohlespur der Staatsanwaltschaft, die das Erdöl für so sinnlose Angelegenheiten verzehrt.
Für unterwegs habe ich mir eine Schnitte mit Hummus gemacht und den Salat eingepackt, der nach dem Besuch von Tante und Onkel mit Kindern übriggeblieben ist. Ich musste in Krakau umsteigen. Den Krakauer Bahnhof hat man praktisch in ein Einkaufszentrum verwandelt, also kann man sich dort nicht wirklich irgendwo hinsetzen, wenn man nicht in einem Café, Restaurant oder einer Konditorei sitzen will, die zu einer Kette gehört. Schlussendlich fand ich ein Bänkchen, wo ich mich hinducken und die Mahlzeit zu mir nehmen konnte. Ich war sehr stolz auf mich, so etwas Oberpeinliches zu tun, wie das Essen der von Zuhause mitgebrachten Nahrung inmitten eines Handelstempels. Zwar schenkte diesem meinem Widerstandsakt niemand eine besondere Beachtung, aber das ist nicht das Wichtigste. Heute beachtete man ihn vielleicht nicht, aber morgen wird derjenige auf den Gedanken kommen, dass es vielleicht keinen Sinn hat, einen Hamburger zu holen, wenn man doch eine Schnitte von Zuhause mitbringen und es billiger, leckerer und gesünder haben kann.
Die Anhörung dauerte so lange, dass ich nicht einmal Zeit hatte, mir im Vorbeigehen etwas Weiteres zu essen zu kaufen, also nahm ich zumindest keinen weiteren Plastikbeutel mit.

den 18. Dezember

Ich bin zu einer Bekannten nach Cieszyn (Teschen) gefahren, wo mehr Ressourcen vergammeln als daheim in Lubomierz. Zum Beispiel habe ich mir drei paar Socken gekauft nur, weil sie mit der Aufschrift „fuck you“ verziert waren. Es gibt aber eine andere Sache, die mich erfreut (selbstverständlich außer, dass Ausflüge Spaß machen, die Bekannte Spaß macht und es überhaupt nett ist). Also, bei der Bekannten ist die Klospülung kaputt und um zu spülen, genügt es nicht, sie zu drücken, sondern man muss auch das Absperrventil aufdrehen. Dadurch verlangt die Handlung des Spülens einen Augenblick des Nachdenkens, anlässlich dessen ich mich erinnerte, dass das Spülen nach Pinkeln Verschwendung ist und ich es nicht tue. Ich spüle nur nach längeren Sitzungen.

den 19. Dezember

Ich bin einkaufen gegangen und habe den Baumwollbeutel nicht mitgenommen, weil ich nur ein Brötchen und eine Zeitung kaufen wollte. Selbstverständlich kamen aber noch Äpfel, eingelegte Paprika, ein zweites Brötchen dazu und letztlich hatte ich keinen Platz mehr in den Hosen- und Jackentaschen, nahm dennoch den angebotenen Plastikbeutel nicht mit.

den 20. Dezember

Ich bin nach Hause in die Bergen zurückgekommen und überlege, ob sich allein im Haus aufzuhalten, wirklich so ökologisch ist. Ich kaufe sicherlich weniger Dinge, aber die Beheizung von Häusern macht einen schwerwiegenderen Beitrag zur globalen Erwärmung aus als die Herstellung von Plastikbeuteln, die ich manchmal unabsichtlich mitnehme. Der Winter ist zwar besonders warm, aber nicht so warm, dass man im Pullover sitzen könnte. Zum Glück kommt bald meine Familie hierher und es wird energetisch effektiver.

den 27. Dezember

Und schon ist Weihnachten wieder vorbei. Wir haben ganze Tage lang konsumiert, es gelang, Handgreiflichkeiten zu vermeiden, ich bin nur drei mal Faschist genannt worden. Zum Glück war es die Mutter, die das meiste eingekauft hat, also muss ich mir die Mühe nicht machen zu errechnen, wie viel Kohlendioxid wir dabei emittiert haben. Ich habe sie aber ermahnt, als sie versuchte, Plastik im Kamin zu verbrennen. Schließlich haben wir Recycling nicht dafür, mit Abfällen zu heizen. Vermutlich habe ich sie nicht überzeugt und sie heizt weiter mit Müll, nur macht sie es so, dass ich es nicht sehe. Ich mache mir ein wenig Sorgen, ob ich von alldem nicht zugenommen habe, aber zum Glück habe ich den Stoffwechsel eines Fünfzehnjährigen, also gelang es mir, das, was ich gegessen habe, fast so schnell wieder auszuscheiden. Mal sehen, was die Waage im Fitnessstudio zeigt. Sobald es mir gelingt, sie zu erreichen. Nach dem Pinkeln nicht zu spülen, erwies sich schwieriger als ich dachte, aber langsam beginne ich, mich daran zu gewöhnen. Und mich zurückzuhalten.

den 30. Dezember

Ich bin in die Stadt zurückgekehrt und das Problem mit den Plastiktüten kommt wieder auf. Alle wollen sie mir geben, ich bemühe mich abzulehnen, aber es kommt manchmal anders. Nicht immer ist es leicht abzulehnen, manchmal ist es einfacher, sie zu nehmen und mich damit abzufinden. Das heißt, so ist es immer einfacher, trotzdem gebe ich es nicht auf. Zum Glück gibt es in meiner Straße einen Laden, in dem verschiedene Grützen, Backobst, Nüsse und Gewürze in Papiertüten eingepackt werden, also bemühe ich mich, dort einzukaufen. Früher gab es den Laden auch, aber darin arbeitete ein Typ mit einem Nazionalistenshirt, also empfinde ich ein gewisses Unbehagen beim Gedanken, dort einzukaufen. Schließlich kämpfe ich mit der globalen Erwärmung nicht, um den Nationalismus zu unterstützen. Zum Glück wechselte das Personal. Ich weiß nicht, ob ich es schon geschrieben habe, dass ich ein Veganer zu werden beabsichtige. Es wird sicher meine Kohlespur verringern, da die Fleischindustrie ja über zwanzig Prozent der CO2-Emission zu verantworten hat. Beim Gemüsekauf lässt es sich zwar schwer vermeiden, dass das Gemüse in Plastiktüten gepackt wird, aber sicherlich lässt sich das irgendwie lösen. Ich werde mich damit im neuen Jahr beschäftigen. So ein Entschluss.

Übersetzung Małgorzata A. Bartula

10 Dinge, die ich gelernt habe, als ich gegen die globale Erwärmung kämpfte

fot. Anna Novotny

fot. Anna Novotny

Es lässt sich nicht alles aufzuzählen, was ich gelernt und verstanden habe und was mir das Projekt „Wetterstationen“ gegeben hat, aber ich versuche, die zehn wichtigsten Dinge auszuwählen:

1. Ich habe mich daran erinnert, was für ein wichtiges Thema die globale Erwärmung ist und warum die meisten Leute es sonst wo haben. Aber nicht dort, wo sie es haben sollten. Dennoch sitzt es immerhin in ihnen irgendwo und berührt sie irgendwie.

2. Ich habe gelernt, die Trinkflasche überall hin mitzunehmen und auch, dass sie vor dem Betreten des Flugzeugs ausgetrunken werden muss. Sie kann jedoch gleich danach in der Toilette mit Leitungswasser wieder gefüllt werden.

3. Leitungswasser schmeckt gut und ist gesund, trotzdem ziehen die meisten Menschen es vor, Flaschenwasser zu kaufen, das 2000 mal teurer ist und zudem den Planeten mit unvorstellbarer Menge Plastik zumüllt. Dazu gibt es einen hübschen Film.

4. Es gibt so viel Plastik in der Welt, dass ein Großer Pazifischer Müllfleck entstanden ist, über den ein hübscher Film Plastic Paradise entstand. Vom Plastik ernähren sich Albatrosse, was man auf den Fotos von Chris Jordan aus Midway sehen kann, und sie verrecken schließlich daran. Fischen geht es im Übrigen auch ähnlich. Die Population vieler Fischgattungen ist in den letzten vierzig Jahren um 90% gesunken. Und das Essen von Fischen, die Plastik essen, kann zu verschiedenen Krankheiten führen. Zum Beispiel zu Krebs.

5. Industriefarmen sehen auf Satellitenbildern schöner als Gemälde von Salvadore Dali aus. Und sie sind erschreckender. Kein Wunder also, dass der Konzeptkünstler Mishka Henner sie in Galerien ausstellt, man kann sie sich aber auch auf seiner Homepage ansehen.

6. Fleischessen tötet den Planeten. Die Fleischindustrie hat 18% Treibhausgasemission zu verantworten, mehr als der Transport. Um das Futter für die Tiere zu gewinnen, werden Wälder abgeholzt und an ihre Stelle GVO-Monokulturen angebaut. Diese werden mit Pestiziden zugespritzt, was den Tod von Millionen Insekten und Vögel verursacht. Dabei steigt der Fleischkonsum weiter.

7. In den letzten Jahren hat sich die Population wild lebender Tiere um 50% zurückgebildet, dafür ist die Population der Tiere in Käfighaltung, die in ihrem Leben nie Sonne gesehen haben, nie Erde berührt haben, angestiegen. Wir organisieren den Tieren so ein kleines Auschwitz, nur flächendeckend angelegt. Zudem spritzen wir sie voll mit Antibiotika, was zur Folge hat, dass diese bei uns bald aufhören werden zu wirken.

8. Manchmal muss man fliegen, auch wenn es nicht mit unseren tiefsten Überzeugungen zu vereinbaren ist. Dabei glauben manche, dass man nicht fliegen muss. Und ich bin mit ihnen einverstanden.

9. Ich bin toll, klug und inspirierend. Sogar bei Auftritten in London und Berlin. Obwohl ich endlich ordentlich Englisch lernen muss. Oder vielleicht muss ich es nicht? Wenn es so viele ausgezeichnete Dolmetscher gibt. Vielleicht sollte man ihnen die Arbeit nicht weg nehmen. Übrigens ist die auf Polnisch gelesene Poesie wunderschön. Also soll sie vielleicht auf Polnisch bleiben.

10. Alles ist möglich. Und obwohl ich bis jetzt noch auf keine Idee gekommen bin, wie man über die globale Erwärmung schreiben soll, damit das Problem die Eigentümer von Firmen verstehen, die unseren Planeten vergiften sowie die durch sie bezahlten Politiker, werde ich vielleicht noch darauf kommen. Im Übrigen – so weit ich weiß – verstehen sie es jetzt schon. Aber wir üben immer noch keinen ausreichenden Druck auf sie aus, also lohnt es sich, darüber zu schreiben und die Sachlage zu verändern.

Übersetzung: Małgorzata A. Bartula

Die Halbinsel Hel ist ein Ort

IMG_7975-2Die Halbinsel Hel ist ein Ort, wo Fischfang und Fremdenverkehr eine Überlebenschance bieten, weil es Geld bringt. Wir kommen immer mehr zu der Überzeugung, dass Touristik genauso eine furchtbare Industrie ist wie der Fischfang. Im Hafen stinkt es immer und es gibt viel Abfall. Wir haben uns daran gewöhnt, aber in uns beginnt die Hoffnung auf einen anderen Alltag zu reifen. Wir wollen, dass es anders wird, obwohl wir immer noch Einwohner eines Fremdenverkehrsorts sind. Hel ist immer noch unsere Heimat.
Soll das heißen, dass wir den Lärm, die zertrampelte Vegetation am Strand, die laute Musik und die unkultivierten Touristen in Kauf nehmen müssen? Sind das alles die notwendigen Folgen des Geldverdienens? Wir, die Einwohner von Hel, sind es, die im Frühjahr und im Herbst die Strände aufräumen, weil wir uns dort das ganze Jahr erholen möchten. Wir sind es, die im Sommer nicht zum Schlafen kommen, weil uns das verdiente Geld für das ganze Jahr reichen muss. Wir sind es, die im Sommer nur den Geruch des Bratfischs wahrnehmen, der sich sogar gegen den Gestank im Hafen durchsetzt. Unter dem finanziellen Druck lassen wir uns auf all das ein, aber was ist mit den Tieren? Was haben die Tiere in den Wäldern der Halbinsel davon? Ich glaube nicht, dass sie davon träumen, in einem Wald zu leben, der mit Flaschen, Plastik und Papier vollgemüllt ist. Obwohl das alles immer noch besser ist als die Waldbrände, die auch immer wieder vorkommen, wenn fröhliche Touristen ein Lagerfeuer anstecken und die Kontrolle darüber verlieren. Eine Attraktion von Hel ist ein Baum, auf den leere Flaschen gesteckt werden. Für uns ist das ein Denkmal der Verzweiflung …
Jedes Jahr entrümpeln wir die Militärbunker – mehrere Dutzend Müllsäcke. Einer der wilderen Strände – weitere Dutzende Müllsäcke und ein paar Autoreifen. Verbringen die Fremden, die im Sommer zu uns kommen, ihr Leben in den Städten genauso? Wir vermuten, nicht!
Manche werden sagen, dass das eben die Zusatzkosten sind, die man tragen muss, wenn man in einem IMG_7881-2Fremdenverkehrsort lebt. Aber das sind Kosten, die wir nicht verstehen und akzeptieren. Die Leute kommen doch zu uns, weil sie die Nähe zur Natur suchen. Warum wissen sie deren Reize nicht zu würdigen? Warum zerstören sie den Wald, das Heim der Tiere, die nicht einfach ihre Sachen packen und in die schön aufgeräumten Städte umziehen können? Wir dachten, der größte Horror sind die Fischernetze, in denen viele Robben, Schweinswale und Vögel verenden, die sich zusammen mit den Fischen in ihnen verhaken, aber seit einiger Zeit fragen wir uns, ob nicht die Touristen, die die Natur nicht achten, noch schlimmer sind.
Die nächsten Ferien beginnen schon bald und wir möchten sehr, dass Hel ein Ort ist, wo man die Nähe der Natur findet und nach ein paar am Strand verbrachten Tagen mit Wertschätzung für jedes Geschöpf heimkehrt. Ein solches Hel ist der Ort, den wir schaffen wollen.