Kleine Moon

Du warst ganz Auge,
Auge, das lief
und zukam auf jeden
in deinem Weg, mit Fingern
aus Blumen aus Papierservietten
hast du den Tisch abgewischt, Tisch
mit dem Namen roter Fisch.
Da stand so ein Baum,
und davor du als
die Lösung,
Lösung ohne Gleichung,
ohne Aufgabe, ohne Problem.
Wir alle berühren einander
oder wir sterben, wir
begreifen und beben,
und du warst in der Mitte,
Mitte von allem, das erst beginnt.

Für Xiaolu Guo

Mauersegler

MauerseglerMauersegler

Mauerseglerhitze,
nur ist es ja November,
an den Ufern der Salzach
ein so warmer November,
wie ihn niemand erinnert.
Wind, warm, November.
Die Vorstädte im Föhn
und Berghänge gelb,
grün und goldenbraun
im milden Pulsen der Luft.
Schöner Sommer November.
Aufflattern Vögel überm Fluss.
Und am Ufer sitzen Frauen,
die aus hellen Tüten
das Licht essen.
MauerseglerMauerseglerMauerseglerMauersegler

Sonne und Wasser

Ein Renga aus 16 Tankas,
verfasst von Schülerinnen und Schülern
der Weather Substation am Romain-Rolland-Gymnasium
Berlin-Reinickendorf, 2. Juli 2015

Die Sonne steigt auf.
Sie erstrahlt das ganze Tal.
Der Fluss fließt hinab.
Ich lass mich mitreißen
von des Wassers Melodie.

Die Morgensonne
scheint auf ein grünes Laubblatt
das im Wasser treibt.
Auf ihm sitzt eine kleine Ameise
die alleine flussabwärts reist.

Die Tage sind grau.
Sie werden immer heller.
Die Sonne blendet.
Die Wellen, sie brechen sich.
Sie brechen am weißen Strand.

Die Sonne, sie strahlt,
glitzernd am Meeresspiegel
wie ein Sternenhimmel
scheinen die Sonnenstrahlen
und erhellen jedermann.

Licht scheint auf das Meer.
Viele Blautöne entstehen.
Die Wellen rauschen.
Hitze breitet sich schnell aus
und Tage werden länger.

Der Geruch von See,
schwach aber dennoch präsent,
getragen vom Wind
und geschmückt von Gesängen
der tierischen Bewohner.

Leise plätschern
die Wellen des Meeres ans
Küstenrelief.
Die Meeresoberfläche glitzert
von der Sonne verzaubert.

Hitze, was nun tun?
Der Mund ist total trocken.
Ein Tropfen Wasser.
Wüstensand und viel Hitze,
doch kein rettendes Wasser.

Leise und doch laut
rauschen die Wellen ans Kliff.
Getöse, dennoch
spürt man, wie friedlich es ist.
Sonne, Sommer an dem Meer.

Glitzernde Schönheit
im Glanz der späten Sonne.
Soweit das Auge reicht.
Der Ozean liegt ruhig.
Doch er kann auch ganz anders.

Aufbrausender Wind
fegt durch ruhige Räume,
ordnet die Welt neu.
Und wie finde ich mich dort?
Verändert, mit neuem Mut!

Spiegelnd im Wasser
glitzert und funkelt es nun.
Ich werde nasser.
Die Hitze erdrückend warm.
Anfang der Nacht auf der See.

Draußen im Garten,
Blätter welken im Brunnen.
Ich seh‘ die Sonne
in der Ferne untergeh’n.
Die Nacht vollendet den Tag.

Sie springt ins Kalte
die Augen geschlossen, zu.
Ihre Haare funkeln.
Es ist bald dunkel im Nu,
denn die Sonne geht unter.

Die Sonne geht auf
und der See ist ein Spiegel
für sie, die Sonne.
Der See sieht die Sonne blau
und gelb die Sonne den See.

Sonne als Motor.
Sie ist das Herz dieser Welt.
Das Wasser als Blut,
das sie am Leben erhält.
Ohne die beiden ist nichts.

Die wahrscheinlich letzte Chance zu innigerem Miteinander

Selbstinterview

In den Spiegel hineingefragt, und sei es auch der Spiegel der Sprache, rechne ich nach und stelle fest, dass du inzwischen seit über fünfzehn Monaten einer von fünf Autoren des Weather Stations-Projekts bist. Hat sich dein Blick auf die Welt dadurch verändert, selbst eine Wetterstation zu sein?

Grauer Tag Jeden Morgen gilt mein erster Blick aus dem Fenster dem Wetter, dem Himmel, den Wolken und Bäumen – Bäume: die uns den Wind lesen lassen. Vor anderthalb Jahren hätten mich Meldungen von einem Tornado in Mecklenburg-Vorpommern zwar gewundert, ich hätte sie aber nicht auf meine Tätigkeit bezogen und mir Dinge notiert, die der Bürgermeister von Bützow sagt – Dinge übrigens, wie ich sie auf ganz ähnliche Weise auch in australischen Regionen gehört habe, die schon seit Jahrzehnten mit Wetterextremen leben.

Dem Weather Stations-Projekt geht es um Sensibilisierung. Für dich doch eigentlich ein alter Hut.

Hafen Hamburg Der Klimawandel passt ja sehr gut in unsere Welt von heute. Keiner kümmert sich um etwas, das nicht verstanden oder nicht verbraucht werden kann. Nur das zählt, was von Nutzen ist – und zwar bitte für mich. In meiner Jugend während der Kohl-Ära opponierten wir noch müde aber glücklich, etwas zum dagegen-Aufbegehren zu haben, gegen die Wegwerfgesellschaft, ahnten dabei allerdings nicht, dass wir auf unsere moralisch einwandfreie Weise fleißig mitmachten beim Aufbau der Wegwerfwelt, in der wir heute leben. Natürlich ist es dem Schreibenden um Sensibilisierung zu tun. Er darf sich aber vor keine Kutsche spannen lassen, sogar vor diese nicht. Er muss sein eigenes Pferd bleiben, zur Not ein Grubenpferd, am besten aber Pferd und Reiter in einem. Der Klimawandel ist insofern für mich ein sprachliches Problem, denn es geht mir um das Überprüfen von Möglichkeiten seiner literarischen Darstell- und Vermittelbarkeit. Das Weather Stations-Projekt hat mich an sprachliche Felder herangeführt, auf die ich mich sonst nie begeben hätte. Ich saß an der Chowder Bay in Sidney mit zwei Meeresforscherinnen zusammen und ließ mir von ihnen erklären, wie es ist, durch einen Kelpalgenwald zu tauchen.

Können Schriftsteller dazu beitragen, dass die komplexen und mannigfachen Anforderungen, die der so genannte Klimawandel und seine Folgen der Welt von heute abverlangt, transparenter werden – würdest du zustimmen, dass es darum geht?

Im Laufe des Projekts habe ich für mich festgestellt – und war sehr überrascht –, wie sehr doch auch hier alles vom Einzelnen abhängt. Ich würde sogar behaupten, dass der Klimawandel kein Problem der Menschheit ist, sondern jeden Einzelnen für sich betrifft. Ob in Dublin, London, Melbourne, Potsdam oder Sidney, ich konnte es überall in den Gesichtern der Meeres-, Wolken- und Klimaforscher, mit denen wir uns unterhielten, beobachten: wie verblüfft viele von ihnen darüber waren, Leuten gegenüberzusitzen, für die Sprache tatsächlich von Grund auf etwas anderes bedeutet.

Für einen Schriftsteller, zumal einen Dichter, ist es schwer, allein abstrakt und in grundsätzlichen Begriffen über Sprache und Schreiben zu sprechen. Das Weather Stations-Projekt als Engführung?

Man darf den fruchtbaren Zweifel nicht aufgeben, nur weil das Problem absolut dringlich scheint. Absurd, die Forderung, Verwerfungen und Zweifel, die poetische Gemüter seit Jahrhunderten zu vermitteln versuchen, ausklammern zu sollen, sobald es um vermeintlich eindeutige, angeblich nur wissenschaftlich dingfest zu machende Konflikte geht.

In mehreren Podiumsdiskussionen sagtest du, die Klimawandeldebatte drehe sich in deinen Augen um einen Konflikt, der allerdings als solcher nicht erkannt oder aber verschwiegen werde.

Gunditjmara-Mantel Der Konflikt ist ein tiefgreifender, und er ist kaum in Worte zu fassen. Ich betrachte die durch die Klimaveränderungen gezeitigten Folgen als Äußerungen einer Welt, die ihre menschlichen Bewohner in deren Schranken zurückzuweisen versucht. Es ist ein aus den Fugen geratener Dialog, ein uralter Konflikt, der nun eskaliert. Der Mensch gegen die Natur – und natürlich auch umgekehrt. Die Angst vieler Leute davor, sich mit dem Thema überhaupt zu beschäftigen, dürfte hier wurzeln. Allerdings ist für mich auch in dieser Auseinandersetzung zunächst nur das Sprachliche von Bedeutung.

Weil du ein Schreibender bist, kein Rechner, kein Redner. Könntest du eine Annäherung an deine Ansätze formulieren?

Ich versuche, jede Theorie zu vermeiden. John Keats sagte, jedes philosophische Axiom müsse am Puls überprüft werden. Und Günter Eich meinte, zu schreiben, das bedeute, die Welt als Sprache zu sehen. Sie zu vermitteln, die Dramatik des Klimawandels – ich sage lieber: der Klimazerstörung –, ist, meine ich, auch ein Problem der Genauigkeit. Die Wissenschaft nimmt für sich in Anspruch, mit einer möglichsten genauen Sprache zu operieren. Für mich als Dichter ist Sprache dagegen weit mehr als bloß ein Datenvehikel oder Bedeutungs-Tool. Sie ist sinnliches, also spürbares, geschichtliches, also erzählendes Medium. Sie selbst ist die Vermittlerin. Und ist stets auch ein manipulierbares Ungeheuer! Ich kann das Wort „total“ nicht hören oder lesen, ohne an die verbrecherische Demagogie eines Goebbels zu denken. Sprache ist für mich so wenig Instrument wie Magie. Sie ist in meinen Augen das lebensnotwendige Bindegewebe, dasjenige, was mich mit allem und allen anderen, unsere Welt von heute mit der vergangenen Welt der Toten und der zukünftigen der ungeborenen Enkel verbindet. Sprache ist die einzige Parallelwelt, deren Existenz ich nicht bestreite. Die wundervolle Alltagspoesie so vieler Texte meines Melbourner Weather Stations-Kollegen Tony Birch sprechen immer wieder genau davon: Was hat mein Leben, was hat das Leben der Leute von heute zu tun mit den Erzählungen der Menschen von früher, die noch das Land zu lesen verstanden und nicht aus lauter Angst und Unsicherheit alles zubetonieren und zu Klump hauen mussten?

Welche Erfahrung war die wichtigste für dich in diesen Monaten als Wetterstation?

Buschbrand in Victoria Am schönsten war es immer dann, wenn die Leute zu erzählen anfingen. Das Wetter früher und das Wetter heute. Das Wetter, wie mein Großvater es geschildert hat, das Wetter, als ich noch ein Mädchen war. Ein Schüler in Tallaght bei Dublin erzählte mir, wie er das Haus seiner Großeltern habe wegschwimmen sehen, als im Sommer 2014 die schweren Unwettter Irland heimsuchten. Es war ergreifend, im Süden von Melbourne das Yarra-Tal zu besuchen und mit den Leuten über die Buschbrände zu sprechen, die dort ganze Landstriche verwüstet haben. Die Liebe der Leute zu ihrem Leben und ihren Geschichten wurde oft sehr lebendig in diesen Monaten. Auch das haben wir, meine ich, einer Sprache zu verdanken, die auf Unschärfe setzt statt auf Genauigkeit. Ich glaube deshalb, dass der Klimawandel eine Chance bedeutet, die wahrscheinlich letzte Chance zu innigerem Miteinander.

Fotos: Blick aus dem Fenster: der 32.467 graue Tag (1), Hafen Hamburg, im Frühling 2015 (2), Mantel der Gunditjmara-Aborigines (3), Buschbrand in Victoria (4)

Ein Nachmittag auf dem Mars

Erzähl es den Bienen. Australisches Journal 19

Am 8. Februar 1983 wirbelten heiße Sturmböen aus Nordwesten die nach mehreren äußerst trockenen Jahren und über lange Hochsommerhitzemonate hinweg ausgedörrte rote Erde der zentralaustralischen Mallee- und Wimmera-Region auf. Die Winde trugen Staub und Sand in bis dahin nie in der Luft beobachteter Menge im Innern einer dreihundert Meter, stellenweise über einen Kilometer hohen Wolkenwalze in südöstlicher Richtung hinein nach Victoria.
Staubsturm Melbourne 8.2.83 In Melbourne war es an dem Sommermorgen, einem Dienstag, nicht sonderlich warm, sondern beinahe frisch gewesen. Als die heißen Nordwestböen jedoch auf die Stadt trafen, stieg die Temperatur dort binnen weniger Stunden auf im Februar nie gemessene 43,2 Grad.
Kurz vor halb drei am Nachmittag verdunkelte die rotbraune Wolke den Himmel und wurde vom Wind auf die Stadt zugetrieben. Sie erreichte Melbourne eine knappe halbe Stunde später. Und wie der Wind ist und immer war, unberechenbar, so wechselte die Windrichtung. Kühlere und heiße Sturmböen prallten nun unmittelbar über der Millionenstadt am Yarra-Fluss aufeinander, die Temperatur fiel in der folgenden Stunde um zwanzig Grad, und die Sichtweite lag unter hundert Metern, als der Staubsturm schließlich durch die Straßen fegte.
Staubsturm Riad 10.3.09 Bäume wurden entwurzelt, Dächer abgedeckt. Kinderwagen, Mülltonnen, Plakattafeln und Markisen segelten durch die Luft. Der Melbourner Verkehr kam zum Erliegen, tausende Menschen harrten in ihren Autos aus oder suchten in Hauseingängen Schutz vor den alles erstickenden roten Böen. Menschen, die das Szenario erlebten, beschreiben es als unirdisch, als einen Nachmittag auf dem Mars.
Gegen vier flaute der Wind ab. Geschätzte fünfzigtausend Tonnen roter Sand aus dem Mallee trieben nach Südosten weiter, rund tausend davon waren auf Melbourne niedergegangen und sollten Stadt und Umland zehn Jahre lang beschäftigen und zehn Millionen Dollar kosten.
Wie sich eine Woche später herausstellte, war der Staubsturm nur ein Vorbote. Die gleiche Wetterlage führte am 16. Februar 1983 zu den Aschermittwochbuschbränden, den schwersten seit 1939. Im Umland von Adelaide und Melbourne starben hundertdreiundvierzig Menschen in den Flammen, zigtausende Tiere wurden getötet und unzählige Häuser zerstört.
Wenige Monate später wurde ich achtzehn. Von dem Mallee-Sandsturm über Melbourne und den Aschermittwochbuschbränden erfuhr ich nichts. Da niemand mir davon erzählte, fürchte ich, waren sie mir gleichgültig. Wenn ich nachrechne, dann war ich seinerzeit unglücklich verliebt in eine Klassenkameradin, für die ich Luft war, bis ich mir ein Herz nahm und mir den Korb abholte, vor dem ich so lange Angst gehabt hatte. Seit über dreißig Jahren hebe ich diese Zeit in meiner Erinnerung auf, eine ebenso lange Zeit, wie es brauchte, bis ich nach Melbourne kam und zum ersten Mal von der Mallee-Region, dem Staubsturm und den Aschermittwochbuschbränden erfuhr.
Staubsturm Mars 7.7.07 Der Klimawandel, so scheint mir, ist eine viel ältere weltweite Entwicklung, als in den meisten Betrachtungen beschrieben. In den vergangenen Jahrzehnten müssen sich in immer rasanterer Folge Wetter-, Flut-, Erdrutsch-, aber auch andere, vielleicht namenlose Katastrophen ereignet haben, die erst im Nachhinein in einen bestimmten Zusammenhang rücken. Latente, schleichende Prozesse traten hinzu, waren Folge, zeigten eine Entwicklung an, wurden zumeist abgetan oder kaum beachtet. An eine Vorstellung von globalem Bewusstsein zu Beginn der 1980er-Jahre kann ich mich nicht erinnern. Die Kohl-Ära begann. Alles drehte sich um Restauration. Australien war noch fast ebenso weit entfernt wie der Mars.

Fotos: Staubsturm in Melbourne, 8. Februar 1983 (1), Staubsturm in Riad, 10. März 2009 (2), Staubsturm auf dem Mars, 7. Juli 2007 (3)

Das Klassenzimmer

von Manuel Plonsky

Ich fahre in den Schulhof hinein und genieße das schöne Wetter, bevor ich mein Rad abschließe, voller Erwartung für die bevorstehende Englischstunde. Es ist Freitag, ich konnte ausschlafen, weil meine ersten zwei Stunden ausgefallen sind, ich habe mich deswegen auf die vier Stunden in der Schule und das Wochenende danach gefreut. Ich gehe in die Schule rein und grüße ein paar Freunde. In Gedanken versunken, was ich am Wochenende machen werde, gehe ich dann ins Klassenzimmer rein. Sofort merke ich, dass irgendetwas nicht stimmt. Es riecht seltsam, fast wie im Wald. Ich sehe mich um und weiß sofort weswegen. Überall sind Pflanzen, Lianen klettern die Wände hoch, es brechen Wurzeln durch den Fußboden, hier und da liegt Moos, ich kann sogar sehen, wie ein Vogel aus einem gebrochenen Fenster herausfliegt. Ich kann es nicht fassen, ich gehe noch einen Schritt in den Raum hinein und höre wie das Lineal, das ich am Tag zuvor dort vergessen hatte, knackt und kaputtgeht unter meinem Fuß. Ich beuge mich, hebe es auf, und starre mir die Bruchstelle an, die mir sehr echt erscheint.

Ich versuche rational zu denken, mein Gehirn sagt mir, dass es eine logische Erklärung geben muss, ich bin nicht im Traum. Ich gehe wieder aus dem Zimmer und stelle mit Überraschung fest, dass der Flur, der gerade voller Menschen war, nun leer ist und genauso aussieht, wie das Klassenzimmer, das ich gerade verlassen habe, auch hier scheint lange kein Mensch gewesen zu sein.

Dann kommt es mir in den Sinn. Es muss ein Streich sein, nicht einfach von irgendjemandem gemacht, sondern wirklich professionell. Ich schaue nach Kameras, finde aber keine. “Es ist so seltsam”, sage ich mir, als ich auf einmal ein Geräusch höre, das von um die Ecke kommt und nach Singen klingt. Es kommt näher. Da ich nicht weiß, was auf mich zukommt, verstecke ich mich in einer Einbuchtung in der Wand und warte darauf, bis sich die Quelle des Gesangs zeigt. Das Singen kommt immer näher, bis ich schließlich sehe, wie ein alter Mann um die 65 vorbeigeht, der kurze graue Haare und einen Bart wie der Weihnachtsmann hat. Ich beschließe, dass er keine Gefahr darstellt, und trete aus meinem Versteck heraus. Er dreht sich langsam um und mustert mich von Kopf bis Fuß und umkehrt, seine Augen etwas verwirrt. Es sagt lediglich: “Keine Schule heute, Junge”, und dreht sich mit einem Lachen um. Sein Lachen über den Witz ist so laut, dass ich mich frage, wann er das letzte Mal überhaupt gelacht hat.

Mir fällt ein, dass er wahrscheinlich meine einzige Hoffnung ist, herauszufinden, was hier vor sich geht, weswegen ich ihm hinterher laufe und frage: “Warum, was geht hier vor, wo sind alle?” Er läuft einfach weiter und sagt: “Ich weiß nicht, wo sie sind, aber ich weiß schon, dass seit mehr als 25 Jahren kein Schüler mehr in diesem Gebäude war.” Kurz danach fügt er hinzu, “Na ja, bis auf dich.”

„Das stimmt nicht”, sage ich, “Ich war gestern hier.”

Er dreht sich plötzlich um und schaut mich an: “Warte” sagt er, “Ich erinnere mich, du bist doch der Typ, der vor 35 Jahren verschwunden ist”.

Wie wäre es, wenn…?

text by Gina

Es war ein ganz normaler Tag. Eine Weile dachte ich zumindest, dass der Tag genauso verlaufen würde wie jeder Tag. Bald wusste ich, wie falsch ich da lag.
Wenn ihr euch fragt, wer ich bin: ich heiße Kate und bin 16 Jahre alt. Vor ein paar Tagen hatte ich ein ganz normales Leben als Schülerin, aber seit gestern hat sich alles verändert…

Wie immer bin ich um 7 Uhr aufgestanden, habe mich angezogen, bin zur Schule gegangen und war beim Französisch-, Mathe- und Chemieunterricht, alles nicht so sonderlich interessant.
Dann bin ich zum Klassenzimmer, wo wir Englischunterricht haben (ja, ich weiß, genauso langweilig wie der Anfang des Tages), aber als ich den Raum betrat, stockte mir kurz der Atem und mir fiel die Kinnlade runter.
Ich befand mich mitten im Regenwald. Ja, ihr habt richtig gehört, im Zimmer waren Bäume und Kletterpflanzen. Ich habe mich gefragt, ob ich noch in unserem Klassenzimmer war.
Auf einmal hörte ich eine Stimme neben mir, die sich sehr überrascht anhörte, und als ich mich umdrehte, sah ich meine beste Freundin Lucie. Zumindest war ich nicht mehr alleine in dieser verrückten Situation.
“Was geht hier vor?“, fragte sie etwas gereizt und ich musste zugeben: „Glaub mir, Lucie, ich würde gerne genau das gleiche wissen, aber ich habe überhaupt keine Ahnung.“
“Was machen wir denn jetzt? Können wir nicht einfach wieder aus der Tür rausgehen?“, wollte sie wissen. Eine gute Frage!
Es war so heiß und schwül, ich konnte mich kaum konzentrieren. Ich sagte mir: „Komm, keine Panik jetzt! Du bist irgendwie hierher gekommen (wo auch immer ich war, wusste ich auf jeden Fall, dass ich nicht mehr in unserer Schule war), du kannst genauso gut wieder zurückkehren. Ich muss nur herauskriegen wie.“
Mit lauter Stimme antwortete ich: „Ich weiß es nicht, aber wir können es versuchen.“ Und ja, wir versuchten zurückzugehen, aber schon kam der nächste Schreck: die ganze Schule war mit allen möglichen Pflanzen überwachsen. Wir sind schnell in unser Klassenzimmer, beziehungsweise das, was es früher mal war, zurückgekehrt.
“Und jetzt?” “Wir können nicht einfach hier bleiben und warten. Lass uns gucken, wie wir die Lage besser überblicken können“, antwortete ich und versuchte dabei, nicht zu ahnungslos zu klingen. Wir sind an einem riesigen Busch entlang gelaufen, wo die Wand hätte sein müssen, und kamen zur Fensterseite hin, wo nun eine gigantische Kletterpflanze stand. Ich folgte meinen Instinkten, zog an der gummiartigen Pflanze und konnte ein paar von ihren Ranken aus dem Weg räumen. Zu unserer Überraschung schauten wir plötzlich aus einem Fenster heraus, ja, ein Fenster mitten im Dschungel!
Wir guckten einander an, die Verwirrung stand uns beiden ins Gesicht geschrieben. Wir waren aber noch verwirrter, als wir auf einmal ein seltsames Geräusch hörten.
Stotternd fragte Lucie: „Hörst du das? Das unheimliche Brüllen?“ Natürlich konnte ich es hören, es war nicht zu überhören. „Es kam von hinter dem Fenster“. Wir schauten aus dem Fenster, aber da war nichts. Na ja, eigentlich konnte man doch etwas sehen, irgendetwas, was uns bekannt vorkam. Auf den zweiten Blick erkannten wir unsere Schule, viel grüner als sonst mit den ganzen Pflanzen wie auch unser ehemaliges Klassenzimmer, aber genauso angelegt wie unsere Schule. „Wie ist das möglich?“, flüsterte ich Lucie zu, die zustimmte: „Ja, wenn das unsere Schule ist…“, aber sie hatte keine Zeit zu Ende zu sprechen. Direkt vor uns stand ein Wesen, das ich in meinem ganzen Leben nie gesehen hatte. Ich kann es nicht mal beschreiben. Es sah aus wie ein Tiger, hatte allerdings lange Stoßzähne und den Panzer eines Gürteltiers. Nach dem ersten großen Schock sah ich mit Erleichterung, dass das Fensterglas noch zwischen uns und dem Wesen stand.
Aber dann versuchte es, sich durch die Pflanzenwand durchzuschlagen und wir bekamen beide erneut große Panik. Wir hörten, wie die Krallen die Pflanzen und das Mauerwerk entlang kratzten, ein penetrantes, beängstigendes Geräusch. Mir sträubten sich die Nackenhaare.
Was sollten wir machen? „Kate, wir müssen zurück.“ „Ja, ich weiß, zurück in unsere Zeit.“ Als das unheimliche Wesen direkt vor uns erschien, hatte ich einen Geistesblitz. Wir waren zwar noch in unserer Schule, aber offenbar lange Zeit nachdem, wir eigentlich zur Schule gingen. Es mag seltsam klingen, aber wir waren in der Zukunft, es gab keine andere Erklärung. „Wie bitte?“, fragte Lucie erstaunt. Ich versuchte zu erklären: „Ja, wir müssen in der Zukunft sein. Es gibt keine andere Erklärung. Ich denke, als wir durch die Tür reinkamen, gingen wir durch einen Zeitportal.“ „Das ist doch ein Witz!“ „Nein, leider nicht.“ „Und wie kommen wir denn zurück in unsere Zeit?!“ In dem Moment sahen und hörten wir mit Entsetzen, wie das Wesen die aus Pflanzen bestehende Wand beinahe durchbrach, bis es letztlich die ganze Überwucherung durchdrang mit einer schaurigen Schrei. Es kam nun direkt auf uns zu. Jetzt schien alles wie in Zeitlupe zu geschehen. Ich packte Lucie am Arm und zog sie mit zur Tür, das Monster direkt auf unseren Fersen, ich konnte sogar seinen Atem im Rücken spüren. Dann plötzlich war alles weg, sowohl die Pflanzen als auch das Wesen, und wir waren zurück, zurück in unserer Zeit und unserer Schule.
“Wie hast du das gemacht?“, fragte mich Lucie bestürzt. „Na ja, ich habe mich einfach daran errinert, dass in dem Moment, wo alles losging, ich mich gefragt hatte, wie die Schule hier in 50 Jahre aussehen würde, und offensichtlich bekam ich diese Antwort. Die Pflanzen und die Tiere würden diesen Ort wiedererobern und nur die Menschen würden die Harmonie stören können. Dann dachte ich einfach an unserer Zeit in der Schule und fragte mich, wie es wäre, wenn wir nicht mehr da wären, und dann ging ich durch die Tür.“
“Das heißt, du kannst überall in der Zeit herumspringen, indem du dich einfach fragst, wie es wäre, wenn?“ „Anscheinend…“ „Dann können wir froh sein, dass du dir die richtige Frage gestellt hast!“

Das Gespräch in Gang halten

Interview am Goethe-Institut London, 18. März 2015

Goethe-Institut: Was muss Ihrer Meinung nach geschehen, um noch mehr Menschen für das Thema Klimawandel zu sensibilisieren?

Mirko Bonné: Mein Eindruck ist, dass die Leute Bescheid wissen. Das Thema der Erderwärmung und des Klimawandels ist in aller Munde. Aber es gibt eine um sich greifende Ohnmacht, eine Hilflosigkeit und Ratlosigkeit. Ich bin mir gar nicht sicher, ob man noch mehr dazu beitragen muss. Und das ist das Vertrackte an dem komplexen Problem – keiner weiß im Grunde, was er eigentlich machen soll.

Goethe-Institut: Sie waren für das Weather Stations-Projekt in Dublin, Melbourne und London. Gab es Unterschiede bei den Publikumsreaktionen?

London. GI. 17.3.15 Mirko Bonné: Einiges, was ich in Melbourne erlebt habe, finde ich in London wieder. Etwas sehr Lebendiges, Junges im Umgang mit unserer Wegwerfgesellschaft. Das merkt man hier sehr deutlich. Bei uns in Hamburg ist dieser bewusstere Umgang mit den Ressourcen und den Materialien noch nicht so stark ausgeprägt. Wenn man genau hinguckt, sieht man überall, dass wir vorsichtiger sein und nicht alles bedenkenlos wegwerfen sollten. Als Autor, speziell als Dichter, muss ich mich dazu erst einmal positionieren. Ich bin ja kein Soziologe und kein Umweltpolitiker. Mir geht es um Sprache. Und insofern weiß ich nicht, was ich dem Thema Klimawandel hinzufügen kann, außer dass ich auf sprachliche Verwerfungen aufmerksam mache. Gestern Abend während der Podiumsdiskussion im Goethe-Institut wurde wieder offensichtlich, welche Abgründe dieses Thema birgt. Die Frage von Jay Griffiths nach dem Ausstellungssponsor Shell und die Reaktion des Ausstellungsmachers Chris Rapley – sehr faszinierend, was da plötzlich für eine Energie auf dem Podium war. Da wurden Dinge beim Namen genannt! Aber das Thema ist grundsätzlich schwierig, weil es kein Gut und Böse mehr gibt, kein Schwarz und Weiß. Und trotzdem müssen wir alle uns dazu verhalten.

Goethe-Institut: War das denn in allen Ländern so oder gibt es Unterschiede bei der Sicht auf den Klimawandel?

Mirko Bonné: In Australien ist es sicherlich ein viel brisanteres Thema. Dort sind die Klimaveränderungen bereits deutlich spürbar, in ganz verschiedenen Regionen. Und dazu kommt eine Regierung, die das Ganze zum Unsinn erklärt und einfach ganze Wälder abholzen lässt. Wenn das so weitergeht, kann man sich vorstellen, wie das Australien in 50 Jahren aussehen wird. Ein verbrannter Kontinent.

Goethe-Institut: Denken Sie, dass sich die Diskussion um den Klimawandel nur in bestimmten Schichten der Gesellschaft bewegt?

Mirko Bonné: Wir reden hier von wahrscheinlich nicht mehr als fünf oder zehn Prozent der gebildeten Schichten. Den Rest der Bevölkerung interessiert es nicht, was mit dem Klima passiert. Und das kann meiner Ansicht nach auch gar nicht anders sein, da die Leute ganz andere Probleme haben! Das wird sich wahrscheinlich ändern, sobald gravierendere Folgen eintreten. Wollen wir es nicht hoffen, aber es scheint unabwendbar, dass schwere Unwetter kommen und viel heftigere Überflutungen und andere Naturkatastrophen eintreten werden.

Goethe-Institut: Wie ist ihr Eindruck aus literarischer Sicht? Wie war es, die anderen Autoren des Weather Stations-Projektes zu treffen und mit ihnen einen internationalen Austausch über das Thema Klimawandel zu führen?

Die Wetterstationen Mirko Bonné: Jeder von uns fünf Autoren arbeitet ganz unterschiedlich. Da gibt es im Grunde keine Gemeinsamkeiten – vielleicht den empathischen Blick auf die jeweiligen Probleme in Irland oder Polen oder auch auf fremde Kulturen und Sprachen. So sind wir alle ähnlich fasziniert gewesen von den australischen Aborigines, die wir kennenlernen konnten oder auch von den Museen, die wir in Melbourne besucht haben, von Landschaften, die uns gezeigt wurden. Aber was wir daraus entstehen wird, ist natürlich ganz unterschiedlich. Der irische Autor Oisín McGann zum Beispiel blickt mit den Augen eines Science Fiction-Lesers auf die Dinge. Ich finde das faszinierend, habe aber ganz andere Ansätze. Wenn ich mit ihm über Gedichte spreche, spüren wir beide die große Bandbreite unterschiedlicher Literaturen. Tony Birch aus Melbourne schreibt zwar selten Gedichte, hat aber wie ich ein eher poetisches Verständnis von der Welt. Auch deswegen, weil er einen indigenous background hat und sich stark mit überlieferten Perspektiven beschäftigt. Das ist mir sehr nah. Man muss die Unterschiede gelten lassen, auch in diesem Projekt entsteht erst dann das Schöne.

Goethe-Institut: Ist Literatur als Kunstform geeignet, um Themen wie dem Klimawandel zu vermitteln?

Mirko Bonné: Nein. Literatur, wie ich sie verstehe, darf sich nicht instrumentalisieren lassen. Ich würde dennoch sagen, es täte jedem Autor, der etwas auf sich hält und die Vielfältigkeit der Welt liebt, gut, sich mit der Problematik zu beschäftigen. Das heißt aber nicht mit der wissenschaftlichen Problematik! Aber sich zum Beispiel mit Schülern zu unterhalten über ihre Ängste oder über ihren Blick auf Natur. Ich würde nicht sagen, dass Literatur, oder überhaupt Künste, dafür besonders geeignet sind. Das Gespräch ist es. Und das Gespräch müssen wir unbedingt im Gang halten. Dazu, wohl nur dazu, ist Literatur verpflichtet.

Foto (1): Jay Griffiths, rechts, und Mirko Bonné während der Podiumsdiskussion mit Chris Rapley am Goethe-Institut London, 17. März 2015 (Fotograf: Magnus Pölcher) (2): Die fünf Wetterstationen (v. l. n. r.) Xiaolu Guo (London), Jas Kapela (Warschau), Oisin McGann (Dublin), Mirko Bonné (Hamburg) und Tony Birch (Melbourne). Interview: Martina Puchberger und Jill Franzmann

Zeiger auf der Uhr meines Lebens

Mit Yeats und Heaney in Tallaght, Islington und Reinickendorf

Mount Seskin, StudentsEs waren mehr als warmherzige Begegnungen. Innerhalb von drei Wochen sprach ich im Februar und März an drei Schulen mit Jugendlichen über zwei Gedichte, die in meinen Augen Bedeutsames über das Verhältnis des Einzelnen zum jeweiligen Klima, in dem sie oder er lebt, und so auch zu den Folgen des Klimawandels zu sagen haben. Es sind die Gedichte „The Meditation of the Old Fisherman“ von William Butler Yeats, das 1889 im Band „Crossways“ erschien, sowie das hundert Jahre später entstandene „A Postcard from Iceland“ von Seamus Heaney. Yeats erhielt den Literaturnobelpreis 1923, Heaney 1995. Rund fünfzig Schülerinnen und Schüler erzählten mir, welche Gedanken und Empfindungen die Gedichte der beiden Iren in ihnen auslösen, und ich hörte ihnen zu und war nicht selten bewegt und verblüfft. Die Schulen, an denen ich die Gedichte vorstellte, sind das Mount Seskin Community College in Tallaght bei Dublin, die Islington Arts and Media School in London und das Romain Rolland-Gymnasium in Berlin.

The Meditation of the Old Fisherman

You waves, though you dance by my feet like children at play,
Though you glow and you glance, though you purr and you dart;
In the Junes that were warmer than these are, the waves were more gay,
When I was a boy with never a crack in my heart.

The herring are not in the tides as they were of old;
My sorrow! for many a creak gave the creel in the cart
That carried the take to Sligo town to be sold,
When I was a boy with never a crack in my heart.

And ah, you proud maiden, you are not so fair when his oar
Is heard on the water, as they were, the proud and apart,
Who paced in the eve by the nets on the pebbly shore,
When I was a boy with never a crack in my heart.

Mount Seskin Jeweils drei Schüler in Tallaght, Islngton und Reinickendorf lasen die Strophen von Yeats laut in der Runde vor. Besonders angetan waren alle Klassen von dem wiederkehrenden Abschlussvers, der einigen wie an den Strand brandende Wogen erschien. Andere waren bezaubert vom Auf-und-Ab, dem „Dünen“ oder „Pulsieren“ des Versfußes, wieder andere erstaunt, wie der alte Fischer am Ende seines Lebens über die Welt und die vielfältigen Dinge denkt: dass alles sich ändert im Lauf der Zeit, Sehnsucht und Liebe aber stets unverändert bleiben. Lange sprachen wir über Verbindungen des menschlichen Gemütes zum Wetter und Klima. Was überhaupt ist Klima, was Wetter, wo liegen die Unterschiede, wie wären sie zu benennen? Besonders Jungen fragten, was gemeint sein könne mit dem „crack in my heart“ – ob es Yeats wirklich, wie es den Anschein hat, allein um Liebe und deren Vergänglichkeit geht. Ich erinnere mich an einen stumm dabeisitzenden Schüler in dem Kunstraum des Mount Seskin Colleges, der den Kopf schüttelte und das Gedicht doch wieder und wieder las, still und für sich. Erst am Ende des Unterrichts nahm er seinen Mut zusammen und erzählte von den Überschwemmungen des Jahres 2014, durch die nach schweren Unwettern und wochenlangen Niederschlägen zahlreiche Vororte von Dublin verheert wurden. „Plötzlich kam da ein Fluss, wo vorher gar keiner war, die Hügel runter und riss die Häuser weg, auch das meiner Großeltern.“
Von einem ähnlich sonderbaren, wenn auch ganz anderen Fluss spricht Seamus Heaney zum Auftakt seines 1987 erschienenen Gedichtbandes „The Haw Lantern“ („Die Hagebuttenlaterne“), dessen Motto lautet: RoRo

The riverbed, dried-up, half-full of leaves.
Us, listening to a river in the trees.

Heaneys Gedicht „A Postcard from Iceland“ begeisterte die Schüler in Tallaght, London und Berlin gleichermaßen. Auf der Stelle wurden Vergleiche zu Yeats’ Strophen gezogen, und vielen fiel sofort auf, dass auch hier lebendige Stimmen von einer verlorengegangenen Verbindung sprechen, wenngleich in anderem, ironischerem Ton:

As I dipped to test the stream some yards away
From a hot spring, I could hear nothing
But the whole mud-slick muttering and boiling.

And then my guide behind me saying,
”Lukewarm. And I think you’d want to know
That luk was an old Icelandic word for hand.“

And you would want to know (but you know already)
How usual that waft and pressure felt
When the inner palm of water found my palm.

IAMS Am längsten diskutiert wurde meine Frage, ob man das von Heaney poetisch dargestellte Empfinden einer unmittelbaren Verbindung zur Erde wohl auch dann habe, wenn die Hand in künstlich erwärmtes Wasser getaucht würde. Unabhängig voneinander verneinten das alle. Seamus Heaneys Gedicht, da waren wir uns einig, erzählt von zwei Gesprächen, einer kurzen Unterhaltung eines Reiseleiters mit einem Islandreisenden, genauso aber von dem Gespräch, das die Natur, die Erde oder die Schöpfung mit jedem führt, der offen und empfindsam dafür ist. „Letztendlich kennen wir diese Sprache des lauwarmen Wassers alle“, sagte ein Schüler in Islington und ebenso eine Schülerin in Berlin. „Schließlich erinnert sich jeder daran, wie es im Mutterleib war – nur kann man das nicht mitteilen.“ Das Klima, in dem ein jeder von uns lebt, gibt uns vielleicht ein ähnliches Gefühl von unbewusster Geborgenheit: „(but you know already)“.
IAMS, Entry Welche Sprache vermag das zu verdeutlichen, und welche die Gefahren, die der Klimawandel in sich birgt? An den Schulen am Rand von drei europäischen Hauptstädten war von Ratlosigkeit nichts zu spüren, dagegen aber viel junger Elan und Neugier, lebendiges Interesse für fremde Standpunkte und eine große Empathie, vor allem aber die Bereitschaft, endlich etwas zu ändern, und zwar nach eigenen, nicht althergebrachten Vorstellungen. Eine fünfzehnjährige Schülerin an der IAMS, der Arts and Media School im Londoner Vorort Islington-Finsbury, fand aus dem Stegreif ein fantastisches Bild für die Überwindung der sich gegenseitig desavouierenden Klimawandeldebatten von Wissenschaft und Literatur: „Die Sprache der Gedichte ist der Minutenzeiger, die der Wissenschaft der Stundenzeiger auf der Uhr meines Lebens.“

William Butler Yeats

Die Gedanken des alten Fischers

Ihr Wellen, ob ihr hertanzt vor mir wie tobende Kinder,
Ob ihr glitzert und glänzt, schnurrend Luft holt oder Schwung –
Der Juni war früher viel wärmer, und die Wellen geschwinder,
Als ich ein Junge war und in meinem Herzen kein Sprung.

Die Heringe sind lang nicht so viele, wie sie’s mal waren;
Mein Kummer! Denn der Korb knarrte bei jeder Lieferung,
So oft hat der Karren den Fang nach Sligo gefahren,
Als ich ein Junge war und in meinem Herzen kein Sprung.

Und ah! stolzes Mädchen, du bist nicht so hübsch, wenn an Land
Sein Ruder man hört, hübsch wie sie, die ungebunden und jung
Abends bei den Netzen vorbeigingen zum steinigen Strand,
Als ich ein Junge war und in meinem Herzen kein Sprung.

(Aus dem Englischen von Mirko Bonné)

Seamus Heaney

Eine Postkarte aus Island

Als ich kurz ins Wasser griff, nur ein paar Meter
Von einer heißen Quelle, konnte ich gar nichts hören
Außer dem ganzen schlammigen Geblubber.

Und dann den Führer hinter mir, der sagte:
„Lauwarm. Und es wird sie interessieren,
Daß lau auf altisländisch ,Hand’ bedeutete.“

Und dich wird interessieren (doch du weißt es schon),
Wie alltäglich dieser gehauchte Druck sich anfühlte,
Als die innere Hand des Wassers meine fand.

(Aus dem Englischen von Giovanni Bandini und Ditte König)

*

Fotos: Schüler des Mount Seskin Community College (1), Oisin McGann vor der Mount Seskin-„Substation“ (2), das Romain Rolland-Gymnasium (3), Schüler der IAMS (4), der Eingang zur IAMS in Islington. Nicht weit entfernt, in Finsbury, ging John Keats zur Schule. Am Eingang die vier Leitbegriffe: „Confidence Aspiration Reflection Respect“ (5)

Theaterworkshop an der Schaubühne

Die Substation der Sophie-Scholl-Schule besuchte am 23.2.2015 einen vierstündigen Workshop an der Schaubühne in Berlin zu dem Theaterstück „der Volksfeind“ von Henrik Ibsen.

In dem Stück deckt Dr. Stockmann einen Skandal auf:  Das Wasser des Kurbades ist verseucht. Zuerst bekommt er Unterstützung von der Presse und seinen Freunden. Doch auf einmal wechseln diese ihre Position und sind gegen die Aufdeckung des Skandals. Sie sehen ihre eigene Zukunft bedroht.

Die Inszenierung von Thomas Ostermeier stellt die Frage: Welche Chance hat die Wahrheit in einer durchökonomisierten Gesellschaft?

Theater workshop

Die Schüler und Schülerinnen bekommen die Aufgabe:  War ich schon einmal opportunistisch? Wann? Warum?

Es war interessant die 'Beichten' der Klassenkameraden zu hören und deren Mimik dabei zu beobachten.

 

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Wer ist mächtiger? Wer ist stärker? Wer ist überzeugender?

Die Schüler und Schülerinnen werden von der Theaterpädagogin der Schaubühne, Wiebke Nonne, angeleitet, ihren Körper beim Theaterspielen richtig einzusetzen.

Ich habe das Stück durch den Workshop mehr verinnerlicht!

 

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Vielen Dank an das Team der Theaterpädagogik an der Schaubühne in Berlin!

Der Workshop war lustig und interessant, aber auch anstrengend.
Die Frage nach dem Ökonomischen Diktat war für die meisten 
schwer zu beantworten: 
'Das ökonomische Diktat herrscht über die gesellschaftlichen Interessen/ meine Interessen oder die ökologischen Interessen, wenn...anstatt...'