Die Redlichkeit der Fakten

Erzähl es den Bienen. Australisches Journal 14

Von der Kluft zwischen den Fakten und dem Empfinden spricht die Umweltaktivistin Meg von Greenpeace Australia Pacific in Sydney. Um diesen Abgrund zu überbrücken, sei in ihren Augen von wissenschaftlicher Seite die Redlichkeit der Fakten vonnöten, „the integrity of facts“, genauso aber müssten neue Ansätze ihrer Vermittlung gefunden werden. Das Narrative und die Poesie könnten hier Türen öffnen, die der Sprache der Forschung ebenso verschlossen seien wie den Slogans und Paragraphen der Politik und des Rechts.
Das literarische Erzählen und die Musik der Bedeutungen des Gedichts (wäre einzuwerfen) hätten Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte gebraucht, um sich aus dem Klammergriff von Funktionalisierung und Instrumentalisierung zu befreien.
Meg aber fordert gar keine Dienstbarmachung der Literatur und Poesie, allenfalls ein Ende des ausschließlichen Entertainments. Die Literaturen können Geschichten vom Klimawandel erzählen, die die Leute erreichen, sagt sie, können Fakten und Zahlen verwandeln, mit Leben erfüllen, können sie übersetzen.
Leard State Forest Meg ist eine so zornig wie traurig wirkende Mittfünfzigerin mit wettergegerbtem Gesicht und schwarzer Outdoorkluft. Nach Protesten gegen die Abholzung großer Teile des Leard State Forest, mit der der Whitehaven Kohlekonzern die Betreibung der Mine von Maules Creek beschleunigen will, saß sie in den letzten Tagen im Gefängnis. Maules Creek ist Aborigine-Land, die Gomeroi leben seit tausenden Jahren in der waldreichen Gegend. An die vierhundert seltene und sogar bedrohte Tier- und Pflanzenarten sind dort ansässig.
An die Kraft der Erzählungen, an den Zauber der Dichtung glaubt Meg, und daran, dass beide ermöglichen, die Menschen zu erreichen, weil Dichtung und Erzählung Teil jeder menschlichen Kultur seien, gleich, wohin man blicke.

Meg ist der erste Mensch in den ganzen Meetings, Vorträgen, Gesprächen und Besichtigungen, der sich nicht scheut, das Wort Gott in den Mund zu nehmen.
Sie erzählt vom Gottesglauben der Einwohner von Kiribati, einem polynesischen Inselstaat im Pazifik, der früher unter dem Namen Gilbert-Inseln britische Kolonie war. Die Überflutung der Eilande, von denen jedes nur wenige Meter aus dem Wasser ragt, gilt aufgrund des erwarteten Anstiegs des Meeresspiegels in Forscherkreisen als sicher. Die Bewohner jedoch weigern sich, ihre Inseln zu verlassen, und verweisen zur Begründung auf Überlieferungen und Bibel. In Kiribati gilt als sicher, was Gott erklärt hat. Nie wieder wird eine Flut die Erde überschwemmen. Teil der Erde aber sei auch Kiribati.
Meg erzählt von Überschwemmungen in Bangladesch. Sie habe dort Frauen gefragt, welche Hilfsgüter sie am dringendsten benötigten, und die Frauen der überfluteten Küstenorte hätten sich mobile Öfen gewünscht – Öfen, die sie auf der Flucht vor der nächsten Flut mit-nehmen könnten.
Sie erzählt von den Wurundjeri-Aborigines, von denen nach Vertreibungen und Massakern etwa tausend Menschen überlebten, die Hälfte in Reservaten, durch die sie abgeschnitten wurden von ihrem Land, den Tieren und Bäumen, den Flüssen und heiligen Stätten. Die Wurundjeri, erzählt Meg, sagen: „Wir werden nicht aussterben. Wir weigern uns.“
Sie erzählt von den Inuit und den Klängen Alaskas. Die Namen der Eskimos für einheimische Vogelarten ahmten deren jeweiligen Ruf oder Gesang nach, und schon seit längerem würde unter den Inuit diskutiert, was mit den Namen geschehen solle, wenn es die betreffenden Vögel nicht mehr gebe.
Vom australischen Lyrebird erzählt Meg. Er ahmt Töne in seiner Umgebung nach, und immer mehr Lyrebirds könne man hören, wie sie ein seltsames Einrasten, Einschnappen und Surren von sich gaben, die Geräusche von Fotoapparaten, während sich andere wie elektrische Heckenscheren anhörten. Lyrebird 1932
In den Überlieferungen der Kulin ist der Lyrebird der Dolmetscher unter den Tieren. Im Glauben der Kulin hatten alle Tiere einst eine gemeinsame Sprache, ehe Gier und Neid sie voneinander abrücken ließen. Einzig der Leierschwanz habe daran festgehalten, zwischen den einander unverständlich gewordenen Tieren zu vermitteln.
Ich erzähle Meg, dass in Hamburg Amseln Handy-Klingeltöne imitieren, offenbar vor lauter Verwirrung.
Womöglich eine Verwirrtheit, die einen Ausweg aufzeige, erwidert sie.
Meg ist Aktivistin, ich bin genau das Gegenteil. Ich fühle mich durch die Welt geworfen, gezwungen, Tag und Nacht wach zu sein in einem rastlosen Zustand zwischen allen erdenklichen Welten, ausgeliefert mir unverständlichen Sitten, noch seltsameren Räuschen und Trost suchend im Glauben, mein Schreiben würde irgendwen dazu bewegen, die Augen offen zu halten, wo ich doch selbst im Grunde nur schlafen, träumen und in guten Stunden Erinnerungen in ein Heft kritzeln möchte, damit sie nicht wie alles andere verloren gehen.
So, wie sie in einem Nebensatz von Gott spricht, weiß Meg, wo die Verantwortlichen zu finden sind: „Die Regierung vergeht sich an Australien, und genauso wird sie sich an den Australiern vergehen“, sagt sie. „Keiner tut etwas. Wir sind umgeben von Verbrechern. Wir sind selber Verbrecher.“

Fotos: Leard State Forest (1): leardstateforest.com; „Unbelievable Lyrebird“, Ambrose Pratt, 1932 (2)

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