Der Feigenbaum

Plastikmeer Überall der Müll des Sommers, auf jeder Böschung eine Plastikpracht. Weggeschmissen, plattgetreten, liegengelassen und vergessen die Verpackung des mal Dagewesenen, nur nie Zurückgekehrten, Flaschen in allen Farben, rostzerfressene Dosen, verwaschen eine Tasche oder zerrissen ein Koffer. Am Straßenrand seit Jahren abgestellte Autos, Wracks, halb ausgeschlachtet, halb verfallen, eingekackt, beschmiert, verölt. Du gehst in die Hocke, als dir auf dem Asphalt etwas Helles ins Auge fällt, und blickst ein Götterpüppchen an, das nur einen halben Kopf und keinen Körper mehr hat, aber auf den Lippen Aphrodites Lächeln. Im vertrockneten Gras liegen in Schichten übereinander die Überreste dessen, was nicht hineinzustopfen war in die Felsspalten und Nischen der Mauern und Wände aus wieder und wieder, wieder und wieder verbauten Steinen. In Bäumen gekappte Leitungen, Kabelgezweig. Am Strand eine Zahnbürstenflut, Schaum aus Verschlüssen und Beuteln, Kappen und Stiften, Senkeln, Knöpfen und verblassten, erblindeten Stofftieraugen. Feige auf Symi Auf der kleinen griechischen Insel Symi, nur wenige Seemeilen vor der türkischen Küste, steht ein Haus in der Oberstadt des Fischerhafens, dessen Dachgebälk, Zimmerwände und Fußböden wurden von einem das aufgegebene Gemäuer nach und nach für sich einnehmenden Baum gesprengt. Die schöne, tief dunkelgrüne Feige wächst auf dem Unrat und Müll, der zu den Fensterlöchern hineingeworfen wird – wie in einen Schacht, in dem Verfallenmüssen und Leere zusammenfinden und Zeit und Tod vor lauter Leben vergehen. Feige in Santa Barbara

Fotos: Plastikverseuchtes Mittelmeer bei Rhodos (1), Haus mit Feigenbaum auf Symi (2), Feige in Santa Barbara, Kalifornien (3)

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