Blüten der Einsamkeit

Eine Kurzgeschichte von Xiaolu Guo, übersetzt von Rebecca DeWaldflower

1. Houyi

Damals bestand das Universum aus zwei unterschiedlichen Welten: Der Erde, auf der die Sterblichen lebten, und den himmlischen Gefilden, die die Unsterblichen beherrschten. Damals waren die Berge scharlachrot und die Meereswogen schwappten blutrot ans Land. Damals bevölkerten so viele Tiere das Land, dass die Menschen sich ihren Platz erkämpfen mussten. Damals wurden Männer an Ihrer Kunst im Bogenschießen gemessen. Und damals, vor sehr langer Zeit, ging ein außergewöhnlicher Bogenschütze namens Houyi auf der roten Erde.

Houyi bewegt sich schnell und gewandt durch das hohe, wilde Gras, wie ein Leopard, der durch den Wald streift. Mit seinem Bogen über der Schulter ist er auf dem Weg zum Dorf Weißer Elefant, um für die Einwohner Wölfe zu erlegen. Die blutrünstigen Tiere hatten vor noch nicht allzu langer Zeit mehrere Kleinkinder gerissen, wovon die Blutspur auf dem Waldweg zum Dorf noch zeugt. Kein Tier — ob Wolf, Stier oder Löwe — kann Houyis Bogen entkommen, denn Houyi ist der Meister der Bogenschützen des Königreichs.

Die Sonne brennt über den Tannenspitzen, in deren Halbschatten Houyi sitzt und schwitz wie ein junger Stier. Er wäscht sein Gesicht im Bach am Fuße des Hügels und löscht seinen Durst mit dem klaren, süßen Wasser des Bergs. Er beißt in die saure Frucht eines wilden Birnenbaums und spuckt die harte Schale ins Gras. Houyi ist ein heißblütiger, junger Mann. Sein junger Bart ist buschig und kräftig und weht stets im Wind. Und sogar Tiger fürchten ihn und schrecken zurück, wenn sie seinen Schritt hören und den großen, silbernen Bogen und die schwarzen Pfeile im Köcher auf seinem Rücken sehen.

Nachmittags, nachdem die Sonne den Zenit überschritten hat, schießt Houyi die drei Wölfe im Wald. Die ersten beiden erlegt er sofort; den Dritten verletzt er nur, um ihn für das Herbstopfer aufzubewahren. Die Dorfbewohner feiern ihren Helden, bedanken sich bei Houyi und schenken ihm Mais und Fisch und sogar geräuchertes Schweinefleisch. Houyi verlässt das Dorf schwer beladen mit Lebensmitteln und seinem großen Bogen.

Houyis junge Frau Chang’e wartet allein zu Hause. Sie sammelt die Kokons der Seidenraupen ein, um daraus Winterkleider für Houyi zu weben. Sie fühlt sich allein und über ihre Maße alt, seit sie Houyi geheiratet hat, dabei ist sie erst fünfzehn Jahre alt. Houyi ist nur drei Jahre älter, doch er ist ein wilder Mann, der selten zu Hause ist und nichts mehr liebt, als mit der Natur Krieg zu führen. So hat er es auch geschafft, Chang’e zu bändigen und ihr Herz zu gewinnen, also hat er sein Ziel bereits erreicht, denn Liebe existiert für ihn nicht. Er verbringt seine Tage fortan lieber damit, Waldtiere zu jagen, während seine junge Frau jeden Tag allein bestreiten muss. Vor ihrem Haus wächst ein alter Magnolienbaum. Oft betrachtet Chang’e seine dicken Blätter und die großen, weißen Blüten. Sie fühlt sich wie das schwache, regungslose Blütenblatt einer Magnolie, das nur darauf wartet, vom Wandel der Jahreszeiten zurück auf die Erde getragen zu werden. Sie selbst aber ist ohne Kraft und schwerelos.

Houyi der Bogenschütze schläft jede Nacht gleich nach dem Abendessen ein. Er atmet tief und schwer. Während sie so neben ihrem Mann liegt, fühlt sich Chang’e als ob sich ihr Leben einem langsamen Tod hinwendet. Sie sieht den Umriss ihres eigenen Todes, wenn sie sich neben Houyis geerdeten Körper legt. Der Umriss breitet sich wie ein Tintenklecks immer weiter aus und färbt alle lichten Stellen ein, bis er den gesamten sichtbaren Raum eingenommen hat und nichts als Dunkelheit zurückbleibt.

2. Chang’e

Vor ihrer Hochzeit mit Houyi war Chang’e Blumenpflückerin am königlichen Hof. Das Reich des alten Königs lag im südlichen Teil der chinesischen Han-Provinz, wo sich die Stämme ohne Unterlass bekriegten. Als Zwölfjährige wurde Chang’e zur Dienerin einer der Ehefrauen des Königs ernannt und mit der Aufgabe betraut, sich um den Garten mit den Jasminbäumen zu kümmern. Dort sollte sie die weißen Blüten der Jasminbäume pflücken, bevor diese sich öffneten, sie in Wasser legen und mit Puderzucker bestreut in einem Jadeglas aufbewahren. Nach ein paar Tagen trank die Frau des Königs den gesüßten Jasmintrank, um damit ihre schwachen Lungen zu stärken.

Jede Jasminblüte im Garten brachte nur ein einziges Blütenblatt hervor, ein weißes Blütenblatt in der Form eines Herzens. Die Blütenblätter waren so zart, dass schon der schwächste Windstoß sie wie Schnee von den Bäumen segeln lies. So musst Chang’e die Blüten pflücken, bevor der Wind sein Spiel mit ihnen treiben konnte. Tagein, tagaus ertrug Chang’es junges Herz die Eintönigkeit ihres öden Lebens.

Eines Tages auf dem Weg zum Markt, wo Chang’e Zucker kaufen sollte, traf sie einen kräftigen, gut aussehenden Mann mit einem großen, silbernen Bogen. Für Chang’e und Houyi war es Liebe auf den ersten Blick. So dauerte es nicht lange und Chang’e verlies den königlichen Jasmingarten und wurde zur Frau des jungen Bogenschützen. Als junge Ehefrau pflegt Chang’e nun Seidenraupen unter dem Maulbeerbaum, kocht Reis und Suppe auf einem Baumstumpf und wäscht Kleider im nahegelegenen Fluss. Sie weiß, dass der Bogenschütze sie liebt, doch ihr einsames Herz schwelgt in ihrer leeren Brust. Sie empfindet zwar Liebe für ihn, doch wenn Houyi in der Nacht schläft, lässt diese manchmal etwas nach, Stück für Stück. Sie hat vergessen, wofür sie lebt. Sie fühlt sich, als ob sie wieder eingesperrt ist, wie im Jasmingarten des alten Königs, wo sie unter der brennenden Sonne ihre müden Arme hebt, um jede zarte Blüte einzeln zu pflücken. Tagein, tagaus, ohne Sinn und Zweck.

3. Wu Gang

Damals wachten die Unsterblichen der himmlischen Gefilde über dem großen, chinesischen Sternenzelt. Der Herrscher der himmlischen Gefilde entschied darüber, wer Einlass erhielt und wem dieser verwehrt wurde.

Doch für Wu Gang zog der impulsive Herrscher der himmlischen Gefilde ein anderes Los. Wu Gangs Schicksal war es, auf ewig im Limbus zwischen der Welt der Sterblichen und der der Unsterblichen zu weilen. Er wurde zum Türhüter der südlichen Himmelspforte, dem einzigen Durchgang auf dem Weg von der Erde in die himmlischen Gefilde.

Hier lehnt Wu Gang nun regungslos und leer an der südlichen Himmelspforte und erinnert sich an Augenblicke seines vergangenen Erdenlebens. Er war einmal Holzfäller in einem Bambushain und erfreute sich des Lebens. Der Herrscher der himmlischen Gefilde sah in ihm jedoch mehr als einen gewöhnlichen Mann. Er sah in ihm den vertrauenerweckendsten Menschen der Erde und ernannte ihn deshalb zum Türhüter der Himmelspforte. Seither fristet Wu Gang in dieser Leere sein Dasein. Er vermisst seine Heimat, den kräftigen Bambus und seine feste Axt, die so viel besser ist als seine himmlische Axt, die er hier zu Schwingen gezwungen ist. Er vermisst den Duft der Erde nach einem Gewitter und das Rauschen des Flusses hinter seiner Grashütte. Jetzt ist er im Zwischenraum Limbus, an einem leblosen Ort, an welchem die Erde endet und der Himmel beginnt, jedoch liegen beide für ihn außer Reichweite. Seine Welt ist nun geräuschlos, farblos und ohne Gewicht. Nur Wu Gangs Axt und vielleicht auch sein Körper haben eine klare Form. Er kann sein eigenes Gewicht sehen, fühlt es aber nicht. Jene, die der Herrscher der himmlischen Gefilde als Unsterbliche auserwählt hat, gehen einfach an ihm vorbei durch die Pforte. Keiner hat je innegehalten, um mit ihm zu sprechen oder in Erinnerungen zu schwelgen, zumal es um die Pforte herum keinen konkreten Raum gibt, wo es sich aufzuhalten lohnte. Wu Gang lebt ihn einem Luftstoß, von welchem aus er die Erde durch ewige Wolken hindurch betrachten kann. Er ist das einsamste Wesen der Welten.

Eines Tages entdeckt Wu Gang durch die dichten Wolkenlagen hindurch die schöne Chang’e, die unter einem Jasminbaum im königlichen Garten steht während die Jasminblüten auf sie herabschneien wie Flocken im Wind. Chang’e steht an den Baum gelehnt und betrachtet die Blüten, wie sie um sie herum zu Boden segeln. Sonnenstrahlen umspielen ihr Haar und ihren Hals. Der Türhüter ist wie gebannt von ihrer zerbrechlichen Schönheit. Er murmelt vor sich hin, wünscht sich, er könne ihr Gefährte werden und sie ihr Leben lang im Arm halten und beschützen. Doch wie soll das gehen? Er ist kein Mann aus Fleisch und Blut mehr, sondern halb Mensch, halb Geist, ohne Gewicht und schwerelos.

Tagein, tagaus betrachtet Wu Gang den Jasmingarten von oben, von seiner fernen südlichen Himmelspforte aus. Der einsame Mann mit seiner schlichten Axt lehnt gegen die Pforte und sein Halbleben erscheint ihm etwas weniger einsam, bis Chang’e eines Tages aus dem Jasmingarten verschwindet. Er sucht sie, doch seine halbmenschlichen Augen haben ihre Sehkraft in der überbevölkerten Menschenwelt verloren. Er hat ihre Spur in all dem Smog, Regen und Rauch verloren und kann sie zwischen den gezwängten Schultern auf dem Markt, den Füßen auf den Brücken und den Hüten in den Feldern nicht ausmachen. Schweren Herzens sieht er ein, dass sie in ihrem Erdenleben wohl die Frau eines anderen geworden ist und in einem Haus für ihre Familie kocht. Als er so darüber nachdenkt, wird sein Herz noch kälter und seine Sicht auf die Erde verschwimmt. Einsamkeit macht sein Herz hart wie Granit und er vergisst das zarte Gefühl, das er einst verspürte. Ein Tag folgt dem anderen, eine Nacht verschwindet in der nächsten. Wu Gang verspürt Sorge auf der Erde unter ihm, doch die Sorge zerstreut sich in der dünnen Luft und menschliche Emotionen haben für ihn keinen Wert mehr.

4. Die große Hitze

Eines Tages wurde die Erde unsäglich heiß. So heiß, dass die Dünen der Wüste Gobi brennen wie ein Vulkan. Die Bambuswälder der südlichen Halbkugel trocknen aus und sterben ab, weil ihnen der Regen fehlt. Die Tannenwälder der nördlichen Halbkugel verbrennen zu Asche. Sogar der alte König tut seinen letzten Atemzug. Als die Nachricht die Runde macht, dass der alte Herrscher gestorben ist, stößt das ganze Königreich einen verzweifelten Klageschrei aus.

Houyi der Bogenschütze aber wendet seinen dunklen Blick gen Himmel. Seine Augen sind so gespannt wie der Pfeil auf seinem Bogen. Zwischen den schwebenden Wolken und dem formlosen Wind erkennt er die sieben Sonnen am Himmel. Der Legende nach wurden Himmelsvögel in strahlende Sonnen verwandelt, die fortan auf die Erdenwelt schienen. Damals dienten sieben Himmelsvögel hoch oben als Spielzeuge des größten Herrschers der himmlischen Gefilde. Damals durfte jeder Sonnenvogel nur einmal alle sieben Tage die himmlischen Gefilde verlassen und am Himmel erscheinen. Am heißesten aller Tage aber gehorchten die Sonnen ihrem Herren nicht und erschienen alle gleichzeitig am Himmel, ungeachtet des großen Schadens, den sie damit der Erde zufügten. Der große Bogenschütze Houyi kann seine Wut nicht länger im Zaum halten, zieht sechs silberne Pfeile aus seinem Köcher aus Leopardenfell und setzt an. Zisch, zisch, zisch trifft er eine nach der anderen und erlegt mit je nur einem glänzenden Silberpfeil sechs der sieben Sonnen.

Die Dünen der Wüste Gobi sind schlagartig nicht mehr brennend heiß; die Bambuswälder im Süden werden sofort von Regen überschwemmt und das Feuer der Tannenwälder erlischt langsam. Frauen und Männer auf den Feldern erholen sich von der Qual; Tiger und Löwen treten aus ihren tiefen Höhlen heraus und durchstreifen die Ebenen wieder.

Am nächsten Tag sind die Menschen einstimmig der Meinung, den großen Bogenschützen Houyi zum neuen König des Landes zu wählen. Er und Chang’e ziehen in den Palast des alten Königs ein. Chang’e ist nun wieder in ihrem Jasmingarten mit den einzelnen Blütenblättern, doch nun gehören ihr all diese Jasminbäume und auch die Diener sind nun die ihren. Sie muss niemandem mehr süßen Jasmintrank bereiten und König Houyi befiehlt Zauberern und Kräuterheilkundlern des ganzen Landes, die seltensten Kräuter zu finden und einen Unsterblichkeitstrank zu brauen. Jahrhundertelang haben Meister jeglicher Art versucht, das Geheimrezept für diesen Trank zu finden, doch ohne Erfolg. Jeder neue König setzt die Suche nach dem Zaubertrank nichtsdestotrotz fort. Der große Bogenschütze will unsterblich werden, wie all seine königlichen Vorgänger auch.

Der Herrscher der himmlischen Gefilde ist jedoch rasend vor Wut. Zuerst erlegt der neue König sechs seiner Vögel und nun wagt er es auch noch, unsterblich sein zu wollen! Der Herrscher der himmlischen Gefilde überlegt, wie er Houyi bestrafen soll. In den himmlischen Gefilden gelten vier Strafen. Die mildeste Strafe ist Sorge; die nächste die Angst; an dritter Stelle steht absolute Einsamkeit. Die schlimmste Strafe von allen aber ist absolute Verzweiflung. Der Herrscher der himmlischen Gefilde ist impulsiv und überlegt nicht zweimal, bevor er beschließt, dass König Houyi die Höchststrafe verdient. Houyi wird alsgleich zum verzweifeltsten Menschen der Erde. Er verliert das Vertrauen in die Zukunft, misstraut jedem seiner Untertanen, hat den Glauben an Liebe aufgegeben und denkt leise in jedem stillen Augenblick an den Tod.

Jede Nacht, wenn sie so neben Houyi liegt, atmet Chang’e den verzweifelten Atem des neuen Königs ein. Sie verspürt, wie ehemals, bei jedem Seufzer ihres Ehemanns das Verderben ihres eigenen Fleisches in einem luftlosen Grab, wo ihre Knochen zwischen den Wurzeln der Pflanzen langsam vergehen. Der Umriss des Todes breitet sich erneut wie Tinte in der Nacht aus und macht ihr Leben düster, bis vollständige Finsternis herrscht. Sie hat Angst vor einer schicksalsschwangeren Zukunft. Eines nachts steht Chang’e auf, stiehlt den Schlüssel aus Houyis Morgenmantel und betritt das Schloss, wo die Meister den Unsterblichkeitstrank brauen. Sie entdeckt ein großes Jadeglas, lüftet vorsichtig den Deckel und riecht an den bitteren Wurzeln. Sie nimmt die leuchtende Flüssigkeit mit zurück in ihre Gemächer. In der folgenden Nacht verlässt sie ihr Bett erneut und tut dasselbe und nimmt dabei so viele Behältnisse mit, wie sie tragen kann. Nach dreihundertundsechsundsechzig Tagen und Nächten hat sie ihre Aufgabe erfüllt und hält in ihren Hände die Essenz der Unsterblichkeit. Sie steht unter dem einblättrigen Jasminbaum und verschüttet all die wertvollen Tinkturen, während Houyi einen depressiven Schlaf schläft. Noch vor dem ersten Hahnenschrei fängt sie an, zu schweben, hebt ab und fliegt, fliegt, fliegt. Sie schwebt durch die südliche Himmelspforte, wo Wu Gang noch schläft, und geht ein in das Reich des strahlenden Mondes.

5. Der Mond

Der Herrscher der himmlischen Gefilde ist erneut wütend. Er möchte Wu Gang dafür bestrafen, dass er seiner Aufgabe nicht all seine Aufmerksamkeit widmet und Menschen in die Welt der Unsterblichen schweben lässt. Der große und impulsive Herrscher beschließt, Wu Gang seines Postens zu entledigen und ihm die Höchststrafe der größten Verzweiflung aufzuerlegen. Er schickt Wu Gang zum Mond, um einen Zimtbaum zu fällen. Sobald Wu Gang den Baum gefällt hat, wächst er nach und ist jedes Mal kräftiger und buschiger als zuvor. Die Bestrafung und seine unbändige Verzweiflung nehmen kein Ende.

Wu Gang will nichts mehr, als wieder sterblich zu sein und auf der Erde als echter Mann zu leben. Doch als er seine Axt gegen den einsamen Zimtbaum in silbernem Raum hebt, erkennt er einen weiteren Menschen: Chang’e, das schönste aller Mädchen, das er vor vielen, vielen Jahren im Jasmingarten sah. Der Anblick Chang’es erweckt in ihm ein diffuses Gefühl, denn ihr Gesicht ist das einsamste, das er je gesehen hat. Der Anblick ihres Gesichts ergreift sein Herz, das von dem langen Mangel an Liebe schon ganz verwelkt ist. Er strengt sich an, um die Erinnerung an das Gefühl heraufzubeschwören, das er früher auf Erden für Menschen empfunden hat. Er versucht, Chang’e, ihre menschlichen Gefühle und das zarte Fleisch, das ihr Herz umschließt, zu erkennen. In den schattenlosen Tagen und Nächten des Mondes versucht Wu Gang, das Gefühl seines Herzens wiederzufinden während er ewiglich den störrischen Baum niederschlägt. Vielleicht ist Wu Gang nun nicht mehr der sorgenvollste Mann der Welten, denn er hat nun die Gesellschaft Chang’es, die in ihm die Überreste menschlicher Gefühle erweckt. Doch während die Blätter des Zimtbaums auf Chang’es Haar niederregnen, verwandelt sie sich in ein Wesen absoluter Einsamkeit. Ihre Seele hat kein Zuhause. In ihrer Formlosigkeit versteht sie den tiefen Spalt zwischen ihr und der Erde und akzeptiert die absolute Einsamkeit, die ihr Streben nach dem Tod verdrängt hat.

Das Bild der Erde verschwindet Stück für Stück aus Wu Gangs Gedächtnis und ihm bleibt ihm nur noch übrig, tagein, tagaus den Zimtbaum zu fällen. Er schwitzt unsäglich aus Erschöpfung. Daraus wird der Regen, der auf die Erde fällt und dort den warmen Boden dann und wann durchnässt; Regen, der der Schweiß der Arbeit eines Mannes ist. König Houyi steht unter dem Jasminbaum und sieht hinauf in den dunklen Nachthimmel. Mit seinen scharfen Bogenschützenaugen erkennt er zwei menschliche Umrisse auf dem Mond. Er versteht, dass der Regen auf Erden von diesem silbernen Ort herrührt.

In jeder sternenklaren Nacht, wenn der Mond hell scheint, tritt König Houyi allein, ohne Chang’e, still hinaus auf die welken, einblättrigen Blüten, die sich tief in die Erde gegraben haben. Er betrachtet den Mond und vermisst seine längst verlorene Begleiterin im Abgrund seiner absoluten Einsamkeit.

Rebecca DeWald edits the Glasgow Review of Books

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