Der Inselwärter

Erzähl es den Bienen. Australisches Journal 16

Meine Angst vor der Tiefe des jenseits des Riffs rapide in die Unterwassernacht absinkenden Meeresbodens, vor einer Begegnung mit einer Muräne, eine Angst, die so alt ist wie meine Gedanken, mit einem Hai, einer Seespinne, einem Schwarm giftiger Quallen, die meterlange Nesselhakenfäden hinter sich herziehen, oder mit einem Zackenbarsch, meine Angst, dass mich im Wasser Panik packen könnte, ist zu groß, als dass ich wie der Rest der Gruppe da schwimmen und schnorcheln gehen könnte. Ich blicke auf das Wasser. Ich tauche nicht, nur meine Augen tauchen. Suppenschildkröte
Eine hell türkisgrüne Meeresschildkröte gaukelt vorüber. Ein so großer und so leuchtend roter, fast kreisrunder und schwarz gebänderter Fisch schwimmt so nah neben dem Boot her, dass ich staunend erstarre. Und mehrere nicht sehr, aber ausreichend große, hellbraune Haie kreisen wie geduckt umher, sodass sich ein Schwarm Füsilierfische vor ihren platten Schnauzen teilt und in zwei Richtungen davonschwirrt wie Finken vor einem Bussard.
Als die Taucher an Bord zurückgekehrt sind, posten einige ihre soeben unter Wasser geknipsten Bilder auf Facebook oder sonstwo, während ich hinüberblicke zur Mangroveninsel Woody Island, die zu betreten nicht nur verboten, sondern wohl auch unmöglich ist. Mich jedenfalls ließe die Furcht vor den dort im Salzschlamm zwischen den Wasserbäumen worauf auch immer wartenden Geschöpfen mit Sicherheit nicht sehr lange überleben.
Auf Low Island gibt es einen Leuchtturm, der im 19. Jahrhundert aus Schottland importiert wurde, ja vielleicht ist er das Werk von einem der Verwandten von Robert Louis Stevenson, die zu den führenden schottischen Leuchtturmkonstrukteuren zählen.
Bell Rock-Leuchtturm vor Arbroath Das Eiland, auf dem der schottische Leuchtturm steht, ist so winzig, das ich nach einem zehnminütigen Strandspaziergang an derselben unverändert im Sand hockenden Möwe vorbeikomme und sie mich fragend anblickt.
Ein Museum, das kaum größer ist als ein Fahrradschuppen, widmet sich der Geschichte von Low Island, der ersten Insel des Great Barrier Reef, die sich allein durch Wind und Sonne mit Strom versorgt. Es gibt allerdings nur einen einzigen Bewohner.
Und nicht immer ist er derselbe. Der Inselwärter, der Caretaker, wechselt alle drei Wochen, es gibt die Low Isles Preservation Society LIPS, die den ehrenamtlichen Posten vergibt. Die „Sailaway IV“, ein Segelkatamaran, dessen Dieselmotor nur in Küstennähe zum Einsatz kommt, bringt auch den Caretaker der vergangenen Wochen zurück nach Port Douglas: eine ältere, stämmige Dame, die von der Zusammenarbeit zwischen LIPS und den lokalen Aborigines erzählt. Low Isles
Der Skipper der „Sailaway“ erinnert sich an einen Inselwärter zu der Zeit, als er selbst ein Junge war. 1972 fuhr der Mann mit seinen beiden Söhnen in einem Dingi zur Insel hinaus, um sie vor einem aufziehenden Sturm zu sichern, und keiner der drei wurde je wiedergesehen.
Der Einzige, der dieser Erzählung erschüttert folgt, bin ich. Schließlich ist Australien der Kontinent des Verschwindens, ja ist das so sehr, dass man sich fragen muss, ob Australien als Ganzes nicht irgendwann mir nichts, dir nichts vom Erdboden verschwunden sein wird.
Denn hier verschwindet alles. Reihenweise gehen Leute im Outback verloren. Landstriche verbrennen. Ein Wirbelsturm vernichtet eine Zuckerrohrernte. Ein Premierminister versinkt in einem Kelpalgenwald. Tierarten sterben, wie es scheint, über Nacht aus. Ein Fluss vertrocknet. Man rodet Wälder, in denen seit Jahrtausenden Koalabären lebten und Fledermäuse, die es kaum sonstwo gibt auf der ganzen bedrohten fledermauslosen Welt.
Wallaby Alles ist von bedrohter Art, alles bedroht, Mangroven, Schnabeltiere, Dingos, Pagageien, die nur noch im Zoo leben. Touristenausflugslokale halten in Vitrinen Pythons und in stacheldrahtgesicherten Käfigen Wallabys mit so traurigen Augen, das man erschüttert ins Knie bricht. Niemand weiß, ob es den Tasmanischen Beutelwolf noch gibt. Man sucht nach ihm, aber gefunden wurde er auch nach Jahrzehnten nicht.
Lagunen werden zu Bahnhöfen, Dürren verheeren eine Region, die so groß ist wie das große Polen. Die Ureinwohner Tasmaniens wurden ausgelöscht bis auf eine Frau und einen Mann. Und ein anderer, einer, der eine Koralleninsel in seiner Obhut hat, fährt mit seinen Söhnen in einem kleinen Motorboot aufs Meer hinaus.
Er fährt und fährt und fährt und fährt und merkt dabei gar nicht, dass er und die zwei Jungs längst gestorben sind.

Fotos: Suppenschildkröte (1), von Robert Louis Stevensons Großvater erbauter Leuchtturm vor dem schottischen Arbroath (2), die Low Isles im Great Barrier Reef: Woody Island, links, und Low Island, rechts (3), Wallaby (4)

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