Äthiopischer Bericht

You have to be someone.
Bob Marley

Ein Abend im Deutschen Schauspielhaus an der Hamburger Kirchenallee! Es ist ein grauer und windig-kalter Winterabend im Bahnhofsviertel der Hansestadt. St. Georg bereitet sich auf die allsonntagabendliche Tatort-Enttäuschung vor, da hält vor dem Theater ein großer weißer Bus, der vermeintlich Gymnasiasten oder Senioren transportiert, doch völlig leer ist. Der Bus sieht aus, als wäre er aus Schnee, die letzte Schneewehe dieses Winters, die sich niedergelassen hat ausgerechnet hier vor mir, zwischen Ohnsorg-Theater und Schauspielhaus.
Klima von Rimini (2) Gegeben wird dort an diesem Abend kein Stück, sondern eine Performance, und es treten keine Schauspieler auf, sondern Wissenschaftler, Unternehmer, Politiker und NGO-Abgesandte spielen sich selbst. Inszeniert wird eine fiktive „Welt-Klimakonferenz“, die, wenige Wochen, nachdem der jüngste Gipfel in Lima stattfand, in Hamburg tagt. Zwölf Tage lang dauert so eine Konferenz gewöhnlich. Im Schauspielhaus dauert die Imitation der Tagungen, der Gespräche und Abstimmungen rund drei Stunden.
Mir aber wird jede Möglichkeit, mich selbst zu spielen, schon am Eingang genommen. Klima von Rimini (4) Ich habe einen Delegierten zu spielen – aus welchem Land, entscheidet der Zufall, in meinem Fall Afrika. Ich bin für drei Stunden Äthiopier und vertrete die Klimainteressen der Demokratischen Bundesrepublik am Horn von Afrika zwischen Eritrea, dem Sudan, Kenia, Somalia und Dschibuti.
Ein einziger riesiger Budenzauber der Polit-Event-Action-Theater-Combo „Rimini Protokoll“, wie sich nach wenigen Minuten herausstellt. Die Ränge sind voll besetzt und 195 Länder vertreten auf der Konferenz, die sich um Emissionsreduzierung, nachhaltige Wiederaufforstung, Fischfangquoten und weitere verbindliche Klimaziele kümmern will. Da sitzt mehr als ein halbes tausend junger Leute im Saal und verzieht keine Miene. Denn auf dem Podium wird nicht gespielt, sondern abgespult – was in Kyoto, Kopenhagen oder Lima zwar ebenso gewesen sein mag. Doch bin ich ja nicht Klimadelegierter, so wenig wie Äthiopier.
Im Marmorsaal geht es anderthalb Stunden später um den Wald. Ein paar Pflanzenkübel und ein Kunststoffhügel mit Modellbaubäumen wollen das verdeutlichen. Klima von Rimini (5) Äthiopien ist ein nicht waldarmes, aber auch nicht sonderlich waldreiches Land. Auf dem Tisch liegt ein vorbereiteter Zettel, den meine Delegation vorzutragen hat: „Warum hat unser Land an dieser Tagung zum Thema Wald teilzunehmen, wenn es doch viel dringendere Probleme in Äthiopien gibt?“
Klima von Rimini (3) „Rastafari!“ Ich kann immer nur an Bob Marley denken. „Exodus! Movement of Jah-People …“
Auf der dunklen Hinterbühne sind unter einem Firmament aus Scheinwerfern drei dutzend Liegen aufgebaut. Bald liege auf einer auch ich und höre über Kopfhörer einem Ghanaer zu, der auf einem Teleskop-Kran in der Mitte der Liegengalaxie steht und mir anhand der Menge der eingeschalteten Deckenleuchten die Größe Afrikas im Vergleich zur Größe Europas erläutert.
Klima von Rimini (6) So haste ich drei Stunden lang von einem Raum zum nächsten in einem Plattitüdentheater, das mir mehr und mehr vorkommt wie ein zeit- und ortloser Eitelkeitenmarkt, auf dem noch die schlimmsten menschlichen Ängste und Sorgen ins Belustigende verdreht werden. Um nach Kräften mitzuwirken an der Simulation der Konferenz, steige ich schließlich mit meiner ostafrikanisch-jamaikanischen Delegation Berhane Selassie aka Bob Marley in den Schneebus, um dort von einem Nachhaltigkeitsfabrikanten über dessen ethisch einwandfreie und florierende Holzkohlefirma ins Bild gesetzt zu werden. Als er vorschlägt, statt Umwelt- oder Klimaschutz lieber von „Menschenschutz“ zu sprechen, denke ich bei mir: Ja, besser, du schwirrst jetzt ab nach Haus.
Also fuhr ich mit der U 1 heim nach Addis Abeba.

Fotos: Rimini Protokoll, Welt-Klimakonferenz, Deutsches Schauspielhaus Hamburg, 22. Februar 2015 (1–5), Berhane Selassie (1945 – 1981), wie sich Bob Marley kurz vor seinem Tod umbenannte (6)

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