Das Klassenzimmer

von Manuel Plonsky

Ich fahre in den Schulhof hinein und genieße das schöne Wetter, bevor ich mein Rad abschließe, voller Erwartung für die bevorstehende Englischstunde. Es ist Freitag, ich konnte ausschlafen, weil meine ersten zwei Stunden ausgefallen sind, ich habe mich deswegen auf die vier Stunden in der Schule und das Wochenende danach gefreut. Ich gehe in die Schule rein und grüße ein paar Freunde. In Gedanken versunken, was ich am Wochenende machen werde, gehe ich dann ins Klassenzimmer rein. Sofort merke ich, dass irgendetwas nicht stimmt. Es riecht seltsam, fast wie im Wald. Ich sehe mich um und weiß sofort weswegen. Überall sind Pflanzen, Lianen klettern die Wände hoch, es brechen Wurzeln durch den Fußboden, hier und da liegt Moos, ich kann sogar sehen, wie ein Vogel aus einem gebrochenen Fenster herausfliegt. Ich kann es nicht fassen, ich gehe noch einen Schritt in den Raum hinein und höre wie das Lineal, das ich am Tag zuvor dort vergessen hatte, knackt und kaputtgeht unter meinem Fuß. Ich beuge mich, hebe es auf, und starre mir die Bruchstelle an, die mir sehr echt erscheint.

Ich versuche rational zu denken, mein Gehirn sagt mir, dass es eine logische Erklärung geben muss, ich bin nicht im Traum. Ich gehe wieder aus dem Zimmer und stelle mit Überraschung fest, dass der Flur, der gerade voller Menschen war, nun leer ist und genauso aussieht, wie das Klassenzimmer, das ich gerade verlassen habe, auch hier scheint lange kein Mensch gewesen zu sein.

Dann kommt es mir in den Sinn. Es muss ein Streich sein, nicht einfach von irgendjemandem gemacht, sondern wirklich professionell. Ich schaue nach Kameras, finde aber keine. “Es ist so seltsam”, sage ich mir, als ich auf einmal ein Geräusch höre, das von um die Ecke kommt und nach Singen klingt. Es kommt näher. Da ich nicht weiß, was auf mich zukommt, verstecke ich mich in einer Einbuchtung in der Wand und warte darauf, bis sich die Quelle des Gesangs zeigt. Das Singen kommt immer näher, bis ich schließlich sehe, wie ein alter Mann um die 65 vorbeigeht, der kurze graue Haare und einen Bart wie der Weihnachtsmann hat. Ich beschließe, dass er keine Gefahr darstellt, und trete aus meinem Versteck heraus. Er dreht sich langsam um und mustert mich von Kopf bis Fuß und umkehrt, seine Augen etwas verwirrt. Es sagt lediglich: “Keine Schule heute, Junge”, und dreht sich mit einem Lachen um. Sein Lachen über den Witz ist so laut, dass ich mich frage, wann er das letzte Mal überhaupt gelacht hat.

Mir fällt ein, dass er wahrscheinlich meine einzige Hoffnung ist, herauszufinden, was hier vor sich geht, weswegen ich ihm hinterher laufe und frage: “Warum, was geht hier vor, wo sind alle?” Er läuft einfach weiter und sagt: “Ich weiß nicht, wo sie sind, aber ich weiß schon, dass seit mehr als 25 Jahren kein Schüler mehr in diesem Gebäude war.” Kurz danach fügt er hinzu, “Na ja, bis auf dich.”

„Das stimmt nicht”, sage ich, “Ich war gestern hier.”

Er dreht sich plötzlich um und schaut mich an: “Warte” sagt er, “Ich erinnere mich, du bist doch der Typ, der vor 35 Jahren verschwunden ist”.

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