Ein Nachmittag auf dem Mars

Erzähl es den Bienen. Australisches Journal 19

Am 8. Februar 1983 wirbelten heiße Sturmböen aus Nordwesten die nach mehreren äußerst trockenen Jahren und über lange Hochsommerhitzemonate hinweg ausgedörrte rote Erde der zentralaustralischen Mallee- und Wimmera-Region auf. Die Winde trugen Staub und Sand in bis dahin nie in der Luft beobachteter Menge im Innern einer dreihundert Meter, stellenweise über einen Kilometer hohen Wolkenwalze in südöstlicher Richtung hinein nach Victoria.
Staubsturm Melbourne 8.2.83 In Melbourne war es an dem Sommermorgen, einem Dienstag, nicht sonderlich warm, sondern beinahe frisch gewesen. Als die heißen Nordwestböen jedoch auf die Stadt trafen, stieg die Temperatur dort binnen weniger Stunden auf im Februar nie gemessene 43,2 Grad.
Kurz vor halb drei am Nachmittag verdunkelte die rotbraune Wolke den Himmel und wurde vom Wind auf die Stadt zugetrieben. Sie erreichte Melbourne eine knappe halbe Stunde später. Und wie der Wind ist und immer war, unberechenbar, so wechselte die Windrichtung. Kühlere und heiße Sturmböen prallten nun unmittelbar über der Millionenstadt am Yarra-Fluss aufeinander, die Temperatur fiel in der folgenden Stunde um zwanzig Grad, und die Sichtweite lag unter hundert Metern, als der Staubsturm schließlich durch die Straßen fegte.
Staubsturm Riad 10.3.09 Bäume wurden entwurzelt, Dächer abgedeckt. Kinderwagen, Mülltonnen, Plakattafeln und Markisen segelten durch die Luft. Der Melbourner Verkehr kam zum Erliegen, tausende Menschen harrten in ihren Autos aus oder suchten in Hauseingängen Schutz vor den alles erstickenden roten Böen. Menschen, die das Szenario erlebten, beschreiben es als unirdisch, als einen Nachmittag auf dem Mars.
Gegen vier flaute der Wind ab. Geschätzte fünfzigtausend Tonnen roter Sand aus dem Mallee trieben nach Südosten weiter, rund tausend davon waren auf Melbourne niedergegangen und sollten Stadt und Umland zehn Jahre lang beschäftigen und zehn Millionen Dollar kosten.
Wie sich eine Woche später herausstellte, war der Staubsturm nur ein Vorbote. Die gleiche Wetterlage führte am 16. Februar 1983 zu den Aschermittwochbuschbränden, den schwersten seit 1939. Im Umland von Adelaide und Melbourne starben hundertdreiundvierzig Menschen in den Flammen, zigtausende Tiere wurden getötet und unzählige Häuser zerstört.
Wenige Monate später wurde ich achtzehn. Von dem Mallee-Sandsturm über Melbourne und den Aschermittwochbuschbränden erfuhr ich nichts. Da niemand mir davon erzählte, fürchte ich, waren sie mir gleichgültig. Wenn ich nachrechne, dann war ich seinerzeit unglücklich verliebt in eine Klassenkameradin, für die ich Luft war, bis ich mir ein Herz nahm und mir den Korb abholte, vor dem ich so lange Angst gehabt hatte. Seit über dreißig Jahren hebe ich diese Zeit in meiner Erinnerung auf, eine ebenso lange Zeit, wie es brauchte, bis ich nach Melbourne kam und zum ersten Mal von der Mallee-Region, dem Staubsturm und den Aschermittwochbuschbränden erfuhr.
Staubsturm Mars 7.7.07 Der Klimawandel, so scheint mir, ist eine viel ältere weltweite Entwicklung, als in den meisten Betrachtungen beschrieben. In den vergangenen Jahrzehnten müssen sich in immer rasanterer Folge Wetter-, Flut-, Erdrutsch-, aber auch andere, vielleicht namenlose Katastrophen ereignet haben, die erst im Nachhinein in einen bestimmten Zusammenhang rücken. Latente, schleichende Prozesse traten hinzu, waren Folge, zeigten eine Entwicklung an, wurden zumeist abgetan oder kaum beachtet. An eine Vorstellung von globalem Bewusstsein zu Beginn der 1980er-Jahre kann ich mich nicht erinnern. Die Kohl-Ära begann. Alles drehte sich um Restauration. Australien war noch fast ebenso weit entfernt wie der Mars.

Fotos: Staubsturm in Melbourne, 8. Februar 1983 (1), Staubsturm in Riad, 10. März 2009 (2), Staubsturm auf dem Mars, 7. Juli 2007 (3)

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