Klimawandel – es gab und gibt ihn, und zwar ohne Brad Pitt.

Von Tony Birch

Ein kürzlich erschienener Guardian-Artikel („Der Verlust des Paradieses: Vertrieben durch die Atombombe, vertrieben durch den Klimawandel“, 9. März 2015) bietet eine traurige Lektüre über Gesellschaften, die die verheerenden Folgen des Klimawandels bereits jetzt erleben. Die Einwohner der pazifischen Marshallinseln und Kiribatis kämpfen mit „Nahrungsmittelknappheit, Trockenperioden und Überflutungen“, während der ansteigende Meeresspiegel unweigerlich irgendwann ihr Land und ihre Häuser auslöschen wird. Es handelt sich dabei um dieselben Gesellschaften, die sich direkt nach dem Zweiten Weltkrieg durch die Atomtests der USA schon einmal mit dem Verfall ihrer Umwelt und der dadurch verursachten Vergiftung ihrer Böden und Körper auseinander gesetzt haben. Ähnliche Erfahrungen kolonialer Gewalt wirken sich schon seit Hunderten von Jahren (und länger) auf indigene Nationen in aller Welt aus. In Australien beispielsweise haben Aborigine- und Torres-Strait-Islander-Völker – auf dem gesamten Kontinent und den umliegenden Inseln, seit der dauerhaften Ankunft der Briten im Jahr 1770 – die Zerstörung der Böden, der Wassersysteme und des empfindlichen ökologischen Gleichgewichts ihres Landes erlebt.

Für indigene Völker sind die Auswirkungen des Klimawandels kein in der Zukunft liegendes Ereignis. Es hat ihn in früheren Zeiten gegeben und es gibt ihn heute auch. In der Tat liegt er für keine Gesellschaft in der Zukunft – auch wenn wir wissen, dass so genannte „Drittwelt“-Nationen und in Armut lebende Menschen im Allgemeinen stärker und unmittelbarer betroffen sind, je mehr sich die Auswirkungen des Klimawandels beschleunigen. Zudem steht fest, dass dieselben Gesellschaften in naher Zukunft in größerem Ausmaß unter ihm leiden werden.

Während dies traurige Realität ist, ist auch wahr, dass indigene Gesellschaften, die – aufgrund aufgezwungener äußerer Umstände – in früheren Zeiten mit ökologischen Herausforderungen konfrontiert wurden, sich in ihrer Antwort auf die sich ihnen stellenden immensen Schwierigkeiten als innovativ und widerstandsfähig erwiesen. Ich versuche dabei nicht, übertriebenen oder strategischen Optimismus an den Tag zu legen. Es ist offensichtlich, dass allein in Australien nicht nur bestimmte Lebensräume und Ökosysteme vollständig zerstört wurden … auch einige indigene Nationen selbst wurden ausgelöscht. Dass andere indigene Gesellschaften in Australien ihre drohende Vernichtung abwendeten und wertvolle natürliche und kulturelle Ressourcen am Leben hielten, spricht für ihren Mut, ihren Einfallsreichtum und ihre Kreativität.

Ich habe in letzter Zeit viel Science Fiction gelesen – manches davon gar nicht mal so schlecht. Aber ich habe ein paar Fragen. Sind diese Geschichten einer bevorstehenden Apokalypse eine Art westlicher Fetisch? Und wiegen solche Geschichten die Menschen in der falschen Sicherheit, dass eine fiktionale, vom Klimawandel (von jedem von uns, um genau zu sein) verwüstete Zukunft nichts weiter ist als eine Katastrophenstory, die zu unserer Unterhaltung erfunden wurde? Das Szenario, das in diesen Geschichten präsentiert wird, ist oft das übliche von drohender Wetterkatastrophe, Hungersnot, Gewalt und mehr oder weniger einer Existenz des Fressens und Gefressenwerdens (oder, wie im Falle von Cormac McCarthys Die Straße, von Menschen, die Neugeborene und kleine Kinder essen). Es gibt Gesellschaften, für die die Szenarien der Science Fiction sowie einiger SF- und Katastrophenfilme nie fiktionale Unterhaltung waren. Sie sind Teil ihrer Geschichte. Und nicht nur der kolonialen Geschichte – wenn man an den Abwurf der Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki denkt –, sondern nur ein Beispiel unter vielen für die ökologischen ebenso wie die menschlichen Kosten des Krieges. (Wie werden sich Teile des Nahen Ostens jemals von den massiven Angriffen auf die natürliche und physische Umwelt erholen?)

Zu den aktuellen Debatten zum Klimawandel gehört auch die Diskussion über den „Beginn einer neuen menschlichen Epoche“ (The Guardian, 11. März 2015) – das Anthropozän, beschrieben als der „geologische Zeitpunkt, an dem der Mensch die Erde zu dominieren begann“, das zugleich den dramatischen Anstieg der Erwärmung unseres Planeten markiert. Der allgemeine Konsensus lautete, dass das Anthropozän um 1750 (oder etwas später) begann, als Folge der beginnenden Industriellen Revolution und des schnellen Anstiegs der Verbrennung fossiler Brennstoffe. Neue Analysen stellen diese Datierung in Frage und verlegen sie auf ca. 1610, indem sie den Übergang zur menschlichen Vorherrschaft über den Planeten auf den „irreversiblen Transfer von Kulturpflanzen und Spezies zwischen der Alten und der Neuen Welt“ beziehen. Das mag der Fall sein. Aber einem Großteil der journalistischen Berichterstattung (ebenso wie den wissenschaftlichen Arbeiten) zu diesem Thema fehlt etwas.

Ich greife diesen Punkt nicht auf, um irgendjemandem den „Schwarzen Peter“ zuzuschieben, aber es ist wichtig, auch festzuhalten, dass nicht alle Gesellschaften und nicht alle Menschen „die Erde zu dominieren begannen“ – ob 1610 oder 1750 (oder meinetwegen auch als Teil des Projekts der Moderne). Das Anthropozän erwuchs aus der schnellen Industrialisierung, gekoppelt mit dem Aufstieg des Kapitalismus und der globalen Kolonisierung. Es wurde ermöglicht durch die Ausbeutung bestimmter Gesellschaften und Kulturen – indigener Völker und bäuerlicher Kulturen, um nur zwei zu nennen – durch diejenigen, die auf Kosten anderer nach Ausdehnung und Profit strebten. Derzeit sieht sich die globale Gesellschaft einer Herausforderung gegenüber, die insbesondere reichere Länder historisch gesehen bisher umgangen haben. Es ist interessant, dass viele Diskussionen um den Beginn des Anthropozäns – etwa der Fokus auf die Migration von Kulturpflanzen oder die Erfindung der Dampfmaschine – einen wohlwollenden, sogar zufälligen Einfluss auf die Erwärmung des Planeten herausstellen und uns so erlauben, uns unserer Verantwortung zu entziehen. Aber wir sind keine Zuschauer. Wir sind aktiv Agierende. Unsere Eingriffe in die Umwelt waren nicht die Folge irgendeines wissenschaftlichen Missgeschicks. Sie waren bewusst, aktiv und zum Teil gewalttätig.

Bei einem Treffen, an dem ich Anfang dieser Woche teilnahm, waren mehrere Leute der Meinung, dass das bloße Reden über den Klimawandel, vom Handeln ganz zu schweigen, ein zu „deprimierender“ Gedanke sei. Ich finde das seltsam … und ich halte es, möglicherweise nicht ganz fairerweise, zudem für reinen Luxus. Es gibt überall auf der Welt Menschen und Gesellschaften, die als Folge eines destruktiven menschlichen Eingriffs ihr ganzes Leben damit verbringen, nicht nur zu überleben, sondern auch zu versuchen, sich selbst und ihre schwer verwundeten Länder, ihre Heimat wieder zu Kräften zu bringen. Und dann gibt es diejenigen, die nie mit solchen Schwierigkeiten zu kämpfen hatten. Schlimmer, es handelt sich dabei häufig um Mitglieder von Gesellschaften, die aus der Ausbeutung anderer materielle Vorteile gezogen haben. Und trotzdem können sie sich nicht dazu durchringen, präventiv zu handeln.

Ich meine präventiv nicht in dem Sinn, dass uns der Klimawandel erst noch bevorsteht. Wie ich oben bereits konstatiert habe, ist der Klimawandel da. Aber warum zum Teufel sitzen wir herum und warten darauf, dass die Apokalypse am Horizont auftaucht, wie sie es so oft in Filmen tut? Warum mit so einem Gefühl der Hoffnungslosigkeit leben? Ich habe den Verdacht, dass viele von uns im tiefsten Innern hereingelegt worden sind. Wir glauben, dass wir in einem Film sind und dass genau dann, wenn wir denken, alles ist aus, eine andere Art von Mensch an diesem selben Horizont auftauchen wird, beritten, mit dicken Muskeln und einer Reihe strahlend weißer Zähne.

Wir werden ihn Der Held nennen. Und er wird uns retten.

Tony Birch

 

Aus dem Englischen übersetzt von Elisabeth Meister

 

 

 

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