Die Küstenseeschwalbe

Seit mehr als einem Jahr ist mein bejahrter Nachbar Jack nun schon dabei, sein Leben durchzusortieren und einige seiner Besitztümer loszuwerden. Auch wenn wir nicht verwandt sind und uns erst seit ein paar Jahren kennen, ist vieles von dem bei mir gelandet, wofür er keine Verwendung mehr hat.

Es fing mit gebundenen Ausgaben der Enzyklopädie australischer Traktoren und Traktoren und moderne Landwirtschaft an. Er bot sie mir eines sonnigen Morgens an, als wir uns über die struppige Lavendelhecke hinweg unterhielten, die als unsere Grundstücke trennender Zaun durchgeht.

Jack kennt sich mit Traktoren aus und redet gerne über sie. Wäre er je als Kandidat beim altbekannten Mastermind-Fernsehquiz aufgetreten, wären Traktoren mit Sicherheit sein „Spezialthema“ gewesen.

Jack verbrachte sein Berufsleben damit, zusammen mit seinem Zwillingsbruder Ronnie in ganz Victoria Traktoren zu verkaufen. Sie bauten ihr Geschäft gemeinsam auf und heirateten später Frauen aus ihrem Heimatort – in derselben Kirche und am selben Tag.

Sie hatten außerdem vor, sich auf zwei benachbarten Strandgrundstücken an der Westküste zur Ruhe zu setzen. Aber nur wenige Monate vor der geplanten Geschäftsaufgabe wurde Ronnies Pick-up während einer Überschwemmung von einer Brücke gespült, als er versuchte, einen über die Ufer getretenen Fluss irgendwo hinter Colac zu überqueren. Während das verbeulte Autowrack schließlich ein paar Meilen flussabwärts der Unfallstelle auftauchte, wurde Ronnies Leiche nie gefunden.

Auch wenn er Ronnie sehr vermisste, ließ sich Jack von seinen Ruhestandsplänen nicht abbringen. Ronnies Witwe dagegen verkaufte ihr Grundstück an „irgend so einen Stadtfuzzi“, wie ihn Jack abfällig nannte. Obwohl der „Stadtfuzzi“ neben Jack ein Haus baute, war er in den folgenden Jahren selten dort, bevor er es zum Verkauf stellte.

Ich kaufte Ronnies Witwe das Haus mit dem Traum ab, es zu renovieren, während ich meinen großen Roman schrieb. Aber ich habe seit meinem Einzug wenig am Haus gemacht und nicht mehr als ein paar Absätze zustande gebracht.

Neben seinen Büchern über Traktoren reichte mir Jack auch seine alten Werkzeuge über die Hecke. Um ehrlich zu sein, nützen sie mir so viel wie die Traktoren-Bücher. Es ist nicht so, dass ich Jacks Freigebigkeit nicht zu schätzen wüsste, aber ich kann für mein Leben keinen Nagel gerade einschlagen.

Jack hat seine Werkzeuge sorgfältig gepflegt. Die geölten Metalloberflächen sind frei von Rost und die hölzernen Griffe von Jahren des Gebrauchs abgegriffen und glatt. Auch wenn ich nicht davon ausgehe, dass ich je eine Verwendung dafür haben werde, wurde jede Gabe, sei es eine Schaufel, ein Hammer oder eine Variation der ganz normalen Handsäge, der Kollektion hinzugefügt, die ich im Zimmer hinter der Küche mit Blick auf den Garten aufhebe.

Das ist auch das Zimmer, in dem ich schreibe. Oder, um genau zu sein, es ist das Zimmer, in dem ich meine Tage schreibend verbringen sollte.

Ich beginne das, was ich irreführend meinen „Schreibtag“ nenne, an meinem Schreibtisch, bewaffnet mit einer Tasse Tee und inspirierender Musik – meiner „Schreibmusik“, wie ich sie optimistisch bezeichne. Meinen Arbeitsmorgen, der nicht besonders lang ist, verbringe ich damit, abwechselnd auf den Computerbildschirm und aus dem Fenster zu starren, auf einen verwilderten Garten, der dringend die Aufmerksamkeit bräuchte, die ich ihm nicht geben kann, weil ich ja mit Schreiben beschäftigt bin.

Nach ungefähr einer Stunde, manchmal auch weniger, wird mir klar, dass heute kein guter Tag zum Schreiben ist. Also stehe ich auf, verlasse das Haus und gehe ans untere Ende des Gartens. Dann schlüpfe ich durch den Spalt im Zaun und mache mich auf den Weg zum Strand.

Als ich meine täglichen Spaziergänge an den Strand begann, war Jack immer mit von der Partie. Tatsächlich war es Jack, der mir den geheimen Pfad zeigte, der sich unter einem riesigen Teebaum direkt hinter meinem Gartenzaun verbarg. Und es war Jack, der mich den Pfad entlang zum Strand geleitete, wo er ein zweites Geheimnis mit mir teilte.

Am Morgen dieses unseres ersten Spaziergangs hatte ich gerade wieder einmal eine Schreibsitzung aufgegeben, als Jack mich vorfand, wie ich im Garten vor dem Haus unruhig auf und ab ging. Ich war auf der Suche, nicht nach einer Geschichte, sondern nach einem bescheidenen Satz oder vielleicht einem einzelnen Wort, das mich in die Gänge bringen könnte.

„Hallo, mein Junge“, winkte er mir über die Hecke zu.

In der Gewissheit, dass einem Mann, der einen Pfad in seinen Garten trampelt, irgendetwas Sorgen macht, ging Jack um die Hecke herum, stellte sich vor mich hin und fragte mich, ob er helfen könne. Als ich ihm erklärte, dass ich einigermaßen sicher war, mir eine Schreibblockade eingefangen zu haben, sah er mich ebenso verdutzt wie besorgt an.

„Schreibblockade?“, wiederholte er mehrere Male zu sich selbst. „Nie gehört. Was ist das?“

„Naja, Jack. Das ist, wie wenn man ein Problem hat, das man nicht lösen kann. Oder eine Idee, nach der man sucht. Eine Idee mit Wörtern. Aber Wörtern, die man nicht finden kann.“

Jacks Augen leuchteten auf, zuversichtlich, dass er eine Lösung für mich hatte.

„Nun, du bist auf dem richtigen Weg – du versuchst, dein Problem durch einen Spaziergang zu lösen. Das mache ich auch. Gehe spazieren und kriege dabei den Kopf frei. Aber immer im Kreis herumlaufen? Das ist nicht gut für dich. Du musst geradeaus gehen.“

Er wedelte mit der Hand in Richtung der niedrigen Hügel hinter unseren benachbarten Häusern. „Geradeaus, mein Junge. Geradeaus.“

Dann lotste er mich hinunter ans untere Ende seines Gartens und deutete auf eine zwei Latten breite Lücke im Zaun hinter seinem Schuppen.

„Ich habe überlegt, hier ein Gartentor einzubauen“, erklärte Jack mir, während wir durch den Zaun kletterten. „Das wäre einfacher, als hier jeden Morgen durchzuklettern. Aber um ehrlich zu sein, würde das nicht halb so viel Spaß machen. So fühle ich mich wieder ein bisschen wie ein Kind.“

Ich konnte vor uns einen schmalen Pfad erkennen, der unter der Krone eines Teebaums verschwand. Ich ging hinter Jack her, den schattigen Pfad entlang, der steil anstieg, einen Kamm erreichte und dann zwischen Sandhügeln und Wellen von goldenem Gras sanft zum Strand hin abfiel.

Jack wartete am Strand auf mich, während ich ein Stück Sand überquerte, das mit Streifen von ledrigem Kelp übersät war. Wir ließen uns beim Weitergehen Zeit, unterhielten uns und blieben ab und zu stehen, um die schillernden Farben der Gezeitentümpel zwischen Strand und Ozean zu bewundern. Während Jack jede Fischart identifizierte, die in den Seetangwäldern umherschnellte, fühlte ich mich wie ein kleiner Junge, der fröhlich hinter seinem Vater hertrödelt.

Wir waren vielleicht eine halbe Stunde gegangen, als Jack den Strand verließ und ins Gras hineinging. Nach etwa dreißig Metern blieb er stehen. Er wies mit dem Kopf auf eine flache Vertiefung im Boden.

„Da ist es.“ Er deutete auf die Stelle, die wir beide anstarrten, obwohl ich keine Ahnung hatte, was ich sehen sollte.

Jacks Augen weiteten sich. „Und, was hältst du davon?“

Ich blickte wieder auf das flachgedrückte Gras. „Was halte ich von was, Jack?“

Wenn er meine Frage gehört hatte, ignorierte er sie.

„Jeden Sommer kommen sie. Jeden Sommer, seit ich mein Haus habe. Und wahrscheinlich schon Tausende von Jahren davor, nehme ich an.“

„Wer kommt, Jack?“

„Nicht wer, mein Junge. Was. Sterna paradisaea.“

Er sagte diese Worte – Sterna paradisaea – leise und ruhig, als wüsste ich mit Sicherheit, was er meinte.

Dann wandte Jack sich ab und ging weiter den Strand entlang. Er überraschte mich damit, dass er anfing zu laufen.

Ich rannte ihm nach. „Sterna, Jack? Was ist das?“

Er blieb am Strand stehen, während er tief Luft holte.

„Die Küstenseeschwalbe“, erklärte er im Weitergehen. „Sie ist ein Vogel. Ein mutiger kleiner Vogel. Sie kommt jeden Sommer genau hierher, an diesen Strand, vom anderen Ende der Welt, vom Nördlichen Polarkreis. Sie fliegt 20.000 Meilen, um hierher zu kommen. Und dann fliegt sie im Lauf des Jahres wieder zurück. Dieselbe Distanz. Die meisten Leute bekommen den Vogel nie zu sehen. Verbringt den Großteil seines Lebens in der Luft.“

Ich blickte über den Ozean hin zum Horizont und dann hinauf in den leeren Himmel. „Muss wohl ein großer Vogel sein, Jack, wenn er so weit fliegt?“

„Nee“, erwiderte er amüsiert. „Die Flügelspanne misst vielleicht einen Fuß, ein bisschen mehr. Und der Vogel selbst“, Jack ballte seine knorrige Faust zusammen, „nicht viel größer als so.“

Ich pfiff bewundernd durch die Zähne. „Du hast ihn also gesehen, Jack? Den Vogel?“

Er schaute mich an und sein Gesichtsausdruck wurde sanfter, aber er sagte nichts weiter.

Auf dem Heimweg blickte ich ab und zu über meine Schulter auf den klaren Morgenhimmel, während ich ihm weitere Fragen über den Vogel stellte.

„Vom Nördlichen Polarkreis, Jack? Wie kommen die hierher?“

„Sie fliegen“, lachte er.

„Aber wie, Jack? Woher wissen sie, wo sie hinmüssen?“ Ich starrte wieder hinaus auf den Horizont. „Den ganzen langen Weg.“

Er blieb stehen und legte mir die Hand auf die Schulter. Ich war überrascht, wie kräftig sein Griff war.

„Sie erinnern sich, mein Junge. Das ist das Geheimnis. Sie brauchen Monate, um hierher zu kommen. Ich habe es nachgelesen. Wissenschaftler haben den Vogel zu jedem Zwischenstopp auf dem Weg verfolgt.

Sie halten jedes Jahr am selben Ort an. Sie vergessen nie, wo sie gewesen sind oder wo sie hinfliegen. Das ist ihr Geheimnis. Nie zu vergessen. Vergiss es nicht, mein Junge.“

Er packte mich wieder an der Schulter. „Und weißt du, was noch?“

Er wartete auf meine Antwort, aber ich hatte keine. „Was noch, Jack?“

Seine Augen leuchteten vergnügt auf.

„Sie leben lange, jedenfalls für einen Vogel. Manche werden mehr als zwanzig Jahre alt. Die ganze Fliegerei, man würde meinen, das macht sie fertig. Tut es aber nicht. Ihre ganze Kraft kommt vom Fliegen. Und noch etwas. Sie bleiben während dieser langen Zeit ihr ganzes Leben zusammen. Sie fliegen um die ganze Welt an denselben Ort und zum selben Partner, jedes Jahr. Was sagst du dazu, hm?“

Nachdem wir nach unserem Spaziergang wieder durch den Zaun zurückgeschlüpft waren, lud mich Jack in seinen Gartenschuppen ein.

„Ich habe da etwas für dich drin“, sagte er und zwinkerte mir verschwörerisch zu.

Sein Schuppen befand sich in einem Zustand perfekter Ordnung. Ein riesiger Vorrat an Nägeln, Schrauben und Muttern war in beschrifteten Glasgefäßen entlang der Rückseite einer hölzernen Werkbank unter einem Fenster mit Blick auf den Garten aufgereiht. Seine Gartengeräte; Schaufeln, Rechen und Hacken in verschiedenen Größen standen in Habachtstellung an einer Wand, während seine Sägen, Hämmer und Bohrer von Halterungen über den Gartengeräten hingen.

Weit und breit war kein einziges elektrisches Werkzeug zu sehen.

Bretter in verschiedenen Längen, einige von ihnen laut Jack „echte Fundstücke“, lagen auf einem offenen Regal, das sich quer über die Rückseite des Schuppens erstreckte. Unter der Sammlung von Holz standen mehrere Dutzend Dosen mit Farben und Lacken fein säuberlich auf einem zweiten Regalbrett aufgestapelt.

„Wonach suchen wir, Jack?“, frage ich in den Raum, während er im Schuppen herumstöberte.

„Meinem Fernglas“, antwortete er, während er einen Karton durchsuchte, auf dem in dickem Bleistift KRIMSKRAMS stand.

Als er sein Fernglas in dem Karton nicht finden konnte, ging Jack hinaus und kehrte mit einer Holzleiter zurück. Er lehnte sie so an die Rückwand, dass das Ende der Leiter an das oberste Regalbrett reichte, auf dem eine Kerosinheizung, weitere Kartons und ein alter Koffer standen.

Während er die Stabilität der Leiter überprüfte, bot ich meine Dienste an. „Kann ich dir helfen, Jack? Lass mich doch da hochklettern.“

Er winkte abwehrend, während er einen Fuß auf die unterste Sprosse der Leiter setzte. Er kletterte zu dem Regalbrett hinauf und schob einen der Kartons beiseite, während er nach einem zweiten griff. Dabei krachte der Karton in den Koffer. Ich sprang zurück, als der Koffer auf den Boden donnerte.

„Scheiße“, flüsterte Jack zu sich selbst, den Blick über die Schulter hinunter auf den Koffer gerichtet.

Er durchsuchte einige weitere Kartons, bevor er aus einem von ihnen ein abgewetztes Fernglasetui aus Leder hervorholte. Er nahm das Fernglas aus dem Etui. „Da ist es ja.“

Ich stand am Fußende der Leiter, während er mir das Fernglas hinunterreichte. Es war in tadellosem Zustand – das dunkle Metall, das Chrom, die Glaslinsen, jede Oberfläche reflektierte das Sonnenlicht, das sich an das Fenster des Schuppens schmiegte.

Jack kletterte die Leiter hinunter und klopfte mir auf die Schulter. „Wenn sie diesen Sommer zurückkommt, die Schwalbe, dann bist du vorbereitet.“

Ich schaute auf das Fernglas hinunter. „Aber wie sieht sie aus, Jack? Ich kann einen Vogel nicht vom anderen unterscheiden.“

Statt einer Antwort reichte mir Jack ein Buch vom Regalbrett über der Werkbank – Zugvögel der Welt. Während ich es durchblätterte, konzentrierte er sich auf den Koffer, der zu Boden gefallen war. Er hob ihn am Griff hoch und schüttelte ihn. Ich hörte darin etwas sanft rascheln. Ich blickte zu Jack hinüber, um zu sehen, ob er es ebenfalls gehört hatte.

Er kratzte sich den Kopf. „Was haben wir denn da?“

Er legte den Koffer auf die Werkbank, schickte sich an, ihn aufzuschnallen, und zögerte dann einen Moment lang, bevor er ihn schließlich öffnete. Ich trat näher an die Werkbank heran und blickte hinab auf die schillernden Pailletten, die auf den strahlend weißen Stoff von etwas genäht waren, das wie ein Hochzeitskleid aussah.

Jack griff in den Koffer und hob das Kleid heraus. Er hielt es in den Armen wie ein neugeborenes Baby. „Das ist das Hochzeitskleid meiner Frau“, erklärte er. „Sie ist jetzt schon seit über zehn Jahren nicht mehr am Leben.“

Er drehte langsam eine Runde durch den Raum, das Kleid an sich gedrückt, als würde er mit ihm Walzer tanzen. Als ich sah, dass er Tränen in den Augen hatte, ging ich hinaus in den Garten und ließ ihn allein.

Als Jack schließlich aus dem Schuppen kam, lud er mich in sein Haus ein. Während wir an einem Holztisch saßen und Tassen mit süßem Tee tranken, sprach er über ihre fünfundvierzig Jahre Ehe und den Tod seiner Frau nach kurzer, aber schmerzhafter Krankheit.

„All die Jahre unterwegs, von Ort zu Ort. Ich hätte bei ihr zuhause sein sollen. Ich habe mir das erst ausgerechnet, nachdem ich sie verloren hatte. Wir verbrachten in jenen Jahren mehr Zeit auseinander, mehr Nächte in getrennten Betten als dort, wo wir hätten sein sollen, einander im Arm haltend.“

Ich hatte das Gefühl, etwas sagen zu müssen. Ich wollte Jack sagen, dass ich sicher war, dass sie sich sehr geliebt hatten, und dass ihre gemeinsame Zeit die getrennt verbrachten Nächte mehr als wettgemacht hatte. Aber ich konnte es nicht. Ich hatte das Gefühl, ihn dafür nicht gut genug zu kennen. Und außerdem waren wir Männer, also sagte ich das, was von Männern bei solchen Gelegenheiten erwartet wird.

„Du warst unterwegs und hast hart gearbeitet, Jack, für euch beide. Ich bin sicher, sie hätte das verstanden.“

Er studierte den Boden seiner Tasse, während er über meine Worte nachdachte.

„Wir verstanden es beide“, antwortete er schließlich. „Vielleicht hast du recht. Aber es ändert nichts daran. Diese getrennt verbrachten Nächte summierten sich zu Jahren der Trennung. Verschwendeten Jahren.“

Es war zu Beginn des letzten Frühlings, als mir zum ersten Mal eine Veränderung an Jack auffiel. Ich war eines Morgens am Briefkasten, als er mir über die Hecke hinweg zurief: „Ron! Hey, Ronnie, mein Junge!“

Er lächelte und winkte mir zu, bevor er schnell wegsah. Er wirkte verwirrt und peinlich berührt. Ich ging um die Hecke herum. Jack scharrte mit der Spitze seines Stiefels im Boden und betrachtete intensiv ein blankes Stück Gras in seinem Rasen.

„Jack. Alles in Ordnung?“

Er schaute nicht zu mir auf. „Ja. Mir geht’s gut, mein Junge. Ich habe nur gerade über etwas nachgedacht. Beachte mich nicht weiter. Ich bin nur ein alter Narr.“

In den folgenden Wochen musste ich mehrere von Jacks Werkzeugen zurückgeben, nachdem er mir anvertraut hatte, dass er einen Hammer oder eine Säge verlegt hatte – „Ich will dich nicht belästigen, aber hast du eine, die ich für ein paar Tage ausleihen könnte?“

Ich bemerkte außerdem, dass er langsamer wurde und seltener mit mir hinunter zum Strand ging. Als ich eines Morgens im Frühsommer an seine Tür klopfte, kam keine Antwort von Jack. Das war noch nie vorgekommen.

Ich machte mich alleine zur Lücke im Zaun auf, das Fernglasetui an einem ledernen Riemen um meinen Hals gehängt. Als ich den Kamm über dem Strand erreichte, nahm ich das Fernglas heraus und suchte den Horizont ab. Es waren jede Menge Vögel da, hauptsächlich Möwen, aber keine Spur von Jacks Küstenseeschwalbe.

Wenn Jack dabei gewesen wäre, hätte er gefragt: „Irgendwas da draußen heute?“

Nachdem ich geantwortet hätte, wie ich es immer tat, „Heute morgen nicht, Jack“, wäre er kurz enttäuscht gewesen, um dann sofort seine gute Laune wiederzufinden. „Morgen. Vielleicht morgen.“

Nachdem ich den Himmel abgesucht hatte, ging ich durch die Sandhügel hinunter den Strand entlang zu der Stelle, von der Jack sicher war, dass der Vogel schließlich an sie zurückkehren würde. Der Vogel war nicht da. Als ich mich nachhause wandte, bemerkte ich in der Ferne jemanden am Strand, der sich von mir entfernte. Obwohl ich überrascht war, seine drahtige Gestalt zu sehen, war ich sicher, dass es Jack war. Ich hob das Fernglas. Er war unterwegs zum Surferstrand.

Ich rannte ihm nach und rief laut: „Jack! Jack!“

Er blickte sich nicht um, bis ich ihn beinahe erreicht hatte. Er betrachtete mich genau, sogar etwas argwöhnisch. „Ronnie? Ronnie?“ Er machte einen Schritt zurück. „Ronnie, mein Junge? Na, das ist ja ’n Ding. Wo warst du denn die ganze Zeit?“

Ich streckte meine offene Hand nach ihm aus. „Sorry, Jack, ich habe dich heute Morgen verpasst. Muss verschlafen haben. Komm. Lass uns zusammen nachhause gehen.“

Er blickte suchend den Strand entlang, bis zu einigen Teenagern, die auf einer Grasböschung über dem Surferstrand lagen. Mit ihren in der Sonne gleißenden dunklen Neoprenanzügen glichen sie einer Seehundkolonie.

Dann drehte Jack sich um und schaute in die Richtung, aus der wir gekommen waren. Er starrte hinunter auf den Sand, auf den Abdruck, den seine Füße vor nur ein paar Minuten im Sand hinterlassen hatten. Er verfolgte ihren Weg zurück den Strand entlang, als eine hereinkommende Welle sanft über den Sand glitt und sie verschluckte.

„Nachhause?“ Er blickte verwirrt drein.

„Ja. Nachhause, Jack. Wir sollten uns jetzt auf den Rückweg machen.“

In diesem Moment wurde ihm etwas klar. Ein Blick der Verwirrung verwandelte sich in einen der Ruhe, gefolgt von einem leichten Lächeln des Wiedererkennens. Er schaute hinunter auf meine geöffnete Hand, als sei sie eine unbeabsichtigte Beleidigung seiner Unabhängigkeit.

Er schob mich beiseite. „Komm, mein Junge. Ich will dir was zeigen.“

Der Winter naht, und Jack ist seit jenem Morgen nicht mehr mit mir am Strand gewesen. Vor etwas mehr als einer Woche war ich auf dem Pfad unterwegs zum Strand, als ein Sturm aufzog. Während heftiger Regen meinen wollenen Pullover und meine ausgebeulten Trainingshosen durchnässte, dachte ich über einen Rückzug nach, oder wenigstens eine Rückkehr zum Haus, um mir einen Regenmantel zu holen. Ich blieb kurz auf dem Pfad stehen, bevor ich beschloss, weiterzugehen.

Der niedrige Himmel über dem Horizont war vom schlechten Wetter violett verfärbt und der vom starken Südwind getriebene Regen biss mir ins Gesicht. Obwohl es sinnlos schien, mir die Mühe zu machen, das Fernglas aus seinem Etui zu nehmen, holte ich es dennoch hervor und suchte aus alter Gewohnheit den Horizont ab.

Zunächst erspähte ich einen Frachter, der mit bunten Containern überladen war. Das Schiff wurde in den weißen Schaumkronen des Ozeans herumgeworfen wie ein LEGO-Modell. Erst, als ich das Fernglas zum Himmel hob, erhaschte ich einen Blick auf einen Schatten vor einer Wolke und dann den dunklen Fleck eines Vogels.

Obwohl es nur für einen Moment war, war ich sofort davon überzeugt, dass ich soeben die Küstenseeschwalbe gesehen hatte. Sie befand sich nur ein paar Sekunden in meinem Blickfeld, bevor sie verschwand. Auf dem Kamm sitzend suchte ich den Horizont noch eine halbe Stunde oder länger ab, aber ich sah den Vogel nicht wieder.

Als ich nachhause zurückkam, war ich bis auf die Knochen nass und zitterte vor Kälte. Ich steckte meine Kleider in die Waschmaschine, duschte und dachte über die Dinge nach, die mich auf dem Weg vom Strand nachhause beschäftigt hatten. Nachdem ich mich angezogen hatte, verließ ich das Haus und rannte um die Hecke herum zu Jacks Vorgarten. Ich klopfte mehrere Male an seine Tür, aber er antwortete nicht. Ich ging zurück ins Haus und machte mir eine Tasse Tee. Dann ging ich ins Wohnzimmer und blätterte durch meine CD-Sammlung, bis ich etwas Schreibmusik fand – Iron and Wine.

Ich saß an meinem Schreibtisch, umgeben vom muffigen Geruch der Traktorenbücher und den geölten Metalloberflächen und schrieb die folgenden Worte an mich selbst:

Die Küstenseeschwalbe hat einen scharfen, blutroten Schnabel und eine schwarze Kopfkappe mit weißem Oberkopf. Wenn die Küstenseeschwalbe im Grasland und in den niedrigen Dünen grast, in denen sie ihr Nest baut, bleibt ihre wahre Schönheit unter einem langweiligen grauen Gefieder verborgen. Aber wenn dieser Vogel seine Flügel zum Flug ausbreitet, vor allem im Gleitflug, den er einsetzt, um seine Kräfte zu schonen, offenbart er seine leuchtende Farbenpracht. Die Küstenseeschwalbe ist ein starker und schöner Vogel.

Tony Birch

 

Aus dem Englischen übersetzt von Elisabeth Meister

 

 

 

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