Engel mit gebrochenen Flügeln

[Abbildung 10 – Engel mit gebrochenen Flügeln, Friedhof von Carlton, Melbourne, Australien]

[Abbildung 10 – Engel mit gebrochenen Flügeln, Friedhof von Carlton, Melbourne, Australien]

Heute ging ich mit meiner Hündin Ella auf den Friedhof. Sie ist elf Jahre alt, hat eine kaputte Hüfte und zieht ihr Bett einem ordentlichen Spaziergang vor. Wir hatten uns aufgemacht, um das Grab meiner Großmutter zu besuchen. Sie starb 1996 im Alter von 88 Jahren. Sie hatte ein erfülltes Leben, wie man zu sagen pflegt. Geboren auf Cape Barren Island in der Bass Strait, zwischen Victoria und der Insel Tasmanien, wurde meine Großmutter als Baby in ein Waisenhaus auf dem tasmanischen Festland gebracht. Mit zwölf Jahren haute sie über die Meerenge nach Victoria ab. Sie heiratete zweimal, hatte sieben Kinder und gab Al-Jolson-Imitationen zum Besten, wenn sie getrunken hatte.

Sie liegt neben ihrem Mann, meinem Großvater Patrick Corcoran, begraben. Er war ein irischer Katholik, der hart arbeitete und eines Nachmittags im Jahr 1953 von der Arbeit nachhause kam, ins Badezimmer ging, sich die Kehle aufschlitzte und verblutete. Im selben Grab liegt auch mein Onkel Michael Anthony Corcoran begraben, der 1963 im Alter von nur achtzehn Jahren ermordet wurde. Ich habe meinen Großvater selbstverständlich nie kennen gelernt, aber ich erinnere mich gut an Michael. Er war fröhlich, frech und der Liebling meiner Großmutter.

Auf dem Friedhof ließ ich Ella an den Grabsteinen herumschnüffeln, während ich das Familiengrab pflegte. Ich jätete Unkraut, wechselte das trübe Wasser in den Vasen und ersetzte die ausgewaschenen Plastikblumen mit neueren, die es über das Friedhofsgelände geweht hatte, fernab der Gräber, auf die sie ursprünglich gelegt worden waren. Vor vielen Jahren füllte ich ein Glas mit den Steinen, Muscheln und Seeglas-Stücken, die ich in aller Welt gesammelt hatte; an einem Fluss in Schottland, einem Strand in Chile und in den Straßen von New York. Ich füllte das Glas mit Wasser, versiegelte es und stellte es auf das Grab. Heute leerte ich das Glas, säuberte es und wechselte das Wasser.

Ich setzte mich auf das Grab und dachte über sie nach, meine Familie – da unten. Ich weiß, dass mein Großvater für seine Familie sorgte. Und dass er starke Beschützerinstinkte hatte. Niemand weiß, warum er sich das Leben genommen hat, aber meine Mutter glaubt, dass er Angst hatte, sich nie genug um seine Kinder kümmern zu können. Ich bin nicht ganz sicher, was das heißen soll. Wenn ich an meine eigenen Kinder denke – ich habe fünf –, weiß ich nie so recht, ob ich mir zu viele Sorgen um sie mache oder zu wenige. Manchmal denke ich, dass es meine Aufgabe ist, sie zu retten – ein verständliches, aber absurdes Unterfangen.

Ist irgendetwas davon für das Thema Klimawandel relevant? Ich meine schon. Meine Großmutter lebte ihr Leben unter schwierigen Umständen. Ihre tägliche Sorge war es, genug Essen für ihre Familie aufzutreiben; im Winter auf der Suche nach Feuerholz mit dem Kinderwagen die Straßen der Innenstadt entlangzugehen, um das Haus warm zu halten. Wir standen uns nahe, als ich aufwuchs. Sie brachte mir bei, dass alles andere nichts wert ist, wenn wir die Grundbedürfnisse unserer Familien und Mitmenschen – Nahrung, Wärme und ein Dach über dem Kopf – nicht adäquat decken. Außerdem sollten wir uns schämen, wenn wir diese Grundbedürfnisse nicht auch für die gesamte Gesellschaft decken.

Alma Corcoran war keine marxistische Volkswirtschaftlerin oder politische Aktivistin. Sie hatte kaum die Schule besucht und war eine direkte und unromantische Frau. Aber sie wusste eine Menge über Überfluss – und hasste ihn. Wann immer es ihr gut ging, wenn der Vorratsschrank voll und der Kühlschrank gut gefüllt war, pflegte sie die Haustüre zu öffnen und ihre Nachbarn zu einem ganz besonderen Essen einzuladen. Sie lehrte mich, dass es nicht meine Aufgabe ist, irgendjemanden zu retten, schon gar nicht meine Kinder. Sie lehrte mich außerdem, dass ich nur ein kleiner Teil eines größeren Ganzen bin.

Tony Birch

Aus dem Englischen übersetzt von Elisabeth Meister

 

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