„Wir sind noch hier“: Reue, das nationale Bewusstsein und unser Land

In letzter Zeit hatte ich das Glück, die Freundschaft und Weisheit anderer Aborigines zu erleben, die sich für die Anerkennung unserer Kultur und Geschichte einsetzen und gleichzeitig für den Schutz der Umwelt sowohl für Aborigines als auch für die breitere Gesellschaft kämpfen. In einem Gespräch mit meinem guten Freund Bruce Pascoe konstatierte dieser jüngst das Fehlen jeglicher echter Reue im kolonialen Bewusstsein. Er meinte damit nicht die vorübergehenden Schuldgefühle, die manche weiße Australier in Bezug auf den Diebstahl von Aborigine-Land und die Geschichte der Gewalt gegen unsere Völker empfinden. Ich glaube, dass Bruce über etwas viel Grundlegenderes nachdachte. Eine entspannte und komfortable Haltung zur Kolonisierung Australiens erfordert kaum echtes Denken, von einer Verantwortung für die Sünden der Vergangenheit ganz zu schweigen. Echte Reue würde den Menschen zwar mehr abverlangen, hätte aber unschätzbare Auswirkungen für alle Australier. Zur Reue gehört die Reflexion. Zur Reue gehören Anerkennung und – mit entsprechendem Willen – gegenseitiger Respekt. Das war es, was Bruce meinte.

[Abbildung 22 – Hanging Rock, Victoria, Australien]

[Abbildung 22 – Hanging Rock, Victoria, Australien]

Ich sehe einen engen Zusammenhang zwischen diesem Mangel an Reue, dem daraus resultierenden fehlenden Nachdenken und Australiens rückschrittlicher Haltung zum Klimawandel im Allgemeinen und zum Verfall unserer Umwelt im Besonderen. Ich sehe zudem einen klaren Zusammenhang zwischen dem mangelnden Willen zum Umweltschutz und dem Missbrauch von Aborigine-Land durch die australische Regierung. Gleichzeitig ist ein Missbrauch der kulturellen und souveränen Beziehung der Aborigines zu ihrem Land letzten Endes ein Angriff auf alle Australierinnen und Australier.

Die australische Regierung versucht derzeit, den Welterbestatus von 74.000 Hektar Urwald in Tasmanien aufzuheben, um die Abholzung wieder zu ermöglichen. Durch die Aufhebung des Welterbestatus werden wichtige heilige Stätten der Aborigines im Welterbe-Gebiet erneut unter Bedrohung stehen. Das ist eine Schande. Wenn man die Geschichte von Gewalt und wiederholten Versuchen von Enteignung und Auslöschung bedenkt, der sich die Aborigines in Tasmanien ausgesetzt sahen, würde man hoffen, dass die breitere Gesellschaft eine Fortsetzung dieser Gewalt nicht zulässt. Wenn wir eine wahrhaft reumütige Nation wären, würden gebührende Rücksichtnahme und Reflexion hoffentlich zu einer besser informierten Haltung führen. Aber in einem Land, das für die Rechte der Aborigines nur Lippenbekenntnisse übrig hat, ist ein solches Denken nicht möglich.

Gestern Morgen las ich in der Zeitung (The Age – 14. Juni 2014) einen Essay von Andrew Darby über den Mut von Ruth Langford und Linton Burgess, zwei Aborigines, die neben vielen anderen darum kämpfen, ihr Land zu retten und den Welterbestatus des Regenwalds mit seinen wichtigen kulturellen Stätten zu bewahren. Als das Paar kürzlich das Gebiet besuchte, rief es „die Ahnen an … wir ließen sie wissen, dass wir noch hier sind.“

Wir sind noch hier

Man bedenke für einen Moment den fundamentalen Mut dieser Aktion. Man bedenke, dass die Aborigine-Nationen jenes Landes, das von den britischen Kolonialherren später Tasmanien genannt wurde, seit mehr als 200 Jahren aktiven Genozidversuchen Widerstand leisten und auch heute unbeugsam bleiben, um sowohl ihre Vorfahren als auch ihre Kinder zu schützen. Ruth Langford, Linton Burgess und die Aborigines von Tasmanien sind für Aborigines in ganz Australien Helden. Sie sollten in ihrem Kampf darum, ihr Land und die Umwelt zu schützen, eigentlich von der gesamten Nation als Helden betrachtet werden. Denn sie schützen gleichzeitig auch unseren Planeten.

Nächste Woche wird Ruth Langford in dem Bemühen, den Vorstoß der australischen Regierung zu stoppen, zusammen mit Wissenschaftlern und Umweltschützern am jährlichen Treffen des Welterbekomitees in Doha, Katar, teilnehmen. Ich wünsche ihr und ihrem tapferen Volk viel Erfolg – es war, ist und bleibt unser Land.

Tony Birch

Aus dem Englischen übersetzt von Elisabeth Meister

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