Die wahrscheinlich letzte Chance zu innigerem Miteinander

Selbstinterview

In den Spiegel hineingefragt, und sei es auch der Spiegel der Sprache, rechne ich nach und stelle fest, dass du inzwischen seit über fünfzehn Monaten einer von fünf Autoren des Weather Stations-Projekts bist. Hat sich dein Blick auf die Welt dadurch verändert, selbst eine Wetterstation zu sein?

Grauer Tag Jeden Morgen gilt mein erster Blick aus dem Fenster dem Wetter, dem Himmel, den Wolken und Bäumen – Bäume: die uns den Wind lesen lassen. Vor anderthalb Jahren hätten mich Meldungen von einem Tornado in Mecklenburg-Vorpommern zwar gewundert, ich hätte sie aber nicht auf meine Tätigkeit bezogen und mir Dinge notiert, die der Bürgermeister von Bützow sagt – Dinge übrigens, wie ich sie auf ganz ähnliche Weise auch in australischen Regionen gehört habe, die schon seit Jahrzehnten mit Wetterextremen leben.

Dem Weather Stations-Projekt geht es um Sensibilisierung. Für dich doch eigentlich ein alter Hut.

Hafen Hamburg Der Klimawandel passt ja sehr gut in unsere Welt von heute. Keiner kümmert sich um etwas, das nicht verstanden oder nicht verbraucht werden kann. Nur das zählt, was von Nutzen ist – und zwar bitte für mich. In meiner Jugend während der Kohl-Ära opponierten wir noch müde aber glücklich, etwas zum dagegen-Aufbegehren zu haben, gegen die Wegwerfgesellschaft, ahnten dabei allerdings nicht, dass wir auf unsere moralisch einwandfreie Weise fleißig mitmachten beim Aufbau der Wegwerfwelt, in der wir heute leben. Natürlich ist es dem Schreibenden um Sensibilisierung zu tun. Er darf sich aber vor keine Kutsche spannen lassen, sogar vor diese nicht. Er muss sein eigenes Pferd bleiben, zur Not ein Grubenpferd, am besten aber Pferd und Reiter in einem. Der Klimawandel ist insofern für mich ein sprachliches Problem, denn es geht mir um das Überprüfen von Möglichkeiten seiner literarischen Darstell- und Vermittelbarkeit. Das Weather Stations-Projekt hat mich an sprachliche Felder herangeführt, auf die ich mich sonst nie begeben hätte. Ich saß an der Chowder Bay in Sidney mit zwei Meeresforscherinnen zusammen und ließ mir von ihnen erklären, wie es ist, durch einen Kelpalgenwald zu tauchen.

Können Schriftsteller dazu beitragen, dass die komplexen und mannigfachen Anforderungen, die der so genannte Klimawandel und seine Folgen der Welt von heute abverlangt, transparenter werden – würdest du zustimmen, dass es darum geht?

Im Laufe des Projekts habe ich für mich festgestellt – und war sehr überrascht –, wie sehr doch auch hier alles vom Einzelnen abhängt. Ich würde sogar behaupten, dass der Klimawandel kein Problem der Menschheit ist, sondern jeden Einzelnen für sich betrifft. Ob in Dublin, London, Melbourne, Potsdam oder Sidney, ich konnte es überall in den Gesichtern der Meeres-, Wolken- und Klimaforscher, mit denen wir uns unterhielten, beobachten: wie verblüfft viele von ihnen darüber waren, Leuten gegenüberzusitzen, für die Sprache tatsächlich von Grund auf etwas anderes bedeutet.

Für einen Schriftsteller, zumal einen Dichter, ist es schwer, allein abstrakt und in grundsätzlichen Begriffen über Sprache und Schreiben zu sprechen. Das Weather Stations-Projekt als Engführung?

Man darf den fruchtbaren Zweifel nicht aufgeben, nur weil das Problem absolut dringlich scheint. Absurd, die Forderung, Verwerfungen und Zweifel, die poetische Gemüter seit Jahrhunderten zu vermitteln versuchen, ausklammern zu sollen, sobald es um vermeintlich eindeutige, angeblich nur wissenschaftlich dingfest zu machende Konflikte geht.

In mehreren Podiumsdiskussionen sagtest du, die Klimawandeldebatte drehe sich in deinen Augen um einen Konflikt, der allerdings als solcher nicht erkannt oder aber verschwiegen werde.

Gunditjmara-Mantel Der Konflikt ist ein tiefgreifender, und er ist kaum in Worte zu fassen. Ich betrachte die durch die Klimaveränderungen gezeitigten Folgen als Äußerungen einer Welt, die ihre menschlichen Bewohner in deren Schranken zurückzuweisen versucht. Es ist ein aus den Fugen geratener Dialog, ein uralter Konflikt, der nun eskaliert. Der Mensch gegen die Natur – und natürlich auch umgekehrt. Die Angst vieler Leute davor, sich mit dem Thema überhaupt zu beschäftigen, dürfte hier wurzeln. Allerdings ist für mich auch in dieser Auseinandersetzung zunächst nur das Sprachliche von Bedeutung.

Weil du ein Schreibender bist, kein Rechner, kein Redner. Könntest du eine Annäherung an deine Ansätze formulieren?

Ich versuche, jede Theorie zu vermeiden. John Keats sagte, jedes philosophische Axiom müsse am Puls überprüft werden. Und Günter Eich meinte, zu schreiben, das bedeute, die Welt als Sprache zu sehen. Sie zu vermitteln, die Dramatik des Klimawandels – ich sage lieber: der Klimazerstörung –, ist, meine ich, auch ein Problem der Genauigkeit. Die Wissenschaft nimmt für sich in Anspruch, mit einer möglichsten genauen Sprache zu operieren. Für mich als Dichter ist Sprache dagegen weit mehr als bloß ein Datenvehikel oder Bedeutungs-Tool. Sie ist sinnliches, also spürbares, geschichtliches, also erzählendes Medium. Sie selbst ist die Vermittlerin. Und ist stets auch ein manipulierbares Ungeheuer! Ich kann das Wort „total“ nicht hören oder lesen, ohne an die verbrecherische Demagogie eines Goebbels zu denken. Sprache ist für mich so wenig Instrument wie Magie. Sie ist in meinen Augen das lebensnotwendige Bindegewebe, dasjenige, was mich mit allem und allen anderen, unsere Welt von heute mit der vergangenen Welt der Toten und der zukünftigen der ungeborenen Enkel verbindet. Sprache ist die einzige Parallelwelt, deren Existenz ich nicht bestreite. Die wundervolle Alltagspoesie so vieler Texte meines Melbourner Weather Stations-Kollegen Tony Birch sprechen immer wieder genau davon: Was hat mein Leben, was hat das Leben der Leute von heute zu tun mit den Erzählungen der Menschen von früher, die noch das Land zu lesen verstanden und nicht aus lauter Angst und Unsicherheit alles zubetonieren und zu Klump hauen mussten?

Welche Erfahrung war die wichtigste für dich in diesen Monaten als Wetterstation?

Buschbrand in Victoria Am schönsten war es immer dann, wenn die Leute zu erzählen anfingen. Das Wetter früher und das Wetter heute. Das Wetter, wie mein Großvater es geschildert hat, das Wetter, als ich noch ein Mädchen war. Ein Schüler in Tallaght bei Dublin erzählte mir, wie er das Haus seiner Großeltern habe wegschwimmen sehen, als im Sommer 2014 die schweren Unwettter Irland heimsuchten. Es war ergreifend, im Süden von Melbourne das Yarra-Tal zu besuchen und mit den Leuten über die Buschbrände zu sprechen, die dort ganze Landstriche verwüstet haben. Die Liebe der Leute zu ihrem Leben und ihren Geschichten wurde oft sehr lebendig in diesen Monaten. Auch das haben wir, meine ich, einer Sprache zu verdanken, die auf Unschärfe setzt statt auf Genauigkeit. Ich glaube deshalb, dass der Klimawandel eine Chance bedeutet, die wahrscheinlich letzte Chance zu innigerem Miteinander.

Fotos: Blick aus dem Fenster: der 32.467 graue Tag (1), Hafen Hamburg, im Frühling 2015 (2), Mantel der Gunditjmara-Aborigines (3), Buschbrand in Victoria (4)

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