Vom Zähmen der Erde

Erzähl es den Bienen. Australisches Journal 20

Wie es sein mag, im Mallee zu leben, kann ich mir nicht vorstellen. Die Menschen aus dem Mallee reden nicht viel, aber wenn, reden sie auf die eine oder andere Weise stets vom Wasser.
Der Murray Da wodah. Noch seltsamer, noch prononcierter als oben an der Küste von Queensland klingt es in den beiden einzigen Städten im Mallee, in Snow Hill und Mildura sowie in den weit verstreuten kleineren Ortschaften wie dem zu einiger Bekanntheit gelangten Ouyen, dem heißesten Ort auf der Erde.
Von Wasserpolitik reden die Leute, von Wasserknappheit, Wasserarmut, Wassersuche, Wasserfund. Von Wasserstreit und Wasserregulierung. Wasserbesitz, Wasserneid. Von Wasserträumen. Wasserwichtigkeit. Wassergeschichte.
Gwen Cooke aus Ouyen sagt, sie erinnere sich an Trockenperioden, in denen sei das Getreide vor der Hitze in den Boden zurückgewichen. In Tränen habe sie ausbrechen wollen, sosehr habe sie sich gewünscht, es möge regnen. Aber sie habe nicht weinen können, ihr seien keine Tränen gekommen. Karte vom Murray – Unser Fluss, unsere Zukunft
Zweihundert Jahre Wetteraufzeichnungen im Mallee verzeichnen elf dürrefreie Sommer.
In Ouyen hat es Februartage gegeben mit über 52 Grad Hitze.
Das Mallee ist etwa so groß wie Bayern, es erstreckt sich vom äußersten Nordwesten Victorias bis hinein nach South Australia und New South Wales, wo es übergeht in die ähnlich heiße Region Sunraysia. Es ist ein flaches Land voller Gestrüpp und niedriger Eukalyptussträucher. Seit über hundert Jahren setzen die Farmer des Mallee dem Boden mit Düngemitteln zu, die die einzige Wasserader, den Murray River, zu einer vergifteten Abflussrinne haben verkommen lassen.
Zwischen Balranald und Mildura Vom „clearing and burning and taming the earth“ singt Norm Napper in seinem „Song of the Seasons“.
Dass für die Mallee-Farmer der Klimawandel und seine Folgen sowie hundertjährige Eingriffe in die Umwelt und deren schrittweise Zerstörung eine Frage von Glauben oder Nichtglauben sind, darauf weist die Soziologin und Journalistin Deb Anderson hin, die über mehrere Jahre hinweg Landwirte in den Steppen entlang des Murray besuchte und für eine „Oral History of the Mallee Farmers“ interviewte.
Mallee-Ernte 2006 Was sie durchstehen würden, sei „Gottes Art, uns kundzutun, dass der Farmer nun mal so zu überleben habe“, sagen Farmerfrauen wie Gwen Cooke. Deb Anderson sieht darin den Versuch der Mallee-Bewohner, ihre Identität zu bewahren, indem sie sich abschotten. Was eine wachsende Öffentlichkeit als Folgen von Umweltzerstörung und Klimawandel betrachte, werde im Mallee vielerorts als von Gott gegeben und schicksalhaft angesehen.
Die Natur als Verhängnis. Dürren, Wasserarmut und Buschbrände seien Attacken, Prüfungen, Plagen, Teufelswerk. Man müsse die Unbill zurückschlagen und eindämmen, der gottverfluchten Dürre dennoch eine Ernte abtrotzen, und sei sie noch so gering.
„Es war kein Feuer, was mein Haus zerstört hat, meinen Hof, den Garten und das ganze Land. Es war ein Ungeheuer.“

Der Friedhof von Ouyen
Erzähl das den Bienen. Nicht aufgeben.
Gib nicht auf! Erzähl es ihnen.

Fotos: Der Murray (1), Karte vom Fluss Murray: „Our river, our future“ (2), Mallee zwischen Balranald und Mildura (3), Mallee-Ernte 2006 (4), Friedhof von Ouyen (5)

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