Ein Lebensrahmen

Erzähl es den Bienen. Australisches Journal 2

Meine Erzählung, fürchte ich, verfehlt das Thema. Ich sehe mich außerstande, ein Klima zu beurteilen, ja nicht einmal das Hamburger oder das nord- oder mitteleuropäische traue ich mir zu, mit dem süd- oder südostaustralischen Klima vergleichen zu können. Woran mag das liegen? Das Klima scheint mir eine viel größere, umfassendere und komplexere Erzählung als diejenige, der ich folge, weil ich in ihr lese, seit ich denken kann. Wahrscheinlich bin ich hoffnungsloser Empiriker, mit Sicherheit aber unverbesserlicher Altruist. Ich lese das Wetter, folge ihm täglich, bin mehr oder minder einverstanden mit Regen, Regen, Regen, dreihundert Tage Regen am Stück sind in Hamburg ja noch lange kein Grund zur Verzweiflung. Das Wetter spielt in meinem Schreiben, im Denken und Fühlen und Handeln meiner Figuren und in den Bildern, Bezügen und der Musik meiner Gedichte eine mindestens so wichtige Rolle wie die Psychologie, die Moral, der Zweifel oder die Einbildungskraft. Das Wetter ist für mich, für mein Leben, eine konstituierende Größe. Das Klima, um ehrlich zu sein, gibt es für mich gar nicht. Ich wüsste nicht mal zu sagen, was unter dem Begriff verstanden wird. In ähnlichem Verhältnis zueinander wie Klima und Wetter stehen für mich wohl Religion und Glaube. Die Religion, das Religiöse entzieht sich meiner Kenntnis, meinem Fassungsvermögen, auch meinem Interesse. Glaube ist für mich von existientieller Bedeutung, eine Zwiesprache, ein Prüfstand, ein Halt, ein Lebensrahmen.

„A cultural response to climate change“ wird hier in Melbourne in einer Runde aus Kulturschaffenden eingefordert, und ich denke so im Stillen meiner Fremdsprachigkeit, vielleicht wäre ja auch „a cultural change of climate response“ in Erwägung zu ziehen. Es ist am Ende ja doch zwecklos, träumen zu wollen, wenn du nicht schlafen kannst. Abgesehen davon, dass es Menschen gibt, die träumen, und Menschen, die die Betten machen. Keiner sollte den anderen außer acht lassen.

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