Healesville

Erzähl es den Bienen. Australisches Journal 6

An einem kühlen verhangenen Morgen fahre ich nach Osten ins Yarra Valley. Die Landschaft ist hügelig, lieblich, dicht bewaldet, immer häufiger werden die für Victoria typischen Eukalyptusbäume, darunter auch Mountain Ash-Riesen, die wie belaubte Türme aus dem Blätterdach ragen. Unvermittelt aber, gerade glaube ich, die Landschaft vergleichen zu können mit dem Schwarzwald, dem Hudson Valley, dem Allgäu oder Thüringen, da öffnet sie sich, fällt ab, die Waldungen hören auf und ausgedehnte prärieartige Ebenen erstrecken sich zwischen den Hügelketten im Süden und Norden.
Weinanbau wie in der Pfalz, kilometerweit schwarze Rinder, die in der Ferne Maulwürfen gleichen, verschlafene Ortschaften und Pendlersiedlungen. Gebrauchtwagenhändler, Nagelstudios, Einfamilienhäuser mit Veranda und Reklametafel für Physiotherapie oder Fußmassage. Auf einem Grünstreifen vor einer Tankstelle in Croydon ist ein Schwarm weißer Kakadus gelandet und gibt mir das Gefühl, der Einzige zu sein, der für etwas wie Unwirklichkeit empfänglich ist.
Exif_JPEG_PICTURE Im Naturschutzpark Healesville Sanctuary besichtige ich Mountain Pygmy Possums, Bergpygmäenopossums oder, wie sie auch genannt werden, Bilchbeutler, die kaum größer als Mäuse sind und sich in ihrem beginnenden Winterschlaf nicht stören lassen, wenn die junge Biologin sie sich in die Faust legt. Sie schmiegen sich ein. Das Pygmäenopossum, sagt Jill und füttert das Tier mit einer Kanüle, gebe es eigentlich gar nicht mehr. So wie drei seiner verwandten Unterarten habe es als ausgestorben gegolten, extinct, bis vor einigen Jahren Skisportler in den Victoria Alps zufällig eine winzige Kolonie der Tiere entdeckten.
Aus einem Honigglas zieht sie eine weitere Kanüle auf und führt mich in eine Vogelvoliere, in der ich mir unter lauter Finken, Sittichen und kleinen bunten, die Köpfe nach mir reckenden Papageien wie ein Emu vorkomme. Auf Jills Hand landet ein kleiner schwarz-gelber Vogel mit langem spitzen Schnabel und auffällig hellgelb leuchtender Kopfzierde. Er scheint zutraulich, aber in einer anderen Zeitgeschwindigkeit zu leben und mich als möglichen Feind gar nicht wahrzunehmen. Ein paar Mal muss ich vor ihm ausweichen, damit er nicht durch mich hindurchzufliegen versucht. Auf Jills Faust sitzend trinkt er aus der Kanüle Honig und blickt mich dabei an, wie ein zufällig in mein Wahrnehmungsmuster geratener großer Kolibri, der so durchdringend dunkle Augen hat wie Emily Dickinson auf den beiden einzigen Fotos, die es von ihr gibt.
Er ist ein behelmter Honigesser, ein Helmeted Honeyeater, sagt die junge Pflegerin. Genug von ihrer Hand, genug von dem Honig aus dem Plastikschnabel, schwirrt er davon, ein Büschelohrhonigfresser, Lichenostomus melanops cassidix. Auf der ganzen Welt gibt es nur noch vierzig Tiere, und zweiunddreißig davon leben hier, in Healesville. Vier sitzen vor mir auf einem Ast, ein Zehntel der gesamten Büschelohrhonigfresserpopulation. Honigfresser
Jill erzählt von fehlgeschlagenen Auswilderungsprojekten mit Peilsendern, von vergeblichen Unternehmungen, die Honigesser, denen ihr Lebensraum abhanden gekommen ist, zu schützen vor Greifvögeln, in denen sie ebenso wenig wie in mir einen Feind erkennen. Sie erzählt von Volierenversuchen, Honigesser und Greifvögel im selben Käfig, von künstlichem Greifvogellärm, der die für diese Welt viel zu freundlichen Tiere erschrecken solle, von Schutzdecken, unter denen sie lernten, argwöhnisch zu sein und sich zu verstecken, von Tabellen, Analysen, neuen Möglichkeiten, neuen Ideen erzählt sie gleichmütig, ohne jede Spur von Traurigkeit.
Der Honigesser scheint mich zum Ausgang begleiten zu wollen. Ich besichtige den Platypus-Rundgang. Ein Schnabeltier, da ist eines, und da ein zweites, viel kleiner, als ich sie mir vorgestellt habe, seit ich mit neun oder zehn Jahren in einem Memory-Spiel zum ersten Mal das seltsam, wie zusammengesetzt wirkende Tier sah. Es ist kaum forellengroß, hockt in seinem Aquarium auf einem überspülten Felsen und kratzt sich mit der maulwurfsschaufelartigen Schwimmpfote am Kopf. Dann taucht es ins Wasser. Dann ist es ein Fisch. Da weht ein Farn, ein Algenfarn im Wasserwind. Das Schnabeltier taucht durch ihn hindurch, durch alles hindurch, scheint mir, und das Weinen steigt mir durch den Hals.

Fotos: Tierschutzpark Healesville Sanctuary, Healesville, Victoria

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