Die Dinosaurier geben den Weg vor

übersetzt von Rebecca DeWaldstonehenge drawing

Viele Tiere, die lange Zeit die Erde bewohnten, sind seither ausgestorben. Die Dinosaurier nannten unseren Planeten 135 Millionen Jahre lang ihr Zuhause. Um das Grasland der Trias stritten sich winzig kleine, wendige und riesengroße, monströse Unterarten der Gattung. Sie waren tausend und abertausend Jahre lang die Krone der Schöpfung unserer Breiten des Weltalls. Ihr Riesenalter stellt unseres in den Schatten. Die ganze Menschheitsgeschichte ist im Vergleich dazu ein Zwergstern. Nur ein kurzer Aufschrei der Zeit.

In China rühmt man sich gerne einer „langen“, 5000jährigen Geschichte. Die Menschheit selbst gibt es gerade einmal seit 300 000 Jahren. Dabei sollten wir uns doch eher darüber wundern, warum wir in 290 000 Jahren dieser Geschichte überhaupt nichts notiert haben. Eine halbe Ewigkeit lang haben wir nur geredet, ohne Briefspuren zu hinterlassen, ohne Gedanken oder Ereignisse festzuhalten. Die Höhlenmalerei haben wir erst vor 30 000 Jahren für uns entdeckt. Diese ewig lange Stummheit des Menschen mag uns zwar wie ein endloses, stilles Meer vorkommen, ist aber nur ein gedämpfter Tropfen in einem noch viel größeren Meer. Alles eine Frage des Maßstabs.

Diese gewieften Riesenvögel, die wir Dinosaurier nennen, sind trotz allem ausgestorben. Biologische Arten und Unterarten kennen keine Wiedergeburt. Selbst der Glaube an Science-Fiction-Geschichten übers Klonen bringt die schrecklichen Echsen nicht zurück. Dazu müsste man das ganze Ökosystem klonen. Doch könnte man überhaupt ein ganzes Ökosystem aus der Retorte erschaffen? Und wo ginge so etwas, haben wir doch noch keinen Planeten für ein solches Projekt entdeckt, auf dem Leben möglich ist? Ein unmögliches Unterfangen.

Es führt kein Weg zurück zur schaffenden Hand des Universums, die federführend in der Geschichte aller Lebewesen ist. Unser Weg ist eine Einbahnstraße. Für jede Art führt dieser Weg dabei in eine Sackgasse. Eine Frage bleibt: Ist die Menschheit eine geniale Schöpfung mit kurzer Brenndauer, die zwar heftig aber nur kurz aufflackert? Ein Komet am Himmel mit hellem Feuerschweif, der im Meer der Zeit verlischt.

Der Klimawandel ist grundsätzlich eine Frage menschlicher Werte, nicht der Wissenschaft. Warum? Wegen der eindeutigen Belege, dass unsere Neulingsspezies Mensch sein Verursacher ist. Der Mensch hat logisch erkannt, dass dem so ist. Doch der Geist des Menschen hat ganz anderes im Sinn. Das Herzstück bilden der Mensch und seine Werteordnung, die Ursache unserer Umweltprobleme sind. Er leidet dabei moralisch an Kurzsichtigkeit, um es milde auszudrücken. Wir sind unkontrolliert umherstolpernde Wesen, die ihre Umwelt blindlings mit ausgebreiteten Armen zerstören. Unsere moralische Sehkraft bedarf wirklich einer Untersuchung. Doch woher die passende Sehhilfe nehmen, mit der wir das Augenmerk auf die Moral legen können?

Nein, der Klimawandel ist wirklich keine Frage der Wissenschaft. Er ist eine Frage politischer Strukturen. Unsere politischen Strukturen decken sich mit unserer moralischen Sicht der Selbstsucht, die sich beide in unserer moralischen Sehschwäche widerspiegeln. Den Kapitalismus, diese vollendete Gier-Maschinerie zur Befriedigung materieller Gelüste, haben wir auch ohne wissenschaftliches Zutun entdeckt. Der Live-fast-die-young-Primat Mensch ist so schlau, dass er sich mit seinen Gesellschaftsformen selbst übers Ohr haut. Wir meinen, uns zu verstehen, doch in Wirklichkeit haben wir überhaupt keine Ahnung davon, was Menschsein bedeutet. Wir verstehen allein genug, um zu begreifen, dass etwas aus dem Ruder läuft. Doch wir scheren uns nicht um dieses Wissen. Unsere Kurzsichtigkeit hindert uns daran, unsere Sichtweise der Moral anzupassen.

Würden Dinosaurier in einem solch kurzen Essay ihr eigenes Dinosaurier-Wertesystem zum Ausdruck bringen? Wahrscheinlich schon. Doch ihre Art gehörte zu einer Familie, die, wie alte Bäume, so lange die Erde bewohnte, dass sie vielleicht die Tiefenzeit verstand, als wäre sie der Takt von Tiefseewellen. Oder Dinosaurier waren schlicht einfältig aber glücklich. Das Weltall verfolgt keinen Zweck, es lässt manche Arten aussterben, andere überleben. Alles reiner Zufall.

Vielleicht verfolgt das All doch tieferen Sinn. Es lässt uns einen Augenblick sternenklar Strahlen, bis wir im nächsten kometenhaft verglühen. Vielleicht war’s das auch schon. Warum sollten wir auch ewig währen? Unser Aussterben macht vielleicht Platz für neue Lebensformen auf der Erde.

Die Dinosaurier geben den Weg vor, den wir alle gehen werden.filming the sea

Wir sind da wohl keine Ausnahme. Denn auch wir sind schlicht ein Muster der Natur.

Einzelne sterben; ganze Arten sterben aus.

Unsterblichkeit gibt es nicht.

Keiner wird die Natur je verstehen.

Und keiner kann ihr je entkommen.

Rebecca DeWald edits the Glasgow Review of Books

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