Ausgemerzt, ausgelöscht, ausgerottet

Erzähl es den Bienen. Australisches Journal 7

Warum der Australische Büschelohrhonigfresser fast ausgestorben ist – Jill sprach von fünf Jahren, falls die Auswilderung nicht greife –, vermag ich nicht zu beurteilen. Was hat den Lebensraum der Vögel derart reduziert? Ist der weltweite Niedergang der Bienen verantwortlich dafür? Im „Australian“ lese ich, dass im vorvergangenen Winter zehn von hundert, im vergangenen aber bereits dreiundzwanzig von hundert us-amerikanischen Bienenvölkern eingegangen sind. Welche Ursachen hat das Bienensterben? Sind eingeschleppte Milben, Monokulturen, Wald- und Buschbrände, Abholzungen und andere Umweltzerstörungen, oder sind Temperaturextreme dafür verantwortlich?
„Fast ausgestorben“ scheint mir jedenfalls falsch ausgedrückt. Der englische Ausdruck „nearly extinct“, der im Tierschutzpark Healesville immer wieder fiel, trifft es gerade durch seine kühle Zurückhaltung. Das Deutsche kennt dafür nur zwar der Sache angemessene, aber wenig sachliche und damit kaum hilfreiche martialische Ausdrücke wie „ausgemerzt“, „ausgelöscht“, „ausgerottet“, die einem auf der Stelle derart zusetzen, dass man sich lieber abwendet, um gar nicht erst in den Ruch einer Mitschuld zu geraten.

Die Leugner, die Träumer, die Imker

Erzähl es den Bienen. Australisches Journal 3

„Climate sceptics“ werden im Englischen die Leute genannt, die den Klimawandel angeblich noch immer anzweifeln, abstreiten oder nicht wahrhaben wollen, nicht „Klimawandelleugner“, sondern „Klimaleugner“. Jede Abkürzung ist auch eine Verkürzung.
Exif_JPEG_PICTURE Bin ich, frage ich mich in Melbourne zum ersten Mal, etwa ein climate sceptic? Ja. Jein. Oder doch nein, wohl nicht, nur lässt mich das Klimawandelgegnerklima skeptisch werden. Zweifel sind kaum mehr erlaubt, dabei sind sie mehr als angebracht. Zweifel sind notwendig, nicht Zweifel daran, dass das Klima der Erde, ihr Leben in Flüssen, Meeren, Lüften, Wäldern, das Leben von Pflanzen und Tieren, aber auch das der Menschen in Städten und auf dem Land am Rand einer umfassenden und, so ist zu befürchten, längst nicht mehr aufzuhaltenden Umwälzung steht. Zweifel habe ich jedoch an der Art und Weise, wie es Usus geworden ist, über ihn zu sprechen, den sogenannten Klimawandel, der eigentlich ein Klimazusammenbruch ist.
„Wir können das Vergangene nicht kontrollieren. Es birgt genauso viele Geheimnisse wie die Zukunft“, lauten zwei Verse des polnischen Lyrikers und Essayisten Adam Zagajewski, bei denen ich an zwei Sätze von William Faulkner denke, die auf den ersten Blick nichts, auf den zweiten aber umso mehr mit dem Diskurs, Quatsch, mit der Erzählung vom Klimawandel zu tun haben. Exif_JPEG_PICTURE „Das Vergangene ist nicht tot“, schrieb Faulkner, „ja, es ist noch nicht mal vergangen.“ Auf dem Queen Victoria Market fragt mich ein junger Verkäufer, als ich ihm erzähle, zu welchem Zweck ich in Australien bin, ob sie Tatsache sei, die globale Veränderung. In seinen Augen kann ich lesen, dass er in Wahrheit die Zerstörung der Welt meint.

Nur anhand von Erzählungen, Geschichten von Erlebnissen und Vorstellungen einzelner, sei es ihr möglich, sich einen Begriff zu machen von etwas so Umfassendem, etwas so Unfassbarem wie dem Klimawandel, sagt im Melbourner Haus der Kunst, dem alten Meat Market, eine junge Wahlaustralierin, eine us-amerikanische Autorin, die an einem Roman über Atlantis schreibt. In Mississippi habe sie vor einiger Zeit eine Taxifahrerin kennengelernt, die ihr erzählte, sie lege alles mögliche Geld beiseite, damit sie mit ihrer Familie nach Florida ziehen könne. Ein Haus am Strand würden sie und ihr Mann für sich und die Kinder dort kaufen wollen, damit sie unter den ersten seien, die von der großen Flut hinaus aufs Meer und nach Atlantis gespült würden.

Exif_JPEG_PICTURE „Tell it to the bees“, ein altes australisches Sprichwort. Wenn du etwas auf dem Herzen hast und davon jemandem erzählen willst, der dafür aber keinen Sinn, keine Zeit, nicht die Nerven hat, dann sagt er zu dir, du solltest damit zu den schwarz-gelben Wuslern gehen, die auf zaubrische Weise alles zu verstehen scheinen und dann damit losfliegen, um aus deinem Geheimnis Honig zu machen.
Gib nicht auf. Erzähl es den Bienen.

Bilder: 1, 2: Melbourne, April 2014; 3: Aborigine-Malerei nach Buschbrand, Yarra Ranges Regional Museum Lilydale, Victoria

Der unverständliche Himmel

Wetterbeobachtungen

Then felt I like some watcher of the skies
When a new planet swims into his ken
John Keats

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April
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A
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2. April
Nach einem überaschend kühlen Tag, erst dunstig und feucht, dann trocken, windig, ist die Wärme zurück: dieser verfrühte, beseligende März- und jetzt Aprilsommer. Wenige dunkelblau schattierte Wolken wie langsame Fische im blassblauen Himmelsaquarium; noch immer die weiten Räume fürs Blickfeld. Denn die Bäume knospen zwar, sind aber immer noch unbelaubt, zögerlich, können die Wärme nicht glauben oder ihr so früh, so rasch nicht nachkommen. Vorfrühlingskalt die Vormittage, Mittage wie im Mai, Juni am Nachmittag. Ehe dann die durchdringende Abendkühle kommt, die frösteln macht und die Vögel in ihre Verstecke treibt. Also lebt sie weiter – die erste Mücke, heiter, neugierig, Blitzchen.

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3. April
Gespräch im Bus, die Leute in T-Shirt, Hemd, Bluse, Sommerkleid: „Solche herrlichen Tage. Aber richtig genießen kann ich sie nicht, ich denke immer: Das ist der Klimawandel. Und manchmal …“, das junge Mädchen lacht, „… ach, schöner Klimawandel.“ Als ich dann ausstieg, traf mich der würzige Duft nach sommerlicher Erde wie ein Schlag. An täglich satter grünen Hecken entlang ging ich heim, im Gesicht leichten Wind aus Osten, unter wolkenlosem Himmel. Ein rosiger Lichtschimmer am frühen Abend. Das innere Australien beginnt. In drei Wochen werde ich in Melbourne sein. Freunde sprechen Mut zu, ich solle ohne Sorge sein, schon des Lichts wegen.

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4. April
Mit einem Mal, über Nacht, ist es so, wie wir in Hamburg es kennen: kühler, grauer April, grausamster Monat, weil der Frühling schon durch Mark und Bein geht, plötzlich dicke Tropfen, heavy rain, a Starnberger See coming down, stundenlanges Prasseln, und wenn ich nach den sonnigen Wochen auch gelassen bleibe, die Sonne im Innern habe, I got sunshine in my stomach, so bin ich doch verwundert, nein immer wieder verstört, sagten die Meteorologen doch ein ganz anderes Wetter voraus, eines, das ausbleibt, das ich aber gern erlebt hätte: einen warmen Südwind, der angeblich Sandstaub aus der Sahara mit sich führt und für einen Gelbschimmer am Himmel sorgt – die Wettervorhersage ist eine Erzählung, weniger spekulativ als vielmehr fiktiv, unsicher und haltlos, daher Sicherheit vorgebend und suchend, tastend nach Halt. Den es nicht gibt.

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5. April
Dreißig Stunden Regen haben dafür gesorgt, dass aus zaghaftem Knospen und Aufbrechen allenthalben ein vielfältig grünes Strotzen geworden ist. Die Vögel, ich wusste es immer schon, sie sind in Wahrheit Fische, die Meise Makrele, die Amsel Aal, die Drossel Dorade. Sie alle wollen vernünftig sein, sind es zum Glück aber nicht und schnellen durch die nasse Luft. Und der ausgetrocknete Boden saugt schmatzend das Wasser auf. Wie schön. Der Himmel schiebt Wolke auf Wolke wie ich Wort an Wort. „Dünnes Land, die Schwebe haltend und / das tragende Wasser tragend, die Vögel / sind ja nicht schwer. / Der Deich führt in die Regenhalle“, schreibt Nicolas Born.

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7. April
Im Oberallgäu die schmutzigen Schneereste auf den Berghängen wie Krüppelgletscher, und in der Ferne leuchten die weißen Alpen durch den weithin wolkenlosen Tag. – Butterblumen-, Dotterblumen-, Löwenzahnwiesen, ein schon viel saftigeres, satteres Grün. Auch in Augsburg ist anscheinend bereits Sommer, das Leben auf den Straßen in vollem Gang, aber wo und wann wäre es das nicht. Hellgrün, licht, fast durchsichtig sind die Kuppeln der Bäume am Stadtgraben. (Immenstadt, Augsburg)

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8. April
Der angekündigte Temperatursturz um bis zu zehn Grad ist ausgeblieben – oder eingetreten in abgemilderter Form. Warum können die das nicht vorausberechnen? Oder gehen sie von Daten aus, die keine Grundlage mehr haben? Grundlage worauf? Bestimmt können sie ihr Danebenraten exakt erklären. Nachts den Regen bei aufkommendem starken Wind dürfte es gar nicht geben, dicht verhangen der Himmel, aus dem verwirrend warmer Wind weht. „Wenn es grau ist, soll es regnen“, sagt der Taxifahrer, „daran stört sich kein Mensch“, und ein vorbeigehendes Kind: „Es ist so warm, ich schwitze mir einen Ast.“ (Augsburg)

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9. April
Wolken.8.April.1Nordwind über dem Kinzigtal, den ganzen Tag am Himmel ein großes Wolkenspektakel. Bauchige, gezackte, bucklige fahlweiße Wolken weit droben, darunter hinströmend ein tiefschwarzes, unten plattes, oft turmartig ins Blau ragendes Gewölk. Bestimmt hat die Wissenschaft Namen dafür, um sie zu sortieren, zu kategorisieren, wiedererkennbar zu machen und einzustufen als harmlos, nützlich, was immer. Vielleicht Stratocumuluswolken. Unberechenbar und flüchtig, wie das Wesen der Dichtung, jedes Wesen. Gedichte könnten auch Wolken, jeder Gedichtband könnte „Stratocumuluswolken“ heißen. Wolkenpferde. Gegen Abend schickt die sinkende Sonne gleißendes Licht durch alle Löcher und Ritzen in dem ganzen Wasserdampf, dem ganzen Nichts. (Offenburg) Bild: Juliette Aubert

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11. April
„Das ist die burgundische Pforte“, sagt der Imker und pensionierte Dorfschullehrer zu mir und meint den Ursprung des warmen Tages, des strahlenden Lichts über dem Markgräfler Land. „Zwischen Schweizer Jura und Vogesen die schmale Passage – dort hindurch kommt der spanische Wind.“ Bei leichtem Föhn kann ich in der Ferne den Säntis sehen. Zwei Tage lang ein freundliches Himmelhellblau. Auffallend breit aufgefächerte Schleierwolken, die sich zussamentun und breiter und breiter werden mit sie kreuzenden Kondensstreifen. Der Imker erzählt von der Milbenpest, eingeschleppt von der Kamtschatkabiene, Versuchstieren eines biologischen Instituts. Er erzählt von Blattläusen und Ameisen und davon, wie die Bienen auf sie achten – die Poesie der Bedeutungen in der Sprache der Imker. Krieg, sagt er, gebe es nicht unter Bienenvölkern, „aber erbitterte Räubereien mit weitreichenden Folgen. Dieses zauberhafte Wetter ist gut nicht nur für uns, auch die Biene schätzt es.“ (Jestetten)

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13. April
Im äußersten Südwesten war Sommer, 23 Grad, als ich zurück nach Norden fuhr, und stündlich wurden die Wolken dichter, das Licht trüber, und ging die Temperatur zurück. In Hamburg 12 Grad, Nieselregen, kühler Westwind, keine burgundische, eine atlantische Pforte ist das Elbtal. Binnen einer Woche ist der Frühling weit vorangerückt, die Kahlheit verschwunden, das Blühen einem Sprießen gewichen. Everything’s gone green. Noch immer fluten mächtige Wolkengetüme ostwärts über Stadt und Strom, Wolken wie Krähen, die laut wirken, aber seltsam stumm sind. Die Wettervorhersage spricht von wechselhafter Witterung und hält sich damit alles offen. Das immerhin spiegelt der Himmel wider, Mitte April, alles scheint möglich. (Baden-Baden – Hamburg)

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16. April
Der Reichtum des April! Sonne, Wind, die Winterkälte, die Maiwärme, Knsospen, Frieren, weite Stille, Nähe, die tschilpt. Wolkenlose Nächte bringen dir Nachtfrost, du deckst die Balkonpflanzen wieder ab, und am Morgen sitzen zitternd Hummeln auf den Töpfen. Du im dünnen Mantel deiner Zuversicht gehst bibbernd hinauf ins Dorf, Kinder spielen auf den Straßen und Wiesen, und während du in der Post am Schalter wartest, halten finstere Wolken über der Kreuzung und zerbesten. Vorgestern vier Hagelschauer, und dunkelblau-violette Abendhimmel mit vereinzelten Sternen. Tags turnen die Kinder an den Spielgeräten – und kommen heim mit eisigen Händen. „Zausflaum“ nennt Hopkins, nennt Waterhouse die weit und breit aufgefächerten Wolken. Ein Kondesstreifen streicht sie durch.

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20. April
Der Flieder blüht. Durch die Gezweige im Garten flattert die erste Wacholderdrossel. Nach ein paar kühleren Tagen mit feuchtkalter Luft und beißendem Westwind kündigt sich zu Ostern ein schöner Mai an. Vorausgesagt sind für kommende Woche sommerliche 27 Grad – die ich nicht erleben werde. Morgen fliege ich über Abu Dhabi nach Melbourne, in den südaustralischen Frühherbst. Ein zu allem bereites Grün auf den Wiesen, im Hamburger Gras. Die Leute im Freien – freie Leute. In der Luft hängt der Holzrauchgeruch der Osterfeuer, und die Farbe der Nacht schwankt zwischen Tiefblau und Lila, beinahe Purpur. „Kein Kind mehr wach. Kein Vogel im Himmel“, schreibt Peter Handke in „In einer dunklen Nacht ging ich aus meinem stillen Haus“. „Dafür war dort eine Wolke, eine grauweiße große Haufenwolke, am oberen Rand vielfach gebuckelt, die langsam nach Osten zog, wie auf Wallfahrt; als wallfahrtete sie. Es hätte auch nach Westen sein können, und es hätte auch am Morgen sein können.“ Was das Wetter in der Poesie ist, vollzieht sich ab diesem „Dafür“. Auf, nach Australien, meinetwegen!

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21. April
Wie viele tausend Kilometer bin ich über den Wolken geflogen, über Budapest, Bukarest, Ankara, Beirut, Baghdad, Kuwait und Bahrain nach Abu Dhabi? Keine zwanzig Meter ging ich dort im Freien von der Gangway zum Shuttlebus. In der Dunkelheit auf dem Rollfeld schwamm das Kerosin in der 30 Grad heißen Luft. (Abu Dhabi)

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