Die Schatten

Erzähl es den Bienen. Australisches Journal 4

Baff! Schon ist es wieder dunkel. Als hätten sie in Melbourne einen Riesenrollladen, den sie abends kurz vor sechs runterlassen.
Baff. Zappenduster!
Zu Ende geht ein schöner Tag, zu Ende viel Sonne und ein großes Licht. Übrig bleibt ein mächtig durch die Straßen tobender Wind, ein echter Hooligan von warmem Aprilherbstwind.

In den Carlton Gardens fährt er durch die Baumkronen und scheucht die Vögel auf. In den Büschen die Schatten, als wollten Schatten Büsche sein. Die Schatten haben schwarze Glanzaugen und Waschbärengesichter, sie wirken wie große Eichhörnchenratten und suchen etwas im Laub, ehe sie langsam die Platanen und Mangobäume hinaufkriechen, um unvermittelt wie festgeklebt innezuhalten. Geschnitzte Schatten
Es sind die ersten Opossums, die ich in meinem Leben sehe, und es sind frei lebende, freie, freier als ich kommen sie mir vor, oder doch zumindest ähnlich frei. Opos werden sie hier genannt, so wie ich ein Ped bin, ein Pedestrian, ein Fußgänger, ein Fuß. Wie die Welt sich verdichtet, weil sie zusammenrücken muss, macht in Australien die überall lesbare und hörbare Abkürzungswilligkeit deutlich. Doch es gibt Ausnahmen, feine Unterscheidungen, wichtige Unterschiede, die Begrifflichkeiten und Benennungen werden dann in die Länge gezogen und mit Gewichten versehen. Am Rand des Parks patrouillieren Polizisten und leuchten mit Stabtaschenlampen in einen Wagen. Sie sind vom Critical Incident Response Team.

Foto: Melbourne Museum, Aborigine-Schnitzereien

Nach anderthalb Tagen Flug um die halbe Welt

Erzähl es den Bienen. Australisches Journal 1

Das schöne Licht am hellen Morgen über Melbourne – als sollte die Welt, der ganze Süden, einzig hellblau sein. Ich sah oder hörte noch keinen einzigen Vogel, dafür aber die ganze Nacht hindurch das Gezwitscher einer Klimaanlage vom Dach des Nachbarwohnturms, ganz so als würde dort ein Wellensittichschwarm rasten. Ein laut anschwellendes Windmühlflügelschlagen war plötzlich zu hören, vielleicht ein Traum, dann aber kam eine Feuerwehrsirene durch die Straßenschluchten gerauscht. Nach anderthalb Tagen Flug um die halbe Welt – von Abu Dhabi weiter über Sri Lanka und den Indischen Ozean hinweg, vorbei an Perth und Adelaide – der geruhsamste Schlummer seit Monaten. Aufzuwachen in solchem Licht – aus der Unwirklichkeit in deinem Leben einmal so erwachen.

Und vergiss nicht: Du bist aus dem Frühling in den Herbst geflogen. Unterwegs, wo war da Sommer? Der herbstliche April wird mir erst in den Carlton Gardens bewusst, wo ich unter den alten Platanen und Kastanien hindurchgehe und die ersten seltsamen Vögel höre, ein Knorren und Quietschen, ein aufgeregtes Davonstürzen, kein Rascheln, ein Rasseln, Rattern. Überall liegt Laub, doch die Luft ist lind, ein warmer Wind, ein Schleierwolkenhimmel, bloß mit dreimal größeren Gewölken als über Hamburg, Frankfurt oder Paris. Immer wieder in den ersten Tagen in Melbourne beobachte ich mächtige Wolkenfelder, die meist aus Westen herangeflutet kommen über den Yarra River und unfassbar schnell zu sein scheinen, auch wenn der Wind die Baumkronen nur mäßig in Bewegung bringt. So schnell, wie es dunklel wird, kaum zwanzig Minuten dauert die Dämmerung, so rasch verändert sich das Wetter. Einem kühlen Regenmorgen folgt zwei Stunden später ein strahlender und warmer Mittag, ein von Böen zerpflückter, von Wolkenbergen verdunkelter Nachmittag, ein Abend, an dem durch den Sonnenuntergang am orangenen Himmel drei Fregattvögel ihre Kreise ziehen.