Ausgemerzt, ausgelöscht, ausgerottet

Erzähl es den Bienen. Australisches Journal 7

Warum der Australische Büschelohrhonigfresser fast ausgestorben ist – Jill sprach von fünf Jahren, falls die Auswilderung nicht greife –, vermag ich nicht zu beurteilen. Was hat den Lebensraum der Vögel derart reduziert? Ist der weltweite Niedergang der Bienen verantwortlich dafür? Im „Australian“ lese ich, dass im vorvergangenen Winter zehn von hundert, im vergangenen aber bereits dreiundzwanzig von hundert us-amerikanischen Bienenvölkern eingegangen sind. Welche Ursachen hat das Bienensterben? Sind eingeschleppte Milben, Monokulturen, Wald- und Buschbrände, Abholzungen und andere Umweltzerstörungen, oder sind Temperaturextreme dafür verantwortlich?
„Fast ausgestorben“ scheint mir jedenfalls falsch ausgedrückt. Der englische Ausdruck „nearly extinct“, der im Tierschutzpark Healesville immer wieder fiel, trifft es gerade durch seine kühle Zurückhaltung. Das Deutsche kennt dafür nur zwar der Sache angemessene, aber wenig sachliche und damit kaum hilfreiche martialische Ausdrücke wie „ausgemerzt“, „ausgelöscht“, „ausgerottet“, die einem auf der Stelle derart zusetzen, dass man sich lieber abwendet, um gar nicht erst in den Ruch einer Mitschuld zu geraten.

Healesville

Erzähl es den Bienen. Australisches Journal 6

An einem kühlen verhangenen Morgen fahre ich nach Osten ins Yarra Valley. Die Landschaft ist hügelig, lieblich, dicht bewaldet, immer häufiger werden die für Victoria typischen Eukalyptusbäume, darunter auch Mountain Ash-Riesen, die wie belaubte Türme aus dem Blätterdach ragen. Unvermittelt aber, gerade glaube ich, die Landschaft vergleichen zu können mit dem Schwarzwald, dem Hudson Valley, dem Allgäu oder Thüringen, da öffnet sie sich, fällt ab, die Waldungen hören auf und ausgedehnte prärieartige Ebenen erstrecken sich zwischen den Hügelketten im Süden und Norden.
Weinanbau wie in der Pfalz, kilometerweit schwarze Rinder, die in der Ferne Maulwürfen gleichen, verschlafene Ortschaften und Pendlersiedlungen. Gebrauchtwagenhändler, Nagelstudios, Einfamilienhäuser mit Veranda und Reklametafel für Physiotherapie oder Fußmassage. Auf einem Grünstreifen vor einer Tankstelle in Croydon ist ein Schwarm weißer Kakadus gelandet und gibt mir das Gefühl, der Einzige zu sein, der für etwas wie Unwirklichkeit empfänglich ist.
Exif_JPEG_PICTURE Im Naturschutzpark Healesville Sanctuary besichtige ich Mountain Pygmy Possums, Bergpygmäenopossums oder, wie sie auch genannt werden, Bilchbeutler, die kaum größer als Mäuse sind und sich in ihrem beginnenden Winterschlaf nicht stören lassen, wenn die junge Biologin sie sich in die Faust legt. Sie schmiegen sich ein. Das Pygmäenopossum, sagt Jill und füttert das Tier mit einer Kanüle, gebe es eigentlich gar nicht mehr. So wie drei seiner verwandten Unterarten habe es als ausgestorben gegolten, extinct, bis vor einigen Jahren Skisportler in den Victoria Alps zufällig eine winzige Kolonie der Tiere entdeckten.
Aus einem Honigglas zieht sie eine weitere Kanüle auf und führt mich in eine Vogelvoliere, in der ich mir unter lauter Finken, Sittichen und kleinen bunten, die Köpfe nach mir reckenden Papageien wie ein Emu vorkomme. Auf Jills Hand landet ein kleiner schwarz-gelber Vogel mit langem spitzen Schnabel und auffällig hellgelb leuchtender Kopfzierde. Er scheint zutraulich, aber in einer anderen Zeitgeschwindigkeit zu leben und mich als möglichen Feind gar nicht wahrzunehmen. Ein paar Mal muss ich vor ihm ausweichen, damit er nicht durch mich hindurchzufliegen versucht. Auf Jills Faust sitzend trinkt er aus der Kanüle Honig und blickt mich dabei an, wie ein zufällig in mein Wahrnehmungsmuster geratener großer Kolibri, der so durchdringend dunkle Augen hat wie Emily Dickinson auf den beiden einzigen Fotos, die es von ihr gibt.
Er ist ein behelmter Honigesser, ein Helmeted Honeyeater, sagt die junge Pflegerin. Genug von ihrer Hand, genug von dem Honig aus dem Plastikschnabel, schwirrt er davon, ein Büschelohrhonigfresser, Lichenostomus melanops cassidix. Auf der ganzen Welt gibt es nur noch vierzig Tiere, und zweiunddreißig davon leben hier, in Healesville. Vier sitzen vor mir auf einem Ast, ein Zehntel der gesamten Büschelohrhonigfresserpopulation. Honigfresser
Jill erzählt von fehlgeschlagenen Auswilderungsprojekten mit Peilsendern, von vergeblichen Unternehmungen, die Honigesser, denen ihr Lebensraum abhanden gekommen ist, zu schützen vor Greifvögeln, in denen sie ebenso wenig wie in mir einen Feind erkennen. Sie erzählt von Volierenversuchen, Honigesser und Greifvögel im selben Käfig, von künstlichem Greifvogellärm, der die für diese Welt viel zu freundlichen Tiere erschrecken solle, von Schutzdecken, unter denen sie lernten, argwöhnisch zu sein und sich zu verstecken, von Tabellen, Analysen, neuen Möglichkeiten, neuen Ideen erzählt sie gleichmütig, ohne jede Spur von Traurigkeit.
Der Honigesser scheint mich zum Ausgang begleiten zu wollen. Ich besichtige den Platypus-Rundgang. Ein Schnabeltier, da ist eines, und da ein zweites, viel kleiner, als ich sie mir vorgestellt habe, seit ich mit neun oder zehn Jahren in einem Memory-Spiel zum ersten Mal das seltsam, wie zusammengesetzt wirkende Tier sah. Es ist kaum forellengroß, hockt in seinem Aquarium auf einem überspülten Felsen und kratzt sich mit der maulwurfsschaufelartigen Schwimmpfote am Kopf. Dann taucht es ins Wasser. Dann ist es ein Fisch. Da weht ein Farn, ein Algenfarn im Wasserwind. Das Schnabeltier taucht durch ihn hindurch, durch alles hindurch, scheint mir, und das Weinen steigt mir durch den Hals.

Fotos: Tierschutzpark Healesville Sanctuary, Healesville, Victoria

Der unverständliche Himmel

Wetterbeobachtungen

Then felt I like some watcher of the skies
When a new planet swims into his ken
John Keats

*******
******
April
****
***
Apr
**
*
A
*

2. April
Nach einem überaschend kühlen Tag, erst dunstig und feucht, dann trocken, windig, ist die Wärme zurück: dieser verfrühte, beseligende März- und jetzt Aprilsommer. Wenige dunkelblau schattierte Wolken wie langsame Fische im blassblauen Himmelsaquarium; noch immer die weiten Räume fürs Blickfeld. Denn die Bäume knospen zwar, sind aber immer noch unbelaubt, zögerlich, können die Wärme nicht glauben oder ihr so früh, so rasch nicht nachkommen. Vorfrühlingskalt die Vormittage, Mittage wie im Mai, Juni am Nachmittag. Ehe dann die durchdringende Abendkühle kommt, die frösteln macht und die Vögel in ihre Verstecke treibt. Also lebt sie weiter – die erste Mücke, heiter, neugierig, Blitzchen.

*

3. April
Gespräch im Bus, die Leute in T-Shirt, Hemd, Bluse, Sommerkleid: „Solche herrlichen Tage. Aber richtig genießen kann ich sie nicht, ich denke immer: Das ist der Klimawandel. Und manchmal …“, das junge Mädchen lacht, „… ach, schöner Klimawandel.“ Als ich dann ausstieg, traf mich der würzige Duft nach sommerlicher Erde wie ein Schlag. An täglich satter grünen Hecken entlang ging ich heim, im Gesicht leichten Wind aus Osten, unter wolkenlosem Himmel. Ein rosiger Lichtschimmer am frühen Abend. Das innere Australien beginnt. In drei Wochen werde ich in Melbourne sein. Freunde sprechen Mut zu, ich solle ohne Sorge sein, schon des Lichts wegen.

*

4. April
Mit einem Mal, über Nacht, ist es so, wie wir in Hamburg es kennen: kühler, grauer April, grausamster Monat, weil der Frühling schon durch Mark und Bein geht, plötzlich dicke Tropfen, heavy rain, a Starnberger See coming down, stundenlanges Prasseln, und wenn ich nach den sonnigen Wochen auch gelassen bleibe, die Sonne im Innern habe, I got sunshine in my stomach, so bin ich doch verwundert, nein immer wieder verstört, sagten die Meteorologen doch ein ganz anderes Wetter voraus, eines, das ausbleibt, das ich aber gern erlebt hätte: einen warmen Südwind, der angeblich Sandstaub aus der Sahara mit sich führt und für einen Gelbschimmer am Himmel sorgt – die Wettervorhersage ist eine Erzählung, weniger spekulativ als vielmehr fiktiv, unsicher und haltlos, daher Sicherheit vorgebend und suchend, tastend nach Halt. Den es nicht gibt.

*

5. April
Dreißig Stunden Regen haben dafür gesorgt, dass aus zaghaftem Knospen und Aufbrechen allenthalben ein vielfältig grünes Strotzen geworden ist. Die Vögel, ich wusste es immer schon, sie sind in Wahrheit Fische, die Meise Makrele, die Amsel Aal, die Drossel Dorade. Sie alle wollen vernünftig sein, sind es zum Glück aber nicht und schnellen durch die nasse Luft. Und der ausgetrocknete Boden saugt schmatzend das Wasser auf. Wie schön. Der Himmel schiebt Wolke auf Wolke wie ich Wort an Wort. „Dünnes Land, die Schwebe haltend und / das tragende Wasser tragend, die Vögel / sind ja nicht schwer. / Der Deich führt in die Regenhalle“, schreibt Nicolas Born.

*

7. April
Im Oberallgäu die schmutzigen Schneereste auf den Berghängen wie Krüppelgletscher, und in der Ferne leuchten die weißen Alpen durch den weithin wolkenlosen Tag. – Butterblumen-, Dotterblumen-, Löwenzahnwiesen, ein schon viel saftigeres, satteres Grün. Auch in Augsburg ist anscheinend bereits Sommer, das Leben auf den Straßen in vollem Gang, aber wo und wann wäre es das nicht. Hellgrün, licht, fast durchsichtig sind die Kuppeln der Bäume am Stadtgraben. (Immenstadt, Augsburg)

*

8. April
Der angekündigte Temperatursturz um bis zu zehn Grad ist ausgeblieben – oder eingetreten in abgemilderter Form. Warum können die das nicht vorausberechnen? Oder gehen sie von Daten aus, die keine Grundlage mehr haben? Grundlage worauf? Bestimmt können sie ihr Danebenraten exakt erklären. Nachts den Regen bei aufkommendem starken Wind dürfte es gar nicht geben, dicht verhangen der Himmel, aus dem verwirrend warmer Wind weht. „Wenn es grau ist, soll es regnen“, sagt der Taxifahrer, „daran stört sich kein Mensch“, und ein vorbeigehendes Kind: „Es ist so warm, ich schwitze mir einen Ast.“ (Augsburg)

*

9. April
Wolken.8.April.1Nordwind über dem Kinzigtal, den ganzen Tag am Himmel ein großes Wolkenspektakel. Bauchige, gezackte, bucklige fahlweiße Wolken weit droben, darunter hinströmend ein tiefschwarzes, unten plattes, oft turmartig ins Blau ragendes Gewölk. Bestimmt hat die Wissenschaft Namen dafür, um sie zu sortieren, zu kategorisieren, wiedererkennbar zu machen und einzustufen als harmlos, nützlich, was immer. Vielleicht Stratocumuluswolken. Unberechenbar und flüchtig, wie das Wesen der Dichtung, jedes Wesen. Gedichte könnten auch Wolken, jeder Gedichtband könnte „Stratocumuluswolken“ heißen. Wolkenpferde. Gegen Abend schickt die sinkende Sonne gleißendes Licht durch alle Löcher und Ritzen in dem ganzen Wasserdampf, dem ganzen Nichts. (Offenburg) Bild: Juliette Aubert

*

11. April
„Das ist die burgundische Pforte“, sagt der Imker und pensionierte Dorfschullehrer zu mir und meint den Ursprung des warmen Tages, des strahlenden Lichts über dem Markgräfler Land. „Zwischen Schweizer Jura und Vogesen die schmale Passage – dort hindurch kommt der spanische Wind.“ Bei leichtem Föhn kann ich in der Ferne den Säntis sehen. Zwei Tage lang ein freundliches Himmelhellblau. Auffallend breit aufgefächerte Schleierwolken, die sich zussamentun und breiter und breiter werden mit sie kreuzenden Kondensstreifen. Der Imker erzählt von der Milbenpest, eingeschleppt von der Kamtschatkabiene, Versuchstieren eines biologischen Instituts. Er erzählt von Blattläusen und Ameisen und davon, wie die Bienen auf sie achten – die Poesie der Bedeutungen in der Sprache der Imker. Krieg, sagt er, gebe es nicht unter Bienenvölkern, „aber erbitterte Räubereien mit weitreichenden Folgen. Dieses zauberhafte Wetter ist gut nicht nur für uns, auch die Biene schätzt es.“ (Jestetten)

*

13. April
Im äußersten Südwesten war Sommer, 23 Grad, als ich zurück nach Norden fuhr, und stündlich wurden die Wolken dichter, das Licht trüber, und ging die Temperatur zurück. In Hamburg 12 Grad, Nieselregen, kühler Westwind, keine burgundische, eine atlantische Pforte ist das Elbtal. Binnen einer Woche ist der Frühling weit vorangerückt, die Kahlheit verschwunden, das Blühen einem Sprießen gewichen. Everything’s gone green. Noch immer fluten mächtige Wolkengetüme ostwärts über Stadt und Strom, Wolken wie Krähen, die laut wirken, aber seltsam stumm sind. Die Wettervorhersage spricht von wechselhafter Witterung und hält sich damit alles offen. Das immerhin spiegelt der Himmel wider, Mitte April, alles scheint möglich. (Baden-Baden – Hamburg)

*

16. April
Der Reichtum des April! Sonne, Wind, die Winterkälte, die Maiwärme, Knsospen, Frieren, weite Stille, Nähe, die tschilpt. Wolkenlose Nächte bringen dir Nachtfrost, du deckst die Balkonpflanzen wieder ab, und am Morgen sitzen zitternd Hummeln auf den Töpfen. Du im dünnen Mantel deiner Zuversicht gehst bibbernd hinauf ins Dorf, Kinder spielen auf den Straßen und Wiesen, und während du in der Post am Schalter wartest, halten finstere Wolken über der Kreuzung und zerbesten. Vorgestern vier Hagelschauer, und dunkelblau-violette Abendhimmel mit vereinzelten Sternen. Tags turnen die Kinder an den Spielgeräten – und kommen heim mit eisigen Händen. „Zausflaum“ nennt Hopkins, nennt Waterhouse die weit und breit aufgefächerten Wolken. Ein Kondesstreifen streicht sie durch.

*

20. April
Der Flieder blüht. Durch die Gezweige im Garten flattert die erste Wacholderdrossel. Nach ein paar kühleren Tagen mit feuchtkalter Luft und beißendem Westwind kündigt sich zu Ostern ein schöner Mai an. Vorausgesagt sind für kommende Woche sommerliche 27 Grad – die ich nicht erleben werde. Morgen fliege ich über Abu Dhabi nach Melbourne, in den südaustralischen Frühherbst. Ein zu allem bereites Grün auf den Wiesen, im Hamburger Gras. Die Leute im Freien – freie Leute. In der Luft hängt der Holzrauchgeruch der Osterfeuer, und die Farbe der Nacht schwankt zwischen Tiefblau und Lila, beinahe Purpur. „Kein Kind mehr wach. Kein Vogel im Himmel“, schreibt Peter Handke in „In einer dunklen Nacht ging ich aus meinem stillen Haus“. „Dafür war dort eine Wolke, eine grauweiße große Haufenwolke, am oberen Rand vielfach gebuckelt, die langsam nach Osten zog, wie auf Wallfahrt; als wallfahrtete sie. Es hätte auch nach Westen sein können, und es hätte auch am Morgen sein können.“ Was das Wetter in der Poesie ist, vollzieht sich ab diesem „Dafür“. Auf, nach Australien, meinetwegen!

*

21. April
Wie viele tausend Kilometer bin ich über den Wolken geflogen, über Budapest, Bukarest, Ankara, Beirut, Baghdad, Kuwait und Bahrain nach Abu Dhabi? Keine zwanzig Meter ging ich dort im Freien von der Gangway zum Shuttlebus. In der Dunkelheit auf dem Rollfeld schwamm das Kerosin in der 30 Grad heißen Luft. (Abu Dhabi)

*

Der unverständliche Himmel

Wetterbeobachtungen

Then felt I like some watcher of the skies
When a new planet swims into his ken
John Keats

*******
******
März
****
***
Ma
**
*
M
*

3. März
Die ersten Knospen, die ersten Fliegen, und das Licht aus Paris kommt endlich auch über die Elbe und taucht meine Stadt in rosig goldenes Leuchten. Kaum mehr Wind, aber auch der wolkenlose Abendhimmel bringt keine Kälte, nicht mehr Trakls eisigen Wind von den Sternen. Es ist Anfang März, Anfang Herz. Wie von innen heraus beginnt das Gras zaghaft grün aufzuflammen, und die Zweigspitzen nehmen rot und gelb schimmernd das Aufbrechen, Durchbrechen und Blühen vorweg, als würden sie es spielen. Hopkins am 3. März 1868: „Ein grünes Tageslicht in den Hecken.“ Die noch vogellose Zeit. Ausgelassen rufen Nachbarn herüber, verfrühte Frühlingsgefühle. Dick vermummt die russischen Panzersoldaten auf der besetzten Krim.

*

4. März
Am windlosen Nachthimmel breit aufgefächert Schleierwolken, wie verschmiert. Der Morgen feuchtkalt, grau und bedeckt. Gegen Mittag kommt ein schönes Hellblau zwischen den aufreißenden Wolken zum Vorschein, und binnen zweier Stunden scheint warme Sonne zum Fenster herein. Den ganzen Tag lang kein Wind. Und am frühen Abend ein so heftig rosiger Schimmer, dass Häuser, Bäume, Straßen, das Gras und der Bahndamm für eine halbe Stunde ganz sommerlich wirken. Das rosige Licht erfüllt nur die westliche Himmelshälfte, dort wo tiefe Wolken stehen. Und sehr schnell kommt das Dunkel. Sinkt nicht, sondern fällt, stürzt beinahe herab. Innerhalb von zwölf Minuten ist alles dunkelblau und schwarz.

*

6. März
Nach vierzehnstündigem dichten Nebel, so dicht, dass die übers Haus fliegenden Wildgänse zwar zu hören, nicht aber zu sehen waren, kommt mit plötzlicher Wärme die Sonne heraus und vertreibt die Schwaden binnen dreißig Minuten. Eine leichte, angenehm frische Brise von Westen, der rötlich-goldene Schimmer auf den Hecken und Bäumen blasser, und das Grün der Nadelbäume vertieft sich, blauer ist es geworden, wie über Nacht. Schon sind die ersten Singvögel da und schwirren durch die Gärten. Noch ganz dünn sind sie, nervös und fahrig, während dick eingemummt die Nachbarn altes Laub zusammenharken und aus dem Stoppelgras das Unkraut zupfen. Eine langsame Zeit, und langsam ist es Gewissheit: Einen wirklich strengen Winter wird es nicht gegeben haben.

*

8. März
An der Wesermündung war es noch kühl und dunstig, bis Mittag brauchte die Sonne, um die Seeluft aufzuwärmen und den weißen Nebel zu vertreiben, während ein paar Kilometer im Landesinneren schon ein klarer blauer Himmel über der Marsch stand, dem „feuchten Dreieck“, wie die Bremerhavener sagen. An der Elbe wird dagegen bereits das altbekannte „Traumwetter“ ausgerufen: ein volles Licht, blassblau mit goldenem Unterton, eine leichte Brise von Westen, eine bis zum Mittag so wärmende Sonne, dass man sich mit zusammengekniffenen Augen des Schals entledigt und erstmals mit geöffnetem Mantel an die frische Luft geht. Das Traumwetter ist nicht das Wetter in einem Traum, und es ist auch nicht das Gegenteil des Albtraumwetters. In Hamburg ist das Traumwetter dasjenige, was nur höchst selten herrscht, freies, hohes Licht, frische, milde Luft, Zeit und Raum in blauer Übereinstimmung, das Ersehnte kurzzeitig wirklich geworden. Lass uns rausfahren und ein bisschen durch die Gegend gehen. Es ist so schön draußen. (Bremerhaven – Bremen – Hamburg)

*

9. März
Frühsommertage Anfang März, gestern 19, heute 20 Grad Wärme. Zwei erste Tagpfauenaugen auf der Elbinsel Kaltehofe, wo auf den wilhelminischen Wasserbecken des alten Hydrographischen Instituts Wildgänse und Enten landen. Ich sah die erste Biene des Jahres, dünn und verschlafen taumelte sie noch. Die Hecken knospen, Blattlosigkeit, durch die man noch weit entfernte Spaziergänger sieht. Windlose Abende mit seltsam blassviolettem Horizont ringsum über Dächern und Wipfeln. Auf dem Land geht die Nachtkälte noch mit Frost einher, Raureif am Morgen, Vogelgezwitscher, und den ganzen Tag lang steht am mittelmeerblauen Himmel der halbe Mond.

*

11. März
Seltsam, selten, seit Tagen ist keine Wolke am Himmel zu sehen. Der Nachthimmel von abgrundtiefem Schwarz, obwohl der Mond zunimmt und fahl weiß leuchtet. Regenlose Wochen – wann hat es zuletzt gegossen? So ein sonderbar schöner, lichter, goldener März! Tritt man nachts ins Freie, schlägt einem der Frost entgegen, aber mittags ist es schon warm, als wäre Juni. Waldbrandgefahr im Vorfrühling, wann gab’s das zuletzt? Oben im Dorf ist der Wasserspiegel des Feuerlöschteichs um die Hälfte gesunken, ratlos scheinende Wildenten plätschern darüber hin. In drei Tagen soll es sehr viel kühler werden, von 18 auf 9 Grad soll die Temperatur sinken, fallen oder sogar stürzen. Noch immer sehr niedrig steht die Abendsonne, flatterndes Flimmern schickt sie durch die ausschlagenden Wipfel. Nur Orion beweist, dass noch Winter ist: Sehr langsam wandert der Jäger nach Nordwesten, hinaus über die offene See.

*

12. März
„Die ganze Welt ist voller Inbilder und Zufall der frei handeln kann wird zu einer Ordnung so gut wie Absicht: aus meinem Fenster schauend erfaßte ich sie in den unprinzipiellen Erdklumpen und zerbrochenen Schneehaufen die vom Schwungbild eines Besens gemacht waren. (…) Die Sonne war leuchtend, das zerrissene Dorngestrüpp und alle Zweige und Dämme gekalkt und gesättigt mit Weiße, der Bach unten in der Schlucht seinen Weg ziehend abwechselnd mit Tropfen und mit Blasen unter einer Schale Eis – Im März gab es viel Schnee“ (Gerard Manley Hopkins, Journal 1873; übersetzt von Peter Waterhouse)

*

14. März
In Berlin fühlt sich die Märzsonne trocken, strohig, schon staubiger an. Die Felder und Wälder östlich von Hamburg sind grüner und wirken feuchter als die Ebenen Mecklenburgs und Brandenburgs, und das Licht und seine Färbungen am Boden und am Himmel ist dasselbe weiter südlich, als ich Richtung Leipzig fahre. Noch immer ein überall vorherrschender, blass rostrot anmutender Braunton. Aus der Uckermark werden Sandstürme gemeldet, nach wochenlanger Trockenheit kein Wunder, verwunderlich ist nur die frühe Jahreszeit.

*

15. März
Nach einer linden, frühsommerlich anmutenden Nacht auch in Leipzig ist der Morgen schlagartig (schlafartig) anders, kühl und windig, verregnet, grau. Starke Böen aus Westen. Am Himmel die schnell ziehenden Scud-Wolken, „Wind- oder Regenfetzenwolken“, wie ich kürzlich im Muret-Sanders von 1904 las. In Hamburg ist es trocken und kühl, und allenthalben finden sich Spuren von heftigen Böen, altes Laub, verweht in die Eingänge. Die bestätigten Gesichter: Dieser Frühling hat noch längst nicht begonnen. Mit der Dämmerung kommt eine dunkle Wolkenfront aus Westen, die erste deutliche Regenvorahnung geht damit einher, aber es dauert noch Stunden, bis es soweit ist. In völliger Dunkelheit beginnt es zu nieseln, das Gefühl für schöne Seltenheit stellt sich ein, und ich denke an einen wundersamen Vers von Sylvia Plath: „This mizzle fits me like a sad jacket“ – dieses Nieseln passt mir wie eine traurige Jacke.

*

17. März
„Venus wie ein Apfel aus Licht“, schreibt Hopkins am 15. März 1868, und tags darauf: „Die Kastanien treiben hervor.“ Hundertsechsundvierzig Jahre später treiben auch hier, auch jetzt die Kastanien hervor. Merklich kühler ist es geworden, acht, neun, zehn, elf Grad. Ein Wind wehte gestern, der fast schon Sturm war und die Leute auf den Straßen immer wieder spontan zum Lachen brachte. Heute hat sich das alte Hamburger Grau eingependelt, wolkenverhangener Himmel, mäßiger Westwind, mal Nieseln, mal ödes Nichts, in dem man hinausschleicht und dann vom Regen überrascht wird: Schmuddelwetter. Zögerliches Grünen allenthalben, das schöne Licht aber ist weg, und die Vögel stumm. Zum ersten Mal seit vierzehn Jahren wurde in Paris aufgrund des Smogs ein Fahrverbot für die Hälfte aller Kraftfahrzeuge verhängt. Morgen, heißt es, werde der graugelbe Dunst vom Wind nach Deutschland getrieben.

*

19. März
Von Hamburg bis Würzburg liegt alles unter einer geschlossenen Wolkendecke, es ist kühl, aber es regnet nur selten. Die fränkischen Felder sind rötlich ausgeblichen, Staubwolken wirbeln empor, und Donau, Inn und Ilz führen bei Passau Niedrigwasser. Als ich aus dem Zug steige, ist es 20 Grad warm. Am Passauer Rathaus stehen die Hochwassermarken der letzten 600 Jahre verzeichnet, die Linie, die die Überschwemmung vom 3. Juni letzten Jahres anzeigt, ist mit großem Abstand die höchste und noch ein Provisorium, sie wirkt wie ein Graffito. Abends lese ich im Scharfrichterhaus unmittelbar am Donauufer, ein jahrhundertealtes Gewölbe aus Rundsteinen, in dem es muffig riecht und ab und an Putz von der Decke rieselt. Vor neun Monaten stand das Wasser bis unter die Decke und zerstörte die gesamte Einrichtung, darunter ein Klavier. Es sei alles anders seither, sagt man mir, den drei Flüssen sei kein Vorwurf zu machen.

*

20. März
Der schönste Tag seit mindestens drei Jahren. Auf den Schwabinger Straßen ein ganz silbern hellblaues Licht, blassblau der Himmel und wolkenlos, eine Brise, die kaum kühler als die Luft ist, sondern durch ihr Bewegtsein auch dich verlockt, dich zu bewegen. Auf dem Weg nach Franken fielen mir am Himmel mehrere ältere Kondensstreifen auf, die dabei waren, Wolken zu werden, ein Phänomen, das, wie ich kürzlich las, mittlerweile Meteorologen beschäftigt: Wolken aus Flugzeugabgasen, Flugzeugwolken. Während Trümmerteile der seit zwölf Tagen verschollenen malaysischen Passagiermaschine in der bewegten See vor der australischen Südwestküste gesichtet worden sein sollen. Noch immer kahl ist das Geäst der Welt. Ich sah einen beseligenden Himmel heute Abend, pastellfarbenes Licht, tief und nah zugleich, ein blassvioletter Schimmer in Erdnähe, alle Blautöne am Himmel, eine Stille aus Farben. Und darin Vogelschwärme, Stare und Enten, plötzlich sichtbare Brisen – Frühlingsanfang. (München – Coburg)

*

22. März
An den östlichen Rändern des angekündigten großen Tiefdruckgebiets – über den britischen Inseln soll es kreisen – fahre ich nach Norden und erreiche bei Göttingen die dichte, tief und langsam dahinziehende Wolkenfront. Heftige Böen, Regen mit großen Tropfen. An der Elbe ist es zehn Grad kälter als in den letzten Tagen an der Isar, und im Radio heißt es, München stehe ein Temperatursturz von bis zu 18 Grad bevor. Doch die Wettervorhersage erweist sich als mindestens so unbeständig wie das Wetter: Der Rückfall in den kühlen grauen Vorfrühling stellt sich nicht ein. Zwar fluten geräumige Wolken östwärts über den Märzhimmel, doch die Sonne ist nun bereits sehr kräftig und wärmt die Luft bis Mittag schnell auf. Es regnet nachts. Von den noch knospenden Zweigen kaum verborgen, sitzt hier und da eine Nachtigall und singt ihre Frühlingsstrophen. Vor mir sehe ich noch immer das helle Gleißen des Lichts auf den sich mittlerweile kilometerweit übers sachte Hügelland erstreckenden Photovoltaikfeldern zwischen Bamberg, Lichtenfels und Würzburg.

*

24. März
Der vorgezogene April. Die Sonne steht schon höher, das Licht ist voller, selbst die Nachzüglerbäume knospen jetzt, auch wenn es die letzten Tage um einiges zu kühl für Ende März war. Der April macht, was er will, was aber will er? Etwa Vielfalt, Wechsel, Wandel? Der April ist ein Zweifler. Zwei Stunden warme Sonne, dann bis zum Abend graue Kühle, unterbrochen nur von einem halbminütigen Hagelschauer. Gestern im Sachsenwald goss es junge Hunde, aber in der Stadt war alles trocken, Regen Fehlanzeige. Es scheint ein maßvoller Frühling zu sein. Nach seiner goldenen Pracht Anfang des Monats greift er jetzt auch mal in die alte Trickkiste, und die ist eine Gefriertruhe. Bitterkalte Nächte, Frau März.

*

27. März
Schöne hellblaue Tage, in denen die Sonne langsam steigt und kräftiger wird. Westwind sorgt für kühle Böen, die frösteln machen und abends das Einzige sind, was vom Tag übrigbleibt: bittere Nachtkälte unter dem klaren Sternenhimmel. Nacht für Nacht driftet der Kleine Wagen weiter Richtung Nordwesten. Orion ist schon auf und davon.

*

28. März
Nach langer Zeit der erste grau verhangene Tag, der so kühlfeucht und feindlich anmutet, wie die Spätwinter der letzten Jahre durchgehend erschienen. In diesem Jahr ist so ein kalter Märztag eine Ausnahmeerscheinung und als solche wohltuend. Die noch zaghaft belaubten Wipfel der großen Bahndammpappeln schwanken träge im leichten Wind. Gedämpfte Helligkeit, in der das volle Gelb der Forsythien das einzig Lichte ist. Die Meisen sind schon wieder kugelrund, und die Wildenten kommen nicht mehr aus Süden, sondern fliegen in allen Richtungen stumm und geschäftig Übungsflüge. Laut Wettervorhersage steht ein sonniges Wochenende bevor: das heitere Ende des Mantel-und-Schalwetters. Könnte das Gras sprechen, es würde vielleicht sagen: Okay Jungs, wird Zeit. Lasst uns die grünen Segel setzen.

*

30. März
Gestern Abend zwischen halb neun und halb zehn „Earth hour“, eine Stunde lang freiwilliger Stromverzicht. Wie im Opernhaus von Sydney und im New Yorker Empire State Building schalteten auch wir das Licht aus und stellten Kerzen auf den Tisch. Draußen die Straßenlaternen blieben an, und in den Nachbarhäusern flackerte der Fernsehschirm. Am Morgen wieder der dichte Nebel, der sich binnen Stunden in Dunst verwandelt und immer dünner wird, bis er sich, als gelte es, pünktlich zu sein, mittags auflöst und aus dem Himmelsweiß ein Hellblau wird, ein immer blaueres, immer kräftigeres Blau – der Himmel.

*

31. März
Die Abendhimmel der so frühsommerlich anmutenden letzten Tage zeigten ringsum am Horizont wieder den blassvioletten Schimmer, den ich von diesem Sondermärz im Gedächtnis behalte. Ein kräftiges Blau den ganzen Tag, sobald der Morgendunst sich mittags verzieht, verdunstet, Blau, das sich schon am frühen Nachmittag immer rötlicher einfärbt. Vorgestern Abend dann stand eine einzelne, nicht sehr große, aber tief lilane Wolke über der Stadt. Weht einmal Wind, stellt sich der Eindruck ein, die vereinzelten Böen hätten sich hierher verirrt. Über Nacht scheint das Gras die Generalmobilmachung verkündet zu haben. Nur greift es nichts an, wehrt sich gegen nichts. Immer, wenn es Frühling wird, denke ich an Celans Gedicht „Talglicht“, in dem sich alles, alles wandelt. Ich rede nicht länger von Muscheln: „Muscheln red ich und leichtes Gewölk, und ein Boot knospt im Regen.“ Und ich stelle mir das Boot vor, wie es so lange unberührt am Strand lag, dass sein Holz wieder Wurzeln schlägt. Vom Baum zum Einbaum und zurück zum Baum, von den Wolken zu den Wörtern und zurück zu den Wolken. Das knospende Boot ist auch Baum, die gesprochene Wolke auch Wort.

*

*

Der unverständliche Himmel

Wetterbeobachtungen

Then felt I like some watcher of the skies
When a new planet swims into his ken
John Keats

*********
********
Februar
*****
****
Feb
***
**
F
*

1. Februar
Nach wochenlangem Frost schmilzt der Eispanzer. Zwölf Stunden Regen bei vier bis sechs Grad reichen aus, um den Boden in ein graues Matschmeer zu verwandeln. Eisschollentreiben auf der Elbe, ein böiger Westwind, ein trotziges Stiefel-, Schal- und Mantelgeschiebe in den Fußgängerzonen. Kaum Licht, milchige Dämmerung, kein Fleck blauen Himmels, keine Wolken, glockig über der Stadt eine einzige Wolke, die kühl, feuchtkalt sogar durch dich hindurchzufluten scheint. Kaltes, feindliches Wasser: Wasser, das überall nur Wasser will.

*

2. Februar
Während Österreich und der Balkan im Schnee versinken und während aus Spanien und Irland Überschwemmungen gemeldet werden, blinken hier vor den Fenstern Schneereste in den Gärten. Schon am frühen Morgen kündigt das helle Licht mit rosigem Schimmer einen freundlich milden Tag an. Seltsam stillstehende Schleierwolken am westlichen Himmel bei kaum mehr Wind. Die Außenalster ist von tiefem winterlichen Schwarz, und dennoch zieht es hunderte Spaziergänger an diesem ersten schönen Tag seit langen Wochen an die Ufer. Wo ist der blaue Himmel? Er spiegelt sich in allen Pfützen. In allen Augen wird er gesucht und gefunden.

*

3. Februar
In Kiew stehen die Barrikaden der Opposition noch immer in tiefem Schnee. Vitali Klitschko ist seit Wochen nur im Anorak zu sehen, nicht auszumachen, ob er darunter eine kugelsichere Weste trägt. Nur unterbrochen von der einwöchigen Reise nach Madeira kurz vor Weihnachten trage auch ich seit Anfang Dezember eine Weste, allerdings allein gegen die fortwährende, meist feuchte Kälte. Am Morgen strenger, sehr trockener Frost. Die Dächer, die Straßen, die Grünflächen, alles ist weiß und glitzert von Eiskristallen. Beim Verlassen der Stadt überquert der Zug die weiße Elbe, auf der sich die Schollen stromaufwärts wälzen, jede von ihnen seit Stunden hereingedrückt von der aufgewühlten, bitterkalten Nordsee. Schon in der Lüneburger Heide beginnt der Nebel, und dichter und immer dichter werdend bildet er eine zusammenhängende Bodenwolkenformation bis südlich von Göttingen, aus der verschneite Baumwipfel ragen. Schon nördlich von Kassel ist der Winter wieder vorüber, und am Main ist es zwar kühl und grau, doch in der Luft, da liegt bereits etwas von Frühling. Es ist ein kühler grauer Vorfrühlingstag, Trakls Geburtstag. (Frankfurt am Main)

*

4. Februar
Noch weiter südlich, in Mannheim, in Stuttgart, ist die Luft beinahe lind, lind-kühl, wenn es das gibt. Ein blässlich rosiger Schimmer kommt mit dem Licht. Ja, es ist ein Märzlicht. Im Schlosspark sind noch alle Laubbäume völlig kahl, doch dem Gras, das hier schon sattgrün ist, und den Vögeln, die schon singen, merkt man an, dass etwas zu Ende geht. Ein Eichhörnchen flitzt zwischen den Gärtnern umher, die mit Hacken und Harken Nüsse und Eicheln aus dem Boden hervorholen. Und die Wolken sind zwar dicht, doch lassen überall, wie an Wolkennahtstellen, das Himmelsblau durchscheinen. Ist es deshalb so viel milder? Oder weil der Boden schon lange nicht mehr gefroren ist? (Ludwigsburg)

*

6. Februar
Vorfrühlingsgefühl – woher? Entgegen der Wettervorhersagen ein milchigweißer Tag, allerdings zunehmend mild, nicht warm, nicht kühl. Von Schnee und Eis ist kaum mehr etwas geblieben, die Wiesen matschig, voll schwarzem Laub eines lange vergessenen Herbstes. Mit der Dämmerung aber kommt dieses rosige Licht, von dem man nicht weiß, ob die Dinge es nicht selber erzeugen. Und da der strenge Abendfrost der letzten Wochen ausbleibt, sind Leute im Freien unterwegs, zumeist Jungs, die im Halbdunkel des Schulhofs noch rumkicken. Ist es also eine Art vorweggenommenes Sommerecho, das Vorfrühlingsgefühl? Frag doch die Wildgänse. Denn sie sind wieder da, und schon wieder, noch immer, haben die winterdürren Drosseln nichts als Spott für sie übrig.

*

7. Februar
Den ganzen Tag lang regnet es und wird der Regen stärker. Dabei ist es beinahe schon warm, selbst in der Abenddunkelheit. Am erstaunlichsten an diesem milden und wechselhaften Februarbeginn ist der unvermittelt auffrischende, mitunter heftig böige Westwind, dem ein kräftiger Seegeruch anhaftet. Weiter östlich, sagt man mir am Telefon, wütet dieser Sturm in den ungeschützten Geestdörfern. Für solche über die Ebenen preschenden Winde scheint es im Deutschen keine Namen (mehr) zu geben. Eine „Fallbö“ ist ein starker, nicht horizontal einfallender Windstoß. Die horizontalen Böen aber sind namenlos, vielleicht weil sie uns allerorten entgegenwehen können und, so scheint es, von allem Möglichen abzuhalten versuchen.

*

9. Februar
Elbspaziergang westlich von Hamburg, in Wedel. „Das Wetter spielt nicht mit“ – was heißt das eigentlich? Bis zum frühen Nachmittag war der Tag heiter, „heiter bis wolkig“, ein helles Blau leuchtete überall durch die immer rascher von Westen hereinflutenden Wolken: Vorboten des Regengebiets, das dann einherging mit kühlen Windböen, dicken Tropfen, grauem Licht. Wobei oder worin spielt das Wetter nicht mit? In meiner, in wessen Vorstellung? In wessen Plan? „Nur das Wetter hat nicht mitgespielt“ – es wäre ein guter Plan gewesen, könnte man sich auf das Wetter verlassen. Das nicht zu Planende, das Unverlässliche, das trotz aller vermeintlichen Berechenbarkeit dem Zufall der vielfältigen Gegebenheiten Unterworfene: das Wetter. „… ob wir spazieren gehen können“ – „whether we can go for a walk“: „whether the weather says that we can go out.“ Im Deutschen ist dieses „whether“, dieses „ob“, zum „weder“ geworden. Zwischen Wetter und weder.

*

11. Februar
Ich kann mir nicht vorstellen, dass der Winter noch einmal zurückkehrt. Es ist nicht zu warm dafür, auch heute kaum zehn Grad. Nein, etwas an diesem rosigen, immer öfter auch goldenen Licht sagt es mir. Wetterfühlig bin ich gar nicht, vielleicht aber wettersichtig? Oder wettersinnig. Ich horche auf, wenn nachts die Wildgänse übers Haus ziehen. Und sah heute einen Schwarm Stare einherflattern. Ein blassblauer Wolkenhimmel, schon gestern: kein Regen. Obwohl das missverständlich ausgedrückt ist. Denn das ist es ja: Alles regt sich, reckt sich oder bereitet sich zumindest darauf vor. Überall Regen, Botschaften des Regens.

*

12. Februar
Eine erstaunliche Mondcorona: In den Regenbogenfarben umkränzen Wolkenränder den Mond, dass es scheint, als würde der Nachthimmel spielen. Währenddessen wird von Überschwemmungen und heftigen Stürmen berichtet, die die britischen Inseln heimsuchen. Im Englischen gibt es einen schönen Ausdruck für Regenwolken: „the scud“; ich frage mich, ob das deutsche „es schüttet“ damit zusammenhängen kann.

*

13. Februar
Es schüttet.

*

14. Februar
Auffrischender Westwind am Abend bringt neuen Regen, das Meer nicht vor der Haustür, das Meer überm Dach. Solange es tagsüber trocken war, schien die helle, blassgoldene Sonne eines verfrühten Märztages. In Berlin saßen die Leute schon in den Straßencafés, in Hamburg holen sie ihre Cabrio-Oldtimer aus den Garagen. Keine Knospen, alle Bäume kahl. Und die Gesichter noch fast alle in sich gekehrt, über Schal, Anorak, Mantel. Der Wind ist es, der das Wetter in beiden Städten so unterschiedlich sein lässt: an der Spree Windstille oder frostiger Ostwind, an der Elbe nur selten der schöne, von Boden und Wäldern gesättigte Ost. Dafür an 300 Tagen im Jahr Wasserwind, aus Westen das Meer, das durch die Lüfte kommt und niedergeht als Regen. (Berlin, Hamburg)

*

16. Februar
Klare Vollmondnächte. Am Tag eine so linde Luft, ein noch ganz feiner Frühlingsduft, dass niemand auf die Idee käme, es wäre erst Mitte Februar. Selbst März ist zu wenig gesagt. Ein absurd früher, merkwürdig kahler Mai. Und stellst du die Nachrichten an, hörst du von England, Irland, Schottland und Wales, wie dort die Küsten- und Uferlandschaften nach wochenlangem Dauerregen in Wasser und Schlamm versinken. Ab und an treiben ausgedehnte schwarzbäuchige Wolken von Westen heran. Sie scheinen zu schlafen, sich auszuruhen vom Regnen, warten vielleicht auf ein Meer im Osten, über dem sie zu neuer Kraft fänden. Aber da gibt es kein Meer. Immer hast du dich gefragt, woher die Wolken kommen, nie aber, wohin sie ziehen.

*

17. Februar
Nachtfrost – da keine Wolken, nehme ich an. Auch am Morgen ist der Himmel klar, schneidende Kälte bei Sonne, eine Art Eisdunst, ein eiskalter Hauch hängt über allem, und an den kahlen Zweigspitzen, wie Planeten, hunderttausende Tropfen. Allein die so blassen Farben verraten den Monat.

*

18. Februar
Aus dem frosttrockenen Hamburg der Küste entgegen und hinein in den Dunst, ins feuchtkalte Grau der zerstäubt über dem platten Land hängenden See. Der Himmel über Holstein, windstill, milchig weiß, voller Krähen, die in den kahlen Bäumen kein Versteck finden. Nach meiner Lesung in Wilster stand ich nachts vor dem Landgasthof wie auf dem Meeresgrund und sah dem Nebel zu, wie er sich über Deiche und Marschland wälzte. Eine berückende Stille, und am nächsten Morgen das schöne Gras, märz- oder aprilgrün fast. (Wilstermarsch)

*

19. Februar
Claude Simon schreibt 1961 in seinem Essay „Novelli oder das Problem der Sprache“, erschienen 2005 in „Les temps modernes“: „Die Sprache ist bloß Wetterleuchten, kurzes Aufblitzen, aufgeschnappte Brocken. Kaum erfasst, entzieht sich die prachtvolle Welt, entflieht, bildet sich neu, unaufhörlich von vorn begonnen, unaufhörlich bereit, von vorn zu beginnen. Sie ist das andauernde Wetterleuchten, die andauernde Überraschung, das andauernde Infragestellen, das andauernde Trugbild, der andauernde Kampf, in dem das Bewusstsein, dass er vergeblich ist, für den Menschen, der ihn gleichwohl ausficht, den schönsten Ruhmestitel darstellt.“

*

20. Februar
Am Morgen kündigt die Wettervorhersage einen heiter bis wolkigen, nachmittags sogar strahlend blauen Himmel an. Gegen Abend jedoch soll von Westen frischer Wind aufkommen und Ausläufer eines Regengebietes über Norddeutschland führen, die in den letzten zwei Tagen erneut die britischen Inseln heimgesucht hätten. – Wie erlebt man das Wetter an einem Tag, dessen Wetter im Voraus begründet, durchanalysiert, berechnet und vorhergesagt wurde? Es ist ein anderes Wetter als an Tagen, an denen Dich ein Platzregen überrascht oder ein plötzlich aufreißender Himmel voller Sonne. Du beobachtest die Vorgänge am Himmel wie die Bewegungen an den sichtbaren Aggregatteilen einer unverständlichen, vermeintlich unendlich komplizierten Maschine. Während ich von Flensburg über Rendsburg, Neumünster und Elmshorn zurückfahre nach Hamburg, klart die diesige Luft auf und erscheint wie aus dem weißen Nichts materaialisiert das Himmelsblau. Ich denke dabei an das über Newcastle-upon-Tyne, Birmingham und Manchester gegen den Uhrzeigersinn drehende Tiefdruckgebiet. Vorhersehbar wird der Himmel am späten Nachmittag über der Alster grau, und fast so, als könne es gar nicht anders sein, weil es meteorologisch so festgelegt wurde, frischt am frühen Abend der Wind auf und beginnt es zu regnen, raindrops falling on your head unsurprisingly?

*

21. Februar
Als dem Anwalt Gabriel John Utterson in Robert Louis Stevensons Novelle „Der merkwürdige Fall von Dr. Jekyll und Mr. Hyde“ erstmals der Verdacht kommt, sein alter Freund Jekyll könnte etwas mit den Verbrechen zu tun haben, die Edward Hyde zur Last gelegt werden, heißt es im Original: „And his blood ran cold in his veins.“ In älteren Übersetzungen lautet der Satz: „Und das Blut gefror ihm in den Adern“, eine Nuanceverschiebung der Metapher, die jedoch Stevenson im Original auch selber vornimmt, allerdings erst später, als sich nämlich Uttersons Verdacht allmählich bestätigt – weshalb schon bei der ersten Mutmaßung von gefrorenem Blut zu sprechen verfrüht ist. Auch lauert in dem Satz die Gefahr, aufs Glatteis der Metapher von der Kaltblütigkeit zu geraten. Der kalte Schauder, der einem durch und durch geht, das Blut, das auf einmal merklich in den Adern fließt, vermeintlich verlangsamt, weil es schockartig dickflüssiger ist, schockgefroren. Das unwirtliche Londoner Wetter ist wichtige Kulisse in „Dr Jekyll and Mr Hyde“. Ein noch größeres Augenmerk aber legt Stevenson auf eine Art Osmose zwischen erlebter, empfundener Witterung und ihren Auswirkungen auf die Gemütslage. Bei Stevenson hat auch die Psyche ihre klimatischen Bedingungen, ein Wetter der Seele. Die Welt, könnte man sagen, geht zu allen Zeiten fühlbar durch die Figuren hindurch: „Und das kalte Blut stockte ihm in den Adern.“

*

23. Februar
Das Ende des Winters. Wärme, Sonne, eine leichte Brise aus West. Binnen Stunden verwandelt sich die Stadt in eine freundliche Enklave. Tausende auf den Straßen, an den Ufern, in den Cafés, auf den Kinderspielplätzen. Ein Sonntag voller Zahnreihen, voller Fingerzeige auf knospende Erlen. Nur die kahlen Bäume erinnern noch an Ende Februar im vergangenen Jahr, als es nach vier Monaten Kälte erneut schneite und eisiger Nordostwind den Winter fortdauern ließ bis Mitte April: „die andauernde Überraschung, das andauernde Infragestellen, das andauernde Trugbild“. Angesichts solcher Februarwärme scheint das Ende des Winters gewiss. Und doch kann keiner sagen, ob nicht in sechs Wochen alles unter einer Schneedecke liegt. Es gibt Hinweise darauf, dass es nicht so sein wird, es gibt Erfahrungswerte, Wahrscheinlichkeiten, Ausschlussverfahren. Was wir Vorhersage nennen, ist keine. „Heute ist der erste Tag der Tage, die dir zu leben bleiben“, schrieb 1973 in seiner Erzählung „Schnee bis in die Niederungen“ Jörg Steiner, der im vergangenen Winter, am 20. Januar 2013 starb.

*

24. Februar
Februarfrühling an der Seine. Auch hier sind die Baumwipfel noch kahl, doch das Gras auf dem Marsfeld und in den Tuilerien ist schon kräftig grün. Linde, fast süße Luft strömt mit südlichem Wind durch die Straßen, und oben der hellblaue, leicht rosige Himmel mit kaum mehr Schleierwolken als Kondensstreifen. Am Trocadéro sitzen die Leute unter den Markisen der Straßencafés und beschweren sich über die Hitze der Heizstrahler. Tausende Menschen unter dem Eiffelturm, vor allem Touristen, denn in Paris sind Schulferien, und ganz in der Nähe umringen Hunderte Marion Cottilard, die für einen Film über das Leben und Sterben bedrohter Bären wirbt. Gemeinsam mit einem Dutzend Tierschutzaktivisten lässt sich die Schauspielerin in einen Käfig sperren und hält ein Schild vor die Gitterstäbe: I AM A CLIMATE DEFENDER. (Paris)

*

26. Februar
Am Himmel über Paris wandern die Wolken viel tiefer, und sie scheinen auch schneller ostwärts zu fluten. Durch die Champagne fahre ich in südöstlicher Richtung nach Lothringen hinein. In Nancy ist es kühl und grau, ein verlassener Herbsttag Ende Februar. Auch im französischen Fernsehen ist der gleichbleibend milde Winter Thema. Ein zerknitterter Meteorologe wagt die Vorhersage, dass spätestens Anfang April ein Kälteeinbruch bevorstehe, allerdings sind seine Argumente dürftig: Einen durchgehend warmen Winter habe er noch nie erlebt, sagt der Mann und wirkt wie aus Schnee. Er verweist auf Temperaturmessdaten aus französischen Großstädten. Einige sind darunter, wo es seit über vierzehn Monaten nicht mehr unter null Grad kalt war. Dagegen zeigen die Nachrichten aus der Ukraine noch immer Eis und Schnee, Schnee und Eis, verhärmte, tapfere Gesichter von Menschen mit Schal, Mütze, Mantel und manchmal einem Gewehr. Hellblau der Himmel über Montmartre. (Paris – Nancy – Paris)

*

28. Februar
Am Tag bedeckt, kühl, mit kaltem Nieselregen ab und an. Sobald es aber dunkel wird, klart der Himmel auf, als würden sich mit dem Grau des Lichts auch die Wolken verflüchtigen müssen, und die nackte Himmelsschwärze, in der die Sterne stehen und spät ein paar Sternschnuppen regnen, bringt frostige Nächte, feucht und feindlich. Ist dieses Einhergehen Zufall? Keiner Erklärung für diesen nachts aufklarenden Späthimmelwinter würde ich Glauben schenken. Mir, mit meinem winterlichen Gemüt, scheint es eher so zu sein, dass der Winter allen milden, allen allzu warmen Hindernissen trotzt und wenigstens nachts dem Erdboden Kälte spendet: eine Art winterlichen Stundenschlaf.

*