Der Inselwärter

Erzähl es den Bienen. Australisches Journal 16

Meine Angst vor der Tiefe des jenseits des Riffs rapide in die Unterwassernacht absinkenden Meeresbodens, vor einer Begegnung mit einer Muräne, eine Angst, die so alt ist wie meine Gedanken, mit einem Hai, einer Seespinne, einem Schwarm giftiger Quallen, die meterlange Nesselhakenfäden hinter sich herziehen, oder mit einem Zackenbarsch, meine Angst, dass mich im Wasser Panik packen könnte, ist zu groß, als dass ich wie der Rest der Gruppe da schwimmen und schnorcheln gehen könnte. Ich blicke auf das Wasser. Ich tauche nicht, nur meine Augen tauchen. Suppenschildkröte
Eine hell türkisgrüne Meeresschildkröte gaukelt vorüber. Ein so großer und so leuchtend roter, fast kreisrunder und schwarz gebänderter Fisch schwimmt so nah neben dem Boot her, dass ich staunend erstarre. Und mehrere nicht sehr, aber ausreichend große, hellbraune Haie kreisen wie geduckt umher, sodass sich ein Schwarm Füsilierfische vor ihren platten Schnauzen teilt und in zwei Richtungen davonschwirrt wie Finken vor einem Bussard.
Als die Taucher an Bord zurückgekehrt sind, posten einige ihre soeben unter Wasser geknipsten Bilder auf Facebook oder sonstwo, während ich hinüberblicke zur Mangroveninsel Woody Island, die zu betreten nicht nur verboten, sondern wohl auch unmöglich ist. Mich jedenfalls ließe die Furcht vor den dort im Salzschlamm zwischen den Wasserbäumen worauf auch immer wartenden Geschöpfen mit Sicherheit nicht sehr lange überleben.
Auf Low Island gibt es einen Leuchtturm, der im 19. Jahrhundert aus Schottland importiert wurde, ja vielleicht ist er das Werk von einem der Verwandten von Robert Louis Stevenson, die zu den führenden schottischen Leuchtturmkonstrukteuren zählen.
Bell Rock-Leuchtturm vor Arbroath Das Eiland, auf dem der schottische Leuchtturm steht, ist so winzig, das ich nach einem zehnminütigen Strandspaziergang an derselben unverändert im Sand hockenden Möwe vorbeikomme und sie mich fragend anblickt.
Ein Museum, das kaum größer ist als ein Fahrradschuppen, widmet sich der Geschichte von Low Island, der ersten Insel des Great Barrier Reef, die sich allein durch Wind und Sonne mit Strom versorgt. Es gibt allerdings nur einen einzigen Bewohner.
Und nicht immer ist er derselbe. Der Inselwärter, der Caretaker, wechselt alle drei Wochen, es gibt die Low Isles Preservation Society LIPS, die den ehrenamtlichen Posten vergibt. Die „Sailaway IV“, ein Segelkatamaran, dessen Dieselmotor nur in Küstennähe zum Einsatz kommt, bringt auch den Caretaker der vergangenen Wochen zurück nach Port Douglas: eine ältere, stämmige Dame, die von der Zusammenarbeit zwischen LIPS und den lokalen Aborigines erzählt. Low Isles
Der Skipper der „Sailaway“ erinnert sich an einen Inselwärter zu der Zeit, als er selbst ein Junge war. 1972 fuhr der Mann mit seinen beiden Söhnen in einem Dingi zur Insel hinaus, um sie vor einem aufziehenden Sturm zu sichern, und keiner der drei wurde je wiedergesehen.
Der Einzige, der dieser Erzählung erschüttert folgt, bin ich. Schließlich ist Australien der Kontinent des Verschwindens, ja ist das so sehr, dass man sich fragen muss, ob Australien als Ganzes nicht irgendwann mir nichts, dir nichts vom Erdboden verschwunden sein wird.
Denn hier verschwindet alles. Reihenweise gehen Leute im Outback verloren. Landstriche verbrennen. Ein Wirbelsturm vernichtet eine Zuckerrohrernte. Ein Premierminister versinkt in einem Kelpalgenwald. Tierarten sterben, wie es scheint, über Nacht aus. Ein Fluss vertrocknet. Man rodet Wälder, in denen seit Jahrtausenden Koalabären lebten und Fledermäuse, die es kaum sonstwo gibt auf der ganzen bedrohten fledermauslosen Welt.
Wallaby Alles ist von bedrohter Art, alles bedroht, Mangroven, Schnabeltiere, Dingos, Pagageien, die nur noch im Zoo leben. Touristenausflugslokale halten in Vitrinen Pythons und in stacheldrahtgesicherten Käfigen Wallabys mit so traurigen Augen, das man erschüttert ins Knie bricht. Niemand weiß, ob es den Tasmanischen Beutelwolf noch gibt. Man sucht nach ihm, aber gefunden wurde er auch nach Jahrzehnten nicht.
Lagunen werden zu Bahnhöfen, Dürren verheeren eine Region, die so groß ist wie das große Polen. Die Ureinwohner Tasmaniens wurden ausgelöscht bis auf eine Frau und einen Mann. Und ein anderer, einer, der eine Koralleninsel in seiner Obhut hat, fährt mit seinen Söhnen in einem kleinen Motorboot aufs Meer hinaus.
Er fährt und fährt und fährt und fährt und merkt dabei gar nicht, dass er und die zwei Jungs längst gestorben sind.

Fotos: Suppenschildkröte (1), von Robert Louis Stevensons Großvater erbauter Leuchtturm vor dem schottischen Arbroath (2), die Low Isles im Great Barrier Reef: Woody Island, links, und Low Island, rechts (3), Wallaby (4)

Ein Lebensrahmen

Erzähl es den Bienen. Australisches Journal 2

Meine Erzählung, fürchte ich, verfehlt das Thema. Ich sehe mich außerstande, ein Klima zu beurteilen, ja nicht einmal das Hamburger oder das nord- oder mitteleuropäische traue ich mir zu, mit dem süd- oder südostaustralischen Klima vergleichen zu können. Woran mag das liegen? Das Klima scheint mir eine viel größere, umfassendere und komplexere Erzählung als diejenige, der ich folge, weil ich in ihr lese, seit ich denken kann. Wahrscheinlich bin ich hoffnungsloser Empiriker, mit Sicherheit aber unverbesserlicher Altruist. Ich lese das Wetter, folge ihm täglich, bin mehr oder minder einverstanden mit Regen, Regen, Regen, dreihundert Tage Regen am Stück sind in Hamburg ja noch lange kein Grund zur Verzweiflung. Das Wetter spielt in meinem Schreiben, im Denken und Fühlen und Handeln meiner Figuren und in den Bildern, Bezügen und der Musik meiner Gedichte eine mindestens so wichtige Rolle wie die Psychologie, die Moral, der Zweifel oder die Einbildungskraft. Das Wetter ist für mich, für mein Leben, eine konstituierende Größe. Das Klima, um ehrlich zu sein, gibt es für mich gar nicht. Ich wüsste nicht mal zu sagen, was unter dem Begriff verstanden wird. In ähnlichem Verhältnis zueinander wie Klima und Wetter stehen für mich wohl Religion und Glaube. Die Religion, das Religiöse entzieht sich meiner Kenntnis, meinem Fassungsvermögen, auch meinem Interesse. Glaube ist für mich von existientieller Bedeutung, eine Zwiesprache, ein Prüfstand, ein Halt, ein Lebensrahmen.

„A cultural response to climate change“ wird hier in Melbourne in einer Runde aus Kulturschaffenden eingefordert, und ich denke so im Stillen meiner Fremdsprachigkeit, vielleicht wäre ja auch „a cultural change of climate response“ in Erwägung zu ziehen. Es ist am Ende ja doch zwecklos, träumen zu wollen, wenn du nicht schlafen kannst. Abgesehen davon, dass es Menschen gibt, die träumen, und Menschen, die die Betten machen. Keiner sollte den anderen außer acht lassen.

Nach anderthalb Tagen Flug um die halbe Welt

Erzähl es den Bienen. Australisches Journal 1

Das schöne Licht am hellen Morgen über Melbourne – als sollte die Welt, der ganze Süden, einzig hellblau sein. Ich sah oder hörte noch keinen einzigen Vogel, dafür aber die ganze Nacht hindurch das Gezwitscher einer Klimaanlage vom Dach des Nachbarwohnturms, ganz so als würde dort ein Wellensittichschwarm rasten. Ein laut anschwellendes Windmühlflügelschlagen war plötzlich zu hören, vielleicht ein Traum, dann aber kam eine Feuerwehrsirene durch die Straßenschluchten gerauscht. Nach anderthalb Tagen Flug um die halbe Welt – von Abu Dhabi weiter über Sri Lanka und den Indischen Ozean hinweg, vorbei an Perth und Adelaide – der geruhsamste Schlummer seit Monaten. Aufzuwachen in solchem Licht – aus der Unwirklichkeit in deinem Leben einmal so erwachen.

Und vergiss nicht: Du bist aus dem Frühling in den Herbst geflogen. Unterwegs, wo war da Sommer? Der herbstliche April wird mir erst in den Carlton Gardens bewusst, wo ich unter den alten Platanen und Kastanien hindurchgehe und die ersten seltsamen Vögel höre, ein Knorren und Quietschen, ein aufgeregtes Davonstürzen, kein Rascheln, ein Rasseln, Rattern. Überall liegt Laub, doch die Luft ist lind, ein warmer Wind, ein Schleierwolkenhimmel, bloß mit dreimal größeren Gewölken als über Hamburg, Frankfurt oder Paris. Immer wieder in den ersten Tagen in Melbourne beobachte ich mächtige Wolkenfelder, die meist aus Westen herangeflutet kommen über den Yarra River und unfassbar schnell zu sein scheinen, auch wenn der Wind die Baumkronen nur mäßig in Bewegung bringt. So schnell, wie es dunklel wird, kaum zwanzig Minuten dauert die Dämmerung, so rasch verändert sich das Wetter. Einem kühlen Regenmorgen folgt zwei Stunden später ein strahlender und warmer Mittag, ein von Böen zerpflückter, von Wolkenbergen verdunkelter Nachmittag, ein Abend, an dem durch den Sonnenuntergang am orangenen Himmel drei Fregattvögel ihre Kreise ziehen.

Der unverständliche Himmel

Wetterbeobachtungen

Then felt I like some watcher of the skies
When a new planet swims into his ken
John Keats

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April
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Apr
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A
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2. April
Nach einem überaschend kühlen Tag, erst dunstig und feucht, dann trocken, windig, ist die Wärme zurück: dieser verfrühte, beseligende März- und jetzt Aprilsommer. Wenige dunkelblau schattierte Wolken wie langsame Fische im blassblauen Himmelsaquarium; noch immer die weiten Räume fürs Blickfeld. Denn die Bäume knospen zwar, sind aber immer noch unbelaubt, zögerlich, können die Wärme nicht glauben oder ihr so früh, so rasch nicht nachkommen. Vorfrühlingskalt die Vormittage, Mittage wie im Mai, Juni am Nachmittag. Ehe dann die durchdringende Abendkühle kommt, die frösteln macht und die Vögel in ihre Verstecke treibt. Also lebt sie weiter – die erste Mücke, heiter, neugierig, Blitzchen.

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3. April
Gespräch im Bus, die Leute in T-Shirt, Hemd, Bluse, Sommerkleid: „Solche herrlichen Tage. Aber richtig genießen kann ich sie nicht, ich denke immer: Das ist der Klimawandel. Und manchmal …“, das junge Mädchen lacht, „… ach, schöner Klimawandel.“ Als ich dann ausstieg, traf mich der würzige Duft nach sommerlicher Erde wie ein Schlag. An täglich satter grünen Hecken entlang ging ich heim, im Gesicht leichten Wind aus Osten, unter wolkenlosem Himmel. Ein rosiger Lichtschimmer am frühen Abend. Das innere Australien beginnt. In drei Wochen werde ich in Melbourne sein. Freunde sprechen Mut zu, ich solle ohne Sorge sein, schon des Lichts wegen.

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4. April
Mit einem Mal, über Nacht, ist es so, wie wir in Hamburg es kennen: kühler, grauer April, grausamster Monat, weil der Frühling schon durch Mark und Bein geht, plötzlich dicke Tropfen, heavy rain, a Starnberger See coming down, stundenlanges Prasseln, und wenn ich nach den sonnigen Wochen auch gelassen bleibe, die Sonne im Innern habe, I got sunshine in my stomach, so bin ich doch verwundert, nein immer wieder verstört, sagten die Meteorologen doch ein ganz anderes Wetter voraus, eines, das ausbleibt, das ich aber gern erlebt hätte: einen warmen Südwind, der angeblich Sandstaub aus der Sahara mit sich führt und für einen Gelbschimmer am Himmel sorgt – die Wettervorhersage ist eine Erzählung, weniger spekulativ als vielmehr fiktiv, unsicher und haltlos, daher Sicherheit vorgebend und suchend, tastend nach Halt. Den es nicht gibt.

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5. April
Dreißig Stunden Regen haben dafür gesorgt, dass aus zaghaftem Knospen und Aufbrechen allenthalben ein vielfältig grünes Strotzen geworden ist. Die Vögel, ich wusste es immer schon, sie sind in Wahrheit Fische, die Meise Makrele, die Amsel Aal, die Drossel Dorade. Sie alle wollen vernünftig sein, sind es zum Glück aber nicht und schnellen durch die nasse Luft. Und der ausgetrocknete Boden saugt schmatzend das Wasser auf. Wie schön. Der Himmel schiebt Wolke auf Wolke wie ich Wort an Wort. „Dünnes Land, die Schwebe haltend und / das tragende Wasser tragend, die Vögel / sind ja nicht schwer. / Der Deich führt in die Regenhalle“, schreibt Nicolas Born.

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7. April
Im Oberallgäu die schmutzigen Schneereste auf den Berghängen wie Krüppelgletscher, und in der Ferne leuchten die weißen Alpen durch den weithin wolkenlosen Tag. – Butterblumen-, Dotterblumen-, Löwenzahnwiesen, ein schon viel saftigeres, satteres Grün. Auch in Augsburg ist anscheinend bereits Sommer, das Leben auf den Straßen in vollem Gang, aber wo und wann wäre es das nicht. Hellgrün, licht, fast durchsichtig sind die Kuppeln der Bäume am Stadtgraben. (Immenstadt, Augsburg)

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8. April
Der angekündigte Temperatursturz um bis zu zehn Grad ist ausgeblieben – oder eingetreten in abgemilderter Form. Warum können die das nicht vorausberechnen? Oder gehen sie von Daten aus, die keine Grundlage mehr haben? Grundlage worauf? Bestimmt können sie ihr Danebenraten exakt erklären. Nachts den Regen bei aufkommendem starken Wind dürfte es gar nicht geben, dicht verhangen der Himmel, aus dem verwirrend warmer Wind weht. „Wenn es grau ist, soll es regnen“, sagt der Taxifahrer, „daran stört sich kein Mensch“, und ein vorbeigehendes Kind: „Es ist so warm, ich schwitze mir einen Ast.“ (Augsburg)

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9. April
Wolken.8.April.1Nordwind über dem Kinzigtal, den ganzen Tag am Himmel ein großes Wolkenspektakel. Bauchige, gezackte, bucklige fahlweiße Wolken weit droben, darunter hinströmend ein tiefschwarzes, unten plattes, oft turmartig ins Blau ragendes Gewölk. Bestimmt hat die Wissenschaft Namen dafür, um sie zu sortieren, zu kategorisieren, wiedererkennbar zu machen und einzustufen als harmlos, nützlich, was immer. Vielleicht Stratocumuluswolken. Unberechenbar und flüchtig, wie das Wesen der Dichtung, jedes Wesen. Gedichte könnten auch Wolken, jeder Gedichtband könnte „Stratocumuluswolken“ heißen. Wolkenpferde. Gegen Abend schickt die sinkende Sonne gleißendes Licht durch alle Löcher und Ritzen in dem ganzen Wasserdampf, dem ganzen Nichts. (Offenburg) Bild: Juliette Aubert

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11. April
„Das ist die burgundische Pforte“, sagt der Imker und pensionierte Dorfschullehrer zu mir und meint den Ursprung des warmen Tages, des strahlenden Lichts über dem Markgräfler Land. „Zwischen Schweizer Jura und Vogesen die schmale Passage – dort hindurch kommt der spanische Wind.“ Bei leichtem Föhn kann ich in der Ferne den Säntis sehen. Zwei Tage lang ein freundliches Himmelhellblau. Auffallend breit aufgefächerte Schleierwolken, die sich zussamentun und breiter und breiter werden mit sie kreuzenden Kondensstreifen. Der Imker erzählt von der Milbenpest, eingeschleppt von der Kamtschatkabiene, Versuchstieren eines biologischen Instituts. Er erzählt von Blattläusen und Ameisen und davon, wie die Bienen auf sie achten – die Poesie der Bedeutungen in der Sprache der Imker. Krieg, sagt er, gebe es nicht unter Bienenvölkern, „aber erbitterte Räubereien mit weitreichenden Folgen. Dieses zauberhafte Wetter ist gut nicht nur für uns, auch die Biene schätzt es.“ (Jestetten)

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13. April
Im äußersten Südwesten war Sommer, 23 Grad, als ich zurück nach Norden fuhr, und stündlich wurden die Wolken dichter, das Licht trüber, und ging die Temperatur zurück. In Hamburg 12 Grad, Nieselregen, kühler Westwind, keine burgundische, eine atlantische Pforte ist das Elbtal. Binnen einer Woche ist der Frühling weit vorangerückt, die Kahlheit verschwunden, das Blühen einem Sprießen gewichen. Everything’s gone green. Noch immer fluten mächtige Wolkengetüme ostwärts über Stadt und Strom, Wolken wie Krähen, die laut wirken, aber seltsam stumm sind. Die Wettervorhersage spricht von wechselhafter Witterung und hält sich damit alles offen. Das immerhin spiegelt der Himmel wider, Mitte April, alles scheint möglich. (Baden-Baden – Hamburg)

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16. April
Der Reichtum des April! Sonne, Wind, die Winterkälte, die Maiwärme, Knsospen, Frieren, weite Stille, Nähe, die tschilpt. Wolkenlose Nächte bringen dir Nachtfrost, du deckst die Balkonpflanzen wieder ab, und am Morgen sitzen zitternd Hummeln auf den Töpfen. Du im dünnen Mantel deiner Zuversicht gehst bibbernd hinauf ins Dorf, Kinder spielen auf den Straßen und Wiesen, und während du in der Post am Schalter wartest, halten finstere Wolken über der Kreuzung und zerbesten. Vorgestern vier Hagelschauer, und dunkelblau-violette Abendhimmel mit vereinzelten Sternen. Tags turnen die Kinder an den Spielgeräten – und kommen heim mit eisigen Händen. „Zausflaum“ nennt Hopkins, nennt Waterhouse die weit und breit aufgefächerten Wolken. Ein Kondesstreifen streicht sie durch.

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20. April
Der Flieder blüht. Durch die Gezweige im Garten flattert die erste Wacholderdrossel. Nach ein paar kühleren Tagen mit feuchtkalter Luft und beißendem Westwind kündigt sich zu Ostern ein schöner Mai an. Vorausgesagt sind für kommende Woche sommerliche 27 Grad – die ich nicht erleben werde. Morgen fliege ich über Abu Dhabi nach Melbourne, in den südaustralischen Frühherbst. Ein zu allem bereites Grün auf den Wiesen, im Hamburger Gras. Die Leute im Freien – freie Leute. In der Luft hängt der Holzrauchgeruch der Osterfeuer, und die Farbe der Nacht schwankt zwischen Tiefblau und Lila, beinahe Purpur. „Kein Kind mehr wach. Kein Vogel im Himmel“, schreibt Peter Handke in „In einer dunklen Nacht ging ich aus meinem stillen Haus“. „Dafür war dort eine Wolke, eine grauweiße große Haufenwolke, am oberen Rand vielfach gebuckelt, die langsam nach Osten zog, wie auf Wallfahrt; als wallfahrtete sie. Es hätte auch nach Westen sein können, und es hätte auch am Morgen sein können.“ Was das Wetter in der Poesie ist, vollzieht sich ab diesem „Dafür“. Auf, nach Australien, meinetwegen!

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21. April
Wie viele tausend Kilometer bin ich über den Wolken geflogen, über Budapest, Bukarest, Ankara, Beirut, Baghdad, Kuwait und Bahrain nach Abu Dhabi? Keine zwanzig Meter ging ich dort im Freien von der Gangway zum Shuttlebus. In der Dunkelheit auf dem Rollfeld schwamm das Kerosin in der 30 Grad heißen Luft. (Abu Dhabi)

*

Aufwachen in Melbourne

Das ist also Melbourne: am Morgen
getaucht in ein Hellblau, das herab-,
auf die Dächer heruntergefallen scheint.
Kräne, Blätter hochwirbelnde Straßen-
bahnen. Vorbeirauschen kahle Platanen.
Und Gottes Atemwolken ziehen nord-
wärts nach Wagga Wagga.
Die längsten
denkbaren Finger öffnen das Schließ-
fach des Himmels, bis es taghell wird,
so schnell, dass du erschrickst Ecke-
Swanston-und-Franklin. Rede nicht nur,
bloß um dich umzudrehen und wegzu-
gehen. Sprich mit ihr.
Sie ist ein Regen,
die Welt, und liebt die fünf Sinne. Über-
schwemmt dich. Ist zartfühlend, ist schroff
oder Buschfeuer. Sie kommt durch die-
ses Fenster, in deine Augen, mit allem
Licht erwartet sie dich an deinem aller-
ersten Aprilherbstmorgen in Melbourne.

Für Emma Lew

Der unverständliche Himmel

Wetterbeobachtungen

Then felt I like some watcher of the skies
When a new planet swims into his ken
John Keats

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Februar
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Feb
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F
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1. Februar
Nach wochenlangem Frost schmilzt der Eispanzer. Zwölf Stunden Regen bei vier bis sechs Grad reichen aus, um den Boden in ein graues Matschmeer zu verwandeln. Eisschollentreiben auf der Elbe, ein böiger Westwind, ein trotziges Stiefel-, Schal- und Mantelgeschiebe in den Fußgängerzonen. Kaum Licht, milchige Dämmerung, kein Fleck blauen Himmels, keine Wolken, glockig über der Stadt eine einzige Wolke, die kühl, feuchtkalt sogar durch dich hindurchzufluten scheint. Kaltes, feindliches Wasser: Wasser, das überall nur Wasser will.

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2. Februar
Während Österreich und der Balkan im Schnee versinken und während aus Spanien und Irland Überschwemmungen gemeldet werden, blinken hier vor den Fenstern Schneereste in den Gärten. Schon am frühen Morgen kündigt das helle Licht mit rosigem Schimmer einen freundlich milden Tag an. Seltsam stillstehende Schleierwolken am westlichen Himmel bei kaum mehr Wind. Die Außenalster ist von tiefem winterlichen Schwarz, und dennoch zieht es hunderte Spaziergänger an diesem ersten schönen Tag seit langen Wochen an die Ufer. Wo ist der blaue Himmel? Er spiegelt sich in allen Pfützen. In allen Augen wird er gesucht und gefunden.

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3. Februar
In Kiew stehen die Barrikaden der Opposition noch immer in tiefem Schnee. Vitali Klitschko ist seit Wochen nur im Anorak zu sehen, nicht auszumachen, ob er darunter eine kugelsichere Weste trägt. Nur unterbrochen von der einwöchigen Reise nach Madeira kurz vor Weihnachten trage auch ich seit Anfang Dezember eine Weste, allerdings allein gegen die fortwährende, meist feuchte Kälte. Am Morgen strenger, sehr trockener Frost. Die Dächer, die Straßen, die Grünflächen, alles ist weiß und glitzert von Eiskristallen. Beim Verlassen der Stadt überquert der Zug die weiße Elbe, auf der sich die Schollen stromaufwärts wälzen, jede von ihnen seit Stunden hereingedrückt von der aufgewühlten, bitterkalten Nordsee. Schon in der Lüneburger Heide beginnt der Nebel, und dichter und immer dichter werdend bildet er eine zusammenhängende Bodenwolkenformation bis südlich von Göttingen, aus der verschneite Baumwipfel ragen. Schon nördlich von Kassel ist der Winter wieder vorüber, und am Main ist es zwar kühl und grau, doch in der Luft, da liegt bereits etwas von Frühling. Es ist ein kühler grauer Vorfrühlingstag, Trakls Geburtstag. (Frankfurt am Main)

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4. Februar
Noch weiter südlich, in Mannheim, in Stuttgart, ist die Luft beinahe lind, lind-kühl, wenn es das gibt. Ein blässlich rosiger Schimmer kommt mit dem Licht. Ja, es ist ein Märzlicht. Im Schlosspark sind noch alle Laubbäume völlig kahl, doch dem Gras, das hier schon sattgrün ist, und den Vögeln, die schon singen, merkt man an, dass etwas zu Ende geht. Ein Eichhörnchen flitzt zwischen den Gärtnern umher, die mit Hacken und Harken Nüsse und Eicheln aus dem Boden hervorholen. Und die Wolken sind zwar dicht, doch lassen überall, wie an Wolkennahtstellen, das Himmelsblau durchscheinen. Ist es deshalb so viel milder? Oder weil der Boden schon lange nicht mehr gefroren ist? (Ludwigsburg)

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6. Februar
Vorfrühlingsgefühl – woher? Entgegen der Wettervorhersagen ein milchigweißer Tag, allerdings zunehmend mild, nicht warm, nicht kühl. Von Schnee und Eis ist kaum mehr etwas geblieben, die Wiesen matschig, voll schwarzem Laub eines lange vergessenen Herbstes. Mit der Dämmerung aber kommt dieses rosige Licht, von dem man nicht weiß, ob die Dinge es nicht selber erzeugen. Und da der strenge Abendfrost der letzten Wochen ausbleibt, sind Leute im Freien unterwegs, zumeist Jungs, die im Halbdunkel des Schulhofs noch rumkicken. Ist es also eine Art vorweggenommenes Sommerecho, das Vorfrühlingsgefühl? Frag doch die Wildgänse. Denn sie sind wieder da, und schon wieder, noch immer, haben die winterdürren Drosseln nichts als Spott für sie übrig.

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7. Februar
Den ganzen Tag lang regnet es und wird der Regen stärker. Dabei ist es beinahe schon warm, selbst in der Abenddunkelheit. Am erstaunlichsten an diesem milden und wechselhaften Februarbeginn ist der unvermittelt auffrischende, mitunter heftig böige Westwind, dem ein kräftiger Seegeruch anhaftet. Weiter östlich, sagt man mir am Telefon, wütet dieser Sturm in den ungeschützten Geestdörfern. Für solche über die Ebenen preschenden Winde scheint es im Deutschen keine Namen (mehr) zu geben. Eine „Fallbö“ ist ein starker, nicht horizontal einfallender Windstoß. Die horizontalen Böen aber sind namenlos, vielleicht weil sie uns allerorten entgegenwehen können und, so scheint es, von allem Möglichen abzuhalten versuchen.

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9. Februar
Elbspaziergang westlich von Hamburg, in Wedel. „Das Wetter spielt nicht mit“ – was heißt das eigentlich? Bis zum frühen Nachmittag war der Tag heiter, „heiter bis wolkig“, ein helles Blau leuchtete überall durch die immer rascher von Westen hereinflutenden Wolken: Vorboten des Regengebiets, das dann einherging mit kühlen Windböen, dicken Tropfen, grauem Licht. Wobei oder worin spielt das Wetter nicht mit? In meiner, in wessen Vorstellung? In wessen Plan? „Nur das Wetter hat nicht mitgespielt“ – es wäre ein guter Plan gewesen, könnte man sich auf das Wetter verlassen. Das nicht zu Planende, das Unverlässliche, das trotz aller vermeintlichen Berechenbarkeit dem Zufall der vielfältigen Gegebenheiten Unterworfene: das Wetter. „… ob wir spazieren gehen können“ – „whether we can go for a walk“: „whether the weather says that we can go out.“ Im Deutschen ist dieses „whether“, dieses „ob“, zum „weder“ geworden. Zwischen Wetter und weder.

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11. Februar
Ich kann mir nicht vorstellen, dass der Winter noch einmal zurückkehrt. Es ist nicht zu warm dafür, auch heute kaum zehn Grad. Nein, etwas an diesem rosigen, immer öfter auch goldenen Licht sagt es mir. Wetterfühlig bin ich gar nicht, vielleicht aber wettersichtig? Oder wettersinnig. Ich horche auf, wenn nachts die Wildgänse übers Haus ziehen. Und sah heute einen Schwarm Stare einherflattern. Ein blassblauer Wolkenhimmel, schon gestern: kein Regen. Obwohl das missverständlich ausgedrückt ist. Denn das ist es ja: Alles regt sich, reckt sich oder bereitet sich zumindest darauf vor. Überall Regen, Botschaften des Regens.

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12. Februar
Eine erstaunliche Mondcorona: In den Regenbogenfarben umkränzen Wolkenränder den Mond, dass es scheint, als würde der Nachthimmel spielen. Währenddessen wird von Überschwemmungen und heftigen Stürmen berichtet, die die britischen Inseln heimsuchen. Im Englischen gibt es einen schönen Ausdruck für Regenwolken: „the scud“; ich frage mich, ob das deutsche „es schüttet“ damit zusammenhängen kann.

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13. Februar
Es schüttet.

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14. Februar
Auffrischender Westwind am Abend bringt neuen Regen, das Meer nicht vor der Haustür, das Meer überm Dach. Solange es tagsüber trocken war, schien die helle, blassgoldene Sonne eines verfrühten Märztages. In Berlin saßen die Leute schon in den Straßencafés, in Hamburg holen sie ihre Cabrio-Oldtimer aus den Garagen. Keine Knospen, alle Bäume kahl. Und die Gesichter noch fast alle in sich gekehrt, über Schal, Anorak, Mantel. Der Wind ist es, der das Wetter in beiden Städten so unterschiedlich sein lässt: an der Spree Windstille oder frostiger Ostwind, an der Elbe nur selten der schöne, von Boden und Wäldern gesättigte Ost. Dafür an 300 Tagen im Jahr Wasserwind, aus Westen das Meer, das durch die Lüfte kommt und niedergeht als Regen. (Berlin, Hamburg)

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16. Februar
Klare Vollmondnächte. Am Tag eine so linde Luft, ein noch ganz feiner Frühlingsduft, dass niemand auf die Idee käme, es wäre erst Mitte Februar. Selbst März ist zu wenig gesagt. Ein absurd früher, merkwürdig kahler Mai. Und stellst du die Nachrichten an, hörst du von England, Irland, Schottland und Wales, wie dort die Küsten- und Uferlandschaften nach wochenlangem Dauerregen in Wasser und Schlamm versinken. Ab und an treiben ausgedehnte schwarzbäuchige Wolken von Westen heran. Sie scheinen zu schlafen, sich auszuruhen vom Regnen, warten vielleicht auf ein Meer im Osten, über dem sie zu neuer Kraft fänden. Aber da gibt es kein Meer. Immer hast du dich gefragt, woher die Wolken kommen, nie aber, wohin sie ziehen.

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17. Februar
Nachtfrost – da keine Wolken, nehme ich an. Auch am Morgen ist der Himmel klar, schneidende Kälte bei Sonne, eine Art Eisdunst, ein eiskalter Hauch hängt über allem, und an den kahlen Zweigspitzen, wie Planeten, hunderttausende Tropfen. Allein die so blassen Farben verraten den Monat.

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18. Februar
Aus dem frosttrockenen Hamburg der Küste entgegen und hinein in den Dunst, ins feuchtkalte Grau der zerstäubt über dem platten Land hängenden See. Der Himmel über Holstein, windstill, milchig weiß, voller Krähen, die in den kahlen Bäumen kein Versteck finden. Nach meiner Lesung in Wilster stand ich nachts vor dem Landgasthof wie auf dem Meeresgrund und sah dem Nebel zu, wie er sich über Deiche und Marschland wälzte. Eine berückende Stille, und am nächsten Morgen das schöne Gras, märz- oder aprilgrün fast. (Wilstermarsch)

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19. Februar
Claude Simon schreibt 1961 in seinem Essay „Novelli oder das Problem der Sprache“, erschienen 2005 in „Les temps modernes“: „Die Sprache ist bloß Wetterleuchten, kurzes Aufblitzen, aufgeschnappte Brocken. Kaum erfasst, entzieht sich die prachtvolle Welt, entflieht, bildet sich neu, unaufhörlich von vorn begonnen, unaufhörlich bereit, von vorn zu beginnen. Sie ist das andauernde Wetterleuchten, die andauernde Überraschung, das andauernde Infragestellen, das andauernde Trugbild, der andauernde Kampf, in dem das Bewusstsein, dass er vergeblich ist, für den Menschen, der ihn gleichwohl ausficht, den schönsten Ruhmestitel darstellt.“

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20. Februar
Am Morgen kündigt die Wettervorhersage einen heiter bis wolkigen, nachmittags sogar strahlend blauen Himmel an. Gegen Abend jedoch soll von Westen frischer Wind aufkommen und Ausläufer eines Regengebietes über Norddeutschland führen, die in den letzten zwei Tagen erneut die britischen Inseln heimgesucht hätten. – Wie erlebt man das Wetter an einem Tag, dessen Wetter im Voraus begründet, durchanalysiert, berechnet und vorhergesagt wurde? Es ist ein anderes Wetter als an Tagen, an denen Dich ein Platzregen überrascht oder ein plötzlich aufreißender Himmel voller Sonne. Du beobachtest die Vorgänge am Himmel wie die Bewegungen an den sichtbaren Aggregatteilen einer unverständlichen, vermeintlich unendlich komplizierten Maschine. Während ich von Flensburg über Rendsburg, Neumünster und Elmshorn zurückfahre nach Hamburg, klart die diesige Luft auf und erscheint wie aus dem weißen Nichts materaialisiert das Himmelsblau. Ich denke dabei an das über Newcastle-upon-Tyne, Birmingham und Manchester gegen den Uhrzeigersinn drehende Tiefdruckgebiet. Vorhersehbar wird der Himmel am späten Nachmittag über der Alster grau, und fast so, als könne es gar nicht anders sein, weil es meteorologisch so festgelegt wurde, frischt am frühen Abend der Wind auf und beginnt es zu regnen, raindrops falling on your head unsurprisingly?

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21. Februar
Als dem Anwalt Gabriel John Utterson in Robert Louis Stevensons Novelle „Der merkwürdige Fall von Dr. Jekyll und Mr. Hyde“ erstmals der Verdacht kommt, sein alter Freund Jekyll könnte etwas mit den Verbrechen zu tun haben, die Edward Hyde zur Last gelegt werden, heißt es im Original: „And his blood ran cold in his veins.“ In älteren Übersetzungen lautet der Satz: „Und das Blut gefror ihm in den Adern“, eine Nuanceverschiebung der Metapher, die jedoch Stevenson im Original auch selber vornimmt, allerdings erst später, als sich nämlich Uttersons Verdacht allmählich bestätigt – weshalb schon bei der ersten Mutmaßung von gefrorenem Blut zu sprechen verfrüht ist. Auch lauert in dem Satz die Gefahr, aufs Glatteis der Metapher von der Kaltblütigkeit zu geraten. Der kalte Schauder, der einem durch und durch geht, das Blut, das auf einmal merklich in den Adern fließt, vermeintlich verlangsamt, weil es schockartig dickflüssiger ist, schockgefroren. Das unwirtliche Londoner Wetter ist wichtige Kulisse in „Dr Jekyll and Mr Hyde“. Ein noch größeres Augenmerk aber legt Stevenson auf eine Art Osmose zwischen erlebter, empfundener Witterung und ihren Auswirkungen auf die Gemütslage. Bei Stevenson hat auch die Psyche ihre klimatischen Bedingungen, ein Wetter der Seele. Die Welt, könnte man sagen, geht zu allen Zeiten fühlbar durch die Figuren hindurch: „Und das kalte Blut stockte ihm in den Adern.“

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23. Februar
Das Ende des Winters. Wärme, Sonne, eine leichte Brise aus West. Binnen Stunden verwandelt sich die Stadt in eine freundliche Enklave. Tausende auf den Straßen, an den Ufern, in den Cafés, auf den Kinderspielplätzen. Ein Sonntag voller Zahnreihen, voller Fingerzeige auf knospende Erlen. Nur die kahlen Bäume erinnern noch an Ende Februar im vergangenen Jahr, als es nach vier Monaten Kälte erneut schneite und eisiger Nordostwind den Winter fortdauern ließ bis Mitte April: „die andauernde Überraschung, das andauernde Infragestellen, das andauernde Trugbild“. Angesichts solcher Februarwärme scheint das Ende des Winters gewiss. Und doch kann keiner sagen, ob nicht in sechs Wochen alles unter einer Schneedecke liegt. Es gibt Hinweise darauf, dass es nicht so sein wird, es gibt Erfahrungswerte, Wahrscheinlichkeiten, Ausschlussverfahren. Was wir Vorhersage nennen, ist keine. „Heute ist der erste Tag der Tage, die dir zu leben bleiben“, schrieb 1973 in seiner Erzählung „Schnee bis in die Niederungen“ Jörg Steiner, der im vergangenen Winter, am 20. Januar 2013 starb.

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24. Februar
Februarfrühling an der Seine. Auch hier sind die Baumwipfel noch kahl, doch das Gras auf dem Marsfeld und in den Tuilerien ist schon kräftig grün. Linde, fast süße Luft strömt mit südlichem Wind durch die Straßen, und oben der hellblaue, leicht rosige Himmel mit kaum mehr Schleierwolken als Kondensstreifen. Am Trocadéro sitzen die Leute unter den Markisen der Straßencafés und beschweren sich über die Hitze der Heizstrahler. Tausende Menschen unter dem Eiffelturm, vor allem Touristen, denn in Paris sind Schulferien, und ganz in der Nähe umringen Hunderte Marion Cottilard, die für einen Film über das Leben und Sterben bedrohter Bären wirbt. Gemeinsam mit einem Dutzend Tierschutzaktivisten lässt sich die Schauspielerin in einen Käfig sperren und hält ein Schild vor die Gitterstäbe: I AM A CLIMATE DEFENDER. (Paris)

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26. Februar
Am Himmel über Paris wandern die Wolken viel tiefer, und sie scheinen auch schneller ostwärts zu fluten. Durch die Champagne fahre ich in südöstlicher Richtung nach Lothringen hinein. In Nancy ist es kühl und grau, ein verlassener Herbsttag Ende Februar. Auch im französischen Fernsehen ist der gleichbleibend milde Winter Thema. Ein zerknitterter Meteorologe wagt die Vorhersage, dass spätestens Anfang April ein Kälteeinbruch bevorstehe, allerdings sind seine Argumente dürftig: Einen durchgehend warmen Winter habe er noch nie erlebt, sagt der Mann und wirkt wie aus Schnee. Er verweist auf Temperaturmessdaten aus französischen Großstädten. Einige sind darunter, wo es seit über vierzehn Monaten nicht mehr unter null Grad kalt war. Dagegen zeigen die Nachrichten aus der Ukraine noch immer Eis und Schnee, Schnee und Eis, verhärmte, tapfere Gesichter von Menschen mit Schal, Mütze, Mantel und manchmal einem Gewehr. Hellblau der Himmel über Montmartre. (Paris – Nancy – Paris)

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28. Februar
Am Tag bedeckt, kühl, mit kaltem Nieselregen ab und an. Sobald es aber dunkel wird, klart der Himmel auf, als würden sich mit dem Grau des Lichts auch die Wolken verflüchtigen müssen, und die nackte Himmelsschwärze, in der die Sterne stehen und spät ein paar Sternschnuppen regnen, bringt frostige Nächte, feucht und feindlich. Ist dieses Einhergehen Zufall? Keiner Erklärung für diesen nachts aufklarenden Späthimmelwinter würde ich Glauben schenken. Mir, mit meinem winterlichen Gemüt, scheint es eher so zu sein, dass der Winter allen milden, allen allzu warmen Hindernissen trotzt und wenigstens nachts dem Erdboden Kälte spendet: eine Art winterlichen Stundenschlaf.

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Nebel

Der Himmel über der Antarktis war weiß. Die Berge der Inseln, das Wasser, die Luft, alles weiß. Nebeltage im Eismeer. In der Elsehul Bucht der Insel Südgeorgien sah ich Robbenkolonien. Während sie da zu Tausenden auf den Steinstränden dösten, umgeben von Eselspinguinen und See-Elefanten, stand neben mir an der Reling der Schiffsmeteorologe und erzählte, oft schon habe er sich vorgestellt, eine Ohrenrobbe zu sein, die durch dies türkisblaue Wasser gaukelt, nicht anders als ein Grünfink an einem Sommertag durch die blaue Luft.
„Denn wissen Sie“, sagte er, „Eisschollen und Eisberge, die im Wasser treiben, sehen von unten genauso aus wie für uns die Wolken am Himmel.“
Wolken, Dunst und Nebel, meteorologisch betrachtet seien sie so ziemlich dasselbe, nämlich Kondensationsphänomene. Dunst und Nebel würden sich durch die Sichtweite unterscheiden: Zwischen einem und vier Kilometern spreche man von Dunst, bei unter einem Kilometer herrsche Nebel, leichter bis dichter, Nebel in Abstufungen. Hingegen könne man Wolken auch Luftnebelbänke nennen. Denn Wolken seien nichts anderes als Nebel, der keine Bodenhaftung habe. Nebel sei demzufolge der landläufige Ausdruck für Bodenwolken, Erdwolken, Eiswolken.
Mit Anorak, Mütze und gefrorenem Bart ähnelte dieser melancholische Wetterforscher tatsächlich einer Robbe.
„Wissen Sie“, fragte ich ihn, „dass das deutsche Wort ‚Nebel’ vom griechischen für ‚Wolke’ abstammt?“
„‚Nephele’, sagte er, „richtig. Auf Latein wurde ‚nebula’ daraus und althochdeutsch ‚nebul’.“
Der Blick hinüber zur Elsehul Bucht und unsere kleine Unterhaltung über Kondensationsphänomene schienen ihn zu bekümmern. Ein Positivist war er nicht. Seine Augen funkelten glasig und sahen traurig aus, und ich merkte, wie sich zwischen uns eine Art verbaler Nebelbank breitmachte. Wenn es Winter werde in der Antarktis, wenn das Meer allmählich gefriere, sagte er, dann stelle er sich das für eine Robbe in etwa so vor, als würde sich unsere Welt mit einem Nebel bedecken, der sich nicht mehr auflöse – eine Nebelwelt.
Dieses nebulöse Gespräch gab mir zu denken. Ich versuchte mich zu erinnern, wann ich zuletzt dichten Nebel erlebt hatte. Zwei Monate zuvor und 20.000 Kilometer weiter nördlich war ich an der finnisch-russischen Grenze unterwegs. Vom karelischen Petrosawodsk aus unternahm ich Streifzüge durch nicht endende Birkenmoore zu Ufern von Seen, die grau und verlassen unter einem weißen, vom Schornsteinqualm der Zellulosefabriken mit Schlieren überzogenen Himmel lagen. Nebel hing in den Wäldern und über den Seen. Vor den Fenstern einer mittelalterlichen Holzkirche war er so dicht, dass man meinen konnte, draußen liege meterhoch Schnee. Und auch durch die Straßen und verwaisten Parks der Stadt waberte ein Nebel, der ein blaues oder rotes Ungeheuer ausspie, wenn ein Trolleybus vorbeiwankte und man hinter beschlagenen Scheiben die Umrisse der Fahrgäste sah.
Und im Nebel überm antarktischen Eismeer dachte ich an Greifswald, wie ich es auf der Heimreise aus Russland erlebte: Der Bodden und das Flüsschen Ryck in tiefem Nebel. Die Bäume auf dem Küstensaum schienen aus dem Wasser zu wachsen. Was die weißliche Dunstglocke durchbrach, waren einzig die flatternden Trapeze der Krähen. So hatte vor 200 Jahren Caspar David Friedrich seine Geburtsstadt gemalt, in einem Nebel, der ihn sein Leben lang verfolgte: Das Flüsschen Ryck war zugefroren, als er als 13-Jähriger Schlittschuh laufen ging, im Eis einbrach und mit ansah, wie im Nebel sein Bruder, der ihn hatte retten wollen, ertrank.
Der Nebel der Antarktis war nicht dichter oder zaubrischer, nicht weißer oder vollkommener als in Karelien, an der Ostsee oder anderswo. Jeder Nebel weckt die gespenstische Vorstellung von einer Nebelwelt, einer Welt ohne Weite, ohne klare Konturen, blauen Himmel und Perspektive. Nebel wirft einen zurück auf die Undurchschaubarkeit, die Flüchtigkeit aller Erscheinungen, und seien es auch nur Kondensationsphänomene.
Nebel aber weckt auch die Verheißung: Wir leben nicht in einer Nebelwelt. Nach drei Tagen Fahrt durchs Nebelweiß der Antarktis riss der Himmel auf und zeigte sein strahlendes Blau. Über der offenen See sah ich die Wanderalbatrosse wieder dem Schiff folgen, Kapsturmvögel und Tafeleisberge.
„Schauen Sie“, sagte der Meteorologe, der sich zu mir an die Reling gesellte und dessen düstere Stimmung verflogen schien, „ein klarer Himmel. Heute Nacht werden wir das Kreuz des Südens und Alpha Centauri sehen!“